De ehren = nn nn nn re nA! NN M j Kr Nach En un j Kran) ER Lu an A: KOT K a Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. HI . ı sid Fo Inu SE Een Ber iR En Ä ” ala ie & lei Er Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. ._an—oanananannnannnnnenn Aus dem Jahre 1824. -_——an anno. Nebst der Geschichte der Akademie in diesem Zeitraum. A : Berlin. Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 1820. In Commission bei F. Dümmler. a #. ‚adaadt 8. „Al, £ . mnaulbishhh, wi uınailsin * “aller! li Stabi Ve u . -% i i ne - - .— e = 5 ö ! i ns Ai u nn Bi un 7 “ i > u U . = % f Br it F > . L2a $ LK IA, Er w u 5 - N Adeyilı fa hen LIEIF art Ale) dk int PT 8 » sr i I } well an wi we : I . ir rad! N k: ash it. re Historische Einleitung .......... Sleese nee at EITHER NEE reeaee. Delte 1 Verzeichnifs der Mitglieder und Correspondenten der Akademie.........r....+- - Abhandlungen. Physikalische Klasse. Karsten über die chemische Verbindung der Körper. .....rceeeeneeeeeennnnn Seite 1 VDerselbe über den Saigerhuttenprozels: iur a cnerrlae yes nat: Ser - 39 “Henmsstäpr Versuche und Beobachtungen über den Einflufs der Düngungs- mittel auf die Erzeugung der nähern Bestandtheile der Ge- treidearten«.L. on Hash Jah asrnseieerend Beer hier - .37 VFiscner über die Grundlehren der Akustik .........co.seseneseneeenennne nee =. #79 * Ruporeim über den Wasserkopf vor der Geburt, nebst allgemeinen Bemerkungen über Misgeburten .....ureeco rennen esenunnnnsnnenenn ee - 121 ‘ Derselbe Anatomische Bemerkungen : I. Ueber den Orang-Utang, und Beweis, dafs derselbe ein junger Pon20.ser. suenaueeeenee een see nee ae tarene ehe en areere ae - 131 IEaWeber den. Zitterwelse- 2... ser Sen le an Bee - 137 V Link Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems nebst einer Anordnung der Kryptopbytene len ihn sa. acloe RR - 145 “ * LicuTenstein über die Antilopen des nördlichen Africa, besonders in Beziehung auf die Kenntnifs, welche die Alten davon gehabt haben..... - 195 “ »Weıss Verallgemeinerung einiger in der Abhandlung über die ausführlichere Bezeichnung der Krystallflächen vorgetragenen Lehrsätze...... - 241 Mathematische Klasse. Besser Untersuchung des Theils der planetarischen Störungen, welcher aus der Bewegung der Sonne entsteht ......r2ceeerenenenneene nenn. Seite 1 Eyrseweın Von der Integration der linearen Gleichungen mit partiellen end- lichen Differenzen... 2... 0.02 Ze season. RER et 000! Gausox über die Finschreibung isotomischer Figuren in die Kegelschnitte .... - 83 Philosophische Klasse. ScureiermAcher Versuch über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs Seite 1 Historisch-philologische Klasse. Süvenn über einige historische und politische Anspielungen in der alten Tragödie Seite 1 Boreru über die Antigone des Sophokles ..........crceeeeene- RE - 4 Burrmanv Erklärung der griechischen Beischrift auf einem ägyptischen Papyrus - 89 Borr Vergleichende Zergliederung des Sanskrits und der mit ıhm verwandten Sprachen. sea ME LEE U 6 02. BR IR | Dee VER ER RE - 117 Hast über den Farnesischen Congius im Königlichen Antiken-Saale zu Dresden - 149 Wıiruerm v.Humsonpr über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau BB KLEE | N, ayundesdait, Deu. SNft ER N Ed Rırrzn Zur Geschichte des Peträischen Arabiens und seiner Bewohner ....... . - 189 Borernu Nachträgliche Bemerkungen zu der Abhandlung über die Antigone des SOpHoklestaurstckereretirere ne terater RAR N PLNSOETE LERRUTTS hin. 22225 nn nn nn nn ee 21. Januar hielt die Königliche Akademie der Wissenschaf- ten zur Feier des Jahrstages Friedrichs des Zweiten eine öffentliche Sitzung, welche von dem Sekretar der physi- kalischen Klasse, Herrn Erman, eröffnet ward, und in der Herr Buttmann einiges über die von Herrn General Menu von Minutoli aus Aegypten hieher gebrachten Papyrus-Rollen vortrug. Herr Lichtenstein stattete einen Bericht ab über die neuesten Unternehmungen der im Auftrag der Akademie in Aegyp- ten reisenden Herren Doktoren Ehrenberg und Hemprich. Herr Karsten las eine Abhandlung über chemische Verbindun-- gen und Herr Bode gab einige Notizem über den jetzt sicht- baren Kometen. In der öffentlichen ‘Sitzung vom 3. Julius zur Feier des Leibnitzischen Geburtstages, eröffnet durch Herm Schleier- macher, stattete Herr Bode Bericht ab über den Erfolg der Preis- aufgabe der mathematischen Klasse. 11 Schon im Jahr 1820 war für 1822 aufgegeben worden, eine vollständige Erklärung der Höfe oder der hellen und farbigen Ringe um Sonne und Mond mathema- tisch zu entwickeln, welche den durch Versuche ausge- mittelten Erscheinungen des Lichtes, der Bescha/fen- heit der Atmosphäre und den wirklichen Beobachtungen genügend entsprache. Da nur eine nicht genügende Abhandlung zu dem angesetz- ten Termin eingegangen war, so hatte die Klasse ihn bis zu dem gegenwärtigen Jahre 1824 verlängert. Von den beiden jetzt eingegangenen Abhandlungen, die eine mit gleichem Motto wie die im Jahre 1822 eingegangene: Leges naturae simplices sunt, die andere mit der Devise: Lucis proprie- tates ralione dunlazxat experimentisque sunt comprobandae , ent- spricht nach dem Urtheil der Klasse keine, wenn gleich die erste noch mehr als die zweite, den aufgestellten Forderungen in dem Grade, dafs ihr der Preis könnte zuerkannt werden. Die versie- gelten Zettel wurden daher im Beisein der Versammlung verbrannt, und die Klasse findet sich nicht veranlafst, die Aufgabe noch ein- mal zu erneuen. Die Preisaufgabe der historisch-philologischen Klasse für das gegenwärtige Jahr war gewesen: Das Wesen und die Beschaffenheit der Bildung des elrurischen Volkes aus den Quellen kritisch zu erörtern und darzustellen, sowohl im Allgemeinen, als auch ein- gehend auf die einzelnen Zweige der Thäuigkeit eines 11 gebildeten Volkes, um so viel als möglich auszumit- teln, welcher derselben wirklich und in welchem Grade und Umfang ein jeder, unter diesem berühmten Volke blühte. Da keine Bearbeitung eingegangen war, so stellte die Klasse noch einmal die Aufgabe für das Jahr 1826. Nach diesen Verhandlungen ward noch eine Abhandlung des abwesenden Herrn Wilhelm von Humboldt über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau gelesen. Am 3. August feierte die Akademie das Allerhöchste Ge- burtsfest Seiner Majestät des Königs durch eine öffent- liche Sitzung welche der Sekretar der historisch - philologischen Klasse Herr Buttmann eröffnete. Herr Rudolphi las eine Abhandlung über den Wasserkopf, Herr Lichtenstein über die Antilopen von Nord-Afrika, und Herr Ritter über das pe- träische Arabien. Zu Correspondenten ernannte in diesem Jahre die historisch- philologische Klasse die Herren M. H. E. Meier in Halle und G. T. Schömann in Greifswalde. Das auswärtige Mitglied Herr Bessel in Königsberg brachte im Laufe dieses Jahres bei der Akademie die Herausgabe neuer b IV möglichst vollständiger Himmelskarten in Vorschlag, die während sie das treuste Bild des Himmels bis zu der Grenze die unsere jetzi- gen Fernröhre erlauben, darstellten, zugleich die Grundlage zur möglichst genauen Beobachtung der etwa noch fehlenden Sterne ab- geben würden. Die Akademie ist auf dies Unternehmen eingegan- gen, und wird den Erfolg in den künftigen Bänden der Abhand- lungen darlegen. ———— u m nun Verzeichnils der Mitglieder und Correspondenten der Akademie. December 1824. anna I. Ordentliche Mitglieder. Physikalische Klasse. Herr /Valter, Veteran. Herr Lichtenstein. - Hufeland. - Weiß. - Alexander v. Humboldt. - Link. - Hermbstädt. - Seebeck. - m. Buch. - Mitscherlich. - Erman, Sekretar der Klasse. - Karsten. - Rudolphi. Mathematische Klasse. Herr Bode, Veteran. Herr Eytelwein. - Gruson. - Fischer. Philosophische Klasse. Herr Ancillon. Herr v. Savigny. - Schleiermacher, Sekretar der Klasse. Historisch-philologische Klasse. Herr Hirt, Veteran. Herr Boeckh. - Buttmann, Sekretar der Klasse. - Bekker. - Wilhelm v. Humboldt. - ‚Süvern. - Uhden. - Wilken. - Niebuhr. - Ritter. - Ideler. - Bopp. I. Auswärtige Mitglieder. Physikalische Klasse. Herr Blumenbach in Göttingen. Cwvier in Paris. Sir Humphry Davyy in London. Herr Jussieu in Paris. Mathematische Herr Bessel in Königsberg. ». Fufs in Petersburg. Gaufs in Göttingen. Philosophische Herr v. Göthe in Weimar. Herr Scarpa in Payia. Sömmering in Frankfurt am Main. Volta in Como. Klasse. Herr Pfaff in Halle. Graf la Place in Paris. Klasse. Herr Stewart in Edinburgh. Historisch -philologische Klasse. Herr Gottfried Herrmann in Leipzig. Herr Silvestre de Sacy in Paris. Herr 4. /V. vw. Schlegel in Bonn. J. H. Fofs in Heidelberg. IH. Ehren-Mitglieder. in Berlin. Graf Daru in Parıs. Imbert Delonnes in Paris. Dodwell in London. Ferguson in Edinburgh. ir FYilliam Gell in London. Herr /Yilliam Hamilton in Neapel. Graf v. Hoffmansegg in Dresden. Colonel Leake in London. Lhwlier in Genf. v. Loder in Moskau. C. F.ı$. Freih. Stein vom Altenstein Herr Marchese Zucchesini in Lucca. Gen. Lieut. Freih. ». Minutoli ın Neufchatel. Gen. Lieut. Freih. ». Müffling in Berlin. Oltmanns ın Emden. Percy in Paris. Prevost in Genf. Fr. Stromeyer in Göttingen. Thaer in Mösgelin. v. Zach in Genua. vn IV. Correspondenten. Für die physikalische Klasse. Herr Accum in Berlin. - Äutenrieth in Tübingen. - Balbis in Lion. - Berzelius in Stockholm. - Biot in Paris. - Brera in Padua. - Rob. Brown in London. - Brugnatelli in Paris. - Caldanıi in Padua. - Chladni in Kemberg. - Configliacchi in Pavia. - Des Fontaines in Paris. - Desgenettes in Paris. - Florman in Lund. - Gay-Lussac in Paris. - Hausmann in Göttingen. - Hellwig in Braunschweig. - Jameson in Edinburg. - Kausch in Liegnitz. - Kielmeyer in Stutigard. - Kunth in Paris. - Larrey in Paris. Herr ZLatreille ın Paris. - Mohs in Freiberg. - von Moll in München. - van Mons in Brüssel. - Nitzsch in Halle. - Oersted in Kopenhagen. - Pfaff in Kiel. - €. Sprengel in Halle. - Schrader in Göttingen. - Schreger d. ält. in Erlangen. - vw. Stephan in Petersburg. - Tenore in Neapel. - Thenard in Paris. - Tiedemann in Heidelberg. - Tilesius in Mühlhausen. - Treviranus d.ält. in Bremen. - Trommsdorf in Erfurt. - Vasalli-Eandi in Turin. - Fauquelin in Paris. - FWahlenberg in Upsala. - JPWiedemann in Kiel. Für die mathematische Klasse. Herr Bürg in Wien. - Encke in Gotha. - Legendre in Paris. - Olbers in Bremen. - Oriani in Mailand. Herr Pfleiderer in Tübingen. - Piazzi ın Palermo. - Poisson in Paris. - de Prony in Paris. - MWoltmann in Hamburg. Für die philosophische Klasse. Herr Bouterweck in Göttingen. - Degerando in Paris. - Delbrück ın Bonn. Herr Fries in Jena. - Ridolfi in Padua. - Tydeman in Leyden. Für die Herr Avellino in Neapel. Barbie du Bocage in Paris. Beigel in Dresden. Böttiger in Dresden. Bröndsted in Kopenhagen. Cattaneo in Meiland. Graf Clarac in Paris. Dobrowsky ın Prag. Del Furia in Florenz. Anthimos-Gazis in Griechenland. Göschen in Göttingen. Halma in Paris. v. Hammer in Wien. Hase in Paris. Heeren in Göttingen. van Heusde in Utrecht. Jacobs in Gotha. historisch-philologische Klasse. Herr Jomard in Paris. - w. Köhler in Petersburg. - Kumas in Smyrna. - Lamberti in Meiland. - Lang in Anspach. - Letronne in Paris. - Linde in Warschau. - Mai in Rom. - Meier in Greifswald. - K.O. Müller in Göttingen. - Münter in Kopenhagen. - Mustoxides in Corfu. - Et. Quatremere in Paris. - ‚Schömann in Greifswald. - ‚Simonde-Sismondi in Genf. - Thorlacius in Kopenhagen. - Tater in Halle. wm. Im Jahre 1824 hat die Akademie folgende Mitglieder durch den Tod verloren: I. Von den Ehren-Mitgliedern. Herr von Borgstede. Herr Friedrich August Wolf. - Payne Knight in London. Il. Von den Correspondenten. a) der physikalischen Klasse. Herr Gübert in Leipzig. Herr Blasius Merrem in Marburg. db) der philosophischen Klasse. Herr Maine-Biran in Parıs. I " Zu u . . z u wbuilgu sbaszinl ynabsdd ib’ id HER aulsh m > pen I. a er Te rs nstigti Meran ddl sh oa. RT air, dansk meohl un senior, nor. Trokl x e m. . en sıchntot ar Wand Stk - ” “ . Pr! { 1) .. ttabeogenskou sah #0? R winldä serßyaslashare! nd hr ir . ur | j j 5 7 v .* ’ Z B . Ara . .. wc N Wi wre a imepts, a vn) roh B_ = a az, al 18 E eu rn ea j j im & en j = r . ‘ i = 4 = i D 2 . = = = » = Abhandlungen der physikalischen Klasse der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. aan nn ana nano. Aus dem Jahre 1824; anna nnnnnnannnn Berlin. Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 1826. In Commission bei F. Dümnler an a ZZ E manhlbasced Ay a ® nn: j | . | | or 3a3«Kl A nadnailsdıerdg r vantiberns ala ri oh rt KTLIIEr EEG rn b-3 , % mm Karsten über die chemische Verbindung der Körper. ........ecrreeeeneenne. DerselbesuberzdeneSairenhuttenprozeise. re sa ernse een es eseeecer Hermesräpr Versuche und Beobachtungen über den Einflufs der Düngungs- mittel auf die Erzeugung der nähern Bestandtheile der Ge- N ee ae Ser ee Fischer über die Grundlehren der Akustik .....ceceeoceeeeneeennenenenen une Runorrın über den Wasserkopf vor der Geburt, nebst allgemeinen Bemerkungen UberANlySOEbUNienbe nee el eier rotes reelle Desselben Anatomische Bemerkungen: I. Ueber den Orang-Utang, und Beweis, dafs derselbe ein junger Bousogsers: see ea Bee A ee era II. Deeher den Zitterwels....e. esse see see aunenenlaene e nns ee Lixk Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems nebst einer Anordnung der Kryptophyptene nennen sen. alesenn ae Ben Ball se ee dee ehe Licurenstein über die Antilopen des nördlichen Africa, besonders in Beziehung auf die Kenntnifs, welche die Alten davon gehabt haben..... Weiss Verallgemeinerung einiger in der Abhandlung über die ausführlichere Bezeichnung der Krystallflächen vorgetragenen Lehrsätze...... m m mn = ” B e £ ® law wel 0) P v BEE . vet - Bu 2, elite ee NM . Aue u „ esse Ener \2 AD: 43H Ana De Te | Dr) . | allg Pi Rt he ra ee lan ı rer - j a Baar Fern, eh za ee he "ur . : ö u € a rue ü . gas 1 une wie ru a er A cur re umalhrausinnt!? RT ae un ynriaer Brnlcbuen Der Freue > ren = Is) (ae ü re > uns alt a ya ne EN has oo. RrIE F I) = . . LEO SAT TE TE LEE ’ f er % 1 A v un ” | lu Ya zone [E z u ve ed 2 1 I. > 4 Ueber die chemische Verbindung der Körper. 23 u Von Hm: KARSTEN. [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 15. Januar 1824.] D: Bedingungen sind es, die man bald als die nothwendigen er- kannte, wenn eine chemische Vereinigung der Körper erfolgen soll. Die eine, dafs zwischen ihnen eine unmittelbare Berührung statt finde; die andere, dafs die sich berührenden Körper, nach ihrer verschiedenen Be- schaffenheit, entweder mit Wasser in Verbindung gebracht, oder dafs sie einer höheren Temperatur ausgesetzt werden. Den Grund der Veränderungen der Eigenschaften welche die Kör- per bei dieser Verbindung erfahren, ist man schon längst, indefs bis jetzt vergeblich, zu erforschen bemüht gewesen. Dies kann auch nicht befremden, weil die Eigenschaften eines Körpers nur durch die Wir- kung auf andere Körper erkannt werden können. Die Körper an sich sind uns vollkommen unbekannt, nur ihre Eigenschaften lernen wir in dem Augenblick der Wirkung d.h. in dem Augenblick kennen, wo sie eine Veränderung erleiden und hervorbringen. Was aber eine Veränderung hervorbringt, ist eine Kraft, und die Wirkung der Kraft mufs entweder eine äufsere oder eine innere seyn. Aeufsere Verände- rungen beziehen sich auf den Raum und haben auf die Beschaffenheit des Körpers keinen Einflufs. Innere Veränderungen aber sind von räumlichen Verhältnissen unabhängig. Wenn man also die Verän- derungen untersucht, welche durch die Einwirkung der Körper auf ein- ander hervorgebracht werden, so betrachtet man nicht die uns ganz unbekannten Materien, sondern ihre Kräfte in dem Augenblick ihrer Phys. Klasse 1824. A 2 Karsten Wirksamkeit. Die Körper äufsern folglich die Kräfte, welche eine Ver- einigung und Trennung hervorbringen, nur so lange, als die chemische Einwirkung fortdauert. Sobald diese beendigt ist, befindet sich der neu gebildete Körper, den wir an sich eben so wenig kennen, als die Kör- per aus denen er entstanden ist, in Ruhe. 2 Die Umstände unter welchen die Körper ihre Kräfte äufsern, sind aber sehr verschieden. Versucht man es, diesen Umständen weiter nach- zuforschen, so ergiebt sich, dafs Temperatur, Druck, Flüssigkeit u. s. f. nur die nächsten Ursachen seyn können, aus welchen die Kräfte der Körper ruhend oder thätig erscheinen, dafs aber der wahre Grund in den Körpern selbst und in der Veränderung ihres Kohärenzzustandes gesucht werden mufs, und dafs der entstehenden Verbindung eigenthümliche Kräfte zukommen, welche durch den jedesmaligen Kohärenzzustand der Mischung, in dem Augenblick ihrer Bildung, besummt werden. Ganz vorzüglich hat man es sich angelegen seyn lassen, sich eine Vorstellung von der Art und Weise zu verschaffen, wie nach vollbrach- ter chemischen Einwirkung der Körper a und 2, diese in dem neu ent- standenen Körper c vorhanden gedacht werden müssen. Wir wissen mit Gewifsheit dafs ce aus a und b entstanden ist, weil das Gewicht von e der Summe der Gewichte von a und 5 gleich ist, ja wir können so- gar, unter günstigen Umständen, a sowohl als d, aus c ohne Gewichts- verlust wieder darstellen; aber weiter reicht unsere Erfahrung nicht; wir können nicht mit eben der Gewifsheit behaupten, dafs « und b in c enthalten sind, weil in dem Augenblick der chemischen Einwir- kung von a und 5, zugleich eine Veränderung der Eigenschaften dieser Körper statt findet. Mit Gewifsheit kennen wir also nur die Erschei- nung, und da uns das Gesetz unbekannt ist, nach welchem sich der Erfolg der Erscheinung richtei, so war es Bedürfnifs, diesem Mangel durch Voraussetzungen abzuhelfen, welche den Erfolg der Erscheinung erklären. In der Hauptsache sind zwei Hypothesen zu unterscheiden. Die eine nimmt die T'heilbarkeit der Materie ins Unendliche, und bei der chemischen Einwirkung der Körper auf einander, eine Durchdringung der Materie ins Unendliche an, so dafs jeder, auch unendlich klein gedachte Raum den c einnimmt, von a und b zugleich erfüllt wird. über die chemische Verbindung der Körper, 3 Die Quanutät der Materie in einem gegebenen Raum nennt diese Hy- pothese die Masse, welche sich also nur durch Maafs oder Gewicht bestimmen läfst. Bei dieser Bestimmung geht sie von der einfachen Er- fahrung aus, dafs eine (Quantität von a, mit einer Quantität von 5 den Körper c giebt, so dafs c in diesen Verhältnissen aus a und 5 zusam- men gesetzt ist und darin zerlegt werden kann, läugnet aber; dafs a und b auch als solche in dem Raum c enthalten sind. Die zweite Hypothese läfst die Körper aus kleinen untheilbaren Theilchen bestehen, welche zwar eine bestimmte Form, Gröfse und Ge- wicht besitzen, sich aber der sinnlichen Warnehmung gänzlich entzie- hen, und daher weder durch mechanische Zertheilung des Körpers dar- gestellt, noch gemessen oder gewogen werden können. Bei der chemischen Einwirkung der Körper verbinden sich diese Atome durch Nebeneinanderlagerung, vermöge einer eigenthümlichen Kraft, welche zwischen ungleicharugen Atomen die chemische Vereini- gung, zwischen gleichartigen aber den mechanischen Zusammenhang hervorbringt. Durch die Gesetze der bestimmten Mischungsverhältnisse hat diese Hypothese an Wahrscheinlichkeit gewonnen, indem sie auf eine einfache und leicht fafsliche Weise, aus den Atomen die Zusam- mensetzung der Körper zu erklären, und die Gestalt derselben sogar sinnlich darzustellen vermag, weil nichts verhindert, die Form und die Gröfse der Atome dem Bedürfnils gemäfs abzuändern. Aber diese ato- mistische Hypothese erfordert eben so wie jene, die dynamische, eine Kraft, und zwar eine ununterbrochen fortwirkende Kraft, um die Mög- lichkeit der Materie einzusehen, oder überhaupt zu erklären. Wenn sich der Dynamiker dazu der ursprünglichen Bewegungskräfte, der an- ziehenden und der zurickstofsenden bedienet, so würde der Atomistiker darzuthun haben, von welcher Art die Kraft ist, welche jeder mecha- nischen Einwirkung widersteht, die den Zusammenhang der Atome auf- zuheben strebt, und durch welche die chemische Vereinigung nicht allein zu Stande gebracht, sondern auch beharrlich darin erhalten wird. Es ist schon oft erinnert worden, dafs die unmittelbare Anwen- dung der Dynamik auf die chemischen Verbindungen und Trennungen der Körper, ganz falsch und den Prinzipien derselben widerstreitend sei. Die Möglichkeit der Gruadkräfte läfst sich nicht beweisen; weil aber A2 4 KARSTEN jede Thätigkeit und Veränderung die im Raume vorgeht, nur durch Bewegung gedacht werden kann, so genügt es, den Begriff der Materie auf bewegende Kräfte zurück zu führen. Man hat es der dynamischen Lehre zum Vorwurf gemacht, dafs sie die Krystallisatiion, also die Form der Körper, eben so wenig zu er- klären, als den Grund anzugeben vermöge, warum sich die Körper nur in gewissen Verhältnissen mit einander verbinden. Bei diesem Vorwurf ist jedoch übersehen, dafs man den Grund einer Erscheinung zu wissen verlangt, der sich eben so wenig angeben läfst, als man überhaupt be- stimmen kann, was ein Körper für sich betrachtet sei. Der Grund des die Form und die Mischungsverhältnisse Bestimmenden, ist nicht der chemische Prozefs als solcher, sondern er muls in den Bewegungsge- setzen der Kräfte gesucht werden, welche von dem Kohärenzzustande der Körper abhängig sind. Wäre der chemische Prozefs das Besun- mende, so würde nicht einleuchten, warum manche Körper nur ein Mischung 5 mehrere eingehen. Die Ursache dieses merkwürdigen Verhaltens der sverhältnifs beobachten, während andere Körper zwei und Körper hängt mit ihrem Wesen so genau zusammen, dafs man es nicht abgesondert davon denken kann. So lange die Ursache des Kohärenz- zustandes der Körper überhaupt nicht bekannt ist, darf man nicht er- warten einen genügenden Aufschlufs über den wahren Grund der che- mischen Mischungsverhältnisse zu erhalten, welche, nach allen Erfah- rungen, von der Temperatur und anderen Einflüssen abhängig sind, ohne diese Einflüsse als den letzten Grund jener Erscheinungen betrach- ten zu dürfen. Wenn wir finden, dafs sich das Quecksilber bei der Temperatur seines Siedepunktes oxydirt, den Sauerstoff aber in einer höheren Temperatur wieder entäfst, so kann in beiden Fällen nur der Kohärenzzustand des Quecksilbers und des Sauerstoffs das Bestimmende der Erscheinung seyn. Körper die bei ihrer Verbindung mit einander, ihren Kohärenzzustand entweder nicht bedeutend, oder wenigstens in gleichbleibenden Verhältnissen verändern, zeigen wirklich sehr unbe- _ summte Verbindungsverhältnisse, und daher dürften die Gesetze der be- stimmten Mischungsverhältnisse in sehr vielen Fällen auch nur auf ei- nen gewissen und besummten Kohärenzzustand der Körper beschränkt werden müssen. über die chemische Verbindung der Körper. 5 Die Beschaffenheit einer flüssigen oder starren Mischung, welche einen Bestandtheil in einem überwiegenden Verhältnifs enthält, läfst sich nach rein atomisuschen Ansichten nicht erklären, und noch we- niger giebt diese Lehre darüber einen Aufschlufs, wie überhaupt Ver- bindungen und Trennungen zwischen Körpern erfolgen können, von denen sich keiner im flüssigen Zustande befindet. Damit sich die Ato- men zweier Körper zu einem neuen dritten zusammenfügen, müssen sie sich nothwendig in einem Zustande befinden, der eine leichte Ver- schiebbarkeit ihrer Atome zuläfst, d. h. die Körper deren Vereinigung oder Trennung bezweckt wird, müssen flüssig seyn, denn die unmittel- bare Berührung allein, würde eine solche Verbindung nicht bewirken können, weil sich, auch im Zustande der feinsten mechanischen Zer- theilung, nicht die Atome, sondern die aus ihnen zusammengesetzten mechanisch zerkleinerten Theilchen der Körper berühren. Die unmit- telbare Berührung der Körper allein würde also nicht zureichen kön- nen, um Verbindungen und Trennungen hervorzubringen , sondern es würde dazu auch der Zustand der Flüssigkeit nothwendig erforderlich seyn. Auflösung der Körper und chemische Vereinigung sind aber ein und derselbe Prozefs, und wer das Geheimnifs der Auflösung zu ent- räthseln vermögte, würde zugleich das der chemischen Verbindung und Trennung enthüllt haben. Man unterscheidet Auflösungen und Verbindungen auf dem nassen und auf dem trocknen Wege. Die ersteren erfolgen durch Hülfe des Wassers, die letzteren vermittelst des Wärmestofls. Eine Auflösung des festen Körpers im Wärmestoff, wodurch derselbe in den tropfbar flüs- sigen Zustand versetzt wird, pflegt man auch das Schmelzen zu nennen. Es ist hierbei die Frage aufgeworfen worden, ob der Wärme Materiali- tät zukomme, ob man nämlich die Verbindung der Körper mit Wärme als eine chemische Vereinigung derselben mit Wärmestoff, oder ob man den erwärmten Körper nur für einen gewissen Zustand der Materie überhaupt zu betrachten habe? Der Hypothese, dafs die Wärme in Be- wegung allein bestehe, ist die Erfahr ‚ung nicht zusagend, dafs der Wär- RER sich nach bestimmten Gesetzen mit den Körpern verbinden und wieder von ihnen trennen läfst. Dafs uns die Art wie sich der Wär- mestofl mit den Körpern verbindet, unerklärlich ist, giebt uns nicht die 6 KARrstEen Befugnifs, ihm die Materialität abzusprechen, weil jede Wirkung auf Materie, nur in Materie gegründet seyn kann. Nach der dynamischen Lehre mufs man die Verbindung des Wärmestofls mit den Körpern für eine wechselseitige Durchdringung, wie bei allen chemischen Vereini- gungen ansehen, und dann würde der Wärmestofl ein Körper seyn, der in allen Verhältnissen mıt allen bekannten Körpern mischbar wäre. Wir wissen dafs das specilische Gewicht des Wasserstolls etwa 214 Tausend- mal geringer ist als das des Plaun, und daher hat die Annalıme nichts gegen sich, dafs es Materien geben könne, deren Feinheit so grofs ist, dais sich ihr Gewicht durch unsere Vorrichtungen nicht auflinden läfst. Mag man übrigens die Wärme als Materie betrachten oder nicht, so ist doch das mit Gewifsheit anzunehmen, dafs ihre Wirkung auf die Körper nicht allein darin besteht, eine gröfsere Ausdehnung derselben hervor- zubringen, also ihre Kohäsion zu schwächen und mehr oder weniger zu vermindern; sondern auch darin, ihnen häufig ganz andere Eigen- schaften mitzutheilen,, indem die Körper in der erhöheten Temperatur anderen Gesetzen der Verbindung und des Verhaltens zu einander un- terworfen sind, als wir in der gewöhnlichen Temperatur an ihnen war- nehmen. Eine ähnliche Wirkung sehen wir bei der Verbindung der Kör- per mit Wasser eintreten. Der feste Körper wird flüssig, und sein Ko- häsionszustand ist bis auf einen gewissen Grad aufgehoben. Erst durch Entfernung des Wassers gelangt er wieder zu seinem frühern Zustande, eben so wie der geschmolzene Körper durch Erkaltung wieder fest wird. Der Körper wird also durch die Entfernung des Wassers oder der Wärme erst wieder was er vorher war, und es ist auf keine Weise zu behaupten, ja sogar aller Erfahrung zuwider, dafs er im flüssigen oder aufgelöfsten Zustande dieselben Eigenschaften besitze, welche wir nach Entfernung des Auflösungsmittels an ihm bemerken. Die auflallendste Veränderung bei der Auflösung der Körper ist ohne Zweifel der Ver- lust des Kohärenzzustandes, und diese Veränderung ist wenigstens eben so grofs, eben so unbegreiflich, als jede andere Veränderung die der Körper durch die Verbindung mit anderen Körpern erleiden kann. Zu den vielen wichtigen Entdeckungen welche wir Berzelius verdanken, und zu den vielen neuen Verbindungen, deren wahre Natur über die chemische Verbindung der Körper. 7, wir durch ihn kennen gelernt haben, gehören auch die Verbindungen der Körper mit Wasser, oder die Hydrate. Wir wissen dafs sehr viele Körper die Eigenschaft besitzen , sich mit bestimmten Mischungs- gewichten Wasser zu verbinden, welches häufig, auch in den höchsten Graden der Temperatur, nicht wieder entfernt werden kann; ja, dafs mehrere Körper zu ihrem Bestehen so wesentlich des Wassers bedürfen, dafs sie ohne dasselbe bis jetzt nicht haben dargestelli werden können. Und diese ersten Mischungsgewichte Wasser, mit denen sich die Körper verbinden, sind es besonders, wodurch sich ihre Eigenschaften auf eine bemerkbare Weise von denen in dem nicht wasserhaltenden Zustande unterscheiden. Ein auffallendes Beispiel bietet die Schwefel- saure dar. Im wasserfreien Zustande läfst sie sich zwischen den trock- nen Fingern halten, zeigt keine saure Reaction und verbindet sich eben so wenig mit den wasserfreien Basen, als sie auf Metalle einwirkt. Die geringste Feuchtigkeit ändert diesen Körper in eine hefug wirkende Säure nm. Ein gröfserer Zusatz von Wasser bewirkt dann weit weniger auf- fallende Veränderungen, und ein Gemisch aus wasserhaltender Schwe- felsäure und Wasser scheint sich nicht wesentlich zu verändern, wenn auch das Verhältnifs des Wassers bedeutend vermehrt wird. Was hier von der Schwefelsäure bemerkt ist, gilt mehr oder weniger von andern Körpern bei ihrer Verbindung mit Wasser. Finden wir doch dasseibe Verhalten bei der Vereinigung aller Körper, die sich in mehreren Ver- hältnissen mit einander verbinden, auf ähnliche Weise wieder. Das erste Wlischungsgewicht Sauerstoff, welches sich mit dem Kupfer ver- bindet, ist es, welches dem Metall ganz neue, durchaus andere Eigen- genschaften, als es zuvor besafs, mittheilt; das Kupferoxyd nähert sich dem Oxydul ungleich mehr, als das Oxydul dem Metall. Berzelius hat die Natur der merkwürdigen Verbindungen des Cyan und des Schwe- grofser Theil dieser Verbindungen sowohl als derer des Chlors mit den Metal- felwasserstolls mit den Metallen genauer kennen gelehrt. Ein len, ist im Wasser auflöslich, und auch bei diesen Auflösungen sind es die ersten Mischungsgewichte Wasser, welche die Eigenschaften jener Metallverbindungen vorzüglich zu verändern scheinen. Ganz besonders mufs aber bei der Untersuchung der Frage: in wie- fern das Wasser die Eigenschaften der Körper verändert, in Erwägung s KARSTEN gezogen werden, dafs eine chemische Einwirkung der Körper auf einander in der gewöhnlichen Temperatur nur durch die Zwischenkunft des Was- sers statt finden kann und dafs uns daher, ohne die Vermittelung des- selben, die chemischen Eigenschaften, nämlich diejenigen Eigenschaften der Körper, welche sich auf eine innere Veränderung der Materie be- ziehen, völlig unbekannt seyn würden. Wenn man zugeben mufs, dafs der wahre und der einzige Cha- rakter einer chemischen Verbindung darin besteht, dafs specifisch ver- schiedene Materien sich zu einem homogenen Ganzen vereinigen , so ist kein Grund vorhanden, die Auflösungen der Körper im Wärmestoff und im Wasser, nicht ebenfalls als chemische Verbindungen zu betrachten. Welche Eigenschaften die aus der Verbindung entstandene Mischung besitzen möge, ist hierbei ganz gleichgültig. Die scheinbar geringen Veränderungen in der Eigenschaften, welche die Körper bei der Auflö- sung im Wasser erleiden, ist vielleicht in der Eigenschaft des Wassers: doppelte Polarisation anzunehmen, begründet, obgleich deshalb eine che- mische Vereinigung des aufgelöfsten Körpers mit seinem Auflösungs- mittel nicht geläugnet werden kann. Darauf deuten auch schon die Er- scheinungen hin, dafs die Körper eine bestimmte Menge Wasser zur Auflösung erfordern, dafs die Auflösungsfähigkeit des Wassers von der Temperatur abhängig ist, dafs sich die Verdunstungsfähigkeit des Was- sers nach der Menge der aufgelöfsten Körper abändert, dafs sich die auflösende Kraft des Wassers, welches schon andere Körper aufgenom- men hat, in manchen Fällen vermehrt, dafs der Siedepunkt des Was- sers durch aufgelöfste Salze verändert wird, u.s.f. Dafs der aufge- löfste Körper nach Entfernung des Wassers unverändert wieder erhal- ten wird, findet auch bei anderen chemischen Verbindungen statt, z.B. bei den Amalgamen, von denen sich das Quecksilber durch Erhitzung wennen läfsı; ferner bei den Auflösungen vieler Metalloxyde in Säuren, welche bei einer angemessenen Erhitzung das Oxyd unverändert zu- rücklassen u.s.f. Wenn daher kein zureichender Grund anzugeben ist, die Auflö- sung der Körper in Wasser und in Wärmestoff für etwas anders als für eine wahre chemische Verbindung zu halten, so geben uns diese Auflösungen unläugbare Beispiele von chemischen Verbindungen nach über die chemische Verbindung der Körper. 9 ganz unbestimmten Verhältnissen. Eben so müssen alle diejenigen Ver- bindungen, bei denen ein Bestandtheil in grofsem Uebermaafs vorhanden ist, so lange sie sich im wopfbar flüssigen Zustande befinden, und so lange die völlige Gleichartigkeit der Mischung erwiesen ist, für chemische Verbindungen nach ganz unbestimmten Verhältnissen angese- hen werden, denn die homogene Beschaffenheit der Mischung ist das einzig wahre und richtige Kennzeichen einer chemischen Vereinigung. Wenn wir nun aber, aus einer stark alkalisch reagirenden, so wie aus einer mit einem Uebermaafs von Säure versehenen homogenen Flüssigkeit, in beiden Fällen ein Salz, genau aus denselben Mischungs- verhältnissen Säure und Basis bestehend, krystallisiren sehen: so wer- den wir den Grund dieser merkwürdigen Erscheinung nicht darin suchen können, dafs das Salz schon gebildet in den Flüssigkeiten vorhanden ge- 5 wesen, und sich das einemal im Ueberschufs der Basis, das anderemal im Uebermaafs der Säure aufgelöst befunden habe; sondern wir werden schliefsen müssen, dafs es sich erst gebildet, und dafs irgend eine Kraft die frühere chemische Verbindung aufgehoben habe. So hat man nach einer Reihe von Jahren aus der Kieselfeuchtigkeit krystallinische, dem Bergkrystall ähnliche Bildungen der Kieselerde sich ausscheiden sehen, und so ist es überhaupt zu erklären, wenn aus flüssigen Mischungen sich erst nach Verlauf von einiger Zeit, Niederschläge oder kıystallini- sche Absonderungen darstellen. Diese Erfolge führen nothwendig darauf zurück, dafs in vielen ganz unbestimmten ke] Verhältnissen statt findet, und dafs die Vereinigung nach Fällen die Verbindung der Körper nach bestimmten Verhältnissen, die unabänderlichen, stets gleichen Gesetzen unterworfen ist, ein besonderer Fall des allgemei- nen Erfolgs der Verbindungen der Körper seyn mulfs, welche nicht von chemischen Verhältnissen abhängig, sondern in dem Wesen des entstehenden Körpers begründet ist. Daraus wird es auch einleuchtend, dafs die Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen nicht der Grund der bestimmten Form (Krystal- lisation) der starren Körper sind, sondern dafs sie vielmehr die noth- wendige Folge des Kohärenzzustands der Körper selbst seyn müssen. Phys. Klasse 1824. B 10 KARSTEN Verbindungen, die einer erhöheten Temperatur zu ihrer Bildung bedürfen, verhalten sich häufig auf ähnliche Weise; indefs isı es schwie- iger, den Zustand der Verbindung, so lange die Masse flüssig ist, zu beurtheilen. Untersucht man, wie es in der Regel nur geschehen kann, die Verbindungsverhältnisse, nachdem die Erstarrung erfolgt ist, so er- forscht man nicht mehr die ursprünglichen, sondern die durch den Ko- härenzzustand der erkalteten Masse bedingten Mischungsverhältnisse. Es würde also in vielen Fällen ein Irrıhum seyn, wenn man das durch die Analyse aufgefundene Resultat verallgemeinern und auf alle Kohärenz- zustände der sich verbindenden Körper ausdehnen wollte. Von vielen Verbindungen wissen wir, dafs sie in der Hitze und so lange die Masse flüfsig ist, in ganz unbestimmten Verhältnissen statt finden, — zu welcher Annahme uns der ganz homogene Zustand der geschmolzenen Masse be- rechtigt, — dafs aber nach dem. Erkalten andere Mischungsverhältnisse eintreten, welche den Gesetzen unterworfen sind, die Berzelius so vollständig entwickelt hat. Die neuern Untersuchungen haben gelehrt, dafs der chemische Prozefs stets mit elektrischen Erscheinungen verbunden ist. Dem che- mischen so wie dem elektrischen Verhalten der Körper scheint eine und dieselbe bedingende Ursache zum Grunde zu liegen, nämlich der Ge- gensatz der Körper selbst. Von dem elektrischen Verhalten kann also das chemische nicht abgeleitet werden, indem beide sich nicht wie Ur- sache und Wirkung bedingen, sondern sie müssen als die gleichzeitigen Wirkungen einer und derselben Krafı betrachtet werden. Die antiphlo- gistische Schule erblickte in dem Sauerstoflgas die einzige Quelle des Lichtes; sie leitete aus der Verbindung des Sauerstoffs mit andern Kör- pern, als Erscheinung das Feuer, und als Erfolg die Säurebildung ab. Wir wissen jetzt, dafs jede Verbindung der Körper mehr oder weniger mit den Erscheinungen des Verbrennens begleitet ist, dafs jeder chemi- schen Verbindung dieselbe Ursache zum Grunde liegt, und dafs Feuer- erscheinung, so wie deutlich hervortretendes basisches und saures Ver- halten der Körper gegen einander, blofs durch die Stärke ihres phlo- gistischen Gegensatzes bedingt werden. So verbrennt, — um ein Bei- spiel für alle zu wählen, — Eisen mit Schwefel unter Feuerentwicke- über die chemische Ferbindung der Körper. 41 lung und bildet ein Salz, dessen Basis das Eisen, und dessen Säure der Schwefel ist. Dieser verbrennt aber mit Sauerstoff, und stellt dann eine Verbindung dar, in welcher sich der Schwefel als Basis und der Sauer- stoff als Säure verhält. Wird diese Verbindung des Schwefels mit Sauer- stoff wieder mit einem andern Körper in Gegensatz gebracht, so entsteht ein neues Verbrennen bei der Vereinigung, obgleich damit eine deut- liche Feuererscheinung schon seltener, z. B. bei der Einwirkung der Schwefelsäure auf Bittererde, verbunden ist. Je geringer die phlogisti- sche Differenz der Körper ist, welche sich mit einander vereinigen, desto weniger auffallend sind die Erscheinungen bei ihrer Verbindung, und desto weniger bemerkbar wird ihr basisches und saures Verhalten. Welche Körper aber eine Verbindung mit einander eingehen, läfst 5 sich in Voraus nicht bestimmen, so wenig sich ohne Erfahrung die Um- stände angeben lassen, unter welchen die Verbindung erfolgen wird. Wenn man, um diese Umstände näher zu bezeichnen, Verbindungen auf dem nassen und auf dem trocknen Wege unterschied, so lag dabei mehr oder weniger die irrige Ansicht zum Grunde, dafs man die Kör- per, deren Verbindung beabsichtigt ward, erst in den Zustand der Flüs- sigkeit versetzen müsse, weil man einen flüssigen Zustand, aufser der unmittelbaren Berührung, für eine nothwendige Bedingung zu ihrer Ver- bindung hielt, als ob es nöthig sei, eine leichtere Beweglichkeit der vorausgesetzten kleinsten Theilchen der Körper zu bewirken, welche sich im Zustande der Flüssigkeit leichter finden und an einander haften würden. Erst in neuern Zeiten hat man diese Ansicht berichtigt und sich überzeugt, dafs es vorzüglich nur darauf ankomme, die Körper in einen elektrisch chemischen Gegensatz zu bıingen und die Kobhäsions- spannung aufzuheben. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, er- scheinen Wärme und Wasser nicht mehr als Auflösungsmittel, sondern als Mittel zur Aufhebung des Kohärenzzustandes, oder vielmehr als Mit- tel, die Hindernisse zu vermindern, welche sich der chemischen Einwir- kung der Körper durch die Kohäsion entgegensetzen. Sie dienen da- her als Erreger der ruhenden Kräfte der Materie, um den Akt der Verbindung zu vollbringen. Sind aber Wasser und Wärme nicht mehr als Auflösungsmittel, als Mittel eine leichtere Verschiebbarkeit der Körpertheilchen zu bewir- B.2 12 KARrsTen E ken, sondern als höhere, erregende Rotenzen anzusehen, so ist auch der eigentliche flüssige Zustand der Körper nicht erforderlich, um ihre Ver- bindung zu bewerkstelligen. Der Zustand der Flüssigkeit würde nur dann nothwendig seyn, wenn die Kohärenzspannung so grofs wäre, dafs sie erst durch eine völlige Flüssigkeit der Masse überwunden werden könnte. Betrachten wir zuerst die auf dem sogenannten trockenen Wege entstehenden Verbindungen. Das kohlehaltige Eisen erleidet durch Glühen, in einer Temperatur welche von dem Schmelzpunkt der Mi- schung ungemein weit entfernt bleibt, wesentliche Veränderungen. Die- ser Erfolg ist um so anflallender, als hier Mischungen und Entmischun- gen zwischen zwei aufserordentlich sirengflüssigen Körpern in einer ver- hältnifsmäfsig niedrigen Temperatur statt finden. Alle Verbindungen durch die sogenannte Cementation dienen ebenfalls zum Beweise, dafs Flüssigkeit zur Vereinigung der Körper nicht immer erfordert wird. Zwar verliert sich das Auffallende in den Erscheinungen dieses Prozes- ses dadurch, dafs man sich den einen Körper gewöhnlich im dampflör- migen Zustande denkt, wenn gleich dadurch noch nicht erklärt ist, wie die Verbindung nach der gewöhnlichen Ansicht erfolgen kann, wenn der andere Körper im festen Zustande beharrt; allein bei der Cemen- tation des Eisens mit Kohle wird keiner von beiden Körpern dampfför- mig oder tropfbarflüssig, und die Verbindung erfolgt dennoch leicht und schnell, durch die blofse Berührung, in dem erforderlichen Grade der Temperatur. Wenn Eisen, in zolldicken und noch stärkeren Stücken, anhaltend, unter schwachem Luftzuwitt, glühend erhalten wird, so ver- wandelt sich die ganze Masse in Oxydul, und es läfst sich auf diese Weise ein künstlicher Magneteisenstein darstellen. Wird dieser, mit Kohle umgeben, einer anhaltenden Glühhitze ausgeseizt, so verändert sich die ganze, mehrere Zoll starke Masse zuleizt wieder in regulini- sches Eisen, obgleich hier eben so wenig ein unmittelbarer Zutritt der Kohle zum Inneren der Eisenmasse, als ein Flüssig- oder Flüchtigwer- den der Kohle, des Eisens oder des Eisenoxyduls statt finden kann. Eben so wenig läfst sich der Erfolg bei dem sogenannten Auf- schliefsen der Fossilien, durch Glühen mit Alkalien erklären, wobei die Einwirkung des Alkali auf das Fossil vollständig statt findet, ohne dafs über die chemische Ferbindung der Körper. 13 ein flüssigev Zustand der geglüheten Masse erforderlich ist. Die mehrsten Reduktionen der Metalloxyde in Kohlentiegeln geschahen schon, ehe das Oxyd flüssig wird, und der geschmolzene Metallregulus ist Folge des Prozesses. Sehr sirengflüssige Metalle lassen sich aus ihren Oxyden re- duciren, ohne dafs das Oxyd und das daraus erhaltene Metall flüssig werden. — Die schwefelsauren Salze ändern sich durch die blofse Ce- mentation mit Kohle in Schwefelverbindungen um, wobei es nicht er- forderlich ist, dafs das schwefelsaure Salz oder die entstehende Schwe- felverbindung flüssig werden. Am augenscheinlichsten zeigt sich die Verbindungsfähigkeit nicht geschmolzener Körper, bei der Vereinigung der für sich allein, wenigstens in dem angewendeten Hitzgrade unschmelz- baren Erden. Die schmelzbare Schlacke, oder das Glas, bilden sich, indem zwei oder mehrere ungeschmolzene Körper auf einander wirken. Aus allen diesen Erscheinungen leuchtet es deutlich ein, dafs der flüssige Zustand als solcher, nicht die wesentliche Bedingung zu den Verbindungen der Körper seyn kann, welche in einer erhöheten Tem- peratur erfolgen, sondern dafs der chemische Prozefs vielmehr durch die Temperaturerhöhung nur eingeleitet, der Erfolg desselben aber durch den Kohärenzzustand, sowohl der in Aktion begriflenen Körper, als der aus ihrer Vereinigung entspringenden Verbindung bedingt wird. Bei allen Verbindungen und Trennungen, die auf dem trockenen Wege, nämlich durch Temperaturerhöhung bewirkt werden müssen, ist es schwierig, dem Verlauf der Erscheinungen zu folgen. Weil man das Produkt in den mehrsten Füllen im geschmolzenen Zustande erhält, so setzt man voraus, dafs sich auch die Körper, oder wenigstens einer derselben, aus deren Verbindung es entstanden ist, vor der Vereini- gung im flüssigen Zustande befunden haben müssen. Das Gegentheil läfst sich daher nur in solchen Fällen mit Zuverlässigkeit nachweisen, wo sich die auf einander wirkenden Körper, bei dem angewendeten Grade der Temperatur, noch gar nicht im flüssigen Zustande befinden konnten. Deutlicher mufs sich nachweisen lassen, dafs Verbindungen und Trennungen der Körper auf dem sogenannten nassen Wege, und bei ge- wöhnlicher Temperatur, wirklich statt finden können, ohne die auf ein- ander wirkenden Körper in einen flüssigen Zustand zu versetzen, und wi KR airsıTEN ohne der Anwendung von Wasser, als eines sonst für unentbehrlich gehaltenen Auflösungsmittels, zu bedürfen. Wenn sich gleich bei der Anstellung solcher Versuche die Einwirkung der atmosphärischen Feuch- tigkeit nicht vermeiden läfst, so wird man derselben doch den Erfolg des Prozesses nicht zuschreiben können, weil es sich nicht darum han- delt, die Entbehrlichkeit des Wassers bei den Mischungen und Ent- mischungen in der gewöhnlichen Temperatur darzuthun, sondern zu zeigen, dafs ein flüssiger Zustand für die in chemischer Aktion be- findlichen Körper nicht erforderlich ist. Die hier mitgetheilten Versuche sind auf die Weise angestellt, dafs die zu vereinigenden, vollkommen luftrocknen Körper, in einem Agat- mörser trocken zusammengerieben und dabei gröfstentheils in den Ver- hältnissen angewendet wurden, welche den chemischen Mischungsge- wichten entsprechen. Wo sich durch Farbenveränderung, oder durch andere Anzeigen, auf die erfolgte Verbindung oder Zersetzung nicht schliefsen liefs, blieb nichts ührig, als den Geschmack entscheiden zu lassen. Die Mischung kostet, und obgleich dabei, strenge genommen, der Einwurf nicht wi- ward dann mit möglichst trockener Zunge ge- derlegt werden kann, dafs die Zersetzung erst auf der Zunge selbst er- folgt seyn könne; so ist der erste Eindruck welchen die Geschmacks- nerven erleiden, doch gewifs die Wirkung eines schon gebildeten, und nicht die eines erst entstehenden Körpers. In allen Fällen, wo die ent- stehende Verbindung weder durch Farbe, Geruch oder Geschmack deut- lich unterschieden werden kann, läfst sich freilich auf eine erfolgte Zer- setzung mit Zuverlässigkeit nicht schliefsen, und gerade der Umstand, dafs die Zwischenkunft des Wassers, die hier eben vermieden werden soll, in den mehrsten Fällen nur das Criterion einer wirklich erfolg- ten Einwirkung der Körper abgeben kann, verhindert es, das aus die- sen Versuchen zu ziehende Resultat sogleich in seiner ganz allgemeinen Gültigkeit zu übersehen. Krystallisirte Kleesäure und basisches kohlensaures Kali. Das Gemenge wird beimZusammenreiben sogleich feucht, und die Kohlensäure entweicht brausend. Eben so verhalten sich krystallisirte Weinsteinsäure und Citronensäure. Benzo@säure und basisches kohlensaures Kali. Das Gemenge bleibt trocken, und durch fortgesetztes Reiben verschwindet der alkalische Geschmack gänzlich. Bernsteinsäure zeigt dasselbe Verhalten. über die chemische Verbindung der Körper. 15 Benzo&säure und frisch gebrannte Kalkerde. Es scheint keine Verbindung statt zu finden; wenigstens war, auch bei einem Uebermaafs von Säure, nach halbstündigen Reiben der kaustische Geschmack noch deutlich zu bemerken. Benzoesäure und frisch gelöschter, zwischen Löschpapier schnell und so viel als möglich getrockneter Kalk verhalten sich wie Benzoösäure und basisches koh- lensaures Kali. Sublimat und basisches kohlensaures Kali. Bei trockner Luft kann das Zu- sammenreiben des Gemenges lange fortgesetzt werden, che eine Wirkung ein- tritt. Die geringste Feuchtigkeit ändert die weifse Farbe zuerst in eine gelbe, dann in eine braun- und ziegelrotlhe um. Sublimat und frisch gebrannter Kalk. Das Ganze bleibt weifs, aber in dem Augenblick des Anhauchens des zusammengeriebenen Gemenges stellt sich, wie durch einen elektrischen Schlag veranlafst, plötzlich die rothbraune Farbe ein. Reibt man die Kalkerde vorher mit Baumöl an, um alle wässrige Feuchtigkeit desto sicherer abzuhalten, so kann das Zusammenreiben mit Sublimat lange, ohne die geringste Farbenänderung fortgesetzt werden. Ein Hauch ist hinreichend, sogleich die röthlichgelbe Farbe hervortreten zu lassen. Kalomel und basisch kohlensaures Kali. Bei trockner Luft lassen sich beide Kör- per lange zusammen reiben, ehe eine Einwirkung statt findet. Diese erfolgt aber augenblicklich und giebt sich durch den plötzlichen Uebergang aus der weifsen in die dunkelgraue Farbe zu erkennen, sobald das Gemenge angehaucht wird. Kalomel und frisch gebrannter Kalk. Die Wirkung tritt genau so ein, wie beim Sublimat angeführt worden ist, nur dafs statt der rothen, die graue Farbe beim Anhauchen zum Vorschein kommt. Salmiak, zusammengerieben mit Wismuth, mit Mangansuperoxyd, mit ro- them Quecksilberoxyd, mit Zinko xyd, mit Wismuthoxyd und mit Spiesglasoxyd, entwickelt weder beim trocknen Reiben, noch nach dem An- feuchten eine Spur von Ammoniak. Salmiak mit Eisenfeile, mit Eisenoxydul, mit Eisenoxyd und Mennige trocken zusammengerieben, entwickelt kein Ammoniak, wohl aber, wenn das Gemenge angefeuchtet wird. Salmiak, zusammengerieben mit Glätte, mit frisch gebranntem Kalk, mit ba- sisch kohlensaurem Kali und mit Quecksilberoxydul, giebt schon beim trocknen Reiben eine Entwickelung von Ammoniak, welche sich indefs beim Anfeuchten bedeutend verstärkt. Salmiak und salpetersaures Silberoxyd zersetzen sich vollständig durch trock- nes Zusammenreiben. So lange das Gemisch dem Licht nicht ausgesetzt ist, bleibt es vollkommen weifs und hat das Ansehen von trocknem Mehl. Sobald es dem Sonnenlicht ausgesetzt wird, schwärzt es sich sogleich, und die Masse wird im ersten Augenblick sehr deutlich feucht, wobei sich auch ein schwacher Geruch von Salpetergas bemerken läfst. Salmiak und Borax entwickeln beim troeknen Zusammenreiben sogleich starke Ammo- niakdämpfe. Gebrannter Borax mufs erst eine geraume Zeit mit dem wasserfreien Salmiak gerieben werden, ehe der Ammoniakgeruch zum Vorschein komnıt. 16 KıaırRıs TEN Kleesaures Ammoniak und Glätte, so wie kleesaures Ammoniak und ba- sisches kohlensaures Kali entwickeln beim trocknen Zusammenreiben au- genblicklich starke Ammoniakdämpfe. Kochsalz und Glätte wirken beim trocknen Zusammenreiben nicht auf einander; die alkalische Reaction stellt sich erst nach dem feuchten Reiben ein. Krystallisirtes schwefelsaures Eisenoxydul-Oxyd und Cyan-Eisen-Ka- lium geben beim trocknen Zusammenreiben sogleich Berlinerblau. - Diese Wir- kung tritt auch ein, wenn die Cyanure zuvor mit Oel angerieben ist. Krystallisirtes schwefelsaures Eisen-Oxydul-Oxyd und basisch kohlen- saures Kali. Das Gemenge wird beim trocknen Reiben bald feucht und backend, und bekommt eine schwarzbraune Farbe. Derselbe Erfolg findet statt, wenn das Alkali zuvor mit Oel angerieben wird. Eine grüne Farbe kommt erst beim Befeuchten zum Vorschein. Krystallisirtes schwefelsaures Kupferoxyd und basisches kohlensaures Kali. Beim trocknen Reiben wird die Masse sogleich feucht, backend und dunkelblau. Wird das Alkali vorher mit Oel gerieben, so stellt sich die dun- kelblaue Farbe dennoch ein. Erst durch Zutritt von Feuchtigkeit kommt in bei- den Fällen die grüne Farbe zum Vorschein. Salzsaurer Baryt und schwefelsaures Kupferoxyd geben beim Zusammenrei- ben sogleich eine schöne zeisiggrüne Mischung, die Salze mögen trocken oder mit Oel angefeuchtet gerieben werden. Nach den verschiedenen Verhältnissen des salzsauren Baryts zum Kupfervitriol, lassen sich alle Nuancen der blauen Farbe von der grünlichblauen bis zur blafsgrünen darstellen. Salzsaurer Baryt und schwefelsaures Eisenoxydul-Oxyd geben beim trock- nen Reiben augenblicklich ein braungelbes Gemisch. Schwefelsaures Kali und salpetersaurer Baryt zersetzen sich beim trocknen Reiben vollständig und stellen ein trocknes Mehl dar, welches ganz den Ge- schmack des Salpeters besitzt, wenn beide Salze im richtigen Verhältnifs ange- wendet worden sind. Chromsaures Kalı (neutrales, oder einfach saures, eitronengelbes) und salpeter- saures Bleioxyd geben beim trocknen Reiben sogleich ein pomeranzengel- bes Pulver. Chromsaures Kali und Kupfervitriol zersetzen sich zu einem braunen Pulver. Chromsaures Kali und salpetersaures Silberoxyd. Es entsteht augenblicklich ein rothes Pulver, auch wenn das chromsaure Kali zuvor mit vielem Oel einge- rieben worden ist. Chromsaures Kali und Fisenvitriol zersetzen sich zu einem hellbraunen Pulver. Chromsaures Kali und Suhlimat zersetzen sich beim trocknen Reiben nicht; erst beim Anhauchen geht die Farbe aus dem Gelben ins Rothe über. Chromsaures Kali und Kalomel zersetzen sich ebenfalls nicht, selbst nicht beim Anhauchen, sondern erst durch Befeuchten mit Wasser. Chromsaures Kali und essigsaures Quecksilberoxydul geben heim trocknen Zusammenreiben ein gelblichbraunes Gemisch, welches erst beim Befeuchten ei- nen Strich ins Grüne erhält. über die chemische Verbindung der Körper. 17 Chromsaures Kali und verwittertes Cyan-Eisen-Kalium zersetzen sich nicht. Salpetersaures Bleioxyd und Kupfervitriol werden beim trocknen Zusammenrei- ben augenblicklich feucht und das Gemisch erhält eine lichte bläuliche Farbe. Salpetersaures Bleioxyd und Eisenvitriol werden ebenfalls sogleich feucht, und das Gemisch erhält eine schmutzigweifse Farbe. Essigsaures Kalı und Eisenvitriol flıefsen beim Zusammenreiben fast augenblick- lich zu einer schmierigen, röthlich braunen Masse zusammen. Salpetersaures Bleioxyd und Eisen-Kalium-Gyan. jei lange fortgesetzten trocknen Reiben, bleibt noch immer der Geschmack von salpetersaurem Bleioxyd, wenn auch, wie der Vorsicht wegen geschehen mufs, das Eisen Kalium Cyan in Uebermaafs angewendet wird. Dieser Geschmack geht durch Befeuchten des Gemenges sogleich verloren. Salpetersaures Bleioxyd und schwefelsaures Kali, entwickeln beim trocknen Reiben merkbare Wärme, und bei einem richtigen Verhältnifs beider Körper läfst sich mit der Zunge nur der Geschmack von Salpeter an dem trocknen Mehl bemerken, indem sich der eigenthümliche süfsliche Geschmack des Bleisalzes ganz verloren hat. Schwefel und Antimon, so wie Schwefel und Zink lassen sich weder durch trocknes noch durch feuchtes Zusammenreiben mit einander vereinigen. Wenn aber Schwefel und Wismuth stark und anhaltend gerieben werden, so ent- wickelt sich aus dena Gemisch Schwefelwasserstoflgas vermittelst des Königswas- sers. Durch feuchtes Zusammenreiben scheint die Verbindung eben nicht beför- dert zu werden. Schwefel und Eisen lassen sich durch trocknes Reiben nicht vereinigen; wird das Gemenge aber angefeuchtet, so entwickelt es, bei fortgesetzten Reiben Schwefel- wasserstoffgas, wenn es mit Schwefelsäure oder Salzsäure behandelt wird. Schwefel und Eisenoxydul, Eisenoxyd, Quecksilberoxydu!, Quecksilber- oxyd, Zinkoxyd, Wismuthoxyd und Bleioxyd zeigen, weder beim trock- nen noch beim feuchten Reiben Wirkung auf einander. Schwefel und Quecksilber vereinigen sich zwar schon beim trocknen Reiben sehr leicht, indefs wird die Verbindung durch Feuchtigkeit ungemein beschleunigt. Concentrirte Salzsäure entwickelt sogleich Schwefelwasserstollgas aus der gerie- benen Mischung. Zinnober und Eisen, Eisenoxydul, Eisenoxyd und gebrannter Kalk wirken weder beim trocknen noch beim feuchten Reiben auf einander. Diese Beispiele lassen es nicht bezweifeln, dafs alle Verbindungen, welche in der gewöhnlichen Temperatur vor sich gehen, schon vollstän- dig erfolgen, ohne dafs dazu ein flüssiger Zustand der Mischung, oder auch nur eines der in die Verbindung eingehenden Körper erforderlich wäre. Aber weit entfernt, aus diesem Erfolge auf die Entbehrlichkeit des Wassers bei den Verbindungen der Körper in der gewöhnlichen Temperatur schliefsen zu können, giebt derselbe vielmehr den überzeu- Phys. Klasse 1324. C 18 KıARsTEn gendsten Beweis, dafs ohne Zwischenkunft des Wassers gar keine Ver- bindung statt findet, und dafs in den Fällen wo sie wirklich erfolgt, die durch das Reiben entwickelte Wärme, die Ursache zu den Verbindun- gen und "Trennungen gewesen seyn muls. Bei allen Körpern welche Wasser, chemisch gebunden (als Kry- stallwasser) enthalten, sehen wir die Verbindungen und Trennungen schnell und fast augenblicklich eintreten. Körper die kein Krystallwas- ser enthalten, wirken nur dann auf einander, wenn Feuchtigkeit hinzu twitt. Diese Erfolge sind nur eine Bestätigung des längst anerkannten Naturgesetzes, dafs chemische Einwirkung der Körper in gewöhnlicher Temperatur, und in allen Fällen, wo die Wärme die Stelle des Was- sers nicht vertreten kann, ohne Zutritt von Feuchügkeit unmöglich ist. Mit diesem Einflufs des Wassers auf Verbindungen und Trennungen, als chemisch wirkender Potenz, hat man aber nur zu oft die unrichtige Ansicht verbunden, dafs das Wasser, bei allen Verbindungen auf dem sogenannten nassen Wege, auch die Funktion zu vertreten habe, die Körper zu ihrer chemischen Einwirkung auf eine mechanische Weise vorzubereiten, ihre Theilchen zu trennen und sie in den Zustand der Flüssigkeit zu versetzen. Es giebt Körper die auf nassem und auf trock- nem Wege fast auf gleiche Weise auf einander wirken. So zersetzt das Zink z. B. das Hornsilber in der gewöhnlichen Temperatur, unter Zu- twitt von Wasser oder von feuchter Luft, fast eben so schnell als in der erhöheten Temperatur, ohne dafs weder in dem einen oder in dem an- dern Fall ein flüssiger Zustand von beiden, oder auch von einem der auf einander wirkenden Körper, die Bedingung zum Gelingen des Pro- zesses wäre. Wird alle Feuchtigkeit abgehalten, so wirken Zink und Hornsilber nicht mehr auf einander und die Einwirkung findet, ohne Zwischenkunft des Wassers, nicht eher wieder statt, als bis die Tempe- ratur bis zum dunklen Glühen erhöhet worden ist. Nur in wenigen Fällen scheinen jedoch Wasser und Wärme sich zur Aufhebung der Kohärenzspannungen der auf einander wirkenden Körper wechselseitig vertreten zu können, und immer ist die Wärme ein weit kräftigeres Mittel die Kohäsionsänderung der Körper zu bewir- ken, als das Wasser. Deshalb können sich Körper auf twrocknem Wege mit einander verbinden, deren Vereinigung durch Vermitielung des Was- über die chemische Verbindung der Körper. 19 sers nicht geschehen kann, deshalb erfolgen die Verbindungen auf dem trocknen Wege schneller als auf dem nassen, und deshalb ist der Er- folg der Einwirkung der Körper in den gewöhnlichen und in den er- höheten Temperaturen häufig sehr verschieden, indem durch die Wärme oft ein ganz anderer Gegensatz der Körper, als durch das Wasser her- vorgebracht,, und die Erregung durch Temperaturerhöhung ungemein mehr, als durch das Wasser verstärkt wird. Wenn wir sehen, dafs Eisen und Schwefel in der gewöhnlichen Temperatur sich nur dann mit einander verbinden lassen, wenn sie mit Wasser zusammengerieben werden; so kann, weil weder der eine noch der andere Körper im Wasser auflöslich ist, von der Wirkung des Wassers, als eines Auflösungsmittels die Rede nicht seyn; wir würden höchstens nur voraussetzen können, dafs es in so fern wirke, als es viel- leicht durch das Eisen zersetzt wird. Wenn wir aber zugleich die Er- fahrung machen, dafs das oxydirte Eisen weder durch trocknes, noch durch feuchtes Zusammenreiben mit dem Schwefel verbunden werden kann, so werden wir nothwendig schliefsen müssen, dafs Eisen und Schwefel an der Wasserzersetzung ganz gleichen Theil nehmen, oder vielmehr, dafs das Wasser auf eine noch nicht erklärte Weise dazu dient, die Verbindung des Eisens mit dem Schwefel einzuleiten. Schneller zwar sehen wir eine ganz gleiche Wirkung beim Zu- sammenreiben des Quecksilbers mit dem angefeuchteten Schwefel ein- treten, indem durch die Zwischenkunft des Wassers der chemische Ge- gensatz beider Körper verstärkt wird; allein alle diese Erfolge in der gewöhnlichen Temperatur finden doch nur langsam statt, und eine kaum bis zum Rothglühen gesteigerte Temperatur bewirkt schneller und kräftiger eine Verbindung, die durch Wasser nur langsam und un- vollkommen erfolgte. So wird z. B. der schwefelsaure Baryt nur durch lange anhaltendes Kochen mit einer wässrigen Auflösung des kohlensau- ren Kalı zersetzt, wogegen die Zersetzung weit schneller und vollstän- diger durch das Glühen bewirkt wird. Ohne Erhöhung der Tempera- tur findet aber auch auf dem sogenannten nassen Wege keine Zer- setzung statt, und diese Temperaturunterschiede sind es, welche den Schlüssel zu der Erklärung der Erfolge bei den sogenannten reciproken Verwandischaften geben müssen. C2 20 KAırsTten Wärme und Wasser sind also die Mittel deren sich die Natur bedient, um Verbindungen und Trennungen der Körper einzuleiten. Sie dienen dabei nicht als Auflösungsmittel, indem der flüssige Zustand der zur Mischung und Entmischung sich vorbereitenden Körper bei ih- rer chemischen Einwirkung so wenig wesentlich nothwendig ist, dafs 5 man ihn für zufällig und auf die einzelnen wenigen Fälle sich bezie- hend ansehen kann, wo die aus dem Kohärenzzustande der Körper ent- springenden Hindernisse, durch eine völlige Flüssigkeit überwunden wer- den müssen. Entsteht aber jetzt die Frage, wie man sich die Wirkung der Wärme und des Wassers zu erklären habe, und warum zum Akt der Verbindung der Zutritt von Wasser oder von Wärme durchaus erfor- derlich sei; so läfsı sich eine befriedigende Antwort nicht geben. Wir wissen nur aus dem Erfolge, dafs Wasser und Wärme als Erreger der Kräfte der Materie dienen, und dafs sie der Kohäsionsthäuigkeit entge- gen wirken; allein die Ursache eines solchen Erfolges kennen wir so wenig, als wir den Grund der Elektricitätsäufserungen angeben kön- nen, welche durch die Berührung der Körper hervorgebracht werden. Höchstens ist es erlaubt anzunehmen, dafs beiden Kraftäufserungen der Materie eine und dieselbe Ursache zum Grunde liegt, dafs sie nur dem Grade nach verschieden sind und dafs, durch die, durch Wasser oder durch Wärme verstärkte Erregung der Kräfte bei der Berührung, ein wirklicher Uebergang der Körper in einander, eine vollkommene Durch- deingung der Materie entstehen kann. Deshalb hören alle Kraftäufserun- gen in dem Augenblick auf, wo die chemische Verbindung volibracht ist, und deshalb können sie sich, nach den verschiedenen Graden wie die Körper auf einander wirken, auch auf eine sehr verschiedene Weise als Erscheinung darstellen. Immer wird man aber darauf zurückkom- men müssen, ‘in dem Gegensatz der Körper selbst, die nächste Ursache ihrer Kraftäufserungen zu finden, welche durch Wasser und Wärme vielleicht nur in sofern verstärkt werden, als diese störend auf das Gleich- gewicht der Kräfte einwirken. Ohne jedoch Untersuchungen weiter nachzugehen, die noch nicht dazu geeignet sind, einen Aufschlufs über die geheimnifsvolle Natur der Materie zu verschaffen, sehen wir wenigstens als Erfolg der Erscheinungen, über die chemische Verbindung der Körper. 24 welche die Einwirkung der Körper begleiten, dafs Wärme und Wasser die Thätigkeit der Kräfte vermehren und dafs, — wenigstens so weit un- sere Erfahrung reicht, — die Kraftäufserung der Körper, ohne Zwischen- kunft des Wassers oder der Wärme, niemals bis zu dem Grade gestei- gert werden kann, dafs ein wirklicher Uebergang der sich berührenden Körper in einander, den wir die chemische Verbindung nennen, erfol- gen könnte. Wülsten wir den Grund, warum sich überhaupt zwei Körper mit einander verbinden, so würde auch die Ursache einleuchten, weshalb nur einige Körper eine Verbindung mit einander eingehen, und andere keine Verbindungsfähigkeit für einander zu haben scheinen; warum ei- nige Körper sich vorzugsweise mit einander vereinigen und Trennungen hervorbringen; warum die Verbindungen nur unter gewissen Umstän- den erfolgen, und warum sie nach bestimmten Verhältnissen statt fin- den. Diese besiimmten Verhältnisse sind es, deren nähere Kenninifs in den neuesten Zeiten, vorzüglich durch Berzelius, eifrig erforscht, und zu einem so hohen Grade von Vollständigkeit entwickelt worden ist, dals sich in den mehresten Fällen der Erfolg der chemischen Einwirkung der Körper auf einander, im Voraus durch Rechnung bestimmen, und das Verhältnifs genau angeben läfst, nach welchem jeder Körper zur Bildung der neu entstandenen Verbindung beigetragen hat. Weil diese bestimm- ten Verhältnisse, oder die Mischungsgewichte, aber weder mit der Ver- bindungsfähigkeit der Körper zu einander in irgend einem Zusammen- hang stehen, noch als die Wirkung der allgemeinen Anziehung betrachtet werden können, indem sie von der specilischen Schwere ganz unabhängig sind, am alierwenigsten aber von der Form, von der Stellung und von dem Gewicht hypothetisch angenommener Atome abgeleitet werden dür- fen, indem nicht die Form durch die Mischung, sondern die Mischung durch die Form bestimmt wird, folglich das Bedingte nicht das Bedin- gende, die Wirkung nicht zugleich die Ursache seyn kann; so muls der Grund dieses merkwürdigen Verhaltens in der Natur der entstehenden Verbindung selbst aufgesucht werden, und da ergiebt sich nur der Kohä- renzzustand der Mischung als das die Mischungsgewichte Bestimmende. Wenn also die Ursache der Verbindung überhaupt, und der Umstände unter denen sie nur statt finden kann, in dem Gegensatz 92 Kuarr'ıs BEN und in der Natur der auf einander wirkenden Körper gesetzt werden mufs; so ist der chemische Erfolg dieser Einwirkung, nämlich das Mi- schungsverhältnifs, nicht mehr von den in chemischer Aktion befind- lichen Körpern, sondern einzig und allein von dem Kohärenzzustande der entstehenden Mischung abhängig. ° Nur dadurch wird es erklär- bar, warum sich die Mischungsverhältnisse immer nach der Tempera- twır richten, warum Temperaturunterschiede in vielen Fällen schon hin- reichend sind, die Verbindungsverhältnisse zu ändern und warum, selbst bei gleich bleibenden Mischungsverhältnissen, eine Verbindung in einer höheren Temperatur inniger als in einer minder erhöheten Temperatur zu werden vermag. Auf diese letzte merkwürdige Erscheinung hat Berzelius eben- falls aufmerksam gemacht. Sie kann ihren Grund nur in der Verände- rung des Kohärenzzustandes der Körper haben, und zeigt sich wahr- scheinlich in einer weit gröfseren Allgemeinheit, als sie bis jeizt beobach- tet worden ist. Die aus Schwefel und Eisen bestehende Mischung, welche in einer niedrigen Temperatur gebildet worden ist, zersetzt sich an der feuchten Atmosphäre ungleich schneller, als die aus demselben Mischungs- verhältnifs zusammengesetzte, in einer höheren Temperatur entstandene Verbindung, Jene erste Verbindung erlangt die Eigenschaft der letzteren, wenn sie welche chemisch von der ersteren nicht verschieden ist. einer höheren Temperatur ausgesetzt wird, wobei ein elektrisches Glü- hen die ganze Masse durchfährt. Weil die Mischung von der Form und die Form von dem Kohärenzzusiande des Körpers abhängig ist, und durch denselben unmittelbar bedingt wird; so kann es nicht auf- fallen, wenn ein und derselbe Körper, und wenn er auch ein chemisch einfacher wäre, in sofern durch irgend eine Veranlassung sein Kohä- renzzustand verändert worden ist, nicht immer dieselbe Form annehmen sollte. Vom Schwefel ist ein solches Verhalten wirklich bekannt und erst kürzlich von Hrn. Mitscherlich näher nachgewiesen worden. Die durch sogenannte Absorbuon entstehenden Verbindungen sind eben- falls ohne Zweifel Verbindungen, die nur eine geringe Innigkeit er- langt haben. Wenn also von dem Kohärenzzustande der entstehenden Mischung die Mischungsgewichte abhängig sind, und wenn sich daraus auch er- über die chemische Verbindung der Körper. 23 klärt, warum die Mischungsverhältnisse in den verschiedenen Tempera- turen verschieden sich ausbilden, so würde doch aus einem solchen Verhalten nur einleuchtend werden, warum die Körper bei ihren Ver- bindungen mit einander mehrerer Vereinigungsstufen fähig sind, d. h., warum die Mischungsgewichte das von Berzelius entwickelte besuimmte Verhältnifs 1., 2., 3., oder irgend ein anderes befolgen; al- lein es geht daraus nicht die Wahrscheinlichkeit hervor, dafs eine Ver- bindung in ganz unbestimmten Verhältnissen statt finden wird. Hierauf ist indefs zu entgegnen, dafs sich alle Verbindungen, deren Mischungs- verhältnisse untersucht worden sind, auf einen ganz bestimmten Kohä- sionszustand der entstandenen Verbindung beziehen, und dafs Mischun- gen nach unbestimmten Verhältnissen, wenn sie vorhanden sind, nur im flüssigen Zustande der Verbindung, oder überhaupt in demjenigen Zustande aufgefunden werden können, in welchem der Kohärenzzustand der Mischung durch Wasser oder durch Wärme überwältigt ist. Am wenigsten dürfte es aber gelingen, unbestimmte Mischungsverhältnisse jemals aufzufinden, bei Mischungen, welche aus der innigen Vereini- gung gasförmiger Körper entstehen, weil die durch die Elastieität gege- bene Kohärenzform nur schwer überwunden werden kann, weshalb sie Verbindungen erschwert und Trennungen befördert, und daher immer nur auf einen bestimmten Kohärenzzustand des entstehenden Produkts zurückgeführt werden kann. Eben so werden sich bestimmte Mischungsverhältnisse immer dann ausbilden müssen, wenn eine flüssige Mischung, ganz oder theilweise, durch Ruhe in den festen Zustand übergeht, weil der bestimmte Ko- härenzzustand des sich bildenden festen Körpers nothwendig ein bestimm- tes Mischungsverhältnifs bedingt. Ob aber feste Körper, welche sich wieder zu einer festen Verbindung vereinigen, obne sich vorher in dem Zustand der Flüssigkeit befunden zu haben, diese Vereinigung nur nach bestimmten Verhältnissen bewirken, dürfte vorzüglich von dem Kohä- venzzustande der Mischung abhängen, obgleich es sehr schwer ist, den 5 entweder nur durch Hülfe des Wassers, oder auch nach dem erfolg- Zustand der Mischung in dieser Hinsicht zu prüfen, weil die Prüfung ten Erkalten der Mischung geschehen kann, in beiden Fällen aber Verbin- dungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen erhalten werden, welche 24 Kar st EIN sich erst ausgebildet haben und in dem ursprünglichen Zustand der Ver- bindung nicht vorhanden waren. Wenn uns aber auch dieser Zustand der Verbindung der Körper völlig unbekannt bleibt, und wir nur in einigen wenigen Fällen aus dem Verhalten der Mischung auf den Verbindungszustand einen Schlufs machen können; so wissen wir doch das mit völliger Gewifsheit, dafs jede Verbindung der Körper, welche sich im flüssigen Zustande, — der- selbe mag durch Wasser oder durch Wärme herbeigeführt seyn, — als eine homogene Mischung zu erkennen giebt, auch eine wahre chemische Verbindung seyn mufs. Wollte man sie nicht dafür gelten lassen, so würde man den Unterschied zwischen chemischer Verbindung und mecha- nischer Mengung völlig aufheben. Diese flüssigen Mischungen geben aber sehr häufig Beispiele von chemischen Verbindungen nach ganz unbestimmten Verhältnissen. Wie weit sich die Verbindungsfähigkeit der Körper in diesem Zustande der überwundenen Kohärenz erstreckt, dürfte der Gegenstand einer sorgfäl- ügen Prüfung werden müssen, indem die bisherigen Untersuchungen über die Mischungsverhältnisse nur auf einen bestimmten Kohärenz- zustand der Materie gerichtet waren. Wenigstens zeigen diese Verbin- dungen die Möglichkeit der Vereinigung der Materie nach ganz unbe- summten Verhältnissen, und beweisen, dafs die Befolgung fester Mischungsverhältnisse nur ein besonderer, durch den Ko- härenzzustand der entstehenden Verbindung bestimmter Fall des allgemeinen Vereinigungsakts aller Materie ist. Wenn es möglich wäre, die Ursache, wodurch Mischungen nach ganz unbestiimmten Verhältnissen in den flüssigen Zustand versetzt wor- den sind, so plötzlich zu entfernen, dafs sich die durch ruhiges Fest- werden der Mischung ausbildenden Verbindungen nach bestimmten Mi- schungsgewichten gar nicht bilden könnten; so würde das Resultat eine feste chemische Verbindung der in der flüssigen Mischung vereinigt ge- wesenen Körper nach unbestimmten Verhältnissen der Mischung seyn müssen. In den mehresten Fällen wird aber unter solchen Umständen das allgemeine Verbindungsstreben durch die Wirkungen der Kohäsions- kraft vernichtet. Diese verlangt eine Vereinigung nach bestimmten Mi- schungsverhältnissen, und jenes vermag sich nur da zu äufsern, wo der über die chemische Verbindung der Körper. 25 Kohärenzzustand der sich vereinigenden Körper, wenigstens bis zu ei- nem gewissen Grade, aufgehoben ist. Daraus würde also folgen, dafs durch die plötzliche Aufhebung des flüssigen Zustandes, nur in dem Fall eine feste Verbindung nach unbestimmten Mischungsverhältnissen entste- hen könnte, wenn das allgemeine Verbindungsstreben den Wirkungen der Kohäsionskraft das Gleichgewicht hält. Nach aller Erfahrung tritt aber ein solcher Erfolg niemals ein, sobald die Hindernisse weggeräumt sind, welche den Kohärenzäufserungen der Körper entgegen standen; denn eben darauf, dafs der Erfolg eines jeden chemischen Prozesses, einer je- den chemischen Einwirkung eines Körpers auf den andern, durch den Kohärenzzustand der entstehenden Mischung bedingt wird, beruht un- sere ganze Kenntnifs von der Verbindung der Körper, deren Gesetze wir schon mit so grofser Zuverlässigkeit und Genauigkeit kennen, dafs es nicht mehr gestattet ist, den leisesten Zweifel in ihrer Richtigkeit zu setzen. Aber so wie alle Kraftäufserungen, wenn sie ihr Maximum cer- reicht haben, sich in ihren Wirkungen zuletzt so schr verlieren, dafs die Gesetze, denen sie unterworfen sind, kaum noch erkannt werden können; so scheint es auch bei den Kraftäulserungen der Kohärenz im Konflikt mit dem chemischen Verbindungsstreben der Fall zu seyn. Das allgemeine Gesetz der Trägheit in der Mechanik, nach welchem die Körper in ihrem Zustand der Ruhe und Bewegung beharren, wenn sie nicht durch eine äufsere Ursache genöthigt werden, diesen Zustand zu verlassen; scheint auch auf das Fortbestehen der einmal gebildeten che- mischen Mischungen Anwendung zu finden, indem die Mischungsverän- derungen nicht plötzlich eintreten, sondern jede Mischung und Ent- mischung eine gewisse Zeit erfordert, in welcher sie erst vollständig vollbracht werden kann. Ein sehr passendes Beispiel bietet der Schwe- fel dar, welcher auf das Chlor anfänglich keine Wirkung zu haben scheint, sich dann aber plötzlich und mit Explosionen mit demselben verbindet. Dieser Zeitraum wird in allen den Fällen freilich nicht mefs- bar seyn, wo ein starker elektrochemischer Gegensatz der auf einander wirkenden Körper statt findet, oder wo die Kohäsionskraft des sich aus- scheidenden Körpers ungleich wirksamer gedacht werden mufs, als die Kraft, welche alle in der Mischung befindlichen Körper zu Einem Phys. Klasse 1824. D 26 KARsTENn Ganzen verbindet. Wo aber diese Bedingungen nicht in einem ausge- zeichneten Grade vorhanden sind, läfst sich sehr wohl die Möglichkeit einsehen, dafs eine flüssige Mischung, oder überhaupt eine Mischung, welche sich in einem solchen Kohärenzzustande befindet, dafs sie Ver- bindungen nach unbestimmten Verhältnissen zuläfst, durch plötzliches Erstarren die Mischungsverhältnisse nicht ändert, so dafs das Resultat der plötzlichen Erstarrung ein ganz anderes, als das der langsamen Er- kaltung seyn mufs. Bei allen Mischungen nach unbestimmten Verhältnissen, welche durch Auflösung auf dem nassen Wege entstehen, läfst sich ein solcher Erfolg nicht leicht warnehmen, weil noch kein Verfahren bekannt ist, das Auflösungsmittel plötzlich zu entfernen. Merkwürdig ist indefs die Erfahrung, dafs eine Salzauflösung, welche schnell von + 140 bis zu — 6 Gr. Fahrenh. erkältet wird, durchaus gefriert, ohne dafs eine Ausscheidung des Salzes statt findet, wogegen bei minder plötzlichen Temperaturübergängen , das Wasser krystallisirt und die Salzauflösung koncentrirt wird. Dieser Erfolg zeigt, dafs Wasser und Salz, nicht al- lein im flüssigen, sondern auch im festen Zustande, unter gewissen Um- ständen nach unbestiimmten Verhältnissen verbunden bleiben. — Wenn wir dagegen aus einem flüssigen Amalgam, also aus einer Verbindung des Quecksilbers mit einem anderen Metalle in ganz unbestimmten Ver- hältnissen, ein festes Amalgam durch Ruhe sich ausscheiden sehen; so ist dies der gewöhnliche Erfolg der Kohärenzthäugkeit, welche eine Mischung nach unbestimmten Verhältnissen, auf eine Verbindung nach bestimmten Mischungsverhältnissen, zurückzuführen strebt. Daher sind wir auch nicht berechtigt, das flüssige Amalgam für eine Auflösung des Amalgams nach bestimmten Mischungsgewichten, in Quecksilber anzuse- hen; sondern wir müssen es, so lange es als eine homogene Flüssigkeit erscheint, für eine Mischung nach unbestimmten Verhältnissen betrach- ten; gerade so wie eine Salzauflösung in Wasser, aus welcher das Salz durch Ruhe krystallisirt, ein einfaches Beispiel giebt, wie eine Mischung nach unbesimmten Verhältnissen, auf Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen zurückgeführt wird. Mischungen nach unbestimmten Verhältnissen, welche auf dem twocknen Wege, bei einem gewissen Kohärenzzustande der Mischung, über die chemische Ferbindung der Körper. 27 erhalten werden, würden leichter Beispiele von der Beibehaltung des unbestimmten Mischungsgewichtes nach erfolgter Erkaltung darbieten können, weil es in vielen Fällen leichter möglich ist, das Auflösungs- mittel — die Wärme — plötzlich zu entfernen, als dies bei den Auflö- sungen auf dem nassen Wege geschehen konnte. Wirklich fehlt es auch nicht an Beispielen dieser Art, deren Zahl sich unbezweifelt meh- ren wird, wenn man erst gröfsere Aufmerksamkeit auf die Untersuchung des Zustandes der Verbindungen richten wird, welche durch plötzliches und durch langsames Erstarren einer und derselben Mischung erhalten werden. Die unter dem Namen des Roheisens bekannte Verbindung des Eisens mit Kohle, welche im flüssigen Zustande eine zwar homogene, aber fast immer eine Verbindung beider Metalle nach ganz unbestimm- ten Mischungsverhältnissen darstellt, verhält sich beim plötzlichen Er- kalten durchaus anders als bei der langsamen Eıstarrung. Im ersten Fall bleiben Kohle und Eisen eben so verbunden, wie sie es im Zu- stande der Flüssigkeit waren; im letzten Fall scheidet sich die Kohle theils rein aus, theils in Verbindung mit Eisen nach bestimmten Mi- schungsverhältnissen. — Diese Verbindungen sind also nicht in der flüs- sigen Mischung vorhanden, sondern sie sind das Resultat der langsamen Erkaltung, welche die Ausbildung von Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen herbeiführte. — Gold und Silber vereinigen sich beim Schmelzen sehr leicht in allen Verhältnissen zu einem homogenen Gemisch. Wird die geschmolzene Legirung schnell zum Erstarren ge- bracht, so behält die erstarrte Masse die homogene Beschaffenheit, welche ihr im flüssigen Zustande zukam. Erfolgt die Abkühlung sehr langsam, so trennt sich das Gold gröfstentheils, in Verbindung mit etwas Silber, aus der Masse. — Zinn und Eisen vereinigen sich beim Schmelzen fast in allen Verhältnissen zu einer gleichartigen Verbindung. Wird die flüssige Mischung schnell zum Erstarren gebracht, so bleibt sie homo- gen; erfolgt die Abkühlung langsam, so trennt sie sich und stellt zwei Verbindungen dar, aus vielem Eisen und wenig Zinn, und aus vielem Zinn und wenig Eisen. Wenn geschmolzenes Blei mit weniger Schwe- fel versetzt wird, als die Mischungsverhältnisse des Schwefelblei, oder des sogenannten Bleiglanzes erfordern, so bildet sich eine homogene D 2 28 K-a:Rs'iTEN flüssige Masse; es entsteht also eine Mischung nach unbestimmten Ver- hältnissen. Wird diese plötzlich zum Erstarren gebracht, so behält das Gemisch seine gleicharuge Beschaffenheit. Erfolgt die Abkühlung lang- sam, so scheidet sich regulinisches Blei aus, und es bildet sich gleich- zeitig Bleiglanz, also eine Verbindung nach einem bestimmten Mischungs- verhältnifs. Ob mehrere Metalle, bei ihrer Verbindung mit weniger Schwe- fel, als zur Sättigung, oder vielmehr zur Hervorbringung bestimmter Mischungsverhältnisse erforderlich ist, ein ähnliches Verhalten im flüs- sigen Zustande und nach der mehr oder weniger verzögerten Erstar- rung befolgen, ist noch nicht bekannt. Nach der Vorstellung, die man sich jetzt von Verbindungen dieser Art gemacht hat, würde man sie für blofse Zusammenschmelzungen des Schwefelmetalles mit dem im Ueber- schufs vorhandenen Metall zu halten haben. Das Verhalten des Bleies mit Schwefel zeigt indefs, dafs diese Annahme nicht allgemeine Güluig- keit hat, und dafs vielleicht auch bei anderen Schwefelmetallverbindun- gen die Erstarrungsart berücksichtigt werden mufs. Das rothbrüchige Eisen enthält, wenigstens sehr häufig, einen geringen Antheil Schwefel, welcher, nach den verschiedenen Temperaturzuständen, vielleicht bald mit der ganzen Masse des Eiseus, bald mit einem Theil desselben, zu Ver- bindungen nach bestimmten Verhältnissen, verbunden seyn, und dadurch Veranlassung zu dem eigenthümlichen Verhalten dieses Eisens geben könnte, welches in der Weisglühhitze und bei der gewöhnlichen Tem- peratur sehr fest und haltbar ist, in der Rothglühhitze aber brüchig wird und sich nicht schmieden läfst. Auch Schwefel und Phosphor, so wie Schwefel und Arsenik, ge- hören zu den Körpern, die sich in allen Verhältnissen mit einander ver- binden und ein Beispiel von Mischungen nach unbestimmten Verhältnis- sen geben. — Aber ungleich einleuchtendere und viel häufiger vorkom- mende Beispiele von Verbindungen nach unbestimmten Verhältnissen, als die Metalle, oder die nicht oxydirten Körper darbieten, gewähren die Verbindungen von oxydirten Körpern. Die sogenannten Erden, die Alkalien und die Metalloxyde, lassen sich, bei einem angemessenen Grade der Temperatur, fast in allen Verhältnissen mit einander verbin- den, und stellen im geschmolzenen Zustande eine homogene Mischung über die chemische Ferbindung der Körper. 29 dar, welche, wegen ihrer vollkommenen Gleichartigkeit, als eine wahre chemische Verbindung angesehen werden mufs. Wenn diese Mischung schnell erstarrt, so bleibt sie sehr häufig durchaus gleichartig, und ist im Allgemeinen unter dem Namen der Flüsse, Gläser oder Schlacken bekannt. Die Gleichartigkeit der Masse, und in vielen Fällen auch die Durchsichtigkeit derselben, lassen es durchaus nicht bezweifeln, dafs diese Verbindung nicht eine wahre chemische Mischung sei. Ganz anders ist das Verhalten bei einem höchst langsamen und verzögerten Erstarren. Das glasige geflossene Anschen ist verschwun- den, statt des muschligen oder des splitiwigen Bruches mit Glasglanz, hat sich ein erdiges Ansehen, ein körniges oder auch ein strahliges Ge- füge mit deutlich warnehmbaren Absonderungsflächen eingestellt, und die vorher durchsichtige oder durchscheinende Masse ist vollkommen undurchsichtig geworden. Alle diese wesentlichen Veränderungen sind ganz allein der Erfolg eines schnelleren oder langsameren FErkaltens. Bei diesen auflallenden Erscheinungen kann es nicht zweifelhaft seyn, dafs die Kohäsionsthätigkeit im ersten Fall dem allgemeinen Verbindungsstre- ben unterlag, und dafs sie erst bei einer langsamen Erstarrung, Verbindun- gen nach hestimmten Mischungsverhältnissen hervorzurufen vermogte. Alle Erfahrungen lehren ferner, dafs es des flüssigen Zustandes der Körper, zu ihrer chemischen Einwirkung auf einander nicht bedarf. Wenn daher eine durch plötzliches Erstarren erhaltene Mischung nach unbestimmten Verhältnissen, einem Grade der Temperatur ausgesetzt wird, welcher die Masse, ohne sie zum Schmelzen zu bringen, in einen solchen Zustand versetzt, dafs die Kohärenzspannungen so weit aufge- hoben werden, als nöthig ist, damit die Kräfte der Körper zur che- mischen Einwirkung auf einander thätig werden; so würde der Erfolg des anhaltenden Glühens solcher festen Mischungen, mit demjenigen über- einstimmen müssen, welcher erhalten wird, wenn die Mischung aus dem flüssigen Zustande durch höchst langsames Erkalten in den festen über- geht. Es werden sich also durch anhaltendes Glühen dieser, durch plötz- liches Erstarren erhaltenen Mischungen, in einer Temperatur, welche sich jedesmal nach der Beschaffenheit der Mischung richten wird, eben- falls Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhälinissen bilden müs- sen. Und so ist es auch in der That. Das weifse Roheisen und der 30 KAxrsten harte Stahl, welche durch plötzliches Erstarren der geschmolzenen Ver- bindung aus Eisen und Kohle erhalten werden, ändern sich durch blofses Glühen zu Verbindungen ganz anderer Art um, welche sich durch Farbe, Härte, Festigkeit, Glanz und Gefüge wesentlich von der ursprünglichen Verbindung unterscheiden. Die durch plötzliches Erstarren erhaltene Verbindung von Blei mit wenigem Schwefel, wird durch blofses Glühen eben so in Bleiglanz und in regulinisches Blei zerlegt, als wenn die flüssige Masse höchst langsam erstarrt wäre. — Die glasigen Schlacken ändern sich durch anhaltendes Glühen, in einer oft gar nicht beträcht- lich hohen Temperatur, genau eben so zu matten, erdigen, krystalli- nischen Verbindungen um, als wenn sie in dem noch flüssigen Zustande ganz langsam erkaltet wären. Also in allen diesen Fällen sehen wir das durch plötzliches Erstar- ven gehemmte Ausbilden von Verbindungen nach bestimmten Mischungs- verhältnissen, durch das blofse Glühen dieser nach unbestimmten Mi- schungsverhältnissen zusammengesetzten Verbindungen, eben so bestimmt und eben so deutlich eintreten, als wenn die flüssige Masse langsam und ruhig erkaltet, und die Kohäsionsthätigkeit, welche jederzeit dem allgemeinen Verbindungsstreben entgegen wirkt, und Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen hervorruft, durch das plötz- liche Erstarren, in ihrer Wirksamkeit nicht gestört oder unterdrückt worden wäre. Diese Erfahrungen geben einen Aufschlufs über die Veränderun- gen, denen verschiedenen Körper, und ohne Zweifel alle Verbindungen, welche durch plötzliches Erstarren einer Mischung erhalten werden, wo- bei die Kraft der Kohäsion durch das allgemeine Verbindungsstreben unterdrückt ward, durch die Art des Abkühlens nach dem Schmel- zen, oder auch wohl nur nach dem Glühen, in der Farbe, Härte, im Glanz und in der ganzen Textur unterworfen sind. Es ist nämlich ein- leuchtend, dafs eben sowohl wie die nach unbesimmten Verhältnissen zusammengesetzten Mischungen, auch die Mischungen, denen ein ganz bestimmtes Verhältnifs zum Grunde liegt, bei ihrem plötzlichen Ueber- gange aus dem flüssigen in den festen Zustand, dem Mangel an Aus- bildung bestimmter Formen unterliegen können; wobei ungefehr das- selbe Verhältnifs, wie bei den plötzlich erfolgenden pulverigen Nieder- über die chemische Ferbindung der Körper, 31 schlägen, und bei den langsam sich absetzenden krystallinischen Bil- dungen auf dem nassen Wege, statt finden mag. Solche Mischungen nach bestimmten Verhältnissen sind, in dieser Rücksicht, denen nach un- bestimmten Verhältnissen zusammengesetzten, gleich zu setzen, denn beide stellen eine im eigenthümlichen Sinn des Wortes geflossene Masse dar, aus welcher durch die Kohäsionsthäugkeit, wenn die Umstände ihrer Wirksamkeit günstig sind, erst eine bestimmte Form hervorgehen soll. Der einzige Unterschied zwischen dem Verhalten dieser Mischungen nach bestimmten und unbestimmten Verhältnissen besteht, wie es scheint, nur darin, dafs es ungemein viel schwieriger ist, eine aus unbestimm- ten Verhältnissen zusammengesetzte Mischung, durch langsames Erkal- ten, oder durch das Glühen der plötzlich erstarrten Mischung, auf be- stimmte Formen, die sich durch ausgebildete Krystalle zu erkennen ge- ben, zurück zu führen. Was die Kohäsionsthätigkeit bei Mischungen nach bestimmten Verhältnissen sehr leicht zu bewirken vermag, ist bei Mischungen nach unbesiimmten Verhältnissen oft nur in der Annähe- rung möglich. Es giebt Fälle, wo sich die Wirkung des schnelleren und des langsameren Erkaltens nur auf eine Veränderung des Kohärenzzustandes allein zu beschränken scheint, und vielleicht witt ein solcher Erfolg auch selbst bei den Mischungen nach bestimmten Verhältnissen ein. Als Bei- spiel dieser Art ist vorhin schon der Schwefel genannt worden; auch der Phosphor zeigt ein ähnliches Verhalten. Wird er bis 50 Gr. Reaum. erhitzt, so bleibt er, bei dem langsamen Erkalten an der Luft, weils und durchsichtig; erkältet man ihn plötzlich im kalten Wasser, so wird er schwarz und undurchsichtig. Aus dem einen dieser Zustände kann man ihn, so oft man will, in den andern übergehen lassen. _— Das unter dem Namen des Arsenikglases bekannte Arsenikoxyd, bildet ein farben- loses, vollkommen durchsichtiges Glas, wenn es beim Sublimiren schnell erkaltet. Es wird weifs, emaillcartig und völlig undurchsichtig, wenn die Abkühlung langsam erfolgt, oder wenn das Glas lange Zeit der Einwir- kung der Luft ausgesetzt ist. Eine Zu- oder Abnahme des Gewichtes findet dabei durchaus nicht statt. Ungleich häuliger ist aber mit dieser Veränderung des Kohärenzzu- standes, auch eine Veränderung in den Mischungsverhältnissen verbunden. 39 KArsTen Das gewöhnliche Glas, diese allgemein bekannte Verbindung, giebt da- von ein sehr nahe liegendes und auflallendes Beispiel. Schnell abge- kühlt ist es im höchsten Grade spröde, wie die Glastropfen zeigen; bei langsamer Abkühlung besitzt es die bekannten Eigenschaften, und wenn die Erstarrung durch anhaltende Erhitzung verzögert wird, so verliert es den Karakter des Glases und wird zu einem Email, oder nimmt wohl gar eine steinartige Struktur an. Eben dieser Erfolg läfsı sich durch das 5 Glühen des Glases hervorbringen, wie schon das sogenannte Reaumursche 5 Porzellan zeigt. Bei allen diesen Veränderungen bleibt zwar die Mischung dieselbe, aber die Mischungsverhältnisse ändern sich, indem die Kohäsionskraft bei dem verzögerten Erstarren, oder bei dem anhaltenden Glühen thäug werden, und Verbindungen nach besummten Mischungsverhältnissen aus- bilden kann. Deshalb erhalten auch alle Gläser und Flüsse durch lang- sames Eirstarren, oder, welches für den Erfolg immer dasselbe ist, durch anhaltendes Glühen, um so leichter eine steinartige Struktur, je zusam- mengesetzter sie sind, indem dann eine gröfsere Kombination in den Mischungsveränderungen, welche nach bestimmten Verhältnissen erfol- gen können, möglich ist. Aus IHall’s bekannten Versuchen geht hervor, dafs es blofs von der Arı der Erstarrung abhängt, ob man aus Fossilien von der Trapp- formation und aus natürlichen Laven, durchsichtige Gläser oder un- durchsichuge steinarlige und krystallinische Massen darstellen will, und dafs sich nach Willkühr die Gläser in Steine und die Steine wieder in Gläser verwandeln lassen. — Diese vortrefllichen Versuche, so wie die mit vieler Sorgfalt und zum Theil mit grofser Ausführlichkeit angestell- ten Untersuchungen über die sogenannte Entglasung, von Reaumur, Bose d’Antic, Dartigues, Fleuriau de Bellevue, Watt und Fourmy erhalten, wie es scheint, ihre richtige Deutung erst durch die hier nachgewiesene Ausbildung von Verbindungen nach bestimmten Mi- schungsverhältnissen, wozu es des flüssigen Zustandes der Mischung kei- nesweges bedarf. Dieser leizie Umstand ist es auch, der für die Erklä- rung geologischer Erscheinungen vorzüglich wichtig seyn dürfte, weil man sich die Masse, in welcher Krystalle vorkommen, die schmelzbarer als die Grundmasse, worin sie sich befinden, selbst sind, nicht mehr über die chemische Verbindung der Körper. 33 flüssig, sondern nur in einem solchen Zustande denken darf, dafs die Kohäsionsthätigkeit das allgemeine Verbindungsstreben in dem Augen- blick ihrer Bildung zu überwinden vermogte. Die von de Dree auf- gestellten, durch Versuche erwiesenen sehr scharfsinnigen Ansichten, welche sich auf eine theilweise Erweichung einer ausgebildeten Verbin- dung beziehen, können, weil sie ein specieller Fall des allgemeinen Er- folgs der Schmelzung und Erstarrung sind, nur zur Erklärung der be- sonderen, auf einen solchen Erfolg gerichteten Erscheinungen dienen. Das Glühen schon erstarrter Mischungen in einem gehörigen Grade der Temperatur, ist in vielen Fällen ein weit wirksameres Mittel, eine Veränderung des Mischungsverhältnisses hervorzubringen, als das mehr oder weniger verzögerte Erstarren der flüssigen Verbindung. Ohne Zweifel ist dies Verhalten so sehr von den Eigenschafsen der auf einan- der wirkenden und der aus dieser Einwirkung entstehenden Körper ab- hängig, dafs sich für jeden besonderen Fall sehr verschiedenartige Er- scheinungen darbieten werden. Ein Beispiel der Verbindungsfähigkeit in ganz unbestimmten und sehr veränderlichen Verhältnissen, geben, un- ter anderen Körpern, das Kupfer und das Zinn. 100 Theile Zinn las- sen sich mit 50, 100 und 200 Theilen Kupfer zu einer Mischung zu- sammen schmelzen, die nicht allein im flüssigen Zustande, sondern auch nach dem langsamen oder plötzlichen Erstarren, vollkommen gleichartig bleibt. Alle drei Verbindungen sind spröde und weifs von Farbe. Ihre völlige Gleichartigkeit läfst keinen Zweifel übrig, dafs sie nicht als wirk- liche chemische Verbindungen des Kupfers mit dem Zinn, also als Ver- bindungen nach ganz unbestimmten Mischungsverhältnissen, auch im erstarrten Zustande zu betrachten wären. Alle diese Mischungen leiden durch Glühen keine Veränderung. Vergröfsert man das Verhältnifs des Kupfers zum Zinn, etwa so, dafs 100 Theile des letzteren mit 400 Theilen des ersteren verbunden sind, so erhält das Metallgemisch, beim höchst langsamen Erkalten im Tiegel, auf der Oberfläche ein ge- stricktes Ansehen und auf der Bruchfläche ein dichtes Gefüge, verbun- den mit einer schmutzigweifsen Farbe und mit beträchtlicher Sprödig- keit. Wird diese Legirung schnell in einer kalten eisernen Form ausge- gossen, so behält sie ihre Eigenschaften, so dafs sie durch langsames oder beschleunigtes Erstarren keiner Mischungsveränderung zu unterliegen 5 Phys: Klasse 1324. E 34 Kırsrten scheint. Glüht man sie aber in einer die Rothglühhitze erreichenden Temperatur; so hängt es ganz von der Art der Erkaltung des geglühe- ten Gemisches ab, ob es dieselben Eigenschaften wie vor dem Glühen behalten, oder ob es eine gelbliche, weiche und dehnbare Mischung mit körnigem Gefüge bilden soll. Letzteres ist der Fall, wenn das glühende Gemisch durch Ablöschen im Wasser plötzlich erkaltet wird, wogegen sich die ursprüungliche Verbindung durch. langsames Abkühlen an der Luft wieder herstellt. Wird die Temperatur beim Glühen etwas zu sehr erhöhet, so schwitzen auf der Oberfläche des noch starren Gemisches ganz kleine, silberweifse Perlchen aus, welche indefs bald wieder ver- schwinden, wenn die Erhitzung fortdauert, so dafs das ganze Gemisch in Flufs kommt und die Veränderungen durch das Glühen nicht weiter bemerkt werden können. Diese Erscheinungen beim Glühen sowohl, als die ungleichartige Beschaffenheit der Bruchfläche des plötzlich erkalteten geglüheten Gemisches, deuten darauf hin, dafs die Mischung in der Hitze, welche zum Schmelzen noch nicht hinreicht, ein anderes Mischungsver- hältnifs eingeht, indem sich eine leichtflüssigere, aus mehr Zinn und weniger Kupfer bestehende Verbindung bildet, welche durch langsames Erkalten wieder zerstört wird, durch schnelles Ablöschen im Wasser aber gebildet bleibt, weil die Erstarrung schneller erfolgt, als sich die frühere allgemeine Verbindung beider Metalle wieder herstellt. Bei al- len den Mischungen, welche ein gröfseres Verhältnifs an Zinn enthal- ten, konnten diese Veränderungen durch das Glühen nicht eintreten, weil die zu grofse Leichtflüssigkeit eine Veränderung des Mischungsver- hältwnisses unmöglich machte. Aus demselben Grunde stellte sich auch bei diesem, aus {00 Zinn und 400 Kupfer bestehenden Gemisch, die ursprüngliche allgemeine Verbindung beider Metalle, durch das langsame Abkühlen nach dem Glühen, vollständig wieder her. Diese Mischungs- veränderungen durch die Temperaturunterschiede und durch die Art des Eıkaltens der rothglühenden Massen, erklären zugleich, warum sich diese Metallmischung in Rücksicht ihrer Dehnbarkeit und Hämmerbar- keit in der Rothglühhitze genau eben so verhält, wie nach dem plötz- lichen Erkalten, und warum das langsam erstarrte, so wie das noch nicht bis zum Rothglühen erhitzte Gemisch, spröde sind und sich unter dem Hammer nicht bearbeiten lassen. über die chemische Verbindung der Körper. 35 Wird das Verhältnifs des Kupfers zum Zinn noch mehr ver- gröfsert, verbindet man z. B. 100 Zinn mit 1100 Kupfer, — und dies ist das Verhältnifs, welches man gewöhnlich beim Kanonenguth anwen- det, — so bieten sich ganz andere Erscheinungen dar. Bei einem höchst langsamen Erkalten des flüssigen Gemisches erscheint dasselbe dem un- bewaffneten Auge ganz gleicharug; durch das Vergröfserungsglas läfst sich indefs die Ungleichartigkeit auf der frischen Bruchfläche leicht auf- finden und bemerken, dafs sich ein weifses Metallgemisch zwischen den gestrickten Flächen eines röthlichgelben Metallgemisches abgetrennt hat. Die gebohrte, abgedrehte, getriebene, geschliffene und polirte Oberfläche erscheint nur deshalb gleicharug, weil das zähere röthlichgelbe Metall- gemisch durch diese, mit einem mechanischen Ausstrecken derselben verbundene Bearbeitung, das Hervortreten der weifsen, spröden und in kleinen Körnchen eingelagerten Verbindung verhindert. — Bringt man das flüssige Metallgemisch plötzlich dadurch zum Erstarren, dafs man es in schwachen Zainen in einer möglichst dicken, kalten, eiser- nen Form ausgiefst; so erhält man ein durchaus gleichartiges Gemisch, auf dessen Bruchfläche sich durch die stärkste Vergröfserung nichts Un- gleichartiges bemerken läfsı. Die Mischung bleibt also homogen, wie sie es im flüssigen Zustande war. Wird dieser Zain in einer starken Rothglühhitze anhaltend geglüht und im glühenden Zustande plötzlich im Wasser abgelöscht, so behält er seine gleichartige Beschaffenheit; läfst man ihn sehr langsam an der Luft erkalten, so bekommt er die Beschaffenheit der langsam an der Luft erstarrten flüssigen Legirung, d.h. es bilder sich eine weifse, körnige Verbindung aus, welche sich in der überwiegenden Masse einer gestrickten röthlichgelben Mischung eingelagert findet. Dieses langsam erstarrte Gemenge verhält sich beim anhaltenden Glühen auf ähnliche Art. Wird es glühend im Wasser abgelöscht, so ist es durchaus gleichartig; erstarrt es langsam, so behält es seine Ungleichartigkeit bei. Eine aus 100 Zinn und 1100 Kupfer zusammengesetzte Mischung kann also nur in der erhöheten Tempera- tur, nämlich in der Schmelzhitze, oder in einer starken Rothglühhitze gleichartig seyn; sinkt die Temperatur, so bilden sich wenigstens zwei Verbindungen aus, und die so erstarrte Mischung ist ein Gemenge von wenigstens zwei Verbindungen nach besummten chemischen Mischungs- EB 2 36 KArRsTen verhältnissen, deren Bildung sich durch plötzliches Erstarren verhindern läfsı. Dies Metallgemisch verhält sich beim Glühen also ganz anders als das d’Arcetsche, und diese Verschiedenheit des Verhaltens ist eine Folge des veränderten Verhältnisses des Zinnes zum Kupfer, welches bei der d’Arcetschen Metallkomposition grofs genug war, um mit dem Kupfer in allen Temperaturen vereinigt zu bleiben, in der Glühhitze aber zur Entstehung von zwei Verbindungen Veranlassung zu geben, welche sowohl in der Schmelzhitze, ‘als in der gewöhnlichen Tempera- tur wieder zerstört wurden. Die Metallmischung zum Kanonenguth enthält so wenig Zinn, dafs beide Metalle der Schmelzhitze, ‚oder einer sehr erhöheten Temperatur bedürfen, um mit einander verbunden zu bleiben, und dafs durch Temperaturerniedrigung eine Trennung eintwitt, welche sich nur durch plötzliches Erkalten mehr oder. weniger vollstän- dig verhindern läfst. Unser metallenes Geschütz ist daher, — eben so wie das gegos- sene eiserne, — keine chemische Verbindung zweier Metalle, sondern ein Gemenge von wenigstens zwei Verbindungen: des 'Kupfers mit Zinn, welche, so zu sagen, mechanisch in einander geflochten sind. Eine aus 100 Zinn und 1100 Kupfer bestehende Mischung, würde also nur dann eine gleichartige Verbindung seyn können, wenn es möglich wäre, das flüssige Gemisch plötzlich zur Erstarrung zu bringen, oder das langsam erstarrie metallene Geschütz einer starken Glühhitze auszusetzen und plötzlich im Wasser abzukühlen. Beides ist aber wegen der grofsen Masse des Gufsstücks unausführbar. Ueberläfst man, wie es nicht an- ders seyn kann, die flüssige Metallmischung der langsamen Abkühlung in der Geschützform; so sollte der Erfolg des Frstarrens für die Be- schaflenheit des Geschützes um so günstiger seyn, d. h. die Metall- mischung sollte um so homogener ausfallen, je mehr die Erstarrung beschleunigt würde. Die Erfahrung zeigt aber das Gegentheil. Der Widerspruch in den Erscheinungen ist indefs nur scheinbar, indem es nicht mehr darauf ankommt, durch plötzliches Erstarren eine homogene Beschaflenheit des Metallgemisches zu bewirken, welche sich bei so star- ken Massen nicht erzwingen läfst; sondern durch ein sehr langsames Erstarren eine möglichst regelmäfsige und gleich vertheilte Nebeneinan- derlagerung der sich ausbildenden Verbindungen hervorzubringen. Ist über die chemische Verbindung der Körper. 37 daher die Masse, woraus die Gufsform besteht, ein starker Wärmelei- ter; so wird die strengflüssigere Verbindung schnell zum Erstarren ge- ‚bracht und es tritt die sehr belehrende und über den Erfolg. des Erstar- vungsprozesses vieles Licht verbreitende Erscheinung ein, dafs sich, nachdem das Metall in der Form schon erstarrt ist, die aus- gebildete leichtflüssigere Metallmischung in die Höhe begiebt und auf dem sogenannten verlornen Kopf des Geschützes aussprudelt. Statt sich zu senken und durch das Erstarren zusammen zu ziehen, scheint die Metallmischung vielmehr sich auszudehnen, indem sie in der Form in die Höhe steigt. Untersucht man den Zustand eines auf solche Art erstarrten Geschützes, so findet man die Bruchfläche voll Blasen und Höhlungen und das Geschütz ist unbrauchbar. Ein solches ausgequol- lenes Metallgemisch, — welches eine weilse Farbe hat und grofse Sprö- digkeit besitzt, — fand ich aus 21 Zinn und 79 Kupfer zusammenge- setzt, welches, nach den Verhältnifsgewichten von Berzelius, mit ei- nem Gemisch aus 1 M. G. Zinn und 7 M.G. Kupfer fast ganz genau übereinstimmt. — Ist die Formmasse, — wie dies bei der neueren Giefsmethode der Fall ist, — mit eisernen Formkapseln umgeben, so erhitzen sich dieselben nach dem Gufs jedesmal sehr stark, sobald die eben erwähnten Erscheinungen des Aufsteigens der leichtlüssigeren Metallmischung eintreten. Wählt man aber die ältere Formmethode in Lehm, oder bedient man sich beim Kapselgufs einer möglichst wenig Wärme leitenden und dichten, wenig porösen Formmasse; so erhitzen sich die eisernen Formkapseln nicht, das Metall senkt sich und erstarrt ohne dafs ein Aufsteigen der leichtlüssigeren Metallmischung statt fände. Das Metallgemisch wird länger flüssig erhalten, indem es eines drei bis viermal längeren Zeitraumes zum Erstarren bedarf, so dafs das sireng- flüssigere Metallgemisch, im Augenblick der Bildung nicht plötzlich er- starrt, sondern dem leichtflüssigeren Metallgemisch noch Wärme entzieht, wodurch eine regelmäfsige Nebeneinanderlagerung dieser beiden Verbin- dungen herbeigeführt wird. Beide Verbindungen stellen sich auf der frischen Bruchfläche, schon dem unbewallneten Auge, sehr auflallend dar. Die chemische Zusammensetzung der strengflüssigeren Verbindung läfst sich nicht ausmitteln, weil es nicht möglich ist, dies rothe und zähe Metallgemisch von dem mechanisch eingeflochtenen weifsen und spröden 35 KıAırs TEN zu trennen. Das letztere kann man aber rein erhalten, indem es sich wegen seiner Leichtflüssigkeit zum Theil in die Formmasse zieht, wenn das strengflüssigere Gemisch schon erstarrt ist, so dafs es von der mecha- nischen Verbindung mit dem letzteren frei bleibt. Dieses weifse, spröde und harte, von den Geschützgiefsern so genannte Krätzmetall, habe ich aus 17,7 Zinn und 82,3 Kupfer zusammengesetzt gefunden, eine Zu- sammensetzung die, nach den Verhältnifsgewichten von Berzelius, mit einem Gemisch aus 1M.G. Zinn und 9M.G. Kupfer ganz genau über- einstimmt. Es bilden sich also leichtflüssige Verbindungen von Zinn und Kupfer nach zwar bestimmten, aber sehr verschiedenen Verhältnis- sen aus, bei denen der Kupfergehalt in dem Grade wächst, wie die Erstarrung beschleunigt wird. In einem solchen Erfolge mögte auch der Grund zu suchen seyn, warum sich, nach den Erfahrungen der Ar- tilleristen, die Stücken von schwererem Kaliber nie so dauerhaft zeigen als die von schwächerem, wenn sie nicht allein aus einem auf dieselbe Art zusammengesetzten Metallgemisch, sondern auch gleichzeitig bei ei- nem und demselben Gufs angefertigt werden. Die Scele des schweren Geschützes ist weicher und erweitert sich daher durch den Gebrauch schneller als die Seele des Geschützes von leichteren Kaliber, weil das Geschütz von schwererem Kaliber beim Gufs eine ungleich gröfsere und weit langsamer erkaltende Masse darbietet, in welcher die durch das langsame Erkalten entstehende leichtflüssige Metallmischung weniger Zinn enthält, folglich weicher ist, als die leichtflüssige Verbindung, welche bei dem schnelleren Erstarren gebildet wird. So führen also auch diese Erscheinungen zu dem Resultat, dafs nicht allein die Mischungsverhältnisse der entstehenden Verbindungen, in manchen Fällen durch die Temperaturverschiedenheiten bestimmt wer- den, sondern dafs auch schon entstandene Verbindungen, durch blofses Glühen, eine Veränderung ihres Mischungsverhältnisses erleiden können, ohne dafs ein flüssiger Zustand der Mischung, oder die Ent- wickelung gasartiger Stoffe nothwendig erfordert wird. ® IIIINDONNNNIIN Ueber den Saigerhuttenprozefs. Ar -Von H"- KARSTEN. mummnnvirrrrrn [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 19. Februar 1824.] Schon seit einigen Jahrhunderten wird der Saigerhüttenprozefs, mit unwesentlichen Abänderungen, fast eben so ausgeübt, wie Agrikola, Erker und Löhneys ihn beschreiben. So einfach die Saigerarbeit erscheint, so mögte sie doch zu den schwierigsten und in ihren Grün- den am wenigsten erkannten metallurgischen Operationen zu zählen seyn, und kaum ist es zu glauben, dafs sie einem anderen Umstande als dem Zufall ihre Entstehung verdankt. Die Geschichte des Saigerhüttenbe- triebes vor Agrikola’s Zeit kennen wir nicht und daher läfst sich auch nicht mehr ausmitteln, welche Vervollkommnungen und Verbesse- rungen dieser Prozefs nach und nach erhalten haben mag, bis ihm der Grad von Vollkommenheit zu Theil ward, in welchem wir ihn in der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts erblicken. Der Zweck der Saigerhüttenarbeit ist die Trennung des Silbers von dem silberhaltigen Kupfer, vermittelst des Bieies. Man erreicht ihn dadurch, dafs man das Kupfer mit einer angemessenen Menge Blei ver- bindet und .die entstandene Verbindung auf eine eigenthümliche Weise wieder aufhebt. Das Silber trennt sich dabei vom Kupfer, indem es sich mit dem Blei vereinigt, in dessen Verbindung es im flüssigen Zu- stande, bei einem gewissen Temperaturgrade, das alsdann noch starr bleibende Kupfer verläfst. Es liegt also diesem Prozefs eigentlich die Absicht zum Grunde, den Silbergehalt des Kupfers mit Blei in Verbin- dung zu bringen, weil diese Metallmischung sich durch einen einfachen, aber sehr sinnreichen Oxydationsprozels, der unter dem Namen der 40 KArRrsTeEen Treibarbeit bekannt ist, leicht aufheben und auf diese Weise das Sil- ber rein darstellen läfst, welches in Vereinigung mit dem ungleich streng- flüssigeren und weniger oxydablen Kupfer uicht geschehen konnte. Sehr einfach würde der Saigerprozefs seyn, wenn die Verbindung von Blei und Kupfer, in einer Temperatur, welche zum Flüssigwerden des Kupfers noch nicht hinreicht, vollständig wieder aufgehoben wer- den könnte. Die Trennung beider Metalle ist aber nur bis zu einem gewissen Verhälwmifs durch die Saigerung zu bewirken. Einen Theil des in dem abgesaigerten Metallgemisch, oder in dem Kiehnstock zurück- gebliebenem silberhaltigen Bleies, sucht man durch starkes Glühen, un- ter Zutritt von atmosphärischer Luft, oder durch die sogenannte Darr- arbeit zu gewinnen. Ein andrer Theil läfsı sich aber auch auf diese Weise aus dem Kiehnstock nicht abscheiden, sondern der Bleigehalt des abgedarrten Kiehnstocks, oder des Darrlings, mufs durch Einschmel- zen des bleihaltigen Kupfers vor dem Gebläse, oder durch das soge- nannte Gaarmachen, entfernt werden. Die Entsilberung des Kupfers wird folglich durch die Operatio- nen des Frischens, des Saigerns, des Darrens, des Treibens und des Gaarmachens verrichtet. Bei einer jeden dieser Operationen fal- len Zwischenprodukte verschiedener Art, welche unter dem Namen der Dörner oder Krätzen bekannt sind. Durch sie wird der Saigerhüt- tenprozefs sehr verwickelt und kostbar und seine Ausführbarkeit in öko- nomischer Rücksicht zum grofsen Theil von ihrer zweckmäfsigen Be- nutzung abhängig. Die Verwandtschaft des Bleies zum Silber scheint, wenn das Re- sultat des Prozesses das Anhalten zur Beurtheilung geben soll, — und das ist es ja, welches bei allen Verwandtschaftserfolgen zum Grunde ge- legt wird, — so bedeutend gröfser zu seyn, als die des Kupfers zum Silber, dafs die letztere fast als verschwindend erscheint. Der Rückhalt an Silber im Kupfer steht daher auch beinahe im Verhälinifs zu der Menge Blei, welche nach dem Darren mit dem Kupfer verbunden bleibt. Sehr silberreiches Kupfer läfst sich deshalb durch eine einmalige Saige- rung nicht entsilbern, vorzüglich weil das Verhälwifs des Bleies zum Kupfer beim Frischen, aus technischen und ökonomischen Gründen, nicht über eine gewisse Gränze hinaus vergröfsert werden darf. über den Saigerhüttenproze/s. 41 Die theoretischen Gründe worauf der Saigerhüttenprozefs beruht, werden sich bei der Betrachtung der einzelnen Arbeiten, durch welche die Silberscheidung bewirkt wird, besser übersehen lassen. 1. Das Frischen. So heifst die Operation, durch welche die Verbindung des silberhaltigen Kupfers mit Blei bezweckt, und welche in der Regel in einem gewöhnlichen Krummofen verrichtet wird. Dem durch dieses Schmelzen erhaltenen Metallgemisch giebt man die Gestalt von Scheiben, deren Form und Gröfse nicht so gleichgültig sind, als es scheinen könnte. Nur durch die Scheibenform der Frischstücke läfst sich, ohne grofse Schwierigkeit, eine so vollständige Aussonderung des silberhaltigen Bleies durch die Saigerung bewirken, als es die Natur die- ses Prozesses überhaupt zulässig macht. Aber wichtiger noch, als Ge- stalt und Gröfse der Frischstücken, ist das Verhältnifs des Bleies zum Kupfer. Je geringer dieses seyn kann, mit desto gröfserem Vortheil würde der Saigerhüttenprozefs, unter übrigens gleichen Umständen, aus- geübt werden, weil sich mit dem vergröfserten Verhältnifs des Bleies auch die Menge der Zwischenprodukte bei den verschiedenen Arbeiten vermehren mufs. Die möglichst reine Abscheidung des Silbers fordert dagegen die möglichste Vergröfserung des Verhältnisses des Bleies zum Kupfer, weil der Rückhalt an Silber mit dem in den Darrlingen zu- rückbleibenden Blei im Verhältnifs steht. Das Beschickungsverhältnifs beider Metalle würde daher, diesen beiden Rücksichten gemäfs, für je- den einzelnen Fall gewählt werden müssen, wenn nicht ein andrer Um- stand hinzuträte, welcher jenes Verhältnifs noch näher bestimmte. Eine wenigstens hundertjährige Erfahrung hat nämlich gelehrt, dafs die Saige- rung am besten von statten geht, wenn Kupfer und Blei in den Frisch- stücken in dem Verhälwnifs von 3 zu 10, oder auch von 3 zu 11 vor- handen sind, und dafs bei einem bedeutend gröfseren Verhältnifs des Bleies, zu leicht ein Flüssigwerden der Frischstücken herbeigeführt, und bei einem bedeutend geringeren Verhältnifs, wegen der gleich anfäng- lich erforderlichen grofsen Hitze, ebenfalls eine Schmelzung der Frisch- stücken veranlafst werden würde. Obgleich der Erfolg in beiden Fällen, wenigstens bis zu einer gewissen Gränze beider Verhältnisse, keinen che- mischen Grund hat; so bleibt es doch merkwürdig, dafs eine so alte Er- 9? Phys. Klasse 1824. F 42 KARrsTtEn fahrung schon das Verhältnifs von 3 zu 10.als das beste kennen gelehrt hat, indem dasselbe ziemlich genau mit den chemischen Mischungsge- wichten des Kupfers und des Bleies übereinstimmt. Von welcher Art ist aber die Verbindung, welche durch das Zu- sammenschmelzen von Kupfer und Blei, in. dem Verhältnifs ‚von: 3 zu 10 oder zu 11 erhalten wird? ‚So lange sie ‚sich im. geschmolzenen oder flüssigen Zustande belindet,. muls, sie. wegen ihrer völligen Gleicharug- keit als eine vollkommene chemische Vereinigung beider Metalle ange- sehen werden. Eirkaltet sie schnell, wie dies im Stichheerd immer der Fall ist, indem man die Erstarrung des Frischstücks durch Begiefsen mit Wasser zu befördern sucht, so bleibt die Gleichartigkeit der Masse bei. Wird die Erstarrung, unter. Zutritt der atmosphärischen Luft ab- sichtlich verzögert, so tritt eine Ungleichartigkeit der Mischung ein, in- dem sich die Oberfläche bald mit einer Kupferoxydul haltenden und im- mer stärker werdenden Lage von Bleioxyd bedeckt, ein Erfolg, welcher später durch die Erscheinungen beim Gaarmachen seine Erklärung fin- den wird. Durch ein höchst langsames Erkalten der geschmolzenen Masse in bedeckten Tiegeln, scheint zwar wirklich eine weichere , blei- haltigere Verbindung, welche die untere Schicht bildet, und eine här- tere, kupferhalugere, die den oberen Theil des Regulus ausmacht, ge- bildet zu werden; aber das langsame Erstarren der flüssigen Masse al- lein, ist, bei dem Verhältnifs des Bleies zum Kupfer, wie es in den Saigerstücken statt findet, noch nicht genügend, die Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen vollständig auszubilden, weil das Verhältnifs des Bleies zu grofs ist, als dafs sich die Kohäsionskraft des nach bestimmten Mischungsgewichten strebenden Gemisches aus Kupfer und Blei, kräfug äufsern könnte. Es scheint hier dasselbe Verhalten statt zu finden, welches das d’Arcetsche Metallgemisch aus Kupfer und Zinn befolgt. 2. Das Saigern. Was durch langsames Erstarren eines Metall- gemisches, woraus das zu saigernde Frischstück zusammengesetzt ist, nur höchst unvollkommen bewirkt werden konnte, wird ungleich voll- ständiger erreicht, wenn das Frischstück, — wie es beim Saigern der Fall ist, — einer Glühhitze ausgesetzt wird, welche die Kupferschmelz- über den Sargerhüttenproze/s. 43 hitze noch nicht erreicht. Ob die leichiflüssige Verbindung, welche sich durch die Operation des Saigerns von dem auf den Saigerscharten zu- rück bleibenden strengflüssigeren Metallgemisch trennt, reines Blei, oder ob sie eine, nach bestimmten und unveränderlichen Mischungsgewich- ten zusammengesetzte Verbindung von vielem Blei mit wenig Kupfer ist, ändert in der Erklärung der Erscheinungen welche beim Saigern vorgehen, nichts ab. Immer sehen wir in einem homogenen Metailge- misch, durch das Glühen, zwei Verbindungen sich ausbilden, von denen die eine ungleich strengflüssiger ist als die andere, so dafs sie durch diese Eigenschaft zugleich Veranlassung zur Trennung geben. Die Mög- lichkeit der Trennung setzt aber eine Veränderung in den Mischungs- verhältnissen voraus; die Abscheidung des Dleies, oder vielmehr des kupferhaltenden Bleies, ist also nicht das Wesentliche des Prozesses, sondern ein denselben begleitender und in den Eigenschaften der gebil- deten Mischungen begründeter Erfolg desselben. Dafs er wirklich in der angegebenen Art eintritt, davon kann man sich eine genügende Ueber- zeugung verschaffen, wenn man ein, aus drei Theilen Kupfer und zehn Theilen Blei bestehendes Metallgemisch, in einer eisernen Form zu einem Zain ausgiefst und schnell zur Erstarrung bringt. Das Gemisch ist voll- kommen gleichartig und stellt eine chemische Verbindung beider Metalle dar. Wird dieser Zain sorgfältig in einer anhaltenden Glühhitze erhal- ten, welche noch nicht zureichend ist um das Gemisch zum Schmelzen zu bringen, so ist der Erfolg des Glühens höchst verschieden, je nach- dem der glühende Zain plötzlich oder langsam erkaltet. Beim langsa- men Abkühlen an der Luft, behält er auf der Bruchfläche dasselbe ho- mogene Ansehen, welches er vor dem Glühen besafs. Beim plötzlichen Erkalten (durch Ablöschen im Wasser) zeigen sich auf der Bruchfläche ganz bestimmt zwei verschiedene Metallmischungen , welche sich an der grauen ‚Farbe sehr deullich unterscheiden lassen. Die Glühhitze hatte also eine Trennung bewirkt, welche bei der langsamen rothen undıan der Abkühlung wieder aufgehoben ward. Diese Trennung tritt folglich vor dem Flüssigwerden der Mischung ein und sie würde sogar verhindert werden, sobald das Gemisch den Zustand der Flüssigkeit erlangt, wenn nicht durch eine besondere Vorrichtung die im flüssigen Zustande sich F2 44 Kirsten trennende leichtflüssigere Verbindung, von der strengflüssigeren Metall- mischung entfernt würde. Das Resultat der Saigerung sind die sogenannten Werke, näm- lich silberhaltiges Blei, welches sich im flüssigen Zustande abgeschieden hat, und die unter dem Namen des Kiehnstocks bekannte Verbindung von Kupfer und Blei, welche sich durch Glühen nicht weiter trennen läfst und im starren Zustande auf dem Saigerheerde zurück bleibt. Die Zusammensetzung der Werke und Kiehnstöcke würde daher über den Erfolg des Saigerprozesses Aufschlufs geben müssen. Von den bei einer und derselben Saigerung niedergeschmolzenen Werken wurden in sieben verschiedenen Perioden, nämlich zu Anfange und zu Ende des Prozes- ses, und aufserdem etwa von dreifsig zu dreifsig Minuten, mit grofser Sorgfalt Schöpfproben genommen, in denen ein ziemlich gleich bleiben- des Verhältnifs des Kupfers zum Blei gefunden ward (!). Dies Verhält- nifs würde am mehrsten. mit einer Verbindung aus zwölf Mischunsge- wichten Blei und einem Mischungsgewicht Kupfer übereinsimmen, einer Verbindung, deren V orhandenseyn gerade nicht sehr grofse Wahrschein- lichkeit für sich hat und daher aus dem Erfolg dieser Untersuchungen nicht mit Zuverlässigkeit angenommen werden darf. Auch der Silber- gehalt der Werke zeigte keine bedeutende Verschiedenheit (?). Beide Erfolge beweisen aber wenigstens, dafs die Scheidung der Metallgemische bei der Saigerung, vom Anfange bis zu Ende derselben, nach einem (1) Die Zusammensetzung der Werke geht aus folgender Zusammenstellung hervor, in welcher No.1 die zu Anfange, und No.7 die zu Ende der Saigerung gefallenen Werke bezeichnen N0.4. ; ,N0,25,7., NO... ENOSA 2 N0..5: N 00 NO: Ze EEE ARE I I E NZE Bier. AN ITISHEIRGT NG 97,3 97,6 97,1 97,5 978. Kupfer... 2,2 2,1 2,7 2,3 2,8 218 2,7 (2) Der Silbergehalt (nach Lothen in 200 Pf. Werken) war folgender : Not, No:2. : No.3. No, 4. No: 5. No. 6. No. 7. ir 2er lab ER, in) MIEHDSEI ED et 10,5 4104651: 2140,:759924.05:75 7 "2057. 10, 8119 '1058% über den Saigerhüttenproze/s. 45 und demselben Gesetz statt findet, und dafs schwerlich eine mechanisch wirkende Kraft diese Scheidung hervorbringt. Die Zusammensetzung der Kiehnstöcke sollte freilich, wenn die Saigerung vollständig erfolgt ist, von der Art seyn, dafs sich daraus das bestimmte Mischungsverhältnifs, nach welchem beide Metalle bei der Saigerung streben, erkennen liefse. Es leuchtet aber ein, dafs es schwer- lich gelingen kann, dies Mischungsverhältnifs mit völliger Zuverlässigkeit aufzufinden, weil der Saigerprozefs in jedem Augenblick unterbrochen werden kann und weil diese Unterbrechung in der Ausübung wirklich statt findet, indem die Trennung der letzten Antheile Werke eine sehr ganzen Kiehnstock in Fluss zu bringen, und die Werke durch einen zu grofsen Kupfergehalt zu grofse Hitze erfordert, bei welcher man den verunreinigen fürchtet. Dies ist der Grund warum in den von mir un- tersuchten Kiehnstöcken, der Kupfergehalt von 67, 1 bis 75,4 und der Bleigehalt von 32,9 bis 24,6 differirend gefunden ward. Dafs sich bei so abweichenden Verhältnissen kein bestimmtes Mischungsverhältnifs durch Vergleichung der Analysen ausmitteln läfst, bedarf keiner Erwäh- gesuchten be- stimmten Mischungsverhältnifs am mehrsten nähert, in welchem das Ver- nung; aber es ist klar, dafs sich der Kiehnstock dem hältnifs des Bleies das kleinste ist. Wäre es erlaubt, auf einer Vermu- thung eine zweite zu begründen, so würde man die wahre Zusammen- setzung eines ganz vollkommen abgesaigerten Kiehnstocks aus zwölf Mischungsgewichten Kupfer und einem Mischungsgewicht Blei anzuneh- men haben. Ein so zusammengesetzter Kiehnstock mülste 21,43 Pro- zent Blei enthalten, so dafs sich das Frischstück bei der Saigerung in zwei Verbindungen zerlegte, von denen die eine aus 12M.G. Blei und 1M.G. Kupfer, und die zweite aus 12 M.G. Kupfer und {M. G. Blei bestände. Ein solcher Erfolg würde zugleich einen schönen Auf- schlufs darüber geben, warum nach uralter Erfahrung, die Saigerung am besten von statten geht, wenn die Frischstücken aus 1 M.G. Blei und 1 M.G. Kupfer zusammengesetzt sind. Wenn die abgesaigerten Kiehnstöcke im glühenden Zustande mit Wasser begossen werden, lassen sie, bei einem gewissen Grade der Tem- peratur, aber nicht wenn sie noch zu heifs oder schon zu kalt sind, aber- 46 KAxrsten mals Werke fallen, so dafs es scheint als ob die Saigerung von Neuem wieder beginnen wollte. Diese Erscheinung ist ganz dazu geeignet, über den Vorgang beim Saigerprozels mehr Licht zu verbreiten. In der zu grofsen Hitze hat sich nämlich eine allgemeine Verbindung von Kupfer und Blei gebildet, welche durch das plötzliche Ablöschen mit Wasser zum Erstarren gebracht wird. Durch die allmälige Abnahme der Tem- peratur konnten sich die bestimmten Verbindungen schon wieder aus- bilden, und wenn der Kiehnstock in diesem Zustande mit Wasser be- gossen wird, mufste die leichtflüssigere Verbindung, beim plötzlichen Zusammenziehen der erkaltenden strengflüssigeren Mischung, mechanisch ausgeprefst werden; eine Wirkung die man deutlich eintreten sieht, wenn man den Vorgang genau beobachtet, indem die Bleikörner recht eigentlich tropfenweise ausschwitzen. Warum dies Ausschwitzen von Werken nicht statt findet, wenn der Kiehnstock schon zu sehr abge- kühlt ist, bedarf der Erklärung nicht; wohl aber mufs es bemerkt wer- den, dafs ein solcher Kiehnstock beim neuen Glühen abermals wieder Werke fallen läfst, welche sich beim langsamen Abkühlen gebildet hat- ten und durch die allmälig erfolgte Erstarrung nicht ausgeprefst wur- den, sondern sich gleichförmig in der ganzen Masse des Riehnstocks verbreiteten. Die Werke welche beim Begiefsen der glühenden Kiehn- stöcke mit Wasser ausgeprefst werden, enthalten 2,9 Prozent Kupfer und sind also etwas kupferhaltiger als die reinen Saigerwerke; indefs kann dieser unbedeutend gröfsere Gehalt auch zufällig seyn. Dies ist um so wahrscheinlicher, als in den Werken, welche beim aberma- ligen Erhitzen der abgesaigerten Kiehnstöcke erhalten werden, bei der Untersuchung ebenfalls nur ein Kupfergehalt von 2, 39 Prozent ge- funden ward. Diese Erscheinungen geben aber auch zugleich darüber einen Auf- schlufs, warum es nicht möglich ist, die Frischstücke vollständig zu sai- gern, d.h. zu dem bestimmten Mischungsverhältnifs des Kupfers und: Bleies in den Kiehnstöcken zurückzuführen. Die letzten Antheile der leichtflüssigen Mischung erfordern nämlich, zur völligen Trennung, schon eine starke Hitze, weil sie von einer srofsen Menge der strengflüssigen Mischung umgeben sind. Deshalb wird eine zu schwache Hitze keine über den Saigerhültenproze)s. 47 Absaigerung ınehr bewirken. Wird die Hitze aber zu sehr verstärkt, so werden die Verbindungen nach bestimmten Mischungsverhältnissen wieder zerstört und es wird dann die Saigerung aus chemischen Grün- den unmöglich. 3. Das Darren. Läfst sich gleich die Gränze nicht genau be- summen, ‘bis zu welcher die Ausscheidung des Bleies aus dem Frisch- stück durch das Saigern noch möglich ist, und beruht es gleich nur auf Vermuthung, dafs die Enıbleiung durch die vollständigste Saigerung nur bis zu einem Bleigehalt des Kiehnstocks von 21, 43 Prozent ge- bracht werden kann; so ist doch so viel gewifs, dafs eine solche Gränze vorhanden ist und dafs der ganze Prozefs des Saigerns schon unter die- ser Gränze durch zu starke Temperaturerhöhung, welche die Schmelz- hitze des Kupfers noch nicht erreicht, gänzlich unterbrochen wird. Wahrscheinlich ist es eine Folge der gegen das Ende der Saigerarbeit zu sehr verstärkten Hitze, dafs die am besten abgesaigerten Kiehnstöcke noch einen Bleigehalt von 24 bis 28 Prozent behalten und dadurch zu einer noch gröfseren Unvollkommenheit des Scheidungsverfahrens, als die Natur desselben schon ohnedies mit sich bringt, Veranlassung ge- ben. Um einen so grofsen Gehalt an Blei, und in demselben Verhält- nifs auch an Silber, nicht zu verlieren, werden die Kiehnstöcke zum Darren abgegeben. So nothwendig es war, die Frischstücken beim Sai- gern mit Kohle zu umgeben und den Zutritt der unzerlegten atmosphä- rischen Luft möglichst abzuhalten; eben so nothwendig ist es, den Kiehnstöcken beim Darren jedes Reduktionsmittel zu entziehen und die Erhitzung durch Flammenfeuer und mit Luftzutritt zu bewirken. Im Darrofen werden die Kiehnstöcke einer ungleich gröfseren Hitze, als auf den Saigerheerden gegen das Ende der Saigerarbeit, ausgesetzt. Nur zu Anfange der Darrarbeit darf das Feuer nicht zu stark seyn, weil die Kiehnstöcke wie vorhin erwähnt, noch Werke fallen lassen, die sich beim Erkalten auf den Saigerscharten in der Masse des Kiehnstocks aus- gebildet hatten. Eine zu schnell gesteigerte Hitze im Darrofen würde durch das Zurückführen zu einer allgemeinen Verbindung, das Schmel- zen des Kiehnstocks bewirken. Erst wenn keine Werke mehr nieder- wopfen, sondern wenn, statt des regulinischen Metalles, ein verkalktes 48 KARSTEN Metallgemisch, welches den Namen Darrost erhalten hat, in den Darr- gassen häufiger zum Vorschein kommt, kann die Hitze ohne Nachtheil verstärkt werden. Gewöhnlich zeigt sich erst in fünf bis sechs Stunden nach dem erfolgten Anstecken des Ofens, der erste Darrost. Dies OXY- dirte Metallgemisch fliefst, bei starker Hitze und unter geöflneien Zügen in dem Gewölbe des Ofens, neun bis zehn Stunden lang ununterbrochen in den Darrgassen nieder. Dann tritt ein Zeitpunkt ein, wo es sparsamer zum Vorschein kommt. Die Zugöffnungen werden alsdann geschlossen, wodurch die Hitze im Öfen wegen der Verminderung des Lufizuges geschwächt wird, obgleich mit der Feurung in den Darrgassen unun- terbrochen fortgefahren werden mufs. In diesem Zustande des gedämpf- ten Zuges wird der Ofen drei bis vier Stunden lang erhalten. Wäh- vend dieses Zeitraums tropft der Darrost weniger häufig in den Gassen nieder. Sobald er in gröfserer Menge zum Vorschein kommt, werden die Luftzüge im Gewölbe wieder geöflnet, wodurch die Hitze verstärkt und das Abfliefsen des Darrostes befördert wird. Nach Verlauf von sechs bis acht Stunden nach wieder geöflneten Zügen, pflegt keine Ab- sonderung des Darrostes mehr statt zu finden, weshalb die abgedarr- ten Kiehnstöcke, oder die Darrlinge, noch glühend ausgebrochen und in einen mit Wasser angefüllten Sumpf geworfen werden, um durch das plötzliche Ablöschen, die Ablösung des fast im verglasten Zustande sich befindenden Kupferoxyds (Pickschiefers) von der Oberfläche des Darr- lings zu erleichtern. Die Produkte des Darrens, welche Aufschlufs über den Vorgang bei diesem Prozefs geben sollen, sind also Darrlinge, Darrost und Pick- schiefer. Die verschiedenen Darrlinge welche ich untersucht habe, zeig- ten einen abweichenden Gehalt an Kupfer von 82,7 bis 90,6 und an Blei von 17,3 bis 9, 4 Prozent. Der Darrling ist also keine bestimmte chemische Verbindung von Kupfer und Blei, sondern es hängt von der gröfseren oder geringeren Vollkommenheit ab, womit der Darr- prozefs ausgeübt wird, ob sich das Blei mehr oder weniger vollstän- dig ausscheidet. Der Pickschiefer ist ein mechanisches Gemenge von regulinischem Kupfer, welches beim Ablösen vom Darrling als eine feine Schaale über den SargerhüttenprozeJs. 49 am Pickschiefer hängen bleibt, ferner von Kupferoxyd, von Kupfer- oxydul und von Bleioxyd. Das Kupferoxyd ist der überwiegendste Ge- mengtheil und beträgt 60 bis 70 Prozent. Ganz reiner Pickschiefer, welcher beim Ablöschen des Darrlings im Wasser von selbst abfällt, besteht fast ganz aus Kupferoxyd. Die Zusammensetzung des Darrostes nähert sich im Allgemeinen der eines Silikats, dessen Basen Bleioxyd und Kupferoxydul, nebst et- was Thonerde und Eisenoxydul sind. Er würde eine Verbindung von Bleioxyd mit Kupferoxydul seyn, wenn das in den Darrgassen herab- schmelzende oxydirte Metallgemisch, nicht den Lehm oder Thon, woraus die Ofensohle und Bänke aufgeführt werden, auflösete. Von der ver- änderlichen Beschaffenheit dieses Materials wird also auch die Verunrei- nigung der Metalloxyde im Darrost abhängig seyn. Um einen vollständigen Aufschlufs über den Vorgang beim Darr- prozefs zu erhalten, mufste nothwendig ausgemittelt werden, wie sich Kupfer und Bleioxyd, so wie Kupferoxyd und Blei, in verschlossenen Thontiegeln, ohne Zutritt von Kohle, beim Zusammenschmelzen verhal- ten würden. Die Versuche welche ich bei sehr abgeänderten Verhält- nissen des Kupfers zum Bieioxyd, so wie des Kupferoxyds zum Dlei angestellt habe, gaben mir das Resultat, dafs Blei und Kupferoxyd, so wie Bleioxyd und Kupfer sich nach einerlei Gesetz beim Zusammen- schmelzen verhalten, dafs sie sich nämlich wechselseitig in der Art zer- setzen, dafs in dem entstehenden oxydirten Gemisch, das Blei sechsmal so viel Sauerstoff als das Kupfer enthält und dafs diesem Gesetz gemäls die Reduktion des Kupferoxyds oder des Bleioxyds theilweise erfol- gen mufs. Zur Untersuchung des Darrostes sind Proben angewendet worden, welche im Verlauf eines ganzen Darrprozesses, vom Anfange bis zu Ende desselben gesammelt wurden. Weil sich drei Hauptperioden des Prozesses annehmen lassen, nämlich das Darren in den ersten acht bis zehn Stunden bei geöflneien Zügen des Öfens, das Darren in den fol- genden drei bis vier Stunden bei gedämpftien Zügen, und das Darren in den letzten sechs bis acht Stunden, bei wieder geöllneten Zügen, so wurden auch die Darrostproben von diesen drei Stadien besonders Phys. Klasse 1824. G 50 KaArRrs-TEnN genommen, und zwar bei einem jeden vom Anfange bis zu Ende dessel- ben (!). Diese Analysen zeigen, dafs das Bleioxyd den gröfsten Bestand- y 5 5 ıheil des Darrostes ausmacht, dafs dasselbe in dem Darrost, welcher bei geschlossenen Zügen des Öfens erhalten wird, in der gröfsten Menge vor- handen ist und das sich der Bleioxydgehalt in dem Darrost vom Anfange bis zu Ende des ersten Stadii, fast in demselben Verhältnifs vermin- a dert, wie in dem Darrost vom Anfange bis zu Ende des letzten Stadii. 5 Der Gehalt an Kupferoxydul steht dabei weder im graden noch im um- l A 5 gekehrten Verhältnifs mit dem Bleioxydgehalt. Nach diesen Erfahrungen mufs der Erfolg bei der Darrarbeit darin bestehen, dafs sich der Darrost durch die Einwirkung des regulinischen 5 5 Bleies auf das Kupferoxyd bildet, womit sich die Oberfläche der Kiehn- (1) Darrost von dem ersten Stadio, bei geöffneten Zügen No.1. No. 2. No. 3. wre Se ee Bleioxydns ee ac: 84,2 78,5 76,50 Kupferosydul..... 4,1 7,9 7,88 Eisemosydul- A... 0,4 0,5 0,50 Thöonerde .... 2... 4,1 157 1,80 Kieselerde...... . 10,2 RZ 13,30 Darrost vom zweiten Stadio, bei geschlossenen Zügen No.1. No. 2. I er, Bile nom ydenE pe ee 79,8 89-4 Kuptenor vide ee 3 4,1 Bistenomyidul ec nd. ehe ONE 0,3 Thonerde: ...... ee 1;2 1.0 Kueselkerde as% 2% 5 .uedtke 13,5 9,5 Darrost von dritten Stadio, bei wieder geöffneten Zügen No.1. N0.’2: INo-i3: en, eo — Biletoxyd. se. une 81,2 78,9 7 Dee Kupferoxydul. 4,3 6,3 7,6 Eisenoexydul...... 0,3 0,5 0,3 TDhonerdes. is... P 1,12 1,8 1,8 Kieselende „1... 1% 13,0 12,5 13,2 über den Saigerhüttenprozefs. 51 stöcke in der starken Glühhitze überzieht. Ein bestimmtes Mischungs- verhältnifs der oxydirten Masse kann aber deshalb nicht hervorgebracht werden, weil die hinzuströmende atmosphärische Luft das oxydablere Metall, — das Blei, — wenn es im Uebermaafs vorhanden ist, auch vor- zugsweise oxydiren wird. Das durch die Einwirkung des Bleies auf das Kupferoxyd sich bildende Metallgemisch, wird, in dem Augenblick des Entstehens, durch den Sauerstoff der Atmosphäre und in vielen Fällen auch zugleich durch die im Uebermaafs vorhandene, durch die Oxydi- rung des Bleies sich bildende Glätte, wieder zerstört und hilft den Dar- rost mit bilden. Das Kupferoxyd, welches sich durch das Blei in Oxydul und in regulinisches Kupfer umändert, ist wirklich vorhanden, wie die Zusammensetzung des Pickschiefers zeigt, der die Oberfläche des Darr- lings bekleidet. Der ganze Prozefs geht also auf der Oberfläche der Kichnstöcke vor und es bleibt nur zu erklären, woher das Blei kommt, welches alle diese Erscheinungen veranlafsı. Ein vollständig abgesaigerter Kiehnstock stellt eine chemische Ver- bindung des Kupfers mit Blei, nach bestimmten und unabänderlichen Mischungsgewichten dar, welcher durch Glühen kein Blei mehr entzo- gen werden kann. Beim Darren erfolgt also die Verminderung des Blei- gehaltes des Kiehnstocks offenbar nur dadurch, dafs sich das Blei nach und nach an die Oberfläche des Kiehnstocks begiebt, und dort ıtheils durch das Kupferoxyd, welches sich auf der Oberfläche des glühenden Kiehnstocks gebildet hatte, theils durch die atmosphärische Luft oxydirt, und in Verbindung mit Kupferoxydul als Darrost abgeschieden wird. Es erfolgt hier also die Entmischung einer chemischen Verbindung, und sogar einer chemischen Verbindung nach bestimmten Mischungsverhält- nissen, ungeachtet sich diese Verbindung nicht im flüssigen Zustande befindet. Dieser Erfolg läfst sich auf keine andere Weise erklären, als durch das Bestreben des Bleies, sich mit der ganzen Masse des Kupfers in der starken Glühhitze wieder in ein Gleichgewicht zu setzen, sobald dasselbe, durch die Einwirkung einer kräftiger wirkenden Potenz, als es die Verwandstchafiskraft des Kupfers zum Blei ist, auf irgend einem Punkte gestört wird. Die Wirkung des Sauerstoff, unterstützt durch die nach bestimmten Mischungsgewich- G 2 die Glühhitze, ist stark genug, 52 Karsten ten zusammengesetzte Verbindung des Kupfers mit Blei, auf der Ober- fläche des Kiehnstocks aufzuheben. Diese Aufhebung zerstört aber das Gleichgewicht in der ganzen Masse, weshalb das Blei dasselbe in der glühenden Verbindung immer wieder herzustellen strebt und auf der Oberfläche des Kiehnstocks stets wieder abgeschieden wird, so dafs der Erfolg die Verminderung des Bleigehalts des Kiehnstocks seyn mufs. Der Prozefs des Darrens giebt ein überzeugendes und lehrreiches Beispiel von Entmischungen, welche in einer gewissen Temperatur ohne einen flüssigen Zustand der Mischung stau finden können, so wie fer- ner von Verbindungen, welche sich in allen Verhältnissen, selbst in ei- ner nach bestimmten Mischungsgewichten zusammengesezten Mischung, unter gewissen Umständen ausbilden. Betrachtet man genauer die Zu- sammensetzung des Darrostes in den verschiedenen Stadien des Darr- prozesses, so ergiebt sich eine merkwürdige Uebereinsimmung zwischen dem Daärrost vom ersten und vom dritten Stadio. Erwägt man, dafs der Darrost zu Ende des ersten Stadii immer reicher an Kupferoxydul ward, dafs er schon sparsamer niedertropfte und fast ganz zu fliefsen aufhörte; dafs im zweiten Stadio verhältnifsmäfsig nur wenig, aber an Bleioxyd reicherer Darrost erfolgte und dafs im dritten Stadio wieder ein starkes Niederfliefsen von Darrost, von derselben Zusammensetzung wie der vom ersten Stadio statt fand, so mufs man die Ursachen dieses Erfolges darin suchen, dafs sich das Blei aus der Mitte des Kiehnstocks nicht so schnell nach der Oberfläche begeben, oder sich vielmehr nicht so schnell gleichmäfsig in der ganzen Masse des Kupfers vertheilen konnte, um immer Darrost von gleicher Zusammensetzung zu bilden. Das mitt- lere Stadium des Darrprozesses hat also vorzüglich den Zweck der gleich- mäfsigen Vertheilung des zurück gebliebenen Bleies in der ganzen Masse des Kiehnstocks, nnd dient zur Vorbereitung für das dritte Stadium. Man sollte vermuthen, dafs der Silbergehalt des Bleies nicht mit in den Darrost übergehen, sondern dafs das oxydirte Silber bei der Ein- wirkung des Bleioxyds auf das Kupfer regulinisch wieder hergestellt würde. Die Erfahrung bestätigt diese Vermuthung nicht, indem der Pickschiefer fast zu den silberärmsten Abgängen gehört, welche bei dem ganzen Saigerhüttenprozefs vorkommen. -Es liegt darin ein neuer Be- über den Saigerhüttenproze/s. 53 weis, dafs das Silber, bei dem ganzen Prozefs des Saigerns dem Blei folgt und dafs die Verwandtschaft des Kupfers zum Silber im Vergleich zu der des Bleies zum Silber sehr unbedeutend ist. 4. Das Gaarmachen. Diese Operation hat den Zweck, das Kupfer von dem in den Darrlingen zurück gebliebenen Blei zu be- freien. Sie wird dadurch verrichtet, dafs man die Darrlinge in einer Heerdgrube vor dem Gebläse einschmelzt und nach dem erfolgten Ein- schmelzen das Gebläse auf die flüssige Masse wirken läfst. Der Vor- gang bei diesem Prozefs würde sich schwer erklären lassen, wenn nicht die Erscheinungen beim Darren darüber einen vollständigen Aufschlufs gegeben hätten. Das Gaarmachen ist in der That ein vollkommneres Darren, indem die Flüssigkeit der Masse die schnellere Wiederherstel- lung des Gleichgewichts zwischen dem Blei und Kupfer befördert. Wie beim Darren der ganze Entmischungsprozefs auf der Obertläche des Kiehnstocks vor sich ging, so findet er beim Gaarmachen auf der Oberfläche der geschmolzenen Masse statt. Diese bedeckt sich mit Schlacke, welche man durch Abziehen, oder durch ein freies Ablau- fenlassen entfernt. Die Analyse der Gaarschlacken zeigt, dafs sich das Verhälwifs des Kupferoxyduls zum Bleioxyd in allen Perioden der Ar- beit verändert und zu Anfange des Gaarmachens am kleinsten, zu Ende des Prozesses aber am gröfsien ist ('). Die Gaarschlacke nähert sich übrigens in ihrer Zusammensetzung einem Bisilikat. | Das Uebereinsiimmende des Vorganges beim Gaarmachen mit dem Erfolge beim Darren, lieg am Tage. Nur darin findet eine merkwür- (1) No.1. ist die Schlacke gleich vom Anfange der Arbeit; No. 2. und 3. sind von zwei mittleren Perioden und No.4. ist nach dem Zuschützen des Gebläses, also nachdem das Kupfer für gaar erkannt war, genommen, No. 1. !!No.2.° No.3:' No: 4. a Er Blerosydwasa a. 20..07,4 62,1 54,8 91,7 1 1 Kupferoxydul ask 6,2 10,4 9,2 9,8 Bisenmoxydulrsrs ie een 1,0 158 1,2 1,2 Thonertletul., ven 3:1 Bu 3,4 BRU Kreselerde 4... 2253 22,9 21,4 23,9 54 KArsrten dige Verschiedenheit statt, dafs die Gaarschlacke im Vergleich mit dem Darrost sehr wenig Silber enthält. Die Reduktion des mit dem Blei- oxyd verbundenen Silberoxyds, welche in der Darrofenhitze nicht ge- schehen konnte, mufs also in der Schmelzhitze des Kupfers bewirkt, vielleicht auch dadurch veranlafst werden, dafs das oxydirte Gemisch länger auf der Oberfläche der metallischen Verbindung verweilt. Der Silbergehalt der Darrlinge ist also gröfstentheils als verloren zu betrach- ten, weil er in das Gaarkupfer mit übergeht, woraus die Nothwendig- keit eines möglichst vollständigen Abdarrens der Kiehnstöcke zur Ver- minderung des Silberrückhalts in den Gaarkupfern hervorgeht. 5. Das Treiben. Die Scheidung des Silbers vom Blei in den sogenannten Werken, geschieht bekanntlich auf die Weise, dafs die Werke geschmolzen und durch die Wirkung eines Gebläses auf die Oberfläche der geschmolzenen Masse, oxydirt werden, wobei das entste- hende Oxyd steis entfernt wird, bis es sich endlich nicht mehr bildet und der Silbergehalt der Werke rein zurück bleibt. Man wird sogleich die auflallende Uebereinstiimmung des Gesetzes warnehmen, worauf die Treibarbeit und das Gaarmachen beruhen. Hier beabsichtigt man die Scheidung des Bleies vom Kupfer, dort die des Bleies vom Silber. Hier wie dort findet der Prozefs der Oxydation auf der Oberfläche der flüssigen Masse statt, und in beiden Fällen wird das Mischungsverhältnifs beider Metalle in jedem Augenblick in der ganzen Masse zerstört und wieder hergestellt. Weil aber das Silber ungleich weniger oxydabel ist wie das Kupfer, so geht auch bei der Treibar- beit ungleich weniger Silberoxyd in die Schlacke (Glätie) als beim Gaar- machen Kupferoxydul in die Gaarschlacke geführt wird. Deutlicher lassen sich die Erfolge bei der Treibarbeit und das Verhalten, welches die Metallmischung dabei befolgt, dann warnehmen, wenn das Verhältwnifs des Silbers zum Blei sehr grofs ist, oder wenn dem Silber die leizien Antheile Blei entzogen werden sollen, wie es beim Feinbrennen des Silbers geschieht. Das Blei oxydirt sich auf der Oberfläche des flüssigen Silbers, zieht als Glätte in die Heerdmasse und stellt in der ganzen Metallmischung immer wieder ein gleiches, sich steis verminderndes Mischungsverhältnifs dar. Befindet sich glühende über den Satrgerhüttenproze/s. 55 Kohle auf der Oberfläche des flüssigen Metalles, so wird, auch bei der Einwirkung der Gebläseluft, die Abscheidung des Bleies unmöglich, oder das Silber läfst sich alsdann nicht feinbrennen, weil keine Oxydation auf der Oberfläche der Masse vorgehen kann. Die verschiedenen, bei der Saigerarbeit vorkommenden metallur- gischen Prozesse geben daher sehr interessante, und, wie es scheint, bisher nicht beachtete, wenigstens in ihren Gründen nicht gehörig er- kannte Beispiele, von der Art und Weise, wie Mischungen und Ent- mischungen in der erhöheten Temperatur unter gewissen Umständen erfolgen. Es leuchtet aus dem Vorgetragenen aber auch ein, wie un- richtig die gewöhnliche Ansicht ist, die Operation des Darrens als eine Fortsetzung des Saigerprozesses zu betrachten. Beim Saigern soll eine chemische Verbindung nach unbestimmten Mischungsverhältnissen, durch das Glühen, zu Verbindungen nach bestimmten Mischungsgewichten zu- rück geführt; beim Darren hingegen soll eine chemische Verbindung nach bestimmten Mischungsverhältnissen, durch Glühen, unter Zutritt der atmosphärischen Luft, mehr oder weniger vollständig entmischt werden. Zn EEE — i ri ? - a m Re Ge ee ih Fa a en BRAIN T > ae an rt ii den. Seh use ih OUT" De ir Se nenne! siloren ı mini "in drei dene sunhl abi di flTereis ap ge IT Tann ARNO sr Teen ee rg Be a u Ehe, lin el age atibnl Winien nt bit ee PriE) NerEsn: ihre EINEN DT kan il ol ve; N Trer > dep Fa er tesa lhus Kae: Bias re un er ee re de Be * Teer Pr vonka agli. ef Br Er HIRITT e eg mr Bus ernaine , BEE Or Te RT ss a ihn, edlen wine kant» anal eek rg wa ae ibn REIT ah eh, Pie Te Te a Be 7 ee er ER 17 ze a Bu uud ana Are ee kasınus Yarkalher Sing who nlhle Ai hednanngepeinene © . a u nz rer z — FE = er a, Pau . u A, JE a Me 16 Versuche und Beobachtungen über den Einflufs der Düngungsmittel, auf die Erzeugung der nähern Bestandtheile der Getreidearten. Von v H”- SIGISM. FRIEDR. HERMBSTÄDT. RIVER [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 22. Juli 1824.] Einleitung. n; Pflanzen sind, gleich den Thieren, organische belebte Geschöpfe; sie müssen daher auch in den Funktionen, welche von ihrer Lebensthä- tigkeit abhangen, mit den Thieren mehr oder weniger übereinkommen. Gleich den Thieren sind die Pflanzen mit eigenen, unter sich selbst verschiedenen Organen begabt; und diese sind dazu bestimmt, diejenigen Verrichtungen derselben, im lebenden Zustande, auszuüben, ohne welche ihre Gesundheit, ihr Gedeihen, ihre Massenerweiterung und ihre Frucht- barkeit nicht möglich seyn könnte. Der Keim zur künftigen Pflanze ist im befruchteten Samenkorn derselben gegeben. Pflanzen, welche nicht des Samenkorns zu ihrer Ver- vielfältigung bedürfen, sondern durch Blätter und Stecklinge fortgepflanzı werden können, wie die Cactusarten, die Stapelien u. s. w., ja selbst mehrere Stauden-, Strauch- und Baumgewächse, scheinen einen polypenartigen Karakter zu besitzen. Bei denjenigen Pflanzen, welche nur allein aus Samen fortgepflanzt werden können, bedarf das Samenkorn derselben reizender Potenzen zur Belebung und Entwickelung des schlafenden Keims, wenn er zur Pflanze ausgebildet werden soll. Ist aber die Belebung und erste Entwickelung Phys. Klasse 1824. H 55 Henusstäpr über den Einflufs der Düngungsmilttel des Keims erfolgt: dann bedarf derselbe die ihm angemessenen Nahrungs- mittel zur fernern Ausbildung und Gestaltung der einzelnen Organe, die den Habitus der Pflanze begründen. Das Samenkorn der Pflanzen zeigt eine grofse Uebereinstimmung mit dem Ei eines Vogels. Im Ei des Vogels bemerkt man, von Aufsen nach Innen betrachtet: 1. die harte aber poröse Schale; 2. das Ei- weifs, welches durch eine dünne Haut von der äufsern Schale ge- trennet ist; 3. den Eidotter, wieder mit einer dünnen Haut umgeben; 4. den Keimpunkt in dem Dotter eingeschlossen, aus welchem das werdende Geschöpf sich gestaltet. Beim Ei des Vogels sind: 1. vorausgegangene Befruchtung dessel- ben; 2. eine Temperatur von 28 bis 30 Grad Reaumür; 3. Einwir- kung der atmosphärischen Luft, unerläfsliche Potenzen, ohne welche die belebende Entwickelung und körperliche Ausbildung des Embryo nicht erfolgen kann. Bringt man ein befruchtetes frisches Hühner-Ei in einem Ge- fälse mit ausgekochtem desullirten Wasser übergossen, und mit einem zweiten Gefäfs überstürzt, unter die Glocke einer Luftpumpe, so wird, nach dem Mafse der Verdünnung der äufsern atmosphärischen Luft, eine bedeutende Menge gasförmiger Flüssigkeit aus den unsichtbaren Poren der Eierschale entwickelt. Bringt man das seiner Luft beraubte Ei auf den vorigen Zustand der Trockenheit, so erscheint solches bedeutend im Gewicht vermehrt: der Raum der ausgetretenen Luft ist also durch eingedrungenes Wasser ersetzt worden. Wird ein solches der eingeschlossenen Luft beraubtes Ei einem brütenden Huhn untergelegt, so wird das Embryo zwar entwickelt; es witt aber nicht in das wirkliche Leben, kann also auch nicht ausge- brütet werden. Die auf jenem Wege aus dem Ei entnommene Luft zeigt, durch die eudiomeirische Prüfung, mittels dem Voltaschen Eudiometer, nur sechs Procent Sauerstoffgas;'das übrige ist Stiekstoffgas mit einer unbedeutenden Menge kohlenstoffsaurem Gas gemengt. Eier, die aufserhalb: mit einem Firnifs überzogen und dadurch der von aufsen einwirkenden Luft beraubt worden sind, können nicht aus- auf die Bestandthelle der Pflanzen. 59 gebrütet werden; wie unser verehrter College Erman bereits vor meh- reren Jahren bewiesen und ich durch vielfälüige Versuche bestätigt ge- funden habe. Das Embryo im Ei wird auf solche, Weise zwar entwickelt, tritt aber nicht in die lebende Ausbildung. Wärme allein ist also zur be- lebten. Entwicklung des Embryo nicht hinreichend; sondern das Leben bedarf einer Mitwirkung der Luft von Aufsen nach Innen. Dafs die Respiration des Geschöpfes, innerhalb dem Ei, hierdurch begründet wird, ist wohl keinem Zweifel unterworfen. Untersucht man Hühnereier, in verschiedenen Zeiträumen, wäh- rend dem Bebrüten derselben: so siehet man den Dotter sich immer mehr vermindern, während das Eiweifs in eine dem Blute analoge rothe Flüssigkeit umgewandelt wird. Der Dotter; vermindert sich in dem Mafse, als die Ausbildung des jungen Geschöpfes im Ei vorschreitet. Zwei Tage vor seinem Durch- brechen durch die Schale, ist von dem Dbotter nichts mehr zu bemer- ken. Der Dotter scheint also die ersie Nahrung darzubieten, die dem Embryo, nach dem Eintritt ins bewegliche Leben, auf einem nicht weiter bekannten Wege, zugeführt wird; bis selbiges Kraft und Selbst- thätigkeit genug bekommt, die äufsere harte Schale des Eies zu durch- brechen, um in das freie Leben eintreten zu können. Die gröfste Aehnlichkeit mit den Eiern der Vögel, besitzen die Samenkörner der so genannten Oelpflanzen. Bei diesen findet sich jedes einzelne Samenkorn, von Aufsen nach Innen zu untersucht, bestehend aus: 1. einer mehr oder weniger harten porösen Schale; 2. einer unter derselben liegenden, dem geronnenen Eiweifs ähn- lichen, zum Theil mit Oel durchdrungenen hautartigen Substanz; 3. im Mittelpunkte des Samenkorns, einer mit wenigem geronnen Pflan- zen-Eiweifs gemengten Fettigkeit, in der 4. der Keimpunkt eingehüllet ist. Alle diese Materien sind mit einem leicht säuerbaren Schleim durchdrungen. Statt dafs die Schale der Vogeleier eine Verbindnng von kohlen- stoffsaurem und von phosphorsaurem Kalk, mit verhärtetem Ei- weifs ausmacht, ist die äufsere Schale der Pflanzensamen mit Harz H2 60 Henmsstäpr über den Einflufs der Düngungsmittel und ätherischem Oel durchdrungen, welche Materien einen Schutz vor äufsern zerstörenden Einwirkungen gewähren. Weniger Aehnlichkeit mit den Eiern der Vögel besitzen die Sa- menkörner der Getreidearten und der Hülsenfrüchte. Bei diesen findet sich, unter der äufsern mit vielem Schleim durchdrungenen Schale, der innere Kern, aus einem Gemenge von Amylon, von Kleber (Tritiein) und Eiweifs gebildei. Der abgesondert darin vorhanden lie- gende Keimpunkt, enthält ein daraus scheidbares fettes Oel. Das Ganze, besonders die Schale und der mehlreiche Kern, sind mit Phosphorsäure und phosphorsaurem Kalk mehr oder weniger durchdrungen. Bringt man frische gesunde Samenkörner in destillirtes Wasser, so dafs sie vollkommen damit bedeckt und von der äufsern einwirkenden Luft abgeschnitten sind: so quellen sie auf, der Keim wird entwickelt, aber er stirbt bald ab, und das Ganze geht in wenig Tagen in eine stinkende Jauche über. Ist das Samenkorn hingegen nur so weit mit Wasser in Berührung gebracht, dafs drei Viertheile desselben über dem Wasser hervorstehen, also mit der äufsern Luft Gemeinschaft haben: so wird das Wasser sehr bald eingesaugı, der Keim entwickelt sich nach oben, die Wurzel nach unten, die junge Pflanze wächst empor; sie bilder endlich Zweige und Blätter, kommt selbst zur Blüthe; aber sie wird nie fruchtbringend. So wie die junge Pilanze sich mehr ausbildet, bedarf sie eine Zeitlang blofs des Wassers und der Luft, um fort zu wachsen; aber der Wachsthum läfst nach, ‘wenn, unter einer gläsernen Glocke einge- schlossen, das Sauerstoffgas der darin enthaltenen. atmosphärischen Luft absorbirt worden ist. Wird jene Operation im reinen Stickstoffgas, unter einer glä- sernen Glocke eingeschlossen , veranstaltet, so kommt der entwickelte Keim nicht zur Ausbildung. ‘Wird die Operation in atmosphärischer Luft veranstaltet, so bleibt ihr Gehalt an Stickstoffgas unverändert; das Sauerstoffgas verschwindet dagegen ganz, es wird kohlenstoff- saures Gas erzeugt, dessen Volum genau eben so viel beträgt, als das des verloren gegangenen Sauerstoffgases. auf die Bestandtheile der Pflanzen. 61 Es ist also keinem Zweifel unterworfen, dafs der Sauerstoff der atmosphärischen Luft hier als eine Potenz für die Belebung, dieEntwickelung und die fernere Ausbildung des Keims zur Pflanze, eine wichtige Rolle gespielt hat. Da aber in trockner Luft allein keine ‚Entwickelung des Keims möglich ist; da hiezu die Mitwirkung des Wassers erfordert wird; da er ferner auch, ohne Mitwirkung der Luft, blofs unter reinem Wasser, zwar entwickelt wird, von nun an aber, ohne Mitwirkung der Luft, sich nicht ferner zur Pflanze ausbilden kann; so folget hieraus: 1. dafs anfangs ein Theil des vom Samenkorn eingesaugten Wassers zerlegt wird; 2. dafs der Sauerstoff desselben den zureichenden Grund von der erstern belebten Entwickelung des Keims enthält. Ist aber der Keim einmal belebt und entwickelt, dann bedarf er der Mitwirkung des Sauer- stoffes also der Atmosphäre; und nun erst erfolgt ein Prozels der Respiration, der Sauerstoff wird eingesaugt und als kohlenstoff- saures Gas exspirirt; dagegen eine Exhalation von reinem Sauerstoff- gas, wie bei Pflanzen die in der Erde wachsen, hier noch nicht statt findet. Alles dieses giebt einen Beweis, dafs so wie das belebte und ent- wickelte Geschöpf aus dem Keim im Ei des Vogels, anfangs unter Mitwirkung der‘ Luft von Aufsen her, von dem Dotter des Eies ge- nähret wird; so auch der Keim Jdes Samenkorns seine erste Nah- rung aus einer dem Eidotter sehr analogen Substanz eninimmt, welche den Keim im Samenkorn einhüllet. Von nun an aber und zwar so bald als die junge Pflanze die Sa- menlappen verloren hat, bedarf sie organischer Materien zur Nahrung. In dem Mafse dafs ihre Organe ausgebildet sind, nämlich: Wurzel, Stamm und Blätter, treten nun in die ihnen zukommenden Funktio- nen ein, die zur gröfsern körperlichen Ausbildung der ganzen Ptlanze, so wie zur Erzeugung der Blüthe und der daraus hervorgehenden Frucht erfordert werden ;: wozu alle einzelne Organe derselben , unter Mitwirkung der mit organischen Materien (d. i. mit Humus) durch- drungnen Erde, des Wassers und der Atmosphäre, unter einflufs- reicher Thätigkeit des Lichtes und der Wärme, in Wirksamkeit ge- setzt werden. 62 Herusstänn über den Einflufs der Düngungsmittel Es ist hier nicht meine Absicht, über dasjenige mich weiter aus- zulassen, »was über das Däseyn ‚der. chemischen Elemente der Pflanzen und‘ deren: Abstammung, durch die Herren Sennebier, Thenard, v.Saussüre, Schrader, Decandolle,: Woodhouse, Wahlenberg, Einhof, Bracconot, Brown, Chaptal, Humphry Davy und un- sern trefflichen Collegen. Alexander v. Humboldt, gedacht, gesagt und vielfälug niedergeschrieben worden ist, und wodurch sie die Grund- lage zu einer naturgemäfsen Physiologie der Pflanzen gelegt haben, deren weitere Ausbildung rasch vorschreitet. Ich halte mich vielmehr allen an den Hauptgegenstand: dieser Abhandlung, der im Folgenden bestehet: Versuche über den Einflufs der Düngungsmittel auf die Bildung der nähern Gemeng- und Bestandtheile der Getreidearten. Wenn ich hier von den nähern Bestandtheilen oder vielmehr Gemengtheilen der Pflanzen überhaupt und der Getreidearten insbesondere rede: so begreife ich, darunter diejenigen, sowohl in der Form als in den chemischen Qualitäten verschieden gearteten Materien, welche in den Pflanzen und deren einzelnen Zweigen, in be- sondern Organen derselben abgelagert gefunden werden; wie in der Wurzel, dem Stamm, dem Splint, der Rinde, den Blättern, der Frucht u.s.w. und sich, wie bei den Thieren, bei einer grofsen Anhäufung in ihnen entweder freiwillig daraus ergiefsen ; oder durch eine zweckmäfsige mechanische Zergliederung (wie das Amylon und die fetten Oele), oder eine chemische Zergliederung derselben (wie Gummi, Schleim, Kleber, Firnifs, Zucker, Harz, ätherischen Oel u.s. w.) daraus dargestellt werden können. Dafs jene Materien als Erzeugnisse des Lebens und der organischen Thätigkeit der Pflanzen anerkannt werden müssen, wird wohl Niemand leugnen! Wie solche aber gebildet werden? welchen Einflufs auf ihre Erzeugung die Individualität der Pflanze selbst hat? welchen Einflufs die ihr, in Form des Düngers, dargebotenen Nahrungsmittel dar- auf die Bestandtheie der Pflanzen. 03 auf. haben? dieses sind Fragen, welche zur Zeit noch nicht mit Be- stimmtheit gelöset worden sind. In einer frühern der Akademie mitgetheilten Abhandlung (über den Instinkt der Pflanzen (‘)), habe ich gezeigt, dafs Pflanzen ei- nerlei Art, in welchem Boden sie auch gewachsen sind, der Qualität nach, auch immer nur einerlei Gemengtheil produeiren; dafs hingegen, individuell verschieden geartete Pflanzen, in einerlei Boden von gege- bener Grundmengung kuluvirt, in der Qualität ihrer Gemengtheile und Bestandtheile auch wieder eben so verschieden sind. Da aber die nähern Gemengtheile und Bestandtheile der Pflanzen, nicht als solche, aus den verschiedenen Materien aufge- nommen werden können, in und durch welche die Pflanze lebt und genährt wird; da jene Materien vielmehr in ihren elementaren Bestand- theilen und deren proportionellen Verhältnissen, eben so sehr von ein- ander abweichen, als sie, in der Form und den chemischen (Qualitäten von einander verschieden sind: so müssen es die eigenthümlichen ein- fachen Elemente seyn, welche die Pflanze, als nährende Mittel auf- nimmt und sie, durch den Prozefs der Assimilauion, in diejenigen Sub- stanzen umwandelt, welche sich als wahre Gemengtheile derselben reprä- sentiren. Es entstehen daher folgende Fragen: 4. Können die nährenden Materien, welche den lebenden Pflanzen. in Form des Düngers, dargeboten werden, entweder ganz, oder in ihre einfachern Elemente aufgelöst, in die Organe der Pflan- zen übertreten ? 2. Können sie zur Erzeugung der nähern Gemengtheile in den Or- ganen der Pflanzen beitragen ? 3. Kann die Quantität jener Gemengtheile der Pflanze, durch die vermehrte Masse der zu ihrer Erzeugung geeigneten ‘Elemente, in der Pflanze vermehrt werden? 4, Läfst sich aus der Erfahrung wie solches die Wechselwirthschaft begründet, eine und eben die- etwas für die Erfolge ableiten, dafs, selbe Getreideari, wenn sie mehrere Jahre hinter einander in dem- (1) Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften, aus den Jahren 1812 und 1813. S. 107. Henusstäpr über den Einflufs der Düngungsmitel [eo S selben Boden gebauet wird, im Ertrage der Frucht mit jedem Jahr abnimmt; dagegen bei einem hintereinander folgenden Wechsel von verschiedenen Getreidearten, noch besser aber von Körner-, Wurzeln und Knollengewächsen, ein höherer Ertrag des Ge- treides erzielet wird. Jenes waren die Aufgaben, die.ich, durch eine Reihe von Ver- suchen zu lösen gesucht habe, und deren Resultate ich hier vorlege. Sie scheinen mir wichtig genug zu seyn, um sowohl der Pflanzen- Physiologie als der Agronomie einige bedeutende Aufklärungen dar- bieten zu können, die weiter verfolgt zu werden verdienen. Eine chemische Zergliederung der, Getreidekörner, nämlich Weizen, Roggen und Gerste, rücksichliich ihrer nähern Gemeng- theile, führt stets zur Erkenntnifs vom Daseyn des Amylons, desKle- bers, des Pflanzeneiweifs, des Schleimzuckers, des Gummi, des sauren phosphorsauren Kalks, und einer geringen Menge Feutig- keit, die vorzüglich im Keimpunkte ihren Sitz hat. Während jene Materien, der Qualität nach, in allen Getreidear- ten ohne Unterschied vorkommen, sind solche im quantitativen Verhält- nils, selbst bei einer und derselben Getreideart, oft sehr verschieden ; und dieser Unterschied findet sich ganz besonders in der besondern Na- tur des Düngers begründet, welcher dem Acker zur Nahrung dargebo- ten wurde. So steigt z.B. der Gehalt des Klebers (des Tritiein’s) im Weizen von einerlei Art, oft von 12 bis zu 36 Procent, je nachdem derselbe mit der einen oder der andern Art Dünger kultivirt worden war; folg- lich ist der Einflufs welchen der Dünger auf die Erzeugung des Tritiein’s im Weizen hat, dadurch völlig aufser Zweifel gesetzt. Anmerkung. Der sehr achtbare französische Agronom Herr Tessier, hat bereits im Jahr 1791 eine Reihe von Versuchen angestellt, um die Wirkungen des Düngers auf die Erzeugung des Klebers im Weizen zu erforschen, indem er ihn mit Schaafmist, mit Ziegenmist, mit Pferdemist, mit Kuhmist, mit Menschen- koth, mit Taubenmist, mit Menschenharn, mit Rindsblut und mit Pflanzenerde kultivirte. Er hat aber das Versehen dabei begangen, dafs er die Massenverhältnisse jener Düngerarten auf die Bestandthelle der Pflanzen. 65 nicht auf den Zustand der atmosphärischen Trockenheit redueirt und die Anwendung gleich grofser Massen derselben, im gleichen Zustande der Trockenheit gebraucht hat: daher die Resultate seiner Versuche, so interessant sie übrigens auch sind, dennoch keine gegründete Folgerung zulassen. Meine eigenen über denselben Gegenstand angestellten Versuche gehen von demselben Gesichtspunkte aus, den Herr Tessier vor Au- gen hatte; ich habe im Ganzen auch dieselben Düngerarten in Anwen- dung gesetzt. Um aber zu genaueren Resultaten zu gelangen, wurden sie sämmtlich vorher auf einen gleichen Zustand der Trockenheit gebracht, und für eine gegebene Fläche Ackerland auch immer nur eine gleich grofse Gewichtsmasse des trocknen Düngers in Anwendung gesetzt. Der Boden, in welchem meine Versuche angestellt wurden, ist sandiger Lehm. Er wurde in einzelne Beete abgetheilt, jedes zu hundert Quadratfufs Flächenraum. Jedes einzelne gedachter Beete wurde mit 25 Pfund der folgenden, auf einen gleichen Zustand der Trocken- heit gebrachten Düngerarten gedüngt, der Dünger unter gegraben, welches im October geschahe, und das so vorbereitete Land bis zum Monat Fe- bruar des folgenden Jahres in Ruhe gelassen. Die Düngerarten selbst bestanden, in 1. Schaafmist; 2. Ziegenmist; 3. Pferdemist; 4. Kuhmist; 5. Menschenkoth; 6. Taubenmist; 7. Menschen- harn; 8. Rindsblut; 9. Pflanzenerde. Anmerkung. Die Kotharten waren rein ohne Vermengung mit Streu- mitteln gesammelt und in einem mit Dämpfen geheizten Trocken- ofen, bei einer Temperatur, die 70 Grad Reaumur nicht überstieg, ausgetrocknet worden; eben so die Pflanzenerde. Das Blut und der Harn wurden gelinde abgedünstet, und zuletzt bei der- selben oben genannten Temperatur, vollends ausgetrocknet. Im Anfang des Märzmonats wurden sämmtliche Beete aufs Neue umgegraben, und nun mit einerlei Art Sommerweizen, in Reihen, besäet. Jedes einzelne Beet erhielt 16 Loth Samenkörner zur Aussaat. Ein gleiches im Herbst und im Frühjahr umgegrabenes Beet von derselben Bodenart, wurde mit demselben Weizen besäet, ohne Düngung empfangen zu haben. Phys. Klasse 1824. i 66 Henmsstäor über den Einflufs der Düngungsmittel Der Same ging auf allen Beeten gleichförmig auf, und die Aehren konnten von alien im Ausgang des Augusts geerntet werden. Hier zeigte sich aber, sowohl in der Länge und Dicke der Halme, als auch in der Ausbildung der Aehren so wie der Zahl der darin ent- haltenen Körner, ein merklicher Unterschied. Nach dem Ausdreschen des Ertrages von jedem einzelnen Beete, ergaben sich folgende Resultate. Es wurde gewonnen an Körnern: a) Von dem mit Schaafmist gedüngten Beete 6 Pfund; also das zwölfte Korn. 6) Von dem mit Ziegenmist gedüngten, eben so. viel. c) Von dem mit Pferdemist gedüngten (sie wurden mit Hafer genährt), 5 Pfund, also das zehnte Korn. d) Von dem mit Kuhmist gedüngten 34 Pfund, also das siebente Korn. e) Von dem mit Menschenkoth gedüngten 7 Pfund, also das vierzehnte Korn. f) Von dem mit Taubenmist gedüngten 44 Pfund, also das neunte Korn. 8) Von dem mit trocknem Menschenharn gedüngten 6 Pfund, also das zwölfte Korn. (Er war von Bier trinkenden Personen ge- sammelt.) h) Von dem mit trocknem Rindsblute gedüngten 7 Pfund, also das vierzehnte Korn. !) Von dem mit Pflanzenerde gedüngten (sie war aus verwese- tem Kartoffelkraut gewonnen), 24 Pfund, also das fünfte Korn. k) Von dem nicht gedüngten Boden 14 Pfund, also das dritte Korn. In Rücksicht der Vermehrung: des Körnerertrags, kommt also die Wirkung der gebrauchten Düngungsmittel in folgender Ordnung zu stehen: 4. Blut; 2. Menschenkoth; 3. Schaafmist; 4. Ziegen- mist; 5. Menschenharn; 6. Pferdemist; 7. Taubenmist; 8. Kuh- mist; 9. Pflanzenerde. Es kam nun darauf an, durch eine genaue Zergliederung der von jedem einzelnen Düngungsmittel geernieten Samenkörner zu unter- auf die Bestandthelle der Pflanzen. 67 suchen, wie sich die Gemengtheile derselben ina proportionalen Ver- hältnifs gegen einander verhalten würden; und hier fand sich in der That der Unterschied über alle Mafsen auffallend. Die nicht wenig umständliche Zergliederung jener zehn Sorten des geernteien Weizens ist von mir nach derselben Meıhode veran- staltet worden , welche ich früher (!) mitgetheilt habe, daher ich mich hier darauf beziehe. Hier begnüge ich mich blofs, die Resultate der jetzigen Zergliede- rungen mitzutheilen. 1. 5000 Gewichtstheile des mit Rindsblut kultivirten Weizens haben geliefert: Natürliche Feuchtigkeit... .... .... 215 Theile. Hülsensubstanz 2: 2.:-.2..2.0...s. 695 _ Kleber oder Tritien. ......... ea — Amylon eher ee 2000 _ Getreide-Vel ii... 2:4 200004 45 — IEsverlssen daR. fen EN 53 = Schleimzucker . .... 2.222.222 020. 94 —. 110.2. 92 — Sauren phosphorsauren Kalk... ... 26 — Verluste en ar ee 3 — 5000 _ 2. 5000 Gewichtstheile des mit Menschenkoth kultivirten Wei- zens haben geliefert: Natürliche Feuchügkeit. , „a... .... 2 217 Theile. Hiilsensubstanzi nee 0 a ee aa 700 — Kleber oder Tritien. .... 2. .... 1697 — Amylon a... RE BER — Gerede een 55 — Iaweils verbunden. See SE 015, —_ Schleimzucker ....... 2... 2.2.2.0. 80 — Emm. re re s0 — (1) Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften aus den Jahren 1816 und 1817. Berlin 1819. S. 39. w.Äf. I 2 68 Hermsstäor über den Ein ufs der Düngungsmittel Sauren phosphorsauren Kalk era: 30 Theile. Verlust :. . us. zuge. vfnıker, ; 4 eur 5000 zu 3. 5000 Gewichtstheile des mit Schaafmist kultivirten Weizens haben geliefert :: Natürliche Feuchtigkeit... ...... ;. 214 Theile. Hülsensubstanz. ..... FR AR RN FRE BE 698 nn Kleber oder Zritiein »'. „1... „. nn 1645 Zn Ayla 2%. een een 2140 — Getreide Od. „alhan!t Sie mir aus, 54 _ Eiwells:. ze AB ae ee 65 — Schleimzucker .......:... la 75 _ ln BER AN ARE ee 78 —_ Sauren phosphorsauren Kalk ...... 36 = Verlust, Be ee 4 _ 5000 _ 4. 5000 Gewichtstheile des mit Ziegenmist kultivirren Weizens haben geliefert: Natürliche Feuchtigkeit... ........ 215 Theile. Hülsensubstanz.».. ..: 22 Bo 2 2: 714 — Kleber oder Tritiein. 222.2 222... 1644 — Amylony Ma. Sean ee an N — Getreide-Oel i:13:13202 21.80 2. Hr 45 _ Eesti sen ne bau laN— Schleimzueker ......... u... 75 -_ Ca N er 78 — Sauren phosphorsauren Kalk... .... 35 _ Verlust STE 2 ee ER 4 = 5000 _ 5. 5000 Gewichtstheile des mit Menschenharn kultivirten Wei- zens haben geliefert : Natürliche Beuchliekeit.;.» . . --: 250 Theile. Hülsensubstanz.. . . . 2 .., . al 7112 — Kleber oder Tritiein . 2 cc. 1755 — auf dıe Bestandtheille der Pflanzen. 69 Getrele- OA 54. Theile. Pflanzen-Eiweils. :.. 22.222000. 70 — Schlemmzucker + ...42.43 1.2 wm 9 74 = Gummi ..:... a rn so 2x Sauren phosphorsauren Kalk ....... 40 wu ER 7 EN 5 — 5000 _ 6. 5000 Gewichtstheile des mit Pferdemist kultivirten Weizens haben geliefert: Natürliche Feuchtigkeit... ....... 217 Theile. Hülsensuhstanz. su... 22.2.8. oa 700 — Kleber oder Tritein. . 2222.22... 654 — USTERS IOTIIt Shen ST 5.5 aharte en Bremse 3082 — Getreide-Oel sin. 2 ar. 28% 50 a Eee N rs 56 — Schleimzueker % ....... 2 vu ltd S4 a Cm a RB —= Sauren phosphorsauren Kalk ... et u Merle ee De I 3 — 5000 - - 7. 5000 Gewichtstheile des mit Taubenmist kultivirten Weizens haben geliefert: Natürliehei Feuchtigkeit... .% 2.0. 215 Theile. Hülsensubstanz.; %.. .... 2.4 waeaı 700 Ben Kleber oder Tritien. ........... 610 — Mr or ah re 1 ER, 3159 — Betreide-Oehui 2.7.2. 2m. Alla 46 _ Biwells; 2.2 Se nn A: 48 = Schleimzucker . ... 2... . 2.2... 98 = Cum a in a ee 96 — Sauren phosphorsauren Kalk... . . 7225 — Merlust., SEREEN nee se 5 = 5000 _ 70 Hrermssträor über den Einflufs der Düngungsmittel s. 5000 Gewichtstheile des mit Kuhmist kultivirten Weizens haben geliefert: Natürliche Feuchtigkeit... ....... 211 Theile. Hülsensubstanz.= . » =. 2. ex 2.09. 697 — Kleber oder Trıücinz - 2 Sa. senele nee 598 — Amylon. &..0 20 wenns pelean 3117 — Getreide- Oele 2: sn en. 52 = Fiweils. is. ale mn «kan una len: 50 — Schleimzucker 2. 2 ce 99 — tion DEN ee eher 95 — Sauren phosphorsauren Kalk... .... 25 — ’ Verlust „SA: ar ae ern are 3 ee 4 — 5000 _ 9, 5000 Gewichtstheile des mit Pflanzenerde kuluvirten Wei- zens haben geliefert: Natürliche, Feuchtiskeit........-: 211 Theile. Hiulsensubstenze se eos. 702 — Kleber oder Trıitiein.... - He „een 480 — Nylon u an een 3297 — Getzeide-OebR - #225 93122257 49 — Biweilseat yaisıaa da e Srodelc-hims 40 — Schleimzuckene ae en 99 — Gummi. era: Zee 95 — Sauren phosphorsauren Kalk... ... 24 au Vierluste en 3 = 5000. We 10. 5000 Gewichtstheile des in nicht gedüngtem Boden kulu- virten Weizens haben geliefert: Natürliche Feuchtigkeit. :........ 210 Theile. Hülsensubstanz.. . -:2a:2 22 204, 700 — Kleber oder Tritien. . »:::. 2.2... 460 == Arylon: ss SER. a 3338 _ Getreide-DdE . . u 2. 32 2. a 50 — EIWEels..: ee ee, 36 — auf die Bestandtheile der Pflanzen. 21 Comet. ERS Mit. 2 RI ‚Mihenle. Sauren phosphorsauren Kalk ....... 18 — VER UISth Sfe. ne N: 3 == i 50007 a Vergleicht man die Resultate jener mit den auf eine verschiedene Weise kultivirten Weizenkörnern angestellten Analysen, mit Bezug- nahme auf den Körnerertrag, der aus immer gleichen Massen des ausgesäeten Weizens, durch die Anwendung verschieden gearteter Dün- gungsmittel , in immer gleichem Gewicht, erzielet worden ist: so wird man dadurch zu folgenden Schlüssen hingeleitet. 1. Die verschiedenen Düngerarten haben einen entschiedenen Eintlufs auf den vermehrten Ertrag der Fruchtkörner, bei einer und eben derselben Getreideart. 2. Eben diese verschiedenen Düngerarten, haben einen entschiedenen Einflufs auf die Erzeugung der nähern Gemengtheile der Körner; wie solches die Resultate der damit angestellten Analyse nach- weisen. 3. Die Masse dieser nähern Gemengtheile stehet wieder im Verhält- nifs mit der Masse der Fruchtkörner, welche aus einem gege- benen G&wichte der Aussaat producirt worden sind. 4. Die elementaren Bestandtheile der Düngerarten stehen mit den elementaren Bestandtheilen der producirten Fruchtkörner, so wie mit denen ihrer einzelnen Gemengtheile im Verbältnifs. Den reichsten Ertrag an Körnern haben geliefert: 1. der Men- schenkoth; 2. das Blut. Einen geringern Ertrag an Fruchtkörnern haben geliefert: 1. der Schaafmist; 2. der Ziegenmist; 3. der Menschenharn. Einen noch geringern Ertrag haben geliefert: 1. der Pferdemist; 2. der Taubenmist; nämlich, jener das zehnte, der Letztere das neunte Korn. Einen noch geringern Ertrag hat gelie- fert die Pflanzenerde, nämlich nur das fünfte Korn. Den aller- geringsten Ertrag hat endlich der nicht gedüngte Boden geliefert, nämlich nur das dritte Korn. Die Hauptbestandtheile im Weizen bleiben immer der Kleber oder das 7’ritiein, und das Amylon. Jener ist rein animalischer. das Letztere rein vegetabilischer Natur. Herusstänr über den Einflujs der Düngungsmittel —I W Nun haben geliefert 5000 Gewichtstheile Weizenkörner, an Kleber oder Triticın : : gedüngt mil Menschenkoth . . . . 1697 oder 33,14 Procent. 2 > Bondsblur-. ...%) ©. „4712 = 321,17 — - -j. Schaafmist «se 4 1,1645, 15-132, sl - -- Ziegenmist.. = + »..) 1644. - 132,88 :;,— - - Menschenharn:;. .. 1755 , -: 35,10, — < -:, Pferdekotki.r 1:4 4b 084,5- „413,687. - -, Taubenmist!..... 4.1040, -14:12,20: _— = - Kuhmistians. wuste 3098 = 4196 - - Pflanzenerde. .... 480 - . 9,60. — Kultivirt mit nicht gedüngter Erde 460 - 9,20 — Desgleichen haben geliefert an Amylon, 5000 Gewichtstheile Weizenkörner: gedüngt mit Menschenkoth. . . . 2072 oder 41,44 Procent. - = yRandsbllub,sch =: 2065 - 41,30. — _ - Schaafmist. D4A0 ==. 42,80 - + Ziegenmistw ae 7..2421ı da, 43: ul - - Menschenharn... . 199 - 3990 — - so; Pferdemist. . :....3082:u - 2:01,04. — - aber ln 63,18. 1 — - rt Kwhmüsit+ such unlser AT, 02, - =, Pflanzenerde..:.'...:-.,3297:.-5:05,94., — Kultivirt ohne Dünger. ..... . 3333 - 66,69 . — Es ist aber der Kleber oder das Tritiein zusammengesetzt aus Kohlenstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Phos- phor, als seinen chemischen Elementen; und in der That finden sich eben diese Elemente in denjenigen Düngerarten am meisten angehäufet, welche in einem gegebenen Gewicht der Körner, auch die gröfste Ausbeute an Kleber oder Tritiein geliefert haben; es ist also offen- bar, dafs jene Elemente, zur Erzeugung des genannten Gemengtheils im Weizen, aus dem angewendeten Dün gungsmittel eninommen worden sind. Das reine Amylon enthält weder Stickstoff noch Phosphor unter seinen elementaren Bestandtheilen ; diese sind blofs Kohlenstoff, auf dıe Bestandthelle der Pflanzen. 73 Wasserstoff und Sauerstoff; sie müssen also gleichfalls aus den zur Kultur angewendeten Düngungsmitieln entnommen worden seyn. Die Ausbeute an Amylon, aus gleichen Gewichten der mit verschie- denen Düngungsmitteln kultivirten Körner, stehet aber wieder im Ver- hältnifs mit der mehr vegetabilischen und weniger animalischen Natur der dazu gebrauchten Düngerarten. Es ist also wohl keinem Zweifel unterworfen, dafs die Grund- mischung des Weizens, und, sowohl sein Gehalt an Kleber als an Am ylon, beide nach dem proportonalen Verhältnifs betrachtet, durch die specifische Natur und Grundmischung des Düngers, womit sie kultvirt worden, geleitet wird; auch ist es einleuchtend, dafs ein gleicher Erfolg bei allen übrigen Getreidearten statt finden mufs. Ist jenes aber in der Wahrheit begründet, so sind jene aus der Erfahrung entnommenen Resultate, so für die Pflanzen-Physiologie, wie für die Agronomie, von Bedeutung, denn es wird dadurch ein Problem gelöst, das bisher ganz im Dunkeln schwebte. Es ist nämlich bekannt, dafs eine und eben dieselbe Arı Weizen, in einerlei Art Erdreich gebauet, ein sehr verschiedenes Korn dar- bietet: d.i. welches in seiner Grundmischung und den davon abhängi- gen Leistungen in den mit der Agronomie in Relation stehenden tech- nischen Gewerben, sich sehr verschieden beweiset. So giebt es manchen Weizen einerlei Art, aber mit verschie- den gearteten Düngungsmitteln kuluvirt, der bald mehr, bald we- niger Ausbeute an Amylon, an Brantwein, an kraftvollem Bier und an Essig darbietet, wenn er auf jene Gegenstände, in den ökonomisch-technischen Gewerben, verarbeitet wird. Da aber Brantwein, Bier und Essig nur allein aus dem Amylon gebildet werden; da der Kleber zu deren Erzeugung nichts beiträgt: so mufs auch die Ausbeute der genannten Erzeugnisse mit dem Gehalte des Amylons im Weizen (eben sowohl auch in den übrigen Getreidearten), im Verhältnifs stehen. Anders dagegen verhält es sich mit dem Brote, zu welchem das Mehl des Weizens verarbeitet wird. Dieses ist um so kraftvoller und nährender, je reichhaltiger das Mehl an Kleber und je ärmer dasselbe an Amylon war. Phys. Klasse 1824. K TA Hermsstäor über den Einflufs der Diüngungsmittel u.s.w. Die aus den oben mitgetheilten Resultaten meiner angestellten und beschriebenen Versuche und dadurch gemachten Erfahrungen, machen es sehr wahrscheinlich, dafs in der Wahl des Düngers dem Agronomen die Mittel zu Gebote stehen, den Gehalt des Klebers und des Amylons in den Getreidearten, nach Willkühr zu reguliren, um die specifische Anwendbarkeit desselben für das eine oder das andere ökonomisch - tech- nische Gewerbe, das derselben bedarf, näher zu begründen. te Ueber die Grundlehren der Akustik. VW Von 2.8 1,S.C HB ;R. arnannannannnnn [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 17. und 24. Juny, und 15. July 1824.] Einleitung. Wen die Theorie der Akustik in der vollkommensten Strenge ausge- führt werden soll, so kann dieses nur durch Hülfe der höhern Mecha- nik geschehen: denn die Öscillationen durch welche der Schall entsteht, sind eine der allerfeinsten und verwickeltesien Arten von Bewegungen, wobei die bewegten Punkte der Materie ihren Ort nur unermefslich wenig verändern, diese Bewegungen selbst aber von Stelle zu Stelle in dem Innern der Materie forıschreiten, und sich daselbst auf die man- nigfaltigste Art durchkreuzen, verbinden und trennen. Wie schwierig diese Theorie sei, geht schon daraus hervor, dafs die gröfsten Analytiker des verflossenen Jahrhunderts mit eifersüchüger Anstrengung versucht haben, die wichugsten Probleme aufzulösen, und man dennoch nicht sagen kann, dafs es ihnen gelungen sei, uns eine vollendete Grundlage der Theorie zu geben. Newton, der zu allen Untersuchungen der höheren Bewegungs- lehre den ersten festen Grund gelegt hat, untersuchte zuerst die Oscil- lationen der Luft; Taylor zunächst nach ihm, die einer gespannten Saite. Ihre Schlüsse und Rechnungen wurden mit grolser Strenge ge- prüft, von den beiden Bernoulli, Johann und Daniel, von L. Euler, von d’Alembert, von Lagrange und Andern, und dieses nicht ohne fo) Eifersucht gegen die ersten Erfinder, und. gegenseitig unter einander. Das Ergebnifs dieser Prüfungen war, dafs sich zwar gegen die Voraus- K2 76 FıscHERr setzungen, die Newton und Taylor gemacht hatten, gegründete Erinne- rungen machen liefsen , dafs man aber ihren Hauptformeln durchaus keinen Fehler nachweisen konnte. Diese Anstrengungen sind für die höhere Analysis und Mecha- nik eine Quelle schr wichtiger Erweiterungen geworden. Die Akustik selbst aber hat dadurch nicht sowohl neue Ansichten, als gröfsere Be- suimmtheit und Sicherheit in ihren Erklärungen gewonnen: denn die- jenigen Eigenschaften der Oscillauonen, von denen der Schall abhängt, waren schon vor der Rechnung, den Physikern unmittelbar aus Be- trachtung der akustischen Erscheinungen bekannt. Man wuiste vor Newton und Taylor, dafs die Empfindung des Schalles durch Öseillationen der Luft entstehe, und dafs diese meistens durch Oscillationen fester Körper erregt werden; dafs die Luft in Blas- Instrumenten Longitudinal-Oseillationen mache; dafs alle diese Öscilla- tionen vollkommen gleichzeiug, und ihre Schläge ungemein schnell seyn 9? müssen, wenn die Empfindung eines Tones entstehen soll; und dafs die Höhe des Tones von der bestimmten Anzahl der Öscillations - Schläge in einer Sekunde abhänge. Man kannte ferner den Zusammenhang der musikalischen Intervalle mit der Schnelligkeit der Oscillationen, und Sauveur hatte schon vor Taylor auf eine sehr sinnreiche Art versucht, die Anzahl der Öscillationen, die ein Ton von bestimmter Höhe er- fordert, durch Beobachtung zweier Orgelpfeifen, die beinahe densel- 5 ben Ton gaben, zu bestimmen. In Rücksicht aller dieser Gegenstände gewann aber die Akusuk durch die mathematische Theorie nicht neue Wahrheiten und vergröfserten Umfang, sondern nur gröfsere Be- summtheit und Evidenz. Was sie durch die mathematische Theorie ge- wann, war hauptsächlich die bestimmte Kenntnifs der Gesetze, nach welchen die Höhe des Tones von der Gröfse und Masse und von der Spannung oder Elastieität der oscillirenden Theile abhängt. Die ent- scheidensten Untersuchungen verdanken wir dem Scharfsinn des trefl- lichen Lagrange, der so wie mehrere der genannten berühmten Männer, einst eine Zierde unserer Akademie war. Er zeigte in seinen höchst scharfsinnigen Recherches sur la propagation du son ('), worin Newton, (1) Miscellanea Taurinensia, Tom.1 et 11. über die Grundlehren der Akustik. HT, Taylor, und alle seine Vorgänger gefehlt hatten, und wie die Untersuchung anzugreifen sei, um nicht nur fehlerfreie Resultate zu erhalten, sondern auch allen Foderungen der strengsten Methode Genüge zu leisten. Demohngeachtet kann man nicht sagen, dafs Lagrange eine voll- ständige Theorie der Osecillationen geliefert habe. Noch ist mehr als ein Problem rückständig, dessen Auflösung man von den Fortschritten der Analysis und höhern Mechanik erwarten mufs. Dahin gebört die Berechnung der Öscillauionen ganzer Flächen, desgleichen die Theorie des Ueberganges der Oscillationen aus einer Materie in eine anderarüge. In Ansehung dieses letztern Problems scheinen die genannten grofsen Män- ner noch gar nicht auf die Nothwendigkeit dieser Theorie aufmerksam geworden zu seyn, denn alle von Newton bis auf Lagrange, betrachten immer nur die Oscillationen in so fern sie in einem und demselben Mittel statt finden; erwähnen aber des Ueberganges aus einem Mittel in das andere, entweder gar nicht, oder so als ob derselbe gar kei- ner eigenen Theorie bedürfe. Wir werden aber sehen, dafs man ohne eine genauere Kenntnifs der Gesetze dieses Ueberganges von den mei- sten akustischen Erscheinungen gar keine befriedigende Erklärung geben könne (!). Die genannten Analytiker haben also in der höhern Mechanik noch eine grofse Lücke auszufüllen übrig gelassen; nämlich die Entwicklung der Gesetze nach welchen körperlich sich berührende Punkte bewe- gend auf einander wirken, wenn sie sich im Zustande einer ge- genseitigen Spannung befinden. Die bekannten Gesetze des An- stofses setzen eine solche Spannung nicht voraus; der Erfolg nach die- sen Gesetzen kann also auch eigentlich nur dann vollkommen statt fin- den, wenn die sıch berührenden Körper als frei, also in einem von al- ler widerstehenden Materie leeren Raum angenommen werden. Und (1) Einige neuere Analytiker in England und Frankreich, besonders Fresnel und Poisson scheinen in der That die Theorie bedeutend weiter geführt zu haben; doch nicht in Beziehung auf den Schall, sondern auf das Licht. Aber die Verhältnisse des Ver- fassers haben ihm noch nicht erlaubt, sich mit diesen Arbeiten genau bekannt zu machen ; welches indessen für die gegenwärtige Abhandlung nicht nothwendig schien, da diese mehr den Zweck hat zu zeigen, was die Beobachtung, als was die Rechnung über die Ge- setze der Oscillationen lehre. Rı.1S e- BER 4 Rn [® für diese Voraussetzung hat man in der That die Theorie der Bewegun- gen zu einem völlig befriedigenden Grad der Vollendung gebracht. Für die Bewegungen im Zustande der Spannung aber, sind die oben er- wähnten scharfsinnigen Untersuchungen über die Öseillationen in gleich- artigen Mitteln ein sehr schätzenswerther Anfang, aber in der That auch nur ein Anfang, der die Möglichkeit einer vollständigen Ausfüh- rung anschaulich macht, die aber in der That nichts weniger als leicht seyn dürfte. Nothwendig ist aber solche Ausführung: denn alle Bewe- gungen innerhalb des Raumes wo wir leben, geschehen zwischen kör- perlichen Theilen, die sich im Zustande einer gegenseitigen Spannung 5 berühren. Und eben darin dürfte vielleicht der eigentliche Grund lie- gen, warum die geprüftesten Formeln der Mechanik dennoch oft so sonderbar von der Wirklichkeit abweichen, wie z. B. Newtons Formel für die Geschwindigkeit des Schalles. Selbst die Idee einer allgemeinen Spannung, in welcher sich alle körperliche Punkte nicht nur im Innern der Körper, sondern auch in der Oberfläche, wo sich ungleichartige Materien berühren, beiinden, (der Aggregatzustand beider sey wie man will), gehört zu den Ideen, die eine sehr feine Analyse aller Erscheinungen vorausseizen, und daher erst nach und nach zum deutlichen Bewufsiseyn in dem menschlichen Vorstellungsvermögen gelangen können. Häue ich auch in den Jahren des kraftvollen männlichen Alters zu meinen Kräften das Vertrauen haben dürfen, die Auflösung so schwie- riger Aufgaben zu versuchen, so war dieses doch unmöglich in den Ver- hältnissen nicht nur eines Schulmannes, sondern überhaupt eines ander- weitig beschäftigten Gelehrten: denn Untersuchungen dieser Art erfor- dern nicht Wochen und Monate, sondern Jahre einer ungestörten wis- senschaftlichen Mufse. Unausweichlich gezwungen, auf ein höheres Ziel, was mir vor- schwebt, zu verzichten, habe ich mir ein näheres leichter erreichbares gewählt. Der vollständigen mathematischen Theorie eilt gewöhnlich eine empirische, d. i. unmittelbar aus den Erscheinungen abgeleitete voraus. Kepler entdeckte die Hauptgesetze, unter welchen die Bewe- gungen der Planeten stehen, durch eine sehr mühsame Entzifferung aus ihrem scheinbaren Lauf, ehe Newton diese Gesetze auf die ersten Grund- über die Grundlehren der Akustik. 79 begriffe von der Bewegung zurückführte. Eben so kannte man die ' Hauptgesetze der akustischen Oseillatonen aus unmittelbarer Beachtung der Erscheinungen früher, als die genannten Analyuker ihre rationale Theorie erfanden. Ja man kann behaupten, dafs den rein mathema- tischen Theorien physikalischer Erscheinungen allezeit eine blofs auf Erfahrungen beruhende vorausgehen müsse, wenn Mathematik und Physik Schritt halten, und in gleichem Grade zur Vollkommenheit reifen sollen. Es läfst sich erweisen, dafs die wichügsten Erweiterungen, welche die Mathematik, besonders in dem verflossenen Jahrhundert, in dem Ge- biete der höhern Analysis und Mechanik erhalten hat, fast ohne Aus- nahme veranlafst sind durch Probleme, weiche die Naturlehre aufstellte. Mathematische Theorien, die nicht diesen Ursprung haben, und welche nicht etwa blofs zur Vervollkommnung schon begründeter Theorien die- nen, sondern als ganz neue und isolirte Erzeugnisse im Gebiete der Ma- thematik da stehen, haben als blofse Wahrheiten einen unbestrittenen Werth, aber wichtig und fruchtbar werden sie erst dann, wenn sich gleichsam zufällig, eine Art von Naturerscheinungen an sie anschliefst. So war bisher die Theorie der regulären Körper eine rein mathema- tische Speculation, und hatte als Wahrheit ihren unbestrittenen Werth; aber durch die Entdeckungen, die neuerlich über die Structur der Kry- stalle gemacht worden, hat sie offenbar an Wichtigkeit und Fruchtbar- keit ungemein gewonnen. Je mehr aufzulösende Aufgaben also die Na- turlehre der Mathematik vorlegt, desto mehr fruchtbare Erweiterungen der mathematischen Theorien darf man erwarten. Soll aber dieser Zweck sicher erreicht werden, so mufs die Naturlehre ihren Aufgaben die gröfste Bestimmtheit zu geben suchen. Geschieht dieses nicht, so wird der Mathematiker mit allem Scharfsinn, den er anwendet, dennoch keine vollständigen und erschöpfenden Theorien zu Stande bringen. So fand Lagrange die Probleme der Akustik noch nicht vollständig von den Physikern aufgestellt, und um etwas bestimmtes zu erwähnen, so ist selbst jetzt noch der Begriff der Resonanz nicht scharf genug bestimmt: denn man schreibt der Resonanz Erscheinungen zu, die gar nichts mit ihr gemein haben. Es ist daher kein Wunder, dafs Lagrange und noch weniger seine Vorgänger eine vollständige, d.i. auf alle Fälle anwend- bare Theorie geben konnten. Es ergiebt sich hieraus sehr bestimmt, was s0 FıscHEr das Hauptgeschäft des Naturforschers sey, und seyn müsse. Er mufs die Gesetze der Erscheinungen aus den Erscheinungen selbst so genau als möglich zu bestimmen suchen. Er kann dabei der Hülfe der Mathematik nicht entbehren; doch ist es mehr der Geist mathematischer Ordnung, Deutlichkeit und Genauigkeit, als die Kennt- nifs der höhern Rechnungen. Denn in der That sind gegenwärtig Ma- thematik und Physik so überaus weitläufug geworden, dafs in einem Kopfe nicht Umfang genug für beide Wissenschaften ist, d.h. es ist eben so unmöglich, dafs der Physiker ein vollendeter Mathematiker, als dieser ein vollendeter Physiker sey. Arbeitet aber der Physiker dem Ma- thetiker auf die angedeutete Art vor, so ist sichtbar, dafs beide Wis- senschaften gewinnen werden. Ich habe versucht, dieses in Ansehung der Akustik zu leisten, indem ich ıheils für die Fälle, die schon als theoretisch feststehend an- zusehen sind, theils für die, wo die Theorie noch mangelhaft ist, die Haupterscheinungen und die Gesetze derselben, so fern sie empirisch erkennbar sind, auf deutliche Begriffe zu bringen gesucht habe. Hiemit ist der Zweck und Inhalt der gegenwärtigen Abhandlung ausgesprochen; wobei ich nur um gefällige Nachsicht bitten mufs, wenn ich, um Deut- lichkeit und Ueberzeugung zu bewirken, manches Bekannte nicht mit Stullschweigen übergehen kann, wobei ich mich indessen aller Kürze, welche nur der Zweck zuläfst, befleissigen werde. Von Oscillationen überhaupt. S.1. Oscillationen nenne ich diejenige Art von pendelartigen Schwingungen oder Vibrationen, welche innerhalb so enger Grenzen, die ich die Oscillations- Weite nenne, geschehen, dafs sie sich in den meisten Fällen der unmittelbaren Wahrnehmung entziehen, ja in manchen Fällen, im eigentlichsten Sinne des Wortes, unendlichklein seyn dürften. Da aber alle wissenschafilichen Forschungen, wenn sie gründlich seyn sollen, von ganz bestimmten und möglichst deutlichen Grundbegriffen ausgehen müssen, so ist nothwendig, zuerst einiges All- gemeine über diejenigen Eigenschaften aller körperlichen Materien vor- aus zu schicken, wodurch Öscillationen möglich werden. über die Grundlehren der Akustik. si $.2. Die Möglichkeit oseillirender Bewegungen beruhet darauf, dafs alle Theile der uns umgebenden körperlichen Materie sich in dem Zustande einer gegenseitigen Spannung befinden, vermöge deren die relative Ruhe der Theile gegeneinander, nicht daher rührt, weil keine Kraft auf sie wirke, sondern daher, weil jeder Theil nach allen Seiten gezogen oder getrieben wird, durch Kräfte, die sich gegenseitig ins Gleichgewicht gesetzı haben. Eine solche Spannung findet nicht nur in dem Innern eines jeden gleichartigen Körpers ohne Ausnahme statt, sondern sie entsteht nothwendig auch bei der äufsern Berührung un- gleichartiger Materien, also mit einem Wort überall in der uns umge- benden Körperwelt. Man pflegt diese Spannung ziemlich allgemein Elastieität zu nennen; gegen welchen Ausdruck nichts zu sagen ist, wenn dadurch blofs die Thatsache einer allgemein vorhandenen Span- nung bezeichnet werden soll. Als Benennung einer Kraft aber, die nach bestimmten allgemeinen Gesetzen wirke, ist die Benennung zu un- bestimmt; denn es läfst sich leicht sichtbar machen, dafs diese Spannung von mehreren unterschiedenen Kräften herrühre, und dafs sich beson- ders die verschiedenen Aggregatzustände der Körper in dieser Rücksicht unläugbar und unzweideutig von einander unterscheiden. $.3. Bei lufiförmigen Körpern liegen die Kräfte, welche eine Spannung aller Theile hervorbringen, am deutlichsten vor Augen. Sie ist die Folge einerseits von der Expansivkraft der Luft, andererseits aber von einem blofsen äufsern Drucke; im Freien von dem Ge- wicht der überstehenden Luft; in geschlossenen Gefäfsen, von der Co- häsionskraft der sperrenden Wände. Dieser äufsere Druck ist gewöhn- lich von einer beständigen Gröfse; die Gesetze der Expansivkraft aber sind hinlänglich bekannt. Sie verhält sich bei gleicher Temperatur wie die Dichtigkeit, und bei gleicher Dichtigkeit wie die Temperatur nach dem Luft-Thermometer. $.4. Bei ıwropfbaren Körpern ist schon das Spiel der thätigen Kräfte nicht so einfach; ja man mufs bei ihnen eine doppelte Art der Spannung unterscheiden. Die eine hängt ab einerseits von der Schwere, deren Druck sich durch alle Theile der Flüssigkeit verbreitet, andererseits von dem Widerstand der unten und seitwärts sperrenden Wände. Sie besteht also eigentlich in nichts, als in dem hydrosta- Phys. Klasse 1824, L 82 Fısceuer uschen Gleichgewicht. Von einer freien Expansivkraft zeigt sich bei tropfbaren Flüssigkeiten keine Spur. Dagegen ist man genöthigt, bei jeder solcher Flüssigkeit noch das Daseyn einer eigenen Spannung anzuerkennen, die lediglich von dem Daseyn einer innern zwischen den Theilen herrschenden Attractiv- und Repulsivkraft herrührt, deren Gesetze eigentlich noch gar nicht unter- sucht sind, und vor der Hand nur nach Analogien antieipirt werden müssen. Wäre es auch nicht jn neuern Zeiten durch Perkin’s directe Versuche erwiesen, dafs Wasser durch mechanische Kraft ein wenig zusammengedrückt werde, und wenn der Druck nachläfst, wieder zu seiner ersten Dichtigkeit zurück kehre, so müfste man doch das Daseyn solcher Eigenschaft schon deswegen einräumen, weil man sonst gar kei- nen deutlichen Grund angeben könnte, warum sich jeder Druck durch eine Flüssigkeit, nicht blofs in der Richtung des Druckes, söndern nach allen Seiten in gleicher Stärke fortpflanze. Auch giebt es eine Menge anderer Erscheinungen, welche diese Voraussetzung zu machen nöthigen, und besonders würde man schwerlich ohne dieselbe die Entstehung akustischer Oscillationen im Wasser begreiflich machen können, deren Daseyn doch nicht bezweifelt werden kann. $.5. Elasticität oder Federkraft im engeren Sinne des Wor- tes findet nur bei festen Körpern statt, ist aber eine allgemeine Eigen- schaft derselben. Feste Körper zeigen keine Spur von einer freien Ex- pansivkraft oder Contractivkraft, noch von einer solchen Beweglichkeit der Theile, wie wir sie bei flüssigen Körpern finden, sondern im Ge- gentheil ein Bestreben, in einem gewissen Zustand zu beharren. Doch können durch Drücken, Ziehen, Beugen oder Drehen einzelne Theile ein wenig aus ihrer natürlichen Lage gebracht werden; aber alsdann zeigen die Theile jederzeit das Bestreben in ihren ersten Zustand zu- rückzukehren, sobald die störende Kraft nachläfst. Ist diese störende Kraft nur schwach, so geschieht die Wiederherstellung des ersten Zu- standes vollständig. Ueberschreitet diese Kraft eine gewisse Gröfse, so zeigt sich zwar auch jetzt noch das Bestreben den ersten Zustand her- zustellen, aber die Herstellung erfolgt unvollständig. Jenes nennt man die Wirkung einer vollkommenen, dieses einer unvollkommenen Elasticität. Beide finden bei jedem festen Körper statt, nur sind die über die Grundlehren der Akustk. [e'e) [u Gränzen beider sehr verschieden, und bei Körpern die man gewöhnlich unelastisch nennt, sind sie schr enge. Man würde sich aber von der Elasticität harter Körper eine unrichtige Vorstellung machen, wenn man annehmen wollte, dafs ihre Theile nur einem starken Druck nachgäben. Man ist vielmehr genöthigt anzunehmen, dafs der leiseste Druck, an der berührten Stelle einige wiewohl unermefslich kleine Zusammendrückung hervorbringe. 8. 6. Die Elastieität gehört unstreitig zu den eigenthümlichen W ir- kungen der Cohäsionskraft. Aber die Gesetze ihrer Wirkungen dürften wohl, wie ich glaube, Stoff zu manchen sehr wichtigen Unter- suchungen geben. Doch hat sich aus einer Menge angestellter Versuche ein allgemeines Gesetz ergeben, welches in den Gränzen der vollkom- menen Elasticität, entweder genau, oder mit einer grofsen Annährung richüg ist. Es sei „/ Fig. 1. ein Punkt eines festen Körpers, und er sei durch Druck oder Zug, durch Beugen oder Drehen, aus der Stelle 4 in 3 gebracht. Hat die Kraft die Gränze der vollkommenen Elasticität nicht überschritten, so strebt der Punkt nach / zurück mit einer Kraft, welche der Entfernung 34 proportional ist. So ver- hielt es sich wenigstens bei gespannten Saiten. Aber die neuern Entdeckungen über die Structur der Krystalle deuten auf höchst merkwürdige Eigenthümlichkeiten der Cohäsionskraft, deren Gesetze aber vor jetzt noch in ein ziemlich tiefes Dunkel gehüllt sind, deren Enthüllung aber der höhern Mechanik ein ganz neues Feld eröffnen dürfte. Diese Entdeckungen setzen es nämlich ausser Zweifel, dafs der Purkt 4, er sei im Innern, oder an der Oberfläche eines festen Körpers, nicht in allen Richtungen mit gleicher Kraft gezogen wird, und ziehet. Daher wird er auch, wenn er aus 4 nach 3 getrieben ist, nicht in allen Fällen mit gleicher Kraft zurückgetrieben. Ob diese Kraft nun unter allen Umständen, wenn der Punkt von 3 nach A zu- rückkehrt, wie die Entfernung von 4 abnehme, ist wahrscheinlich, aber nicht unmittelbar deutlich, und würde erst nach den Grundsätzen der höhern Bewegungslehre auszumitteln seyn. Aber der Mathematiker wird sich immer nur auf Hypothesen stützen müssen, so lange sich der Na- turforscher der Gesetze dieser Kräfte die nur in der Berührung wirken, 2 84 Fischer und in verschiedenen Richtungen ungleiche Spannung hervorbringen, noch nicht vollständig bemächuügt hat. SET. Dadurch dafs die Gesetze der Expansivkraft der Luft, und der Elasticität gespannter Saiten hinlänglich bekannt sind, ist es möglich geworden, zwei Grundprobleme der Akustik, die Öscillationen der Luft und gespannter Saiten der Rechnung zu unterwerfen, und ihre Gesetze mit mathematischer Genauigkeit zu bestimmen. Ich setze Jdiese Theorie als bekannt voraus, und bemerke blofs zur Verständlichkeit alles folgenden, dafs wenn Oscillationen entstehen sollen, unmittelbar nicht der ganze Körper, sondern nur einzelne Theile dessel- ben in Bewegung gesetzt werden müssen. Denn ein Stofs, der gegen ei- nen Theil eines Körpers gerichtet ist, wirkt immer unmittelbar nur auf diesen Theil, und theilt sich erst nach und nach der übrigen Masse mit. Daher bewirkt nicht nur bei der Luft, sondern bei jedem Körper, ein Stofs, der irgend einen Theil um eine äufserst geringe Weite aus seiner natürlichen Lage bringt, allezeit eine Verdichtung der Masse an der Stelle wohin ein Punkt derselben getrieben wird, welche in jedem Fall dadurch in eine erhöhte Spannung versetzt wird, aus welcher das Be- streben entsteht, in die erste Stelle zurückzukehren. $. 8. Es sei nun wieder 4 Fig. 1. ein aus seiner natürlichen Lage nach 3, innerhalb der Grenzen der vollkommenen Elastieität verrückter Punkt, so sieht man leicht ein, dafs er mit zunehmender Geschwin- digkeit, aber mit abnehmender Beschleunigung, nach 4 zurück- kehren wird, (die Beschleunigung in jedem Punkte D sei dem Abstand von 47 proportional oder nicht). In 4 ist daher die Beschleunigung Null, die Geschwindigkeit aber ein Maximum. Daher kann er in 4 nicht stllsiehen, und wäre seine Bewegung frei, so würde er bis C gehen (wenn {0 = AB), und alsdann fortfahren zwischen 3 und C wie ein Pendel hin und her zu schlagen. Aber seine Bewegung ist nicht frei. Denn wegen des Zusammenhanges mit der übrigen Masse, kann er nicht oscilliren, ohne die ihn berührenden Theile mit fortzudrücken und zu ziehen. Soviel Bewegung er aber anderen Punkten mittheilt, eben soviel verliert er an seiner eigenen. Die zweite Hälfte des Weges den er durchläuft, ist also kürzer als die erste, und indem er von C über die Grundlehren der Akustik. 85 gegen A zurückschlägt, so wird er sich auf der ersten Seite noch we- niger von 7 entfernen. Kurz, er wird in den allermeisten Fällen, nach sehr wenigen Öscillationen, wie man an jeder Qlaviersaite sieht, wieder zur Ruhe kommen, wofern nicht die bewegende Kraft, wie bei dem Streichen mit einem Bogen, immer fortwirkt. 8.9. Es ist aber theoretisch erwiesen, und durch die Beobach- tung vollkommen bestätigt, dafs die Dauer einer Oscillation von der Gröfse der Oscillauonsweite unabhängig ist, so dafs alle Oscillationen desselben Punktes vollkommen gleichzeitig sind, er mag zwischen 2 und C, oder nur zwischen D und Z oscilliren. Wenigstens verhält es sich so, wenn der oscillirende Punkt nicht über eine gewisse Gränze aus seiner natürlichen Lage herausgetrieben wird. Da ich als bekannt und ausgemacht voraussetze, dafs die Höhe eines Tones lediglich von der Dauer seiner Öscillaionen abhängt, so kann man sich auf die ein- fachste Art von der Gleichzeitigkeit der Oscillaionen überzeugen, wenn man den Ton einer Saite oder einer Stmmgabel verklingen läfst, wo man nicht die allergeringste Veränderung in der Höhe des Tones wahr- nehmen wird. Unterschied zwischen ursprünglichen und mitgetheilten Oscillationen. 8.10. Ursprünglich nenne ich eine Öscillation, wenn ein ein- zelner Punkt irgend eines Körpers durch einen äufsern Druck oder Zug, in oscillirende Bewegung gesetzt wird. Mitgetheilt nenne ich sie, wenn ein ruhender Punkt durch unmittelbare Berührung eines schon oscillirenden, mit zu oscilliren genöthigt wird, wobei es weiter keinen Unterschied macht, ob der mittheilende Punkt ursprünglich, oder selbst schon durch Mittheilung oseillirt. Es ist nicht schwer einzusehen, dafs mitgetheilte Öscillationen an sich keine andere Gesetze befolgen können, als ursprüngliche. Denn wenn ein Punkt deswegen oscillirt, weil ein anderer, der durch Berüh- rung und Spannung mit ihm verbunden ist, oscillirt, so mufs die Be- wegung desselben genau in dem Maafse zu- und abnehmen, wie die des mittheilenden. Nur in der Vibrationsweite kann, wie wir in der Folge 86 F, IssuchHrEıR sehen werden, zwar eine, aber nur im eigentlichsten Sinne unendlich kleine Veränderung vorgehen. Demohngeachtet halte ich die schärfste Auffassung des Unterschie- des zwischen ursprünglichen und mitgetheilten Oscillauionen für so wich- tig, dafs man ohne dieselbe schwerlich zu deutlichen Begriffen und Er- klärungen über akustische Erscheinungen gelangen wird. Denn wir wer- den uns in der Folge überzeugen, dafs die Dauer und die Gröfse der Osecillationen in einer sehr verschiedenen Abhängig- keit von der Beschaffenheit des Mittels stehen, in welchem sie statt finden, je nachdem sie ursprünglich oder mitge- theilt sind. Anmerkung. Dieser Unterschied ist bisher entweder ganz übersehen, oder nicht gehörig benutzt worden. Unser Chladni ist der einzige mir bekannte Akusti- ker, der ihn in seiner Akustik ($. 163. ff.) bestimmt ausspricht; nur nennt er eigenthümliche Oscillationen, was ich ursprüngliche nenne. Doch las- sen sich aus der genaueren Beachtung dieses Unterschiedes weit mehr für die Theorie fruchtbare Folgerungen ableiten, als Chladni in seinem schätzbaren Werke abgeleitet hat. Die mathematischen Akustiker, selbst Lagrange, ken- nen diesen Unterschied gar nicht. Ursprüngliche Oscillationen. $. 11. Wenn Theile eines Körpers, auf die oben ($. 8.) beschrie- bene Art zu oscilliren genöthigt werden , so hängt die Dauer eines Schlages ganz und gar nicht von der Stärke des erregenden Anstofses ab, sondern lediglich von der Kraft, mit welcher die verscho- benen Theile wieder in ihre natürliche Lage zurückgetrieben werden, also von der vorhandenen Spannung und von der Masse der verschobenen Theile. Der Grund ist leicht einzusehen. Ist der Punkt 4 durch äufsere Kraft aus 4 nach B getrieben, so kann er nicht eher anfangen zu oscilliren, als bis diese äufsere Krafı ihn frei läfst. Dann kann er lediglich derjenigen Kraft folgen, mit welcher ihn die vorhandene Spannung wieder nach 4 hintreibt. Von der Stärke des Stofses hängt blofs die Gröfse der Osecillations- weite BC ab, durch welche aber die Dauer der Schläge, und die Höhe des Tons nicht geändert wird ($.9.). über die Grundlehren der Akustik. 87 8. 12. Dieses Gesetz der ursprünglichen Öseillauonen würde sich sehr vollständig empirisch erkennen lassen, wenn es nicht schon hin- reichend durch die Mechanik begründet wäre. In jedem Körper kann man unter gegebenen Umständen, nicht jeden beliebigen, sondern nur ganz bestimmte Töne hervorbringen. In manchen nur einen, in anderen mehrere, oder eine ganze Reihe, die aber sämmtlich nach bestimmten Verhältnissen von einander abhängen. Dieses ist vorzüglich der Gegenstand, über welchen unser Chladni durch seine sinnreiche Beobachtungsart so viel Licht verbreitet hat. Er hat nämlich gezeigt, dafs bei dem Öscilliren sich der Körper sehr häufig in mehrere Theile theilt, welche sämmilich, jeder für sich, aber gleichzei- ug, Regel der Ton; doch hat auch die Gestalt der oscillirenden Theile und oscilliren. Je kleiner nun diese Theile sind, desto höher ist in der ihr Zusammenhang mit dem Ganzen Eintlufs darauf, weil dadurch die Krafı, mit welcher sie in ihrer natürlichen Lage erhalten werden, einige Aenderung erleiden kann. Von allen Tönen nun, die derselbe Körper geben kann, mufs einer der tiefste seyn, und diesen nenne ich den Grundton, die übrigen nenne ich Nebentöne. Bei dem Grundton ist es klar, dafs seine Höhe lediglich von der Beschaffenheit des oscilli- renden Mittels abhängt, und zwar theils von der Spannung, theils von der Masse oder Dichtigkeit desselben: denn jede Veränderung in der materiellen Beschaffenheit, oder in der Gröfse des Körpers, ändert den Grundton, und da die Nebentöne nach bestimmten Gesetzen vom Grund- ton abhängen, so ist klar, dafs auch bei diesen die Dauer der Oscilla- tionen ganz von der Beschaflenheit des Mittels, in welchem sie statt finden, abhängt. Bekanntlich kann auch die in einer langen Röhre ein- geschlossene Luftsäule sich nach der Länge in zwei, drei, vier und mehr gleiche Theile theilen, wodurch ausser dem Grundton in offenen Pfeifen eine Reihe von Tönen nach der harmonischen Scale hervorgebracht wird. In diesem Fall ist bei gleicher Spannung die oscillirende Masse verschie- den; also die Dauer der Öscillauion wieder von der Beschaffenheit des Mittels abhängig. Gespannte Saiten haben das eigenthümliche, dafs aufser der gan- zen Länge, auch die Hälfte oder ein Drittel u. s. w. oscilliren kann, also aufser dem Grundion noch ein oder ein Paar Nebentöne, aber 88 ir ss,€ HuByR nur schwach, mitklingen können. Doch geschieht dieses nicht immer, und wenn der Ton durch Sweichen mit dem Bogen erregt wird, wie es mir scheint, nie. Uebrigens bemerke ich noch, dafs die Nebentöne für unsern Zweck kein besonderes Interesse weiter haben, und dafs zwischen ihnen und den Grundtönen, so fern man sie als ursprüngliche betrachten mufs, kein wesentlicher Unterschied statt findet. Mitgetheilte Oscillationen. 8. 15. Der wichtigste Unterschied zwischen ursprünglichen und mitgetheilten Oscillationen liegt darin, dafs die Dauer einer mit- getheilten Öseillation, von der Spannung und Dichtigkeit, kurz von der Beschaffenheit des Mittels in welchem sie er- regt wird, völlig unabhängig, und in jedem Fall der mit- theilenden OÖscillation gleichzeitig ist. Der Grund dieses Gesetzes liegt nicht so tief, dafs er sich nicht auch ohne höhere Rechnung deutlich machen liefse. Man stelle sich eine Reihe körperlicher Punkte 4, BD, C, D, E u.s.w. vor, welche sämmtlich einander berühren, also unendlich nahe beisammen sind, so ist aus dem oben $. 2. ff. gezeigten klar, dafs sie sämmtlich sich in einem Zustand gegenseitiger Spannung befinden, vermöge deren jeder ein wenig aus seiner Stelle gedrängt werden kann, dann aber allezeit zu derselben wieder zurück zu kehren strebt, und zwar mit desto gröfse- rer Kraft, je weiter er aus seiner Stelle gedrängt worden. Es macht hierin keinen wesentlichen Unterschied, ob wir uns diese Punkte aus gleichartiger oder aus ungleichartiger Materie bestehend vorstellen wol- len. Denn auch ungleichartige-Materien, die sich berühren, befinden sich in einer solchen gegenseitigen Spannung, dafs jeder Punkt, der einen Materie, ein wenig nachgeben mufs, wenn er von einem berührenden Punkte der andern gedrückt wird ($. 5.). Denken wir uns also die Punkte ZB, C, D, E u.s.w. als gleich- arüg, und in Ruhe, den Punkt 4 aber gleichartig oder anderartig, aber in Oscillation gesetzt, so ist klar, dafs der Punkt 2, weil er sich von 4 wegen der vorhandenen Spannung nicht trennen kann, gezwungen ist, über die Grundlehren der Akustik. 39 gerade so vorwärts zu gehen, wie 4 geht. Schlägt aber der Punkt 4 zurück, so mufs ihm 3 eben so nachfolgen, also völlig wie 4, und gleichzeitig mit demselben osceilliren. Was aber 4 auf 2 wirkt, eben das wird DB auf C, C auf D u.s.f. wirken, und es ist daher klar, dafs alle diese Punkte nach und nach gezwungen werden, gleichzeitig mit 4 zu oscilliren. Daraus folgt indessen nicht, dafs die Oscillations- weiten der Punkte C, D, E u.s. w. eben so grofs als bei dem Punkte 4 seyn werden. Denn die erste Wirkung, welche 4 gegen B ausübt, ist in jedem Fall eine Zusammendrückung der hinter 2 liegenden Theile. Hierdurch entsteht ein Widerstand, der selbst die Öscillationsweite von 4 kürzer macht, als sie aufser der Berührung mit 3 im leeren Raume seyn würde, woraus eine allmälige Verkürzung der Oscillations- weiten, aber nicht eine Verkürzung ihrer Dauer entstehen mulfs. In der Folge wird sich Veranlassung finden, dieses noch genauer zu erörtern. 8. 14. Was wir im vorigen $. aus blofsen Begriffen zu erweisen gesucht haben, ergiebt sich auf das unzweideutigste aus einer allgemei- nen akustischen Erfahrung. Jedermann weils, dafs die Höhe eines Tones nicht die geringste Veränderung leidet, der Ton pflanze sich durch die Luft, auf einem kurzen oder langen Wege fort, er dringe durch dünne oder dicke Wände, oder überhaupt durch Körper von ganz beliebiger Beschaffenheit. Schwächer wird wohl der Ton durch die Fortpflanzung, aber seine Höhe verändert er nicht, also auch nicht die Dauer der Öscillationen. 8. 15. Wenn ich behaupte, dafs eine mitgetheilte Öscillauon in Ansehung der Dauer jedes Schlages von der Beschaffenheit des Mittels unabhängig ist, so wird damit nicht gesagt, dafs sie in jeder Bezie- hung davon unabhängig sei. Es läfst sich in der That in mehr als einer Rücksicht eine Abhängigkeit nachweisen. Besonders gehört dahin die Geschwindigkeit, mit welcher sich die Oscillationen von Punkt zu Punkt fortpflanzen, denn diese ist von der Geschwindigkeit, mit welcher die oscillirenden Punkte ihre kleine Bahn zurücklegen, völlig unabhängig, und ohne Vergleich gröfser als diese. Diese Geschwindig- keit der Fortpflanzung ist lediglich eine Function von der im fortpflan- Phys. Klasse 1824. M 90 F. 1,5 0,H:EıR zenden Mittel herrschenden Spannung. Um dieses deutlich zu machen, ist zuerst einiges über die Geschwindigkeit des Schalles zu sagen. Von der Geschwindigkeit des Schalles. $. 16. Alle theoretische Bestimmung der Geschwindigkeit des Schalles ist unsicher, da Newton’s Formel für diese Geschwindigkeit in der Luft, ob ihr gleich die allerstrengste Prüfung keinen Fehler hat nachweisen können, dennoch die absolute Gröfse bedeutend zu klein angiebt. Es ist aber für die wissenschaftliche Begründung des physi- kalischen Theiles der Akustik dasjenige, was aus Beobachtungen hierüber bekannt ist, völlig hinreichend. Am wichtigsten ist es, die Geschwindigkeit des Schalles in der Luft zu kennen, da der Schall einem menschlichen Ohre äufserst selten durch ein anderes Mittel als die Luft mitgetheilt wird. Für unsern gegenwärtigen Zweck ist es hinreichend zu bemerken, dafs die Geschwindigkeit des Schalles voll- kommen gleichförmig ist, und dafs sie mehr als 1000 Fufs in der Secunde beträgt. Was die Fortpflanzung durch feste Körper betrifft, so ist es zwar viel schwieriger, sie durch Versuche sicher zu bestimmen ; indessen haben gelegenllich gemachte Beobachtungen gezeigt, dafs sich der Schall durch feste Körper noch ungleich schneller als durch Luft fortpflanzt. So beobachtete Biot, bei einer gegen 3000 Fufs langen Wasserleitung, die aus zusammengefügten Röhren von Gufseisen be- stand, dafs sich der Schall durch dieses Eisen mehr wie zehnmal so schnell als durch die Luft fortpflanzte. Andere Beobachter haben diese Geschwindigkeit durch Holz oder andere feste Körper so schnell gefun- den, dafs sich die Geschwindigkeit nicht schätzen liefs. Diese Beobachtungen, verbunden mit der allgemeinen Erfahrung, dafs hohe und tiefe Töne sich mit völlig gleicher Geschwindigkeit durch die Luft und durch alle Körper fortpflanzen, sind mehr als hin- reichend, um die Unabhängigkeit der Fortpflanzungs - Geschwindigkeit von der Öscillations - Geschwindigkeit aufser allen Zweifel zu setzen. Beide Arten von Geschwindigkeit lassen sich allgemein auf folgende Art vergleichen. Ein Ton mache in einer Secunde „ Schläge, und sein kleiner Oseillationsraum, den er also in — Secunde zurücklegt, über die Grundlehren der Akustik. 9 sey s. Die Geschwindigkeit des Schälles, also der Weg, den er in einer Secunde zurücklegt, sey c; so legt er in > Secunde den Weg < zurück. Betrachtet man nun die Bewegung, mit welcher ein oscilliren- der Punkt seine Bahn durchläuft, als gleichförmig, (was bei einer so kleinen Gröfse verstattet ist), so verhalten sich die in gleichen 5 dessen Oscillationen ungemein schnell sind, z. B. das viermalgestrichene 5 + “ c R Zeiten gemachten Wege, wie s:—. Man betrachte nun einen Ton, c, welches mehr als 4000 Oscillauonen in einer Secunde macht. Man setze s— 0,01 Zoll, = 4000, und c= 12000 Zoll, so verhält sich et :300. Bei einem tiefen Ton wird das Verhältnifs noch viel gröfser. Da also die Geschwindigkeit der Fortpflanzung von der Oscilla- tions-Geschwindigkeit unabhängig, und so weit die Beobachtungen und Untersuchungen reichen, in jedem Mittel anders ist, so folgt, dafs sie lediglich durch die Beschaffenheit des fortpflanzenden Mittels be- stimmt ist. $. 17. Um die Art, wie sich Öscillationen fortpflanzen, noch anschaulicher zu machen, betrachte man die Fortpflanzung eines Tones durch die Luft, und zwar für jetzt nur in einer einzigen geraden Linie 4H Fig. 2. Zwischen B und C oscillire ein Pnnkt (etwa eimer gespannten Saite), der in einer Secunde r Schläge macht. Seine natürliche Stelle sei mitten zwischen 3 und C in 4, und er sei aus derselben auf irgend eine Art bis 3 zurückgezogen, vor ihm liege aber in der Linie BH ruhende Luft. Es ist nun zu überlegen, was in der Luft ge- schehen wird, wenn man den Punkt in 2 losläfst? Es ist klar, dafs er während der ganzen Bewegung von B bis C gegen die ihn unmittelbar berührende Luft drückt. Jeder Druck bringt aber einige, wenn auch noch so geringe Verdichtung hervor. Die unmittelbar durch den oscillirenden Punkt verdichtete Luft drückt aber nun eben so stätig gegen die ihr nächste, und diese gegen die weiter liegende u.s. w.; kurz, diese Verdichtung pflanzt sich auf der Linie BH schnell von Punkt zu Punkt fort. Die Geschwindigkeit, mit der die Verdichtung fortrückt, ist aber nichts anders als die Geschwindig- keit des Schalles, die wir, wie oben, c nennen. Nun legt der oscil- M2 92 Fi, dasıe HER e lirende Punkt seine kleine Bahn BC =s in — Secunde zurück, der Schall aber legt in eben der Zeit den Weg —- zurück. Man nehme nun an, dafs CD=-DE=EF=FG=GHA u.s.w. dieser Gröfse — gleich sei, so ist klar, dafs in dem Augenblicke, wo der oscillirende Punkt die Gränze C erreicht, die erste Luftverdichtung, die er bei dem An- fang seiner Bewegung in 3 hervorbrachte, bis D fortgerückt, die jenseits D liegende Luft aber noch in Ruhe und in ihrem natürlichen Zustand seyn wird. Hieraus ist nun aber klar, dafs alle Luft, die vorher zwischen 3 und D ausgedehnt war, nun in dem Raum CD zusammen- gedrängt, also verdichtet seyn wird. Diese ganze Verdichtung entsteht also dadurch, dafs jeder Punkt derjenigen Luft, die anfangs zwischen Bund D enthalten war, eben so, wie der ursprünglich oscillirende Punkt selbst, eine sehr kurze Bewegung gegen D hin gemacht hat. Schlägt nun der oseillirende Punkt von C gegen D zurück, so folgt ihm die bei C befindliche Luft nach, d.h. die verdichtete Luft fängt bei C an, sich zu verdünnen, und diese Verdünnung schreitet eben so schnell, wie vorher die Verdichtung gegen D hin, fort. Da aber die Verdichtung fortfährt, bei D eben so schnell gegen EZ fortzu- schreiten, so: ändert sich die Länge der verdichteten Schicht nicht, sondern die Verdichtung, (nicht die verdichtete Luft), rückt nur mit der Geschwindigkeit des Schalles gegen Z hin fort. Hat also der oscillirende Punkt wieder die Gränze B erreicht, so befindet sich die Luft- Verdichtung zwischen D und Z; dagegen ist die Luft zwischen D und C nun in einem verdünnten Zustand, und dieser entstehet da- durch, dafs jedes anfangs zwischen © und D belindliche Lufttheilchen eine kleine Bewegung gegen 3 hin gemacht hat. Man sieht leicht, wie diese Betrachtung weiter fortzusetzen ist. Schlägt der oscillirende Punkt zum zweitenmal von 3 nach C, so geht die erste Luft- Verdichtung in ZF, und die erste Verdünnung in DE über. Bei dem zweiten Rückschlag kommt die erste Verdichtung in FG, die erste Verdünnung in EF, die zweite Verdichtung in DE, und eine dritte Verdünnung in CD u. s. f. Es müssen also längs der ganzen Linie 3 HY lauter abwechselnde Schichten von verdichteter und verdünnter Luft enistehen, und dieses wenigstens so weit, als der durch den oscillirenden Punkt erregte über die Grundlehren der Akustik. 03 Schall hörbar ist. In jeder Verdichtung oscilliren die Punkte der Luft vorwärts, in jeder Verdünnung rückwärts. Die Länge der Verdich- tungen oder Verdünnungen ist 5 also, da c eine beständige Gröfse ist, blofs eine Function von z, d.i. von der Anzahl der Schläge, die der Ton in einer Secunde macht; also von der Zeit oder Dauer einer Öscillation, aber ganz und gar nicht von der Oscillationsweite BC. In eben dem Maafse aber, in welchem 3C gröfser oder kleiner ist, sind auch die Räume, innerhalb deren jedes Luft-Theilchen oscil- liret, gröfser oder kleiner. Doch werden wir in der Folge sehen, dafs die Oscillationsweiten der Luft- Theilchen nach einem bestimmten Ge- setz, mit der Entfernung von den ursprünglichen Öscillationen kürzer werden müssen. Von der Verbreitung des Schalles in der Luft. 8. 18. Wir haben im vorhergehenden gesehen, wie sich die Öscillationen in einer einzigen geraden Linie fortpflanzen ; jeszt ist zu untersuchen, ob, und auf welche Art sie sich von einem einzigen Punkte aus seilwärts verbreiten. In € Fig. 3 befinde sich ein körperlicher Punkt, der zwischen den Gränzen 4 und 2 ursprünglich oscilliret. Wir haben bemerkt, dafs so wie er von 4 gegen B schlägt, die vor ihm liegende Luft zu- sammengedrückt wird. Diese Verdichtung entsteht aber offenbar nicht erst dann, wenn der oscillirende Punkt den Weg 4B schon zurück gelegt hat, sondern in jedem Punkte des Raumes 4B dauert die Ver- dichtung der vorliegenden Luft stätig fort. Verdichtete Luft aber strebt in jedem Fall, sich nach allen Seiten auszudehnen; daher werden sich die Oseillationen nicht blofs in der verlängerten Richtung 4B, (also in ZN) fortpflanzen, sondern in allen Richtungen, wohin man von den Punkten des Raumes 4B aus, eine gerade Linie ziehen kann. Da aber 42 in jedem Fall ungemein klein ist, so reicht es hin, alle Rich- tungen, als von der Mitte C ausgehend zu betrachten. Zieht man also CM in beliebiger Richtung, so müssen in dieser die verdichteten und verdünnten Luftschichten, gerade so wie in der Richtung CN wechseln. Da nun eben dieses von jeder Linie gilt, die man von C aus in der 04 Fi. c HER Luft ziehen kann, so sieht man leicht ein, dafs sich diese Verdichtungen und Verdünnungen, in der Gestalt concentrischer Kugelschichten von C aus verbreiten werden. In der Figur ist angenommen, dafs die Linien CD, DE, EF, FG gleich sind, und die oben bestimmte Länge einer Verdichtung oder Verdünnung vorstellen; dafs ferner aus C durch D, E, F, G u. s. w. Kugelflächen dö, ee, f$, gy u. s. w. gelegt sind, und dafs endlich sich zwischen C und dö eine Verdünnung, zwischen dö und es eine Verdichtung u. s. f. befinde. Eine solche kugelförmige Verdichtungs - Schicht wie döee oder fpgy, nebst der ihr folgenden Verdünnung Cdö oder eef® u. s. w. nennt man eine Schall-Welle, die Länge einer Verdichtung und Verdünnung zusammen, wie CE oder EG, das Maafs oder die Breite einer Schall- Welle, endlich jede aus C gezogene Linie, wie CN oder CM, einen Schall-Stral. Dafs die Breite jeder Schall-Welle =" sei, ist aus $. 17. klar. 8. 19. Auf diese Arı hat es gar keine Schwierigkeit, nicht nur deutlich, sondern auch anschaulich zu machen, was bei der Verbreitung des Schalles von einem Punkte aus, in der Luft geschieht. In der Wirklichkeit kommt aber nie der Schall aus einem einzigen Punkte; doch begreift man leicht, dafs eine starke Annäherung an die gegebene Vorstellung statt finden müsse, wenn entweder die ursprünglich oscilli- renden Punkte sich innerhalb eines kleinen Raumes befinden (z.B. in der Oeflnung eines Blase-Instrumentes, aus welcher der Schall hervor- tritt), oder wenn dieser Raum zwar von einiger Ausdehnung ist, wie bei Saiten-Instrumenten, der Hörer sich aber in solcher Entfernung befindet, dafs er die ganze Länge unter einem ziemlich kleinen Winkel sehen würde. Verwickelter wird aber die Sache, wenn sich das Ohr nahe bei der Quelle eines solchen Schalles befindet. Es sei Fig. 4, IB eine tönende Saite, in C befinde sich ein Ohr, so ist klar, dafs ein Luft- Theilchen in C von jedem Punkt der Saite einen Schall - Stral, wie 4C, DC, IC, BC u.s.w. erhält. In jeder solchen Richtung erhält also der Punkt C einen Öscillationsschlag; da aber alle diese Stralen von sehr verschiedener Länge sind, so wird der Punkt C in einigen der- selben in einer Verdichtung, in andern in einer Verdünnung zu liegen über die Grundlehren der Akustik. 95 kommen, d.h. er wird in einigen Stralen einen Stofs erhalten in der Richtung gegen die Saite, in andern hingegen abwärts. (S. 17). Der Anstofs den C erhält, ist also in der That sehr zusammengesetzt, und es würde nicht ganz leicht seyn, aus allen diesen Anstöfsen die Rich- tung des zusammengesetzten Stofses zu berechnen. Es ist indessen die Bestimmung dieser Richtung in akustischer Hinsicht nicht wichtig. Es ist völlig hinreichend zu wissen, dafs alle Schläge, die der Punkt € er- hält, gleichzeitig sind, und dafs daher auch das Ergebnifs aller dieser Schläge nichts als eine einzige gleichzeitige Oscillation seyn könne, wie sich leicht aus den ersten Begriffen von der Zusammensetzung jeder beliebigen Art von Bewegungen deutich machen läfstı. In welcher Richtung diese zusammengesetzten Oscillauons-Schläge das Ohr treffen, ist für die Höhe des Tones gleichgültig. Ob man unter solchen Umständen noch von regelmäfsigen Schall- Wellen reden könne, ist nicht leicht deutlich zu machen; und diese Betrachtung mag wohl der Grund seyn, warum Lagrange in mehreren Stellen seiner Recherches, die Vorstellung von Schall-Wellen, die zu- erst Newton aufgestellt hatte, gänzlich verwirft, obgleich ihre Realität unbestreitbar ist, sobald man den Schall, als von einem Punkte, oder auch von einem kleinen Raume ausgehend, betrachtet. $. 20. Noch verwickelter wird das Spiel der Oscillauionen, wenn eine Menge von verschiedenen Tönen zugleich klingen. Auf An- schaulichkeit mufs man dabei gänzlich Verzicht thun. Aber der Verstand reicht weiter als die Einbildungskraft oder das Anschauungs- Vermögen: denn er vermag, Deutlichkeit in die verwickeltsten Erscheinungen zu bringen, welche die Einbildungskraft nicht vermö- gend ist, in ein anschauliches Bild zusammen zu fassen, wofern er nur im Stande ist, die einfachen Bestandtheile der Erscheinung auf deut- liche Begriffe zu bringen. Es kommt nämlich hierbei auf die Anwen- dung eines Satzes an, der aus den ersten Begriffen der Bewegungslehre deutlich hervorgeht, wenn diese Lehre rein mathematisch und von allen physikalischen Begriffen abgesondert vorgetragen wird. Legt man nämlich einem Punkte vielerlei relative Bewegungen (z.B. dem Punkte C Fig. 4 in den Richtungen FE, DF, IG, BH etc.) mit gegebenen Geschwindigkeiten bei, und bestimmt dar- 96 Fiirssıc DIE R aus seine absolute Richtung und Geschwindigkeit, so ist es in jedem Fallabsolut einerlei, ob man sagt, der Punkt habe die einzige absolute Bewegung, oder er habeaalle die einzelnen Bewegungen, die man ihm in Beziehung auf die gegebenen Richtungen beilegt. Man darf daher in jedem Fall beide Vorstellungsarten, ohne einen Irthum zu besorgen, vertauschen. Aus diesem Satze folgt aber, dafs man bei der Zusammensetzung noch so vieler Bewegungen , dennoch jede einzelne für sich so betrachten kann, als ob sie ganz allein da wäre. Wendet man diesen Satz auf unsern Gegenstand an, so ist man berechtigt, jeden Schall-Stral, der durch € geht, z.B. /G so zu be- trachten, als ob er ganz allein da wäre; d.h. man kann und mufs an- nehmen, dafs in jedem Punkte € dieses Strales die Osecillatons - Bewe- gung wirklich realisirt sei, die an dieser Stelle statt finden würde, wenn er ganz allein da wäre. Denn obgleich seine absolute Bewegung in 5 diesem Punkte ganz anders seyn mag, so ist doch in derselben die 8; Wirkung derjenigen Oscillation mit enthalten, die er in dem einzigen Stral, wenn dieser allein da wäre, erhalten würde. Hieraus wird auch begreiflich, obgleich nicht anschaulich , dafs wenn das Ohr in C nicht gleichzeitige, sondern Öscillaionen von ver- schiedener Dauer, also von verschiedenen Tönen erhält, man jederzeit berechtigt sei zu behaupten, das Ohr werde von jeder Oscillation gerade so gerührt, als ob sie ganz allein da wäre. Um indessen die Kräfte der Phantasie bei diesen Ansichten nicht ganz ungenutzt zu lassen, so giebt uns die Natur ein recht lehrreiches und anschauliches Bild von einer Verbindung vieler Bewegungen, die sich auf die mannigfaltigste Art durchkreuzen und schneiden, ohne dafs eine die andere stört, in den kreisförmigen Wellen, welche auf der Oberfläche eines ruhigen Wassers entstehen, wenn man kleine Körper hineinwirft. Man sieht leicht, dafs die Benennung von Schall-Wellen, von dieser Erscheinung entlehnt ist. Zurückwerfung des Schalles. $. 21. Auch hier mufs die Betrachtung von den einfachen Be- standtheilen der Erscheinung ausgehen. Es sei also in C Fig. 5. die über die Grundlehren der Akustik. 97 ursprüngliche Quelle eines Schalles, 42 sei die Oberfläche irgend eines festen (oder auch flüssigen) Körpers, und auf den Punkt D derselben falle der Schall-Swal CD. Da wir oben gezeigt haben, dafs alle kör- perliche Materie ohne Ausnahme die Eigenschaften besitzt, durch welche Öscillaiionen möglich werden, (Prefsbarkeit und Spannkraft), so mufs der Punkt D durch die Schläge des äufsersten Luft-Theilchens in dem Stral, nothwendig in gleichzeitige Oscillationen versetzt werden. Hierbei wirken die Schläge der Luft nicht anders als jede andere mechanische Kraft, auf D, d.h. man wird die Oscillationen dieses Punktes als ur- sprüngliche betrachten können. Es wird folglich durch dieselben die Luft gerade so, wie $. 18. in Öscillationen versetzt, die sich nach allen Seiten verbreiten, wohin man nur von D aus eine gerade Linie ziehen kann. Es spaltet sich folglich der Stral CD in unendlich viele Stralen. Man kann also nicht sagen, wie man oft angenommen hat, dafs der Stral CD, von dem Punkte D in einer einzigen Richtung, nach den Gesetzen des elastischen Stofses reflectirt werde, so dafs der zurückge- worfene Schall in der einzigen Richtung DE fortgehe, wenn man den Winkel BDE= ADC macht. \Vürde der Schall auf solche Art zurückgeworfen, so geschähe es eben so, wie ein Lichtstral CD von einer polirten Fläche 42 zurückgeworfen wird. Dieses ist schon deswegen als allgemeiner Satz höchst unwahrscheinlich, da die Fläche 42, in Beziehung auf bewegte Lufttheilchen, gar nicht als polirt angesehen werden kann; was doch ohne Zweifel nöthig ist, wenn so kleine Bewegungen, als Oscillauonen sind, in einer so genau bestimmten Richtung zurückgeworfen werden sollten. Dagegen hat die Zurückwerfung des Schalles die gröfste Aechn- lichkeit mit der Art, wie ein Lichtstral von einer unpolirten Fläche reflectiret wird. Denn ist CD ein Lichtstral, so zerstreut sich auch das Licht nach allen Seiten. $. 22. Es giebt indessen manche Erscheinungen, welche doch eine Reflexion nach den Gesetzen des elastischen Stofses vorauszusetzen schei- nen: aber diese lassen sich ohne Schwierigkeit erklären, wenn man an- nimmt, dafs die Zurückwerfung des Schalles mit der Zerstreuung des Lichtes völlig gleiche Gesetze befolge. Man darf nämlich eine nur einigermaafsen ebene Fläche sehr schräge gegen ein lebhaftes Licht 5 Phys. Klasse 1324. N 98 FuscHer kalten, um sich zu überzeugen, dafs das zerstreute Licht nicht in allen Richtungen von gleicher Stärke ist. Am lebhaftesien ist es immer in der Richtung DE; auch wird es lebhafter, je kleiner die Winkel 4DC und BDE sind. Nimmt man nun an, dafs es sich bei der Reflexion des Schalles eben so verhalte, so wird dadurch manche Erklärung akusti- scher Erscheinungen an Ungezwungenheit gewinnen. $. 23. Es erklären sich hieraus sehr befriedigend die Erschei- nungen des Wiederhalles und des Echo. Der Wiederhall entstehet allezeit, und unvermeidlich , in einge- schlossenen Räumen von einigem Umfang, und es hat damit folgende Bewandnifs. Es sei 4B Fig. 6. die Wand eines Zimmers; in C sei die ursprüngliche Quelle eines Schalles; in D befinde sich das Ohr. Unter diesen Voraussetzungen erhält das Ohr den Schall unmit- telbar nur durch den Stwal CD. Da aber auch jeder Punkt der Wand, wie 4, E, F, G von C aus einen Stral erhält, von jedem solchen Punkte aber der Schall nach allen Seiten zurückgeworfen wird, so erhält das Ohr auch durch unendlich viele reflecurte Stralen, AD, ED, FD, GD, gleichzeitige Oscillauonsschläge.. Nun mufs zwar jeder einzelne zurückgeworfene Stral weit schwächer seyn, als jeder ur- sprüngliche. Aber was jedem einzelnen an Stärke abgeht, wird voll- kommen durch ihre unendliche Menge ersetzt. Denn in der That be- kommt das Ohr von jedem Punkte der Wände, von wo man zwei freie Linien, die eine nach C, die andere nach D ziehen kann, einen reflectir- ten Stral. Diese Stralen verstärken den Schall beträchtlich, so fern man annehmen kann, dafs ihre Oscillauonen zugleich, oder in äufserst kleinen Zwischenzeiten, zum Ohr kommen. Diese Annahme findet aber blofs in kleinen Räumen statt. Es ist nämlich klar, einmal: dafs reflec- ürte Oscillauionen sich eben so schnell als ursprüngliche in der Luft fortpflanzen; und dann: dafs der Weg jedes reflectirten Schalles, z. B. CG+ GD gröfser ist, als der Weg des ursprünglichen CD. Folglich kommt jede reflectirte Oseillation später nach D, als die ursprüngliche. Bei der grofsen Geschwindigkeit der Fortpflanzung aber ist in Zimmern von mäfsiger Gröfse der Unterschied der Zeit, in welcher die ursprüng- lichen und reflectirten Stralen in das Ohr kommen, so klein, dafs er über die Grundlehren der Akustik. 99 unserm Gefühl für Einen Augenblick gelten kann. Denn wäre auch z.B. der Weg CE + ED um 50 Fufs länger als CD, so legt der Schall diese 50 Fufs in /; Secunde zurück, welches für das Ohr so gut als ein Augenblick ist. In grofsen Sälen hingegen kann der Fall vorkommen, dafs der Weg der refleeurten Stralen, den der ursprünglichen um 100 und mehr Fufs übertrifft; dann gewinnt ein augenblicklicher Schall eine bemerk- bare Dauer, und dieses ist es, was man den Wiederhall nennt. &. 24. Gänzlich vermeiden kann man in umschlossenen Räumen den Wiederhall nie, und er kann da, wo öffentlich gesprochen werden soll, sehr beschwerlich werden. Denn, wird z.B. der Klang einer ein- zigen Sylbe durch den Wiederhall in den Zeitraum zweier Sylben aus- gedehnt, wozu eben keine sehr lange Dauer des Wiederhalles erforder- lich ist, so begreift man leicht, dafs dadurch die Rede unverständlich werden mufs, weil man die zweite Sylbe schon höret, während die erste noch nicht verklungen ist. Vermindern kann man den Wiederhall hauptsächlich durch eine schickliche Gestalt des Saales. Die lange und schmale Gestalt fast aller unserer Kirchen und Säle, die zu öffentlichen Vorträgen bestimmt sind, ist unter allen die man wählen kann, die ungünstigste, nicht blofs des- wegen, weil der reflectirte Schall in manchen Richtungen einen sehr langen Weg machen mufs, sondern auch, weil zwischen den langen Seitenwänden, wegen ihrer geringen Entfernung von einander, eine doppelte oder mehrfache Reflexion entstehen kann. Bisweilen kann der Sprechende dadurch den Wiederhall unschädlicher machen, dafs er nicht sehr laut, aber langsam und deutlich spricht. Denn je stärker die Sprache ist, desto lauter spricht auch der Wiederhall mit. Aus Erfahrung und Gründen scheint die Gestalt, welche sich der quadrati- schen nähert, die vortheilhafteste zu seyn. Für die Musik ist der Wiederhall, wenn er nur nicht allzustark ist, eher vortheilhaft als nachtheilig. 8.25. Vom Wiederhall unterscheidet sich das Echo nur dadurch, dafs zwischen dem ursprünglichen und reflectirten Schall eine bemerk- bare Zeit verstreicht. [S6} N b 100 Börisve HIER In.den meisten Fällen läfst sich das Echo aus den Gesetzen des elastischen Stofses nicht erklären. Dagegen lassen sich die Bedingungen der Entstehung aus der vorgetragenen Theorie ungezwungen, und auf eine mit der Erfahrung völlig einsiimmige Art erklären. Die Bedin- gungen des Entstehens eines einfachen Echo sind folgende. Man denke sich im Freien um den Ort eines Beobachters zwei grofse Kreise beschrieben; den kleineren mit einem Halbmesser von einigen hundert Fufsen; wir wollen 300 annehmen; den anderen mit einem 25 Fufs gröfsern. Den innern Raum des kleinern Kreises denke man sich ziemlich eben und frei von hohen Gegenständen. In dem Zwischenraum beider Kreise aber befinden sich in beliebigen Lagen kleine Gruppen hoher Gegenstände, Häuser, Mauern, Felswände, Bäume, hohes Gebüsch und dergleichen. Unter diesen Voraussetzungen mufs der Beobachter ein deutliches Echo nach etwas mehr als einer halben Secunde hören. Denn von den 300 Fufs entfernten Gegenständen hat der zurückgeworfene Schall einen Weg von 600 Fufs, von den 325 Fufs entfernten, einen Weg von 650 Fufs zu machen. Jener wird ungefähr in 0,60, dieser in 0,65 Secunden zurückkommen. Der Unter- schied von 0,05 ist klein genug, um allen reflectirten Schall als einen augenblicklichen zu empfinden, und man hört ihn ungefähr 0,6 Secun- den nach dem ursprünglichen. Man sieht hieraus, dafs zur Entstehung eines Echo ausgedehnte Flächen gar nicht nothwendig sind, und dafs, wie die Erfahrung viel- fällig lehrt, Waldungen von einer schicklichen Lage ein sehr gutes Echo machen können, indem jede Oberfläche, auf welche der Schall trifft, wäre es auch nur die Oberfläche eines leichten Blattes, zurück- kehrende Öscillationen hervorbringl. Auch ist klar, dafs gar. nicht nothwendig der ganze Zwischenraum der beiden angenommenen Kreise mit hohen Gegenständen besetzt sein mufs. Sie können in ganz be- liebiger Ordnung und Stellung, und gruppenweise stehen, wofern nur die reflectirenden Punkte zahlreich genug sind, um den zurückkehren- den Schall bemerklich zu machen. $. 26. Ein doppeltes oder mehrfaches Echo kann auf mehr als eine Art entstehen. Man denke sich in dem Zwischenraum über die Grundlehren der Akustik. 101 der beiden angenommenen Kreise zwei hinlänglich ausgedehnte Gruppen von Gegenständen einander gerade gegenüber, so erhält man das erste Echo, wie vorher, nach 0,6 Secunden; aber der beiderseitige Schall geht nun über den Ort des Beobachters hinaus nach der gegenüber- stehenden Gruppe, und kehrt nun als zweites Echo, 1,2 Secunden nach dem ursprünglichen Schall zurück. Ist das zweite Echo noch lebhaft genug, so kann eben so ein drittes u. s. w. entstehen. Oder man denke sich, aufser den beiden angenommenen Kreisen, noch zweie, mit Halb- messern von 600 und 625 Fufs beschrieben. Befinden sich in den Zwischenräumen der letztern an einer oder mehr Stellen, Gruppen von Gegenständen , und zwar gerade an solchen Stellen, wo der Zwischen- raum der kleineren Kreise leer ist, so hört der Beobachter, 0,6 Secunden nach dem ursprünglichen Schall, das erste Echo von den näheren, und nach 1,2 Secunden ein zweites von den entfernteren Gegenständen. Man sieht leicht, wie mancherlei Abänderungen dabei statt finden können. $. 27. In elliptischen Sälen hört man bekanntlich einen Schall, der in dem einen Brennpunkte entsteht, in dem andern Brennpunkte deutlicher und stärker, als an jeder andern Stelle. Es ist möglich, aber gar nicht nothwendig, dieses aus einer Zurückwerfung des Schalles nach den Gesetzen des elastischen Stofses zu erklären. Zur Erklärung genügt es schon zu bemerken, dafs (wegen einer bekannten Eigenschaft der Ellipse) aller Schall, der von einem Brennpunkt zum andern durch Zurückwerfung gelangt, einen gleich langen Weg, von der Länge der grofsen Achse zu machen hat. Jeder augenblickliche Schall, der in dem einen Brennpunkt erregt wird, kommt eigentlich doppelt im andern Brennpunkte an, einmal unmittelbar, und dann auch durch Zurückwerfung von den Wänden; aber (wenn der ellipüsche Raum nicht viele hundert Fufs lang und breit ist), so schnell hinter einander, dafs das Ohr nur einen Schall hören wird. Hierzu kommt, dafs der unmittelbare Schall, der nur von sehr wenigen Schallstralen her- rührt, weit schwächer seyn dürfte, als der von unendlich vielen Stralen herrührende refleclirte. Der zweite Schall würde eben so sanze Cubik - Raum die 5 Gestalt eines länglichen Ellipsoides hätte. Haben aber nur die Wände augenblicklich seyn als der erste, wenn der 102 FEırsc#E& 27 eine ellipische Krümmung, so wird der Wiederhall von den obern Theilen derselben allerdings etwas später als von den untern im zwei- ten Brennpunkt anlangen. Diese Erscheinung macht übrigens doch die oben $. 22 bemerkte Hypothese, dafs der reflectirte Schall in der Richtung, wohin ein Licht- stral von der Spiegelfläche gehen würde, am stärksten sei, ziemlich wahrscheinlich. Denn auf diese Art wird der Schall im zweiten Brenn- punkte nicht nur fast augenblicklich, sondern auch stärker als in an- dern Stellen anlangen. Sehr entscheidend für das $. 21 aufgestellte Hauptgesetz ist die Erfahrung, dafs auch in grofsen kreisförmig ummauerten Räumen, besonders unter einer halbkugelförmigen Kuppel, etwas ähnliches statt findet, indem zwei Personen die einander gegenüber, und fast um den ganzen Durchmesser von einander entfernt stehen, sich ziemlich leise mit einander unterhalten können, wenn der Sprechende gegen die nahe Wand redet. Es dürfte schwerlich möglich seyn, diese Erscheinungen aus Reflexionen nach den Gesetzen der Spiegelung zu erklären. Ver- gleicht man aber die Längen der Wege, auf welchen der Schall von einem Endpunkte des Durchmessers zu dem andern gelangen kann, so läfst sich zeigen, dafs der Unterschied des längsten und kürzesten Weges sehr wenig mehr als 0,4 des Durchmessers beträgt. Setzt man diesen 120 Fufs, so ist dieser Unterschied ungefähr 48 Fufs. Hieraus läfst sich aber leicht berechnen, dafs aller von dem Kugelgewölbe retlecurter Schall, fast in einem Augenblick (nämlich in weniger als 4; Secunde) am andern Endpunkte des Durchmessers anlangt. Irre ich nicht, so ist dieses die einzig mögliche Art, diese Erscheinung befriegend zu erklären. Von der Stärke des Schalles. $. 28. Zuerst müssen wir ganz im Allgemeinen überlegen, wovon die Stärke des Schalles abhängig sei, wobei wir uns wieder auf den Schall in der Luft beschränken, weil ein menschliches Ohr selten oder nie den Schall durch ein anderes Mittel erhält, und weil das, was in Ansehung der Luft zu bemerken ist, sich leicht auch auf andere Mittel anwenden läfst. | über die Grundlehren der Akustik. 103 Unmittelbar kann unstreitig die Stärke des Schalles, so fern man einen einzigen Schallstral betrachtet, von nichts abhängen, als von der ebhaftiskeit oder Kr mi cher die Öscillationsschläge der Luf Lebhaftigkeit oder Kraft, t welcher die Öscillat hläge der Luft as Trommelfell des Ohres treffen. ist aber aus den ersten Elemen das T lfell des Ohres treffen. Es ist ab d ten El ten der Mechanik bekannt, dafs sich die Kraft der Bewegungen bei gleicher Geschwindigkeit, wie die bewegten Massen, und bei gleichen Massen, wie die Geschwindigkeiten verhalte. Es entsteht also nun die rage, wie die Begriffe v asse un eschwindigkeit au aillire F die Begriffe von Mas d Gesch digkeit auf oscillirende Bewegungen angewendet werden können. 8. 29. Körperliche Massen, welche sich Oscillauonen mittheilen, befinden sich allezeit in Berührung mit einander. Es scheint daher nöthig, erst die Vorstellung einer Berührung auf deutliche Begriffe zu- rück zu führen. Wenn sich zwei gleichartige oder ungleichartige körperliche Flächen berühren, so kann man mit gleichem Rechte sagen, die Berührung ge- schehe in einer oder in zwei Flächen. Denkt man sich nämlich an der Stelle, wo man eine Berührung betrachtet, eine blofs geometrische Fläche, so kann man sagen: die Berührung geschehe in dieser einzigen Fläche. Erwägt man aber, dafs diese geometrische Fläche zwei Seiten hat, deren eine diesseits, die andere ganz jenseits liegt, und von denen jede wieder mit einer der angenommenen körperlichen Oberflächen zu- sammen fällt, so kann man sagen, die Berührung geschehe in diesen beiden Flächen. Nun kann man aber jede Fläche vorstellen als einen Körper von unendlich kleiner Dicke; daher kann man eben so richtig sagen: dafs die sich berührenden Massen zwei körperliche Schichten oder Scheiben sind, denen man gleiche, aber unendlich kleine Dicken beilegen kann. Hierdurch entstehet der Begriff eines Volumens, auf welches sich der Begriff der Masse bestimmt anwenden läfst. Das Volumen zweier sich berührenden Scheiben mufs aber in der Regel als gleich betrachtet werden: denn dafs sie in Länge und Breite congruent sind, ist unmittelbar klar; legt man ihnen aber auch noch zwar unendlich kleine, aber gleiche Dicke bei, so sind alle Be- dingungen der Congruenz vollständig vorhanden. Haben aber die sich berührenden Scheiben gleiches Volumen, so verhalten sich ihre Massen 104 FE %s.C HER wie ihre Dichtigkeiten. Und aus dieser Betrachtung ergiebt sich das Recht, diese statt der Massen zu setzen. Um keiner Dunkelheit Raum zu lassen, bemerke man noch folgen- des. Es macht einen zwar nur unendlich kleinen, aber dennoch nicht zu übersehenden Unterschied in der Anwendung des Begriffes der Masse, ob man die sich berührenden Scheiben als ebene, oder ob man sie als gekrümmte betrachtet. Im ersten Fall ist das Volumen derselben ab- solut congruent. Denkt man sich aber zwei sich berührende concen- trische Kugelschichten, so ist die vom Mittelpunkt entferntere allerdings gröfser als die nähere. Betrachtet man aber ihre Dicke als ein Unend- lichkleines der ersten Ordnung, so ist der Unterschied des körperlichen Volumens von der zweiten Ordnung, und kann daher in der Regel mit vollkommenem Rechte als Null betrachtet werden. Doch würde die stätige Zunahme des Volumens, wenn man sich den Halbmesser einer Kugel als stäug wachsend vorstellt, nicht auf deutliche Begriffe zu bringen seyn, wenn man diesen Unterschied unbeachtet lielse. Was hier von berührenden Flächen gesagt worden, findet auch Anwendung auf berührende Punkte. Man kann sie in jedem Fall als zwei unendlich kleine Körper von gleichem Volumen vor- stellen, deren Massen sich folglich wie ihre Dichtigkeiten ver- halten. Doch findet auch hier der eben erörterte Unterschied statt, ob man die beiden sich berührenden Punkte vorstellt, als einer Ebene, oder als einer gekrümmten Fläche angehörig. S. 30. Was aber die Geschwindigkeit betrifft, so ist schon oben ($. 8.) bemerkt worden, dafs die Geschwindigkeit einer Oscillauion in jedem Punkte des Oseillauons- Raumes eine andere isı. Nun sind aber alle Öscillationen, welche einen Ton erregen, so schnell, dafs jeder Schlag für einen Augenblick gelten mufs. Legt also ein oscillirender Punkt der Luft, welcher in einer Secunde z Schläge macht, in dem kleinen Zeitraum einer ern Secunde den äufserst kleinen Raum s zurück, so ist es für unser Gefühl einerlei, ob der fast augenblickliche Schlag den Weg s in der Zeit — Secunde gleichförmig oder ungleichförmig zurücklegt. Betrachten wir nun die Bewegung als gleichförmig, so ver- 5 fe hält sich die Geschwindigkeit, alles übrige gleich gesetzt, wie der Öseilla- über die Grundlehren der Akustik. 105 tions-Raum s. Hieraus folgt also das zweite Gesetz: dafs bei un- veränderter Dauer der Öscillationen, d.i. bei gleichblei- bender Höhe eines Tones, die Stärke desselben sich wie die Gröfse der Öscillationsweite verhält. Auch dieses Gesetz bestäugt sich durch eine sehr einfache und allgemein bekannte Erfahrung. Wenn man eine angeschlagene Saite, oder noch besser eine oscillirende Summgabel verklingen läfsı, so ändert sich die Höhe des Tones auf keine dem geübtesten Ohr bemerkbare Art, d.h. die Dauer der Öscillauonen bleibt gleich; aber die Oscilla- tionsweiten werden immer kleiner, und mit ihnen nimmt zugleich die Stärke des Tones ab. $. 31. Hieraus ergiebt sich nun, dafs die Abnahme des Schalles mit der Entfernung von der Quelle des Schalles, von nichts anderem herrühren könne, als davon, dafs die Oscillationsweiten bei Ver- breitung des Schalles mit der Entfernung immer kürzer werden; denn die Dichtigkeit der Luft könnte nur dann einigen Einflufs haben, wenn der Schall aus sehr grofsen Höhen nach der Tiefe, oder umgekehrt fortginge. Die ersten Elemente der rein mathematischen Bewegungslehre sind völlig hinreichend, die Ursache und das Verhältnifs dieser Ab- nahme genau zu bestimmen. Man betrachte wieder Fig. 3, und erinnere sich alles dessen, was $. 18. über die Verbreitung des Schalles durch die Luft gesagt worden. Unter CN lege man einen Winkel NCO=NCM, und stelle sich unter CN die Achse eines Kegels MCO vor, dessen Spitze in C liegt. Dieser Kegel umfasser alle Schall-Stralen, die sich von C aus inner- halb seines Raumes ausbreiten können. Man wähle auf einer der von C aus gezogenen Linien, etwa auf CN, zwei Punkte Y und K beliebig, und lege durch diese aus dem Mittelpunkt C zwei Kugelflächen, von welchen die in den Kegel fallenden Stücke PQ und RS kreisförmige Abschnitte sind. In jedem dieser Abschnitte befinden sich alle Punkte der Luft in gleicher und gleichzeitiger Oscillaion; und zwar, wenn PQ in einer Verdichtung liegt, von C abwärts; wenn aber RS in einer Ver- dünnung liegt, gegen C hinwärts. Nun kann, nach den Grundlehren der Mechanik, kein Körper mehr Bewegung mittheilen, als er selbst hat, Phys. Klasse 1824. OÖ 106 FıscHer woraus folgt, dafs in der kreisförmigen Fläche PQ nicht mehr oder weniger Bewegung seyn kann, als in RS. Da nun die oscillirenden Massen in beiden Flächen gleiche Dichtigkeit haben, so kann der Fode- rung, dafs in PQ und RS gleichviel Bewegung seyn soll, nur da- durch Genüge geschehen, dafs die Öscillationsweiten in RS in dem- selben Verhältnifs kleiner sind, als in PQ, in welchem die Fläche RS gröfser ist als PQ. Nun stehen diese Flächen im geraden Ver- hältnifs mit den Quadraten der Halbmesser CH und CK; folglich mufs die Gröfse der OÖscillationsweiten, und mit ihnen die Stärke des Schalles im umgekehrten Verhältnifs mit den Quadraten der Entfernung stehen. $. 32. Da wir bei dem Beweise vorausgesetzt haben, dafs der Schall von dem einzigen Punkte C ausgehe, so ist klar, dafs es in voller Strenge auch nur für diesen idealischen Fall gelte. Verbreitet sich aber ein Schall von mehreren Punkten, das Ohr hat aber eine solche Stellung, dafs man ohne erheblichen Fehler sagen kann: es sei von jedem schallenden Punkte gleichweit entfernt, so befolgt die Stärke des Schalles in jedem Stral den das Ohr erhält, dieses Gesetz, und so wird das Gesetz auch unter diesen Voraussetzungen anwendbar bleiben. Dieses wird also der Fall seyn, wenn entweder der Raum aus welchem der Schall kommt, wirklich sehr klein, oder wenn er wenigstens im Verhältnifs gegen die Entfernung des Ohres klein ist. Kommt dagegen der Schall aus mehreren Punkten, deren Enifer- nung vom Ohr sehr verschieden ist, wie wenn z.B. 4B Fig. 4. eine schallende Saite, in C aber das Ohr wäre, so würde es zwar nicht unmöglich, aber doch immer etwas schwierig seyn, die Stärke des Schalles in C zu bestimmen, weil man dazu die Öscillationsweite des Luft-Theilchens € berechnen müfste, welche das Resultat aller Oscilla- tionsschläge ist, welche der Punkt C durch alle von 42 kommenden Stralen erhält. Indessen ist eine genauere Schätzung der Stärke des Schalles unter diesen Umständen selten oder nie ein Bedürfnifs, und es ist hinreichend, nur zu bemerken, dafs der Schall um so stärker wird, je gröfser die Anzahl der Punkte ist, von welchen das Ohr in C Schall-Stralen erhält. Welches dritte Gesetz, über die Grundlehren der Akustik. 107 ungeachtet seiner Unbestimmtheit, demohngeachtet sorgfälig zu be- merken ist, weil man es zur richtigen Beurtheilung vieler Erschei- nungen nicht entbehren kann. $. 33. Mit dieser Theorie von der Stärke des Schalles müssen wir eine sehr merkwürdige und lehrreiche Beobachtung des Herrn Biot verbinden. An eben der cylindrischen gegen 3000 Fufs langen Röhre von Gufseisen, die schon oben ($. 16.) erwähnt worden, beobachtete er, dafs der leiseste Schall (z.B. das Schlagen der Unruhe einer Taschenuhr) an dem anderen Ende, ungeachtet der grofsen Entfernung, so unge- schwächt gehört wurde, als ob man dichte dabei wäre. Dieser Erfolg konnte nur statt finden, wenn die Oscillauonsweiten die ganze Röhre hindurch von gleicher Gröfse blieben. Von gleicher Gröfse aber konnten sie nur bleiben, wenn sie sich nicht ausbreiteten, und selbst nicht der innern Fläche des Eisens Oscillauonen mittheilten. Dieses führt aber nothwendig zu der Folgerung, dafs die Schallstralen längs der ganzen Röhre parallel mit der Achse fortgingen; des- gleichen, dafs Schallstralen die einer Fläche parallel laufen, derselben keine, oder unmerklich wenig Oscillations - Bewegung mittheilen. 8. 34. Diese Folgerungen werfen wieder Licht auf die Theorie der Sprach- und Hör-Röhre, an deren Gestalt man so viel, aber ohne allen Erfolg gekünstelt hat, weil man dabei von einer Reflexion der Stralen nach katoptrischen Gesetzen ausging. Die Erklärung der Wirkungen des Sprachrohrs ist ganz einfach folgende. In einer etwas langen kegelförmigen Röhre, deren entgegen- gesetzte Seiten nur unter einem kleinen Winkel divergiren, werden die Schallstralen verhindert, sich seitwärts auszubreiten, und gezwungen, fast parallel zu bleiben. Die äufsersten Stralen laufen parallel längs den Wänden, und theilen denselben wenig oder gar keine Oscillations-Bewe- gung mit. Daraus erklärt sich, warum zu Folge der Erfahrung die Materie, woraus das Rohr besteht, ziemlich gleichgülug, und dafs die ganz einfache schlichte Kegelgestalt die beste ist. So lange die Oscilla- uonen innerhalb des Rohres bleiben, können sich die Oscillauonsweiten nur wenig verkürzen. Tritt aber der Schall aus dem Rohre hervor, so werden sich zuerst nur die äufsersten Stralen seitwärts ausbreiten; in O2 108 Foııssc#er der Mitte behalten sie aber, bis in ziemlich grofsen Entfernungen, die Richtung bei, welche sie im Rohr erhalten haben, bis allmälig die Seiten- verbreitung der äufsersten Stralen bis zur Achse des Rohres fortschreitet, wo dann der Schall nach den Gesetzen der freien Verbreitung fortgeht, doch mit einer Stärke, als käme er aus einem näher liegenden Punkte als aus der Mundöflnung des Rohres. 8. 35. Auch alle Künsteleyen an der Gestalt des Hörrohres sind ohne alle Wirkung geblieben, oder haben wohl gar die Wirkung beein- trächtigt. Meines Erachtens würde auch bei''diesem die ganz schlichte Kegelgestalt die beste seyn. Denn die Wirkung beruhet unstreitig dar- auf, dafs man die Schallstralen zwingt zu convergiren, wodurch eine Vergröfserung der Öscillationsweiten, also eine Verstärkung des Schalles, entstehen mufs. Ich kann es auch nicht für vortheilhaft halten, wenn man das Hörrohr krümmt, ‘und den Schall nöthigt, von den innern Flächen reflectirt zu werden. Es giebt Hörröhre, ‘wo man dem Schall allerlei Flächen, an denen er sich brechen mufs, recht künstlich ent- gegenstellt. Die Folge ist, dafs jedes kleine in der Luft vorhandene Geräusch verstärkt zum Ohr gelangt, so dafs man stets ein ähnliches Brausen als an gewissen Muscheln hört, wodurch natürlich die Haupt- töne, die gehöret werden sollen, an Deutlichkeit verlieren. Von der Mittheilung der Oscillationen zwischen ungleichartigen Mitteln. $. 36. Bis jetzt haben wir den Schall blofs betrachtet, wie er sich in der Luft oder auch in einem anderen völlig gleichartigen Mittel fortpflanzt, oder auch in demselben Mittel durch Zurückstralung ver- breitet. Und wenn von der Mittkeilung der Oscillationen einer Saite, einer Stummgabel oder eines andern schallenden Körpers an die Luft, oder von der Luft an die Oberfläche eines andern Körpers die Rede war, so genügte es zu zeigen, dafs die mitgetheilten Osecillationen den mittheilenden gleichzeitig seyn müssen. Es ist aber jetzt genauer zu untersuchen, ob und was für Veränderungen dabei in der Gröfse der Öscillationsweiten, in der Stärke des Schalles, und vielleicht auch in über die Grundlehren der Akustik. 109 der Art, wie sich die Stralen im Innern des Körpers verbreiten, vor- gehen möchten. Soll diese Frage mathematisch behandelt werden, so führt sie zu schwierigen Problemen. Aber nach dem Plane, den ich mir in dieser Abhandlung vorgezeichnet habe, ist die Frage mehr physikalisch als mathematisch zu behandeln. Doch wird es dienlich seyn, zuerst zu untersuchen, was aus den anerkannten Gesetzen des elastischen Stofses, zur Beantwortung der Frage folge. 8.37. Dafs alle Mittheilung der Oscillationen durch den Stofs ge- schehe, liegt unmittelbar in dem Begriff, und aus der ungemeinen Klein- heit aller Oscillationsweiten darf man mit Sicherheit schliefsen, dafs die durch einen Öscillationsschlag entstehende Verschiebung der Theile nie die Gränzen der vollkommenen Elasticität überschreite. Wir haben ferner im 29sten $. gezeigt, dafs man zwei körperliche Punkte, die sich berühren, als unendlich kleine Körper von gleichem Volumen be- trachten könne, deren Massen sich daher wie die Dichtigkeiten der Materien verhalten, denen sie angehören. Nach diesen Betrachtungen kann man alles als gegeben betrachten, was zur Anwendung der Gesetze des Stofses auf die Oscillationen bekannt seyn mufs. Der Grund aber, warum dennoch diese Gesetze keine vollständige Beantwortung der Frage geben können, ist folgender. In der Theorie des Stofses betrachtet man zwei Körper 4 und B als völlig frei, d.h. man siehet ab von jeder andern mitwirkenden Kraft, obgleich in der Wirklichkeit die Mitwir- kung anderweitiger Kräfte gar nicht zu vermeiden ist. Dafs aber den- noch die Versuche, welche man mit elastischen Kugeln anstellt, den Erfolg ziemlich genau der Theorie gemäfs zeigen, rührt daher, weil der Widerstand der Luft und andere Hindernisse der Bewegung, in Rück- sicht des Gewichtes der Kugeln, immer nur klein sind. Ganz anders ist aber der Fall, wenn ein oscillirender Punkt 4 gegen einen ander- artigen Punkt 2 stöfst, denn dieser hat hinter sich und rund um sich herum eine unendliche Menge gleichartiger Punkte C, D, E, F etc., denen er nun seinerseits die durch den Schlag des Punktes 4 empfangene Bewegung mitzutheilen genöthigt ist. Aber weder der Punkt 2 selbst, e, in der sie sich noch die um ihn liegenden, können wegen der Spannung, 110 Firis ie HER gegenseitig befinden, die Bewegung wirklich machen, welche sie nach den Gesetzen des freien Stofses machen würden. Aber dennoch ist klar, dafs in dem Augenblicke des Stofses in beiden das Bestreben nach der dadurch bestimmten Geschwindigkeit entstehe, und dafs diesem Bestreben auf irgend eine Art Genüge geschehen müsse. Da sich aber B von 4 nicht trennen, also keine andere Bewegung als 4 machen kann, so ist ferner klar, dafs dieses Bestreben auf die anliegenden Punkte ZB, C, D etc. übergehen, und allmälig durch unendlich kleine Incremente, oder Decremente, eine Abänderung der OÖscillationsweiten bewirken müsse, welches eigentlich der durch höhere Rechnung auszu- mittelnde schwierige Punkt ist. Man sieht indessen leicht ein, dafs man aus den Elementarsätzen vom Anstofs doch in jedem Fall richtig be- urtheilen könne, ob eine Vergröfserung oder Verkleinerung erfolgen müsse, und ob diese beträchtlich oder unbedeutend seyn werde. Nur das eigentliche genauere Maafs der Veränderungen mufs höheren Rech- nungen vorbehalten bleiben. $. 38. Die Fälle, auf deren Beurtheilung es hier besonders an- kommt, gehören zu den einfachsten, wo sich die Art des Erfolges selbst ohne Rechnung beurtheilen läfst. Die zu beantwortende Frage ist nämlich bestimmt folgende. Zwei körperliche Punkte 4 und Z, von gleicher Gestalt und Gröfse, aber verschiedener Dichtigkeit oder Masse, berühren sich; 3 ruht, und 4 macht einen Öscillatuonsschlag. gegen D; es fragt sich, was würde 3 dadurch für eine Geschwindigkeit erhalten, wenn es sich frei bewegen könnte. Ist die Dichtigkeit oder Masse 4 bei weitem kleiner als 2, so ist in seinem Schlage wenig Kraft, und in 3 wird daher nur ein geringes Bestreben nach Geschwindigkeit entstehen. Ist hingegen die Masse 4 bei weitem gröfser als D, so ist der Schlag kräfig, und wird den Punkt Bin eine gröfsere Geschwindigkeit, als 4 selbst hatte, zu versetzen suchen. Bestimmter läfst sich aber der Erfolg aus der Theorie des Stofses bestimmen. Die Masse 4 schlage mit der Geschwindigkeit ec gegen die Masse B, und diese erhalte dadurch die Geschwindigkeit » (angenommen, dafs sie sich frei bewegen könnte), so ist unter Voraussetzung vollkommener Rlasticität über die Grundlehren der Akustik. 441 v= 550; woraus folgt: 4+B:24=c:!v; hieraus lassen sich alle hier zu beachtende Fälle beurtheilen. Nämlich: 1)IktıB= 4, solisi ac. 2) Setzt man BA< 4, so nähert sich das Verhältnifs 4+ 2:24 dem Verhältnifs 1:2 desto stärker, je kleiner 3 ist. Also ist v»>e und liegt zwischen den Gränzen c und zc. 3) It 3>_4, so ist das Maafs des Verhältnisses + 2:24, nämlich 24 d+B’ diesem Fall ist also » 131 rm MR Y Io ’ f a ! i t Bi ’ ' N N et Fe . Fr“ ae Deren a E LT 4 — - i Te hai (u nn. ® SSRRKL N CERRRRRRNN We 7 NER x NY Sn B - RMANIN Ten AN SEEN SINN u: Ueber den Wasserkopf vor der Geburt, nebst allgemeinen Bemerkungen über Misgeburten. Von Hm- K. A.YRUDOLPHI. [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 1. April 1824.] D. innere Wasserkopf ist eine der häufigsten Krankheiten, welche den Embryo trifft, und die nach der verschiedenen Periode, in der sie beginnt, sich in ganz andern Gestalten zeigt. Das eine Mal beginnt der innere Wasserkopf mit der Kopfbil- dung des Embryo’s, wenigstens früher als sich am Oberschedel Ver- knöcherungspunkte finden. Wir besitzen einen solchen Embryo auf dem Anatomischen Museum, von dem ich hier eine Abbildung vor- zulegen die Ehre habe, und der seiner Gröfse nach etwa zwei Monate alt zu seyn scheint (!). Bei diesem ist die Wasserblase über die ganze Basis des Schedels gleichförmig erhaben und so durchsichtig, dafs man bestimmt sagen kann, dafs in den obern Schedeldecken keine Verknöche- rungspunkte enthalten sind. Einen ähnlichen Embryo besitzt das Ana- tomische Museum in Breslau, wie mir Otto, der Director desselben , gesagt.hat. Ich selbst habe keinen solchen Fall weiter gesehn, weils auch von keiner Abbildung davon. Es ist auch leicht begreiflich, dafs nur ein seltener Zufall ein Ey darbieten kann, in dem die zarte Blase (') Walter (Museum anat. p.115. n.790.) nennt das Fy sechs Wochen alt, allein er hat alle kleinen Foetus seiner Sammlung zu jung angegeben; namentlich gilt diefs von seinen Skeletten der Embryonen, wovon manche um Vieles zu jung aufgeführt sind. Phys. Klasse 1824. Q 1232 Buponepmı ganz erhalten ist. Dagegen kommen oft ältere Embryonen vor, in de- nen die Kopfblase zerrissen ist, und zwar in doppelter Art. Entweder es sind Embryonen von drei bis vier oder fünf Monaten, wo die Lap- pen der geplatzten Blase noch deutlich am Kopfe hängen, dergleichen ich hier einen Fall in einer Abbildung (Fig.2.) vorzeige, wovon wir aber noch mehrere besitzen: oder wir finden nur theilweise etwas von den Lappen der Blase, und der Schedelgrund liegt offen vor; diefs ist bei älteren Foetus der Fall, die häufig genug zu vollen Tagen ausgetragen werden, selbst zuweilen lebend auf die Welt kommen, und eine kurze Zeit ihr kümmerliches Daseyn fortselzen. Diese ist unter allen angebohrnen Misbildungen des Kopfes die häufigste, und solche Kinder nannte man ehmals mit Unrecht Aeephali, oder Acephali spurü, in neuerer Zeit Anencephali, oder Hemicephali, deutsch Katzenköpfe. Die andere Art des Wasserkopfs entsteht erst nach dem Beginnen der Knochenbildung, so dafs man daher keinen Knochen vermifst. In- dem aber das Wasser die Gehirnhölen immer stärker ausdehnt, so dafs sich die Wände derselben immer mehr verdünnen, nimmt die Gröfse des Kopfes bedeutend zu, fo dafs Schedelknochen in der gewöhnlichen Gröfse und Menge denselben nicht umfassen könnten. Daher bekom- men theils einzelne Knochen einen gröfseren Umfang, theils aber bildet sich in den Zwischenräumen derselben eine oft sehr grofse Menge eige- ner Knochenstücke. Von dieser Art ist mir im vorigen Jahre ein sehr seltener Fall vorgekommen. Die Frau eines Kutschers hieselbst gebahr nämlich den 28. Mai ein Kind mit einem Wasserkopfe, das bis zum 20. Juni lebte. Am folgenden Tage erhielt ich es, nachdem ich dasselbe schon wäh- rend seines Lebens beobachtet hatte. Der Kopf hatte eine schr ausgezeichnete Gestalt, wie Fig. 3. zeigt. Die Stirn steigt sehr gerade zu einer beträchtlichen Höhe, und von der Scheitel senkt sich wieder die hintere Schedelwand jäh und sehr tief hinab, so dafs der Schedel hinten und nach unten am stärksten ausgedehnt ist. Nach Wegnahme_ der Schedeldecken sieht man auch eine eigenthümliche Knochenbildung (Fig. 4.5.6.). Die Surnbeine sind aufserordentlich grofs, und fast senkrecht aufsteigend. Die Scheitel- über den Wasserkopf vor der Geburt. 123 beine sind von einer aufserordentlichen Ausdehnung, zugleich aber fast der ganzen Länge nach unter sich verwachsen, Etwas, wovon ich we- der in der Natur noch bei irgend einem Schriftsteller etwas ähnliches gefunden habe. Die vordere Fontanelle ist sehr grofs, allein am stärk- sten sind die Scheitelbeine von den Schlafbeinen, und besonders von dem Hinterhauptsbein entfernt; so dafs hier auch eine Menge, zum Theil nicht unbeträchtlicher Knochenstücke eingesprengt ist. Der durchsägte Schedel ward unter Wasser geöllnet, so dafs das Gehirn nicht zusammenfiel, und es gelang mir auf diese Art, das ganze Gehirn unverletzt zu erhalten, und so ist es auch noch auf dem Ana- tomischen Museum, und zwar als das erste Präparat der Art. Ich habe den Vortheil des Präparirens unter Wasser vorzüglich bei den Augen kennen gelernt; auf andere Weise ist es auch gar nicht möglich, das Gehirn zu erhalten, und deswegen ist in keinem andern Museum bis jetzt etwas Aehnliches vorhanden; doch hatte man auch ehemals zu sehr sein Augenmerk auf den Schedel bei solchen Wasserköpfen”gerichtet, und Gall hat das Verdienst, gegen den älteren Walter bewiesen zu ha- ben, dafs die grofsen, sämtlich nur innere, niemals äufsere Wasserköpfe sind. Gall hat auch in seinem grofsen Werke (Taf. 25.) das geöffnete Gehirn einer Person abgebildet, welche mit einem sehr grofsen innern Wasserkopfe (vier Pfund Wasser enthaltend) fünfundfunfzig Jahre alt geworden war. Die schöne Zeichnung (Fig.7.), welche ich hier von der Basis des Gehirns darlege, und welche ich D’Altons Meisterhand verdanke, sanz der beschriebenen Schedelbildung. Man findet näm- 5 lich, dafs das Wasser sich nach unten und hinten Platz gemacht hat, entspricht so dafs daselbst nur die Hirnhäute, kein Gehirn, zu sehen sind, und dieses wie scharf abgeschnitten neben den Häuten durehscheint. Auf- fallend ist daher auch die ungeheure Entfernung des kleinen Gehir- nes vom hintern Rande des grofsen. Von der obern Gehirmfläche habe ich keine Zeichnung besorgt, weil das Gehirn hier ganz natürlich be- schaffen erscheint. Ich habe vier bis fünf grofse innere Wasserköpfe frisch geöffnet, in denen aber stets die Verdünnung des Gehirns oben war, so dals es hier wie ein Hauch über dem Wasser unter den Gehirnhäuten lag. Q2 124 Ruveoreäil Die Gehirnhölen waren also nach oben ausgedehnt, statt dafs sie hier nach unten (besonders im hinteren Horn) erweitert waren. Einmal habe ich, bei einem etwas über dreifsig Jahre alten Manne, der von Jugend auf etwas stumpfsinnig war, einen innern und äufsern Wasserkopf zu- gleich gefunden, und das merkwürdige Präparat ist ebenfalls auf dem Anatomischen Museum. Zweimal habe ich den äufseren Wasserkopf al- lein, allein beide Male sehr unbedeutend gefunden. Aufser den bisher genannten beiden Arten des inneren Wasser- kopfs, wo das Wasser eine gröfsere, oder allgemeine Ausdehnung bil- det, kommen nun auch partielle innere Wasserköpfe und zwar von zweierlei Art vor. Bei der einen ist der Schedel übrigens natürlich gebildet; nur an einer Stelle z.B. am Hinterhaupt ragt ein Wassersack hervor, und hier fehlt ein Stück des Knochens, so dafs jener Sack aus der Lücke her- vorhängt, Wahrscheinlich hat hier eine geringere Wasseransammlung früh auf eine Stelle hingewirkt, dafs nur hier der Knochen sich nicht hat ausbilden können, während alles Uebrige gehörig entwickelt ist. Bei der andern Art ist der Kopf nach Art der Katzenköpfe stark niedergedrückt, allein es fehlt die obere Schedeldecke nicht, sondern nur an einer Stelle ist eine Lücke, aus welcher der Sack hervorhängt. Diese Art ist sehr merkwürdig, und je nach dem Ort, wo die Lücke ist, verschieden ; doch ist es sehr überflüssig, den Grund zu einer eigenen Species hernehmen, und diese mit einem aus jedem verschiedenen Orte eigenen Namen belegen zu wollen, wie Geoffroy in dem gleich zu nennenden Werke thut. Der Wasserkopf der ersten Art, aus dem die Halbköpfe entstehen, ist als solcher häufig bestritten; doch glaube ich, dafs es weniger oft geschehen seyn würde, wenn die Schriftsteller solche Präparate, wie Fig.1. und 2., zur Hand gehabt hätten. Denn hier läfst sich auf das Deutlichste die Zerreifsung der Blase nachweisen, welche Manche geläug- net haben, indem sie glaubten, dafs der Foetus eine solche Zerreilsung nicht überleben würde. Dagegen hat aber Meckel (im ersten Stück des ersten Bandes seines Archivs) schon sehr gute Gründe beigebracht, und der Augenschein beweiset es dort. über den MWasserkopf vor der Geburt. 125 Zu denen, welche in dieser Misbildung keinen Wasserkopf als Grund- ursache ansehen wollen, hat sich neuerdings Geoffroy-St-Hilaire (Philosophie anatomique des Monstruosites humaines. Parıs 1822. 8.) gesellt, und da er einige eigenthümliche Behauptungen darüber vor- bringt, so will ich diese in der Kürze durchgehen, denn sonst ist die Sache durch Haller, Sandifort, Walter, Meckel und Otto schon hinreichend auseinandergesetzt, und die benannten Präparate geben den Ausschlag. Geoffroy trifft der Vorwurf, dafs er erstlich fast gar keine No- tz von seinen Gegnern genommen, und zweitens zu wenige Fälle beob- achtet hat, denn sonst würde er hier unmöglich die gröfste Gleichför- migkeit behaupten, wo sie nicht ist. Erslich sind die Köpfe der Em- bryonen, an welchen die Wasserblase zerrissen ist, sehr verschieden ; bald ist mehr nach vorne, bald mehr nach hinten, oder in der Mitte die Zerreifsung geschehen; von den Knochen, z. B. dem Hinterhaupts- bein, ist bald mehr, bald weniger vorhanden; bald ist das Gesicht unver- ändert, bald hingegen hat auch die Zerstörung dahin eingewirkt, wenn nämlich auch das Wasser nach unten hindrängte, wie denn die aller- mehrsten Verunstaltungen des Kopfs von abnormer Wasseransammlung herrühren. Was aber die Hauptsache isı, und worauf schon Walter und Meckel aufmerksam gemacht haben, bald ist viel, bald wenig vom Gehirn vorhanden; bald ist das Rückenmark da, bald fehlt es. Der Druck des Wassers hat auch keineswegs immer in dem Maafse Statt, dafs die Zahl der Halswirbel bis auf drei, vier oder fünf verrin- gert ist, wovon besonders Otto in seinen beiden Dissertationen über Misgeburten mehrere Fälle erzählt. Unter fünf Skeleuten von Halbköpfen auf dem Anatomischen Museum fehlt nur bei einem ein Paar der Hals- wirbel, die übrigen haben die vollständige Zahl. Unter den nicht ske- lettirten Katzenköpfen des Museums kann man auch leicht an der Kürze oder Länge des Halses auf die verschiedene Beschaffenheit schliefsen ; denn bei einigen ist der Kopf zwischen die Schultern niedergedrückt, bei andern hingegen hat der Hals die gewöhnliche Länge. Eine Hemmungsbildung mit Meckel und Geoffroy in diesem oder in jedem Wasserkopf zu sehen, scheint mir nicht richig. So lange der Kopf des Embryo normal beschaflen ist, kann keine widernatürliche 126 R w:D (0: GSP. H\I Wasseranhäufung Statt finden; ‚mit der vermehrten Wasserbildung ist die Krankheit zugleich gegeben, rühre sie auch von noch so verschie- denen Ursachen her. Ich bezweifele jedoch, dafs hier je eine andere Ursache, als ein entzündlicher Zustand vorhanden ist, oder wenigstens eine ihm nahe tre- tende Congestion des Bluts, bestehe diese in Zurückhaltung oder: in An- drängen des Bluts. Eine Menge Abortus, besonders der späteren Zeit, rühren gewifs davon her, und bei einer unthäuigen Lebensart und zu reichlichen Nahrung der Mutter kommt. das sehr leicht. Ich habe bei einem nur wenig zu früh gekommenen Kinde, durchaus alle Theile des Körpers, selbst den Uterus nicht ausgenommen, mit Blut überfüllt und wie injicirt gesehen ; ich habe öfters den Kopf solcher Kinder, wie bei Erwachsenen beschaffen gesehen, die am blutigen Schlagflufs gestorben sind; bei einem sechsmonatlichen Foetus waren die Plexus choroidei der Seitenhölen sogar zwei dicke mit Blut erfüllte Säcke. Bei allen inneren Wasserköpfen, sie mochten lebend oder todt auf die Welt gekommen sein, fand ich einen starken Niederschlag auf der Basis der Hirmhölen, grade wie man es bei später entstandenen acuten Wasserköpfen antrifft, deren Entstehung man seit Formey mit Recht einer Entzündung zu- schreibt; oder wie man es in der Entzündung der äufseren Fläche des Herzens, oder der inneren der Bauchwände (die man fälschlich Pericar- ditis und Peritonitis nennt) überall findet. Gall’s Hypothese, dafs bei dem inneren Wasserkopf sich das Gehirn entfaltei, verdient wohl keine neue Widerlegung, obgleich sie Geoffroy auf das Neue, jedoch ohne neue Gründe, vertheidigt. Geoffroy’s Erklärungsweise der Katzenköpfe ist wohl die aller- unwahrscheinlichste. Er glaubt nämlich, dafs widernatürliche Verbin- dungen des Mutterkuchens mit dem Kopf des Kindes daran Schuld sind. Allein wenn bei dem von ihm beobachteten Falle eine solche widerna- türliche Verbindung Statt fand, so war diefs eher eine Folge als eine Ursache jenes Zustandes. Auf dem Anatomischen Museum ist ein Prä- parat, das ich, wie so vieles Andere Heim’s Güte verdanke, wo die Placenta ihren gewöhnlichen , nur sehr langen, Nabelstrang hat, über- diefs aber sie auch mit dem Kopfe des ungefähr fünfmonatlichen Foetus an einer Stelle verwächsen ist; hier ist aber kein Katzenkopf., Dagegen über den Wasserkopf vor der Geburt. 41.27 haben alle unsere Fälle von diesen keine solche Verbindung gezeigt, und der kleine Embryo mit Wasserkopf (Fig.1.) liegt mit völlig freiem Kopfe. Nichts ist bäufiger als der Wasserkopf, nichts seltener als jene Ver- bindungen; man wird auch bei den Schriftstellern wenige Fälle davon finden; und aufser jenem oben erwähnten ist nur ein von Walter (Anat. Mus. p. 129. n.3016.) beschriebenes Präparat vorhanden, wo die Nabelschnur mit dem einen Arme verwachsen ist, obgleich der Fall auch nur kaum hieher gehört. Darauf ist also gewifs nicht zu rechnen. Zum Schlufse seyen mir noch ein Paar Bemerkungen erlaubt. Erstens sind gewils sehr viele Misgeburten der Schriftsteller nur als kranke oder durch Krankheit veränderte Embryonen zu betrachten. Dahin gehören alle Wasserköpfe, und zwar eben so gut, wie man Kin- der mit Wasser im Herzbeutel, im Bauche oder in den Nieren als kranke Kinder betrachtet; bei den letzteren habe ich auch gradezu einen Nie- derschlag der Lymphe bemerkt, wie bei den obenerwähnten Entzün- dungen. Eben so sind die Kinder, deren Extremitäten gegen den Kopf so sehr zurückgeblieben sind, und deren ich mehrere untersucht habe, nur als solche zu betrachten, bei denen die Knochenbildung fehlerhaft ist, ungefähr wie bei der englischen Krankheit, wohin sie auch schon J. H. Klein in einer (1763. 4.) zu Strafsburg erschienenen Diss. de Rhachitide congenita brachte. Vergl. Maur. Romberg Diss. de Rhachi- ide congenita. Berlin 1817. 4. Nicht wenige Misbildungen rühren ferner von dem kranken Ner- vensystem her. Dahin rechne ich namentlich alle Verdrehungen der Gliedmafsen , Klumphände und Klumpfüfse. In der gröfsten Mehrzahl finde ich sie nur bei fehlerhaft gebildetem Kopfe, wo das Gehirn be- trächtlich gelitten hat; sie finden sich auch daher schon bei sehr jungen Embryonen, wovon mehrere Beispiele auf unserm Museum vorkommen. An mechanische Ursachen ist bei diesen am allerwenigsten,, doch auch sonst nirgends bei dieser Misbildung zu denken. Nicht zu vergessen aber ist es, dafs ein Nervenleiden Statt finden kann, ohne dafs sichtbare Krank- 128 Rupoourmı heitszustände des Gehirns gefunden werden. Wie oft leiden Schwan- gere von den heftigen (gewils krampfhaften) Bewegungen ihrer Früchte, und zu rechter Zeit bringen sie wohlgestaltete Kinder zur Welt; so kön- nen auch übrigens gutgebildete Kinder nur in den verzogenen Füfsen 5 oder Händen einen Beweis ihres ehemaligen krankhaften Zustandes darbieten. Die Fettanhäufungen, die Geschwülste aller Art sind einer krank- haften Reproduction zuzuschreiben, und auch sie gehören zu den Krank- heitsfällen, nicht zu den Misgeburten. Das Fehlen einzelner Theile z. B. einer Extremität, oder aller, gehört auch wohl dahin. Nur das sind wohl eigentlich Misgeburten, deren Entstehung in einer gewissen Breite des Bildungsacts seinen Grund hat, und wo da- durch etwas sehr Abweichendes entsteht, das als Monstrnm auffällt. Wenn zwei oder mehrere Keime sich jeder für sich entwickeln, so finden wir natürlich in jedem Kinde die Regel wieder; wenn zwei oder drei sich so im Bildungsact durchdringen, dafs sie einen gröfseren oder geringeren Zusammenhang haben, so nennen wir es ein Monstrum, und wenn auch alles übrigens gerundet und in der Wohlgestalt gesun- der Kinder erscheint. Wenn das Herz etwas mehr nach rechts liegt, als gewöhnlich, so nennen wir es noch nicht monströs, selbst kaum, wenn das Herz allein sich stark nach rechts gewendet hätte; wären aber dabei die Gefäfse aus den entgegengesetzten Hölen desselben entsprungen, läge die Leber links, der Magen und die Milz rechts, so ist es eine monströse Lage, obgleich dabei alle Theile normal gebildet seyn, und Menschen, bei de- nen es vorkommt, ein hohes Alter erreichen können. Je mehr wir die Anzahl der Misgeburten mit Grund verringern können, um desto mehr ist unsere Einsicht in die Krankheiten des Foe- tus erweitert, und ich hoffe, dafs die jetzt von so vielen Seiten mit der gröfsten Gründlichkeit geführte Untersuchung der Misgeburten dahin führen wird. Zweitens aber scheint mir daher keine andere Eintheilung der Misgeburten zulässig, als eine beschreibende. Die Eintheilung nach den Ursachen der Misgeburten, so oft sie auch versucht ist, halte ich für gänzlich unbrauchbar. Wer will sagen, ob gröfsere oder geringere über den Wasserkopf vor der Geburt. 129 Energie im Zeugungsact ein in einander Greifen der Keime veranlafst; welche Ursache läfst sich auch nur entfernt denken, warum die Einge- weide in dieser oder jener Lage vorkommen ? Wülsten wir das, so wülsten wir Alles in der physischen Welt. Seit acht Jahren habe ich mich daher einer blofs auf die Bildung der Mis bedient, Ich theile die Misgeburten erstlich in zwei grofse Klassen ein, je geburten selbst beziehenden Eintheilung in meinen Vorlesungen nachdem sie nämlich entweder einfach oder mehrfach sind. Die aus einem Körper bestehenden oder einfachen Mis- geburten sind es entweder a) der Form, b) der Lage nach, oder c) nach beiden. Jene der Form nach monströsen Foetus haben entweder a) eine Bildung, die eine frühere Periode bezeichnet, oder 2) eine nicht daranf zurückzubringende. Die Unterabtheilungen machen sich nach den mon- strösen Organen. Man könnte auch noch füglich eine eigene Abthei- lung der ersten Ordnung aus den Misgeburten machen, die nur aus einem Theil bestehen, z. B. aus einem blofsen Kopf u. s. w. Die mehrfachen Misgeburten sind aus zwei oder drei organisch verbundenen Körpern gebildet. Diese bestehen wiederum entweder aus gleich oder aus ungleich entwickelten Körpern. Die gleich entwickelten Körper haben sich entweder nur in ein- zelnen Theilen verbunden, wo man sie nach diesen aufzählt, oder die Körper haben sich so durchdrungen, oder sind so zusammen geschmol- zen, dafs zum Beispiel die beiderlei Kopfknochen so verbunden sind, dafs vorne und hinten an dem grofsen Kopfe ein Gesicht, oder vorne und hinten ein Hinterkopf vorhanden ist; dafs beide Stämme nur eine Brust-, eine Bauchhöle ausmachen, wonach wieder abgetheilt wird. Die ungleich entwickelten sind entweder so beschaffen, dafs der gröfsere den kleinen umfafst, Foetus in Foetu, und der kleinere kann an verschiedenen Stellen liegen, wonach am besten die Unterabtheilung geschieht; oder ein mehr oder weniger entwickelter Körper, oder ein Phys. Klasse 1824. R 130 Rupoupmı über den Wasserkopf vor der Geburt. Theil, ist an den andern angehängt, und zwar wieder auf sehr verschie- dene Art. — Auf die Misbildungen nach Form und Lage kann bei den mehrfachen Misgeburten noch besondere Rücksicht genommen werden. Diese Eintheilungsweise bietet den Vortheil dar, dafs man alle in Monographien oder andern Schriften bisher verzeichneten Misgeburten leicht unterbringen, und jeden vorkommenden Fall damit eben so leicht vergleichen kann; etwas das bei der bisherigen Behandlung unmöglich war. Eine gute Uebersicht aller Misgeburten wüfste ich auf keine an- dere Arı zu geben. —Z NANNTEN Anatomische Bemerkunsen o von“ . H” K. A. RUDOLPHI. [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 21. October 1824.) 8 Ueber den Orang-Utang, und Beweis, dafs derselbe ein junger Pongo sel. Tiiesius ('!) hat der Naturgeschichte einen sehr wesentlichen Dienst geleistet, wie er die Meinung aufstellte, dafs der. kleine (oder eigentlich gewöhnlich allein so heifsende) Orang-Utang mit dem grolsen, oder Wurmb’s Pongo (?) Ein Thier sei, während man sie sonst in ganz ver- schiedene Abıheilungen der Allen brachte, wie auch noch von Cuvier in seinem Regne animal distribue d’apres son organisation (Paris AS1T. 8.) geschehen ist, indem er die Orangs (S. 102.) und die Pongos (S. 111.) weit auseinander stellte. Späterhin hat er jedoch auch die Vermuthung aufgestellt, dafs der Pongo ein erwachsener Orang-Utang sei, wie sein Bruder (F. Guvier Des Dents des Mammiferes 1. livr. Paris 1821.8. p.10.) angiebt. Tas Pa! (') Naturhistorische Früchte der unter Krusenstern vollbrachten Erdumseglung. St. Petersburg 1813. 4. S. 109-130. Bemerkungen über den Jocko oder Orang-Outang von Borneo, Simia Satyrus L. mit zwei schönen Kupfertafeln, Tab. 94. u. 95. des Krusensternschen Atlas. (?) Beschryving van de groote Borneoosche Orang- Qutang .of.de Oost-Indische Pong», door F. Baron van Wurmb. In Verhandelingen van het Bataviaasch Genot- schap der Konsten en Wetenschappen. T’'weede Deel. Roterdam en Amsterdam 1784. 8. p. 245-261. R.2 132 Rupdorernuı Das Thier, welches Tilesius in Macao in China lebendig zu unter- suchen Gelegenheit hatte, war weiblichen Geschlechts, ungefahr 30 Zoll lang, mit langen Armen versehen, so dafs diese von der Achselgrube bis zur äufsersten Fingerspitze 27 bis 28 mafsen, während die Entfernung von dem Schenkel bis zur Fufssohle nur 14 bis 15 Zoll bewug. Das Thier war sehr jung, jedoch schon von verhältnifsmäfsig grolser Stärke, und hatte die Nägel an allen vier Daumen, die P. Camper den srolsen Zehen des Orang-Utangs, nach den ihm davon zu Gesicht gekommenen Exemplaren, gänzlich absprechen wollte. Der grofse männliche Orang-Utang, welchen der Baron v. Wurmb untersuchte, und welcher auch an allen vier Daumen kleine Nägel hatte, war 3 Fuls 10% Zoll Rheinl. lang, und die Länge der Arme betrug 3 Fufs 5 Zoll. Er spricht zwar von breiten Schneidezähnen und grolsen Eckzähnen des T'hiers, jedoch ohne deren Maafse anzugeben, und ohne Frage war dasselbe auch noch nicht völlig ausgewachsen , oder wenig- stens kein grofses Exemplar, obgleich Wurmb angiebt, dafs dieser Orang-Utang wegen seiner Stärke schwer zu erhalten sey, und dafs sich auch dieses Thier mit starken abgebrochenen Baumzweigen so hefüg zur Wehr gesetzt hatte, dafs es unmöglich war, dasselbe lebend zu fangen. Die nach Europa lebend gekommenen Orang-Utangs waren, bis auf. eine gleich zu nennende Ausnahme, klein und schwächlich und starben bald. ‚Nur das von Abel (!) mitgebrachte Thier nämlich hat sich länger erhalten; doch weifs ich nicht, ob es noch lebt; allein Lawrence (?), der es länger beobachtete, giebt zugleich an, dafs es sich immer mehr dem Pongo in der Bildung zu nähern anfange. \Wenn man. die. genaue. Beschreibung des Orang-Utangs bei dem wefllichen Peter Camper (*) durchgeht, so sieht man auf den (ersten (') Clarke Abel Narrative of a Journey in the interior of China. Lond. 1818. 4.,p. 320. u. p.365., mit. einer illum. Abbildung des O. U, () W. Lawrence Lectures on Physiology, Zoology and the Natural History. of Man. Lond. 1819. 8. p. 131. Er sagt auch, dafs Cuvier in einer (nicht gedruckten) Abhandlung die Identität. des Orang-Utang und Pongo vermuthe. 2) Naturgeschichte ‚des Orang - Utang und einiger andern ‘Allenarten. Düsseldorf 1791. 4. 8.186. u. 188. anatomische Bemerkungen. 153 Blick, welch’ ein junges Thier er beschreibt, und er spricht auch selbst davon, indem er der getheilten Beckenknochen und der noch knorpe- ligen Sesambeinchen erwähnt. Wäre er darauf gefallen, die vordere‘ Wand der Kiefer. wegzunehmen, so wäre freilich die Sache gleich ent- schieden gewesen. Mir schien Tilesius Hypothese höchst annehmlich, weil ich junge und alte Mandrils (Simia Maimon) zu vergleichen Gelegenheit hatte, und den Schedel der jungen Thiere durchaus nicht Pavians-artig fand, wie ich auch in meiner Physiologie (T.1.S. 23.) bemerkte. Um zur völligen Gewilsheit zu gelangen, liefs ich bei dem jungen Mandril-Schedel auf der einen Seite die Keime der bleibenden Zähne blofs legen, und d’Alton hat denselben in seinen Skeletten der Vier- händer (Taf. VIII. Fig. d.) auf das Genaueste abgebildet. Nach der Zeit bekam unser Museum den Schedel eines Orang- Utangs aus der Sammlung des für die Wissenschaften viel zu früh heimgegangenen Albers in Bremen, und d’Alton hat ihn auf dersel- ben Tafel Fig. d., so wie den Schedel des grofsen Orang-Utangs oder Pongo des Pariser Museums unter Fig. a. dargestellt, Zuerst, wie es gewöhnlich geht, war ich schon sehr erfreut, ihn nur äufserlich betrachten zu können, und ich hielt die nicht dicht an- einander stehenden Zahne, die wenigen Backenzähne, und das lockere Korn der Knochen für hinreichende Beweise; da ich indessen noch immer Zweifel hörte, ob der Orang-Utang ein junges Thier sei, so legte ich, wie bei dem jungen Mandril, auf einer Seite des Schedels die Keime der bleibenden Zähne blofs, und gebe hier davon Abbildun- gen in natürlicher Grölse, welche die Sache auf das Bestiimmleste ent- scheiden. Das Vorhandenseyn der Keime bleibender Zähne im Schedel des Orang - Utangs würde blofs beweisen, dafs es ein junges Thier sei; allein wenn man diese Keime naher betrachtet, vorzüglich die der mitt- leren Schneidezähne, so ist es klar, dafs der Kopf zu einer sehr bedeu- tenden Gröfse wachsen müsse, um für dieselben in ihrem entwickelten Zustande Raum zu haben. Alle diese Keime sind noch blofse Kronen ohne Schmelzüberzug, durch welchen sie natürlich an Umfang gewinnen; besonders gilt dies von den Eckzahnen. 134 Ruporrınıu Die Gröfse der Keime der bleibenden Schneidezähne ist so be- trächtlich, dafs sie in dem jungen Kopfe nicht neben einander Raum haben, sondern der mittlere Schneidezahn liegt vorne, der äufsere hinter diesem, und zwar so, dafs eine dünne Knochenplatte sie von einander trennt. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo eine ähnliche Ein- richtung gesehen zu haben, und sie ist der schlagendste Beweis, dafs der Orang-Utang das Junge eines grofsen Thiers ist, und wahrscheinlich noch einer langen Entwicklung bedarf, denn die andern Zahnkeime sind gegen jene, die früher ausbrechen, noch gewaltig zurück, sowohl die der Eckzähne als die der hinteren Backenzähne. Die Länge des Keims der Krone des mittleren obern Schneidezahns beträgt eiwas über sieben, und die gröfste Breite beinahe sieben Linien; die runde Höle der Krone hat einen Durchmesser von fünf Linien. Die Schedel des Orang-Utangs, welche Camper (a. a. O.) und Blumenbach (Naturhistorische Abbild. Taf. 52.) abgebildet haben, be- sitzen nur zwei Backenzähne; das dem Professor Mulder in Gröningen zugehörige Exemplar (1) ist mit zwei oberen und drei unteren Backen- zähnen vorgestellt. Aelter ist der Schedel, den unser Museum besitzt, da sowohl oben als unten auf jeder Seite drei Backenzähne vorhanden sind; eben so viele bildet Fr. Cuvier (a. a. O. Taf. 2.) ab, vermuthet jedoch, dafs dem Orang - Utang eigentlich fünf Schneidezähne zukommen. Unser Illiger (Prodromus systematis mammalium et avium. Berolini 1811. 8.) schreibt ihm, wie dem Troglodytes, gradezu fünf Backenzähne zu, je- doch ohne zu sagen, worauf er sich stützt, denn einen Orang-Schedel mit so vielen Backenzähnen hat Niemand gesehen und wird ihn nicht sehen, weil ein so junges Thier nicht in den Kiefern für so viele Zähne Platz hat; und Edw. Tyson (The Anatomy of a Pygmie. Lond. 1699. 4. p. 65.) sagt ausdrücklich von seinem Orang von Angola oder Simia T'roglodytes, dafs er auf jeder Seite oben und unten vier Backenzähne habe, während er in der Abbildung nur oben und unten zwei Backenzühne darstellt. (‘) Walter Heinr. Crull: Diss. de cranio eiusque ad faciem ratione. Groning. 1810. 8. Tab. 1. Fig.1. anatomische Bemerkungen A 135 Von den drei Backenzühnen, welche bei unserm Orang - Utang- Schedel hervorstehen, sind wie bei einem Kinde, das diese Zahl zeigt, die beiden ersten Milchzähne, und der dritte ein bleibender Zahn, der zwar nicht ganz vollendet ist, jedoch schon zwei ziemlich starke Wur- zeln zeigt. Vor ihm liegen im Kiefer zwei Kronen bleibender Zähne, und hinter ihm eine, sowohl im Ober- als Unterkiefer. Die Krone des fünften bleibenden Zahns ist noch gar nicht gebildet, wie ja auch bei Kindern von drei Jahren noch der Keim des sogenannten Weisheits- zahns fehlt. Die Lage der Keime der bleibenden Eck- und Backenzähne beim Orang-Utang ist offenbar der analog, welche wir bei kleinen Kin- dern finden; nur die der Schneidezähne ist abweichend, wie oben an- gegeben ist. Ich glaube hinlänglich dargethan zu haben, dafs aus dem ÖOrang- Utang ein grofses Thier werden mufs, und bei der Aehnlichkeit des Pongo mit jenem, und da kein anderer grofser Affe in Java lebt, so ist es wol für gewifs zu halten, dafs der Orang-Utang ein sehr junger Pongo ist. 136 BR%v-Do 1, P Hu Erklärung der Kupfertafeln. Taf.I. Stellt den auf dem anatomischen Museum in Berlin be- findlichen Schedel des Orang-Utangs von vorne vor. Auf der linken Seite sind die Keime der bleibenden Zähne blofsgelegt; man sieht nur den Keim des mittlern obern und untern Schneidezahns, weil die Keime der äufsern Schneidezähne hinter jenen liegen. Neben dem Keim des mittlern Schneidezahns liegt zunächst oben und unten der Keim des Eckzahns, und dieser liegt oben über den Keimen der ersten beiden bleibenden Backenzähne und im Unterkiefer unter denselben. Taf. II. Stellt denselben Schedel von der linken Seite dar. 1) Der Keim des mitllern bleibenden Schneidezahns. 2) Der Keim des bleibenden Eckzalıns. 3) Der Keim des ersten, und 4) der Keim des zweiten bleibenden Backenzahns. 5) Die noch unvollkommenen Wurzeln des schon hervorgetrete- nen dritten Backenzahns ; der Keim des vierten Backenzahns. a) Der Keim des bleibenden mitlern obern Schneidezahns von vorne; - b) derselbe von hinten. c) Die Höle der Krone desselben. d) Der Keim des obern Eckzahns von vorne; e) derselbe von hinten. Alle Figuren sind in natürlicher Gröfse. wrmm.mm.nnmmev anatomısche Bemerkungen. 137 IH. Ueber den Zitterwels. Der Zitterwels (‚Sdurus electricus L., nach Lacepede Malapteru- rus, oder richtiger Malacopterurus) ward den Naturforschern zuerst durch den um die Naturgeschichte vielverdienten Adanson (Histoire naturelle du Senegal. Paris 1757.4.8.134.) bekannt gemacht, der ihn jedoch auch nur flüchtig beschreibt und ohne seine Gröfse anzugeben. Er sagt: die Franzosen nennten ihn tremblevr, weil er nicht wie der Rochen (Torpedo) ein Einschlafen oder eine Betäubung (engourdissement), sondern ein sehr schmerzhaftes Zittern des von ihm berührten Gliedes errege. Das scheint jedoch nur eine Sage. Adanson selbst sagt nicht, dafs er ein solches Zittern empfunden habe, sondern er vergleicht es mit der Empfindung von dem Schlage der Leydner Flasche, und setzt hinzu, dafs man bei der Berührung fallen lasse, was man in der Hand habe. Das ist ja aber grade derselbe Fall bei der Berührung der Zitterrochen. Wie Adanson jenen Fisch im Senegal gefunden, so fand ihn Forskahl (Deserptiones animalium, quae itinere orientali observavit. Havn. 1775. 4. p. 15. 2. 14.) im Nil; er beschreibt ein Exenplar von der Länge einer Spanne, also ein sehr kleines, daher giebt er auch eine sehr geringe Wirkung desselben an. Motus tremoris levissimus erat, adeo ut ex eins vi et celeritate ineptum sit derivare doloris sensum. Nihil vero eleetricitati magis convenit quam hie ıctus. In manum sublatus piscıs, aqua recens extractus, fortiter percutit cauda; fortius si sub ventre tanga- tur, quam lateribus, et levius, si unum tanlum attrectaveris latus. Das habe ich grade so bei dem Zitterrochen beobachtet. Sehr zweifelhaft scheint mir aber, was Forskähl hinzusetzt, falls er es nicht an einem ganz erschöpften Fische beobachtete. /n sola caudae werberatione vıs consistit; ıllam enim si tangis, aut. illa apprehensa piscem sublevas, nullo te ferit ietu. Die Berührung des Schwanzes könnte ja unmöglich ohne Erfolg seyn, wenn darin die Krafı gerade säfse. Phys. Klasse 1324. Ss 138 Rvporrnı Forskahl beschreibt den Fisch ganz richüg, verwechselte ihn je- doch dem Namen nach mit dem Zitterrochen, welches auf der Reise wohl geschehen konnte; wäre Forskähl kein Opfer derselben gewor- den, so würde er wohl eine eigene Gattung daraus gemacht haben, welches ihm so schon das Passendste schien. Broussonet (Memoire sur le Trembleur, espece peu connue de pois- son electrigue. Mem. de d’dc. des Sciences de Paris pour 1782. 4. p. 692 bis 698. Tab. 17.) beschrieb ihn als einen Wels. Lebend mufs er den Fisch nicht gesehen haben, da er nur die folgenden wenigen Worte über seine electrische Wirkung hat: Forskahl dit, que ses effeis electriques n’eloient sensibles que vers la queue; la peau qui recouvre cetie parlie nous a paru beaucoup plus Epaisse que celle du reste du corps, el nous y avons bien dislingue un tissu partieulier, blanchätre et fibreux, que nous avons pris pour les batteries du poisson. Diefs ist ganz falsch, wie späterhin aus der Beschreibung sich ergeben wird. Uebrigens hat Broussonet Exemplare des Fisches gesehen, die über 20 Zoll lang waren. Geoffroy hat ein beinahe vierzehn Zoll langes Exemplar in dem grofsen Werk über Aegypten (Zoologie, Poissons. Tab. 12. Fig. 1.) sehr gut abgebildet. Er läfst auch das electrische Organ des Fisches unter der ganzen Haut liegen, und aus sich kreuzenden Fibern bestehen, zu denen der Nerve der Seitenlinie (NV. vagus) sich begiebt. Man sieht hier- aus, dafs er die erste Untersuchung des Organs angestellt hat (Memoire sur l’anatomies comparde des organes electriques de la Raie Torpille, du Gymnotus engourdissant et du Suure trembleur. Annales du Musce d’Hist. nat. T.1.p. 392 bis 407. Tab. 26. 4.), allein seine Abbildung des Organs sowohl in diesem Aufsatz, als in dem gedachten grofsen Werke über Aegypten, ist so roh und ungenügend, dafs man darin weder den Ner- ven noch das Organ erkennt; es scheint eine flüchtge Skizze aus dem Gedächtnifs. Cuvier scheint den Fisch kaum selbst untersucht, oder wenigstens ein sehr schlecht erhaltenes Exemplar vor sich gehabt zu haben, denn er sagt (Regne animal T.11. p. 208.): ,‚,i paroit, que le siege de cette Jaculte eleetrique est un lissu parlieulier situe entre la peau et les muscles, et qui presente l’apparence d’un tssu cellulaire graisseux, abondamment pourvu de nerfs.' anatomische Bemerkungen. 139 Tuckey (Relation d’une expedition au Zaire. Trad. de U’ Anglois. Paris 1818.8. T. 11. p.261.) erzählt von einem Fisch, der im Zaire (Congo) gefangen ward, und dem ‚Silurus electricus glich. Mir scheint es nach der kurzen Beschreibung völlig derselbe Fisch zu seyn, nur dafs er sehr grofs war, nämlich drei und einen halben Fufs lang. ,,Suivant le rap- port des naturels, lorsque ce potsson est vivant et qwon le touche, Ü com- munique a la main et au bras une impulsion violente, ou pour employer leurs expressions, Ü blesse tout a travers du bras.’’ Zu meiner grofsen Freude haben unsere eifrigen ägypüschen Rei- senden Hemprich und Ehrenberg uns ein Paar Exemplare gesandt, die im Nil gefangen sind, von der Grölse, wie sie Broussonet sah, denn das hier abgebildete Exemplar ist fast 21 Zoll lang, und das an- dere wenig kleiner. Die Farbe war durch den Weingeist verändert, so dafs man die dunkeln Flecke des Rückens nicht mehr erkennen konnte; allein sonst war das eine Exemplar vorzüglich so schön erhalten, dafs es eine genaue Zergliederung erlaubte. Wenn man die äufsere Haut, wie mit dem auf der ersten Tafel in natürlicher Gröfse vorgestellten Fisch geschehen ist, durschneidet und nach oben und unten zurückschlägt, so erblickt man eine eigenthüm- liche Haut, die, wie in der Abbildung gut angedeutet ist, aus kleinen länglich rautenförmigen Zellchen besteht, deren Wände blättchenarug an einander liegen. Auf dem Rücken und am Bauche ist diese Haut von der der andern Seite durch eine von der, äufsern Haut zu den Muskeln gehende sehnige Haut getrennt. Nach vorne geht diese Haut unten bis an die Kiemen, oben aber mit einem rundlich auslaufenden Fortsatz über die Armflofse und den hintern obern Theil des Kopfes, bis zum Auge hin. Nach hinten geht die Haut freilich anscheinend bis zur Schwanztlofse; allen nur bis etwas hinter die Bauchflofse behält sie ihr zelliges Wesen, und daselbst sieht man blofs eine sehnige Haut, (wie es auch auf der Tafel dargestellt ist,) von der gleich die Rede seyn wird. Schlägt man diese äufsere Haut zurück , (wie es auf der zweiten Tafel dargestellt ist,) so sieht man, dafs ihre ganze innere Fläche mit einer silber-glänzenden sehnigen (aponeurotischen), aus sich in verschie- 52 140 R\v.DYo: 1 PrmU denen Richtungen kreuzenden Fasern bestehenden Ausbreitung belegt ist, auf welcher eigentlich jene äufserlich zu sehenden Plätichen oder Zellen, jedoch nur bis hinter die Bauchflofse, stehen, denn hier erscheint die Sehne äufserlich nackt. An der innern Fläche dieser Sehnenhaut ver- läuft in der Mittellinie der herumschweifende Nerve, und schickt überall, nach unten und oben, Zweige in die Aponeurose, welche die- selbe durchbohren und sich in die eigentliche Zellenmasse verbreiten. Den Nerven begleitet ın der nämlichen Richtung eine aus dem vordern Theile der Aorta entspringende, und sich auf ähnliche Arı in das häu- tige Organ verzweigende Arterie; so wie eine Vene auf eine ganz ähn- liche Weise an dem Organe nach vorne verläuft, und sich in die Hohl- vene nahe am Herzbeutel öffnet. Unter dieser sehnigen Haut liegen aber keineswegs die Muskeln, wie Geoffroy (Ann. du Mus. p. 402. u. p. 407.) sagt, sondern es kommt eine diesem Fisch ebenfalls eigenthümliche, von wenigem Zellgewebe be- deckte, zweite Haut zum Vorschein, die auf der zweiten Tafel (6. 6. 6.) in ihrer natürlichen Lage vorgestellt ist, und die aus einem regellosen flockigen Gewebe besteht, desgleichen ich nirgends weiter gesehen habe. Nimmt man etwas mit der Pincette weg, so bildet es lockere Büschel von unordentlich verlaufenden sehr weichen Fasern. Schlägt man diese flockige Haut zurück, wie es auf der dritten Tafel dargestellt ist, so sieht man unter ihr die Muskelschicht des Kör- pers (4.4.) Man sieht auch einen Nerven seitlich an ihr verlaufen; einen Nervenast des fünften Paars nämlich, welcher mit den Rücken- marksnerven sich verbindet, und unter der Seitenlinie (mehr nach der Bauchseite) nach hinten geht, und hinter der Mitte des Körpers in die Muskelschicht selbst eindringt. Zu der flockigen Haut aber dringen von innen sehr dünne Zweige der Wirbelnerven (rami intercostales). Aus dieser Beschreibung ergiebt sich also eine gröfsere Zusam- mensetzung des electrischen Organs im Ziuterwels, als bisher angenom- men ist. Die unter der Haut (corium) liegende, aus kleinen Bläuchen und Zellen gebildete, an der innern Seite mit einer Aponeurose be- deckte Haut, zu welcher der Nervus vagus geht, ist wol ohne Zweifel anatomische‘ Bemerkungen. 141 der Haupttheil; es hat auch Geoffroy in seinen Zellchen eine eyweils- artige Materie (!) angetroffen; allein dafs die zweite ebenfalls ganz eigen- thümliche, mit eigenen Nerven versehene Haut, die auch eben so wenig als die vorige in unserm Wels (Silurus Glanis) gefunden wird, gleich- falls zum electrischen Organ gehört, scheint mir aufser Zweifel, und ich begreife nicht, wie Geoffroy sie übersehen konnte. Es ist arch nicht ein einziges Organ, welches den ganzen Fisch umhüllt, sondern ein rechtes und linkes, die, wie ich oben gesagt, sowohl am Rücken als am Bauch durch eine sehnige Scheidewand getrennt sind. Interessant ist zu sehen, wie auch hier () die Nerven sowohl zu der zelligen, als zu der flockigen Haut von innen, und in ganz entge- gengeseizten Richtungen laufen; findet man sie dünn, so mufs man be- denken, dafs sie auch nur zu dünnen Häuten gehen, von denen sogar die eine zum Theil aponeurotisch, also nervenlos ist. Geoffroy bildet den Nerven des äufsern Organs sehr colossal, allein ganz widernatür- lich ab; er hat den Fisch aufserordentlich verkleinert, den Nerven aber vergröfsert. Vergleicht man die Bildung H welses mit dem des Zitterrochens und des Zitteraals, über welche ich des electrischen Organs des Zitter- vor drei Jahren hier ebenfalls zu lesen die Ehre gehabt habe, so geht (') A.a0.S.402. Ich will seine ganze Beschreibung hersetzen. L’organe eleetri- que du silure trembleur est etendu tout autour du poisson; il exıste immediatement au-dessous de la peau, et se trouve formed par un amas considerable de tissu cellu- laire tellement serre et epais, quau premier aspect on le prendroit pour une couche de lard: mais quand on y regarde de plus pres, on s’apercoit que cet organe est compose de wveritables fibres tendineuses ou apondvrotiques, qui sientrelacent les unes dans les autres, et qui par leurs diflerens entrecroisemens, forment un reseau, dont les mailles ne sont distinctement wisibles qua la loupe. Les petites cellules ou alveo- les de ce reseau sont remplies d’une substance albumino-gelatineuse. Elles ne peu- vent communiquer a ÜUinterieur, a cause d’une Ir&s-forte aponevrose, qui s’diend sur tout le reseau dleetrique, el qui y adhere au point, qu'on ne peut len separer, sans le dechirer: d’ailleurs cette aponevrose tient seulement aux muscles par un tissu cellu- laire rare et peu consistant. (?) Bekanntlich hat Soemmerring darauf zuerst aufmerksam gemacht, dafs die Nerven überall von innen zu ihren Theilen gehen, so wie auch darauf, dafs sie eigent- lich nach den peripherischen Ende hin zunehmen. 142 R vD26 up mu eine grofse Verschiedenheit hervor, wenn man auf die äufsere Form sieht, allein das Wesentliche kommt doch überein. Hoffentlich haben Hemprich und Ehrenberg Gelegenheit ge- funden, das Organ ganz frisch zu untersuchen, vielleicht sogar bei dem lebenden Fisch, wo sich leichter das Verhältnifs der zelligen und das der flockigen Haut bestimmen liefse. Geoffroy sagt, dafs jene das An- sehen eines Specks habe, sie mufs also frisch weifs aussehen; bei den im Weingeist erhaltenen Fischen fand ich beide Häute von schwarzer Farbe, und nur die Aponeurose weils. Von Fett habe ich nichts darin gefunden, das würde sich nicht haben verbergen können; es erscheint auch weder bei dem Zitteraal noch bei dem Zitterrochen in oder an dem eleciwrischen Organ. anatomische Bemerkungen. 143 Erklärung der Kupfertafeln. Tafsl: 1.1.1.1. Die äufsere Haut in der Seitenlinie vom Kopfe bis zur Schwanzflofse durchschnitten und nach oben und unten zurückgelegt. 2.2. Die äufsere Fläche des zelligen oder äufseren electrischen Organs. 3. Vorderer Fortsatz desselben. > ° Hinterer Theil desselben, wo nur die Aponeurose übrig bleibt. Tat. II. . 1.1. Die äufsere zurückgeschlagene Haut. 2.2. Die innere oder aponeurotische Fläche des zelligen Organs. 3.3.3. Der Nervus vagus. 4.4.4. Die Arterie. 5.5.5. Die Vene des electrischen Organs. 6.6.6. Die äufsere Fläche des flockigen oder inneren elecwrischen Organs. Taf. 3]. 1.1.1. Die äufsere zurückgeschlagene Haut. 2.2.2. Die innere oder aponeurotische Seite der zelligen Haut. 3.3.3. Nach oben und unten zurückgeschlagene innere Seite der flockigen Haut. 4.4.4. Seitliche Muskeln des Körpers. 5.5.5. Ein Ast des fünften Nervenpaars, welcher mit den vordern Rückenmarksnerven Verbindungen eingeht, und so nach hinten verläuft. An einigen Stellen hinten sieht es aus, als ob er in Zellen läge, die mit Wasser gefüllt wären. Zwischen vippennerven ‚ Nervi intercostales. a ge . Dünne Zweige derselben zur flockigen Haut. > Ss Rupourur anatomische Bemerkungen. Taf. IV. Zurückgeschlagene Kaumuskel. Geöffnete Schedelhöle. Das fünfte Nervenpaar. Ein Zweig desselben (5. 5.5. auf der dritten Nervus vagus. Dessen Kiemenast. Der erste Wirbelnerve. Die Arterie. Die Vene des electrischen Organs. TEEN. Tafel). | Dr: ER Audopphes, Dhondl üb den Hjoertopf Iyo VIARER, Opel eur TEA Q6l FÄHLIUGEKSATLDSCLMMTB2R. PANBENE R 2 Hun Kadophas, HIELT IR Wefserkopf . Phys Il SB. Ri TAB-IIL 2. Hl 1834. 7 GV . a [2 » > AISEN: A L, L HH 7 C £ 7 Ühhandlas 7 4 UI re f Z 7 ML (ZZRA % LH + dt N, ) IF u TAB. 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II SIITTTISHRÄÄ TE = EAST SSSITESETTTT NN NR NIU IV RUN IN DT N SI III, IIANNNN 2 IQ BZ Dörbeck sc Zu Äm ed hs. hand 9 a EA Ih hl. 18%. & Den. u BA NEE u Bun UHR cu Date fi Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems nebst einer Anordnung der Kryptophyten von I" H. F.LINK. a [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 15. December 1824.] D. natürliche System ist keinesweges der Zweck der Wissenschaft, wie Linne wollte; es ist keinesweges die Wissenschaft selbst auf ihren kürzesten Ausdruck gebracht, wie Cuvier meint; aber es ist der Anfang der Wissenschaft, oder der Grund und Boden, woraus die Wissen- schaft entspriefst; es liefert die behauenen Steine, woraus das eigent- liche Pflanzensystem erbauet wird. Aus dem Spiele mit Achnlichkeiten wird man bald aufgeregt durch die Frage: wozu denn Dieses diene? und kommt es blofs auf Erkennung der Naturkörper an, um sich der- selben zu andern Zwecken zu bedienen, so bleibt immer die Frage, ob nicht das künstliche System weit brauchbarer sei, als das natürliche, besonders wenn man es in aller Strenge anwendet, ohne sich durch das natürliche System ‚von dem geraden Wege ableiten zu lassen. In allen Naturwissenschaften suchen wir das Gesetz, das heifst, das Beständige in der Mannichfaltgkeit der Begebenheiten und der Er- scheinungen. Das Gesetz bestimmt die Bedingungen, unter welchen diese Erscheinung wiederum hervorgebracht wird und hervorgebracht werden mufs, so lange die Natur als solche bleibt. Der Begriff von Art in der Naturgeschichte ist eine solche Gesetzesbesiimmung; er be- zeichnet die Beständigkeit der Gestaltung in der Reihe der Zeugungen. Es liegt der Begriff von Art nicht allein der ganzen Wissenschaft zum Grunde, sondern die Besimmung der Arten macht sogar den gröfsten Theil derselben aus. Allerdings haben wir hier eine Menge einzelner Phys. Klasse 1824. T 146 Le & Gesetze, denn jede Art ist ihr Gesetz, aber es ist ein Verlangtes, ob- wohl nicht immer Erreichtes, diese vielen einzelnen Naturgesetze auf höhere zu bringen, und so die Ableitung von hohen und folglich ein- fachen Gesetzen darstellen zu können. Soll das System in der Natur- kunde irgend einen wissenschaftlichen Werth haben, so mufs es eine solche Ableitung von höhern Gesetzen, wenigstens vorbereiten. Wir setzen in den höhern Eintheilungen der Naturkörper, wie sie das System liefert, die Bestimmung der Arten voraus, und küm- mern uns nicht um die Schwierigkeiten, welche diese hat oder haben kann. Aber wir sollen weiter fortgehen von der Art zur Gattung, zur Ordnung u.s. w. und zwar auf demselben Wege, auf welchem wir zur Bestimmung der Art gelangten, damit wir lernen, die letztere von höhern Eintheilungen abzuleiten. Das Beständige der Gestaltung in der Reihe der Zeugungen unter den verschiedenen Einwirkungen äufserer Ein- flüsse bestimmten die Art; es mufs also die Beständigkeit der Gestal- tung auch in-den höhern Eintheilungen dasjenige seyn, worauf wir vor allen andern Bestimmungen sehen müssen. Es wird also das Veränder- liche zuerst aus den Kennzeichen aller höhern Ordnungen eben so aus- geschlossen, wie aus den Kennzeichen der Art; und dieses ist die erste Regel, welche wir zu befolgen haben. Davon waren alle Naturforscher überzeugt, sobald sie anfingen über Natursysteme zu urtheilen. Es bleibt der schlimmste Vorwurf, welchen man dem Linneischen Sexualsystem machen kann, dafs die Zahl der Staubfäden gar oft, die Zahl der Staub- wege nicht selten veränderlich ist. Aber wir gehen weiter. Das Ver- änderliche wird durch Beobachtung gefunden, und wir wenden es ent- weder nur im Allgemeinen oder Besondern an. Die Zahl der Staub- fäden und die davon abhängige Zahl der Blumenblätter und der Kelch- blätter kann allerdings nicht als Kennzeichen der Art dienen, an welchen man sie veränderlich beobachtet hat, aber wohl als Kennzeichen an- derer Arten, an welchen man sie niemals abändernd gefunden hat. Denn man sieht keinen Grund, warum das Kennzeichen nicht in einem Falle veränderlich, in einem andern hingegen beständig seyn sollte. Aber, indem wir uns von dem Besondern zum Allgemeinen, von der Bestimmung der Arten zur Bestimmung der Gattungen und Ordnungen, überhaupt zur höhern Eintheilung begeben, verlangen wir, dafs dieses Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 147 in Folge eines Grundsatzes geschehen solle, welcher auf die Bestimmung der Art den gröfsten Einflufs hat, oder der Art die Besiimmung giebt, des Grundsatzes nämlich, welcher die Beständigkeit der Natur ausspricht. Es wird hieraus folgern, dafs in der Bestimmung höherer Abtheilungen und Ordnungen nicht allein die Kennzeichen ausgeschlossen werden, welche wie bei den Arten in dem besondern vorliegendem Falle, sondern welche in irgend einem Falle innerhalb des ganzen Gewächsreiches oder wenigstens in den Normalgewächsen veränderlich gefunden wurden. Die Naturforscher sind ins Geheim von diesem Grundsatze geleitet worden, ohne ihn auszusprechen. Nachdem Morison gesagt hatte, die Kennzeichen der Gattungen im Pflanzenreiche müsse man nur von dem letzten Zwecke der Vegetation (/finis ultimus), der Blüte und Frucht hernehmen, hat es kaum einer oder der andere Naturforscher gewagt, die Blätter zur Bestimmung der Gattungen und höheren Abtheilungen zu Rathe zu ziehen, ungeachtet man Morison sehr gut einwenden konnte, die Blüte sowohl als die Frucht sei nur der künftigen Blätter wegen vorhanden. Aber die Beobachtung, wie leicht das Blau von der unge- theilten zur getheilten Gestalt übergehe, ergriff die Beobachter so sehr, dafs sie sogleich das Blatt als höchst veränderlich für die höhere Ein- theilung der Gewächse verwarfen. Einige sprechen dieses klar aus, an- dere nehmen es stillschweigend an, ohne sich darüber zu äufsern. Sie bedenken nicht, dafs es weit weniger in die Augen fallende Kennzeichen sind, als diese Zertheilung, wodurch das Blatt nicht weniger als die Blüte sich das Recht erwirbt, als Quelle von Kennzeichen für höhere Abtheilungen angesehen zu werden. Die Beständigkeit des Merkmals ist also die Bedingung, ohne welche es nicht als auszeichnendes Merkmal anerkannt wird. Aber giebt es einen Rang unter diesen beständigen Merkmalen? Sind einige mehr ge- eignet, die höhern Abıheilungen zu bestimmen, als andere, und welche müssen zur Bestimmung der Gattungen, welche zur Bestimmung der Familien, Ordnungen und Klassen ausgewählt werden? Es ist nothwen- dig, bei dem Grundsatze zu bleiben, nach welchem wir die Arten un- terschieden haben, wenn wir nicht die höhern Abıheilungen einer blofsen Willkühr überlassen wollen, bei der Veränderlichkeit der Merkmale. Da wir nun für diese Abtheilungen alle diejenigen Kennzeichen ausge- T2 148 Lınmx schlossen haben, welche an irgend einer ausgebildeten Pflanze veränderlich befunden worden, so bleibt uns hier kein anderer Unterschied übrig, als zwischen der gröfsern und geringern Leichtigkeit, womit die Kennzeichen in einander übergehen könnten. Da die Nerven eines Blattes sich ge- gen den Umfang immer mehr zertheilen, so ist der Uebergang aus einem ganzrandigen zum gesägten Blatte viel leichter, als aus einer Blattscheide zu einem eingesenkten Blattstiele, wo die Wendung aller Gefäfsbündel im Umfange des Stammes nach einer Seite erfordert wird, um den Suel zu bilden. Eben so kann die Verlängerung eines oder mehrerer Blu- menblätier vor den übrigen viel leichter geschehen, als die Verwand- lung einer Blüte mit unten stehenden Fruchtknoten in eine andere mit dem Fruchtknoten in der Mitte. Mit Recht hat man das Kennzeichen, ob der Embryo aufrecht oder verkehrt im Samen liege, der Gestalt der Frucht und des Samens zu den höhern Abtheilungen weit vorge- zogen, weil viele Aenderungen nöthig sind, um aus der aufrechten Lage eine verkehrte zu machen. Ob die Pflanzen mit einem oder zwei Blät- tern keimen, könnte nur ein sehr untergeordnetes Kennzeichen, höchstens nur zur Unterscheidung der Gattungen geben, aber der ganze Bau des monokotyledonen Embryo ist so sehr von dem Baue des dikotyledonen verschieden, dafs man dieses Kennzeichen mit Recht an die Spitze aller Abtheilungen gestellt hat. Der Uebergang aus einer Gestalt in die andere kann als Entwicke- lungsstufe angeschen werden. Denn in jeder Verschiedenheit kann man ein Mehr oder Weniger finden, und in jeder Verschiedenheit zweier Gestalten folglich einen Schritt zur gröfsern Entwickelung. So erhe- ben wir uns auch in der Betrachtung dieser Gegenstände, und entfer- nen uns immer mehr von dem dürren Namenverzeichnifs der Natur- körper, welches, obwohl nothwendig für andere Zwecke, doch niemals als sein eigener zu betrachten ist. Das System wird auf diese Weise eine Entwickelungslehre, und die Entwickelungslehre führt uns auf die Entstehung des Gegenstandes, welche zu kennen der höchste Zweck der Wissenschaft ist. Aber es ist nicht nothwendig, dafs alle Theile eines und desselben Naturkörpers auf einer und derselben Stufe der Entwickelung stehen, sondern ein Theil kann weiter fortgerückt seyn, als der andere. Wir Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 149 sehen Pflanzen mit Schmetterlingsblüten, deren Blätter höchst unent- wickelt sind; wir sehen Acacien mit höchst zusammengesetzten Blättern, deren Blüten sehr einfach sind. Es entsteht nun die Frage: Wie ver- halten sich die Theile zu einander nach den Stufen ihrer Entwickelung, und giebt es Gesetze, welche diese Verhältnisse aussprechen? In einer Abhandlung über diesen Gegenstand (Abhandlungen der Königl. Akadem. d. Wissensch. v. J. 1822-1823. 8. 157.) habe ich folgende Gesetze fest- gestellt: 1) Indem ein Theil auf derselben Stufe der Entwickelung stehen bleibt, gehen alle andere für sich ihre Reihen der Entwickelung durch. Es ist das Centrifugalgesetz der Bildungen. 2) Befinden sich alle Theile auf ähnlichen Stufen der Entwickelung, so kommen diese Gestalten häufig vor, und sind nur in geringen Abweichungen von einander verschieden. 3) Befinden sich aber die Theile auf verschiedenen Stufen der Ent- wickelung, so kommen solche Gestalten nicht allein seltener vor, sondern ein Theil hat auf den andern Einflufs, so dafs die Ent- wickelungsstufen der Theile dadurch einander genähert werden. Es ist das Centripetalgesetz der Bildungen. Die Verwandschaften der Pflanzen stellen also nicht eine einfache Reihe vor, oder einen Kreis, oder eine Ellipse, oder auch einen Stamm, eine Wurzel, sondern eine Reihe von veränderlichen Gröfsen. Man be- zeichne die Hauptiheile der Pflanzen mit a, 2, c,d, e u.s.w. Man bestimme für jeden Theil die Entwickelungssiufen a, a', a", a", a“ und 2, 2‘, b" u.s.w., so wird sich jede Pflanze nach ihrer Verwand- v b) a ’ schaft, oder ihrer Stelle im natürlichen System ausdrücken lassen, wenn man alle Glieder der Reihe, jedes auf seiner gehörigen Stufe beständig setzt. Es bedeute a den Stamm oder vielmehr die Gestalt des Stam- mes, b eben so das Blatt, c den Blütenstand, d die Blüte, e die Frucht. Nun läfst sich ein Gras überhaupt folgendermafsen ausdrücken =a-+b +c’"+d-+e indem die Gestalten aller Theile sehr einfach sind, und nur der Blüthenstand sich veränderlich zeigt, auf dieselbe Weise, wie an andern Gewächsen. Für ein bestimmtes Gras müfste nun noch die- ser Blütenstand, als eine höchst einfache Aehre c, wie an Monerma, oder als mehr zusammengeseizte c', wie an Zriticum u.s w. bestimmt 150 Lınk werden. Eine Orchidee würde sich durch «+2'’+c'+d" re" aus- drücken lassen, da die Blüte als Lippenblüte einen bedeutenden Grad von Ausbildung erreicht hat, und eben so die Frucht als dreifächerigte vielsamige Kapsel. Es giebt in der Natur gar selten scharfe Abschnitte zwischen den Gestaltungen, daher wird es oft nöthig seyn, die Mittel- stufe zu bezeichnen, welches sich durch a”', a'=", a"="" u.s. w., oder genauer a<', a"”" u.s.f. ausdrücken läfsı. Wenn ein Glied mit 2° bezeichnet in der Reihe vorkommt, so würde dieses bedeuten, dafs der Theil zwar fehle, der Ort dafür aber vorhanden sei. Eine solche Reihe bezeichnet die natürliche Stelle eines Gewächses nur in Rücksicht auf eine bestimmte Klasse, Ordnung oder Unterord- nung. Der Ausdruck a’ als beständig für eine höhere Ordnung, kann innerhalb der Grenzen von a" für eine niedere Ordnung veränderlich seyn. Es ist eine geringere Veränderung, der Uebergang aus einer in die andere ist leichter möglich, und eben darum auch die Gestaltung mehr für eine niedere Ordnung bestiimmend. Eben so ist es mit den Theilen selbst. Für eine höhere Ordnung müssen a, b, c, d, e Theile bedeuten, welche für eine niedere Ordnung in kleinere zerfallen, und folglich mufs die Zahl der Glieder vermehrt werden, wenn die Reihe für eine Unterordnung gelten soll. So verwandeln wir die Reihen für höhere Ordnungen in Reihen für niedere, wenn wir sowohl die Theile, oder die Gröfsen selbst als ihre Exponenten in kleinere zerlegen. Nicht alle Verbindungen können wir in der Natur nachweisen, sondern wir treffen auf manche Lücken, welche vielleicht in der Zu- kunft ausgefüllt werden möchten, vielleicht in einer Vorwelt ausgefüllt waren, und in einer Nachwelt seyn werden. Jene Formeln machen uns aufmerksam auf die Lücken, und lehren uns einigermafsen im Voraus die Formen zu bestimmen, welche noch könnten entdeckt werden. Einige Veränderungen leiden jene Reihen durch das dritte Gesetz, welches verursacht, dafs die Glieder der Besiimmungsreihe von einander abhängig sind. So ist z.B. d"" nicht einerlei in der Reihe, welche mit a‘ anfängt, und in der-Reihe, welche mit a" anfängt. So haben die Orchideen eine Lippenblume, aber sie ist doch anders gebildet, als die Lippenblume der Labiaten. Um jedoch die Vergleichung nicht zu verlieren, ist es durchaus nothwendig, Theile und Gestalten nach Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 151 der Analogie zu benennen, und ihnen nicht nach den verschiedenen Ordnungen verschiedene Namen zu geben. Es ist sehr zu tadeln, wenn man den Stamm der Gräser nicht caulis sondern culmus nennt, und wenn gar Hedwig für den Stamm der Moose einen besondern Namen surculus ersinnt. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, warum man den Früchten der Lichenen einen andern Namen giebt, als den Früch- ten der Pilze. So hat man oft mit Unrecht auf Nebenbesiimmungen gesehen, indem man die Kunstwörter in der Wissenschaft bestimmte, und der vielblättrigen Blume den Namen einer corolla labiata versagt, da es doch nur auf die Gestalt überhaupt ankam. Am unrechten Orte hat man hier oft zu grofse Genauigkeit angewandt, und bei dem Blicke auf das Einzelne den Blick auf das Ganze verloren. Da wo es der allge- meinen Bestimmungen bedarf, müssen auch solche angewendet werden, und wo sie nicht vorhanden oder übersehen sind, mufs man sie her- vorheben oder machen. Das zweite Gesetz hat nicht sowohl Einflufs auf die phytologische Bestimmung der natürlichen Ordnung durch jene Reihen, als auf die Technik des natürlichen Systems, wie es gewöhnlich zusammengestellt wird. Man fand, dafs solche Ordnungen, welche man allgemein für natürlich erkennt, sehr viele Gattungen und Arten haben; es sind näm- lich solche, wo alle Theile des Gewächses auf derselben Stufe der Ent- wickelung stehen. Nun forderte man aber durchaus im ganzen Ge- wächsreiche solche gleichsam gerundete natürliche Ordnungen, und um diese hervorzubringen, rechnete man einzeln stehende Gattungen den schon bestehenden Ordnungen an, wenn sie gleich in vielen Stücken nicht damit übereinkamen; so wurde Eryngium eine Umbellate, Cassia eine Leguminose u.s. w. Ja sehr oft erklärte man geradezu, dafs man die Gattung vorläufig nur zu einer schon bestehenden Ordnung bringe, indem man hoffe, dafs daraus eine natürliche Ordnung erwachsen werde, wenn man noch mehr Arten kennen lerne. Diese Hoflinung ist aller- dings hier und da erfüllt worden; so sind die Gattungen Cueullaria und Qualea, jede aus ein oder zwei Arten bestehend, bereits zu einer ziem- lich ansehnlichen natürlichen Ordnung herangewachsen. Aber wenn die- ses auch hin und wieder geschieht, so mehren sich doch zugleich die 152 LIısk e Arten der gröfsern Ordnungen so sehr, dafs im Grunde dasselbe Ver- hältnifs bleibt, wenn es auch nicht mehr so auffallend ist, als vorher. Dieses Bestreben nach gerundeten natürlichen Ordnungen, dieses Anreihen der Mittelgattungen oder einzeln stehenden Gattungen an schon bestehende Ordnungen ist nicht ganz zu tadeln, und durch alles Ta- deln wird man es doch nicht verbannen. Denn die Art tritt individuell auf, und da sich auf Kenninifs der Arten alle Kenntnifs der höhern Abtheilungen gründet, so verlangt man diese Individualität überall. Darum will man keine Mittelgattungen, keine einzeln stehende von un- gewisser Stellung, sondern man verlangt Ordnungen, welche aus meh- reren Gattungen und Arten bestehen, wie die Art nur vorhanden ist, wenn sich mehrere Individuen zu derselben finden. Wir mögen daher die natürlichen Ordnungen beibehalten, ja die ganze Technik des natürlichen Systems, nur wollen wir jeder natür- lichen Ordnung die gehörige Bestimmungsreihe vorsetzen. Pflanzen, welche mit der Bestimmungsreihe ganz überein kommen, sind kabitus genuini, angehörende; Pflanzen, welche in einem oder dem andern Stücke abweichen, sind habitus deliquescentis, oder angenommene. So ist Eryngium eine angenommene Gattung in der Ordnung der Dolden- gewächse, Cassia in der Ordnung der Leguminosen u.s.w. Es sind solche Pflanzen, bei denen einzelne Glieder der Bestimmungsreihe, welche sonst für die ganze Ordnung beständig sind, veränderlich werden. Wir mögen ferner auch diejenigen natürlichen Ordnungen beibehalten, welche nach einem oder einigen wenigen Theilen gebildet sind, ohne dafs man auf alle übrigen Rücksicht genommen, wie dieses eigentlich mit den Leguminosen der Fall ist, wo man nur auf die Hülse (Zegumen) sieht, und gar nicht auf die Blume, wie bei der Sippschaft der Mimosen, bei der Ceratonia Siligua u.a., oder gar nicht auf die Blätter, wie bei vie- len Neuholländischen Pflanzen, Platylobium u. dgl. Hier ist nur ein Glied der Bestimmungsreihe beständig, alle anderen sind veränderlich. Eben so mögen wir auch die natürlichen Ordnungen beibehalten, für welche sich kein einziges bestimmtes Kennzeichen angeben läfst, sondern viele kleine Kennzeichen den Charakter der Ordnung bilden, wie dieses mit den Urticeae der Fall ist. Hier sind alle Glieder der Bestimmungs- Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 153 reihe veränderlich. Aber ihre Veränderungen sind innerhalb bestimm- ter Gränzen eingeschlossen, oder schwankend zwischen zwei nahe gele- genen Grenzen. Endlich mufs man wohl Rücksicht darauf nehmen, dafs man manche natürliche Ordnungen zum ersten Range erhoben hat, welche nur in einem unteren Range stehen sollten. So hat Brown mit Recht gesagt, dafs verschiedene kleine natürliche Ordnungen wie sie Jussieu in den Monokotyledonen angenommen, oder wie er selbst sie bestimmt hat, eigentlich in eine, die Ziliaceae, sollten zusammengestellt werden. Die Bestimmungsreihe für jene natürliche Ordnungen kann nur eine niedere seyn, als für die Ziliaceae. Soll die Ordnung der Natur sich deutlich darstellen, so ist es nöthig, nicht allein die Besimmungsreihe beständig vor Augen zu ha- ben, sondern auch in ihr die Reihe der Zeichen unverändert zu be- halten. Oder mit andern Worten: Wir werden das wahre natürliche System nie kennen lernen, so lange man die Kennzeichen nach Will- kühr bald von diesem, bald von jenem Theile nimmt, und viele ganz als ohne Bedeutung verwirft. Es ist nothwendig, alle Theile durchzu- gehen, und zwar nach der Ordnung durchzugehen, zu bestimmen, ob sie veränderlich oder beständig sind, auch die Gränzen innerhalb welcher die Veränderlichkeit fällt. Es kann oft vorkommen, ja es ist sogar noth- wendig, dafs eine Art oder Gattung in mehreren natürlichen Ordnungen oder Abtheilungen aufgeführt werde, wenn die Gestaltung zwischen zwei Stufen fälll. Ueberhaupt wird man davon abgehen, eine Reihe sowohl der Ordnungen selbst, als der Familien und Gattungen heraus- zwingen zu wollen, welche den Gesetzen der natürlichen Verbindungen ganz widerspricht; ein altes Andenken an die Idee von einer Leiter der Natur. Nach diesen Grundsätzen wollen wir nun zu den Eintheilungen selbst fortgehen. Es ist nicht genug, bei den allgemeinen Abtheilungen stehen zu bleiben, sondern wir müssen wenigstens bis zu den Gattun- gen selbst herabsteigen, um die Gliederung eines solchen Systems be- merklich zu machen. Eine solche Darstellung kann aber nicht der Ge- genstand einer einzelnen Abhandlung seyn, dafür ist der Umfang des Pflanzenreiches viel zu grofs; wir wollen also nur den Anfang des Sy- stems liefern, und in der Fortsetzung gelegentlich weiter gehen. Ein 5 Phys. Klasse 1824. U 154 Lınk System, welches auf die Entwicklungsstufen des Pflanzensystems ge- gründet ist, mufs von dem Einfachen anfangen, und von diesem nach und nach zum Zusammengesetzten fortschreiten. Die fünf Klassen, in welche die Pflanzen nach ihren Entwick- lungsstufen einzutheilen sind, habe ich bereits in der Abhandlung über die natürlichen Ordnungen der Gewächse (s. Abhandl. für 1822-1823) angegeben. Cl. I. Cryptophyta. Wurzel, Stamm und Blätter sind nicht von einander getrennt. Wurzel, Stamm und Blätter sind in einen Theil übergegangen, den wir, sofern er zur weitern Verbreitung der Pflanze dient, mit Acharius, thallus und deutsch Sprofstheil nennen wollen. Doch hat Acharius das Wort nur auf die Lichenen angewandt. Das Wesentliche des Sprofstheiles, welches jener Schriftsteller übersah, besteht darin, dafs die Pflanze durch ihn fortwächst, oder Sprossen treibt. Ich habe die- sen Begriff von thallus in Element. Philos. botan. Berol. 1824. p. 196. festgesetzt. Die Zellen des Zellgewebes sind klein, rundlich, unregelmäfsig neben einander gelegt oder zusammengehäuft. Sie bilden dadurch Mem- branen oder zusammengesetzte rundliche Haufen. Aufser diesen Zell- geweben, giebt es auch noch lange Zellen oder Faserzellen, welche ent- weder Röhren ohne Querwände, oder auch Röhren mit Querwänden dar- stellen. Sie sind entweder einfach oder verästelt, und stellen den Ueber- gang von der Zelle zum Fasergefäfs vor. Endlich giebt es noch Zel- len von verschiedener Gröfse einzeln zwischen den Faserzellen zerstreut, und in einigen seltenen Fällen besteht die ganze Pflanze aus solchen grofsen Zellen (Phallus). Es scheint als ob die Natur auf diesem zu einfachen Wege nicht weiter konnte, und daher bald in ihren Bildun- gen stehen blieb. Es ergeben sich daraus für die innere Bildung folgende Entwick- lungsstufen. 1. Der Sprofstheil fehlt ganz und gar. Zwischen Fehlen und Fehlen ist aber ein grofser Unterschied. Oft fehlt ein Theil so, dafs auch nicht ein analoger Theil dafür vorhanden ist, welches ich (Zlem. Phi. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 155 bot. p.64.) carere genannt habe. Deutsch mag es Fehlen heifsen. So fehlen den Kryptophyten die Blätter. Oder ein Theil fehlt so, dafs die analoge Stelle dafür sogleich erkannt wird, welches ich (das.) deficere genannt habe, und welches man deutsch Mangeln nennen kann. So mangelt die Blumenkrone in Alchemilla. Alles Fehlen macht ein Haupt- kennzeichen, aller Mangel ist unbedeutend. Hier tritt der Mangel nur in Rücksicht auf die unterste Bildungsstufe ein und fällt mit ihr zu- sammen, welches aber keinesweges im Pflanzenreiche immer der Fall ist. Wir treffen diesen Mangel nur bei den Pilzen an. Die unterste Bildung in Rücksicht auf die Structur ist, wo der Sprofstheil ganz und gar aus einfachen oder ästigen Röhren besteht, mit oder ohne Querwände. Wir wollen diesen Sprofstheil, den flocki- gen nennen. Die Röhren sind von einander gesondert, oder auch mit einander verwebt und verflochten. Diese Bildung ist der Uebergang aus der Zelle zum Fasergefäls, welches auf eine doppelte Weise ge- schehen ist; die Zellen haben sich nämlich an einander gereiht, wo- durch Querwände entstanden sind, oder die Zellen haben sich verlän- gert, und in eine Röhre ohne Querwand verwandelt. Die Pflanze ist hier gleichsam in ihre Gefäfse aufgelöset, und das, was in andern Ge- wächsen innerlich war, ist hier äufserlich geworden. Die Röhre, wie überhaupt die Bildung mit Querwänden steht auf einer untern Stufe, als da wo die Querwand völlig verschwunden und die Bildung gelun- gen ist, der Sprofstheil der Schimmel giebt ein Muster von dieser Bil- dungsstufe. 2. Der Sprofstheil besteht aus einfachen gewundenen Fasern, welche ganz gefüllte Röhren oder dichte Fäden zu seyn scheinen. Ich finde solche Röhren oder Fasern in Spongia lacustris. Es ist immer schwer zu sagen, ob ein zarter Theil hohl sei oder nicht; hier spricht die Dicke und Gleichförmigkeit des einzelnen Fadens dafür dafs er dicht ist. 3. Der Sprofstheil besteht aus Bündelweise zusammenliegenden, geraden, einander durchkreuzenden Röhren. Coenogonium. Ein eige- ner, sonderbarer Bau. 4. Der Sprofstheil hat ein gleichförmiges Innere, nämlich in Rücksicht auf seine Structur und die einfachen Theile (partes similares) woraus er besteht. Es ist hier nicht von Keimkörnern, Fruchtbehältern, U2 156 Lınk Gliederungen u. dgl. die Rede, wodurch allerdings ein Gewächs in sei- nem Innern sehr ungleichförmig werden kann, sondern nur von den Zellen, Fasergefäfsen, Membranen, woraus die Pflanze zusammengesetzt ist. Viele Algen. 5. Der Sprofstheil besteht aus kleinen Zellen, welche mehr oder weniger rundliche Haufen bilden. Diese Haufen stellen Keimkörner oder Knospen (Gemmen) vor. Lichenes crustacei. 6. Die Hauptstufe der Bildung ist wo der Ueberzug aus kleinen rundlichen Zellen, die Mitte hingegen aus langen Faserzellen besteht. Dieser Bau ist dem Baue der vollkommenen Pflanzen analog, indem die kleinen Zellen im Umfange die Rinde, die Faserzellen in der Mitte das Holz vorstellen. Doch aber leidet er manche Verschiedenheiten. .Die Faserzellen welche meistens einfach, seltner ästig sind, auch öfter keine Querwände haben, zeigen sich zuweilen ganz trocken, so dafs sie Haaren oder Baumwolle gleichen, wie in den Lichenen, zuweilen gallertartig, wie in den Tangarten. Es mangeln zuweilen die Faserzellen, wie in Gyro- & auf den untern Sei- 5 ten, wie in manchen Lichenen. Der äufsere Ueberzug besteht auch phora, oder es mangelt der rundzellige Ueberzu wohl aus gallertariigen Zellen, und nimmt den ganzen Sprofstheil ein, bis auf wenige, zerstreute, oft kleine Faserzellen, wie in Collema. Sehr selten finden sich neben den verfilzten Faserzellen noch andere in ein Bündel aus gleichlaufenden Fasern zusammengelegt wie in Usnea. Diese innere Bildung nennen wir Structur, und bezeichnen sie mit St., also die Stufen mit 1$t., 2$t. u.s. w. Der Bequemlichkeit wegen wollen wir die Zahlen vor, nicht oben an das Zeichen setzen, wie vorhin geschehen ist, obgleich der Ausdruck der Stufenfolge durch Exponenten naturgemäfser seyn möchte, als durch Coeffieienten. Zwar haben die Kryptophyten keine wahre Wurzel, aber viele derselben wurzeln doch im Boden, und oft besitzen sie daher einen oder mehrere Theile, welche man Wurzel nennen kann. Wenn wir also die äufsere Gestalt dieser Gewächse bestimmen wollen, müssen wir zu- erst von der Wurzel reden. Einigen fehlt die Wurzel ganz und gar, und diese verhalten sich auf eine doppelte Art. Die Wurzel = R. fehlt ihnen 1) weil der Sprofstheil überall wurzeln kann, oder weil er durchaus Wurzel ist wie der flockige. In diesem Falle nimmt der Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 157 Sprofstheil auch zuweilen die Form der Wurzeln an, wie sie sich an den vollkommenen Pflanzen finden; eine Bildung, welche zwar selten aber doch an einigen Pilzen vorkommt. Oder die Wurzel fehlt auch, weil 2) die Pflanze gar nicht wurzelt. Dieses findet bei einigen Wasserge- wächsen statt, selten auch bei einigen Gewächsen, welche lose auf der Erde liegen oder unter der Erde sich befinden. Oder die Pflanzen wur- zeln 3) mit der ganzen untern Fläche ohne besondere Theile. Die Theile wodurch diese Pflanzen wurzeln, sind 4) Warzen oder Verlän- gerungen. Endlich befindet sich an einigen 5) eine schildförmige Wurzel. Die drei letzten Wurzelungen sehen wir an den Lichenen. Die Gestalt des Sprofstheils = F erscheint 1) unbestimmt, so dafs von ihm etwas genommen oder ihm hinzugesetzt werden kann, ohne die Gestalt im Wesentlichen zu ändern, wie der flockige Sprofstheil der Pilze. Sie ist ferner 2) ganz rundlich; die unentwickelte Gestalt des Samens darstellend, wie bei den Nostochien. Oder sie zeigt sich 3) aus mehreren Individuen zusammengesetzt; eine Näherung zur unbestimmten Gestalt, z.B. die Zusammensetzung des Lichenenkörpers. Hat sich nun der Sprofstheil vollkommen zur Individualität ausgebildet, so erscheint er 4) artkulirt, aus mehreren Stücken bestehend, als Uebergang zur zu- sammengeseizten Gestalt, wie wir es an vielen Algen sehen, oder nicht artikulirt, und dann 5) mehr in die Breite ausgedehnt, blattartiig, oder 6) mehr ir die Länge ausgedehnt, eigentlich stammartig. Beide Gestal- tungen kommen in der Ordnung der Algen vor. Nach dem Sprofstheile kommt der Fruchttheil zur Untersuchung. Die Kryptophyten haben zweierlei Fruchtheile, wodurch sie sich fort- pflanzen. Die ersten sind die Keimkörner (sporonia, sporonulae) ; Kör- ner, welche durch die ganze Substanz des Gewächses verbreitet sind, und auf der Oberfläche überall, oder nur an einigen Stellen hervortre- ten. Diese Keimkörner habe ich an vielen Pilzen schon früher beob- achtet, und zwar mit den wahren Fruchtbehältern zugleich, aber ihnen keinen besondern Namen gegeben; auch schliefse ich nur analogisch, dafs die Pflanze durch sie vermehrt wird. In den Algen hat sie Vaucher als die Samen seiner Gattung Polyspermes angegeben, aber ebenfalls nicht von den Fruchtbehältern geschieden. Hedwig sah sie als die männlichen Geschlechtstheile der Lichenen an. Cassini säete sie aus, 158 Lıwm x und erhielt daraus junge Pflanzen, eine Beobachtung, welche durch die wiederholten und genauen Versuche von G.F. W. Meyer nicht allein bestätigt; sondern auch vollkommner dargestellt ist. Es scheint, dafs die Keimkörner den Gemmen anderer Pflanzen ähnlich sind, und also das Individuum fortsetzen, da hingegen die Körner in den Fruchtbehältern dem Stamm analog scheinen und nur die Art fortsetzen mögen. Die Ver- mehrung durch Keimkörner, als allen Kryptophyten eigen, und nur we- nig Verschiedenheiten zeigend, denn die Entwicklung an der Oberfläche nähert sich nur einer bestimmten, tritt also nicht in die Reihe der Bil- dungsstufen ein, ausgenommen wenn der Fruchtbehälter fehlt. Die Reihe der Bildungen für die Kryptophyten geht von einem doppelten Ursprunge aus; entweder von dem Sprofstheile oder dem Fruchttheile. In der Gattung Sporotrichum sehen wir nur den flocki- gen Sprofstheil, oft ungeheuer ausgebreitet, und Keimkörner; in der Gattung Caeoma dagegen nur Fruchtbehälter und eine Andeutung vom Sprofstheil in dem Flecken des Blattes, worauf sich der Brand entwik- kelt. Von beiden Seiten treffen die Formen zusammen; der Fruchtbe- hälter bildet sich mehr aus, und fängt sogar an, selbst, unabhängig von dem Sprofstheile, welcher zugleich vorhanden ist, zu wurzeln und wur- zelähnliche Theile zu bilden, wie wir an einigen Arten von Jgaricus deutlich sehen; der Sprofstheil bildet sich ebenfalls aus und verwandelt sich in einen Theil, welcher die Pflanze nicht mehr durch Fortwachsen und Entwickeln neuer Theile vermehrt und vergröfsert, aus Faserzellen besteht mit rundlichen Zellen verwebt, der Frucht zwar zur Unter- stützung dient, aber doch von ihr gesondert ist. Diesen letzten Theil hat man Stroma, Unterlage genannt, und man sieht ihn an vielen Pilzen von gar verschiedener Gestalt. Das Schwanken der Gestaltung zwischen Fruchtbehälter und Sprofstheil mag die erste Stufe des Fruchtstandes seyn, welchen wir als analog dem Blütenstande, oder der Inflorescenz mit J bezeichnen wollen. Dann folgt 2) die Gestaltung wo der Frucht- behälter in dem Sprofstheile seine Entwicklung nicht allein beginnt, son- dern sie auch vollendet, und nun die Samen auswirft, wie es mit vielen Algen der Fall ist. Endlich 3) die Gestalt, wo der Fruchtbehälter inner- halb des Sprofstheiles die Entwicklung zwar anfängt aber nicht beendet, sondern ganz äufserlich wird, und auf der Oberfläche hervortritt. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 159 Da keine männliche Geschlechtstheile zu finden sind, da beim Kei- men auch die Fruchtkörner sich gerade zu verlängern, ohne irgend eine Umhüllung abzuwerfen, so bleibt es zweifelhaft ob man diese Frucht- körner Samen oder wie die Keimkörner Gemmen nennen soll. Ich habe ihnen daher den Namen sporae, Fruchtkörner, nicht Samen, gegeben, und dem Theile worin sie eingeschlossen, oder welchem sie zunächst an- geheftet sind, den Namen Fruchtbehälter (sporangium) = Sp. Er fehlt zuerst oft gänzlich, und an der Stelle der Fruchtkörner pflanzen Keim- körner die Pflanze fort. Wenn die Fruchtkörner 2) ganz nackt sind, so kann man nicht immer mit Sicherheit bestimmen, ob das einzelne Korn wirklich nur eine spora oder schon ein sporangium ist, und dann nenne ich das Fruchtkorn ein sporidium, eine sporidia. Zuweilen 3) lie- gen die Fruchtkörner innerhalb des Sprofstheils oder des stroma zer- streut, und nur durch ihre Gröfse von den Keimkörnern verschieden, wie in den Tremellen. Die Fruchtkörner befinden sich 4) an oder in dem Fruchtbehälter zusammengehäuft; sie sind 5) in längliche Schläuche (thecae) eingeschlossen, und diese wiederum in einem Fruchtbehälter verborgen, oder diese Schläuche überziehen 6) den Fruchtbehälter auf seiner äufsern Fläche. Unter Nr. 4 gehören auch die Formen, wenn in einem Fruchtbehälter mehrere kleinere, und in diesem erst die Frucht- körner befindlich sind, so wie unter Nr. 5 und 6 die Formen gehören, wo in einem Schlauche mehrere kleine sind. Nachdem wir nun die Theile der Kryptophyten nach ihren Ent- wicklungsstufen durchgegangen sind, wollen wir die Verknüpfungen der- selben aufsuchen. Wir haben zuerst: 1$. #IR+1F+1J +15. in einer Schimmelgattung, welche ich Sporotrichum genannt habe. Setzen wir zuerst das letzte Glied veränderlich, so kommen die ersten Glieder mit 2.$p. in den Schimmelgattungen Botrytis, Aspergillus u.s. w. vor; mit 3,5p. in Tremella; mit 4 Sp. in Zycoperdon u.s. w.; mit 5. Sp. in Sphaeria ; mit 6. Sp. in Agaricus u.s.w. Nur 1J erscheint zuweilen als 3J oder 5J aber höhere Formen von R und F kommen nicht vor. Kurz wir haben die Bezeichnung 1 St. +1R-+1F + 1.3.5 +.x5p. für die Pilze. Dieses giebt eine wohl gesonderte, und daher als sehr na- türlich erscheinende Ordnung. 160 Lınk 15. #HAR+F+3J + 45p. ist Spongia lacustris. Ich habe daran deutliche Fruchtbehälter und zwar in Menge gefunden, auch von bedeutender Gröfse fast wie ein Hirsekorn, von Panicum germanicum, grofs. Die Schale des Behälters (peridium) ist ziemlich dick, aber zer- brechlich, von braunrother Farbe, und hält eine Menge loser Frucht- körner eingeschlossen. Es ist sehr wahrscheinlich, dafs in der Gattung Spongia noch andere Verknüpfungen vorkommen, deren Untersuchung sehr zu wünschen wäre. Spongia lacustris gehört dem Thierreiche viel weniger an, als manche Algen. 385. +3 R+3F+3J + 6Sp. ist das sonderbare Coenogonium. Wahrscheinlich giebt es in den Tropenländern noch andere Verknüpfun- gen mit diesem merkwürdigen Sprofstheile. 4 St. oder die inwendig gleichförmige Swuctur ist auf mannigfaltige Weise verknüpft. Sie kommt vor ohne Wurzel und mit einer Wurzel, besonders mit einer schildförmigen, mit einem ganz runden, blattförmi- gen und stammförmigen Sprofstheile, mit Fruchtbehältern, welche in- nerlich bleiben oder auf die Oberfläche treten, und endlich mit Frucht- behältern von verschiedenem Baue, doch nicht mit den höhern, ausge- bildeten Formen derselben. Wir rechnen alle diese Gestaltungen zu den Algen. Doch sind Fälle, in welchen sie sich schwer von den Pil- zen unterscheiden lassen, und Bystus Jolithus ist bald in diese bald in jene Ordnung gebracht worden. Man kann nicht deutlich sehen, ob die Fäden hohl oder gefüllt sind; im erstern Falle wären diese Gewächse unbezweifelt Pilze, aber sie scheinen der Färbung wegen vielmehr ge- füllt. Die Fäden derselben schen allerdings aus, wie die aufrecht ste- henden Fäden der Schimmelarten, aber die Keimkörner bleiben inner- lich, und werden innerlich entwickelt und ausgeworfen, da sie hinge- gen in den Schimmelarten sich äufserlich sammlen. Daher möchte ich sie zu den Algen rechnen. Aber Byssocladium, welches die Algologen zu den Algen bringen. ist unbezweifelt ein Pilz, weil es die oben ange- gebnen Kennzeichen der Pilze hat. Eine sonderhare Form, zu diesen Reihen gehörig, finden wir an den Nostochien. Das Gewächs ist eine gallertartige, innerlich gleichför- mige Kugel, in welcher Faserzellen sich befinden, durch häufige Quer- Entwurf eines phyiologischen Pflanzensystems. 161 wände so abgetheilt, dafs sie Reihen von rundlichen Zellen scheinen. In diesen Faserzellen entwickeln sich Keimkörner und schwellen oft so sehr an, dafs man sie für Fruchtkörner halten möchte. Die umgebende Gallerte schwindet nach und nach in dem Uebergange der Formen, und Batrachospermum ist das Innere der Nostochien für sich ausgebildet, und nur noch mit einem schlüpfrigen Ueberzuge versehen. Die inwendig gleichförmige Bildung kann zuweilen nur so erschei- nen, weil die gallertartigen Faserzellen sich nicht völlig entwickelt haben. Sie geht also zu der letzten Bildung über und die Tangarten folgen auch in der Reihe der Algen. 5 St. oder der durchaus rundzellige Sprofstheil, welcher Gemmen darstellt, und die krustenförmigen Lichenen scharf bezeichnet, wurzelt immer nur mit der untern Fläche, hat eine unbestimmte Form und äufserliche Fruchthebälter (3 J), wenn sie auch innerlich scheinen, denn immer zeigt sich eine entsprechende Oeffnung in dem Ueberzuge des Sprofstheils. Nur der Bau der Fruchtbehälter ist verschieden und = x Sp. zu setzen wie in den Pilzen. Wir würden also hier wieder eine ausge- zeichnete natürliche Ordnung haben, wenn nicht die Kruste der Liche- nen sich in einen blattartigen Sprofstheil wirklich verwandelte und auch sonst auf mannichfaltige Weise dahin überginge. Die höchste Form 6 St. des Sprofstheils, welche den vollkomm- nen Pflanzen am nächsten steht, vereinigt sich nicht mit den niedri- gen Stufen der Wurzelung und der Gestalt des Sprofstheiles, auch nicht mit der untersten Stufe des Fruchtstandes, sonst aber mit allen andern Gestaltungen. Die Gewächse, welche einen solchen Sprofstheil haben, rechnen wir bald zu den Algen, bald zu den Lichenen. Wir sehen also hieraus, dafs eine scharfe Trennung zwischen diesen beiden natürlichen Ordnungen nicht vorhanden ist, und dafs Linne Recht hatte, wenn er sie vereinigte. Aber die Zahl der Gattungen und Arten ist für eine natürliche Ord- nung zu grofs, und umgekehrt ist die Zahl der natürlichen Abtheilungen zu grofs, wenn man sie alle trennen wollte. Wir wollen also nach der Bequemlichkeit verfahren, und die natürliche Ordnung der Lichenen herausziehen, die übrigen aber unter dem Namen der Algen vereinigt lassen. Die Ordnung der Lichenen wird bestimmt durch den krusten- Phys. Klasse 1824. X 162 LınK&K artigen oder vielmehr gemmenartigen Sprolstheil 5 52. und denjenigen, worein er übergeht. Dieses ist der Sprofstheil mit trocknen haarförmi- gen Faserzellen im Innern, den wir kurz den blattartigen nennen wollen. Hieran schliefsen sich der Achnlichkeit wegen die Gyrophoren, denen die Faserzellen im Innern nur mangeln, und Collema, an denen die Faserzellen, durch die gallertartige zellige Umgebung von einander ge- trennt und entfernt sind. Auch mag man Coenogonium wegen der Aehn- lichkeit der Fruchtbehälter mit den Fruchtbehältern der Parmelien hier- her rechnen. Eine richtige Einsicht von der Verwandschaft der Algen und Liche- nen, so wie der Kryptophyten überhaupt, wird man nie erhalten, wenn man die Aehnlichkeiten nicht systematisch entwickelt, wenn man den Blick unbestimmt auf der Mannichfaltigkeit der Erscheinungen umher- schweifen läfst, und nach Willkühr die Ordnungen vereinigt und trennt. Und wenn man auch Willkühr anwendet, so mufs man nur wissen dafs es Willkühr ist, welche man angewendet hat. Man trenne immerhin die Lichenen von den Tangarten, wenn man nur weils, dafs der Tang ein unter das Wasser gesetzter Lichen ist, in welchem die trocknen Fa- serzellen zur gallertariigen Form aufgeweicht sind, und das Wasser die Fruchtbehälter verhindert hat, sich ganz nach aufsen zu kehren und zu entwickeln. Auf die Eintheilungen kommt weniger an, als auf den Schlüssel, welcher uns den Sinn derselben öffnet. O. 1. Fungit. Der Sprofstheil ist flockig oder mangelt ganz und gar. 0’ Die Bedeutung dieser Besimmung, und die Reihe für die Pilze ist in dem Obigen deutlich genug angegeben worden. Es kommt hier also nur auf die Unterabtheilungen an. Der Sprofstheil hat in der gan- zen Ordnung dieselbe Gestalt, und sein Mangel kann keine Kennzeichen geben; es kann also nur das Verhältnifs des Sprofstheiles zum Frucht- theile und dieser selbst in Betrachtung gezogen werden. In Rücksicht auf jenes Verhältnifs befindet sich der Fruchttheil entweder auf dem Sprofstheil oder wird von dem letztern bedeckt, oder er steht neben dem letztern, in welchem Fall der Sprofstheil auch mangelt. Hiernach Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 163 werden drei Unterordnungen bestimmt und zwar: 1. Mucedines, Schim- melpilze; 2. Fuligines, Brandpilze; 3. Mycetes, Schwammpilze. Subordo 1. Mucedines. Schimmelpilze. Der Sprofstheil dieser Pflanzen ist 1) gegliedert, oder an bestimm- ten Stellen mit Scheidewänden versehen, erscheint auch immer hohl und durchsichug, oder er hat 2) keine Scheidewand, erscheint daher auch inwendig oft dicht und undurchsichug. Er geht in dem letzten Falle nicht selten in eine Unterlage (stroma) über. Zwischen beiden Gestal- ten giebt es Uebergänge, wo nämlich die kleinen Fäden oder deren Spitzen nur Scheidewände haben, nicht die grofsen. Wir wollen diese zur zwei- ten Abtheilung rechnen. Diese Gestaltung des Sprofstheils setzen wir —= 4 (artieulatio). In Rücksicht auf die Frucht liegt er 1) entweder ganz nieder, und trägt die Fruchtkörner und Fruchtbehälter überall, oder 2) einzelne Fäden stehen aufrecht um Fruchtkörner oder Frucht- behälter zu halten, oder 3) die Fäden zerfallen durchaus in Frucht- körner. Hieher kann man 4) die Gestaltung bringen, wo die Enden der Fäden sich zusammenballen und dem Anscheine nach Fruchttheile machen. Wir bezeichnen dieses durch St. (situs). Bewrachten wir den Fruchtstand —= F genauer, so finden wir 1) die Fruchtkörner auf dem Sprofstheil zerstreut, an unbestimmten Stellen, oder 2) in der Mitte an- gehäuft, wo nicht selten der Sprofstheil später verschwindet, und eine Trennung vom Fruchttheil und Sprofsiheil anfängt, oder 3) die Früchte befinden sich an der Spitze, seltener an der Seite der Fäden lose zusam- mengehäuft, oder 4) sie sind an den Seiten oder an der Spitze regel- mäfsig gestellt, oder sie stehen 5) auf Fäden, als auf besondern Suelen. Die Früchte selbst —= Sp. sind 1) einfache Körner, 2) doppelte Körner, zwei dicht zusammengestellt oder mit einer Scheidewand, 3) mit An- hängseln versehen, 4) mit mehreren Scheidewänden, 5) in einem Behälter (sporangium) eingeschlossen, 6) nicht allein in einem Behälter, sondern auch innerhalb desselben in Schläuche (asci) eingeschlossen. Habitus genuini, 14 +18. + 1F +15. Die einfachste Form. Sprofstheil mit Scheidewänden , niederlie- gende Flocken, zerstreute einfache Fruchtkörner. Sie entstehen oft x2 164 Lınk& aus eingeschnürten Zellen; zuweilen werden sie wohl als eine Flüssig- keit abgesondert. Sporotrichum, Byssocladium, Alytosporium, Coccotrichum. Die letzte Gattung ist zweifelhaft; die zweite scheint mit der ersten zu vereinigen zu seyn, Capillaria Pers. ist ganz zu verwerfen, so wie seine Hypha und Fibrülarie; sie sind Sprofstheile anderer Pilze. Der Fruchtutheil variirt: + 25p. mit doppelten Fruchtkeimen; Trx- chothecium; + 3 Sp. und + 4 Sp. mangeln; + 5 Sp. Eurotium, mit einem wahren sporangium; + 6Sp. Erysibe, mit einem wahren sporangium und innerhalb Schläuchen. Der Fruchtstand variirt mit dem Fruchtbehälter zugleich. Also +2 F +-\15p. oder in der Mitte gehäufte aber einfache Fruchtkörner: Sepedo- nium, Fusisporium; + 2Sp. und + 3Sp. mangeln ; + 4,5p. Fruchtkörner mit Querwänden, Zpochnium, Bactridium ; die letzte Gattung weicht etwas ab, und nähert sich den Algen; + 55p. und + 6,$p. mangeln. Diese Reihe mit 2F nähert sich schon den Schwammpilzen, deren Fruchtbe- hälter für sich bestehen. + 3 und +4F mangeln und jenes scheint so- gar zu fehlen; + 5 F oder von den Spitzen der Fäden getragene einfache (also 1,99.) Fruchtkörner finden sich nur in cremonium, Vertieillium. Die beiden ersten Glieder dieser Verbindung, der Sprofstheil mit Querwänden und darnieder liegenden Fäden mögen der ersten Familie Byssaceae oder Byssinae zu Kennzeichen dienen. +14+2%S. +#41F+13%p. Der Sprofstheil hat Querwände, wie in der vorigen Familie, aber aufrechte Fäden machen den Anfang zur Suelbildung. In diesem ersten Falle liegen die einfachen Fruchtkörner zerstreut an und zwischen den Fäden. Hierher gehören: Aeladium, Goniosporium, Camptoum, Sporo- phleum, Der Fruchttheil geht in 25p. über, zu doppelten Fruchtkörnern in Polythrincium. 2F mangelt. Aber 3 F an bestimmten Stellen zusammengehäufie Fruchtikörner kommt häufig vor und zwar mit 1 Sp. oder einfachen Körnern in Haplaria, Haploirichum, Botrytis, Polyactis, Aspergillus, Pe- nicillium, Coremium. In der letzien Gattung wickeln sich die Fäden schon zusammen zu einer Unterlage. Doppelte Fruchtkörner (+ 25p.) hat Diplosporium. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 165 4 F wirtelförmig gestellte Fruchtkörner oder Behälter ohne Schei- dewände (15p.) finden sich an Stachylidium, oder 4Sp. mit Scheide- wänden an Dactylium. 5F Fruchtbehälter an den Spitzen der Fäden kommen nur mit 5,$p. wahren Fruchtbehältern vor in Mucor, Sporodinia, Thamnidium, Thelactis, Syzygites, Stlbum, Pilobolus. Die Gauung T’hamnidium hat Keimkörner an den Spitzen der Fäden, oder auf Suelen, Z’helactis hat regelmäfsig gestellte Keime auf den Spitzen der Fäden. An manchen Arten von Sülbum ist der Sprofstheil dicht zur Unterlage verflochten wie an Coremium. Diese Familie, bezeichnet durch den Sprofstheil mit Scheidewänden und die aufrechten Fäden, mag 4spergillaceae oder Aspergileae heilsen. +41+3%. #1F +15. Der Sprofstheil zerfällt ganz und gar in Fruchtkörner. Höhere Formen als die angegebenen scheint der Bau dieser Gewächse nicht zu- zulassen. Man kann nur die Gattung Oidium durch die zarten, weilsen Fäden ihres Sprofsiheils von den Gattungen unterscheiden , welche schwarze, gröbere Fäden haben, nämlich: Tetracolium, Torula, Monilia, Alternaria. Diese durch das Zerfallen des Sprofstheils in Fruchtkörner scharf bezeichnete Familie mag: Oideae heifsen. 24 +18. + 1F + 15p. Der Sprofstheil hat keine Scheidewände, wenigstens nicht durch- aus, sehr oft ist er aber an den Enden der Fäden gegliedert. Auf der einen Seite nähert sich der Sprofstheil einer Unterlage, auf der andern geht er zu den Algen über und ist oft schwer davon zu unterscheiden. Mit niederliegenden Fäden, zerstreuten, einfachen Körnern ist die erste Gestaltung in Acrothamnium, Colletosporium, Gonytrichum, Menispora, Circinotrichum. Aufser diesen kommen noch gegliederte Fruchtkörner (4$p.) in Helieotrichum, Scolieotrichum vor. Die letzte Gattung hat be- sönders Algengesualt. 25. + 1F + 15». Aufrechte Fäden mit zerstreuten, einfachen Fruchtkörnern in: Chloridium, Cladosporium, Oedemium, Mysxotrichum, Campsotrichum, Actinocladium, Conoplea, Coelosporium. In den Gauungen Cladosporium und Oedemium schnürt sich der Sprofstheil an den Spitzen oder hier und da zusammen um Fruchtkörner zu bilden. Myxosporium 166 Lıms«x besteht aus Fruchtkörnern in eine gallertartiige Masse verbunden, zu denen die Unterlage, oder auch der Fruchtbehälter zu fehlen scheint. Coelosporium weicht wegen der hohlscheinenden Fruchtkörner ab. Ge- gliederte Fruchtkömer (45p.) haben: Helicosporium, Arthrinium, Hel- minthosporium. + 2F mangelt. + 3F, Fruchtkörner an der Spitze der Fäden gehäuft, und zwar einfache Fruchtkörner + 15p. kommt in dem son- derbaren Phycomyces vor, dessen Sprofstheil sehr algenartig ist. Aber das Hervortreten der Fruchtkörner auf der äufsern Fläche nähert das Gewächs den Pilzen. 4 F + 15p. Regelmäfsig angewachsene einfache Fruchtkörner finden sich nur an Spondylocladium. Dematium ist eine Gattung, dem Sprofstheile nach, hierher gehörig, aber ohne Früchte. Wir wollen die ganze Familie deren Sprofsiheil nicht gegliedert ist, sonst mit allen Veränderungen des Fruchttheils, die folgende ausgenommen, verbunden, Conopleaceae nennen. 14 +48. #1F + 15p. Ist die sonderbare Form, wo die Enden der Fäden zusammenge- ballt Fruchtuheile darstellen. In der Reihe der ungegliederten Pilze er- setzt sie die Stelle, welche die ganz in Fruchtkörner zerfallenden Pilze (3. St.) in der Reihe der gegliederten (1.7) einnehmen. Hierher gehören Racodium, Antennaria, Amphitrichum. Wir mögen diese fünfte Familie Racodiaceae nennen. Habitus deliquescentis. Ozonium gleicht gar sehr dem blofsen Sprofstheile der Schwamm- pilze, doch hat man noch keine Früchte daran wahrgenommen. Einige Arten von Mucor haben an der Basis des Stiels steife, gleichsam Wurzeln vorstellende Fäden, daher sonderte sie Ehrenberg in eine besondere Gattung Rhizopus. Eben so sind die Fruchtbehälter vieler Arten von Erysibe mit steifen Fäden umgeben, welche in die andern Fäden des Sprofstheils übergehen. Diese Schimmelpilze machen den Uebergang zu den Schwammpilzen, wo der Fruchtbehälter für sich wurzelt. Phragmotrichum Kze ist eine sehr sonderbare Gattung, welche we- gen der innerlichen Fruchtbehälter sich den Algen sehr nähert. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 167 Subordo 2. Fuligines. Brandpilze. Die Reihe fängt mit Trichothecium an, dessen Sprofstheil in eine rundliche Form zusammengewebt, die Fruchtkörner umschliefst. Dann folgen Trichoderma und Myrothecium, wo der Sprofsıheil eine im An- fang flüssige Masse von Fruchtkörnern umgiebt. Hierher kann man fer- ner alle Pilze rechnen, welche aus einer flüssigen Masse entstehen, und dieses ist zugleich das beste Kennzeichen der Unterordnung. An einigen, z.B. Aethalium (Fuligo Pers.) sieht man deutlich wie ein zarter Sprofs- theil den Fruchttheil umgiebt; an andern aber, schliefst er beim Aus- trocknen so dicht an die übrigen Theile, dafs man ihn nicht gesondert wahrnimmt. Doch bemerkt man sehr deutlich, wie eine Membran von dem Fufse des Pilzes sich verbreitet, und von hieraus als dem Pilze dicht anliegend zu verfolgen ist. Zuweilen lös’t sich der Sprofstheil in Schuppen auf, wie man besonders an Spumaria und an einem Physarum, welches ich stromateum nenne, sehen kann. Die Verschiedenheiten des Fruchtbehälters bestehen darin, dafs er bald gestielt bald ungesuelt ist, welches aber wegen der vielen unbedeutenden Uebergänge nicht zu den Kennzeichen der Gattungen zu rechnen ist, ferner, dafs er bald einen schuppigen, bald einen glatten Ueberzug hat, bald eine, bald mehr Frucht- hüllen, inwendig bald gar keine, bald wenige, bald viele Haare und diese unregelmäfsig oder regelmäfsig verwebt, und endlich inwendig mit einer Mittelsäule oder ohne dieselbe, und dann oft nur mit einer Andeutung, oder einer rundlichen Erhebung, welche zur Säule übergeht. Alle diese Gestalten finden sich auf sehr mannichfaltige Weise mit einander ver- knüpft. So entsteht folgende Reihe: Trichoderma, Myrothecium, dethalium, Lignydium, Lycogala, Diphtherium, Licea, Tubulina, Physarum, Cionium, Diderma, Didymium, Leocarpus, Leangium, Didyderma, Trichia, Jreyria, Stemonitis, Dietydium, Cribraria, C upularia, Craterium. Myriococcum Fries gehört ohne Zweifel hierher, aber zu einer besonderen Reihe. Der zarte, weifse, flockige Sprofstheil bedeckt ganz und deutlich gesondert die vielen kleinen, runden, mit einander ver- wachsenen Fruchtbehälter mit Fruchtkörnern gefüllt. Sie scheinen im Anfang flüssig gewesen zu seyn. Es wäre also eine höhere Form von Trichoderma. 168 Lın Sobald diese Pilze trocken werden, hört die Verbreitung der Masse auf, und nur so lange sie ffüssig sind, wuchern sie fort. Auch in dieser Rücksicht kann man sie so betrachten, als ob sie in dem Sprofstheile eingeschlossen wären. Uebrigens ist diese Entwicklung und Ausbildung des Gewächses aus einer flüssigen Masse, in welcher aber das Vergröfserungsglas die Fruchtkörner schon deutlich zeigt, eine merkwürdige Erscheinung in der organischen Natur. Diese zweite Unterordnung macht nur eine Familie aus, die den Namen Fuligineae behalten kann. Subordo 3. Mpycetes. Schwammpilze. Der Sprofstheil sondert sich von den Fruchttheilen ganz und gar, wird ein Nebentheil und verschwindet oft ganz. Er zeigt keine Ver- schiedenheiten, und weicht daher aus der Klasse der Kennzeichen. Statt des Sprofstheils tritt die Unterlage (stroma) ein, welche eben so sehr zum Fruchttheile gehört, denn sie verbreitet sich nicht weiter, nachdem sie einmal gebildet ist, seızt also die Pflanze nicht fort und wuchert nicht wie der Sprofstheil. Sie steht in der Mitte zwischen den beiden Theilen die sie ungesondert begreift. Diese Unterlage ist zu- weilen nur angedeutet durch einen Flecken, durch einen dünnen Ueber- zug, oder sie mangelt ganz und gar, wo man den Mangel durch die gehäufte Stellung der Fruchtbehälter nur erkennt. Dieses ist der erste Zustand der Unterlage = Str. In der zweiten Entwickelungsstufe ist sie deutlich vorhanden und von den Fruchtkörnern oder den Frucht- behältern deutlich unterschieden. Auf der dritten Stufe ist sie wirklich zu dem geworden, was sie andeutet, zum Fruchtbehälter, und der Frucht- theil hat sich vom Sprofstheile völlig geschieden. Die Gestalt der Unterlage = F ist 1) unbestimmt ausgebreitet, als g..Er bildet 2) eine rund- liche Masse, oder 3) einen mehr oder weniger verlängerten Träger, der in seltenen Füllen 4) verästelt ist. Dem innern Baue (/fabrica) nach = f, besteht sie 1) aus Faser- zellen mit andern rundlichen Zellen durchwebt und verbunden. Bald herrscht die Faserzelle, bald die rundliche Zelle vor. Auch liegt wohl ein flacher mehr oder weniger dicker Ueberzu Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 169 ein bedeutender Unterschied darin, dafs die Faserzellen entweder aus den gegliederten oder ungegliederten Flocken des Sprofstheiles entstand, doch ist er sehr schwer in der Natur zu bestimmen. Am meisten aus- gebildet ist der innere Bau, wo das Aeufsere aus rundlichen Zellen be- steht, das Innere aus Faserzellen, welche mit einander verwickelt und verwebt sind, wie in den Lichenen, welchen wir daher durch 3 f aus- drücken wollen. In einigen Fällen (2f) liegen die Fasern dicht und gleichlaufend zusammen, ohne, wenigstens ohne viele rundliche Zellen, so dafs der Bau dem Splinte der vollkommenen Pflanzen gleich zu setzen ist. Wir wollen dieses mit fa bezeichnen. Auch ist darauf zu sehen, doch nur für Abtheilungen einer niedern Stufe, dafs zuweilen die Zellen sehr bald schwarz werden und in einem verkohlten Zustand gerathen (/c), in andern Fällen hingegen das Gewächs sein ganzes Le- ben hindurch weich und gefärbt erscheint (rc), nicht wie dort gleich- sam bei lebendigem Leibe abstirbt. Es ist mir kein Beispiel bekannt, dafs ein Pilz zufällig aus einem Zustande in den andern übergegangen wäre. Die rothe Färbung ist am häufigsten in dieser Ordnung, dann folgt die gelbe, seltner ist die blaue und am seltensten die grüne; ja die rein grüne Farbe der Blätter und Algen kommt fast nie vor. Am häufigsten ist in den weichen, nicht verkohlten Pilzen, der Mangel an Färbung, oder die weifse Farbe. Selten sind auch die verkohlten Theile aus gefärbten entstanden, gewöhnlich aus weifsen, welches man im Innern des Gewächses erkennt. Der Fruchtbehälter (= Sp.) ist oft gar nicht vorhanden, sondern die Fruchtkörner sind 1) äufserlich auf der Unterlage oder dem Boden zerstreut, oder auch 2) von der Unterlage eingeschlossen. In seltenen Fällen mangeln die Fruchtkörner ganz und werden durch Keimkörner ersetzt. Die Fruchtbehälter umschliefsen 3) die Fruchtkörner, die sich auch 4) in besondern ausgezeichneten Fruchtbehältern oder 5) in Schläuchen befinden. Diese Schläuche sind 6) auf der Oberfläche des Fruchtbehälters ausgebreitet, oder 7) auf besondern Trägern (sporophora) des Fruchtbehälters befindlich. Lu 1S ER ft Hier ist entweder gar keine Unterlage vorhanden, oder nur eine Andeutung derselben, eine besondere Färbung der Theile worauf der Phys. Klasse 1824. x 170 Lınmk Pilz sich befindet. Dann ist auch nothwendig die äufsere Gestalt unbe- stimmt, und die innere nicht entwickelt. Die Fruchtkörner aber schrei- ten in der Ausbildung sehr fort; sie sind rund, länglich, spindelförmig, doppelt, mit Querwänden: Verschiedenheiten, welche zur Unterschei- dung niederer Abtheilungen dienen können. Auch sind sie gestuelt oder nicht. Hier ist der Anfang des Gewächsreiches aus einem Frucht- behälter. Diese Gewächse entstehen unter der Oberhaut lebendiger Pflanzen, und sind dann nicht verkohlt. Hierher gehören: Caeoma, Spiocaea, Sporisorium, Septaria, Phragmidium, Puceinia, Podisoma. _Sporisorium ist eine sonderbare Zusammensetzung von dieser und der ersten Unter- ordnung; es finden sich nämlich zwischen den Körnern zerstreute Flocken. 8; Podisoma ist die höchste Form, welche schon den Tremellenartigen Pil- zen nahe steht. Unter der Oberhaut trockner Pflanzen entsteht Cryptosporium. Eine Art C. aurantiacum ist nicht verkohlt. Oben auf trocknen Blättern und trocknem Holze liegen Fusidium und Conisporium. Die letztere Gattung rechne ich hierher. Längliche Fruchtbehälter aber ohne deutliche Fruchtkörner sind mit einem Staube, wahrscheinlich Keimkörnern bedeckt, und machen längliche Haufen, welche frei auf wocknem Holze liegen. Verkohlt sind: Cryptosporium atrum, welches man wohl als eine 5 mosporium, Stilbospora , Sporidesmium. besondere Gattung trennen könnte. Hypodermium, Melanconium, Didy- Phoma Fries. Die Fruchtkörner liegen in kleinen Haufen zusam- men und sind von der Oberhaut eingeschlossen. Im Anfange sind sie weils und zusammenklebend, dann werden sie schwarz. Melanosorium. An dem untern Stamme der Orobanche-Arten zeigt sich eine sonderbare Krankheit. Der Stamm schwillt auf, und enthält kleine zerstreute Haufen von schwarzen, kleinen, runden Fruchtkörnern. Ich habe das Gewächs nur trocken gesehen, wie es mir von dem ver- storbenen Palissot de Beauvois zugesandt wurde. Myxosporium. Ist Nemaspora crocea Pers. an der ich keine, von dem Holze, worauf dieser Pilz wächst, verschiedene Unterlage entdecken konnte, welche doch bei den andern Arten der Cytospora vorhanden Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 171 scheint. Der Name Nemaspora schien mir zu verwerfen, da er sehr verschieden gebraucht ist. I. 18Sr. #1F+1f+25p. Ohne Unterlage. Die Fruchtkörner sind in dem Fruchtbehälter wie Keimkörner enthalten. Hierher könnte man Dothidea sphaeroidea (Sphaeromorphium) und Sclerotium durum (Leucostroma) vechnen, welche von den Gattungen zu trennen sind, womit man sie vereinigt hat. Il. 1857. #1F+1f+3S5p. Die Fruchtbehälter umschliefsen die Fruchtkörner, haben aber keine deutliche Unterlage. Mit halbirtem Fruchtbehälter, welche vielleicht zur zweiten Unter- abtheilung zu rechnen sind: Zetinothyrium und Leptothyrium. Mit ganzem, nicht verkohltem Fruchtbehälter: Taphria, der Gat- tung Caeoma verwandt. — Ferner Sporigastrum. Amphigastrum. Sphaeropleum und Botrydium, zwei neue Gattungen von Ehrenberg in Aegypten gefunden. Sie wachsen beide auf der Erde. Saccidium Schmidt, habe ich nicht gesehen. Dichosporium Nees, eine sonderbare Form, inwendig mit Frucht- körnern, äufserlich mit Keimkörnern. Es ist zweifelhaft, ob bei allen diesen die Unterlage Fruchtbehäl- ter geworden. Mit ganzem, verkohltem Fruchtbehälter. 4piosporium Kze ist noch nicht ganz verkohlt, Prosthemium Kze ist eine Stilbospora unter der Hülle, oder Stlbo- spora ist ein Prosthemium ohne Hülle. Spermodesmia Kze ist mir nicht genau bekannt, so wie Pilidium ej. Chaetomium ist ein Exosporium wo die Unterlage sich zum Frucht- behälter ausgebildet hat, die äufsere haarähnliche Umgebung dagegen unfruchtbar geworden ist. Stegia Fries, Cytospora Ehrenb., Sphaeronema sind Anfänge von Sphaeria. Dothidea pyrenophora Fries, ist eine eigene Gattung (Pyrenochia). Das Aeufsere gleicht einer Sphaeria, das Innere besteht aus einer weifsen, erweichbaren Masse, das Innerste aus einem Haufen schwarzer pulveri- ger Körner. Y2 172 Lınx Elpidophora Ehrenb., eine sonderbare Gattung auf den Palmenblät- tern in Aegypten. Schizoderma. Hierher müssen die Aysterıa Fr. gebracht werden, welche eine bestimmte Gestalt aber keine Schläuche haben, sondern an deren Statt Fruchtkörner. IV. 18er. #IF+1f+4Sp. Keine Unterlage, innerhalb des gröfsern Fruchtbehälters kleine, runde Fruchtbehälter. Hierher weifs ich nur Polyangium zu rechnen. V. 18Swr. #41F+1f+5Sp. Keine Unterlage. Die Fruchtkörner in Schläuchen (thecae), welche der Fruchtbehälter umschlieist. Sphaeria. Da diese Gattung noch einmal in der Reihe anzufüh- ren ist, welche mit 2 Str. anfängt, oder wo eine wirkliche Unterlage vorhanden ist, so will ich dort von ihr reden. Lophium Fr. gehört hierher, hat zwar thecae wie Hysterium, aber die Gattung ist wohl anzunehmen, da die Substanz des Fruchtbehälters wie das Zerfallen der Schläuche zu Pulver sie auszeichnet. Dothidea Fr. Nur D. Ribis, Sambuci und einige verwandte gehö- ren hierher, deren Inneres mit dem Innern der Sphärien überein- kommt. Sie unterscheiden sich nur durch die Gestalt der Fruchtbehälter, welche in der Jugend der Länge nach einen Eindruck und immer eine runzliche Oberfläche haben. Einige sind schon oben von dieser Gat- tung gesondert worden, andere werden noch in der Folge getrennt werden. Hysterium. Hierher gehören nur die Arten, welche das Innere einer Sphaeria haben, und sich nur durch die äufsere Form des Frucht- behälters, den länglichen Eindruck nämlich, unterscheiden. Auch zer- fallen die Schläuche nicht zuletzt in Pulver, welches bei vielen Sphärien der Fall ist. Man erkennt das wahre Aysterium durch die Lupe schon an dem weifslichen, dichten Kern; die übrigen von Fries zu Hysterium gebrachten Pilze (H. Rubi et afınia) müssen eine besondere Gattung unter dem Namen ‚Schizoderma ausmachen. Sie gehören zu der Reihe mit 3 Sp. oder Fruchtbehälter mit Körnern ohne Schläuche. Actidium. Corynelia Fr. (Caliecium colpodes Achar.) kenne ich nicht genau. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 173 v1. .1Sr. #+1F+1f+65. Der Mangel an Unterlage oder nur eine Spnr derselben ist hier mit einem Fruchtbehälter verbunden, dessen Schläuche aufserhalb sich befinden und einen Ueberzug bilden. Peziza. Mufs hier angeführt werden, da man nicht von allen Arten sagen kann, dafs die Unterlage zum Fruchtbehälter übergegangen sei. Einigen scheint die Unterlage zu mangeln, und andere haben eine deutliche Spur derselben, z.B. P. aeruginosa, rosella. Patellaria Fries. Der Charakter nach Fries ist Receptaculum mar- ginatum, patellaeforme, epidermide contigua. Hymenium laeve, subpersistens, sed ex ascorum dissolutione pulverulentum. Asci connall absque paraphy- sibus. Aber ich finde den Fruchtbehälter oft in der Jugend geschlos- sen, wie bei den Pezizen. Die Oberfläche ist zwar matt und gleich- sam etwas körnig, aber nie habe ich gesehen, dafs die Schläuche zu Pulver zerfallen. Auch sind allerdings genug Paraphysen oder Schläuche ohne Fruchtkörner vorhanden. Durch zwei Kennzeichen unterscheidet sich Patellaria von Peziza, 1) dafs der Fruchtbehälter aus dem Innern des Holzes oder der Rinde hervorbricht, und 2) durch die schwarz ge- färbte Materie, welche die Spitzen der Schläuche färbt und verbindet, wie in den Lichenen, wodurch die matte Oberfläche der Fruchtbehälter entsteht. Die Schläuche sondern sich in Wasser und werfen die Frucht- körner aus, wie Nees beobachtet hat, doch zerreifsen die Schläuche dabei nicht. Tympanıs Fr. Der Charakter nach Fries ist Receptaculum margi- natum, cyathiforme, epidermide cornea. Hymenium laeve Il. rugwlosum, primo velo partiali tectum, demum una cum ascis tenuibus fixis fatiscens. Sporidıa forma et numero varia secedentia. Aber der hornartige Ueberzug ist ein schwer zu unterscheidendes Kennzeichen. Dafs die Schläuche verschwin- den, ist hier nicht mehr der Fall als an allen Pezizenartigen Pilzen. Das velum partiale kenne ich nicht. Ich würde hierher 7. conspersa Fr. rechnen, welche eine sehr deutliche Unterlage hat, worauf die Frucht- behälter mit einander verbunden stehen. Die Haufen dringen unter der Oberhaut der Rinde hervor, worauf sie wachsen. Zu dieser so bestimmten Gattung gehören auch Cenangium Ribis Fr. (Peziza Rı- besia Bers:); 474 Lın& Cenangium Fr. Eine sehr zusammengesetzte Gatlung, welche Fries durch den anders gefärbten Ueberzug unterscheidet; das Innere ist näm- lich weils, das Aeufsere schwarz. Die erste Abtheilung Scleroderris Fr. macht unstreitig eine besondere Gattung aus, welche sich dadurch un- terscheidet, dafs viele Fruchtbehälter beim ersten Hervorbrechen einen Körper ausmachen. Daher möchte ich Coenangium sagen, denn Ce- nangium von einem leeren Gefäfs hergenommen, ist unpassend. Die Schläuche sind von einem schwarzen Ueberzuge wie Patellaria umge- ben, doch sind sie weislich nicht braun, wie dort, und entwickeln sich mit dem Alter. Tryblidium kommt allerdings Coenangium nahe, mufs aber doch unterschieden werden. Oft theilt sich ein Fruchtbehälter in zwei; ge- wöhnlich entsteht aber nur der Anfang einer Theilung, welches sich durch eine erhabene Falte auf der Oberfläche zeigt. Der Ueberzug ist schwarz, das Innere weils und die Schläuche entwickeln sich darin. Zu- weilen schlägt sich der Ueberzug so herum dafs der Pilz im Innern schwarkörnig erscheint. Unter der Schlauchschicht ist oft ein gelblicher Kern, die eingewachsene Unterlage. Die Abtheilung Clithris von Cenan- gium Fr. gehört hierher. Schizoxylon steht T’ryblidium am nächsten, aber die Fruchtbe- hälter theilen sich nicht, sondern die Erhabenheiten des Fruchtbe- hälters stellen die Anfänge neuer Fruchtbehälter dar. Ist übrigens nur Abänderung von Lecidea dryina und zeigt wie nahe die Pilze den Flech- ten stehen. Phacidium gehört hierher. Die von der Schlauchsubstanz ganz verschiedene, äufsere, verkohlte, aufspringende Umgebung macht das Hauptkennzeichen, sie mag in mehr oder weniger Lappen, oder gar nicht zerreifsen. Hysterium quercinum ist hierher zu rechnen, wenn man es zu keiner besonderen Gattung erheben will. Stietis; Sphaerobolus Tode ist gewifs des sonderbaren Randes we- gen zu trennen, der eine wahre äufsere Hülle bildet. Excipula. Hierher würde ich nur die Pezizen und Hysterienartigen Pilze rechnen, in welchen man keine Schläuche entdeckt hat. Sie ge- hören zu der Reihe + 3 Sp. Die Form 1 Str. +41F+1/f+ 7Sp. ist nicht vorhanden. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 175 VI. 25. +#+1F+1f+1S. Die Unterlage ist deutlich entwickelt, aber noch von unbe- stimmter Gestalt, gewöhnlichem Bau und äufserlich aufgestreuten Fruchtkörnern. Trichostroma. Ein brasilianischer Pilz, die Unterlage flockig aber mit steifen ungegliederten Fäden wie Dematium. Die Fruchtkörner oben dick aufgestreut. Coniophora DeCand. Die Unterlage schwammig von dichtiem Gewe- ben. Die Fruchtkörner oben fein aufgestreut. Sarcopodium Ehrenb. Die Unterlage schwammig, die Fruchtkörner länglich mit Querwänden, festgewachsen. Gymnosporangium. Die Unterlage gallertartig wie T’remella, Frucht- körner wie Puccinia fest aufgewachsen. Typhodium (Sphaeria typhina Pers.). Eine sonderbare Form. Die schwammigte Unterlage hat rundliche Erhöhungen, welche mit Frucht- körnern bedeckt sind. VI 2857. #1rF+1f+ 25. Die Fruchtkörner sind in der deutlichen unbestimmt gestalteten Unterlage innerlich zerstreut. Aeufserlich verkohlt ist der Fruchtbehälter in Zeptostroma, worin man keine Fruchtkörner erkennen kann; Scelerotium dessen Gestalt sich einer bestimmten nähert; doch ist Sclerotium Semen und complanatum ganz auszuschliefsen; Ahytisma Fr., dem Selerotium nahe verwandt, un- terscheidet sich von Polystigma durch den Mangel an Schläuchen. Coc- copleum Ehrenb. ebenfalls, doch sind die Fruchtkörner deutlicher, ge- häufter als in Sclerotium ; Schizoderma Ehrenb. nähert sich der bestimm- ten Gestalt und begreift die Aysteria Fr. ohne Schläuche; Exeipula Fr. nähert sich der bestimmten Gestalt von Peziza, ist aber ohne Schläuche, daher gehören nicht alle Exeipiwlae Fr. hierher; Xyloglossum eine son- derbare Gattung von einer Gestalt welche sich C/avaria nähert, auch ist ein wahrer Sprofstheil vorhanden. Mit schwammiger Unterlage. Hymenella Fr. vielleicht der Anfang eines andern Pilzes. Hypochnus Fr. vielleicht unvollkommene Thelepho- ren. Auricularia hat eine fast bestimmte Gestalt. Der Name ist alt, und Exidia Fr. ist keine gut bestimmte Gattung. 176 Lınm «x Mit gallertartiger Unterlage. Coccosphaerium, Allosphaerium, wohin Rhizoctonia muscorum Fr. gehört. Tremella, Encephalium, (der Name ist schlecht, aber Nematella Fr. ist nicht besser), Daeryomyces, Dacrydium, Agyrium, letzteres kenne ich nicht. Ich seize Schwammig dem Verkohlt entgegen... Die gallertartige Unterlage besteht gröfstentheils aus weichen, sehr ungleichen, rund- lichen Zellen, mit wenigen Faserzellen. Die Verbindung der unbestimmt gestalteten Unterlage mit einem besondern Fruchtbehälter, welcher die Fruchtkörner einschliefst (= 3 Sp.) ist mir nicht vorgekommen, auch nicht mit einem zusammengeseten Fruchtbehälter —= 4 Sp. IX. 28. #AiF+1f+55. Die deutliche Unterlage von unbestimmter Gestalt mit einem Frucht- behälter, welcher Schläuche enthält. Hierher gehört die Gattung ‚Sphaeria, welche allein eine ganze Fa- milie einnimmt. Es ist daher wohl zweckmäfsig, davon zu trennen was sich trennen läfst. Zuerst lassen sich die in andere Reihen gehörigen Gattungen wohl sondern, Cordylia, Hypoxylon, Poronia. Dann könnte man die mit einer haarigen Unterlage trennen, obgleich die Gattung in die haarigen Sphärien übergeht. Sphaeria ovina und chionea unterschei- den sich von den übrigen durch ihre schwammige nicht verkohlte Be- schaffenheit und ihre grofsen Schläuche. Ich würde sie Megathecium nennen. Die Pezizenartigen Sphärien mit nicht verkohltem Fruchtbe- hälter welcher becherförmig einsinkt, dessen Schläuche bedeutend grofs sind, nämlich: ‚Sph. Peziza, episphaeria, könnten vielleicht auch gesondert werden. Aber eine sehr gute Gauung würden die Sphärien machen, deren Fruchtbehälter oben abspringen (eircumscissa). Mesotome. Auch möchte Depazea wo der Sprofstheil durch einen Flecken in der Pflanze, worauf die Sphärie wächst, dargestellt wird, wohl zu trennen seyn. Endlich können auch die Sphärien gesondert werden, welche in der Oeff- nung Flocken, gleichsam als Ueberbleibsel des Sprofstheiles haben, z.B. Sphaeria sanguınea. Polystigma. Diese Gattung von De Candolle mufs wieder herge- stellt und von Dothidea Fr. getrennt werden. Sie unterscheidet sich leicht von Sphaeria dadurch, dafs die Fruchtbehälter keine besondere Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 177 Hülle (peridium) haben, sondern der Kern mit seinen Schläuchen von der Unterlage geradezu umgeben wird. Von den übrigen Dothideen ist sie durch den Bau gehörig unterschieden. Solenarium Sprengel Glonium Fr. eine ausgezeichnete Gattung. Die Verbindung der deutlichen, unbestimmt gestalteten Unterlage mit einem Fruchtbehälter, den die Schläuche überziehen, ist mir nicht bekannt. X. 2Sr. #2 F+1f+1Sp. Die Unterlage erhebt sich zu einem rundlichen Kopf, und ist mit den nackten Fruchtkörnern überstreut, oder sie sind darauf angewachsen. Ueberstreut: Tubercularia, Fusarium, Dermosporium, Epicoccum. Aegerita. Die Fruchtkörner liegen einzeln und zerstreut auf der Unterlage, nicht haufenweise, wie an den vorigen. Angewachsen.: Exosporium, Coryneum, Setridium. T'yphodium (Sphaeria typhina) eine zusammengesetzte Form. Die Unterlage ist schwammig, unbestimmt, erhebt sich auf der Ober- fläche in kleinen rundlichen Erhabenheiten, welche mit Fruchtkörnern dicht bedeckt sind, wie Dermosporium. Ist also von Sphaeria sehr un- terschieden. Höhere Formen des Fruchtbehälters in dieser Verbindung mangeln. Al 2857. #+3F+1f+1S. Die längliche, keulenförmige oder Clavarien-Unterlage hat nackte, aufliegende Fruchtkörner. Hierher gehören Zsaria und Ceratium. + 1f+ 25p. Die Unterlage ist zart, gröfstentheils flockig, die Fruchtkörner scheinen ihr eingestreut zu seyn. sSolenia. +1f+35Sp. Ein deutlicher Fruchtbehälter mit Körnern. Sulbum. Das wahre Kennzeichen dieser Gattung liegt in dem zuerst flüssigen Fruchtbehälter. Sie steht also zwischen dieser und der vorigen Unter- ordnung in der Mitte, +2f+15p. Die Unterlage besteht ganz aus gleichlaufenden Fa- serzellen mit wenigen rundlichen Zellen: Periconia und Cephalotrichum. Letztere hat an der Spitze der Unterlage einen Haarbüschel mit Frucht- körnern bestreut, und ist gleichsam eine Trichia ohne Fruchthülle (peridium), doch scheint sie nicht flüssig zu entstehen. + 2f+5Sp. Chordostylum Tode. Ist in der folgenden Reihe noch einmal aufzuführen. Phys. Klasse 1324. 2 178 Lıv'k XI. 28. + 4F + 1f+ 5Sp. Die ästige Unterlage bringt Sphärienartge Fruchtbehälter hervor an dem sonderbaren Z’hamnomyces. + 2f + 55p. Chordostylum Tode. Hierher die Sphärien mit dün- nen, fadenförmigen, glatten, ästigen, selten einfachen Suelen. Der Name von Tode ist der älteste von den vielen, welche man dieser Gat- tung gegeben hat, obwohl Tode unter dieselbe allerlei Gestalten brachte, welche nicht dahin gehören, und die Fruchtbehälter eigentlich nicht kannte. + 3f-+ 78p? Rhizomorpha. Die Körner, welche Herr Eschweiler in den Anschwellungen der Unterlage entdeckt hat, scheinen mir Keim- körner. Ich glaube, dafs Palissot de Beauvois recht beobachtete, als er einen Fruchtbehälter von Poria (Boletus) daran sah. Die Unterlage hat Lichenenbau, und ist an den Spitzen mit einem wahren flockigen Sprofs- theile besetzt. X 8 Sir. Wenn die Unterlage selbst zum Fruchtbehälter wird, kann von ihrer Gestalt F nicht mehr die Rede seyn, sondern 7 verwandelt sich in 5p. Der Bau J ist an allen diesen Pilzen, soweit wir sie kennen, immer derselbe. Es kommt also alles auf den Fruchtbehälter an, und hier mufs allerdings die erste Form, wo nackte Fruchtkörner auf der Unterlage sich befinden, wegfallen. Aber 2 Sp. isı vorhanden, wo die Fruchtkörner nicht lose zusammen liegen, sondern im Innern des Frucht- behälters zerstreut sind. Hier gehören : Spermomorphia (Selerotium Semen), Pyrenium Tode welches ich nicht genau kenne, Acinula Fr. und Pe- riola Fr. ebenfalls nicht, Aerospermum Tode, vielleicht auch Ahizoctonia cerocorum, welche mir aber ungeachtet aller meiner Bemühungen nicht zu Gesicht gekommen ist. Pachyma Fr. zweifelhaft. Etwas mehr ausgebildet ist Z’uber, welches runde Schläuche (spo- rangiola) in Adern enthält. Hieher gehört auch wol Ahizopogon Fr. und Polygaster Fr. + 38p. Zusammengehäufte, lose Fruchtkörner sind in einem Be- hälter eingeschlossen. Onygena, Lycoperdon, Bovista, Twlostoma, Diplo- stoma (Twlostoma squamosum), Geastrum, Catachyon, eine neue Gattung von Ehrenberg in Nubien entdeckt, u.a. m. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 179 Einen zusammengesetzten Fruchtbehälter haben die Phalloidei: Cla- ihrus, Phallus, Lysurus Fr. Ascroe Fr. ete. Nähert: sich 7Sp. Asterophora, eine höchst sonderbare Form; die Gestalt von Agarı- cus, dessen Hut in den Zustand eines Zycoperdon zurückgegangen ist. + 45p.. Kleinere Fruchtbehälter innerhalb der Grofsen. Die Fruchtkörner sind darin zerstreut. Nidularia, Arachnion Fr. Ich fürchte sehr, meine Zndogone ist eine unentwickelte Nidularia. Carpobolus, Atractobolus? Thelebolus?? + 58p. Innere Schläuche (thecae) sind in einem Fruchtbehälter ohne Unterlage nicht vorhanden. + 6,8». Der Fruchtbehälter ist ganz oder an der Spitze mit Schläuchen überzogen. Stictis, wovon Sphaerobolus Tod. zu unterscheiden ist, Pezisa, As- cobolus, Bulgaria Fr. ist wohl nur durch Auswerfen der Fruchtkörner von Peziza verschieden, (Cyphelia kenne ich nicht) Rhyzınia Fr. ete. Geoglossum, Ditiola Fr. Leotia, Vibrissea Fr. Spatularia, Mitrula, Helvella, Verpa Fr. Morchella, ete. Thelephora, Stereum, Merisma, Clavaria. + 78p. Die Schläuche (thecae) sitzen auf besondern Theilen des Fruchibehälters selbst, z. B. weichen Stacheln, Röhren, Blättern. In jeder dieser Gattung ist deutlich bezeichnet, wie bei der Beständigkeit des einen Theils jeder andere seine Reihe durchläuft. So hält der dicht- gewebte Sprofstheil, der nun den Fruchtbehälter vorstellt, einige weiche Stacheln, worin die Schläuche sitzen; dann krümmt er sich an einer Seite um, und ist ein seitwärts angehefteter Pilz; dann verlängert sieh der Stiel, und endlich rückt der Fruchtbehälter auf die Mitte des Stiels als ein Hut. So besteht jede Gattung aus mehreren solchen Sipp- schaften. Hydnum, Sistotrema, Daedalea, Fistularia, Polyporus, Boletus, etc. Aylophagus, Merulius, Schizophyllus, Coprinus, Agaricus, Amanita. Mit dieser Gattung endigt sich die Reihe der Pilze sehr schrelf, und hart abgesetzt gegen die übrige Natur. Es ist schwer diese Reihen in natürliche Familien zu verwandeln. Die, Unterschiede zwischen der nur angedeuteten und wirklich entwik- kelten Unterlage sind schwer zu fassen, und wo die Unterlage sich in 7.2 180 Lıvk den Fruchtbehälter verwandelt, verschwinden die Kennzeichen von ihr hergenommen ganz und gar. Da die Unterlage selbst sehr unbestimmt erscheint, so mufs dieses auch in Rücksicht auf ihre Gestalt und ihren innern Bau seyn. Wir müssen also die Reihen umkehren und den Fruchtbehälter zum ersten Gliede machen, dann werden wir wenigstens genau bestimmte Familien erhalten. I. Die Fruchtkörner sind äufserlich auf eine Unterlage aufge- streut, oder äufserlich angewachsen, (15p.) Epiphyti. Diese Familie ent- hält die Anfänge vieler andern Familien. Kleinere Haufen sind. 1) Ure- dinei, wo die Fruchtkörner auf lebendigen Pflanzen ohne bedeutende entwickelte Unterlage hervorkommen: Caeoma, Cronartium, Spilocaea , Sporisorium, Septaria, Triphragmium, Puccinia, Phragmidium. 2) Stl- bosporei, wo die Fruchtkörner auf trockenen Pflanzentheilen ohne entwik- kelte Unterlage hervorkommen: Cryptosporium, Fusidium, Hypodermium, Melanconium, Didymosporium, Stlbospora, Phoma, Melanosorium. 3) Tu- bereulariacei, wo die Fruchtkörner auf einer gewölbten Unterlage lose aufliegen: Tubereularia, Fusarium, Aegerita, Dermosporium, Epicoccum. 4) Isariacei, wo die Fruchtkörner auf einer Qlavarien- Unterlage lose aufliegen: Z/saria, Ceratium. 5) Exosporei, wo die Fruchtkörner auf einer verkohlten Unterlage aufgewachsen sind: Sporidesmium, Exospo- rum, Coryneum, Seirıdium. 6) Pucciniastri, wo die Puccinienartigen Fruchtkörner auf einer gallertartigen Unterlage angewachsen sind: Po- disoma, Gymmosporangium, Als einzelne Gattungen — Anfänge von Fami- lien — stehen: Myxosporium, eine verstümmelte Cytospora; Conisporium zweifelhaft; Coniophora eine unentwickelte T’helephora; T'yphodium eine unentwickelte Sphaeria; Periconia eine unvollendete Stemonitis, Cepha- lotrichum eine unvollendete TZrichia, Chromatium ein ausgebildetes Dematium. II. Die Fruchtkörner liegen innerhalb der nicht gallertartigen Un- terlage, oder des Fruchtbehälters zerstreut. (2.5p.) Sclerotiaceae: Sphae- riomorphium, Coccopleum, Spermomorphium, Elpidophora, Sclerotium, Ex- eıpula, Schizoderma, Rhytisma, Leptostroma. Alle sind unentwickelte Sphärien, IHlysterien, Pezizen; Solenia, Xyloglossum, Acrospermium sind unentwickelte Olavarien, Hypochnus eine unentwickelte Thelephora, Hy- menella bleibt zweifelhaft. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 181 III. Die Fruchtkörner sind innerhalb der gallertartigen Unterlage zerstreut, (2,$5p.) Tremelloidei: Coccosphaerium, Allosphaerium, Tremella, Encephalium, Dacryomyces, Dacerydium sind unentwickelte Collemata, überhaupt Lichenosae; Furieularia eine unentwickelte Thelephora. IV. Die Fruchtkörner sind innerhalb eines Fruchtbehälters ge- häuft (3 5p.). Man kann hierher auch die Form 4 Sp. rechnen, wo der Fruchtbehälter Schläuche voll Fruchtkörner enthält. Gastromycetes. Auch diese Familie ist aus mehreren kleinern Haufen zusammengesetzt. 1) Dimidiati. Die Fruchtkörner liegen auf einer mehr oder weniger deutlichen Unterlage und sind nur mit der Fruchthülle (peridium) bedeckt: Prosthemium, Aetinothyrium, Leptothyrium. 2) Mehrere ein- zeln stehende Gattungen müssen hier aufgeführt werden: Taphria ein innerlich ausgebildetes Caeoma, AJpiosporium ein innerlich ausge- bildetes Spyoridesmium, Pyrenochium eine unausgebildete Sphärie, Ste- gia ebenfalls eine nicht völlig entwickelte Sphärie, Chaetomium ein innerlich ausgebildetes Exosporium. 3) Kleine zusammenstehende Frucht- behälter, welche die Fruchtkörner in eine Gallerte gehüllt auswer- fen: Nemasporei. Hierher Cytospora, Sphaeronema. 4) Kleine zu- sammenstehende Fruchtbehälter; die Fruchthülle eine zarte Membran. Sporigastrei: Sporigastrum, Sphaeropleum, Botrydium, Polyangium, Amphisporium, Dichosporium. 5) Der Fruchtbehälter ist zuerst flüssig. Stilbacei. Die Gattung Stlbum kann nach der Beschaffenheit der Un- terlage in mehrere getheilt werden. 6) Zycoperdei. Die Fruchtbehäl- ter stehen einzeln ohne Unterlage; die Fruchthülle ist aus Fasern und rundlichen Zellen deutlich zusammengewebt: Onygena, Lycoperdon, Bo- vista, Scleroderma, Tulostoma, Diplostoma, Geastrum, Catachyon. T) Cya- thoidei. Fruchtbehälter sind von andern umgeben. Nidularia, Arachnion. 8) Carpobolei. Der innere Fruchtbehälter wird von dem äufseren herausgeschnellt: Carpobolus. 9) Tuberacei. Die Fruchtkörner sitzen in Adern. Tuber et afın. 10) Asterophora steht allein. V. Der Fruchtbehälter umschliefst Schläuche. Sphaeriacei: Depazea, Pustularia, Megathectum, Polystigma, Trichostroma, Sphaeria, Solenarıum, Poronia, Hyposxylon, Cordylia, Chordostylum, Thamnomyces. VI. Der Fruchtbehälter ist mit Schläuchen bedeckt. Sarcomy- cetes. 1) Mit grofsen Schläuchen und mehr oder weniger becherför- 182 Lınk miger Gestalt. Pezizoidei: Stictis, Sphaerobolus Tod. Pezıza, Ascobo- lus, Bulgaria, Rhizinia. 2) Mit grofsen Schläuchen und einem geson- derten Stiel. Helvellacei: Ditiola, Leotia, Vibrissea, Spatularia, Mi- irula, Helvella, Verpa, Morchella. 3) Mit grofsen Schläuchen und keulen- förmiger Gestalt: Geoglossei, Geoglossum. 4) Mit kleinen Schläuchen und flacher Gestalt. T’'helephorei: Thelephora, Stereum. 5) Mit klei- nen Schläuchen und mehr oder weniger erhöhter Gestalt. Clavariacei: Merisma, Clavarıa. VI. Die Fruchtkörner sind in einen Schleim gehüllt, befinden sich auf einem besondern Theile innerhalb des Fruchtbehälters, Phal- loidei: Phallus et aff. VIII. Die Schläuche befinden sich an besondern Theilen und die- ser wird von dem Fruchtbehälter getragen. Agaricini: Hydnum ete. v.s. 0.2. Lichenes. Der Sprofstheil ist gemmenartig oder blattartig. . Es ist durch die neueren Untersuchungen der Herren G. F. W. Meyer und Wallroth aufser allen Zweifel gesetzt worden, nicht nur, dafs die krustenförmige Gestalt des Sprofstheils eine unentwickelte blatt- förmige ist, sondern auch, dafs in einer und derselben Art, Verwande- lung dieser Gestalten in einander Statt findet. Wir wollen daher von die- ser Verschiedenheit für die Unterabtheilungen keinen Gebrauch machen, zumal da die Verknüpfungen dieser Formen schon oben dargestellt sind. Auch die übrigen Verschiederheiten des Sprofstheils, welche auf Man- gel und Ueberflufs beruhen, können hier nicht in Betracht kommen. Der sonderbare Bau der Gattung Usnea, da er nur an einigen Arten Statt findet, darf hier ebenfalls vernachläfsigt werden. Aber es scheint mir zu weit gegangen, wenn man die Verschie- denheiten des Sprofstheils auch aus den Kennzeichen der Gattungen aus- schliefsen will. Denn wie will man die Gattung Yerrucaria von Sphaeria, oder Peziza, besonders Patellaria Fries von Lecidea unterscheiden, wenn man nicht den Sprofstheil zu Hülfe nimmt? Ja giebt es ein Kenn- zeichen, wodurch man die Lichenen überhaupt von den Pilzen unter- scheiden kann, aufser der Beschaffenheit des Sprofstheils? Wir müssen bei Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 183 der Regel bleiben: was beständig ist, kann ein unterscheidendes Merk- mal für die Gattungen geben. Der Fruchtbehälter stimmt auf eine sehr auffallende Weise mit dem Fruchtbehälter der Pilze überein, und durchläuft dieselbe Reihe mit dem einzigen Unterschiede, dafs in der Folge der Lichenen ei- nige Zwischenstufen fehlen. Wir haben nur drei Hauptstufen in der Reihe der Lichenen: 1) Fruchtbehälter, worin die Fruchtkörner enthal- ten sind, ohne in Schläuche (thecae) eingeschlossen zu seyn = 3 Sp. der Pilze; 2) Fruchtbehälter, welche die Schläuche einschliefsen, = 5 Sp. der Pilze, 3) Fruchtbehälter, welche von Schläuchen überzogen sind, — 65». der Pilze. Wir können also geradezu die drei Meyerischen Unterordnungen hier aufnehmen, da es auf die Reihe der Bildungen des Fruchtbehälters allein ankommt. Zuvor jedoch über einige Gattungen, welche an sich, oder in Rück- sicht auf ihre Stellung, zweifelhaft sind. Die Gattung Zepraria ist den Pilzen gleich zu setzen, welche keine Fruchtbehälter, sondern nur Keim- körner ragen. Die Uebereinsimmung geht so weit, dafs ich Zepraria latebrarum und chlorina zu Sporotrichum gebracht habe; der Bau ist völlig derselbe und allerdings von dem Baue der Z. fava verschieden; dort ge- gliederte Fäden, hier unregelmäfsig gehäufte und gebildete Körner. Nach Floerke ist Z. Zatebrarnm eine ausgebleichte Z. chlorina. Von den Gattungen Spiloma, Isidium und Yariolaria haben uns die Herren Meyer und Wallroth befreiet. Es ist ohne allen Zweifel, und zuweilen sehr deutlich wahrzunehmen, dafs die Variolarien verän- derte Porinen oder Parmelien sind. Aber die Art der Veränderung scheint mir nicht die von jenen Untersuchern angegebene. Die wahren Keimkörner der Lichenen, welche an bestimmten Orten hervorkommen, z.B. an der Steta verrucaria Ach. St. aurata A. Ramalina farinacea Ach. finde ich immer unter dem Mikroskop zwar klein, aber doch bei wei- tem gröfser, deutlicher gerundet und gleichförmiger, als die Körner, welcke auf dem Variolarien hervorkommen. Diese gleichen völlig den Leprarien. Ich kann daher nicht umhin, diese Körnermasse für parasi- tische Leprarien zu halten, welche die Flechten eben so zerstören, wie der Brand die gröfseren Gewächse, oder will man noch eine nähere Vergleichung haben, ein Sepedonium die gröfsern Pilze. So läfsı sich 184 Lınsk&k die sonderbare, und doch äufserst häufig vorkommende Veränderung der Lichenen erklären, da sonst die Monstrositäten im organischen Reiche viel seltener gefunden werden. Denn hier ist nicht blofs Fehlgeburt, son- dern wirkliche Umgestaltung oder Monstrosität. Auch hat die Veränderung der Parmelien, das Aufschwellen, die Entfärbung eine grofse Aehnlichkeit mit den Veränderungen der Blätter durch Rost, z.B. der Birnblätter durch Roestelia cancellata. Ich möchte drei Arten von parasitischen Leprarien unterscheiden: erstlich die graue bittere Art mit etwas gröfse- ren Körnern, zweitens die weifse, unschmackhafte Art mit kleinern Körnern, und drittens die gelbliche ebenfalls nicht bittere Art. Die letztere bildet Zsidium phymatodes Ach. Spiloma verrucosum Floerke ist ein parasitischer Pilz, Torwa nahe verwandt oder eine Art dieser Gattung. Diese Pilze kommen zuweilen parasitisch vor, wie Tetracolium Tuberculariae zeigt. Für ZLeparia rubens habe ich ein Gewächs gehalten, welches um Berlin an Tannenbäumen, an Bretterzäunen, wo sie feucht sind, häufig wächst. Frisch ist es orangefarben, trocken gelblich grün. Herr Wall- roth hat davon umständlich geredet. Er bringt dahin Torula erocea Mart. welche ich also unrichtig unter Oidium in meiner Fortsetzung der Spec. pl. von Willdenow aufgeführt habe, weil ich sie nicht gesehen. Ich weifs nicht, ob ich dasselbe Gewächs vor mir habe, welches Herr Wall- roth commentirt hat, aber meines ist gewifs nicht die Ausgeburt einer Flechte; dafür bürgt der Bau, wie er unter dem Mikroskop sich zeigt. Es besteht nämlich aus vielen grofsen und kleinen in Wasser aufschwel- lenden und dann gallertartig erscheinenden Bläschen, welche sehr we- nig Aehnlichkeit mit den Keimkörnern der Lichenen, und eben so wenig mit den Leprarien haben. Es steht vielmehr den Tremellenartigen Pilzen nahe, Coccosphaerium oder Allosphaerium, und vermuthlich gehört dahin der Pilz, welcher den Schnee in Grönland roth färbt. Auf meinen Ex- cursionen um Berlin habe ich es den Zuhörern als Coccophysium nov. Gen. angegeben. Subordo 1. Coniocarpi. Der Fruchtbehälter schliefst — wenigstens im Anfange — die Fruchtkörner ohne Schläuche (thecae) ein. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 185 Calycium. Die Gattung Coniocybe ist nicht gehörig gesondert. Bei allen Calycien sind die Fruchtbehälter mit Keimkörnern, wenigstens in der Jugend überstreut, und die wahren Fruchtkörner finden sich inner- halb einer dichten zelligen Masse. Cal. tympanellum und albo-atrum Fl. gehören keinesweges hieher; sie haben Schläuche und C. ympanellum deutlich doppelte Fruchtkörner, C. albo-atrum weniger deutlich. Man könnte sie, wegen des nach unten verlängerten Fruchtbehälters, und der grofsen leicht sich sondernden Körner zu einer besondern Gat- tung erheben. Cal. tigillare. scheint auch dahin zu gehören. Ist Cat. roscidum ein abgeänderter Zustand der Zecidea dryina, so gehört es eben- falls dahin. Subordo 2. Miyelocarpi. Die Schläuche sind von dem Fruchtbehälter eingeschlossen. Chiodecton, Antrocarpium, Porophora, Mycoporium, Ocellularia, Stig- matıidium, Verrucaria, Trypethelium, Pyrenastrum, Sugmatidium, Endo- carpon. Oft fehlt die Fruchthülle (peridium), dann machen die Schläuche einen Kern. Subordo 3. Hymenocarpi. Eine Schicht von Schläuchen überzieht die Fruchtbehälter. Es ist wohl zu merken, dafs diese Gestaltung sich weit mehr der vorigen nähert, als in den Pilzen. Die Spitzen der Schläuche sind durch eine oft ziemlich dicke, gefärbte Materie bedeckt, welche sie von oben einschliefst. Die Schläuche enthalten oft noch andere Schläuche (asci), in welchen sich die Körner als ein schwarzes Pulver befinden, und wer- den dadurch den Schläuchen der vorigen Unterordnung sehr ähnlich. In Opegrapha neigen sich die Ränder so zusammen, dafs sie fast Hyste- rien sind. Man mufs also die Gränze in der Ordnung der Lichenen etwas anders ziehen, als in der Ordnung der Pilze. Conioloma. Die Gattung gehört hicher, denn es sind wahre Schläuche (thecae) vorhanden. Sie fallen an der Oberfläche endlich zusammen, und werden gleichsam pulverig, auch fallen die Körner in ihnen zu einer pulverigen Masse zusammen. Opegrapha (dieser älteste, von Humboldt gegebene Name, ver- dient den Vorzug vor Graphis), Antherisca, Leucogramma, Platygramma, Glyphis. Phys. Klasse 1824. Aa 186 Link Graphidium. In einer Abhandlung in Schrader’s N. Journ. d. Botan. 2.Bd. S.1. habe ich die sehr abweichenden asci von Lecidea atrovi- rens vorgestellt, aber nur nach einem (Juerschnitte, in einem Länge- schnitte sind sie länglich. Deutliche‘ thecae habe ich nicht gese- hen, und das Gewächs gehört also in Rücksicht auf den innern Bau in die Nähe von Porophora. Da die Art, wie der Fruchtbehälter auf den Sprofstheil aufgesetzt ist, zu einem äufsern Kennzeichen dienen kann, so rathe ich, diese Flechte unter dem aufgestellten Namen, als Gattung zu sondern. Denn jeder Fruchtbehälter macht mit dem anhängenden Stücke des Sprofstheils ein Individuum aus. Urceolaria. In der erwähnten Abhandlung habe ich die aufseror- dentlich grofsen Fruchtkörner dargestellt, in der Meinung, dafs sie Schläuche (thecae) seyn möchten. Aber die äufseren Schläuche sind allerdings vorhanden. Auch in U. cinerea (ocellata) sind die Fruchtkör- ner sehr grofs, obwohl nicht so grofs als in TV. contorta. Diese Flech- ten könnten gar wohl in eine Gattung zusammengestellt werden, deren 5 Sprofstheil in Felder (areas) zerreifst, so dafs jedes Feld einen oder meh- rere versenkte Fruchtbehälter enthält. Jedes Feld macht mit seinen Fruchtbehältern ein Individuum. Urceolarıa seruposa und verwandte sind wahre Zecanorae. Leeidea, Patellaria. Hätte Meyer die Gattung Zecidea mit dem Namen Patellaria belegt, und umgekehrt, so könnte man Patellaria Fries geradezu vereinigen. Denn dieses Gewächs mufs doch, als wahres Ver- bindungsglied, sowohl unter den Flechten als unter den Pilzen aufge- führt werden. Der Unterschied zwischen Zeeidea und Patellaria, wie ihn Meyer bestimmt, hat sehr undeutliche Gränzen. Lecidea, Psoroma. Diese letztere Gattung wird genugsam durch den Sprofstheil ausgezeichnet. Er entwickelt sich getrennt von dem Fruchtbehälter, und beide Theile sind von einander fast unabhängig. Er enthält statt der faserigen Masse eine pulverige, und diese besteht unter dem Mikroskop aus sehr ungleichen, grofsen und kleinen, losen Zellen. Hieher gehören Psoroma decipiens, testaceum, luridum und ver- wandte Arten. Gyrophora. Wenn auch in den Fruchtbehältern kein’ Gattungs- kennzeichen liegt, so findet man es doch in dem Sprofstheile, der nur [e>) I Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 1 aus dem Ueberzuge besteht, und keinen faserigen oder pulverigen Mit- teltheil enthält. Lecanora. Es ist allerdings richtig, dafs der blattartige Sprofstheil unentwickelt einen gemmenartigen oder krustenförmigen darstellt. Aber man erkennt einen solchen Sprofstheil sehr bald, mag er nun eine wirk- liche Fruchtbildung wie die Variolarien zeigen, oder ein Mangel an Entwickelung seyn, wie wir die Parmelia parietina in den jugendlichen Zuständen finden. Die Gattung Zecanora kann also recht wohl getrennt werden, wenn man die veränderlichen Gestaltungen des krustenförmigen Sprofstheils ausschliefst. Den Uebergang der Zecidea aurantiaca in Par- melia parietina habe ich oft beobachtet. Es wird der Rand der Frucht- behälter heller, schwillt an, und wächst zur blattartigen Gestalt aus. So deutlich dieses auch ist, so bleiben mir doch noch Zweifel, ob nicht ein parasitischer Zustand hier täuschen könne. Parmelia parietina dringt aus dem Innern der Borrera tenella hervor, und verwächst mit ihr so sehr, dafs man gewifs behaupten würde, eine Art verwandele sich in die andre, wenn nicht übrigens beide Gestalten zu sehr von einander verschieden wären. Parmelia. Diese Gattung hat drei Abiheilungen: Placodium, wo das Innere des Sprofstheils wie an Psoroma beschaffen ist, nur ent- wickelt sich der Fruchtbehälter auf die gewöhnliche Weise; Parmelia, von gewöhnlicher Bildung des Sprofstheils, ohne Wurzelzasern, doch angewachsen; und Dorrera, mit Wurzelzasern. Die meisten Arten gehören zu der letzten Abtheilung. Meyer und Wallroth haben sehr treffend das Verwandlungsspiel der Borrera tenella gezeigt. Hier ist alles deutlich ohne Verdacht einer parasitischen Veränderung. Wenn man auch diese Abtheilungen nicht trennen will, so kann man doch die fol- genden unbedenklich zu eigenen Gattungen machen. Euernia. Der Sprofstheil nur in der Mitte angewachsen, sonst niederliegend, mit einer obern und untern Seite ohne Wurzelzasern. Hiehber Ziehen furfuraceus, glaueus u.s. w. Cetraria. Der Sprofstheil ist an der Basis in die Erde eingewachsen, oder in der Mitte angewachsen ohne Wurzelzasern, mit zwei gleichen Seiten. Hieher C. islandica, nivalis, cucullata, vulpina, luniperina u.$s, w. auch Cornicularia acweata. Ramalina: eine schildför- mige Wurzel. Hicher R. Jraxinea, populina, polymorpha, Prunastri u.5. W. Aa 188 Lıs« Corniewlaria. Eine schildförmige Wurzel, und runde Sprofstheil- zweige. Hieher C. tristis und Roccella. Ich besitze Parmelia stygia mit ausgewachsener C. Zanata, vom Harz, und habe diese immer für para- sitisch gehalten, doch stelle ich die Sache anheim. Stieta. Die beiden Arten St. pulmonaria und verrucaria haben durchaus keine wahren Cyphellen, auch ist der Bau des Fruchtbehälters anders, als an St. aurata, wo er, wie gewöhnlich, sich verhält. Beide würde ich daher unter dem Namen Zobaria trennen. Peltidea. Die Gattungen Nephroma und Solorina sind nicht zu trennen. Cenomyce, oder, wie Meyer richtig sagt, besser Cladonia. Sphaerophorus. In der oben angeführten Abhandlung in Schra- ders Journal habe ich gezeigt, dafs dieses Gewächs, wie die verwandten Gattungen, wahre Schläuche (thecae) mit aneinandergereihten Frucht- körner hat. Aber man mufs die Fruchtbehälter in der frühen Jugend untersuchen, ehe die Körner schwarz gefärbt sind, um dieses zu sehen. Zur Zeit der Reife schwinden die Schläuche, und die Fruchtkörner bilden eine pulverige Masse. Alectoria. Hieher rechne ich nur Usnea barbata, mit der geglie- derten Rinde des Sprofstheils. Usnea iubata gehört zu Cornieularia. Usnea. Das Innere des Sprofstheils ist durch sein Holz, nämlich durch ein Bündel von gleichlaufenden Fasergefäfsen oder Faserzellen sehr ausgezeichnet. Das Fasergewebe der übrigen Lichenen ist ein ver- wickeltes Gewebe, wie der flockige Sprofstheil der Pilze es meistens ist. Collema. Der ganz eigenthümliche Bau des Sprofstheils zeichnet diese Gattung sehr aus. Der rindige Theil ist aufgeschwollen, vermehrt und hat dadurch den faserigen Theil auseinander gedrängt. Daher finden sich einzelne, einfache oder wenig ästige Fasern mit vielen Querwänden innerhalb der gallertartigen zelligen Masse zerstreut. Oft sind diese Fa- sern kurz und fast spindelförmig. So nähert sich der Bau gar sehr ei- nem Nostoch, und diese Flechten machen das Verbindungsglied zwischen beiden Ordnungen. Dieser Bau ist selten gehörig und in seiner Ver- bindung dargestellt worden. Coenogonium. Ist dem Fruchtbehälter nach ein wahrer Lichen, und zwar aus dieser letzten Unterabtheilung ; dem Sprofstheile nach, ein höchst sonderbares Gewächs. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 189 0.3. Algae. Der Sprofstheil ist entweder inwendig, seinem Baue nach, gleich- förmig, oder er besteht aus gewundenen gallertartigen Faserzellen, mit einem Ueberzuge von rundlichen Zellen. In seltenen Fällen besteht er ganz aus gewundenen Fasern. Alle, welche sich mit diesen Pflanzen beschäftigten, mufsten auf den Sprofstheil zuerst und vorzüglich Rücksicht nehmen, weil die Frucht- behälter selten gefunden werden, und im trockenen Zustande schwer zu untersuchen sind. Es ist daher auch nur auf den Stand der Fruchtbe- hälter Rücksicht genommen worden. Sehr selten hat man von dem In- nern der Fruchtbehälter Gebrauch gemacht, um dadurch die Gattungen zu bezeichnen. Die Abtheilungen, welche Herr Agardh angiebt, sind so vortrefl- lich, dafs wir sie mit einigen wenigen Abänderungen geradezu aufneh- men dürfen. Subordo 1. Diatomeae. Der Sprofstheil theilt sich in verschiedene Stücke und vermehrt sich dadurch. Diese Gewächse stehen am Rande des Gewächsreiches, und bilden das Lückenglied zwischen den Pflanzen und Zoophyten. Os- cillatoria gehört hieher; sie zerfällt nach den Beobachtungen des Herrn Dr. Leo in Bacillarien. Die Gattungen sind von Agardh gut bestimmt. Subordo 2. Nostochinae. Der Sprofstheil besteht äufserlich aus einer gallertartigen Hülle, innerlich aus einem gegliederten einfachen oder ästigen Faden. Protococcus nivalis, der rothe Schnee, ist ohne Zweifel ein Pilz, und gehört, wie ich schon oben erwähnt habe, in die Nähe von Coe- cophysium, oder ist eine Art dieser Gattung. Prot. viridis Agardh ist ein zweifelhaftes Gewächs. Palmella sind höchst wahrscheinlich die Anfänge anderer Algen; ohne Zweifel ist dieses von Dyssus botryoides, aus welchem Zyngbya mu- ralıs gar oft deutlich hervorgeht. Einige mögen auch zu den Tremel- lenartigen Pilzen gehören. Echinella und Gloionema sind zu der vori- gen Ordnung zu bringen. 190 Lınk&k Alcyonidium ist ein zweifelhafter Körper, vielleicht zoophytsch. Nostoc oder besser Nostochium. Der ganze Sprofstheil ist in eine blattartige Form ausgedehnt. Die Faserzellen sind von einander durch die gallertartige Masse gesondert, und das Ganze gleicht einem Collema so sehr, dafs nur die Frucht das letztere unterscheidet. Etwas verschie- den ist der Bau der kugelförmigen und unförmigen Nostochs. Die Fa- serzellen sind ebenfalls von einander gedrängt durch die gallertartige Masse, ästig, gegliedert, und schwellen hier und da in grofse helle Kör- ner auf. Diese Faserzellen sammlen sich auf der Oberfläche von N.ver- rucosum, dessen Warzen dadurch entstehen, und vermuthlich schlüpfen aus diesen kleinen Erhabenheiten jene grofsen, hellen Körner hervor um das Gewächs fortzupflanzen. Die Gallerte vermindert sich immer mehr und mehr; in Rivularıa und Chaetospora ist sie schon in einer weit geringern Menge, als in Nostochium, und endlich überzieht sie nur als ein zarter Schleim die Fäden, welche dadurch schlüpfrig anzufassen sind. Datrachospermum, Draparnaldia, Thorea, müssen hierher gebracht werden. Die Glieder sind nicht mit einer äufsern Haut überzogen, wie an den wahren Con- ferven. Hier erscheinen zuerst wahre Fruchtbehälter, da die Körner der übrigen wohl nur Keimkörner sind. Subordo 3. Conjugatae. Die merkwürdigen Algen, deren Fäden sich mit einander ver- knüpfen, müssen in einer besondern Ordnung zusammengestellt werden. Sie haben alle Querwände; in einigen ballt sich die grüne Materie zu- sammen, und geht in einen andern angeknüpften Faden über; ın andern ballt sie sich zusammen ohne Uebergang, und in noch andere ist eine Verknüpfung ohne Zusammenballung. Es läfst sich erwarten, dafs auch der vierte Fall vorhanden seyn werde, eine Zusammenballung ohne Ver- knüpfung. Der erste Fall bestimmt eine Gattung, welche Agardh nicht getrennt hat, und welche ich Spirogyra nenne, wegen der im Anfange spiralförmig gewundenen Fäden. Der andere findet sich in den übrigen Arten von Zygnema Agardh (besser Zeugnema). Der dritte ist Mougeotia Agardh. Der vierte Sphaeroplea Ag. (besser Sphaerogona), welche den Uebergang zur folgenden Unter-Ordnung macht, daher man das Kenn- Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 191 zeichen dieser Abtheilung so fassen mufs: der Sprofstheil verknüpft sich mit dem Sprofstheile eines andern Individuums, oder der gefärbte Stoff im Innern ballt sich zusammen. Subordo 4. Confervaceae. Der Sprofstheil erscheint mit Querwänden durchschnitten, und hat innerlich keine gallertartige Faserzellen. Es fehlen die Kennzeichen der vorigen Ordnung. Was die Querwände in den Fäden der Conferven bedeuten, hat Roth sehr gut gezeigt, und die Algologen haben in der Angabe der Kennzeichen nicht genug darauf Rücksicht genommen. Die Gattungen Byssocladium, Syncollesia, Myginema, Chroolepus, Trentepohlia, Scytonema, Stigonema, Protonema, Hygrocrocis und Lep- tomitus erfordern noch eine genaue Durchsicht. Viele sind Pilze; die Gattung Byssocladium gewils; Syncollesia melaena fällt als Monilia anten- nata beim flüchtigen Blicke auf; die ganze Gattung Hygrocrocis scheint mir nichts als der Sprofstheil von Penieilium glaucum. Von Protonema hat Agardh selbst bemerkt, dafs darunter viele Samenblätter von Moosen vorkommen möchten. Trentepohlia ist eine wahre Alge. Die Batracho- spermeae sind, wie oben erwähnt worden, auszuschliefsen, auch wohl Nodularia mit ihnen ; Mesogloia gehört, wenigstens die gröfsern, zu den Fucoideis. Die unbeweglichen, nicht in Bacillarien sich sondernden Oscilla- torien machen eine Familie aus. Daugia verdient eine genaue Revision. Einige Arten gehören zu den Ulvaceen, andere vielleicht zu den Con- jugaten oder Diatomeen. Die netzförmigen Conferven machen eine besondere Familie, be- stehend aus zwei Gattungen. Die Gattung Conferva steht allein in ihrer Familie. Man könnte sie wohl in zwei andere trennen; eine wo der gefärbte Stoff sich ge- gen die scheinbaren Zwischenwände legt und diese färbt, und eine an- dere, wo er sich in die Mitte zieht, und die Zwischenwände hell und durehsichug läfst. Doch enthält die leizie Gattung bei weitem die meisten Arten. 192 Lınk&k Die Familien Ceramiaceae und Eectocarpeae bilden eigentlich nur eine Familie, in welcher die Fruchtbebälter aufserhalb am Sprofstheile sich befinden. Die Körner liegen in denselben zerstreut, also ist die Form —= 25p. wenn wir die Bezeichnung der Pilze beibehalten. So ist es auch an Batrachospermum. Die doppelte Frucht von Hutchinsia be- steht in Fruchtbehältern und Haufen von Keimkörnern. Die Zectocar- peae machen eine Unterabtheilung dieser Familie. Uebrigens folgt Agardh in der Zusammenstellung meistens Lyngbye, dessen Analysen in dieser Familie vorzüglich sind. Subordo 5. DTlvaceae. Der Sprofstheil hat keine Spur von Querwänden; enthält auch keine gallertaruige Faserzellen. Codium gehört ohne Zweifel zu den Fucoideae. Der Mangel der Frucht kann keinen Unterschied machen. Auch Caulerpa scheint eine Fucoidea. Solenia ist eine wahre Ulvacea, aber der Name kann nicht bleiben, da schon längst eine Solenia unter den Pilzen vorhanden ist. Also Einteromorpha. Zonaria gehört hierher. Die Fruchtbehälter sind äufserlich zu nennen und enthalten zusammengehäufte Körner, also eine Bildung = 3 Sp. Herrn Agardh scheint meine Analyse in den Horae Berolinenses nicht bekannnt geworden zu seyn. Subordo 6. ‚Spongiaceae. Gewundene Fasern ohne Ueberzug bilden die Sprofstheile. Aeufser- liche Fruchtbehälter mit zusammengehäuften Fruchikörnern. Spongia lacustris, wie ich schon oben erinnert habe, ist eine wahre Alge, und sehr von den Zoophyten entfernt. Ob die übrigen Spongiae sich eben so verhalten, weifs ich nicht; die Gestalt der Fruchtbehälter ist = 3,5p. Dieses Gewächs besteht aus den Faserzellen der Fucoideae ohne ihren Ueberzug. Subordo 7. Fucoideae. Der Sprofstheil ist mit einer Gallerte angefüllt, welche aus Faser- zellen besteht. Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. 195 Da in der Familie der Fueordeae so viele Gestaltungen des Frucht- behälters von Agardh angenommen werden, so sieht man nicht ein, warum die etwas weniger entwickelten Gestaltungen des Fruchtbehälters die Florideae wennen sollen. Ueberhaupt mufs man bedenken, dafs der innere Bau der Fruchtbehälter in allen diesen Gewächsen noch wenig untersucht ist. Agardh hat nach der Stellung und der äufsern Gestalt der Fruchtbehälter sehr geschickt die Gattungen bestimmt, aber die An- gaben vom innern Bau scheint er meistens von Turner genommen zu haben, und dieser wandte viel zu geringe Vergröfserungen an. Auch Lyngby untersuchte mit viel zu wenig vergrölsernden Werkzeugen. Ich habe nur wenige Tangarten genau untersuchen können, denn in allen den Sammlungen, welche mir offen standen, fehlten die Fruchtbehälter nur zu oft. Indessen will ich einige Bemerkungen beifügen. Dafs die doppelten Früchte Keimkörner und Fruchtkörner seyn mögen, wird man bald vermuthen. An Delesseria habe ich auch die Uebereinsiimmung mit den Keimkörnern der Lichenen sehr auffallend gefunden. Nur ist es merkwürdig, dafs die Keimkörner auch oft in besondere Behälter eingeschlossen erscheinen, wenn sie mit den Frucht- behältern an einer Pflanze sich befinden. Dann sind sie in den weifsen Früchten den Ahodomela pinastroides in längliche Schläuche eingeschlos- sen, da hingegen in den kugelförmigen Fruchtbehältern längliche, gestielte Behälter ('sporangiola) liegen, mit einer körnigen Masse erfüllt. Die Sphae- gestielte Körner in ihren Fruchtbehäl- tern, vermuthlich sporangiola, ungeachtet ich kleinere Körner nicht darın rococc! haben gröfstentheils grofse, gefunden habe. In Sphaerococcus rubens, Griffitsiae, striatus sieht man sehr schöne bündelförmig zusammengestellte Schläuche (thecae) wie in den Pezizen. Sie gehen vom Mittelpunkte nach den Umfange. In Po- Iyides lumbricalis sind die Behälter wie sie sich in den wahren Sphaero- coccis finden, mit den Schläuchen der übrigen vereint. Jurcellaria hat Behälter mit einer körnigen Masse erfüllt. In Fueus gehen die Schläuche vom Umfange gegen die Mitte; sie sind in Fucus vesiculosus so, wie ich sie in Schraders Journal vorgestellt habe; in Z. canalieulatus fand ich aber diese Form mit wahren Schläuchen zusammen, so dafs jene wohl nur eine jugendliche Form scheint. In Cistoseira fand ich sehr deut- Phys. Klasse 1824. Bb 194 Lıwx Entwurf eines phytologischen Pflanzensystems. liche Schläuche, alle gefüllt, also keine fila intermixta. An einem andern Orte werde ich diese Untersuchungen mittheilen. Subordo 8. Characeae. üine wahre und regelmäfsige Verästelung. Diese Gewächse haben den innern Bau der Algen; dem äufseren Baue nach schliefsen sie sich an die mehr entwickelten Gestalten des Pilanzenreichs an, und beschliefsen die Reihen der Kryptophyten. — RA — Ueber die Antilopen des nördlichen Africa, besonders in Beziehung auf die Kenntnils, welche die Alten davon gehabt haben. Von mm: "LICHTENSTEIN. mumnmnnnvvvVvYn. [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 11. März 1824.] U nter den Schätzen, welche die Königlichen Sammlungen dem Eifer der Doctoren Ehrenberg und Hemprich zu verdanken haben, be- findet sich auch eine bedeutende Zahl von Antilopen, welche ein Streif- zug, den diese unermüdlichen Sammler im Sommer des Jahrs 1522 von Dongola aus nach Sennaar unternahmen, ihnen verschaffte. Wiederkäuende Thiere aus bisher unzugänglichen, wenig bekann- ten Ländern haben immer ein eignes Interesse, insofern sie als die gröfseren thierischen Formen, zu den am mehrsten in die Augen fal- lenden Wahrzeichen solcher Länder gehören, und über deren Frucht- barkeit und sonstige natürliche Beschaffenheit mancherlei Schlüsse zu- lassen, die in Zusammenstellung mit andern Bestandtheilen der dortigen Fauna ein ungefähres Bild von dem natürlichen Gesamtcharacter des Landes geben. Hier mufste dieses Interesse um so gröfser sein, als eben jene Gegenden den Griechen und Römern zugänglich gewesen sind, und die auffallenderen Thierformen, welche dieselben bewohnen, in den auf uns gekommenen Werken ihrer Schriftsteller sich häufig genannt und beschrieben finden und als diese Angaben in der neueren Zeit so oft zu gelehrten Untersuchungen Veranlassung gegeben haben. Wenn solche Untersuchungen im Ganzen der Wissenschaft wenig Gewinn gebracht haben, so liegt die Ursache davon theils in der Man- gelhaftigkeit und Kürze der älteren Angaben selbst, theils in der be- Bb2 196 LicHTeEnssTteın schränkten Kenntnifs, welche die gelehrten Commentatoren von den Din- gen hatten, über welche es sich handelt, und wenn vollends, wie nicht zu läugnen, selbst durch die besten unter diesen, viel irrthümliche Vorstellungen verbreitet worden sind, so kann man dies nur dem aller- dings verzeihlichen Wahn, in welchem die naturhistorischen Schrift- steller der leiztverflossenen Jahrhunderte befangen gewesen sind, zu- schreiben, als seien ihre Kenntnisse von den natürlichen Erzeugnissen der Erde zur Genüge erschöpfend und als müsse der Aufschlufs zu jeder naturhistorischen Frage des Alterthums aus dem Vorrath der bis dahin zur Kunde gekommenen Thatsachen zu entnehmen sein; der nicht min- der erheblichen Schwierigkeiten gar nicht zu gedenken, welche sich aus dem bei den Alten so häufig zu findenden willkührlichen oder doch wechselnden Gebrauch gangbarer Namen, aus der etwanigen Corruption des Textes, aus dem Verlust der eigentlichen Quellen und Haupt-Be- weisstellen u. s. w. ergeben. In keiner andern Abtheilung der Thierkunde aber hat man sich ängstlicher bemüht, die Namen der Alten auf Bekanntes und Gegebnes zu deuten als bei den Wiederkäuern, und in keiner Gattung ist dies schlechter gelungen als in der der Antilopen, die, ihnen hauptsächlich nur aus dem nördlichen Africa bekannt, je nachdem ihre Gestalt es zu fordern schien, bald dem Rinder-, ‘bald dem Ziegengeschlecht zuge- sellt, bald unter ganz eigenthümlichen Namen bezeichnet wurden. Jede Zeit hat es sich erlaubt, diesen Namen bestimmte Deutung zu geben ; die mehrsten derselben haben aber ihre Bestimmung häufig gewechselt, und man finder sie seit Linne’s Zeit, von allmählich zunehmender und berichtigender Sachkenntnifs der Wahrheit immer näher geführt, in den systematischen Namenverzeichnissen bald als specilische Namen bald als Synonyme von einer Art auf die andre übertragen. Viele, die noch jetzt nicht genügend erklärt werden können, stehen längst in mifsbräuchlicher Anwendung in den Handbüchern, selbst in den Schrif- ten zum Unterricht für die Schuljugend da, und jedem Anfänger in der Zoologie, wenn sich ihm die Schriften der Alten für dieses Studium auch nie geöflnet haben, sind die Namen Bubalus, Dama, Oryx, Strep- siceros, Dorcas, Cervicapra » Tragelaphus u. s. w. wohlbekannte Klänge, mit welchen sich ihm freilich selten andre als sehr dunkle Vorstellungen über die Antlopen des nördlichen Africa. 197 verbinden. Es ist der Zweck gegenwärtiger Abhandlung, den mehrsten dieser Namen eine sichere Erklärung dadurch zu geben, dafs sie zeige, wie die Angaben der Alten so vollkommen auf die Thiere zutreffen, die, nachdem sie seit den Kampfspielen der Römer nicht mehr in Eu- ropa gesehn worden, zuerst durch jene eifrigen Sammler wieder ent- deckt worden sind. Der Erste, der es versucht hat, die gröfstentheils willkührlichen Deutungen von Gefsner, Aldrovand, Bochart, Linne, Shaw (dem Reisebeschreiber), Buffon und Pennant zu sichten und zuläs- sigere Beziehungen zu finden, ist Pallas, der, indem er diese ganze 5 merkwürdige Sippschaft der Wiederkäuer zuerst einer gesonderten Be- trachtung unterwirft und ihr den Namen Antilope (!) beilegt, zu- gleich das Irrige in vielen jener Deutungen nachweiset und mit einer umfassenderen Kenntnifs von den Thieren selbst, nicht nur die Namen welche Griechen und Römer dafür anwenden, sondern auch die, welche sich in den heiligen Schriften und bei den arabischen Schriftstellern dafür vorfinden, zu erklären bemüht ist. Ihm waren nämlich die da- mals im südlichen Africa entdeckten Antilopen-Arten ein Gegenstand genauerer Untersuchung geworden. Viele derselben haben in ihrer Bil- dung manches Gemeinsame mit denen, die das nördliche Africa erzeugt (') Pallas erklärt sich über die Anwendung dieses Namens, indem er (Spicil.XH, p.1.) anführt, was Bochart bei Gelegenheit des Jachmur biblicus von dem Namen Antholops und Anthalopus, die bei den Kirchenvätern vorkommen , sagt, dafs sie nämlich nicht griechisch sondern vielmehr koptisch seien und hirschähnliche Thiere bedeuten. Er fügt hinzu, Linne habe davon den Namen Antilope genommen, den er in der ersten Ausgabe seines Systems einem der fabelhaften Thiere beilege. In der ersten, erst spät so berühmt gewordenen Ausgabe seines Systems hat Linne indessen die Antilope noch nicht in das Verzeichnifs der paradoxen Thiere aufgenommen, sondern dies geschieht erst in der zweiten (Holm. 1740. kl.8vo.) mit den Worten: Antilope, ‚Jacıe ferae, pedibus pecoris, cornibus caprae serratis,; (ganz nach Eustathius im Hexae6- meron). Von daan wird der Name Antilope bald in seiner jetzigen Bedeutung gebraucht ; so findet er sich bei französichen und englischen Schriftstellern derselben Zeit, z.B. in Shaw's Reisen sowohl in der englischen als französischen Ausgabe (1743) wo die Gazelle (Dorcas) U Antilope. commune genannt wird. In der neunten von Gronov besorgten Ausgabe des Linneischen Systems (1756) welcher die französischen Namen beigefügt sind, ist Capra Ga- zella durch 2’ Antilope wiedergegeben. Welcher Schriftsteller aber ihn zuerst im l.atei- nischen vor 1740 gebraucht habe, ist mir noch nicht gelungen aufzufinden. 198 LicHTENSTEIN und man wird es Pallas verzeihn, dafs er sich danach dieselben Formen durch den ganzen africanischen Continent verbreitet vorstellte, wenn man bedenkt, dafs wir ja jetzt kaum erst anfangen, das Wesen der stationären Thiere auf ihren natürlichen Standort, auf dessen Erhebung über der Mee- resfläche, Ebenheit, Trockenheit, mitllere Temperatur, vegetabilischen Reichthum u. s. w. in bestimmtere Beziehung zu bringen und dasselbe als abhängig von diesen constanten Bedingungen zu erkennen, mithin danach auch jetzt erst einer jeden Thierarı ein viel enger umschriebenes eigentliches Vaterland anweisen, als man sonst zu thun gewohnt war. So mufste also auch Pallas, misleitet von dieser einzigen unrichtigen Voraussetzung in öfteren Irrthum verfallen, aber er irrt nach gründ- licher Untersuchung und seine Irrthümer bleiben belehrend, indem sie es zunächst sind, die uns auf den merkwürdigen Parallelismus der bei- den africanischen Faunen diesseits und jenseits des Aequators in den Breiten der Wendekreise aufmerksam machen. Wie in so vielen an- deren Gattungen, so hat auch unter den Antilopen fast jede der nord- africanischen Arten ihr Entsprechendes an der Südspitze ihres vaterlän- dischen Welttheils, ein zunächst Verwandtes nach Leibesgestalt, Haar-, Huf- und Hornbildung, das meistens nach allen diesen Puncten eben so isolirt unter den Gattungsverwandien seiner Gegend dasteht, als sie selbst unter den andern Arten von denen sie zunächst umgeben ist. Wie nahe aber auch oft solche sich entsprechende Arten einander ver- wandt sind, sie tragen immer jede die bestiimmtesten specifischen Merk- male, von denen die mehrsten, indem sie zugleich andern Arten der- selben Gegend zukommen, zugleich einen gewissen Local-Characıer in- volviren, der für die oben angedeuteten Gesichtspuncte gewifs nicht ohne Interesse sein kann. So ist, um Beispielshalber nur Einiges anzu- führen, unter allen Antilopen-Arten die den weit ausgedehnten, trock- nen, lichtreichen,, in unermelslichen Ebenen sich ausbreitenden Raum des nördlichen Africa bewohnen, keine von dunkler Färbung, manche vom reinsten Weifs; im südlichen Africa dagegen, das sich, immer schmaler , zwischen grofsen Meeresräumen hin erstreckt und von der Mitte gegen die Küsten in breiten Abstufungen und ohne dazwischen liegende eigentliche Wüstenstrecken abdacht, kommt diese helle Fär- bung als Gesammtfarbe des Leibes auch nicht ein einzigesmal vor; die über die Antilopen des nördlichen Africa. 199 in den waldıgen Gegenden des Kafferlandes sind tiefbraun, Ant. sylvatica endlich fast schwarz. Das Haar der nordafricanischen ist kurz, dünn, glattanliegend; das der südafricanischen dicht, meist lang, znweilen wollig und an der einen Art, die die höheren Gebirgszüge bewohnt, dem sogenannten Klipp- springer Ant.Oreotragus das dichteste, struppigste und elasuschste, das wir überhaupt an einem wiederkäuenden Thier kennen. Die einander entsprechenden Arten der Antilopen in den beiden gemäfsigten Zonen Africa’s indessen blofs für klimatische Varietäten an- zusehn, hindert uns nicht allein die Unkunde von dem grofsen dazwischen liegenden heifsen Erdstrich und die Vermuthung von dessen gänzlicher Unwirthbarkeit für so grofse Wiederkäuer, sondern auch die so sehr bedeutende anderweitige Verschiedenheit derselben von einander. Nach unsern jetzigen Annahmen über den Begriff der Species können sie dem- nach nicht anders, denn als verschiedene Arten betrachtet werden, und ich stehe nicht an, zu behaupten, dafs nicht eine einzige Art dieser Gat- tung beiden Gegenden gemein sei, dafs alle nordafricanische Arten we- sentliche Verschiedenheiten von den südafricanischen haben. Demnach wäre die Beziehung der alten griechischen und lateinischen Namen auf die südafricanischen Thiere dieser Gattung durchaus unzulässig und um so mehr zu verwerfen, als sich zeigen lüfst, dafs jene Namen gröfsten- theils nur auf die jetzt erst wieder entdeckten und hier zu beschrei- benden Antilopen des nördlichen Africa passen. Vor vielen andern hat mir daher dieser Gegenstand würdig ge- schienen, dafs er der Akademie vorgelegt werde, und ich mufste um so mehr Beruf zu seiner Bearbeitung fühlen, als ich nicht nur eine Ver- pflichtung habe, den Verdiensten der wackeren Naturforscher, denen wir diese Entdeckung verdanken, die gerechte Anerkennung zu ver- schaffen, sondern auch zur Aufklärung eines Gegenstandes beizutragen, der in der neuesten Zeit die Aufmerksamkeit der Zoologen in beson- derem Grade in Anspruch genommen hat. Die Gattung der Antilopen ist nämlich seit Pallas zuerst von mir selbst (!), dann von Herrn (') Magazin der Gesellschaft Naturforschender Freunde 6" Jahrgang 1812 S. 147. 200 LiCcHTEnsTEın Goldfufs ('), ferner von Herrn G. Cuvier (?), demnächst von Herrn Afzelius (?), und zuletzt von den Herren Blainville und Des- marets (*) einer neuen Bearbeitung unterworfen worden, ohne dafs sich Einer von uns rühmen könnte, gerade für diesen Theil derselben etwas geleistet zu haben. Eine neue Zusammenstellung der Arten, die ich beabsichte und zu welcher mich der besondere Reichthum unsers Museums vorzüglich in Hinsicht auf die südafricanischen auflordert, in welcher aber ausführlichere Untersuchungen wohl nicht Platz finden dürften, wünsche ich durch gegenwärtige Abhandlung vorzubereiten. Es scheint mir gerathen, dem was ich über jede Art zu sagen habe, eine kurze Beschreibung derselben voranzuschicken, auf welche sich die Vergleichung der anderweitigen Angaben dann desto leichter beziehen mag. 1. ANTILOPE LEUCORYX Pıaır. Tab. 1. Von der Gröfse des Hirsches, weifs von Farbe, am Halse mit leichtem eisenrosifarbigen Anflug; ein Fleck auf der Surn, Mitte des Nasenrückens und Seitenstreif des Kopfes (von der Wurzel des Horns durch das Auge bis fast zum Mundwinkel) mattbraun, Schnauze rein- weifs. Schwanz wie beim Rind, mit einer weilsen Endquaste, die an der Spitze schwarz ist, bis an das Hackengelenk reichend. Hörner von der halben Länge des Leibes, rund, säbelförmig gekrümmt, bis in die Mitte mit (26-40) Ringen umgeben. Gestalt zugleich zierlich und kräfüg, wenn gleich nicht schlank, sondern wohlgenährt und rund, doch fein im Knochenbau, nur mit etwas aufgetriebenem Fufs- Gelenke. Das Haar sehr kurz, grob, dicht anliegend, nur auf der Mitte des Rückens länger und etwas geswäubt. Auf der Mitte des Kreuzes ist ein Haarwirbel und von diesem bis an den Hals haben diese längeren Haare sämmtlich die verkehrte Richtung nach dem Kopf hin. Von Mähne, Hals- oder Kniebüscheln ist keine Spur da. Die Knie sind vielmehr nackt und schwielig. (') Schrebers Säugethiere, Fortsetzung 1817. (?) Dictionnaire des Sc. naturelles, vol. ilI, pag. 223. (*) Nov. Act. Upsal. Tom.7, p. 257. (*) Now. Bulletin de la Soc. philom. 1816. und Mammalogie II, p.450. über die Antilopen des nördlichen Africa. 201 Ausmessuug nach zwei gleich grofsen Exemplaren ('): Ganze Länge von der Schnauze bis zur Schwanzwurzel 5 Fufs S Zoll. Länge des Kopfes bis mitten zwischen dem Gehörn....„ — 11, — — -gon.da bis zum Widerrüst'..... ce. oe... 1 - Höhe vom :Widerrüst bis zum Boden ..................2 — 14 — rom Kreuz»bis zum Böden... des schnee en ee Umfang des Halses in der Mitte. ......2ceeeececeennce 1 eh 2, sedles, Viorderleih&s. Annan sa a Ber es desiklinterleibeses: 2 var end ae Bd Länge des Unterarms .......ereseeeeseeeeneenenene nn 124 — — der Röhre vom Handgelenk bis zur Fessel......„ — 85 — = dem Bessch de da due = Ns derıV orderhufens se: ern re ee ersder Alierhufesvnas ana ag ee — der Schiene vom Knie bis zum Hacken..........1 — 3> — —... der Röhre vom Hacken bis zur Fessel..........1—- 1 — = der Bessel eu are een = den Hmterhuters rei es: a. ehe se —/ „den At an NE er ee — des Schwanzes von der Wurzel bis zum letzten Wirbel seen ee fa re de — des schwarzen Haars an seiner SP ze er, AO — der Hörner auf der vordern Krümmung........3 — » — — der Hörner auf der Sehne gemessen ............2 — > — Umfang der Hörner,an der Wurzel... used nun — I — —. war. Inder Nein ans In — — — ,6Zoll;yor der Spitze ..........n — 12 — Es leidet keinen Zweifel, dafs dieses Thier der Oryx der Alten sei. Das Epitheton: Getulus, das er bei so vielen Schrifistellern (*) (') Für die Längenmafse kann ich mit ziemlicher Sicherheit einstehn; der Umfang des Leibes kann durch das Ausstopfen der sehr zerschossenen Haut etwas verloren haben. Auch die nach diesem ausgestopften Exemplar verfertigte Abbildung erscheint daher etwas schmächtiger, als das Thier wirklich sein mag. (?) :»Juvenal XI, 140. Martial XIN, 92. Phys. Klasse 1524. Cc 202 LICHTENSTEIN trägt und das Zeugnifs der Aegypter, auf das man sich bei den Anga- ben über ihn stets beruft, beweisen wohl zur Genüge, dafs das Thier, das man darunter verstehn soll, in derselben Gegend zu suchen sei, die uns die oben beschriebene Art geliefert hat. Unter den vielen Stellen bei den Alten, wo des Oryx erwähnt wird, und die Gefsner ziemlich vollständig gesammelt hat, sind wenige, die bestimmte Kennzeichen von ihm en. Der langen Hörner und des manchfachen Gebrauchs derselben wird am häufigsten gedacht, doch ohne irgend etwas davon zu sagen, woraus sich ein Beweis für meine Behauptung entnehmen hefse. Schon wichtiger ist was Plinius (!) von dem Haar sagt, indem er rich- tig bemerkt, dasselbe sei auf dem Mittelrücken in verkehrter Richtung gegen den Kopf hin gewachsen, welches nach oben gegebener Beschrei- bung auf unsre Antilope vollkommen zutrifft. Nur hat freilich die capische An tilope, welche Pallas Oryx nannte, dieselbe Haarbildung, und diese war ihm ein Hauptgrund ihr den alten Namen zuzuwenden. Dasselbe findet sich auch an einigen andern Antilopen, namentlich an 4. Eleotragus, auch das Zebra hat etwas ähnliches. Die ee über den Oryx finder sich bei Oppian (zuvny. Libr. DI, ». 445-488.). Was davon hieher gehört lautet also: ’Esrı Ö8 rs Ögumoisı magerrıos oEurep 05 Sye. aygıoSumos oau&, zovsgös Iygessı Een Todö" Yrcı Ygom jaev dr” eiagıvoro Yırrazros, MoDveaıS due meosu LITT MEerawonEry TI magsicis" demra de oi aEromıs Se 148 reupgeve mtovce Örum. o&: Teer zegcuv de neryagee Avrirrourıv ceiyjaccı ee MEAVEyYgo0V Eidos Ey ourar za Yarzoo Smaroio, uöngou TE agvegpoio, mirsou r Srgrcevrog dgsıcregeu rebverw, 5 ERS: , ‚ IT 2 tapogor® zevenv öde pur Regauessı Aeyovsı ( ): (') Zi. VII, cap.53. Caprae in plurimas. similitudines transfigurantur. Sunt ca- preae, sunt rupicaprae, sunt ibices pernicitatis mirandae, sunt et Oryges, soli qu- busdam dicti contrario pilo vestiri et ad caput verso. Sunt et Damae et Pygargi et Strepsicerotes multaque alia haud dissimilia. Sed ülla Alpes, haec transmarini suus millunt. (?) In Schneider’s Uebersetzung: Est autem quaedam sylwarum incola, acutis cornibus fera, saevus Oryx, formidandus bestiis maxime. Huius color quidem tan- quam verni lactis, solis in facie nigricantibus genis. Duplex autem ei pone dorsum, opi- über die Antlopen des nördlichen Africa. 203 Diese poetische Schilderung enthält nichts, das nicht vollkommen auf unsre Antilope palfste; die milchweifse Farbe, die nur an den Wangen dunkler ist, das zu beiden Seiten des Hinterrückens liegende Feist und die spitzen, langen, harten, schwarzen Hörner, von denen der Dichter sogar die ganz richtige Bemerkung erfahren hat, dafs sie hohl sind (!), dies Alles trifft vollkommen zu und man hat nicht mehr nöthig, wie bisher, eine dichterische Uebertreibung anzunehmen, um eine Deutung dieser Stelle zu finden. Wie der Name Oryx mit dem Gebrauch, den das Thier selbst von seinen Hörnern macht, oder zu dem man es beim Ackerbau an- wendete und wonach man später selbst einen Theil des Pfluges so be- nannte, zusammenhängt, ist eine Frage, zu deren Erörterung ich mich nicht hinreichend gerüstet fühle. Aus allen Stellen aber, die dafür an- geführt werden können, z.B. bei Agatharchides, Strabo und Lam- pridius, geht hervor, dafs diese Hörner durch ihre Länge, Schärfe und Härte ausgezeichnet seien; nur erwähnt Niemand der Ringe, mit welchen sie an der unteren Hälfte umgeben sind; auch wird nirgends gesagt, ob sie völlig gerade oder etwas gebogen sich zeigen. Herodot erzählt (Zi. IV.): Bei den africanischen Hirtenvölkern gebe es unter andern vielen wilden Thieren die Oryges, von der Gröfse des Rindes, aus deren Hörnern die Arme der musicalischen Saiten -In- strumente verfertigt werden (rav za ra zegea reisı pewıkw &ı mnyeıs Foruvraı) zu welchem Gebrauch, eben wegen der Ringe, die Hörner unsers Oryx sich auch vorzüglich zu eignen scheinen. Aristoteles (?) erwähnt bekanntlich des Oryx als einhor- nig und Plinius schöpft aus ihm, wenn er sagt (°): Solda un- mum adipe: Acuti porro cornuum alte prominent mucrones tetri, nigri specie, qui aeri aculo, Ferroque atrocı, saxoque duro praestant, venenali; cava vero cornua nalura esse arunt. (‘) Es wird hier wahrscheinlich nur im Gegensatz gegen solides Hirschgeweih, das Horn huhl genannt. Doch wäre vielleicht auch möglich, dafs den Beobachtern die an- sehnlichen inneren Knochenhöhlen, die sich bis zum zweiten Drittheil der Länge in dem Stirnzapfen hinauf erstrecken, aufgefallen wären. (*) Arist. hist. anim. Lib.1l, cap.1. und .de part. anim. Lib.1U, cap. 2. EN FTZID. XL, cap. 16. Cce2 204 LicTEenstein gula et bicorne nullum. Unicorne asinus tantum indicus, nnicorne et biswWeeum Oryı. Wenig Vorstellungen aus dem Thierreich haben zu allen Zeiten so sehr, zugleich den Wunderglauben des Volkes, die Phantasie des Dichters und den Forschungsgeist der Gelehrten in Anspruch genom- men, als die vom Einhorn. Ich will den Streit hier nicht anregen, der wenigstens durch P. Camper (!) nicht geschlichtet zu sein scheint, ob man das Dasein eines vierfülsigen und zwar ein- oder zweihufigen Thiers mit einem wahren von Hornmasse überzogenen Stirnzapfen, der nach ursprünglichem Bildungsgesetz immer nur in der einfachen Zahl vorhanden, in der Mitte des Kopfes stehe, aus physiologischen Gründen für unstatthaft halten solle oder nicht. Mag man die Entdeckung eines solchen Wesens immerhin noch von der Zukunfi erwarten, soviel scheint mir gewifs, dafs man die Stellen der heiligen Schrift, so wie die mehrsten bei den Profanscribenten, we des Einhorns erwähnt wird, nicht anders als von diesem unserm Oryx verstehn könne. Namentlich bezeichnet das Wort zu” oder 27 (Reem oder Rem) in der Bibel, das von allen Uebersetzern durch Einhorn wiedergegeben zu werden pflegt, wie schon Bochart(?) sehr gelehrt erwiesen hat, unläugbar ein Thier aus der Antilopen-Gattung und die arabischen Schriftsteller, deren Zeug- nifs hier die mehrste Gültigkeit hat, erklären das Wort Rim (=,) ge- vadezu als den Namen einer Gazelle von rein-weifser Farbe, die sich in sandigen Gegenden aufhalte (°). Bochart gelangt in seiner Unter- suchung zu dem Resultat, diese Gazelle könne keine andre, als eben der Oryx der Alten sein, und derselben Meinung sind, wenn gleich (') Schreiben an die Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin, in deren Schrif- ten 7* Band (oder Abhandlungen 1" Band) S. 219. (*) Hierozoicon Lib. ll, cap. 26 eı 27. Letzteres führt die Ueberschrift: Probatur, Reem non esse Monocerotem nec Urum, sed bicornis capreae speciem aut Orygem. In der Rosenmüllerschen Ausgabe (ll, S.351) wird schon das Rim der Araber durch die Pallassche Ant. Leucoryx erklärt. Man vergleiche auch Hierozoicon Lib. VI, e.12. de Monocerote. (°) So z.B. Alcamus, Giggejus, Damir, Alasmajus u.A. Vgl. Niebuhr Beschreibung von Arabien, Vorbericht $. 38, wo erzählt wird, dafs noch jetzt zu Haleb unter dem Worte Rim eine weifse Gazelle verstanden werde. a über die Antilopen des nördlichen Africa. 20 unter mancherlei Bedenken, Michaelis('), Walther (?) und Meyer (°), bei welchen alles zu finden ist, was sich über diesen Gegenstand sagen liefs, so lange das Thier selbst, um welches es sich handelt, nur aus den Schriften und nicht in der Natur bekannt war. Die Haupt-Bedenken und Zweifel gegen die obige Meinung mulfs- ten nämlich immer daraus entspringen, dafs sowohl dem Oryx an den mehrsten Stellen, als dem ARim der Araber zwei Hörner beigelegt werden, das einhornige Reem also von beiden ganz verschieden sein müsse, was denn zu der Annahme führte, es habe mindestens zweierlei Landthiere (*) gegeben, welche beide von den Alten Oryx genannt worden seien. Diese Zweifel lösen sich dahin auf, dafs der Oryx in einem un- gewöhnlichen Falle von Verstümmelung, der aber im Alterthum nicht so schr selten gewesen sein mag, auch als einhorniges Thier vorkommt. Vermuthen liefs sich dieses schon aus der Analogie mit ähnlichen Er- scheinungen, z.B. an der Ant. Saiga, deren Beispiel Pallas zur Be- gründung seines Urtheils über das Einhorn als fabelhaftes Thier, zu Hülfe ruft (5). Dieselbe Vermuthung habe ich in meiner Abhandlung über die Antilopen, bei Gelegenheit der Ant. Leucoryx ausgesprochen. Bestätigt aber wird sie aus den bildlichen Darstellungen von unsrer An- tilope, die sich in den inneren Räumen der Pyramide von Memphis finden (°). Hier werden Beschäfugungen des Landlebens vorgestellt, un- ter andern Männer, die den Oryx theils an den Hörnern, theils an um den Hals geworfenen Seilen führen, theils mit Stecken vor sich her (') Supplem. ad lexica hebraica. Pars\Vl, p.2213. () In Eichhorn’s Repertorium für Bibl. Litteratur. 16° Theil S. 101. (°) Versuch über das vierfüfsige Säugethier Acem der heiligen Schrift, vom Dr. B-A.A. Meyer, Leipzig 1796. Die Nachrichten vom Oryx sind hier sorgfältig zusammenge- stellt, auch die Meinungen, dafs unter dem Einhorn der Rhinoceros oder eine Rinder- Art verstanden sein könne, geprüft, weshalb hier dies Alles übergangen und auf diese Schrift verwiesen werden kann. (‘) Der Oryx marinus des Strabo mag wohl wie Schneider annimmt, der Narval sein, wenn anders Gefsner nicht Recht hat, der einen Delphin (Orca) darunter ver- muthet, was wenigstens zu der Gegend, von welcher die Rede ist (den gallischen und spanischen Küsten) besser pafst. (?) sSpieil. zool. Fasc. XI, pP. 35 et 63. (°) Description de U’ Egypte, Vol.N, Tab. 18. fig. 9 et 10. 206 LiCcHTENnSTELN weiben, wie wenn sie mit seiner Bändigung oder Zähmung beschäfugt wären. Unter den fünf Gruppen dieser Art, die unter der zu dieser Abhandlung gehörigen Abbildung des Oryx (Tab. I.) wiedergegeben sind, stellen zwei das Thier mit dem Doppelhorn von natürlicher Gestalt und tichtung dar, die drei andern dagegen mit einem einzigen Horn das auf verschiedne Weise gekrümmt und verdreht ist. Diese Darstellungen sind unläugbar von grofser Wichtigkeit für die vorliegende Frage. Dafs der Ory.x wirklich damit gemeint sei, läfst sich aus der Uebereinstimmung mit der Gestalt unsers Exemplars leicht darthun, denn dafs sie etwas plumper von Gestalt und von kürzeren Läu- fen sind, liegt entweder an der Unbeholfenheit der älteren Plastik oder daran, dafs das ausgestopfte Exemplar unsers Museums, dessen Haut sehr zusammengeschrumpft war, etwas zu schlank gerathen ist (!). Dem- nächst scheint mir die Hauptstelle der heiligen Schrift, aus welcher man die Unbändigkeit des Einhorns beweisen will (?), nicht sowohl anzudeu- ten, dafs es überhaupt nicht gezähmt, als nur, dafs es nicht zu den Ge- schäften des Ackerbaues abgerichtet werden könne. Selbst die Ausführ- lichkeit mit welcher der Dichter solchen Versuch als vergeblich schil- dert, lälsı vorausseizen, dafs ihm Beispiele davon vorschwebten. An einer andern Stelle (°) werden die Einhörner geradezu unter den Haus- thieren genannt. Wiederum ist einmal (*) bildlicherweise die Rede von (') Herr Dr. Ehrenberg, der eben beim Abdruck dieser Abhandlung wieder bei uns eintrifft, erklärt, das letztere sei der Fall und die Antike gebe die Gesammtgestalt des Thiers sehr treu wieder. (7) Buch Hiob Cap. 39. Vs. 12-15. ,,Meinst du, das Einhern werde dir dienen und werde bleiben an deiner Krippen? — Kannst du ihm dein Joch anknüpfen, die Furchen zu machen, dafs es hinter dir brache in den Gründen? — Magst du dich auf es verlassen, dafs es so stark ist? Und wirst es dir lassen arbeiten? — Magst du ihm trauen, «dafs es deinen Samen dir wieder bringe und in deine Scheune sammle?” (°) Jesaia Cap. 34. Vs.7. ,‚Da werden die Einhörner sammt ihnen (den Lämmern und Böcken) herunter müssen und die Farren sammt den gemästeten Ochsen.” Auf ähn- liche Weise wird des Orya als eines Hausthiers gedacht bei Heliodorus (Hist. dethiop. Lib.10. der von der Persina, Königin der Aethiopier erzählt, sie habe zu Opfern und Gastmälern angewendet Bosv re ayznas, zu Inmov zu meoßaruv, Sgdıyan TE zn youzwrv. (Nach Bochart’s Verbesserung a.a.O.) (*) Psalm 29. Vs. 6. ,,Und (die Stimme des Herrn) macht sie lecken (hüpfen, springen) wie ein Kalb, Libanon und Sirion wie ein junges Einhorn. über die Antilopen des nördlichen Africa. 207 der Zierlichkeit des jungen Einhorns, und daraus zu schliefsen, das Thier müsse in diesem seinem jugendlichen Zustande bekannt genug gewesen sein, um ein allgemein verständliches Bild davon entlehnen zu können. Wurde es also jung eingefangen und gezähmt? Die son- derbare Hörnerform der einhornigen auf unserer Abbildung läfst dies fast vermuthen. Denn solche Verdrehung der Hörner geschieht nicht in natürlichem Wachsthum, sondern kann nur durch die Hand des Men- schen geschehn, wie noch heute die Kaflern ihrem Rindvieh die son- derbarsten Gestalten des Gehörns geben, um ihren Stofs minder gefähr- lich zu machen, welche Absicht auch eben bei der Zähmung des Oryx sehr nahe gelegen haben muls. Ueberhaupt ist an keiner Stelle der heiligen Schrift von dem Reem geradezu behauptet, dafs es nur ein Horn habe, an keiner findet sich etwas zu seiner bestimmteren Charakteristik. Der Hauptgrund ein ein- horniges Thier unter dem Reem zu verstehn, liegt lediglich darin, dafs die Septuaginta dieses Wort durch Movoregws übersetzen. Wie aber an dem Ort, wo die Uebertragung der heiligen Bücher der Israeli- ten in die griechische Sprache geschah, der Oryx zugleich den Namen des Monoceros gehabt haben könne, scheinen mir die memphischen Bil- der leicht zu erklären, indem sie ihn sowohl einhornig als zweihornig vorstellen. Indem ich gelehrteren Sprachforschern und Alterthumskennern die Prüfung dieser Meinung überlassen mufs, bemerke ich nur noch, dafs die beiden Einhorne, welche Ludovico Barthema oder Vartomanus (!) im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts zu Meckha gesehn, höchst- wahrscheinlich nur solche einhornige Oryges, gewils aber Thiere aus der Antilopen-Gattung gewesen seien. Sie waren dem dorügen Sultan als ein kosıbares Geschenk von einem Könige aus Aethiopien gesandt worden, also africanischen Ursprungs und auch in ihrem Vaterlande Seltenheiten. Die Abbildungen des Einhorns welche Bochart, wo er des Barthema erwähnt (*), ohne weitere Erklärung hinzufügt, ha- ben gar keinen Werth, denn sie sind ganz offenbar aus blofser Vorstel- (') Beim Ramusiol, fol. 163 B. ed. Venet.1563, auch beim Purchas Pilgr. p. 1189. (?) Hierozoicon III, cap. 26. pag. 953. 208 LICHTENSTEIN lung entworfen, stimmen nicht zu Barthema’s Beschreibung und sind auch nur Copien einer alten italienischen Kupfertafel, die Bochart von dem gelehrten Philologen Huet erhalten hatte. Diese Abbildung war es daher wohl kaum werth, dafs sie Meyer zu seiner Schrift über das Reem noch einmal copiren liefs. Wenn man ein grofses Gewicht darauf legen will, dafs Aristoteles und Plinius den Oryx einhernig nennen, so darf man dagegen auch nicht unerwähnt lassen, dafs er sogar auch vierhornig genannt wird. Aelian(!) führt solche vierhornige Oryges unter anderen grofsen Sel- tenheiten aus dem Thierreich (zahme 'Tiger, gebändigte Parder, schnell- füfsige Rinder, gelbe Tauben und weilse Allen) an, welche die Indier ihrem Könige bringen. Gewils ist hier von einer ungewöhnlichen Aus- nahme, von einem in der Regel zweihornigen, nur in selinem Natur- spiel vier Hörner tragenden Thier die Rede, wie denn auch Pallas, eben in der vorhin angeführten Stelle, ohne Beziehung auf diese An- gabe Aelians, von der Antilope Saiga erzählt, es gebe davon Männchen mit überzähligen Hörnern. Wir kennen zwar auch eine Antilope qua- driecornis, eine neuerlich entdeckte, wegen natürlicher Vierhornigkeit höchst merkwürdige Art, von welcher sich ein Schädel in der Samm- lung des Dr. Brookes zu London befindet. Diese aber, da sie in Hinter- Indien zu Hause gehört, wird wohl schwerlich von Aelian gemeint ge- wesen sein können. Künfuge Beobachter werden an unserem Oryax noch Gelegenheit zu mancher interessanten anatomischen Untersuchung finden. Denn so ganz ohne alle Begründung kann doch die vielbesprochene Stelle bei Plinius (?) nicht sein: Orygem perpetuo sitientia Africae generant et natura loci potu carentem et mirabili modo ad remedia sitientium. Namque Gaetuli latroncs eo durant au«ilio, repertis in corpore eorum saluberrimi liquoris wesieis. Pallas (°) ist geneigt dies daraus zu erklären, dafs die Antlopen viel an Hydauiden im Netz leiden, die, meint er, an einem so grofsen Thier nicht unbedeutend sein können. Man mufs gestehn, dafs (') De natura animalium. Lib. XV. cap. 14. (2) ı Zib.X,, cap: 73. (?) sSpieil. zool. XI, p. 64. über die Antlopen des nördlichen Africa. 209 dies wenigstens immer noch eine natürlichere Erklärungsart ist, als wenn man annehmen wollte, diese Antilope könnte einen Kamelmagen mit Wasserzellen haben. Wichtiger, zumal für die Beurtheilung der Meinungen, welche die Aegypter selbst von dem Oryx gehabt zu haben scheinen, ist folgende andre Stelle bei Plinius (?): Orygem appellat Aegyptus feram, quam in exortu caniculae contra slare et contueri tradit ac velut adorare cum ster- nuerit. Fast mit denselben Worten gedenken dieser ägyptischen Sage Damascius beim Photius und Aelian(?). Letzterer fügt noch hinzu: die Libyer rühmten, dafs ihre Ziegenheerden den Aufgang des Sirius vorherwüfsten und den Regen vorempfänden. Es ist bekannt, wie wich- wg den Aegyptern der heliakalische Aufgang des Hundsterns wegen sei- nes Zusammentreffens mit dem Anschwellen des Nils war. Alle Naturer- scheinungen, die zu dieser Zeit sich zeigten, erhielten dadurch eine ge- wisse Wichtigkeit und wurden auf das Segens-Gestirn bezogen. Manche, zumal in der belebten Natur, mochten auch wohl in ziemlich nahem Zusammenhang mit den Ursachen der Nil-Anschwellung stehn. Die Menge des fallenden Regens in den inneren Gebirgsgegenden, selbst die herabströmende grofse Wassermasse im Nilthale mochten durch ihre Ver- dunstung Veränderungen in der Atmosphäre hervorbringen, die sich mit- telst der periodischen Luftströme weit in das Innere Libyens fortpflanzten und eben auch in dem Leben der dortigen Thiere periodische Erschei- nungen bedingten. Viele Anulopen-Arten des südlichen Africa wan- dern alljährlich in gewissen Jahreszeiten nach bestimmten Richtungen, nämlich dem Lufistrom entgegen, der sie einmal (zur Zeit des Südost- passats) an die waldigen Küsten lockt, in der entgegengesetzten Jahrs- zeit aber, bei dem Regen bringenden Nordostwind, zu den dann reicher begrasten Karroo-Ebenen hinzieht. Sollte bei den nordafricanischen Antilopen der überhaupt bei den Wiederkäuern so stark entwickelte Geruchssinn und die Empfindlichkeit gegen Wasserverdunstung in der Atmosphäre (?), schwächer sein, als wo ich jene periodische Wande- (') Zib.1I, cap.40. (?) Zi. VI, cap.8. (°) In trocknen Ländern wittern Rinder und Kamele die Flüsse und Quellen auf meilenweite Entfernung. Phys. Klasse 1824. Dd 210 LICHTENSTEIN rungen beobachtete? Es läfst sich gewifls denken, dafs der anschwel- lende Nil und die zu dieser Jahrszeit reichere Vegetation seines Thal- weges, die Thiere der libyschen Wüste von weit her herbeilockt; deren Züge gehn dann von Westen nach Osten, sie scheinen alle nach Mor- gen zu schauen, das aufgehende Gestirn anzubeten. Auf den Oryx hat dann der veränderte Aufenthalt, vielleicht die Nahrung von frischen Kräutern, noch andere Wirkung. Miscürı de ei aürcı Segureural Fed dos red mgosıgnaevou (eV Zapamıdos) nal Tov oguya* Tode alrıov, dmogrgabeis mpös TNV dva- ToANY TAV FoV AAlov TE FEIITTE TNS Eaurov Toodns Eu Ir, Hariv Ayurrisa (*): Einen andern Grund dieses Hasses giebt Orus (?) an. ,‚Wenn der Oryx,'' sagt er, ‚„‚in der Wüste an einen Ort kommt, wo Wasser ist, so trübt er dasselbe, nachdem er getrunken, mit seinen Lippen und verun- reinigt es mit seinem Unrath, scharrt auch Staub mit den Füfsen hin- ein, dafs es anderen Thieren zum Trank nicht mehr taugt. Und weil nun die Göttin (Isis) alles, was in der Welt Nützliches, zeugt, vermehrt und belebt, so mufs der Oryx wohl gotwlos und undankbar gegen sie erscheinen (°).”’ In der That lernt man auch aus den bildlichen Darstellungen der Aegypter, dafs der Oryx ein unheiliges Thier gewesen sein müsse. Auf keiner Abbildung in den Tempeln, Grabmälern und an den Todten- kisten, auf keiner der Papyrus-Rollen, die jetzt unsre Bibliothek zieren und so reich an bildlichen Darstellungen sind, ist eine Spur vom Onyx oder dessen Hörnern anzutreffen , so häufig sich auch die Hörner der Gazelle (Ant. Dorcas) darauf nachweisen lassen. Jene oben angeführten Bilder aus den memphischen Pyramiden, die nur die Geschäfte des Land- lebens darzustellen scheinen, sind die einzigen mir bekannten auf welchen der Oryx vorkommt, und wenn bei den früheren Erklärern ägyptischer Bilder so oft von Oryxhörnern die Rede ist, so beweist dies nur, dafs man sich eben nichts bestimmtes bei diesem Namen gedacht und ihm eine ganz allgemeine Bedeutung gegeben habe. (') Aelian. Zib.X, cap. 28. (?) Hierogl. Lib.1, cap.46. ©) Propter haec, immunditei et turpitudinis hieroglyphon altque in tantum odio- sum habebatur animal, ut solum Aegypti sacerdotibus in cibum esset damnatum. Pall. Spiel. z. XII, p. 61. über die Antilopen des nördlichen Africa. 311 Wiewohl nun dieses Thier schwerlich je anders als etwa in den Kampfspielen der Römer, lebend in Europa gesehn worden und die von unsern Reisenden übersandten Exemplare unläugbar die ersten sind (!), aus welchen sich sein Vorhandensein in dem Begriff der Alten erwei- sen läfst, so ist doch schon Kunde davon in vielen Werken der letzt- verflossenen Jahrhunderte. Aufser den schon oben, bei Gelegenheit des Einhorns, erwähnten Zeugnissen sind noch folgende wichug genug, angeführt zu werden. Der Pater Vincent Marie sagt im 12“ Cap. um seiner Reise: ‚Ich habe in Mascat, einer Stadt des steinigen Arabiens, eine Art wilder Ochsen gesehen, von glattem, weifsen Haar, wie das des Hermelins; so wohlgebaut, dafs es mehr einem Hirsch, als einem Ochsen glich. Nur waren die Beine kürzer, aber fein und zum schnel- len Laufe geschickt, der Hals kürzer, Kopf und Schwanz wie beim Rind, aber schöner gebaut, mit zwei schwarzen, harten, dünnen und langen Hörnern von drei oder vier Palmen Länge, mit Ringen umgeben, die wie gedrechselt oder schraubenförmig gestaltet aussahn.” Diese Beschreibung pafst genau auf unsern Oryx. So erwähnt Jablonsky (*) bei Gelegen- heit einer Erklärung des vermeintlichen Oryx-Opfers auf der Bembi- nischen Isis-Tafel des Berichtes von Paul Lucas, der in der Beschrei- bung seiner dritten Reise durch Aegypten (1714) folgendes erzählt: Es finden sich dort viel wilde Ziegen, die bei den Alten Oryges hiefsen. Sie wandern heerdenweis durch die Berge. Im Haar und Schwanz gleichen sie den Ziegen, in den Vorderfüfsen aber, die etwas kurz sind, den Dammhirschen. Der Hals ist lang, ohne Bart und schwärzlich. Sie haben gerade Hörner, die aber gegen die Spitze hin etwas gekrümmt sind. Im Jahr 1717 fand Herr John Lock, Agent der Östindischen Compagnie zu Ispahan, in dem Park des persischen Sultans zu Kassar, zwei Antilopen dieser Art, von welchen er Abbildungen verfertigen liefs und nach London übersandte, wo Herr Pennant sie im Britu- schen Museum fand und zu seiner Synopsis of Quadrupeds benutzte. Er macht sie dort unter dem Namen der weifsen Antilope, unter Bezie- (') Später ist auch diese Antilope durch Herrn Rüppelan das Museum zu Frank- furt gesandt worden. (?) Opuscul U, p. 234. Dd 2 212 LicHTEensTtEiIn hung auf die obige Stelle beim Oppian, bekannt. Pallas hatte in- zwischen in den Petersburger Commentarien (!) ein Horn beschrieben und abgebildet, das er in der dortigen Kaiserlichen Sammlung gefunden, und für das Horn des Oryx erkennt, und auf diese unterschiedenen Data gründet er dann die neue Art Ant. leucoryx, die im 12'= Fascikel seiner Spicilegien, unter Anführung Oppian’s, zuerst erscheint. Lock’s An- gabe, diese Art sei auf der kleinen Insel Baharein im Golf von Bassora zu Hause und die Nachricht des Pater Vincent Marie verleiteten in- dessen zu der Annahme, es sei ein asiatisches Thier, wiewohl sich jeızt leicht annehmen läfst, dafs es als seltnes Geschenk den asiatischen Für- sten aus Africa zugesandt worden. In Shaw’s Zoology (Yol.U, P.1I, p. 315.) ist dann das in London befindliche Bild im Kupferstich wieder- gegeben, nnd Herr Professor Goldfufs hat dasselbe in seiner Fort- setzung des Schbreberschen Säugethierwerkes danach copirt und colo- viren lassen (7ab. 156 B.). Auf diesen Bildern ist das Thier liegend vor- gestellt, in der Ansicht von vorn, so dafs die Verkürzungen kein siche- res Urtheil über die Körper-Verhältnisse zulassen. Die Zeichnung des Kopfes stimmt wohl zu unserm Oryx, nur reicht der Backenstreif nicht ganz bis an das Horn und das Dunkel ist viel stärker aufgetragen. Auch findet sich ein breites dunkles Querband über jedem Vorderlauf, das unsre Exemplare nicht haben. Die Hörner, da sie fast ganz aus der vordern Ansicht gezeichnet sind, erscheinen fast gerade, heifsen aber in der Beschreibung leicht gekrümmt. Die Ringe an der unteren Hälfte sind nur leicht angedeutet und spiralförmig geführt. Wiewohl viele der hier angeführten Abweichungen von der Bil- dung unsers Oryx es zweifelhaft machen können, ob man ihn in dem Leucoryx des Pallas wieder erkennen solle, so sind sie doch nicht er- heblich genug, um beide für Wesen unterschiedener Art zu halten, und namentlich ist die stärkere oder schwächere Krümmung der Hörner kein Grund, eine solche Verschiedenheit anzunehmen. Unsre Reisenden ha- ben nämlich aufser den beiden ganzen Exemplaren noch einige lose Hörner mitgesandt, die im Allgemeinen ganz von derselber Bildung, dennoch in dem Grade der Krümmung und der Zahl der Ringe von (') Nov. Commentariüi Academiae Petropolitanae Vol. Xlll, p.468. über die Antilopen des nördlichen Africa. 243 einander eben so verschieden sind, wie von den bei Buffon (!) und Pallas (?) abgebildeten Hörnern, so dafs ich nicht zweifeln kann, es müssen diese sämmtlich einer und derselben Thierart, nämlich eben dem Oryx der Alten angehören. Die mindeste Krümmung ist die eines Horns von 36 Zoll Länge, das auf der Sehne 34 Zoll ımifst (beinahe wie das von Pallas abgebildete); die stärkste dagegen findet sich an dem einen ausgestopfien Exemplar, dessen Hörner ebenfalls 36 Zoll messen, aber in gerader Linie zwischen dem hintern Rand des ersten Ringes und der Spitze nur einen Raum von 32 Zoll haben. An dem andern ausgestopften, sonst ganz gleichen Exemplar, sind sie merklich gerader. Beide haben eine gleiche Zahl der Ringe, nämlich 26, deren letzter noch nicht die Mitte des ganzen Horns erreicht. Unter den losen Hör- nern, die zugleich die ansehnlichen Höhlungen der Strnzapfen gewah- ren lassen und unter einander in den Verhältnissen des Umfangs zu der Länge ganz übereinstimmen, hat eins 33, eins 40, eins sogar 48 Ringe, von denen aber dennoch der letzte nicht weit über die Mitte des Hornes gröfser als bei den vorigen, nur stehn die Ringe gedrängter, sind aber ın demselben Verhältnifs auch weniger erhaben und kräftig. Aus diesen Verschieden- hinausgeht; der geringelte Theil des Horns ist also kaum heiten lassen sich also auch die abweichenden Angaben über die Richtung der Hörner erklären, die so mancherlei Zweifel und selbst den Haupt- mifsgriff in der Erklärung des Ory.x der Alten, durch den capischen so- genannten Gemsbock veranlafst haben, der von Pallas unter dem Na- men Ant. Oryx in die systematischen Verzeichnisse eingeführt ist. Beide aber unterscheiden sich wesentlich in folgenden Punkten. Der südafricanische Oryx oder Gemsbock ist erstlich wohl reichlich um das Doppelte gröfser, und dabei sind die Hörner an sich schon kürzer, also noch viel mehr im Verhältnifs zur Körperlänge. Beim ägyptischen Oryx messen sie fast die Hälfte der Leibeslänge, hier kaum ein Vier- theil. Sie sind ferner hier fast gerade, auf der vorderen Krüm- ° mung 325 Zoll lang, auf der Hinterseite nach der Sehne gemessen Gy Bistsinat:! VoLRIL. tab. 33, f1: (?) Nov. Comment. Petrop. Vol. XII, tab. 10. und ‚Spieil. z0ol. Fasc. XII, tab.3.f-1. 214 LICHTENSTEIN nicht weniger als 31 Zoll, dabei ansehnlich dicker und ihr Umfang ist an der Basis 6- Zoll, in der Mitte 4, Zoll, vor der Spitze 6 Zoll, beim Oryx dagegen: an der Basis 5 Zoll, in der Mitte 4 Zoll, vor der Spitze 24- Zoll. Die Zahl ihrer Ringe wechselt an vier Paaren, die ich zur Vergleichung vor mir habe, zwischen neunzehn und vierundzwanzig. Der letzte derselben reicht aber immer weit über die Mitte hinaus und die vorletzten sind weit von einander abstehend, breit aber flach, die unteren vorzüglich kräftig und hoch gegen die dazwischen liegenden ge- furchten Vertiefungen. Die oben angeführte Kupfertafel bei Buffon (XI, 33.) stellt die Hörner beider Arten neben einander dar. Die flüch- tigste Vergleichung läfst keinen Zweifel, dafs sie unterschiedenen Thie- ren angehören, wie Buffon auch selbst annimmt. Ferner ist der ca- pische Oryx in Farbe und Haar auffallend vom ägyptischen verschieden. Die einzige Uebereinsimmung in Hinsicht auf dem ersten Punkt ist, dafs auch hier das Haar, wie schon oben erwähnt, längs dem Rückgrat, vom Kreuz bis zum Kopf rückwärts läuft. Das Haar ist übrigens aber durchgehends länger, reicher und dichter. Die Farbe ist rothgrau, auf der Mitte des Rückens dunkler; ein Stweif von den Weichen bis zum Ellenbogen, der Seitenstreif des Kopfes vom Horn zum Mundwinkel, der Nasenrücken, ein Stirnfleck in Gestalt eines V und der Unterhals sind schwarzbraun, desgleichen eine breite Binde über jedem der Vor- derschenkel. Wenn nun gleich in dieser Zeichnung des Leibes so viel Aehnlichkeit mit dem Oryx liegt, dafs man daraus Cuvier entschul- digen mufs, wenn er sie beide nur als Varietäten einer und derselben Art will gelten lassen, so sind doch die übrigen Punkte völlig entschei- dend und wem noch Zweifel bleiben, der vergleiche die oben ange- gebenen Dimensionen mit den Verhältnissen des capischen Oryx, die in den neuern systematischen Werken angegeben sind, und betrachte sich beide Arten neben einander. In Hinsicht auf die systematischen Namen beider dieser Arten wird sich wohl jeder Zoologe mit mir dahin vereinigen, dafs es bei den von Pallas gegebnen, nun schon ein halbes Jahrhundert gültig gewesenen Benennungen verbleiben müsse und dafs der Name Oryx also nicht wieder in sein ursprüngliches Recht eingesetzt werden könne, wenn nicht eine Verwirrung angerichtet werden soll, die durch die ge- über die Antilopen des nördlichen Africa. 215 ringen Vortheile einer vollkommen richtigen Anwendung jenes Namens schwerlich aufgewogen werden dürfte. Schliefslich habe ich noch zu bemerken, dafs diese Antilope nach Herrn Doctor Hemprich’s Bericht bei den Arabern des Sudan den Namen Abu-harbe führt. I. ANTILOPE ADDAX n.(‘) Tab. I. Diese Art ist von Gröfse und Gestalt eines Esels (über 6 Fuls lang und 3 Fufs hoch) von feistem Körperbau, ganz weils von Farbe, doch am Oberhals mit bräunlicher Beimischung und fast ganz braunem Kopf. Dieser hat nämlich einen dunkelrothbraunen Scheitelfleck , der hinter den Hörnern einen Halbkreis von 5 Zoll Halbdurchmesser ein- nimmt, vorn aber zwischen den Hörnern bis über die Stirn in bogen- förmigem Umrifs (44 Zoll weit) vorwitt; vor den Augen zieht sich ein (in der Mitte 14-Zoll breites und 7 Zoll langes) schneeweifses Querband bis an die Wangen hin, die dann selbst samt der Schnauze mattbraun von Farbe sind. Ueber den Mundwinkeln wird die Farbe wieder hel- ler und zu beiden Seiten der Nase zeigt sich über den Lippen ein schmuzigweifser Streifen. Der Schwanz ist 10 Zoll lang, an der Spitze mit einer 2 Zoll langen Quaste von schneeweifsen Haaren besetzt. Die Behaarung ist kurz, grob, dicht anliegend, nur der dunkle Stirnfleck trägt längeres, sich von der Mitte gegen den Umfang aufkrümmendes und die Wurzeln des Gehörns deckendes Haar. Die Ohren messen 6 Zoll Länge und nach dem mittleren Umfang 34-Zoll Breite, sind aufsen mit dicht anliegendem, innen mit längerem, abstehenden, weifsen Haar be- kleidet und nur an der äufsersten Spitze schmutzig rostfarben. Die Hörner liegen in der Ebne des Nasenrückens, sind lang, spiralförmig gedreht und mit Ringen umgeben, und zwar unter folgenden genaueren Bestimmungen: An der Wurzel erscheinen sie nicht ganz rund, son- 5 dern von vorn nach hinten unmerklich zusammengedrückt, nach der: in- _. (!) Der Strepsiceros und Addax des Plinius. Nur der letzte dieser beiden Namen kann zur Bezeichnung der Art im System gebraucht w erden, da der erste bereits einer } andern Art Lugenerläet worden. 216 LicuTEnsTeın neren Seite am mehrsten von der kreisrunden Gestalt des Umfanges ab- weichend (also hier stumpf gekantet). Bis 4 Zoll über der Wurzel sind sie von schmutziggelber Farbe und fast glatt, dann wird die Farbe allmählig dunkler und es zeigen sich immer bestimmtere und durch tiefere Zwischenräume gesonderte, wellenförmige Ringe, während jedes Horn in seiner Krümmung nach aufsen und hinten eine mäfsige Spiral- linie beschreibt und sich dabei gleichzeitig halb um seine eigne Längen- Achse dreht, so dafs wenn die erste Windung vollendet ist, die hintere weniger von den Ringen umfafste und fast flache Seite die vordere wird. Nun folgt noch eine zweite Windung mit deren Ende das Horn sich einmal ganz um seine Achse gedreht hat, und von hier an werden die Ringe flacher und weiter und von dem letzten derselben, welcher an unserm Exemplar der achtundzwanzigste ist, verläuft das Ende sich völlig gerade (der Längenachse der Spirallinie parallel), glatt und schwarz in eine immer dünnere, zuletzt scharfe Spitze. Die Länge jedes Horns von der Wurzel bis zur Spitze in gerader Linie ist 27-- Zoll, nach der Krümmung auf der Vorderseite gemessen aber 33 Zoll; der Umfang an der Basis beträgt 5 Zoll, in der Mitte 35, 6Zoll vor der Spitze 2% Zoll. Unmittelbar an der Wurzel ist zwischen den Hörnern nur 15- Zoll Zwischenraum. Wo sie in der ersten Windung sich am wei- testen von einander entfernen, beträgt der Zwischenraum 12 Zoll; sie treten dann aber in ihrer ferneren Windung noch auf eine Nähe von 9 Zoll wieder zusammen, gehn von hier an aber immer weiter auseinander und zwischen einer Spitze und der andern ist ein Raum von 20 Zoll. Aufser diesen Hauptmerkmalen sind noch folgende charakteristisch: {) ein Haarwirbel im Nacken, 3 Zoll hinter den Hörnern, von welchem eine kleine Mähne, aus dünnen, etwa 2 Zoll langen Haaren zusammen- gesetzt, anfängt, die fast bis an das Widerrüst reicht und welcher an der Unterseite des Halses ein ganz ähnlich gebildeter Kehlschopf ent- spricht; 2) sehr hochliegende, schräg gestellte Augen, die vorzüglich dazu beitragen, dem Thier in der Bildung des Kopfes eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Ziegenbock zu geben; 3) aufserordentlich breite und platte Hufe, besonders an den Vorderfüfsen, wo sie mit so weit überstehenden Rändern vortreten, dafs die Spur 34 Zoll Breite hat, in- dessen der Durchmesser der Fessel dicht über dem Huf nur 2 Zoll be- über die Antlopen des nördlichen Africa. 217 trägt; an den Hinterfülsen sind alle diese Theile um ein Viertheil klei- ner. Die Gelenke der Fülse sind etwas aufgetrieben und geben den Läufen ein etwas plumpes Ansehn, das diese Art von den mehrsten so ungemein zierlich gebauten Gattungs-Verwandten unterscheidet. Das einzige Exemplar, welches unsre Reisenden übersandt haben, ist ein weibliches. Es läfst sich vermuthen, dafs die männlichen Indi- viduen noch gröfser und stärker und von ansehnlicherem Gehörn sein werden. Genauere Ausmessung. Ganze Länge von der Schnauze bis zur Schwanzwurzel............... Länge des Kopfes bis mitten zwischen dem (Geh orn ya Se von da bis zum Widerrüst ........ — — — zur Schwanzwurzel..... des: Schwanzes. lists tens. des überragenden Haars an dessen Spies ende a Höhe vom Widerrüst bis zum Boden ..... vom Kreuz bis zum Boden ......... Umfang des Halses in der Mitte .......... des Vorderleibes............... be. desuiklinterleibesas.. a ss ac Bänse.der Scapula(t) screen Breitesdeuselbem2. 238. 22. ae HöohellensSpinassı ‚aanak. a: „»uningeih Länge des Oberarmbeins ........2.nr 2200. des Unterarmbeins vom Ellenbogen an der Röhre vom Handgelenk bis zur BESSehe ee ee ner: dersBessel.n. u. as en der Vorderhufe oben.............. — unten 6 Fuls vu u oO OO om wm m w@ w | 3 PP} 2 B>} ” „ Zoll m ww „Linien. > (') Die Maafse sind von den, in der übersandten Haut steckenden Knochen genommen. Phys. Klasse 1824. Ee 218 LicHTENnSTEIN Länge der Afterhufe .:........:..00r00000 » Fufs 1 Zoll „Linien. Breitexderselben 3.4: uam a ng iz Länge des Oberschenkelbeins .............. — 10 — „ — — derSchiene vom Knie biszum Hacken „ — 1 — 6 — —...:der.Röhre vom Hacken:bis zur Fessel: „ ==: 121.5 „4 — udensHlessel. ir EINE AA, ee ee = uhder sHinterhüferoben sr... am mem önggr Be _ — — UNtEN!. a eniesies. Be — — = »Afterhufe:.. nass ra N EN Br tl — Breite ‚derselben ...... 0.214. Ss, 295, Bar Aue Son Die Beschaffenheit der Hörner an diesem Thier führt auf die sehr nahe liegende Vermuthung, es sei der Strepsiceros des Plinius, der allein unter den alten Schriftstellern diesen Namen gebraucht und aus dessen Angaben man schon sehr vielerlei andre Thiere dafür gehalten hat. In der oben (S.202) angeführten Stelle, nennt Plinius nämlich auch den Strepsiceros unter den wilden Ziegen, die jenseits des (mittel- ländischen) Meeres zu Hause gehören. An einer andern Stelle, wo er von der Verschiedenheit der Hornbildung spricht ('), bezeichnet er den Strepsiceros genauer, und obgleich nur mit wenigen Worten, doch so deutlich, dafs man sich billig wundern mufs, wie seine Worte so arg haben gemisdeutet werden können. Wäre unser Thier früher bekannt gewesen, so hätte es keinem einfallen können, das kretische Schaf oder die indische Cervicapra, oder das südafricanische Kudu eins um das andre für den Strepsiceros des Plinius zu halten; denn seine Ausdrücke, die durch die bestimmten Gegensätze, in denen sie gebraucht werden, ganz den Werth von Kunstausdrücken gewinnen, lassen sich vollkom- ° (') Zib.XI, cap. 37. Cornua multis quidem — wars data sunt modis. Nee alıbi maior naturae lascivia. Sparsit haec in ramos, ut cervorum. Alüs simplicia tribuit ut in codem genere subulonibus ex argumento dictis. Aliorum finxit in palmas, digitosque emisit ew üs, unde platycerotas vocant. Dedit ramosa capreis sed parva. — Convoluta in anfractum arietum generi, ceu caestus daret,; infesta tauris. — Rupiccapris in dorsum adunca, damis in adversum. Erecta autem, rugarumque ambitu contorta et in laeve fastigium exacuta (ut lyras diceres) Strepsiceroti, quem Adda- cem Africa appellat. über die Antlopen des nördlichen Africa. 219 men als Diagnose unseres Thieres anwenden: Cornua erecta, rugarum ambitu contorta et in laeve Jastigium exacuta. Beim kretischen Schaf näm- lich sind sie nicht erecta, bei der Cervicapra fehlt das Zaeve fastigium, da sie bis an die Spitze geringelt sind, und am Kudu fehlen .die Run- zeln und die gerade Zuspitzung. Obgleich wir also keine genauere An- gabe von den übrigen Merkmalen des Strepsiceros haben, stehe ich doch nicht an, sowohl wegen des Fundortes, als wegen der Merkmale, die besser als hier nirgend zutreffen können, zu glauben, Plinius habe das hier beschriebene Thier mit dem Namen Strepsiceros gemeint. Doch läfst die Frage allerdings noch eine nähere Erörterung zu. Denn obgleich der Name bei Niemand, aufser dem Plinius vorkommt, so finden sich doch noch auch sonst Hindeutungen auf ähnliche Thiere, z.B. beim Oppian (!): Ayaıv Ö’ aure mir meoßaruv TE Traveryguce [0207,073) ou wor Fouruv diwv Aurıwv FE Yılncaoav tasioves, arra« See #gaumvoi sIevagor TE RayEsSer R AS ‚ , FrIERFaTL zehdaAyPdı HOLUTTOLEVOL HEIRETTL wo nur freilich sich eben nicht mehr beweisen läfst, als Oppian habe nicht das kretische Schaf damit gemeint, da er hier von wilden Arten redet und eines zahmen kretischen Schafes später (v.377.) aus- grobhaarig und vier- hörnig beschreibt. Man sieht, der Dichter hat kein sehr bestimmtes führlicher gedenkt, das er als gelbroth von Farbe, Bild von diesen Thieren mit gewundenen Hörnern, und es würde kaum der Mühe werth sein, diese Stelle anzuführen, wenn sie nicht später zur Erklärung des Strepsiceros beim Plinius so oft mit zu Hülfe ge- nommen wäre. Der Erste der eine solche Deutung versuchte, war Pierre Bellon, als er auf seiner Reise im Orient (von 1546-49) auf der Insel Kreta zahme Schafe mit gewundenen Hörnern angetroffen hatte. Die Hirten am Berge Ida nannten diese Striphoceri, wodurch Bellon zuerst verlei- tet worden sein mag, sie für einerlei mit dem Strepsiceros zu halten. Seine Beschreibung und ein beigefügter Holzschnitt, die von Gefsner, Aldrovand und vielen andern wiederholt sind, beweisen indessen deut- (*) Kuvny. I, v. 326. Ee2 220 LicaTensTteEin lich, dafs dies kretische Thier nicht das unsrige gewesen sein könne; ja es wird daraus sehr wahrscheinlich, dafs Bellon noch etwas ganz andres vor sich gehabt habe, als was seit Brissons Zeit das kretische Schaf genannt ist (!). Indessen giebt Gefsner, nachdem er in seiner Historia anımallum (1, p.323) den Strepsiceros mit wenigen Worten ab- gehandelt, in den JZconibus animalium quadrupedum (p.37.), das ver- gröfserte Bellonsche Bild nebst den Hauptsachen der Beschreibung, fügt noch die Stelle aus dem Plinius bei, und redet nun von einer andern Art Strepsiceros, von deren Gehörn ihm Joh. Cajus Abbildung und Beschreibung aus England übersandt hatte und die er ausführlich mittheilt. Dieser Strepsiceros des Cajus (wie er seitdem genannt wird) ist kein andrer, als der ächte des Plinius, und die ganze Stelle um so wichtiger, als es beinahe die einzige Notiz von dieser Antilope ist, die, bis auf die oben von mir gegebene Beschreibung derselben, sich in irgend einem Buche vorfindet. Denn, ob das einzelne Horn, nach dessen Kenntnifs Herrmann (?) seine Antilope torticornis aufstellte, für das des ächten Strepsiceros zu halten sei, läfst sich aus der kurzen Be- schreibung nicht mit Sicherheit abnehmen. Aber wahrscheinlich wird es allerdings aus der Gleichheit der angegebenen Verhältnisse. An der Uebereinstimmung jenes Strepsiceros des Cajus mit unserm Addax, läfsı sich dagegen auf keine Weise zweifeln, da nicht nur die Abbildung des (') Es heifst nämlich ausdrücklich, die Hörner seien nicht inflexa nec contorta, sed ommnino erecta, ut Unicornu, in ambitu canaliculata, aber am Ende des Capitels: cornua recta canaliculata, et cochleae in modum contorta. Die Abbildung von welcher Bellon ausdrücklich versichert, dafs sie nicht von einem andern Autor entlehnt, also von ihm nach der Natur gegeben sei, stellt an einer gewöhnlichen Schafgestalt die Hörner ge- vade, dick, stumpf, kürzer als der Kopf und schraubenförmig dar. Ganz willkührlich setzt Brisson seiner Diagnose die Nebenbestimmung hinzu, die Hörner seien spiralför- mig gewunden, womit er vielleicht nicht mehr als eben das Schraubenförmige gemeint hat. Aber dieser Ausdruck ist Ursache geworden, dafs man das ungarische Schaf (den bekannten Zackelbock), für einerlei mit dem kretischen Schaf gehalten, was aber immer nur nachgesprochen, nirgends erwiesen ist, denn meines Wissens hat seit Bellon Nie- mand aus eigner Ansicht von der Schafrace am Berge Ida berichtet. Eine der Bellon- schen sehr ähnliche Darstellung geradhörniger Schafe findet sich in der Description de VEgypte Antiquütes, Vol.IV, tab. 68. f. 13. (?) Observationes zoologicae p. 87. - über die Antilopen des nördlichen Africa. 221 Gehörns vollkommen zutrifft, sondern auch die von Cajus angegebenen Maafse dieselben sind, die ich oben von dem Gehörn des Addax ge- geben habe. Nichtsdestoweniger hat eben diese Stelle zu neuer Misdeutung Ver- anlassung gegeben. Denn als Kämpfer (der bis 1694 reiste) die erste Nachricht von der schönen indischen Antilope gegeben (!), die er Ca- pricerva und Cervicapra nennt und die nachmals unter letzterem Namen in die Systeme eingeführt worden, glaubten Alle darin den Sitrepsiceros Caü zu erkennen und es ward Gebrauch, sie gemeinschaftlich zu den Namen zu citiren, die man für die unbekannten indischen wilden Zie- gen bereit hatte. Man darf nur die unterschiedenen Ausgaben des Linne’schen Natursystems unter einander vergleichen, um sich zu überzeugen, wie schwankend und unsicher das Urtheil über diesen Ge- genstand damals gewesen und wie wenig es der Mühe werth sein könne, die vielfachen Irrthümer und ihre Ursachen noch genauer zu eförtern. Genug die Cervicapra ward mit dem Strepsiceros verwechselt, weil man auf die Gestalt und die Vertheilung der Ringe an dem Gehörn zu we- nig achtete und entweder den Beschreibungen und Abbildungen der bei- den alten Reisenden zu wenig Genauigkeit zutraute, oder auch selbst nicht genau genug in der Vergleichung ihrer ganz bestimmten und vich- tigen Ausdrücke war. In diesen Fehler verfällt auch Buffon, indem er ein einzelnes Horn unsers ächten Strepsiceros, das sich im Naturalien- kabinet des Königs von Frankreich vorfand, neben dem Gehörn der in- dischen Cervicapra beschreibt und abbildet (?) und es als eine blofs zu- fällige Abweichung betrachtet, ohne der ganz übereinsiimmenden Abbil- dung bei Gefsner daneben zu erwähnen. Buffon kennt auch schon das Gehörn des capischen Kudu (irrig von ihm Condoma genannt) (*), und hält nun dieses aus vielen jetzt leicht zu widerlegenden Gründen für dem Sirepsiceros des Cajus angehörig (*), als wenn es unmöglich noch eine dritte von beiden unterschiedene Art mehr geben könnte. ) Amoenitates exoticae p.398. et p. 407. f.1. ®) Hist. nat. XII, p. 275. tal. 36. f. 2. ) Man vergleiche Pallas Spieil. zo0l. fasc. XII, p. 67. ) Hist. nat. XU, p. 301. tab. 39. 222 LicHTEnsSTEIN So betrachtet es nun auch Pallas, als er ein vollständiges Fell dieses südafricanischen Thieres bekommt und danach eine ausführlichere Beschreibung desselben (a. a. O.) entwirft. Er macht dabei den Fehler, dafs er dasselbe mit dem Namen Ant. Strepsiceros belegt, der ihm jetzt nicht mehr zu nehmen ist, aber vorsichtiger als Buffon beginnt er seine Beschreibung sogleich mit dem Zweifel, sein Strepsiceros sei wohl nicht der des Plinius, doch passe auf keine andre Antilopen- Art die Bedeutung des Namens besser als auf diese. In der systematischen Zu- sammenstellung wird dann von ihm nach Buffonscher Weise der Strepsiceros des Cajus bei dem capischen Kudu citirt und die Beschrei- bung des Plinius auf die indische Antilope angewendet, statt dafs eine genauere Vergleichung sämmtlicher Angaben hier schon hätte leh- ren können, dafs es noch eine eigene von beiden unterschiedene Art gebe, auf welche die Worte des Plinius besser zuträfen, als auf eine der beiden. Alle diese Irrthümer sind nun durch das erste vollständige Exem- plar, das seit den Zeiten der römischen Imperatoren nach Europa ge- kommen ist, hinreichend berichügt. Aber es ergiebt sich daraus noch ein andrer, für die Alterthumsforscher wichtiger Aufschlufs. So ver- geblich ich mich nämlich auch bemüht habe, in der reichen Sammlung alt-ägyptischer bildlicher Darstellungen, welche die Königliche Biblio- thek besitzt, eine ganze Abbildung des Strepsiceros zu finden, wie sie vom Oryx, Tragelaphus und der Dorcas so häufig vorkommt, so viel- fälug stofse ich in diesen Abbildungen auf die Vorstellung der Hörner. Die sogenannten Bockshörner nämlich, die Hörner des Mendes, die auf den Häuptern des Ammon, Phre, Theuth, Mars, Osiris, Horus und Typhon so häufig erscheinen, auch wohl Priester und Kö- nige zieren (!), sind unläugbar nichts andres als die Hörner unsers Strepsiceros oder Addax. Sie erscheinen immer deutlich gewunden, nie geschweift, wie die Hörner des europäischen Ziegenbocks, immer in dem richügen Verhältnifs ihrer Gröfse zur Menschengestalt; nur ist ihre Richtung verändert, sie sind mit den Wurzeln gegen einander in eine gerade Linie gestellt, das eine nach hinten, das andere nach vorn ge- (‘) Vergl. Tölken, vom Tempel des Jupiter- Ammon, S. 120. über die Antilopen des nördlichen Africa. 223 wendet, was entweder geschehn sein mag, damit die Kronen und andere symbolische Zeichen darüber Raum hätten, oder weil auch im alt- ägyptischen Cultus die mit den Wurzeln zusammenverbundnen Anulo- penhörner Waffen und Attribute der Priester waren, wie in Indien. Dafs diese Richtung nicht die natürliche sein könne, stellt sich leicht dar, und selbst wenn man sie für Bockshörner halten will, mufs man eine veränderte Stellung derselben zugeben und annehmen. Die auf der zweiten Tafel unter der Abbildung des Addax hinzugefügten Götter- bilder mögen zur Versinnlichung dieser Bemerkungen dienen. Da die Griechen den Mendes, Pan nennen, so möchte es die Untersuchung der Alterthumsforscher verdienen, ob des letztern Gestalt nicht vielmehr von unserm Addax als vom Ziegenbock entlehnt, schei- nen dürfe. Mir kommt es wenigstens vor, als hätten die Bilder des Pan mehr Aehnlichkeit mit jenem; besonders passen die plumpen brei- ten Hufe, die schiefe Stellung der Augen, die behaarte Surn, und nur dafs der arkadische Gott die eigentlichen Bockshörner trägt, ist widerstrei- tend. Sollte nicht vielleicht in dem Bilde dieses jüngsten aller Götter der uralte Mendes wiederholt und seine Gestaltung nur der in Griechen- land bekannteren Form des Bockes näher geführt worden sein? Auch der Apis trägt zuweilen neben seinen oder den Widderhör- nern noch die des 4ddax. Auf einer der Papyrusrollen unsrer König- lichen Bibliothek ist ein solches Bild des Apis in bunten Farben, an welchem dabei zugleich der Kopf schmaler, die Hufe breiter wie ge- wöhnlich vorkommen, und wo die Gestalt des Stieres mit der des Ad- dax gleichsam verschmolzen erscheint. Wir besitzen nun auch die Jungen oder Kälber dieser merkwürdigen Art, eins von etwa vier, das andere von viertehalb Fufs Länge. Man mufs sie sehr genau betrachten, um in ihnen den Strepsiceros zu erkennen, und wir haben sie, bevor die Felle ausgestopft waren, eine Zeitlang für eine eigne Art angesehn. Indessen nämlich das Haar viel weicher und fei- ner, die weilse Farbe reiner, und der Körperbau schlanker und zier- licher ist, zeigen besonders die Hörner grofse Verschiedenheit. Sie sind völlig gerade, an dem gröfseren 9, an dem kleineren 7-- Zoll lang, ohne Ringe und Runzeln, doch keinesweges glatt, sondern unregelmäfsig hin und wieder aufgetrieben, und bestehen aus einer weicheren Hornmasse, 224 LiCHTEnSTELN die ein blättriges Gefüge und wenig Glanz zeigt; an ihrem Ende erschei- nen sie auffallend stumpf, verlaufen sich übrigens fast parallel und sind an ihren Spitzen nur 5 bis 6 Zoll auseinander. Unsre Exemplare schei- nen einige Monate alt zu sein und die Milchzähne stehn vollständig im Unterkiefer. Die diagnostischen Art-Kennzeichen: der dunkle Scheitel- fleck, der Haarwirbel im Nacken, von welchem die Mähne ausgeht, der Kehlschopf, die aufgetriebenen Gelenke und die breiten Hufe, verrathen deutlich genug die Abstammung vom Jddax, von welchem sie nur die Spiefser sind. Sie haben Werth für die Naturgeschichte, insofern sie das frühe Entstehn des Gehörns bei diesen Thieren beweisen und von dessen Anfangs unvollkommner Gestaltung einen Begriff geben, aber sie scheinen mir auch nicht gleichgülüg für die Alterthumskunde. Solche Thiere nämlich kommen auch in den ägyptischen Bildwerken vor und unter Umständen, die es interessant machen können, in ihnen die Jun- gen andrer bedeutungsvoller Thiere wiederzufinden. So stellt z.B. die Bembinische Isistafel (in der zweiten Figur der ersten Tafel bei Pignori) den Horus vor, wie er ein ähnliches Thier opfert. Jablonsky hält es für den Oryx, doch ist es dafür viel zu klein im Verhältnifs zur Gestalt des Gottes. Es ist offenbar ein solches Antilopenkalb, und zwar wahrscheinlicher vom Addax als vom Oryx, weil dieser als un- vein wohl nicht zum Opferthier gewählt sein mag. Der Horus hält ein Instrument in der Rechten, das Jablonsky wieder für ein Oryx- horn ansieht, es soll aber wohl unstreitig ein langes, schmales Messer vorstellen, wie man aus ähnlichen Darstellungen von Opfer-Scenen in der Deser. de !’Egypte sieht, wo es deutlicher die Form des Opfermes- sers hat. Ueberall aber sind es junge Thiere, die geopfert werden, zum Theil noch ohne Hörner und statt derselben mit dem bekannten Symbol der doppelten Stwaufsfeder geschmückt ('). Es ist wenigstens wichtig zu wissen, dafs man sich der Hörner wegen die Opferthiere nicht als ausgewachsen zu denken braucht, noch dabei auf ganz neue und unbekannte Thiere zu muthmafsen hat, wenn ihre Gröfse und die Gestalt der Hörner von Bekanntem abweicht. Hätte Salmasius diese Antilopenkälber gekannt, sie würden ihm sehr willkommen gewesen (*) Man vergleiche Deser. de l’Egypte, Vol. 1. tab. 59. f.5. über die Antilopen des nördlichen Africa. 225 sein, um seine Meinung zu unterstützen, dafs der Sudbulo des Plinius (') etwas vom Hirsch-Spielser verschiedenes sei. Der Widerspruch den diese Behauptung gefunden (von Harduin und anderen), hat dem Subwlo eine gröfsere Celebrität verschafft, als er verdient, da Plinius nichts weiter von ihm sagt, als, er habe gerade Hörner, da also wenig darauf ankommen kann, ob man dies von einem jungen Hirsch, oder von einem unbekannten, sonst durch gar nichts bezeichneten Thier wisse. Unter den vielen Worterklärungen des Su- bulo, bei welchem Plinius wohl offenbar nur an die Pfrieme (Subula) denkt (subulones ex argumento dieti), kommen die gelehrten Commenta- toren auch darauf, dafs Subulo wuscisch ein Pfeifer geheifsen haben soll, etwa weil man aus den Röhren-Knochen solcher Thiere, Pfeifen zu machen verstand, wozu sich hier die geraden, hohlen Hörner wohl eben so gut geeignet hätten (?). Mich wundert aber, dafs keiner daran ge- dacht hat, den Subulo vom Subus herzuleiten, den Oppian (°), als ein glattes, weilses Thier mit bräunlichem Kopf und starken Hörnern über der breiten Stirn beschreibt, indessen er nachher noch fabelhaft Klin- gendes von seinem Amphibienleben und seiner Befreundung mit den Fischen hinzufügt. Das mufs wenigstens ein mit unserm Addax nahe verwandtes Thier und im jugendlichen Zustand, kaum von dessen Kalb zu unterscheiden gewesen sein. Ich wülste aber kaum eine Form eigent- licher Hörner, die mit dem stumpfrunden Geweih des Spiefsers mehr übereinsimmte, als die dieser Kälber, daher eine gleiche Benennung oder eine Uebertragung des Namens mir wohl denkbar vorkommt. Es isı endlich noch zu bemerken, dafs Ant. Oryx und Addax zu einer und derselben natürlichen Sippschaft in dieser Gattung gehören. Beide haben dieselbe Körperbildung, kleine Thränensäcke, keine Knie- büschel noch Leistengruben, auch in der Gestalt und Länge des Schwan- (‘) Nämlich in der angeführten Stelle Zib. XI, cap. 37. (?) Eine Anfrage, die ich wegen dieses Gegenstandes an meinen Gönner, den Herrn Hofrath Böttiger in Dresden, richtete, veranlafste dessen Bemerkungen zu den Sudbu- Zonen des Plinius, in der Amalthea (3" Band, S.191). Sie kam mir zu spät zu, um sie noch für diese Abhandlung benutzen zu können. Einige Bemerkungen in Betreff dieses Punktes mögen nachher als Anhang folgen. () Kumy. Lib.1I, vs. 382-392. Phys. Klasse 1324. Ff 226 Licu TENSTEIN zes, der Beschaffenheit des Haares, selbst der Farbe stimmen sie über- ein und sind endlich beide, sowohl im weiblichen als männlichen Ge- zuct 1 schlecht, gehörnt ('). I. ANTILOPE DAMA Par. Tab. III. Männchen und Junges. Tab. IV. Weibchen und Junges. Plinius führı die Dama unter den afrieanischer wilden Ziegen (?) an, und bezeichnet sie (°) sehr deullich im Gegensatz gegen die Gemse: Cornua rupicaprıs in dorsum adunca, damis in adversum. Es ist also zu tadeln, dafs man später den Dammhirsch mit diesem Namen bezeich- nete, der bei den Alten (auch bei Plinius) immer Platyceros und Eu- ryceros heilst. Ein Thier, auf welches das von Plinius angegebene charakteri- stische Merkmal pafste und auf welches man auch die andern gelegent- lichen Erwähnungen der Dama bei Horaz, Virgil und Martial be- ziehen zu können schien, ward erst im Jahr 1750 von Adanson am Senegal entdeckt und nach der von ihm gegebnen Abbildung und Be- schreibung von Buffon (*) zur allgemeinen Kunde gebracht. Adanson nannte es Nanguer, und Buffon fügt hinzu, dafs dies die Dama des Plinius sein müsse, weshalb denn auch Pallas es als Antilope Dama in sein systematisches Verzeichnifs der Antilopen aufnahm. Seit dieser Zeit ist weiter nichts davon bekannt geworden und selbst die neueren naturhistorischen Weıke (z. B. Desmarest’s Mammalogie von 1823) geben nur Buffon’s Beschreibung wieder. Unsre Exemplare sind also die ersten, aus denen eine bessere Kenntnifs dieser merkwürdigen Art hervorgeht. Zuerst ist es nöthig zu bemerken, dafs der neue Fundort dieser Art, Nubien, indem er eine allgemeine Verbreitung des Nanguer durch (') Wie sich die neulich von Herrn Otto beschriebene Ant. suturosa zu dem Addax verhalte, wird in dem Anhange erörtert werden. (*% Zib:VIIL,cap.53: (?) Ziö.XI, cap. 37. (*) Hist. nat. Vol.XU, pag. 213. tab. 33. f.1. und tab. 34. über die Antilopen des nördlichen Africa. 227 ganz Nordafrica beweist, Buffon’s Vermuthung, es sei die Dama des Plinius, allerdings bestäugt, denn nur aus dieser Gegend, nicht vom Senegal, konnten die Römer sie kennen, und auch hier ist keine andre Art anzutreffen, auf welche jene wenigen Worte des alten Natur - Be- schreibers besser zuträfen. Aber sehr unvollständig ist trotz der ge- nauen Beschreibung die Kenntnifs, die uns Adanson und Buffon von diesem Thier gegeben. Denn der Nanguer ist nur ein halb erwach- senes Junges von der muthmafslichen Dama, an welchem eben erst die Spitze des Gehörns hervorgebrochen ist. Daher sind die Hörner so kurz und glatt und mit so wenigen Ringen umgeben, daher an der Wurzel noch so weit hinauf mit Haut und Haar umgeben. Das erwachsene Thier ist aber gar anders gestaltet. Es hat fast die doppelte Gröfse, nämlich 5 Fufs und 4 Zoll ganze Länge, bei einer Höhe von 3 Fufs, einen ungemein dünnen und langen Hals, von braunrother Farbe mit dem charakteristischen weifsen Fleck des Nanguer auf der Mitte dessel- ben. Auf dem Widerrüst steht ein Haarwirbel, von welchem aus das Haar gegen den Nacken in einer Strecke von 8 Zoll in verkehrter Rich- tung hinaufwächst; die rothbraune Farbe des Rückens ist nur etwas heller als die des Halses, sie nimmt die Schultergegend und auf dem Rücken eine Breite von 8 bis 9 Zoll ein und reicht etwa bis auf — Fufs vor der Schwanzwurzel hin. Diese Gegend des Hinterrückens, so wie die Seiten des Leibes, die Brust und die Beine, mit Ausnahme der Vor- derseiten der Läufe, sind von dem reinsten Weifs. Diese Farbe hat auch der ganze Kopf und Oberhals nebst den schwarz gerandeten Oh- ren, indessen bei den Jungen die Stirn bis etwa 4 Zoll vor den Hör- nern dunkelbraun erscheint, was sich allmählig mit zunehmender Aus- bildung des Gehörns verliert. Der Schwanz ist 9 Zoll lang und er- scheint auffallend dünn, weil er auf der ganzen Unterseite nackt und nur oben mit kurzen, abstehenden Haaren bedeckt ist, von welchen die äufsersten an Länge nur um weniges die miuleren übertreffen. Am Handwurzelgelenk, dem sogenannten Vorderknie, stehn dicke Büschel von längeren, von den Seiten gegen die Mitte gerichteten Haaren, zwischen welchen sich ein Ohrenschmalzähnliches Cerumen in Menge absondert. Die Haut ist hier schwammig und aufgetrieben und ihre Querdurch- Ff2 228 LicHTEenstein schnitte zeigen unter dem Mikroskop ein sehr zelliges Gefüge (!). Die Hufe sind von der zierlichsten Beschaflenheit, sehr schmal, platt von den Seiten zusammengedrückt, kurz, doch vorn scharfwinklig zugespitzt und vom feinsten, glänzend schwarzen Horn. Die Afterhufe sind aus- nehmend klein und platt, besonders die vorderen, die nur ın die Haut eingewachsenen kleinen Hornschwielen ähnlich sehn. Am mehrsten aber unterscheiden sich die erwachsenen Exemplare von dem Nanguer des Buffon durch das Gehörn, das wohl die zu- gleich zierlichste und kräftigste Bildung hat, die die schöngehörnte Gat- tung der Antilopen aufweisen kann. Es erhebt sich von der Stirn in einem verhältnifsmäfsig dicken, starkgeringelten Stamm, der sich gleich von der Wurzel nach hinten und aufsen biegt, und allmählig dünner, mit immer flacheren und weiter von einander abstehenden Ringen um- geben, dem Umrifs des Kopfes in mäfsigem Abstand folgt. Wo die Ringe ganz aufhören, krümmen sich plötzlich beide Hörner ihren Wur- zeln entgegen nach vorn und innen, und strecken die schön geglätteten scharfen Spitzen vorwärts. Auf der vorderen Seite nach der Krümmung gemessen, haben sie 12;-Zoll Länge. Die äufserste Spitze selbst ist in gerader Richtung nur 9 Zoll von der Wurzel entfernt. An dieser haben sie 44 Zoll Umfang, in der Mitte 34- Zoll, in der Gegend der leızten Krümmung nur 2;-Zoll. Dies sind die Maafse des Männchens. Am Weibchen ist das Gehörn kaum kürzer, aber viel schlanker und dünner und mil weniger auflal- lend zurückgebogenen Spitzen. Die Zahl der Ringe ist an beiden 18 bis 19, doch sind sie am Männchen ausgewirkter und tiefer. Genauere Ausmessung. 1) Des Männchens. Länge des Kopfes bis zwischen das Gehörn...... „ Fuls 8 Zoll. Vortda"biszwischen!:die Ohren 3. um as] ve pp Vion da'”bis zum 'Widerrüst. uf ou wweru ms) Atsleedimisr he Von da 'bis "zur? Schwanzwurzel.. 1b. ga. nie, 2 = Br (‘) Wahrscheinlich finden ähnliche Absonderungen bei allen Antilopen mit Knie- büscheln Statt. über die Antilopen des nördlichen Africa. 229 Ganze Länge . 22... 00.0 ee snilen ..5Fufs 4 Zoll. Umfang des Kopfes durch, die, Augen „u... ud) — Bid en des Halsesı. Sa ae dl ee M— — des Vorderleibes .). wo. u .weslwausuend = sul — »..des' Hinterleibes ; - » „eis. ieh sau — 9 — Länge des Horns auf der Krümmung ..........»— 122 — Entfernung der Spitze von der Wurzel. ........» — I — Abstand beider Hörner an der Wurzel.........» — 1 — — beider Hörner in der Gegend der stärksten Krümmung nam mad aaa ee 8. — — der beiden Spitzen von einander .......» — 1. Länge: der Ohreni ua... a0. A URN EEE HE 6° — ab. rdesil:Schwanzesi4 . „sisduicwed. Wen wann si I — Morderenklohet ur „man, ya a 2a ad » Hinterei Hohe a4:4.. 2: ses Be In I — Bänge-des . Unterarmsı . se #0. wur... „sd in — 2), destEaufesn:. ads de rasen. Ran 0 a = Ideri Bessel 4. sh dach ae ee = a —ürden; Hufe (unten). ser... rang 1 — —., des#Unterschenkels..s „tus > nl za 2 — — udessllaufestede ee ee en ara a eranete e fees ee 2 3m ==uyıder sFessel uw Jet, zeiten u Sana nF ee 2) Des Weibchens. E ß ; ; ; 5 s = nn 7-+Zoll. Länge des Kopfes bis zwischen die Hörner Von:da bistzwischen die Ohren „ls ae sl = A Von da bis zum Widerrüst ........ .mubuslwr ln I10— Von da bis zur. Schwanzwurzel. 2: .u.u...... ug se > — Ganze: Längelnuserw. lan. as best) suanarı on — 21 m Umfang des: Kopfesttull usld unde en au ol: — des» Halsessh Ja. ze), . ondeaklineie Dr oa | w | in des; V.orderleibes 19:14 ih .. yes snz.. En des: Hinterleibes si ..:o.. su) ash. Ina = w | 6.) | | Länge des Gehörns auf der Krümmung. Entfernung der Spitze von der.Wurzel u. „sus ei = v v 230 LicHTEnsTtEIn Entfernung der Spitzen von einander 3... seHuls mat Zoll. Länge der Ohren ......2rseeeereeene nennen Gall 5, des Schwanzes us. Saas sen eu ME Die Längen der Extremitäten um ein Geringes klei- ner als beim Männchen. So wie es nach Obigem nur aus der zur Zeit noch fortbestehen- den Unbekanntschaft mit einem Thier, von ähnlicher Gestalt der Hör- ner, gerechtfertigt werden kann, wenn man dies Thier für die Dama des Plinius zu halten forıfährt, so ist es nun freilich auch gar wohl möglich, dafs unter dem Pygargus der alten Schriftsteller wiederum nur dies nämliche Thier zu verstehen sei. Unter den nordafricanischen Antilopen ist mir weiter keine bekannt, die Anspruch auf den Na- men Pygargus machen könnte, und eine nähere Beschreibung derselben fehlt uns. Dafs aber Pygargus und Dama bei Plinius etwas unter- schiedenes bedeuten, wird freilich daraus wahrscheinlich, dafs er beide einander entgegensetzt, wenigstens sie neben einander nennt. Auf jeden Fall ist indessen gewils mit Unrecht der Name Pygargus auf den süd- africanischen Ble/sbock angewendet, der selbst dort einen sehr einge- schränkten Ständort einnimmt und sich wenigstens nicht weit nach Nor- den verbreitet. Nur selten erscheint in antiken Darstellungen eine Thiergestalt, in der man unsre Dama wieder erkennen könnte. Man darf wenigstens wohl nicht jede Antilope mit langem, dünnem Hals dafür halten, da dieses Kennzeichen auch zu oft einem Fehler des darstellenden Künst- lers zugeschrieben werden mufs, wenn sonst Gründe zum Verdacht ge- ringerer Treue vorhanden sind. Am unverkennbarsten erscheint die Dama in einem antiken Cameo aus der Sammlung des Herrn Grafen von Einsiedel, von welchem Caylus schon vor sechszig Jahren eine Abbildung lieferte (!), den mir aber Herr Hofrath Böttiger in einer besseren Zeichnung mitgetheilt hat. Hier ist der Orpheus, von vielen Thieren umgeben, vorgestellt, die seinem Spiel zu lauschen scheinen. Die hinter dem Kopf des Orpheus stehende Figur, unmittelbar über (') Recueil d’Antiquütes, Tom.IV, PI.48. fig.1. über die Antilopen des nördlichen Africa. 231 dem Pferd (es ist die fünfte vom Löwen aufwärts gezählt), hat in ih- rem Verhältnifs zu den übrigen Thieren, in den Umrissen des Kopfes, in dem Schwung des Gehörns und der Länge des Halses soviel Ueber- einstimmendes mit der Gestalt unsrer Dama, dafs wohl kaum ein Zwei- fel übrig bleiben kann. Noch kann ich nicht mit Stillschweigen übergehn, dafs der Name, den Plinius diesem Thier giebt, auch bei arabischen Schriftstellern ähn- lich klingend vorkommt. Unter den drei unterschiedenen Arten von Ga- zellen, welche der arabische Schrifisteller Damir anführt, ist eine von weilser Farbe mit schneeweifsem Bauch und langem Hals, (also höchst wahrscheinlich die Dama) und diese heifst #dam (!). In den hand- schriftlichen Nachrichten, welche die Herren Hemprich und Ehrenberg uns über die nubischen Thiere mitgetheilt haben, lautet der arabische Name der Dama: Addra. Man könnte auf ein Mifsverständnifs muth- mafsen, wenn der Name 4/dam, der sonst bekanntlich auch im Arabi- schen Mensch bedeutet, nicht auch bei den Lexicographen in ähn- licher Bedeutung vorkäme (?). IV. ANTILOPE DORCAS Parr. Tab. V. Eine der zierlichsteen und sowohl von Seiten der Farbe als des Gehörns, schönsten Arten der Gattung und zugleich die am weitesten im nördlichen Africa verbreitete und in den zahlreichsten Heerden an- zutreflende Art, daher auch am häufigsten, sowohl lebend als todt nach Europa gebracht, in allen Werken deutlich beschrieben und von Linne zuerst richtig mit dem Namen Dorcas in Beziehung auf die Haupistelle bei Aelian (?) in das System eingeführt. Die Beschreibung, welche Aelian von seiner Dorcas giebt, ist so deutlich und vollständig, dafs sie keine Misdeutung erlaubt. Was Plinius (*) bei den Thieren die- (') Bochart Hierozoic. Lib.1II. cap. 27, p. 962. (?) Z.B. Bei Giggejus, Meninsky, Richardson, Wilkins. Auch Adra wird bei diesen durch: wweifse Ziege übersetzt. (‘) De Nat. anim. Lib. XIV, cap. 14. (*) Hist. anim. Lib. VII, cap.58. Lib. XXVIl, cap. 11. et Lib. XXIX es XXX. 232 LicHuHTEnsTEiIn r ses Namens anführt, widerspricht wenigstens nicht der allgemein ange- nommenen Vermuthung, dafs er dasselbe darunter verstehe; es bezieht sich übrigens, was er sagt, hauptsächlich nur auf ihr Vaterland, als welches er auch ganz richtig Klein- Asien angiebt und die schon im Na- men ausgedrückte Eigenschaft des hellsehenden und klaren Auges, wes- halb denn vorzüglich in den letzten Büchern unter den Heilmitteln ge- gen Augenkrankheiten u.s. w. häufig der Dorcaden gedacht wird. Was andere Schriftsteller unter den ähnlich klingenden Namen iognos, Öooncs, dopruv, dopradıov und öögE verstehn, ist nicht leicht auszumitteln. Die Mehrsten mögen sich eben nıchts andres als die Dorcas dabei denken, doch wird auch zuweilen bestimmt Unterschiedenes darunter verstanden. So ist der icgzxes des Oppian (Cyneg. II, vs. 296.) sehr deutlich der den Römern wohlbekannte 4xis oder Gangeshirsch (man sehe Plinius Zib. VII, cap. 31.), den Oppian auch unter den Hirschen aufführt, Schneiders Uebersetzung durch Dama also falsch, indem weder die Dama des Plinius, noch der unmittelbar vorher beschriebene Damm- hirsch (Euryceros) darunter verstanden werden kann. Weiterhin (vs. 315.) meint Oppian mit dognos unleugbar das Reh, indem er sagt, es sei die Art muthwilliger (özurerwv) Thiere, die Allen nach Gestalt und Gröfse hinreichend bekannt, keiner Beschreibung bedürfe. Ueberall stofst man auch sonst auf Verwechselung der Dorcas mit dem Reh, besonders in den Uebersetzungen der Bibelstellen, die dieses Thieres gedenken. Zu- weilen scheint auch sogar Öogauv und Ögurwv verwechselt zu werden, und in dieser Beziehung ist es interessant, dafs bei Plinius zweimal unter den abergläubigen Heilmitteln das Herz und der Schwanz des Drachen in der Haut der Dorcas mit Hirschsehnen auf den leidenden Theil zu befestigen, vorkommen (!). Das Uebrige ist bei Buffon (unter dem Abschnitt Gazelle) und bei Pallas zu finden, welche beide noch die schwächer gehörnten Weibchen als besondre Arten unter den Namen (‘) Sehr deutlich ist die Verwechselung von degzwv und ögezuv in der von Bochart (Zib. II. cap. XXV1, p.933.) angeführten Nachricht des Philostorgius (Zi2. III, cap.11.), über das von demselben in Constantinopel gesehene Einhorn, welches den Kopf eines ög«zuwv gehabt haben soll. über die Antilopen des nördlichen Africa. 233 Kevella und Corinna aufführen, was ich schon vor zwölf Jahren berich- tigt habe und seitdem allgemein als irrig angenommen worden ist. Unsere Reisende haben uns achtzehn Exemplare dieser Art zuge- schickt, was beweist, dafs sie in Nubien sehr häufig und in grolsen Ge- sellschaften zu finden sein mufs. Es sind Männchen, Weibchen und Junge. Letztere sind aus drei unterschiedenen Zeiten des Jugendlebens in der Abbildung 7ab.V. dargestellt. Die ganz jungen Kälber, bis sie ein Drittheil der ihnen bestimmten Leibesgröfse erlangen, sind unge- hörnt und so kommen sie in den Bildwerken auch immer als Opfer- thiere vor, z.B. in der Opferscene an den Ruinen des Tempels von Edfou (Apollinopolis) die aus der Deser. de Egypt. Vol.]. tab.59. fıg. 5. unter unsrer fünften Tafel zur rechten Seite wiederholt ist. Vor dem thronenden Sonnengott (Phre) opfert hier ein Jüngling, dessen Haupt die Mendeshörner zieren, eine junge Antilope; statt der Hörner trägt diese auf dem Kopf den bekannten heiligen Schmuck, in welchem Hirt und Tölken eine rückwärts gekrümmte Straufsfeder erkennen. Bei den halberwachsenen Jungen stehn die Hörner mit dem letzten auf- wärts und vorwärts gekrümmten Enden aus der Stirn vor und scheinen auf den ersten Anblick diese Thierchen zu einer ganz eignen Art zu machen. Man braucht aber die Sache nur genau zu erwägen und mit der Ausbildung des Gehörns an unsern wiederkäuenden Hausthieren zu vergleichen, um sich zu überzeugen, dafs das schöne leierförmige Ge- hörn der Dorcas in seiner ersten Entwickelung nicht anders aussehen könne. Vollends beweisend ist dann ein horniger Bast, der die Wur- zeln dieser jungen Hörner umkleidet und aus welchem nach und nach die Ringe, zumal an den männlichen Individuen deutlich hervorbrechen. Die Verschiedenheit des Gehörns nach dem Geschlecht ist auch sonst durch die Kleinheit und Dünne desselben an den weiblichen Thieren, gleich in der Jugend ersichtlich. Es ist dies übrigens ein Punkt, der von den neueren Systematikern noch gar nicht berücksichtigt worden und viele der von Herrn Blainville zum Theil nach blofser Ansicht des Schädels als neu beschriebene Arten z.B. Ant. aculicornis, naso ma- culata und Landiana dürften bei genauerer Untersuchung, sich als Käl- ber schon bekannter Arten nachweisen lassen. Phys. Klasse 1824. Gg 234 LICHTENSTEIN Die Dorcas war das der Isis geheiligte Tbier (!). Wir finden sie daher in den ägyptischen Bildwerken häufiger als ırgend eine andere vorgestellt, immer in richügem Verhälwifs zu den Menschengestalten und durch die Hörnerform so bezeichnet dafs sie auch ohne Andeutung der Farben überall leicht zu erkennen ist. Die schönste Vorstellung dieses Thiers findet sich aber auf einer der Papyrus-Rollen unsrer Bi- bliothek in einem farbigen Bilde nach ziemlich grofsem Maafsstab. Es ist ein männliches Thier das auf den Hinterfülsen hockend vorgestellt ist, mit aufgerichtetem Leibe, die Vorderfüfse frei schwebend. Diese gezwungene Stellung und den beigefügten symbolischen Spitzbart abge- rechnet, ist die Abbildung in allen Theilen so getreu wie man sie in wenig naturhistorischen Kupferwerken findet. Dafs es die Hörner die- ses Thiers sind, welche sich als Attribut an dem Kopfe der Isis, die Sirius-Scheibe umfassend, so häufig finden und die in Beziehung auf diese Göttin auch wohl an andern Göutergestalten vorkommen , ist all- gemein anerkannt. Wäre noch ein Zweifel, so würde er durch eben jene Papyrus-Rolle gehoben, auf welcher nicht weit von dem Thier die Göttin mit dessen ganz gleichgebildeten Hörnern geschmückt, erscheint, Diese Darstellung ist mir merkwürdig genug vorgekommen, um sie auf der V'= Tafel unter dem Bilde der Dorcas zu wiederholen. Eine der Dorcas sehr ähnliche Art lebt im südlichen Africa: der sogenannte Springbock Ant. Euchore Forst. Sie ist durch viele Kenn- zeichen unterschieden hauptsächlich aber wieder durch die fast doppelte Gröfse und durch viel besliimmtere und an den dunkeln Stellen gesät- ügtere Färbung. Eben so scheint auch die mittel-asiatische Form, die der Dorcas entspricht, die nämlich, welche Güldenstedt zuerst unter dem Namen Ant. subgutturosa bekannt machte, wirklich eine wesentlich verschiedene Art zu sein, wenn es gleich schwer halten möchte, aus den mangelhaf- ten Beschreibungen, die davon vorliegen, eine recht bestimmte Diagnose zu stellen (2). Gewifs aber von beiden verschieden ist eine zierliche (') Aelian de nat. anim. Lib.X, cap.23. Horapollo Hierogl.T, 49. Vgl. Tölken vom Tempel des Jupiter Ammon in Minutolis Reise 8.127. (?) Man vergleiche Desmarets Mammalogie p.455, wo ausdrücklich angeführt über die Antilopen des nördlichen Africa. 235 Art, welche unsre Reisenden an der Östseite des rothen Meeres ent- deckt und mit dem Namen Ant. arabica belegt haben. Eine dunklere Färbung, ein nach Verhältnifs höheres, gestrecktes Gehörn, mit weiter von einander abstehenden Ringen, besonders aber ein grofser schwarzer Fleck mitten auf der Nase sind die Hauptikennzeichen, die aber erst nach einer genauen Vergleichung mehrerer Exemplare in recht bestimmten Ausdrücken angegeben werden können. Die Herren Hemprich und Ehrenberg waren sogar Anfangs geneigt, mehrere Abweichungen in der Länge und Stärke des Gehörns, die sie an den Dorcaden in Sen- naar bemerkten, als Kennzeichen mehrerer darunter versteckt liegender Arten anzunehmen, kamen indessen nachmals von dieser Annahme zu- rück und machen jetzt nur darauf aufmerksam, wie sehr die Hornhil- dung und.Färbung dieser zierlichen Thiere innerhalb gewisser Grenzen fe) wandelbar sei. Die genaueren Angaben dieser Varietäten müssen also späteren Mittheilungen vorbehalten bleiben, da sie erst aus den münd- lichen Berichten unsrer Freunde vollständig zu schöpfen sein werden. wird, Herr Cuvier halte die Kennzeichen der A. subgutturosa nicht für bestimmt ge- nug, um sie danach von der Dorcas zu unterscheiden. Anhang. Gg2 LıicutTEensteiın ww (a8) [o)) Ar rar Es sei mir erlaubt, hier einige Bemerkungen folgen zu lassen, die sich mir während des Druckes dieser Abhandlung aufdrängten, die ich aber nicht einzustreuen wagte, weil mir daran liegen mufste, dafs meine Arbeit dieselbe bleibe, die ich vor zwei Jahren der Akademie vorgelegt und deren Bekanntmachung sie beschlossen hatte. Zuerst ist mir schon damals von einigen Freunden der Vorwurf gemacht worden, dafs ich bei den Zweifeln an der Existenz eines nach seiner ursprünglichen Bildung einhornigen wiederkäuenden Thieres, der neueren Angaben von einer Wiederentdeckung des wahren Einhornes hätte erwähnen sollen. Ich kann aber diese in einigen englischen Zeit- schriften enthaltenen Nachrichten nicht für beweisend ansehn, sondern nur (wie ich auch gethan) zugeben, dafs man Jeden gewähren lassen müsse, der sich auf eine solche Wiederentdeckung noch Hoflnung machen will. Die eine dieser Nachrichten, mitgetheilt vom Major Latter ('), beruht ganz auf Aussagen von wenig unterrichteten Eingebornen in Nepaul, die ein zweihufiges Thier von der Gröfse des Pferdes, mit einem langen ge- krümmten Horn an der Stirn, kennen wollen, das weit von ihrem Wohn- ort (30 Tagereisen von Lassa) in der grofsen Tartarei heerdenweise lebe und sehr wild, aber efsbar sei. Die rohe Abbildung, die ein Tibetaner aus dem Gedächtnisse zu seinem Bericht entwarf, kann unmöglich grofsen Werth für die Naturgeschichte haben und die Vermuthung liegt sehr nahe, dafs auch dieses sogenannte tibetanische Einhorn nur eine zufällig einhornige Antilope sei, wie sie schon Pallas kannte. Die andere von dem Missionär Campbell (*) aus dem Innern Africa’s her- rührende Nachricht spricht ganz deutlich von einem sehr grofsen Rhi- noceros, denn des Thieres Kopf hatte fast 3 Fufs Länge und das gerade Horn safs 10 Finger breit über der Nase; auch nanüten die Eingebor- nen es ein Nashorn. (') Quarterly Review, Dec. 1820. und Asiatie Journal, Vol. XI, pag. 154. (?) Asiatic Journal, Vol.Xll, p.36. über die Antilopen des nördlichen Africa. 237 2) Eine unserm 4Jddax sehr nahe verwandte Antilopen- Art ist im vorigen Jahr von Herrn Otto unter dem Namen Ant. suturosa beschrieben und abgebildet worden (!). Sie hat zwar geringere Gröfse, aber dieselben Verhältnisse und ist dem /ddax in der Hornbildung und dem charakteristischen weifsen Querstreif über dem Nasenrücken so ähn- lich; dafs man sich bald dazu verstehn würde, beide für Wesen einer und derselben Art anzuerkennen, wenn nicht das Haar, sowohl durch seine dunkle Farbe, als auch durch seine ausnehmende Länge und die sehr ins Auge fallenden Näthe die es bildet, die auflallendsten Abweichungen darböte. Indessen darf dabei nicht vergessen werden, dafs dieses Thier in einem früheren Alter aus Aegypten nach Europa gebracht wurde. Der Thierhändler Advinant kaufte es im Jahr 1822 in Venedig von Pilgrimen, die über Alexandrien aus Palästina zurückkehrten. Derselbe hat mir noch bei seinem letzten Besuch in Berlin (April 1826) erzählt, dafs das Thier damals zwar schon dunkel gefärbt, aber nur schwach behaart gewesen, jedoch schon im ersten Winter eine reichere Behaa- rung gewonnen habe, wobei die so charakteristischen Haarnäthe zum Vorschein gekommen seien. Zu Anfang des Jahres 1824 kam er damit nach Breslau, wo Herr Otto es sah und das Versprechen erhielt, es, falls es stürbe, für das doruge Museum zu bekommen. Der Tod des Thiers erfolgte im Sommer desselben Jahrs zu Marienwerder, von wo aus es nach Breslau gesandt wurde, wo es geschickt ausgestopft ist und meinem T'reunde zu der oben erwähnten Abhandlung gedient hat. Est ist kein ungewöhnlicher Fall, dafs dünnbehaarte Säugethiere aus warmen Ländern in unserem rauheren Klima sich mit reichem Pelz bedecken, und besonders scheint dies die Wiederkäuer zu treffen. Der in Italien fast nackte Büffel gewinnt in unserm Lande ein langes glänzendes Haar, wie die schönen Exemplare, welche auf Befehl Seiner Majestät unsers Königs, auf der Pfauen-Insel unterhalten wur- den und von welchen das g aufbewahrt wird, beweisen können. Zwei bactrische Kamele, die der Kosacken-Hettmann, Graf Platow, im Jahr 1809 Ihrer Majestät der verewigten Königin verehrte und die schon im Frühling 1810 in Berlin vöfste noch jetzt im zoologischen Museum (') Nova acta Acad. Caes. Leopold. Nat. Curios. Vol.XU. P.2, pag.521. 238 LICHTENSTEIN starben und seitdem ebenfalls das zoologische Museum zieren, zeigen einen so reichen Pelz, wie man an denselben Thieren in ihrem Vater- lande nie zu sehn bekommt. Die Beispiele der veredelten Schaafe und Ziegen, deren Zucht bei uns, und was letztere betrifft, besonders in Gebirgsgegenden so vorzüglich gelingt, beweisen die vom Klima abhän- gige Veränderung des Haarwuchses eben so schr, als die entgegengesetzte Erfahrung, dafs europäische Thierformen in den Steppen-Gegenden dünn- behaart und schmächug erscheinen, so dafs man z.B. in dem Fuchs, der Katze, dem Hasen der libyschen Wüste, die unsrigen wieder zuerkennen sich nicht leicht entschliefst. Es ist daher wohl glaublich, dafs diese Ant. suturosa sich zu dem Addax nur als Varietät verhalte; doch will ich dabei nicht verschweigen, was sich auch gegen diese Meinung beibringen läfst. In der Abbildung nämlich zeigt jene nicht die breiten Hufe des Addax und in der Be- schreibung würde ein so trefllicher Beobachter, wie Otto ist, davon in bestimmieren Ausdrücken gesprochen haben, wenn diese Breite der Hufe vorhanden wäre. Demnächst finde ich an unserm Exemplar: des Addax auch nicht eine Spur von den Näthen, die hier so sehr bezeichnend er- scheinen. Alles Haar auf dem Rücken und an den Seiten ist glatt an- liegend, mit den Spitzen nach hinten gerichtet und der erwähnte Haar- wirbel im Nacken der einzige, den ich an dem 'Thier entdecken kann. Dies mag zum Theil wohl der ungemeinen Dünne und Kürze des Haars mit zugeschrieben werden müssen, im Uebrigen finde ich aber auch, dafs die Haarnäthe an den andern Antilopen variiren. So hat das männliche Junge der Dama am Oberhals nicht das rücklaufende Haar, auf dem Widerrüst nicht den Wirbel, den die andern drei Exemplare zeigen, und eben so ist Verschiedenheit der Wirbelstellen bei einigen südafrica- nischen Anulopen. Man hat sich daher wahrscheinlich wohl in Acht zu nehmen, dafs man die Haarnäthe und Wirbel nicht überall zu dia- gnostischen Merkmalen erhebe. Nach Allem diesen mufs es nun fürerst noch zweifelhaft bleiben, ob die Ant. suturosa als eine eigene Art betrachtet werden dürfe. Wie- wohl mir gleich bei den ersten Mittheilungen, die mir Herr Otto dar- über machte, die überwiegenden Gründe für das Gegentheil zu stm- men schienen, so mufste es mir doch sehr willkommen sein, dafs mein über die Antilopen des nördlichen Africa. 239 Freund seine Beobachtung öffentlich bekannt machte, und ich rieth selbst dazu, sie fürerst als neue Species aufzustellen, damit die künfuge, ge- nauere Untersuchung dadurch um so mehr angeregt werde. 3) Die (S.225.) erwähnte Abhandlung des Hrn. Hofrath Böttiger in Dresden über die Subilonen des Plinius ('), enthält mehrere Fra- gen, die, soweit sie nicht schon durch einzelne Bemerkungen in der vor- stehenden Abbandlung beantwortet sind, hier noch eine kurze Erörte- rung finden mögen. Zuerst wiederhole ich hier, überzeugt zu sein, dafs Plinius mit dem Subwlo nichts anderes, als den Hirsch-Spiefser gemeint haben könne. Demnächst aber scheint es mir in vieler Beziehung wichüg, nunmehr unleugbar annehmen zu dürfen, es gebe Spiefser (Subulones mit geradem pfriemenförmigen Gehörn) auch in der Anulopen-Gattung. Darauf be- sonders habe ich den Schluls gegründet, die auf antiken Darstellungen vorkommenden Opferthiere, mit pfriemenförmigen Hörnern, seien weder Hirschspiefser, noch ausgewachsene Antilopen (denn für beides erschei- nen sie zu klein im Verhältnifs zu den Menschengestalten) sondern Anulo- pen-Kälber. Es ist mir kaum glaublich, dafs die an ihren Enden sehr knorpligen Röhrenknochen solcher junger Thiere ein gutes Material zur & von musicalischen Blase-Instrumenten sollten abgegeben 5 haben; wenigstens mufsten sich die harten Tibien erwachsener Wieder- Verfertigun derkäuer viel besser dazu eignen. Und nun fragt es sich: können die von Natur hohlen Hörner solcher Subwlonen nicht auch zu ähnlichem Zweck benutzt worden sein und finden sich im Alterthum Spuren des Gebrauchs von Wiederkäuer-Hörnern zu Blase-Instrumenten ? Die berühmte Barberinische Mosaik von Palestrina, zu deren ge- naueren Erklärung von Seiten der darauf abgebildeten Thiere mein ver- ehrter Gönner mich am Ende seiner Abhandlung auffordert, enthält wenig, was dem Zweck der vorstehenden Abhandlung nahe läge und wor- über sich zugleich Bestiimmtes aussagen liefse. Ueberhaupt möchte es schwer halten, ohne Ansicht des farbigen Originals oder einer sehr voll-. ständigen Abbildung, sich mit Sicherheit über die wenigen Thiergestalten, die zweifelhaft bleiben (denn bei den meisten ist die Erklärung schon (') Amalthea, 3° Band, S. 191. 240 Lıcurensteın über die Anulopen des nördlichen Africa. durch den hinzugefügten Namen gegeben) zu verständigen. So wichtig dies merkwürdige Denkmal dem Alterıhumsforscher in so vieler Hinsicht auch sein mag, so glaube ich dennoch kaum, dafs dessen Untersuchun- gen durch den Beistand eines Zoologen hier auf eine irgend erhebliche Weise gefördert werden können. Die mehrsten Thiergestalten, die es enthält, sind unverkennbar, und die übrigen fast sämmtlich entweder fa- belhafı oder auch bei der strengsten Vergleichung nicht mit Sicherheit zu bestimmen. 4) Herm Dr. Ehrenberg’s nunmehr erfolgte Rückkehr setzte mich in den Stand, ihn wegen der Namen, welche die Eingebornen den hier beschriebenen Antilopen-Arten geben, näher befragen zu können, und er ist so gefällig gewesen, mir das folgende Verzeichnifs zur Ver- vollständigung meiner Abhandlung mitzutheilen: 5 >»! dbuharb.........ist der arabische Name des Oryx. we nl Abu Akasch ......— — _ — — Addax. ss dddra . 2er... — _ — der Dama. Il Ariel oo screerr es — _ — | = 1Dorcas: ge Anse ss nenne cr. heifst das Weibchenaderselben ‚Art JEf Se Gasal oder Gasal. Eine nahe damit verwandte Art in Arabien führt dort vorzugsweise diesen Namen. \#>.....Hamra ........ heifst eine in Nubien seltne Art, welche die Dorcas an Grölse etwas übertrifft, roth von Farbe und von schwachem Gehörn. Die zuerst von Salt erwähnte, ungemein zierliche Modoqua-Anti- lope aus Abessinien führt dort seltner diesen Namen als den Namen Addro, und die Oryx heifst dort Hakaba. In Syrien aber werden die mit der Dorcas verwandten Arten sämmtlich mit dem Namen Ariel be- zeichnet, den sogar hin und wieder der Dammhirsch trägt. wor PDT 200 sep Mag 2° zu 4397 mpg 210 WT SEN ed, eg SBNT TE TUN a yany d xAloanaTg 9dojıyuy VA SYD TOYLG far) EL a a TR a Ar "IN ’OBT N SnP»u9ANnf 9 WIH ae a ade Maar Ma, —_ xeppV adojnuy Ian hik: ( SB 5 a wi D A - Be y - . ’ "0 Du ig er yiR N ı 08 rQ Eu‘ ” TR. A y (5 Ir U“ Pi 5 u N rn u 9 NE De RL a), u vo ir \ Br I \ = a r f° SR bo di N: lg) ” d* 1 1, Tr. Er ir 2 E. h l “ fir u. Er Hi A j 2 Ki Any e u . a ET N „ ir Bi Mi B, a 5 2 Wie Pre a, DD I N a ©. 30,0 29..5.° 00 N er „ar FB j Pre 9 RI I & = a f ee 1 Ra BT - u Pr Y . Du A 5 6 Fr va / Mi au N ‚er b i ' % u c# KR Be x ü 5 1’ ! A A ar Bi "IE I aE re Mn . 1% > 4 ö IM Bi ; FR j = M Kai a u et; er Er En ur A ‘8 We En 4. 28 en En Fin F IS ä D Re f 5 GN er‘ on 2 7% At vs j ü ur u Pr; “ or er - i Tu @ B 2: iv 5 Ri en ed i Mr Yu ; a a r v7 Be ü 7 u 1 a A Dez Bar 2 5 6, , B zZ BE FR, L 5 y u‘ er NA IE en T Ö, EI RR: un io er u... 5 2A: 1% ne. Fe wu a0 en | - uU a BE. KE : . 0.0 00 2 ee - Wo: N [F } 1 i NONE, I f Gubal, ae Ri) " DO b 5 u ., PR Fe Bir: a Er AN > la ER AR R . j i N IN a F 5 j a \y we > 2 nn f Bi n 4 je en : 5 on % £ 60 AGD NDRL CEO TREE ge L eye» a ae gar Fi [04 snousAnf 39 SeW ewe(f adojnuy = a DEI UP LAROL WET ing vr pm, . Bam: m, - vo us’ jı N BA Sr me ’ A I) ; er fl Br ‚iR k ir al Zr) r\ Re‘: e n Par ö yo su wi; Er .. ee u DA) 0 Ye y un I ae A u 5 > ur u. P v Re Pe ER T Bi Fa By: Pau Rare nr Va z w a u’ 25 at Su AN "ur > u E Kam w > # 2 wr NR P 6.20 u ei a: @ naar wi’ Dez .“, ® ä N wn, # DT En ve h . j Ba a Bein ee e Ber ara “ 4 ei A ee re r = a A Pe N A er vs . r j f 5 =? Aal . ' Da ri 5 7 Y ". e 04 I nz er Mr. Pr) 4 iv . © n 2 er Br i en’ y.. pe j va N Pius Ed r ze % ö Pr a cr und er” Mi ur » ur. 328 un a Dorn . 1 Ask. BT NE iS . \ u 5 2 @ “ 0 A 5% BA he Sa 5 2 ey Das ur ! m SA m er Y L e Pr“ j ee rs Fr es 4 wer ea Be 27; = ee we, ze. P . f n \ 5 nr ‚ “ RT 7, 06 A u BE R% » ‚ ” x 7% er De ne e Pr . a : w‘ u 7 a > ur ARE ur . “ig. vY eu y 2 ad a a AG GET ae Are era» A Zu a ER ., ea EST 1 a Eee a SR RE rY en Tram 2 Pr K-, WR Lk u, [re z 5 Wu 5 T 4 - LP Erw, Pr Dal! a BA.‘ ar! 0 y“ d* LE ey ge 5 RR u y ö 2 24 m sr (9 - ? AIUa ar 4 r Y >.” ir eh NE En ars Se mi +5, Wi, >71, Me - Su. a DT» L Fe ASEN 1. wei was” Fa u a “* BAT Bi ei y ”- Mi je pe PT ö I % ’ u a ab Fr 2 u Rı Ze EN EN vn.„un ae Bm m „a ? RE . HE and sam « Wurge . . .. re = y ‘ A > # er ." Kant. An A u.a N Mn ee Eee ORY ur TA .. wz Ma Tas une wre wert 2; Er) = Tawan u m ei we ai 2 #3 s rs BE BR" Di ı#.2 w 3 ne Fz Ge, s 140 we ‘ > Pr LICH ı a Br % PN u Fe ne +‘ er BEN ; Ten 0 N ei Dr > A 4" 2 at .. A > Pu ER, Ay Be 2er Tue ” - Bu s+% az “ r pe. . 4 urY = “ . ; u ‘ a u „r en ur » u ge r re} Aus Pi Fr + x ei 4 Be wen Br A TEN , ' F en ei ne f e; Ta . u. Den. u fe MA i wu P Se j Be Ja Jr; ww “ a r pr , .. og .. Dee ee a - am” Y TC u ce Er. wi u re w PR, ER 7, 0 HL Pe) "uns ' Dass =’7 “ a.» se wo . 7,7 ee A Bay pi a Zu.” . Er w y ‚ BE WW, ’ ee . Gr Pr > -.% 3 Pi , un Aue: Ve: . ui. . MT BE : 2 MEZEN. dr 2 Da Tymzz. bj De ’ r % 5 wur » nn. “nr a U ar a0 . d: ka. “2 2 NE # ) \ CP Kl R rer an, 70 > } riae ® r a Wa 2 b,® ”e AU FE 2 NR u i Fi u ng 8 5 An N B* an Pr ur £ ’ ie, 5 A ER " : Ge Er eu er. “Tr Zu e» P” Br’ RE ee Pr BR en Bi Bi "zZ ' eu F .- B I 2.8 4 u abs e u L EN ’ N a "u ı Mer ir . j a. Fu Br vr. un n er E a & ” A DR ar .. : BERN I 5 Pe F Dr Be: a u Si DE u" u Er N > A he. En; En N I . wu et 0 i ' ER rn 1 5 sn Mr re aa; 2 2 nn a Sm Be Be [2 u ), R BR . b' ie ER j 2 j = a “ eo a Ku la ‚Zi j Be. aD U i Va Ka 52 ar Pr En z 13 “ N ” ir. ® 22. \ Br ’ a N. TR Tu a a .Yy Verallgemeinerung einiger in der Abhandlung über die ausführlichere Bezeichnung der Krystallflächen (s. d. Abh. d.phys. Kl. a.d.J. 1818 u.19.S. 270-350.) vorgetragenen Lehrsätze. o Von, Hm 0, Ss WEISS. wnminrnmirnnirin [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 26. Februar 1824.] R Vollständigerer Ausdruck des a.a.O. 8.277. aufgestellten Lehrsatzes über die Theilung der Dreiecke. W.. theilten ein Dreieck 4BC (Fig. 1.) beliebig durch zwei Linien AD und CE, aus den Ecken # und C nach beliebigen Punkten D und E der gegenüberliegenden Seiten gezogen ; wir besummten durch die einfachsten Formeln das Verhältnifs der Stücke, sowohl der getheil- ten Seiten des Dreiecks, als der sich einander schneidenden, theilenden Linien selbst, indem von zwei gegebenen Verhältnissen solcher Paare die beiden andern abhängig sind. Wir ziehen jetzt aus der dritten Ecke 7 durch den Schneidungspunkt 7 der Linien /D und CH die Linie 3Q, so entstehen uns sechs Paare von Stücken, sowohl der Sei- ten des Dreiecks, als der theilenden Linien 4D, BQ und CE, von welchen immer das gegebene Verhältnifs zweier solcher Paare die übri- gen bestimmt. Es treten daher für jedes Paar zehn Gleichungen ein; denn es wird z.B. für jede getheilte Seite des Dreiecks das Verhältnifs der Stücke gefolgert, entweder aus dem gegebenen Verhältnifs der Stücke Phys. Klasse 1824. Hh 242 WeEıss: in den beiden andern, oder aus dem in einer von ihnen und einer der drei inneren Linien, oder endlich aus den dreierlei Combinationen der getheilten inneren Linien, wenn für zwei von ihnen das Verhältnifs ihrer Stücke bekannt ist; und so umgekehrt durch zehn ähnliche For- meln das Verhältnifs der Stücke einer inneren theilenden Linie. Es ergeben sich für die Bestimmung der Stücke einer Seite des Dreiecks durch die gegebenen Verhältnisse der Stücke der beiden an- dern, und eben so für die einer inneren getheilten Linie durch die bei- den andern überaus einfache Lehrsätze; die übrigen Bestimmungen las- sen sich füglich nur durch die Formeln selbst aussprechen. Es sind nehmlich die Produkte je dreier abwechselnder Stücke der getheilten Seiten des Dreiecks sich gleich, also AEXxBDXCQ=EBXxDCxQA folglich AE: EB=DC x Q4: BDx CQ oder es verhalten sich die Stücke einer getheilten Seite, wie dieProdukte der, einem jeden anliegenden und gegen- überliegenden Stücke der beiden andern. Der Beweis ist eben so leicht zu führen, als der des früheren, a.a.O. S. 277. aufgestellten Lehrsatzes selbst. Wir ziehen aus C so- wobl C@G parallel mit 4D, als CH parallel mit 3Q, beide bis zum Durchschnitt mit der verlängerten 42, so ist, wie dort erwiesen wurde, GD:DB=AE.CE:EE.4B Aus der Aehnlichkeit der Dreiecke 4BQ und AHC aber folgt 4B..00 Q4 und aus der Aehnlichkeit der Dreiecke FEB und CEH, CQ:!.Q4= BH: AB, ode'BH= CF:FE=BH:EB= ra : EB. Verallgemeinerung einiger Lehrsätze. 243 AB.CQ Also ist CD:DB=ÄE. ne > :EB.AB=AE.CQ:EB.OQA folglich AE. CQ.DB=EB.OQA4.CD, wie oben. Die übrigen Formeln abzukürzen und überschaulicher zu machen, benennen wir wieder die einzelnen Stücke der getheilten Linien mit einfachen Buchstaben, und um der Anschauung bei der Auflassung der Bedeutung der einzelnen Ausdrücke soviel als möglich zu Hülfe zu kommen, gebrauchen wir für jedes Paar von Stücken einen Vokal mit dem auf ihn folgenden Consonanten in der natürlichen Folge, so dafs wir die Stücke der getheilten Seiten des Dreiecks, a, b; e, f; i, k nen- nen, die abwechselnden Stücke mit Vokalen, die mit ihnen abwechseln- den mit den Consonanten bezeichnend. Wir setzen für die Stücke der getheilten inneren Linien dieselbe Reihe der Vokale, mit den auf sie folgenden Consonanten so fort, dafs wir die Vokale o, u, y den, den Ecken zugekehrten Stücken beilegen, die ihnen folgenden Consonanten pP, 9, z den den Seiten zugekehrten Stücken, so dafs o, p der gegen die Seite a+25; u, v der gegen e+ f; und y, z der gegen die Seite i-+ k sich richtenden Linie zukommt. Wir setzen also für ZE, a, u.s.f. wie die Fig. 1. zeigt. Wir geben die Formeln für eine getheilte Seite des Dreiecks unter der Form des Verhältnisses a: 2, und die für eine getheilte innere Linie unter der Form 0:7, und fügen jedem den entsprechenden Werth sei- nes Ganzen, d.i. «+ und o-+p bei, da es im Gebrauch eben so oft vorkommt, dafs das Verhältnifs eines Stückes zu seinem Ganzen das un- mittelbar gesuchte ist, als das der Stücke zu einander, und da bald in einem der ersteren, bald in einem der anderen Verhältnisse die ein- fachere Regel unmittelbar sich ausspricht. Von den je zehn Proportionen für die Bestimmung der Stücke einer äufseren sowohl als einer inneren Linie des Dreiecks konnten drei aus dem Lehrsatz, wie wir ihn in der früheren Abhandlung vortrugen, Hh 2 244 W E1s:;s: unmittelbar abgeleitet werden (!); drei andere sind die nemlichen Pro- portionen, nur das dritte gleichartige Element, sei es Seite des Dreiecks oder theilende Linie, einem der beiden ersten subsuütuirt. Von den vier übrigen Proportionen sind wiederum zwei ähnliche Gegenstücke zu ein- ander mit Austausch analog liegender Theile als gegebener; drei aber sind, wesentlich verschieden unter sich und von den ersten sechs, Folgen der Erweiterung des Lehrsatzes. Ueberhaupt also sind von den zu gebenden je zehn Proportionen sechs wesentlich verschiedener Construction, vier aber als Wiederholungen von vieren der sechs anzusehen. Die Art wie wir aus den ersten, durch die geometrische Demon- stration unmittelbar erhaltenen Proportionen, die übrigen finden, bedarf keiner ausführlichen Erörterung. Wir suchen z.B. die Theilung einer innern Linie, wenn uns die der beiden andern innern Linien gegeben ist. So giebt uns der frühere Lehrsatz unmittelbar (?) o:p=uf-+v(e-kf):ue. (‘) Alle Proportionen nemlich, wie sie in dem früher vorgetragenen Lehrsatz direct begründet waren, wo wir y und & nannten, was jelzt e und /, n und m, was jetzt o und p, und # und w, was jetzt w und » genannt ist, waren vollständig diese: na: m(a+b):na-+ m(a+b) x ysz +y= Jaw:bv — aw : bo ne —mw: m (v+w) iv (n-+m) = 2 w(z+y) !#X + w(a+y) a:bza+b= mzıny— mx ıny ‚eye zw (n+m) ın(v-+w) x (a+b):ya:ya+x(a+b) nımınHbm= Iw(arb) :vb—wa : b(v-+w) ve+w(z+y)ivoy : w+w)(z+y) a(z+y):be:bx +a(x+y) vyEWwiVv HW= Im(x+y)iny—mx :y(n+m) na+m(a+b):nb : (n+m)(a+b) Je drei solche sind es, welche sich in der nunmehrigen, verallgemeinerten Aufstel- lung, unter veränderten Buchstaben, wiederfinden ; sie beruhen auf folgenden vier Grund- gleichungen: I. ya=mx(a+b); U. vbe=wa(c+y); III. von=w(an+am-+-bm); oder ww (a+b) (n+m)=bn (vw); IV. nyy=m (av + 2w-+-yw); oder m (a+y)(v +w)= yv (nm). (?) Es ist dies die Uebersetzung der Formel nm = va + w (ey): vy, wie sie in der vorigen Note hiefs, in die gegenwärtige Bezeichnung. Verallgemeinerung einiger Lehrsätze. 245 Wir müssen jetzt e und f in u und v, und y und 3 auflösen. Dies geschieht durch Anwendung einer andern Formel des nemlichen Lehrsatzes So ist o:p=us (u+v) +vu(y+2):u(wy—v2)=3 (ur) + (y+2):uy — v2 und o:p:o+p=3(u+v)+r (y+2):w—vz:(u+v) (Y+2). e:fre+f=uy —vz3:3(u+v):u(y-+2) ('). Folgendes sind nun die Proportionen zur Auffindung des Verhält- nisses der Stücke, sei es einer getheilten Seite des Dreiecks, oder einer getheilten inneren Linie desselben, aus zwei gegebenen andern. Skz:eiree + fk uf:v(erf) :uf+v(e+f) z(i+k) zyiıyi+z(i+k) J/p:eo—fp : eo ko—ip : ip : ko iu—-_kv:iw :iu+tv(i—k) JS: -es :fy+2(f-e) ou —pv : v (o+p):o(u+v) z(0+p) :0oy— pz :0(y-+:>) z(u+v): vo (y+z)i2(u+v) #e(y-+2) a:b:a+b = S(a+b):ea:ea+f(a-+b) i(a+b): kb: kb +i(a-+b) Jk +eirzek:ei +kl(e+f) v(a+b) :ub—va : b(u+v) z(a+b):ya—:ıb : a(y+z) uf +v(erf):ue:(u+v) (e+f) yi +z(i+k)iyk:(y+>) (i+k) Soy*+z) —ez:ez:f(y+z) i(u+v) — ku ikv zi (u+e) z(u+v) +o(y+2) zuwy — v2: (u+v) (y+z) 0,p.0o+p= Die letzte Formel führt offenbar auf den Ausdruck (') Die Formel der vorigen Note ar:bzatb=nv —mwiw(n-m)in(--w) wird hier so angewendet, dafs e für a, f für b gesetzt wird; dann mufs u für n, v für m, y für », und z für w gesetzt werden; und so in ähnlichen Fällen. 246 W.£ 1.5.8: welches in Worten ausgedrückt, soviel heifst als: von einer getheil- ten innerenLinie ist das gegen die Ecke gekehrte Stück von seinem Ganzen der so vielste Theil, als die Summe der Theile, welche die gegen die Seiten gekehrten Stücke der beiden andern innern Linien von ihren Ganzen sind. o zZ v ” Peer — Er ee — 2 22850*1St auch Wenn abeı FE Pe Dee s [77 4 pP ee nd ut v y+2 rt 0-42 P £ 2 gmeuPseie Abug yt+z o+p Fur Es ist also offenbar o u % p v 2 — — ——— it m ——— ——— o+p = u-rv u +2 o+p = ut+rv = ee) oder: die Summe der Quotienten, welche die gegen die Ecken gekehr- ten Stücke der getheilten innern Linien von ihren Ganzen ausdrücken, ist doppelt so grofs, als die ‘Summe derer, welche die gegen die Seiten gekehrten Stücke ausdrücken. oO Da aber femer Z— —=1— ‚ und o+ O-1-P 2 [0} v v Oo z _ = — oder = in 3 SH 2 o+p urv utrv o+rp yt2 p = o 0 z z so ıst —=-1— —_ ———t1 Tee Tre a eye kurz pP u © 0 —4 or sr urv rt 2 und % er o+rp + utv -F2 mit Worten ausgedrückt: Die Summe der Quotienten, welche die gegen die Seiten des Dreiecks gerichteten Stücke der getheilten inneren Linien im Verhältnifs zu ihren Ganzen ausdrücken, ist Eins; die Summe derer, welche die gegen die Ecken gerichteten Stücke ausdrücken, ist gleich Zwei; ein Satz, der durch seine Allgemeinheit — denn bisher kannte man ihn Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 247 5 5 5 wohl nur beiläufig für den Fall, wenn die theilenden Linien aus den Ecken nach den Mitten der gegenüberliegenden Seiten gezogen sind — in seiner hier erwiesenen Allgemeinheit, sage ich, gewifs nicht minder merkwür- dig ist, als jener zuerst vorgetragene, welcher die getheilten Seiten des Dreiecks betraf, und die Gleichheit der Produkte je dreier abwechseln- der Stücke derselben aussprach. II. Verallgemeinerung der in der angeführten Abhandlung S.275 und 300 gegebenen ausführlichen Zeichen der Krystall- flächen des sphäro&@drischen Systems. In jenen Zeichen gaben wir an, wieviel eine Fläche, von welcher bekannt ist, wieviel sie abschneidet in jeder der drei Grunddimensionen des Systems, d.i. in den gröfsten Octaäderdimensionen oder den auf den Würfelflächen senkrechten, zugleich abschneidet in jeder der sechs mitt- leren zwischen je zwei der vorigen, d.i. in jeder der sechs auf den Gra- natoederflächen senkrechten; ferner in jeder der vier kleinsten Octaäder- dimensionen, oder der auf den Octaederflächen senkrechten, d.i. der mitt- leren zwischen je drei der ersten; endlich in jeder der zwölf auf den Flächen des Leucitkörpers senkrechten, d.i. der mittleren zwischen den letzteren und den ersteren, so wie zugleich zwischen je zwei benach- barten der zweiten Gattung. Ob nun gleich nicht allein von allen den genannten fünfundzwanzig Dimensionen Rechenschaft gegeben, sondern auch positive und negative Werthe in ihnen unterschieden werden mufs- ten, so vereinigte sich doch in dem gegebenen bildlichen Zeichen die bestimmte Beziehung jeder möglichen Stelle im Bilde auf alles zu un- terscheidende in den Dimensionen mit der höchsten Einfachheit aller auszudrückenden Werthe und ihrem harmonischen Zusammenhang un- tereinander so glücklich, dafs, auch abgesehen von den mannichfaltigen Vortheilen, welche ein solches Bild für die Berechnung der Körper des 248 VE TuS 46% sphäroedrischen Systems und ihrer Eigenschaften gewährt, ihm sein geometrisches Interesse für sich bleibt. Es scheint mir, dafs eben in diesem die Aufforderung liegt, dem Bilde die gröfstmögliche Allgemein- heit zu geben, und es auf die entsprechenden Werthe in allen und jeden erdenklichen zwischenliegenden Dimensionen auszudehnen. Dies gelingt in ähnlicher Einfachheit, wie sie sich schon in der ersten Gestalt des Bildes ankündigte; und ich erlaube mir, es hier schrittweise bis zu seiner allergenerellsten Gestalt fortzuführen, da jede der Stufen seiner Verallgemeinerung ihr eigenthümliches Interesse hat. Sit, Suchen wir fürs erste die Werthe in den zwischenliegenden Di- mensionen zwischen jenen sechs mittleren Octaederdimensionen und den drei Grunddimensionen, so sind dies solche, welche senkrecht stehen werden auf den Flächen der verschiedenen möglichen Pyramiden- würfel. Es ist klar, dafs ihre Stellen in unserm Bilde liegen müssen in den Seiten des Dreiecks und deren Verlängerungen, immer je zwei zu beiden Seiten einer solchen Stelle, wie T u.s.f., welche der auf der Granatoäderfläche senkrechten Dimension angehörte, d. i. zwischen einer solchen und den Stellen der drei Grunddimensionen oder ihrer Entgegengesetzten, d.i. der negativen Werthe der Grunddimen- sionen (deren Stellen im Bilde, in der Verlängerung im Unendlichen lie- gen sowohl von den Seiten des Dreiecks, als von jeder Richtung, die von den Stellen der drei Grunddimensionen aus irgend wohin gezogen wird). In den Granatoederflächen fallen je zwei Pyramidenwürfelflächen in Eine, und so die entsprechenden Stellen in unserm Bilde ebenfalls. Es sei nun die Pyramidenwürfelfläche, in deren Normalen oder Senkrechten die verschiedenen Werthe gesucht werden, nach einem allgemeinen Ausdruck = [a:3.a:a|, und irgend eine gegebene Fläche, deren Werthe in den auf |a:s.a:oca | senkrechten Dimen- sionen gesucht werden, heifse wiederum, wie wir sie früher bezeich- net haben |a:4-a:-;a |, so findet sich, wenn als Einheit in der neuen Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 249 Dimension angenommen wird die Linie im Octaeder aus dem Mittel- punkt nach demjenigen Punkte der Octaederkante gezogen, in welchem die Octaederkante von der neuen (durch den Mittelpunkt des Octaeders P gelegten) Dimension geschnitten wird, die gesuchte Gröfse als diese Ein- . . “oo. . . .yp + z+1 z+1 heit multiplieirt mit einem Coeflicienten von der Form —. » 7777 u.s.f. — man vergleiche Fig.2. — so dafs der Zähler des Bruches allen zu unterscheidenden achtzehn Werthen (!) gemeinschaftlich ist, der Nenner aber die Summe der Produkte der Divisoren in den Wer- then der Grunddimensionen, zwischen welchen die gesuchte liegt, der Divisor der ihr zunächst liegenden multiplieirt mit z, der andere mul- tiplieirt mit 1. Die Einheit der neuen Dimension d aber, ausgedrückt in der Einheit des ganzen Systems, d.i. der Grunddimension selbst, oder die halbe Octaederaxe = ı gesetzt, ist Daher, wenn man eine jede der gesuchten Gröfsen unmittelbar in der Einheit des Systems ausdrücken will, der gemeinschaftliche Zähler aller Coäflicienten, s-+ 1, nur zu vertauschen ist mit Ys’ +1; die gesuch- ; ten Werthe sind also in dieser Einheit kauen, .—. u.s.f. In dem Bilde selbst aber werden wir, wie bisher, die Coöflicienten der neuen Dimensionseinheit als solche, im Zähler mit 3 + ı schreiben. Wird z= ı gesetzt, so haben wir offenbar die mittleren Octaeder- dimensionen selbst, oder die senkrechten auf den Granatoederflächen _ ararooa |; und je zwei Werthe, wie die oben geschriebenen, fal- . 2 . . . len zusammen in den Werth a, »d.i. inuden); welchen unser frü- (') Von den zwölf neuen Dimensionen sind wiederum in sechsen die der geschrie- benen Fläche zukommenden Werthe, an den Stellen nemlich, welche innerhalb unsers Dreiecks liegen, nothwendig positiv; ihre negativen sind daher im Bilde ausgeschlossen. In den sechs andern aber kann der geschriebenen Fläche der Werth sowohl in positivem als in negativem Sinne zukommen; daher hat unser Zeichen 6—+ 12, d.i. achtzehn ver- schiedene Stellen, welche sich auf diese Dimensionen beziehen, zu unterscheiden; und eben soviel wirklich correspondirende Stellen giebt es in demselben. Phys. Klasse 1824. Ti 250 WiEıss: heres Bild für den Werth in einer mittleren Octa@derdimension, deren Einheit wir d nannten, angab; der Werth Vz: +ı wird = V2, wie dies die Gröfse war, welche den Zählern der Coeflicienten der mittle- ren Octaederdimensionen substituirt werden konnte, um diese Coefh- cienten in die absoluten Werthe, wenn die Grunddimension = ı ge- setzt ist, überzutragen. In der Fig. 2. sind die achtzehn verschiedenen Werthe, welche einer n und derselben Fläche la :-a:%a| in den verschiedenen Richtungen zukommen, die senkrecht sind auf la 12.0 2:00 ar) illzsariar2oo ar L = Z ooa'.2.a”, ar] 5 [© ars Zur [a:000* 2% a| s E sa ae ferner auf la’ —2.a" 2004” — 2.a.3a":0a”| u.s.f., die letztere positiv oder negativ genommen, an den entsprechenden Stellen in den Seiten des Dreiecks und deren Verlängerungen geschrieben. Der Beweis für die Richtigkeit des Schema’s ist dieser: Es sei in Fig.3. C der Mittelpunkt unsrer Construcuon ; Ca und Cb zwei halbe Axen des Octaeders, also ab die Kante des Octaeders, dessen Mittelpunkt C ist. Es sei C(f=z.Cb=z. Ca, also aF der Durch- schnitt einer Fläche | 4:3.0:0 a| mit der Ebne Cab; so ist Ct, aus © senkrecht auf aF, zugleich senkrecht auf der Ebne |a:z.a:wa |, also eine der auf den Flächen des Pyramidenwürfels la:z ! a:coa| senkrechten Dimensionen. Wir fragen zuerst: in welchem Punkte o schneidet diese Dimension die Octaederkante ab? und welches ist der Werth von Co, d.ı. der Einheit dieser neuen Dimension für das Octae- der, dessen halbe Axe Ca—=ı? So haben wir at:tF=a’: a =ıi:!z und nach unserm Lehrsatz 2 a0rH0b =rat SCH" tR" 3 Ch =AT Z2ERIEIZH NZ a:ob=A:zZ wodurch der Punkt o bestimmt ist. zZ 1 nd UT ab z+1 a z+1 f 1 3 A Sr Ca, und io = re Ca; folglich So wie nun od —= S so ist auch Ch = V erallgemeinerung einiger Lehrsätze. 251 Co = V(Ch)’ + (ho = \ ) + Die Einheit der neuen Dimension ist also im Octaeder = ——_, 2-1 z +1 wie wir oben sagten. Es sei nun eine Fläche gegeben = EEE] mit beliebigen Werthen in den drei Grunddimensionen ; ihr Werth in Ca sei — Ca; in Cb, — Cb. Wir legen sie durch den Endpunkt a der ersteren, so dafs ag ihr Durchschnitt mit der Ebne Cab ist; so ist Cg = - Cb, (\ ——) Cb= _— Cb, also Cg:gb=m:in— m und wir ha- ben nach unserm Lehrsaze o:o+p=f(a+b):ea +f(a+b) in Fig.3., Cr: Co=(Cg.ab:gb.aa+lg.d= vr. (+1)! (n—m)ı Hm (s+1)=m(zs+1)in.ı+-m.z ee m (z-+1) 0 U nirm.2 Aber Cr ist der Werth in der Dimension Co, welcher der Fläche m ja: -a:”a|, d.i. der obengenannten Fläche, durch den Endpunkt des ersten a in der Einheit gelegt, zukommt; der entsprechende Werth =... Rs SU BEUTE ng et ee für die Fläche aa | also-.ist ul Ch 77, 5.00: Mit z ıst, wie wir sehen, im Nenner des Bruchs der Divisor desjenigen a der gegebenen Fläche | -.a: za:zal zu multipliciren, welches in der Fläche |a:z.a:ooa | in der Einheit angenommen wurde, und senkrecht war auf dem, worin die letztere mit s.a genommen wurde; mit ı umgekehrt der Divisor desjenigen, welches für die Fläche r . |a:z.a:ooa | als s.a genommen wurde, und senkrecht war auf jenem, in welchem für sie 1.4 genommen war. 5 Setzen wir nun für unser Schema, Fig. 2. in der Formel des ET s-+1 “ es Ten . Coefheienten — ,, z für m, ı, für z unverändert z, d.i. statt der Form EB aa) a | unser gepehnlunge: Zeichen |a: a de a:-ta| (also n' für nn. ‚ so wird der Ooeflicient = —_, , wie an der Stelle unsres Schema, welcher die Pyramidenwürfeltläche [e:z.a:@a] entspricht, . .. . . . 1 der in dem ersten a, 1a, während ihr in der Richtung des —- a, 2.a zu- kommt. Wir unterscheiden also die drei a, so ist für den gegenwärtigen li 2 252 Weıss: Fall der gefundene Coeflicient der, welcher der Fläche | a:.-ar: ra der Richtung senkrecht auf a,2.a"200a“| zukommt. Setzen wir es in dem allgemeinen Coeflicienten für m, das n unsrer Fläche arma:za :-a|, und für 2, 1, so wird der Coöflicient z+1 z+1 1+nz nz+1? a ae mit s.a im ersten a, und mit 1.a im zweiten unsrer wie an Mcpeenpe Stelle unsers Schema’s, welche der Pyra- zukommende. Setzen wir für m wiederum z, und für z unser rn’, so haben WE rETZ der Richtung senkrecht auf |wa':ar:z. unser z', für n ungeändert z, so erhalten wir und dieser Coeflicient gehört der Fläche le: Larıd | in . Oder setzen wir für m als den Coefli- cienten für die Fläche [«: —ar:—a=| in der Richtung senkrecht auf a s+i N"zs+n? .n fo) [oa:2. arzar|. Man sieht diese Werthe in unserm Schema an den correspondirenden Stellen. Ist die Rede von einer Dimension, senkrecht auf der Fläche [= e:r3 . ar 000] und dem Werthe, welcher der gegebnen Fläche “| in dieser Dimension zukommt, so wird s mit dem Di- visor des ersten a im letzteren Zeichen, d.i. mit 1, das z oder der Di- visor des zweiten za aber mit — ı zu multipliciren sein. Im Coeflicienten z+1 n.itm. er: die Rede von der Dimension senkrecht auf I- 3.a1a" 10a” 2]; . . z-#+1 wird also z.ı zu —n, und m.z zuz; er wird also zu ——,- so ist — z mit n zu multpliciren oder im allgemeinen Coflicienten für mz zu setzen —nz, für n.ı aber 1. Der Coäflicient also, der für die Fläche gilt, =] in der Richtung senkrecht auf - +1 IS = —e 1.722 Da die beiden Gröfsen s—n und 1 —nz negativ sein können, d.i. die Werthe der Fläche [a tar: a“| in den Dimensionen senkrecht .n ‘n auf I a 12" 200 a| oder = z.a’zartooa| in umgekehrten Richtun- gen Statt finden können, so unterscheidet unser Schema, wie das frü- here, diese umgekehrte Lage eines solchen Werthes durch die dersel- Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 253 ben Dimension auf der Verlängerung einer Seite des Dreiecks nach ent- gegengesetzter Richtung zukommenden zwei entgegengesetzten Stellen ; an der einen ist der Divisor des Co£flicienten der oben geschriebene, an der andern sein entgegengesetzter n—z oder ns—ı. Der erstere, d.i. der oben geschriebene, wird der Seite angehören, wo das erste a posi- tiven Werth hat, der umgekehrte der, wo das erste a im negativen Werthe genommen ist, oder deren Stellen Richtungen bezeichnen, welche zwischen dem zweiten a im positiven Sinne, und dem Nega- tiven des ersten liegen. Dieselben Betrachtungen, welche anstatt der für die einzelnen Fälle angepafsten geometrischen Constructionen dienen, wiederholen sich in Bezug auf alle übrigen Stellen, die unser Schema in den Sei- ten des Dreiecks und ihren Verlängerungen angiebt. Die gegenseitige Lage je zweier Stellen für die zwischen denselben zwei Grunddimen- sionen liegenden, je nachdem nemlich eine bestimmte von beiden der einen Grunddimension näher liegt, oder der andern, entspricht der Lage der Dimensionen im Raume selbst unter der Voraussetzung, dafs z>1ı. Nähme man 3s<ı, so würden die entsprechenden Stellen mit ihren Coöflicienten ihre Lage je zwei vertauschen, so wie in dem Fall 3=1 sie je zwei in Eins zusammen fallen. Sr 2, Die Flächen der Pyramidenwürfel gehören bekanntlich der Kan- tenzone des Würfels. Wir wenden uns jetzt zur Entwicklung der Werthe, welche der Fläche |a:-a:7a| in solchen Richtungen zukom- men, welche senkrecht sind auf Flächen aus der Hauptzone des Octae- ders, d.i. der Ecken- oder Diagonalzone des Würfels. Es werden also die jetzt zu untersuchenden Dimensionen senkrecht sein auf den Flächen der Leucitoide mit Inbegriff des Leucitoeders, oder auf den Flächen der Pyramiden-ÖOctaeder, je nachdem sie liegen zwischen den Grunddimensionen und einer kleinsten Octaeder- dimension, oder zwischen einer kleinsten und einer mittleren, die auf 254 WE vsis: ihnen senkrechten Flächen also zwischen einer Würfelfläche und Octae- derfläche, oder zwischen einer Octaeder- und Granatoederfläche. Die all- gemeine Eigenschaft einer Fläche aus der Hauptzone des Octaeders ist, dafs in zwei unsrer Grunddimensionen ihr gleiche Werthe zukommen, was wir im allgemeinen ausdrücken können mit der Form |z.a!z.a:a|. Ist 3>ı, so haben wir Leucitoidflächen; ist 3< ı, Pyramidenoctae- derflächen. Der Fall z= ı ist der des Octaeders selbst, als die Mitte zwischen jenen beiden Abtheilungen. Die Grenzglieder wären 3= ®, d.i. die Würfelfläche, oder z= . die Granatoederfläche. So war im vorigen die allgemeine Eigenschaft einer Pyramidenwürfelfläche [a:3.a:00a der Parallelismus mit einer der Grunddimensionen, oder © als Coöflicient von einer derselben; die Mitte z=ı war der Fall des Granatoeders, die beiden Endglieder z=® und s=o beidemal der Fall des Würfels; und man wird nicht allein auch diese Grenzfälle in den Formeln unsers Schema’s mit begriffen, sondern auch bei der nä- hern Vergleichung bestätigt finden, was wir vorhin von dem Tausch der Stellen sagten, wenn z, was wir >ı annehmen, <ı gesetzt wird. Die Fig. 2. enthält neben den vorigen Werthen zugleich die (21) neuen, welche einer Fläche [a:5a:% a in den zwölf gleichar- tigen Dimensionen senkrecht auf beliebigen Flächen der Hauptzone des Octaeders zukommen, drei derselben innerhalb des Dreiecks, deren ne- gave Werthe ausgeschlossen sind, wenn die Werthe in den Grund- dimensionen positiv gegeben waren, die neun übrigen mit den negativen Werthen derselben, wie bald die einen, bald die andern der Fläche le:ta:Ha] zugehören können, an entsprechenden, sich entgegenge- setzten Stellen aufserhalb des Dreiecks in den sechs, durch die verlänger- ten Seiten gesonderten Räumen. Die einundzwanzig neuen Werthe sind sogleich kenntlich durch ihren gemeinschaftlichen Zähler z-+ 2, welcher sie wieder, wie die vorigen der Zähler z-+ 1, auszeichnet. Die Stellen, die wir ihnen geben, entsprechen wieder der Vorausseszung z> 1 in der Fläche |z.a:z.a:a|, in deren Normalen die der Fläche [a:+ai Ta Ar: zugehörigen Stücke bestimmt werden sollen; und so entspricht diese Feerallgemeinerung einiger Lehrsätze. 255 Voraussetzung dem Fall, dafs es Leucitoide sind, denen die Flächen 2.a:2 .aral angehören; es sind daher die nemlichen Stellen, die wir für die Werthe in den Richtungen senkrecht auf den Flächen des Leu- ] | früheren Abhandlung, 8.300. mit den Coeflicienten bezeichnet haben, citoeders selbst, d.i. auf den Flächen |24:24:a in dem Schema der welche den gemeinschaftlichen Zähler 4 hatten. Wenn == ı wird, so ist es die Octaederfläche |a:a:a', von deren Normalen die Rede ist; der Coeflicient bekommt zum Zähler 3, wie in den früheren Schemen die Coeflicienten der auf den ÖOctaederflächen senkrechten, d. i. der kleinsten Octa@derdimensionen; und je drei unserer neuen Coeflicienten mit den Zählern s-+ 2 fallen dann in Eins zusammen. Wird 2<ı, sind es also Pyramidenoctaöderflächen, in deren n Normalen die der Fläche |a:-a:-ra| zugehörigen Stücke bestimmt werden sollen, so rückt die in dem Schema einer jeden derselben ge- bührende Stelle über den Punkt, wo je drei zusammenfielen, nach der entgegengesetzten Seite hinüber, und die drei innerhalb des Dreiecks z.B. liegenden Werthe bilden in demselben ein umgekehrtes, mit den Spitzen gegen die Seiten des grofsen gerichtetes Dreieck, statt dafs in unserm Schema es ein gleichförmig in das grofse eingeschriebenes Dreieck ist, welches ihre Stellen unter sich bilden. Von je dreien m einem Aus- schnitt aufserhalb des Dreiecks geschriebenen Co&flicienten mit den Zäh- lern z3-+ 2 gilt ganz das analoge; sie fallen auch je drei in Einen Punkt und Einen Werth zusammen), wenn 3= 1 ist, und treten in entgegen- gesetzten Richtungen wieder auseinander, wenn z< 1 wird. In den Nennern der Coeflicienten sieht man im Schema auch die gewohnte Einfachheit, und zwar mit z immer den Divisor derjenigen Grunddimension für la: a: + a| multiplicirt, welche dem geschriebenen Coeflicienten am nächsten liegt, “die beiden andern Divisoren unverän- dert oder mit 1 multuplicirt; die Summe der so multiplicirten Divisoren aber macht den Nenner des Coeflicienten aus. Die grölseren Ausschnitte haben zu ihren Grenzen zwei Grunddimensionen in den positiven Wer- then des Dreiecks, die dritte im negativen Werth, die Grenze des Aus- 256 WE tus»s: schnitts im Unendlichen bildend. Die kleineren Ausschnitte haben zu ih- ren Grenzen eine der Grunddimensionen des Dreiecks in positivem Sinn, beide andre im negativen in den Verlängerungen der einschliefsenden Sei- ten im Unendlichen liegend. Welche Grunddimensionen zur Bildung des einen oder des andern Ausschnittes in negativem Werthe concurriren, diese gehen überall in demselben negativen Werthe auch in den Nenner des Coöflicienten ein, multiplicirt, wie vorhin, mit denselben Factoren. Die Einheit in der neuen Dimension, womit die Coeflicienten sammt und sonders wieder zu multipliciren sind, ist abermals die dem Octaöder zukommende, also die Linie aus dem Mittelpunkt des Octae- ders nach demjenigen Punkte der Oberfläche des Octaeders gezogen, in welchem dieselbe von der neuen Dimension geschnitten wird. Diese Linie A, ausgedrückt in der Einheit des ganzen Systems, d.i. die halbe Octaöderaxe — ı gesetzt, erhält den Ausdruck und so verwandeln sich wiederum alle neuen Co£flicienten in ihre wah- ren Werthe, die halbe Octa@deraxe = ı, wenn statt ihrer gemeinschaft- lichen Zähler s-+2 gesetzt wird Vz’+2. In dem Schema für die auf den Leucitflächen senkrechten Dimensionen (wos=2) war der so in die absoluten Werthe übersetzte gemeinschaftliche Zähler VY2?’+2=V6, und die Einheit in der entsprechenden Octa@derdimension war en = YV — Wir ziehen es indefs wiederum vor, in dem Schema die Coefi- cienten als solche zu schreiben, da 3-+2 für diesen Zweck ein kür- zerer und bequemerer Werth ist als Vei-2. Der Beweis für die Richtigkeit der angegebnen Werthe ist wie- der eben so einfach als im vorigen Fall. Es sei in Cad, Fig. 4. Ca eine Linie aus dem Mittelpunkt C un- srer Construction oder des Octaeders nach der Ecke desselben, also Ca = einer halben Octaederıxe =a = 1; d sei die Mitte einer Octaederkante, welche die Endpunkte der beiden andern Grunddimensionen a verbindet; alo cCd= =7 = V+; so wird eine Fläche [3.@:3.a:a durch aF* V erallgemeinerung einiger Lehrsätze. 257 gehen, wenn FC =z.Cd, Cd aber die zwischen z.a und z.a liegende mittlere Octaederdimension ist. Die Linie Ct senkrecht auf aF gezo- gen, steht dann auch senkrecht auf der Fläche [3 .arz.a:ra\. Wir setzen wieder die erste Frage: welches ist der Punkt o in der Octaederdiago- nale ad, in welchem die letztere von der auf senkrech- ten Ct geschnitten wird? ferner: welches ist der Werth von (ode der Einheit in dieser Octa@derdimension? So ist fürs erste at, IF = (Ca): (CF =ı: =2:7° ferner Cd: CR =1!z und nach unserm Lehrsatz o:p=!(a+b): kb aozod=at. CR:iBP.CD=2.z2:3 .1=232 also die Octa@derdiagonale getheilt im Verhältnifs 2: z And 08 aa air) 4 also die Einheit der neuen Dimension, wie oben gesagt war, = — — —— Nun nehmen wir wieder statt der Fläche |a:+a: --a| einen noch allgemeineren Ausdruck e ne a| ‚ so dafs ihr in der Richtung . 1 . . Ca der Fig.4. — & zukomme. Wir legen sie durch den Endpunkt a der Linie Ca, d.i. wir nehmen sie in den Abständen vom Mittelpunkt = la: ”=a:”=a|, so kommt ihrem Durchschnitt ag mit der Ebne Cad = 2m der Werth Cg = IF Cd in der mittleren Octaederdimension Cd zu, wie aus dem früheren Schema einleuchtet; und 2zm 2m Ceide= a =2ım!in+p— 2m. n+p n+p Gesucht wird nun zunächst, wenn r der Durchschnitt von ag mit Ct ist, das Verhältnifs von Cr zu Co. Dieses giebt nach unserm Lehrsatz die Formel 0:0o+p=fla+b):ea + f(a+b) Demnach Cr :Co=Cg.ad:dge.aoo + Clg.ad = 2m (s+2) : (n+p— 2m) 2 + 2m (+2) =m(z+#2)!n+p+mz m (+2) n+-p+tmz Phys. Klasse 1824. | Kk also Cr = 258 Weiss: |—a:-a:ta in der Dimension Ct 1 m Nun aber kommt der Fläche z2+2 n+p + mz Mit z wird im Nenner des Üoeflicienten, wie man sieht, der Divi- . 1 4 . nicht Cr, sondern — Cr, d.i. sor derjenigen Grunddimension der Fläche | —a:-+a:-+a | muluplicirt J ° m rn pP P ’ welche in gleicher Richtung genommen wurde mit der des ıa im Zeichen der Fläche | z.a:z.atra \, Schreiben wir also mit Unterscheidung der a die erstere | a: Zar: ar), so ist es. die Fläche E ara arzt] oder [e:2.0”:3.a] ‚in deren Normale ihr der Werth _—2*+?__ Co zu- n =+D. + mz kommt. Und damit werden wir wieder die Regel der Entwickelung sämmtlicher Coäflicienten für den Werth der Fläche | anthansıh a | Mr in den Richtungen senkrecht auf [a zur ze =]: auf E .asarız.a rn F E 12 ‚ariar| i |=@:2.ar:2.a| u.s.f. haben, ohne der speciellen schiedenen Combinationen zu bedürfen. Genauer ausgedrückt, würde indefs die Regel diese sein: Wir haben uns beide Flächen vorzustellen unter der Form + ara a] und = a? ar: ar| u.s.f., d.i.alle Dimensionsgröfsen unter der Form eines Bruches mit dem Zähler 1 geschrieben; so ist der Nenner des CGoefficienten die Summe der Produkte der beiderlei Nen- ner der gleichliegenden Dimensionen in den geschriebenen Flächen, mit dem Zeichen + oder —, als ebenfalls dem Pro- dukte der Zeichen der nemlichen Dimensionen; der Zähler des Go&fficienten aber ist die Summe der Nenner der dreier- lei Dimensionen der Fläche + 2:4 ar2.0= |-4(t): Es ist also der Coeflicient für Bine se] in der Richtung = _—2+2_; denn es. ist das obige m =, ztntn senkrecht auf | SET 7 AR SRRN 7 Faasl n=n, p=n gesetzt. (') So ausgedrückt, umfafst auch die Regel den früheren Fall für die Dimensionen senkrecht auf den Pyramidenwürfelflächen; denn diese haben wir uns zu denken unter -|, so ist wieder der Zähler des Coefhicienten =s+1+1= der Form z2+1, und der Nenner =z.1+1.n +1." =s+n. usf. Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 259 In der Richtung senkrecht auf EREE zu» ısuer = —_ denn es ist statt des obigen m zu selzen n, statt z und p, rn’ und ı. d Var) z-+2 In der Richtung senkrecht auf Il2.0:z .arıa|ister = nz+n-+ıi ? denn stalt m ist zu setzen n’, statt z und p, rn und ı. . r . ea In der Richtung senkrecht auf a: 2.ar:2.ar-| ist der Coeflicient = z+2 . . . 2 7a yuweillim der allgemeinen Formel desselben m zu ı geworden, sein Produkt mit z aber mit dem Zeichen — zu versehen ist, welches aus der Multiplication der Zeichen + und — hervorgeht, für z und p aber, n und n’ gesetzt ist. Wird dieser Coöflicient negativ, so gilt er in der umgekehrten tichtung, d.i. in der nemlichen Dimension, vom Mittelpunkt aus gerich- tet gegen eine Fläche [e: 2 .—ar2.—ar| = = a’ ‚—arı—ar|, welches Zeichen den Ooeflicienten giebt —= zu ‚ da jetzt auch m zu 1, und z z— nn und > zu z und n’ geworden, aber die beiden letzteren das Zeichen —, als das Produkt von + mit — tragen, während das Produkt ms = 1.3 das Zeichen +, als das Produkt von + mit + behält. Unser Schema zeigt beide umgekehrte Werthe des Üoöflicienten an den entsprechenden Stellen, nemlich den ersten in dem Ausschnitt zwischen a“, a und — a‘, den zweiten in dem entgegengesetzten zwi- schen «, — ar und — a. Auf gleiche Weise ergiebt sich der Goöflicient in der Richtung =2+2 senkrecht auf — 3. imi2.ar] — | = wi Zara als =, und 8 | a = J Oinzen—ı für die umgekehrte Richtung gegen |«:—-a":—a| senkrecht, als 5 s ses Z z+2 ı— nz A F Eben so in der Richtung senkrecht auf |—3.«:2.ar!Yar| = ° N | P 3 . \Lefp.: s+2 r zen — arsarız a] wird der Coöflieient „5 ;,, 7 ; der umgekehrte in deı [ef gene Aue en R z+2 gegen |a:—ari— za | senkrechten, — I. . Und so alle übrige der Ordnung nach, wie sie im Schema Fig.?. nach der Voraussetzung 3 > 1 gestellt sind. 260 WE tısıs; 8. 3. Wir geben endlich unserm Schema die gröfseste Allgemeinheit, indem wir angeben, wie eine Fläche PETER jede andre Art von Dimensionen schneidet, senkrecht auf Flächen, die weder in der Haupt- zone des Octaäders, noch in der Kantenzone des Würfels liegen, also weder Leucitoidflächen noch Pyramidenoctaeder-, noch Pyramidenwür- felllächen angehören, sondern den Sechsmalachtlächnern oder Hexakis- oclaödern, welches bekanntlich die allgemeinste Form der von gleichar- tigen Flächen begrenzten Körper des sphäro@drischen Systems war, die gleicharugen vollzählig, und in der Begrenzung des Körpers im Gleich- gewicht unter sich genommen. Wir geben der beliebigen Fläche des Systems, in deren Normale der einer Fläche |a:-a:—a| zukommende Werth allgemein bestimmt L n werden soll, den Ausdruck la 0 za] ; sie wird einen Sechsmalacht- flächner geben, wenn y und z endliche Gröfsen, verschieden von einan- der und verschieden von 1 sind. Fällt eine oder mehrere dieser Bedin- gungen weg, so reducirt sich der Sechsmalachtflächner auf einen der durch das Zusammenfallen mehrerer Flächen entstehenden Körper mit vierundzwanzig, zwölf, acht oder sechs Flächen. Das Maximum der Anzahl gleichartiger Dimensionen isı also 24, in welchen wieder entgegengeselzte Richtungen oder Hälften zu unter- scheiden sind. Die entgegengesetzten von sechs werden wieder von den Werthen, welche einer Fläche [e:# a:zra| zukommen können, ausge- schlossen, nemlich von denen, welche gegen Flächen gekehrt sind, in deren Zeichen |a: a: 4 a| die Werthe von a in gleichem positivem Sinn verstanden sind, wie für die Fläche it wa]: Diese sechs je- derzeit in positivem Sinne der letzteren Fläche zugehörigen Werthe in sechs der zu untersuchenden Dimensionen zeigt unser Schema innerhalb des Dreiecks; von den übrigen achtzehn gleichartigen Dimensionen kön- nen der Fläche ja :a:zra) Werthe bald in positivem bald in negativem Sinn zukommen. Die sechsunddreifsig daraus entspringenden Gröfsen ver- theilen sich je sechs in die sechs Ausschnitte aufserhalb des Dreiecks, und Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 261 folgen in der Lage ihrer Stellen einer eben so festen Ordnung im Schema, wie die zu unterscheidenden Dimensionen mit ihren entgegengesetzten Rich- tungen im Raume selbst. Unser Schema besitzt also wieder zweiundvierzig für die zu unterscheidenden zweiundvierzig Werthe geeignete Stellen; es sind im allgemeinen die Räume zwischen je drei benachbarten, einer klein- sten, einer mittleren und einer gröfsten Octa@derdimension, so wie die neuen Dimensionen zwischen je drei solchen liegen. Die Formeln für die verschiedenen Coeflicienten sind, wie die Fig. 5. sie darstellt, in der That von ähnlicher Einfachheit, wie die vorigen; ja aus der vorhin aus- gesprochenen Regel fliefsen sie wirklich sammt und sonders. Die Zähler sind wieder allen gemeinschaftlich =y + 3+ ı = der Summe der Nen- ner in den als Brüche mit dem Zähler 1 geschriebenen dreierlei Werthen in den Grunddimensionen für die Fläche la: Farga ; die Nenner sind die Summen der Produkte der Nenner von den Werthen der beiderlei nach derselben Regel geschriebenen Flächen la: +a:a] und le: va:za| in denselben Grunddimensionen, die zugehörigen positiven oder negativen Zeichen gleichfalls mit einander multiplicirt, und das daraus sich erge- bende Zeichen, dem Produkt zu welchem sie gehören, beigefügt. Wenn also die beiden so eben geschriebenen Flächen in gleicher Folge der a a = . a +2 zu verstehen sind, so ist der Coöffeienn — = u. s. f. nytnz+1 Die Einheit 4%, in der neuen Dimension aber, wiederum am Octae- der als die Linie aus dem Mittelpunkt nach demjenigen Punkt der Ober- fläche gezogen, in welchem dieselbe von der auf ja: a: za senkrech- ten Richtung geschnitten wird, findet sich in der Einheit derselben Oc- tacderaxe wiederum ausgedrückt so dafs abermals der Coöflicient, wenn sein gemeinschafllicher Zähler Y+z-+1mit VYy°+ 3° + ı vertauscht wird, in den absoluten Werth der zu bezeichnenden Gröfse in der allgemeinen Einheit des Systemes übergetragen ist. 262 WE Iusi$: Es wird jedoch nöthig sein, von der Richtigkeit der oben ausge- sprochenen Formeln noch besondere Rechenschaft zu geben. Es sei also in Fig. 6. Y=z CA=T 0; CGG=—CB=—a, und Yz die Linie, welche einer Fläche a:—a:za| in der Ebne C4B zukommt, wenn sie in der auf dieser Ebne in C (als dem Mittelpunkt der Construction) senkrechten Richtung durch einen Punkt geht, der um ıa von C absteht, während CA und CB die beiden andern Grunddi- mensionen a,a, folglich 43 eine Octaederkante bezeichnet. Wir fällen das Perpendikel Cp aus C senkrecht auf yz, und verlängern es, bis es die Octaederkante 4B in D schneidet; so wird in einer durch CpyD und OC aber die auf CAB in C senkrechte Grunddimension a ist, so wird Op der Durchschnitt von [ara] mit OCD, OD aber eine von O nach D in der Octaederfläche 4BO gezogene Linie sein; und das Per- pendikel Ct aus C auf Op, verlängert nach F', als dem Durchschnitt mit OD, wird die auf [a:$a:za senkrechte Dimension, und CF die Einheit derselben für das Octaeder sein, dessen halbe Axe = OC ist. Um zuvörderst den Punkt D, oder das Verhältnifs +D: DB in der durch CpD getheilten Octaöderkante zu kennen, ziehen wir in Fig. 6. aus 4 die Linie 4 parallel mit y3; sie schneide die Linie CD in v; soist C$ = CB, oder C$:CB=y:z; ferner Ares para (Cr), (C 2)’ = ZZ pi ya und nach der Formel a:b = uf :v(e+f) ıst ADEDB=4r,.08:73.Ch=z yıye—=2:r = Cy.Ca ferner ist nach der Formel 0o:0o+p=f(a+b):ea+f(a+b) Cr: CD=C3.4B:3B.AD+C3.1B=y(y+2):@—_Y)z+70+2) = +3) :2’+y° Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 263 mithin Cop: CD=y+z:y’+3=° 2 a CGp: = Y . Y2 Vs 3+ ei Daher ist CD, in der Einheit der Grunddimension a ausgedrückt, N #3? aly? +2? Pi y+z = y+2 Suchen wir jetzt in Fig. 7. den Punkt 7 in der Linie OD auf der Octaeder- fläche BO, so ist fürs erste OBERE KLCOF(CH Fe an =y’+2”:1 und nach der Formel a: =z(i+k):yi, oder bYa=yi:z(i+k) ist OF: FD=0tCp: 1%: CD=(’FE) (HZ) HE) +2321 und suchen wir die Einheit der neuen Octa@äderdimension CF, so ist nach der Formel 0:0o +p=il(a+b): kb + (a+b) Ci: CR =Cp,OD:PD: ORFCp. OD= a N aA HS +1! (WHY ts HtieyHsHiiy’ rs Ht also cCRaedAFErrt oe; y+z-+1 a a. —— - Keen nennen nr V (C0)?+(Cp)? h.o a? Vy?+2°’+1 een folglich die Einheit in der neuen Öctaederdimension CF oder %, wie oben angeführt war, e——— CR _ aVy"+z2’+1 Wir suchen aber nunmehr den Werth Cx Fig.9, welchen eine durch Os gebende Fläche la:0:&% von der Richtung CF, von C aus gemessen, abschneidet. Wir substituiren dieser Fläche, um das all- gemeinere Gesetz jenes Werthes deutlicher zu machen, den noch allge- meineren Ausdruck | 4a: a: Zara za ‚ so dafs wir das z: a derselben in . a der Richtung des ıa der Fläche also in der Richtung ’ 264 Weiss: CO, das — a in der Richtung des — a, also in CA, Fig.6 und S., und das ——a in der Richtung des — a, d.i. in CB, Fig. 6 und 8. nehmen. Wir legen die Fläche ] durch den Endpunkt O der ersten Grunddimension CO, also in die Lage la: 2a: za] ‚ so wird sie von den Linien C4/ und CB, Fig. 8. Stücke abschneiden 1 =, SE irn lt. mi Cra=-# CA und Cm= CB. n m Der Durchschnitt der Linie am mit CD, welches die vorige Bedeutung behält, sei s. Wir ziehen 4g parallel mit nm; der Durchschnitt von 49 . . . n n mit CD sei u; so ist C(q = uk Cm= —- CB,"und n n Da en Nun m Sn cq 7 nı m ferner ist nach der Formel 0:0o+p=f(a+b):ea+ f(a+b) Cu: CD= Cg.4B:qgB.AD+ Cq. AB=n(y+2):(m—n) s+n (Jy+3)= n(y+2):ms+ny also Cu= 2UFE9) CD mz + ny Aber ER re 2 are en 45; n ny+ mz Wenn nun in Fig.9. Cs: CD=p(y+2)!ny-+mz, oder Cs:sD=p(y+2)!ny+mz—p(y+z), so ist nach der Formel 0:o +p=i(a+b) kb + i(a-+b) G22. ER —=608.0D,.SD20PrC8 „OD= Por+2) Gr2E+H):(ay+mz=pr-p2, NH) FO +) ++) = p(y+z+1)inytmz+p.1 also Cx = PIE CF nyt mz+p.1 Aber Cx war das Stück, das auf CF durch |a: a: }-a| abgeschnitten wurde; folglich ist das Stück, welches durch |; arta:ha| abge- schnitten wird, Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 265 Fer u en.) 1 +2-+1 aVy+z2’#1 Vy? #2’ +1 EN En A a TE a p nytH-mz-+-p.i nytmz—+p.i nyH-mz-t-p.i wenn a = ı gesetzt wird. : % au. DT Y+z+1 So sehen wir also wiederum, dafs in dem Coeflieienten EEG der Zähler die Summe der Nenner ist von den einzelnen \Verthen in ‚ während der Nenner des Coäflicienten die Summe ist 1 .1 4 £ [+a:ta: LU von den Produkten der Nenner in den Ausdrücken beider Flächen I 1 Fe a] [ra a] : EN i - + arzyarza| und Izaimaimal, jede so geschrieben, dafs die Dimensionswerthe Brüche sind mit dem Zähler 1, nnd je zwei Nenner mit einander multiplieirt, welche den in gleicher Richtung genommenen Dimensionswerthen der beiderlei Flächen zukommen. Fügen wir noch hinzu, dafs diese Nenner zugleich die positiven oder negativen Zeichen der Dimersionswerthe wagen, denen sie angehören, so haben wir die Re- gel für die Bildung der sämmulichen zweiundvierzig Coeflicienten, welche wieder nur die verschiedenen möglichen Combinationen von nz, m, p, mit 1,7, z enthalten und, wie immer, erschöpfen. Kehren wir also zurück zu unserm von Anfang gewählten Aus- druck einer Fläche ara 4; a |, setzen wir sie an die Stelle der vo- . | VE ET gs . . . . . rigen | a: ta: a| und unterscheiden wir ihre verschiednen a, die sie bald mit den einen, bald mit den andern a einer Fläche la ara in gemeinschaftlicher Richtung hat, so ist für Ez u ara in der . r . . . . . Richtung senkrecht auf a! ar: a, % als Einheit dieser Dimension genommen, der Co£fieient = —I*7*! _; denn es wurde für p, 1, be) ny+nz+1.i 3 für m, n’ gesetzt, n aber in der vorigen Bedeutung des allgemeinen Co&f- ficienten gelassen. So wird für [« Zar ia | in der Richtung senkrecht auf DE NEE .ıy . + - Arr [e:z 9:7 a) der Coeiheient, FH : denn z steht für m, ea J nztnyHti.ı ’ r'-für n,- +. für ;p. . .. er 1 . . So wird ferner für [e:+ar: ar, im der Richtung senkrecht nr a nl an auf | yazarı zar| der Coäficin = - BES ER ÄR in der senkrecht auf | Ja: Zarzar | wird er — y+3+i 1.y+tns+n.ıi Phys. Klasse 1824. L1 266 WeEıss: > ee la SE EZ Fe senkrecht auf + a zart za wirdeer = an a . . | = y+2z und senkrecht auf [4:4 ar ra | wurdrern I L 1.2-0n.ytn.i wie diese Coeflicienten in der Fig.5. an den innerhalb des Dreiecks fal- lenden Stellen sich finden, durch welehe Richtungen bezeichnet wer- den, die zwischen + a’, + a” und + a liegen. Was die zwischen — a‘, oder — a”, — a’ und eine oder zwei + a... fallenden Richtungen betrift, so ist der der Fläche le: —arı La in Bezug auf sie zakommende Coöflicient auch klar durch das vorige bestimmt; er wird, wie man sieht, wenn die Rede ist von der Richtung N s A kein andrer sein, als — —i1+n.y+nz i ] senkrecht auf 1a: Gar ya u.sf. Die Stellen, welche den einzelnen Coefficienten in unserm Schema gebühren, werden im allgemeinen abhängig sein von der Relation der Werthe, welche man den Gröfsen ı, a und n’; ı, y und z giebt. Wenn wir setzen n >n> 1, wie wir in den früheren Schemen geihan haben, so liegt die Fläche ER ara) dem Mittelpunkt der Construction am nächsten in dem Raume, welcher in unserm Dreieck eingeschlossen ist zwischen dem Mittelpunkt desselben, der Mitte der Seite zwischen — und . ‚ und der mit — bezeichneten Ücke. Der Coefficient, welcher in diesem Raume steht, mufs also unter jener Voraussetzung immer der kleinste, sein Nenner folglich der gröfste sein. Dies isı für die Summe der drei Produkte von drei gegebnen Gröfsen ı, n, n’, mit einer anderen von drei gegebenen anderen ı, y, z nur dann der Fall, wenn die gröfsten mit den gröfsten, die mitlleren mit den mittleren, die kleinsten mit den kleinsten multiplicirt werden. Setzen wir also z>y > ı, so ist die Summe der Produkte die gröfseste von vn sry 41.1. Es gehört also unter dieser Voraussetzung . x R > ER z+Yy+1 5 an die genannte Stelle in unserm Dreieck der Coöflieient ESTER Dies ist aber die Formel für den Coäflieienten, welcher der Fläche la‘: ta” a] in der Richtung senkrecht auf :$ar:5a*] zukommt; und es ist klar, dafs an dieser Stelle der kleinste Coeflicient liegen mufs, wenn für die Fläche Be a:zal die kleinsten, mittleren und gröfsesten Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 267 r4 Werthe in den Be nn in derselben Folge liegen, wie in der Fläche [a:+a:-; a]. Die übrigen $ S Stellen, und welche Coeflicienten ihnen angehören, folgı der Bestimmung der ersten. In dem Ausschnitt zwischen dem Mittel- 5 “ . 1 = N punkt des Dreiecks, der Mitte zwischen 1 und — 7, und der Ecke —,; mufs n we. der Coöflicient zu stehen kommen, welcher der Fläche le: wen Zar) zukommt in der Richtung senkrecht auf derjenigen Fläche 2:5 nn .y welche mit der vorigen la: - Zar Zar a) gemein behält das a’, und ver- tauscht das a’ und a”, also auf Ha era ı ar ]i für diese Richtung aber . A.epp..= sty+1 . — ist der Coeflicient —., ae 3 : wc z+y+ı + ö . Die beiden Coeflicienten ENTER und Fur werden gleich oder fallen in Einen zusammen, wenn y = ı; und ihr gemeinschaft- +2 —z2n%7, wie in Fig. 2.. Dort aber war es der : :4aw, in der Richtung senkrecht auf — licher Ausdruck wird des Dee für g -a\, auf welchen letzteren Ausdruck sich [1 eo . S.a:2.arsa jetzt die A Dr r a“ reducirt, wenn % . Ferner a: in nn Ausschnitt zwischen dem in Minehpunkı des . 1 1 Dreiecks, der Ecke ei und der Mitte zwischen ——- und — derjenige Coeflicient stehen, welcher der Fläche [® tur: | zukommt in der Richtung senkrecht auf einer Fläche [a:—a:4a|, die mit der Fläche la: == z( = vertauscht ihr a und a’, und gemeinschaftlich behält das a‘, d.i. in der Richtung senkrecht auf a: a: als wir wissen aber: für Er Richtung gilt der Coeflicient Pr ande -„ Dieser Coefli- 2 ‚ N32ERYH1.1 s+ty+1 5 cient wird identisch mit dem ersten ,., TER wenn 3=y. Dies wird der Fall sein müssen, der sich auf eine Pyramiden -Octaederfläche be- zieht, wenn s=y>ı. Dafs auch dieser Fall mit dem in der Fig. 2. ihm correspondirenden Coflicienten 7 2 3-42 . . . . nrw Slimmt, sehen wir leicht. Hieı ae, _ wurde die Fläche gedacht als la 22.ar:2.ar |)» in unserm jetzigen als . 32 ı .. ja: 4 ans 5 z a“ |. Setzen wir aber in: den Werth , za, 277 für'z, : -1- 2 1-+22z . r ° F so "jst- = ie — »—- Und wenn wir in den obigen zwei +-n+n 1+(n+-n)z . at #0 “. . shy+1 a Hi Rn N , 3 = Ei En identisch werdenden Coeflicienten Fee und an: nach deı L1 268 Weiss: Gleichung z=y, für y auch z schreiben, so verwandeln sich beide e 22 +1 1+22 an s(W+n)+ı — s+(n+nw)z' Es ist einleuchtend, dafs alle sechs Coäflicienten im Innern des Dreiecks in Einen Werth zusammenfallen, wenn s=y=1, d.i. im Fall es die Octa@derfläche wird, auf welcher die gesuchte Richtung senkrecht steht. Und dann reduciren sich die sechs Ausdrücke in den Einen, schon .. 5) aus unsern frühern Schemen bekannten , W+Hn+i" Es ist nicht minder deutlich, dafs an der Stelle aufserhalb des Drei- ecks, welche in der Linie von der Ecke — bis nach der Mitte zwischen — und — an die erste bezeichnete Stelle grenzt, d.i. in dem Aus- schnitt, welcher sich zwischen den bezeichneten zwei Punkten und einer . . B 1 1 2 . u .y * Mitte zwischen —, r und —ı befindet, ein Co&flicient stehen mufs, der sich auf die Richtung bezieht senkrecht auf [—- = :-—-a-:-.a|:; denn ° R y Z ’ — = EI die beiden letzteren Werthe mufs diese Fläche gemein haben mit der, auf welche der erste Coäflicient sich bezog, der für le: tar: a galt; den Werth in @« aber mufs sie im negativen Sinn mit derselben gemein haben. Der Co@flieient aber, der der Fläche aa] zukommt in der Richtung senkrecht auf a! arizar|, it a, = — [3 u Auch dieser Coefliecient wird mit dem ersten —+?*! _ zusammenfal- A NztNnyti len, wenn in dem Ausdruck +-a:Zzarga der Divisor des ersten «=Null wird, d.i. wenn die Rede ist von einer Richtung senkrecht auf einer “ r r Em: 7 . r r Q se s 4 Fläche |© a: a: @a\. Man sieht, dafs dies die Fläche eines Pyra- midenwürfels wäre, und dafs die beiden erwähnten Coöfhicienten werden r s+y vd BRrckr: = ————s würden — m In Fig. 2. aber hiefs dieselbe Fläche |oa'!za:!ar| = Fa Te DEE z « 1 . = 7 mE loazarıt ar. Setzen wir aber statt y @. im ersten Ausdruck ıa“, also für y, 1, so ist der Coeflicient = =, wie er ın [4 e Ss [4 Fig. 2. hiefs. Wir überzeugen uns cben so, dafs in dem benachbarten Aus- schnitt links vom vorigen in unserm Schema, der Coöflicient stehen mufs, 5 welcher sich bezieht auf die Richtung senkrecht auf a Zar: nes. . a = s+y+ . sy] NT Dies giebt ihn = — 7, Wiederum, wenn für {, Null gesetzt ke) nztny—i 2 5 2 er also in den verwandelt wird, welcher sich auf die Pyramidenwürfel- Ferallgemeinerung einiger Lehrsätze. 269 fläche [o a: ar: za) bezieht, so wird er mit dem in unserm Schema % 2 See niErt+t. eg . . z+Yy über ihm stehenden Coeflicienten ehe si identisch, und Beide ZU Sn R R . “r R z+1 » = Dieser Ausdruck, verglichen mit dem ihm correspondirenden „N Fig. 2. löset sich in denselben Werth auf, wenn die Fläche [wa : La": —ar| | J auf denselben Ausdruck zurückgeführt wird, der ihr in Fig. 2. gegeben o [ . . ] 2 war, d.i. auf [wazarızar | — maizariar|, also wenn y= ı! gesetzt wird. te 2 urn z+y+1 z+y+1 ae a Alle vieı Coöflieienten wNztny+ı’ nz+ny+ı? na+tny—i und nz+ny—ı müssen in Emen Werth zusammenfallen, wenn 1ı—=0, und 3—=y gesetzt > 5 wird. Die vier Flächen, auf welche sie sich beziehen, fallen dann zusam- men in die Granatoederfläche | a’: ar ı a | — [oo a2 zar:za|; der [i gemeinschaftliche Werth des Coöflicienten it = — ® — = ——, wie er 2 ("+n) N+n aus dem ersten Schema bekannt ist. Nach diesen Regeln geht das Schema unsrer Fig.5. aus der Vor- aussetzung s>y>ı und n’>n>ı hervor. Setzie man hingegen y>s>1, 7 E N : A EP Rey während immer z’>n>1, so tauschten je zwei Coeflieienten wie ang z+-y+i . a E . . und Spree ihre Stellen. Letzteres würde dann wiederum der kleinste sein, welcher, so lange an >n>ı, immer an der nemlichen Stelle un- sers Dreiecks stehen mufs. Nach den verschiedenen möglichen Voraus- setzungen 3 => 1... #8 > >41, > >> 2,321 > t>y >2; > würden der Reihe nach alle die sechs Coeflicienten innerhalb unsers Dreiecks an die Stelle unsers = zu stehen kommen; und um- gekehrt würde dieser Werth fortrücken in der so eben angefangenen üchtung nach der Reihe der Voraussetzungen z>y>1, y>3>1, yadzz arg ra b>2>H, und.z2>1>Y. S. 4. Wir können ohne Schwierigkeit, was wir von dem sphäroedrischen System hier entwickelt haben, auf die übrigen Systeme anwenden, welche auf drei unter einander rechtwinklichen, aber ungleichen Grunddimen- sionen beruhen. Wir setzen also die drei a verschieden, als a,b, e, und suchen die Werthe in den Richtungen senkrecht auf einer Fläche WuE 1488: Jerzbdrie) für eine gegebene Fläche |; a: 5: ]- So ist, mit Beibe- = —— haltung ganz der vorigen Construction, in wigies C4A=4,CB=b1CY= ai >=; bundAdrırS=ypips=—: meet en also 92 - = U i—za.ıd AD:DB=4R:C03:73.0CBh— 3a’ >—:y°b, 270 ES} [es Cr:CD=CS.4B:SB.4D-+-CS.AB _— (za’+yb*):(ı — ) 20 -—- (za?-+ 75) = y(za°+ yb?) : 20° + y° DB? D°) 7,6D ‚_ Y(za+y Cr errT sa’ +y: e SL Tr). _.. za?’ + yb* Cp=— Cı RR? @D3 b b aber auch OR— mn _ j ver b’ Vs’a’+ y’b° nz y? „? Fi 1 I — —— ——— to B zta+y?b’ abVYza+y’b’ Kerr 2° a! köln: CD— 7.0: CE ee “ ld ZEN h) za a? b* In Fig. T. ist ferner @29=£6, und Ot: IB-=e s Za’ryd OFZFDE017CH9 49: CD lau y a (2°0?” + y?b°) le Ct: CF=Cp.OD:pD.OF+Cp.OD= (za +30?) (a’b’+ za’c’+yb°c” ; ((3’—3) a’ + (y’—y)b’)x cc’ (za’+yb’) + (za’+yb°) (a?b’+ (sa’+yb*) ce?) = a’b’+ za’ ce’ + yb’c?: (za? + y’b’) ce’ + a”b’ Aber Cr: CF = nz yes n 2° »2 + ae, + - + c b a c b a c0.Cp _ abc BEE R er Nunzıst Ct — — : - Op „ Barrytb?, V ZB: + ce” abe w Va?b? +z?a?c? + Y?b?c? /ı 2, x | — + u I = 7 mr Verallgemeinerung einiger Lehrsätze. 274 also ist CF oder die Einheit in der Dimension senkrecht auf . . r in dem Octaöder |a:bie |, a?:b? + z°’a?’c”+y?b?c? abcYa?b? +z°a?c”+y*b?c? CF= a = a?b?’ + za?c”+yb?c! aeb2 Fzarce eye: i 1 z - = = + = + PS b* a Wenn nun wiederum für die Fläche >=: 56, durchden Endpunkt von c gelegt, ‘mithin als „E se re angesehen, in Fig. 8 Cn= 04=-- aaund Cm=-0 = 2 ist, und wiederum ın Cg:gB= bit ")b=a:m-n, so wird Cu: CD=Cg.AB: qgB.AD+Cg.AB=n. (za’°+ yb°):(m—n) za’ + n (za’+yb’) = n (za’+yb’) : mza’ + nyb° n (sa’+ yb° Cu= Ze CD mza’ trnyl® Cs = —- Cu= Bua’ryb.) @D mza® ’+nyb® . m hörige Werth = u: Cs—= _“ EI7% sen mza’+nyb® folglich der der Fläche 2 b: =] selbst in der Richtung CD ange- Und in Fig. ©. wird, da Cs:sD=p(za’-+ Jb*): (m—p) za’ + (n—p)yb; Cxz:CF=(Cs.OD:sD.OF-+Cs.OD=p (za’-+- 75°) (a’b’+za’c’+yb?c?): ((m—p) za’+ (n—p) yb’) ec” (za’+yb’) + p (za’+yb’) (a’b’+ za’b’+Yb’c’)— pla’b’+za’c’+ be) : m20C + Br pa®b’ » (a’b’+za’c’+yb’c’ C=-— ’F = PrAsa.b: +nyb° c’+mza’c : CF So wie aber Cx der durch O, d.i. durch den Punkt ı.c gelegten Fläche |2a:#&b:e| in der Richtung O7’ zukam, so kommt der durch 1 Re Bee m =. gelegten Fläche |a: Er Be in dieser Richtung der Werth zu 1 + Tr + Z er en ?D’+yb’c’+ za’ c? Cr BEIER.GE [u er op Ti p-1.a’b’ + nyb?c’+mza:c” Z rd n.y m.2 - we 2172 W.&,0s:s: Und dies ist der gesuchte Werth in der Richtung senkrecht auf Fe: zb:e] für die Fläche „ae: b:4c. Wegen der Ungleichheit der Dimensionen a, b, c ist auch eine Fläche |ze: Zb:e] ce, u.s.f. der vorigen Ta:4B:e e| ganz ungleichartig, und daher die Wielerhelung analoger Flächen durch Umtausch der Coöflicienten in den verschiedenartigen Grunddimensionen in der Natur 5 Fig.5. sich vereinfachen in das Fig. 10., wo blofs der Unterschied posi- solcher Systeme nicht gegründet. Für sie würde daher das Schema tiver und negativer Gröfsen in den Dimensionen a,b, c bleibt, die Coefi- cienten einer jeden übrigens unverändert gelassen werden. Dies giebt im allgemeinen acht zu unterscheidende EEDRLERN senkrecht gegen +b: c| oder gegen ee :—e| ; gegen Ita: +b:—c| oder gegen Ber 2er: Far — == oder Bene und I-$a:zb:e] oder ar BD: Von den letzteren sechs ae zeigt das Schemia, Fig. 10, die drei, welche den gröfseren Ausschnitten aufserhalb des Dreiecks zugehören; ihre negativen, in den entgegengesetzten kleineren Ausschnitten hinzu- zufügen, wäre überflüssig. Für den entgegengesetzten des ersten bedarf es im Schema wieder keiner Stelle, da er negirt ist, wenn in beiden und ra: Feb! = die entsprechenden Dimensionen Flächen me: zb: alle in gleicher positiver Richtung genommen werden, Es ist an sich klar, dafs, wenn eine der Gröfsen y, z, oder ı (als Divisor des c) im Zeichen | za:Zzbie] — Null gesetzt wird, der Co&flicient innerhalb des Dreiecks mit einem der angrenzenden aufserhalb identisch wird; seine Stelle rückt dann in die zwischen beiden liegende Seite des Dreiecks, und die gemeinte Richtung, in welcher er den Werth der Fläche Br >| angiebt, ist dann senkrecht auf einer Fläche aus einer der drei Zonen, deren Axen parallel sind mit einer der drei Grunddimen- sionen a,b, oder c. Se Der Fall des viergliedrigen Systems ist bekanntlich der, in welcher zwei der rechtwinklichen Grunddimensionen unter einander gleich sind, I w Verallgemeinerung einiger Lehrsätze. 2 aber verschieden von der dritten. Wir setzen also @—=b, so verwan- delt sich in der Form des Co£flicienten der gemeinschafiliche Zähler in +, der Nenner aber in die verschiedenen Werthe, wie sie das Schema Fig. 11. giebt, mit Weglassung der entgegengesetzten von den geschriebenen. Es verdoppelt sich nemlich wieder die Zahl der gleich- arugen Flächen gegen die vorige; die beiden gleichen a vertauschen ihre Coeflicienten wechselsweise und geben dann mit dem unveränderten c völlig gleiche Flächen; es sind die, welche zusammen einen Vierundvier- kantner bilden. Sie liegen um die Endspitze c symmetrisch herum, welches in Fig. 11. unmittelbar einleuchten würde, wenn wir nicht der Bequemlichkeit des Raumes wegen, statt der in den kleinen Ausschnitt an c gehörigen, die ihnen entgegengesetzten im unteren grolsen Aus- schnitt, geschrieben hätten. Im sphäroedrischen System stellen sich um jede Octaederecke drei Keihen solcher Vierundvierkantner und bilden den Sechsmalachtflächner. Welche je acht nebst den ihnen parallelen es sind, sieht man jelzt in der Fig.5. sehr leicht. Nur die äufserste der drei um die obere Ecke des Dreiecks herumliegenden Reihen hat uns ihr Gegenstück in Fig. fi. gegeben; wir hätten jede der beiden anderen, die mittlere oder die innere Reihe wählen können ; aber wenn wiederum z>y>ı, undm>nr>p, so sind theils die Stellen, theils die jedes- maligen Combinationen der Gröfsen, aus welchen der Nenner des Coöfli- cienten zusammengesetzt wird, an den verschiedenen Stellen als dieje- nigen bestimmt, welche die Fig. 11. darlegt. aa re — Phys. Klasse 1824. Mm nur ‚sauna a rs i en vals Phi a + ne ua tor ill he A RN ni re adsikie taenisinsg Aue! rad viol Mat ol ro so ib rt D # Pi a" “ 9 ade: nass ob: Au, n arg? vi er F vu re ok ol airesuly; se da. ST srhat . E ae Ir ul 3b FdaS 9% ahsiw duilarse. loan Imagqubaor :H unecinda rc a arg 8 binet- nih ah rg whhht- Ri ; sah year U wsnshieie Si! s susanne, ih ni uch we WR saiawelnadaner esta 5 5 ap ne * ER ebene) zeileir iM undkiyk EL IR süunlaır 3b I ur 23 Ferne ER Inisla Pl A Nm ea 3 sieht ih kit m aaa sie ‚ist had 3 suhsler ir Tan Jabriier dailonaluis elihliiheie eh aa “ srfohai selon, are am ni oh Ile ragaw aan ach. Sindrleikausihpe er # Az 1 ringkun) ‘4 > Te Br: „se EEE IIT WETTEN Rh KOT OF/L IS TI THEIEE FETT was: uhr ride” uobiid ba medien? wre ion jaıb DPEEIEHUIER i HA sg nat u ana Shit ira ste Ketsi; Kyispett Al ‚Tess Is 4 ee ne 19 IREZU ZEN ih aa ah ae.“ Te in ixint ai ‚id He se ind Bahr eigen sind ach, de Dr j a a ee . Berhri. l, 2 nt ‚ndelsiten . 133 sa Kr jene rel A TERE 2 IN w mer a rer salihh “ io so { ba lädt ron ih lists. an ö nr Hd eh nah ne ya lim alsih alu al ae bel ir Kim. Dr asia ale F Ds ai ululoug ‚inin acid € Pr: Be Verbesserungen. Seite 79, Zeile 2 und 3. v.u. statt der Worte: dafs Lagrange und noch weniger seine Vorgänger eine u.s.w. lies: dafs Lagrange und seine Vorgänger keine u.s.w. - 92, - 4. v.u.statt dritte, lies: zweite. Der Leser beliebe in den Abhandlungen der physikalischen Klasse Band 1822-1823. Seite 199. Zeile 23. v.o. statt Grund, Grad zu lesen. wanna aygahtarssrdT u De Alan Br gie Hr, ae ae DR ER u a ‚a wat EL a Beh ayangaay son u Au; . BEIGE Wera TEN FALL: 5 Ta Koi i oo. Anus u irrt in DB -. = = - - + 4 1 Are een eu ee re 2 re Fr RE a wi R “ > RAR ve; . Pi) = Er Ä Pa eg 2 & FL | n. zu z—u tz tz zn, u+ru u-2—u en vu z—u 3+z e+2 rom. 7—- zu f a = +2 F-zu—n FU EU F-utzu Fu +22 F-u—zu FJ- zu—u z +2 z+= s+z s+2 s+z z+2z Zu a U ZH w+z7% u+zZr vw— za zu—u = ——= = 22 — = = u — — I+zZ 7+zZ — 7+Z 7 —= 7t+Z 7+z FZ zZ 742% tz ++ Zu F7+ +22 +22 ‚a—- 77 Bu a7+2 z+= a+2 s+=z z+z z+2 . u+u+z s+z \ 2U—- 770% u s+z + zZ u+z a+z zrz ZAz pn R—ut+z 7 w-n4z ’ +7 s+z % EZ 5 7 Tr rer u zZ ‚a2 —— tz tz 5 / „u u—z ZIBL »4= \ A R e > zur Au—7 PZZPEAYI JADE DAN USUNLD 29 _— Az 2— z-u-4 u 2 241 z— ut zul HAtz Fritz AHi+z 7+44z FrÄRZ zu—d—ıe AÄ—u—z% = wrz2 A—_u+z 2 Alu—zu zu u JHAtz 7tHatz Fritz 7+HA+z Fritz Arte zu Au— zu FÜHzu Fayn4zun Auy—zu ZU—r Au 7Hi4+z +42 Hit Hit FHÄ+z ZHiz+z N = - R . Asp Eh . zu— Hin Au—+zu Rz FahzHzn FHAutzu 7 Au rtzu zu 74 Ber gi BEE dr ö Se z a Br ee ee z7Hi4z AH+St+z THltz ThHitz 7Atz 7+Hi+z rt, 2 wratze ‚uritzu Juan 7+a4z \ FHitz 7+A+z 7Hitz we+rzHi'n „erziiu Az Fulz wat u „tezts Hz +A+z ig PL * ' Auutz Ar ut+z Fritz Fritz Au ur A2u-u-z a 29.4 Fritz ZU—utN zu—ut+s' - Hitz rat zu ua zu ud 7Hit+z Hartz Bi > US du—zu zu lu a BZ PR DUDUSB BAD] Pe u DET A I s ne u u 7+A+z u Ze ee ee Fe t3Y ISDZT SAL wur. . r nr au dan \ w.n - u - = Pre | BE = - m PA TT 2. = wre uw ® f \ “ Bu 4 . e rr Be Kine RN N = » 4‘ re / Dun - =» * De VE “= NenT® ae £ rn war En ent eu rn iz u rn ee. er Lrsrezn At nz ern u N -r von N jun “ % IMST LEE ZEN arprer u. ee . N j 3 > fi Ban 37% . - Nor er rn ee Sarpes's ee een \ 5 Napa un zenks . rn Cu vn i en BA nn FErBENgn Ze En . % . 5 £ ee ” Pose nr WeL+V EZ = u mu 3 3? __s2, :* En er —_ =” s*” P2 va aut Ai d E277 + re +22 7 er =? pr Fat v2 z A Ser en; 7 Zu u De 227 a u u . 2 7720 Kurz: or ee — 5 2, 7 = z 2 oe EZ 2 = , 2 , 2 3, 2 0% & z E z er z we & zZ z =; ee "Ser dd Bean P2 a Bu + d Vene zu 22 Er Cru — 222 PR er Par EN EEE) SI Sage = > De Ei [4 F Fer z Der, Fr TS «7 = E24 = = v. z A FA UP 1 Az uf us 20 zu zdT Lu EZ se “2, 08 7 F2 üte z Ei 7 A ur £ d 7, 24 > 2 ee =; 7 f | ZA? DI ERL Bd, ö & & 7 7 7 ———— , > ur ez —ır - Le rue. = 5 PN _ 717 PN . % "ZR 1 # ze: L \ Fe £ | DL IE | WM — \ S \ | D 22 | ’ BETA 9299822 ob binannsunb)jD.aog YOP Sf UT PP NZ ö LE SER SÄYUL r Eagii Bw ana ' Erz ib en * 2 . : i e ; N Dr Pi A ı ‚ i M . Pe — ng i > i -. w r = a, da Im = Te h ee en 0 T. - u » B 2 2 + £ \ 5 1 ” fi re x Bine L meer cr re DE mie BL - Em b “ Ei a > r am vi. R =” 5 . - . x - B t j . u u Fa R x a =" . u x ' E2 j N .- . es [2? ‘ u ‘ rn Abhandlungen der mathematischen Klasse der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. aaa anna nnnnnnennnnn Aus dem Jahre 1824. TS Berlin. Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. = wo FIT =. orsaolbnddt Er Ber; seasld 19 > ei nor odinın BT? i asınilarao N u . u . tube ol Pen & „won u . un nl BR yrdat ah su . u wear, 2 Be ee ee . Ra 5 + . . - . are rn eu . . F hal 5 De 2 . N 4 . BETT Pumere BET TTereen Br} . u . Du u R PA Bun n 5 . 5 5 as Inhalt. Array Besser. Untersuchung des T'heils der planetarischen Störungen, welcher aus der Bewegung der Sonne entsteht ..... MEERE, Ne: ee DEITE Eyrevweivn von der Integration der linearen Gleichungen mit partiellen end- Iichen@Ditterenvene ee ee ee ee - Gruson über die Einschreibung isotomischer Figuren in die Regelschnitte .... - ———— un mon i i Sf u ul ee snrlnsrunamehr weil em ash ausland | j Be, 777 SCH BB: = ulman Yuan dl war ef En ben elle In mia a sin al russ vol bw are ER BE er, on Eee BET INT . ve > Tee 1b er man! aha = hand sb, mul sonen Gi - - - D . j Ki . . = j u = . u . . . = Be . Ri = 5 - + LT - EZ ‘ 2 er ER 4 “5 Untersuchung des Theils der planetarischen Störungen, welcher aus der Bewegung der Sonne entsteht. Von Hm. BESSEL. RANDE VUN . [Der Akademie der Wissenschaften vorgelegt am 29. Januar 1824.] 1. D: Störungen der elliptischen Bewegung eines Planeten durch einen anderen bestehen aus zwei Theilen: der eine rührt von der Anziehung her, welche der gestörte Planet durch den störenden erfährt; der andere, von der Bewegung der Sonne, welche der leıiztere erzeugt. Beide Theile sind in den bisherigen Entwickelungen der planetarischen Störungen zu- sammengenommen; allein es ist zweckmäfsiger, jeden derselben abgeson- dert zu untersuchen. Der letztere nämlich kann, wie ich in gegenwär- tiger Abhandlung zeigen werde, direct und vollständig entwickelt wer- den und verdient deshalb eine Trennung von dem ersteren, bei welchem dieses noch nicht geleistet worden ist; die Trennung wird sogar noth- wendig, wenn man die bisher allgemeine Annahme, dafs der störende Planet auf den gestörten und die Sonne mit gleicher Masse wirkt, einer Prüfung unterwerfen will. Diese Annahme ist eine Folge des Satzes, dafs die Körper ihren Massen proportional anziehen. Newton leitete denselben bekanntlich aus Erfahrungssätzen, verbunden mit der nothwendigen Gleichheit der Mathemat. Klasse 1824. A % BESSeEn Wirkung und Gegenwirkung ab. Aber abgesehen davon, dafs die Er- fahrungssätze innerhalb gewisser Grenzen bezweifelt werden können, kann man auch nachweisen, dafs die Data, welche Newton seiner An- nahme zum Grunde legte, andere Systeme keinesweges ausschliefsen, so dafs also anderweitige Erfahrungen entscheiden müssen, ob der Satz von der den Massen proportionalen Anziehung der Körper wirklich das all- gemeine Gesetz der Natur ist. Da dieses den angenommenen V orstellun- gen entgegen ist, so wird es mir erlaubt sein, diese Abhandlung durch eine nähere Untersuchung der Gründe zu eröffnen, wodurch Newton diesen Theil seines Systems unterstützte, Um dieses kurz und deutlich thun zu können, werde ich die beschleunigende Kraft, mit welcher der Körper x in der Entfernung ı auf den Körper y wirkt, durch ) bezeichnen. Nach dieser Bezeich- nung hat man die Sätze, auf welche Newton’s Annahme sich gründet, folgendermafsen : (2) (2) (2) = usw. wo o die Sonne und 1, 2,5... Planeten bedeuten: denn das dritte Keplersche Gesetz erfordert, dafs die beschleunigende Kraft, womit die Sonne auf die Planeten wirkt, auf gleiche Ent- fernung reducirt, gleich ist; PYZSTEN [TPEV_ R ea = (Ule1.S5 SW: wo p den Jupiter oder Saturn und 7, 17, HT.... ihre Monde bezeichnen: denn auch bei diesen bewährt sich dasselbe Kepler- sche Gesetz ; ll wo t. die Erde, u,», w... irdische Körper und 7 den Mond bedeuten: denn Newton’s Versuche über die Pendelschwin- gungen verschiedenartiger Körper und die Vergleichung der- selben mit der Bewegung des Mondes, zeigten, dafs die be- IS} über die planetarischen Störungen. 3 schleunigende Kraft, womit die Erde auf diese Körper wirkt, gleich ist; .......()=O)=G) nen denn wenn diese beschleunigenden Kräfte nicht gleich wären, so müfsten die Bewegungen der Monde Ungleichheiten zeigen, welche die Bewegungen nicht verrathen. 5...) =@) > wo y und x die Massen der Körper y und x bezeichnen ; die Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung erfordert dieses, von welcher Beschaffenheit auch die Wirkung sein mag. Dafs diese fünf Sätze nicht allein mit der Annahme der Anzie- hung im Verhältnifse der Massen, sondern noch mit anderen Hypothe- sen vereinbar sind, glaube ich am besten zeigen zu können, wenn ich eine dieser Hypothesen mit denselben vergleiche: ich nehme die Körper als aus verschiedenen Elementen a, b,c... zusammengesetzt an, so dafs anur a, b nur b, u.s.w... nicht aber das eine Element das andere anzieht; von diesen Elementen enthalte die Sonne gleiche (Juantitäten, und alles, was zu einem Hauptplaneten gehört, sowohl seine einzelnen Theile als seine Monde, sei, in Beziehung auf diese Elemente, ähnlich, wenn auch nicht gleich gemischt. Denkt man sich zwei Körper x und y, deren erster von den ver- schiedenen Elementen die Quantitäten „2,0... enthält, der andere 4%, %..., so ist die Anziehung des einen durch den anderen Zy EP LN aarbb-+cc-+.... , allgemein übereinstimmend mit der fünften Forderung; die beschleuni- gende Kraft, womit der erste Körper auf den anderen wirkt, ist diese Anziehung dividirt durch die Masse des angezogenen , oder De 2 ER EN (“) _aarbb+cc-+.... „IT Y Y a + ee dar A: [SS 4 BESSEL Behält man nun die oben schon angewandten Bezeichnungen der Sonne, der Planeten, Monde und irdischen Körper bei, und setzt man, der Hypothese zufolge, w DIT Dt I, Pas} Uruarasaehnberbi na. Ze CC! ee EwmSM " ra A 7 AR u te Eu TORE. ererebale ib br DR eac ER N RER =u.5.W so hat man o1 oI 01 > (2 aatrab+ac-+.... - „men, I I I ab + c-+... also den ersten Erfahrungssatz G)=2)=G) wen; ferner hat man pi pl pI (% _aa+bb+cc+ II L I I ab -+c+. pi pp I pa welches, mit avta=b:5B=c:c=u.s.w.=ı:r verbunden, } P\ PY pP “. OEESGEESOLEE ai wa ER I p p p p A a +. a+ bb + c In RR und daher den zweiten Erfahrungssatz a Ve A AR Baer: giebt; der dritte und vierte Erfahrungssatz folgen aus denselben Be- trachtungen, wodurch die Behauptung, dafs die Hypothese denselben über die planetarischen Störungen. 5 Gründen entspreche, aus welchen Newton die seinige ableitete, ge- rechtfertigt ist. Dieselbe Hypothese giebt aber le n n ) (*) a\a tb +c+.... o oO o o a+b+c+.... ın ın ın (7) = Het u) a da f I at b+c-+.... an an an n\ _ aarbbrecH.... Sa 3 2 2 at b + c+.:..: uU.S.W. also die beschleunigenden Kräfte, womit der Planet 2 auf die Sonne und die übrigen Planeten wirkt, im Aligemeinen verschieden. Die Hypothese, vermöge welcher hier den fünf Sätzen genügt wor- den ist, verwandelt sich in die Newtonsche, wenn man nur ein Ele- ment annimmt; sie ist so gewählt, dafs sie der letzteren so nahe als möglich kömmt, übrigens aber nur als ein Mittel aufgestellt, wodurch gezeigt werden sollte, dafs Newton’s Hypothese nicht eine Folge der fünf Sätze ist. Ein Planet kann also so viele verschiedene Massen (um den gewöhnlichen Sprachgebrauch beizubehalten) zeigen, als Kör- per vorhanden sind, auf welche er wirkt; betrachtet man aber die ge- genseitigen Bewegungen von z Planeten und der Sonne, so finden, ver- möge des fünften Satzes, unter den z (n-+ı) Massen, 42 (n—ı) Be- dingungsgleichungen statt, und, wenn man auch den ersten Satz als wahr annimmt, 42 (n+1ı), so dafs nur 42 (n+ 1) Massen unbekannt bleiben. Setzt man z.B. für drei Planeten 6 BESsEL so hat man die Gleichungen er ekir ie wodurch die Zahl der unbekannten Gröfsen von 9 auf 6 reducirt wird. Es ist übrigens klar, dafs man die vier ersten Sätze, welche durch Erfahrung gegeben sind, innerhalb gewisser Grenzen bezweifeln kann, welche, namentlich bei den beiden ersten derselben, vielleicht nicht so eng sind, als der Schärfe der heutigen Beobachtungen angemessen wäre. Ob aber die astronomischen Theorien allenthalben in so grofser Ueberein- siimmung mit den Beobachtungen sind, dafs dadurch jeder Zweifel an der Wahrheit der Newtonschen Annahme zurückgewiesen wird, dieses ist eine Frage, welche wohl Niemand bejahen wird, deren genaue Erör- terung jedoch sehr wichtig ist und die gröfsten Fortschritte der Wis- senschaft verheifst. Der Erste welcher die Anziehung im Verhältnisse der Massen be- zweifelte, ist Johann Tobias Mayer ('); ich habe aber geglaubt, eine von der seinigen verschiedene Ansicht aufstellen zu dürfen, weil es mir wesentlich zu sein schien, zu zeigen, dafs unter den Werthen von ORORCHORE Verschiedenheiten sein können, nicht etwa nur von der Ordnung der Planetenmassen, sondern von jeder beliebigen Gröfse. 2 Den Planeten, dessen Bewegung untersucht werden soll, werde ich im Folgenden durch p bezeichnen, den störenden durch p’; als CD) annehmen, und, in diesem Mafse ausgedrückt, und (7) Einheit der Kräfte werde ich durch m: und m’ andeuten. (') Comment. Soc. Reg. Scient. Gottingensis ad A. MDCCCIF-FVIL. über die planetarischen Störungen. 7 Wenn x, y, s die rechtwinkligen Coordinaten und r den Radius- Vector von p bedeuten, x’, r’, 3’, r’ dasselbe für p’ und F X,» 25 / ey (ea)? + vr) + 3°} Be m (xx'+yy' + ==’) m’ ‚3 3 X: d’x Yu dR a (=) u d’y Y AR ie Se + r. = (57) d? z z AR (7 ar Er Die störenden Kräfte, parallel mit dem Radius-Vector, senkrecht so hat man auf denselben in der Ebene und nach der Richtung der Bewegung, und senkrecht auf diese beiden, bezeichne ich durch 4, B’, C/; die letzte ist positiv, wenn sie von oben nach unten gerichtet ist, für einen Beob- achter welcher, von der Sonne aus, die Bewegung des Planeten von der Rechten nach der Linken sieht. Ich werde zuerst die Ausdrücke dieser, Kräfte durch die Differentialquotienten von A, in Beziehung auf die Elemente von p, angeben und dabei folgende Bezeichnungen anwenden: Länge des aufsteigenden Knotens.........-....... 2 DNetsune ser Dali Saar as nee nee el Entfernung des Perihels vom Knoten .............. % EEE ee een ee rn Pole ue ze as reen are ee Var ER ERTL DIT EEE THER wahre, excentrische, mittlere Anomalie......... 5% für den störenden Planeten ....... n’,!,w,e',a, W, o,.c,w. Man hat bekanntlich | r { Sin n Cos (+4) + Cosn Sin (v-+$) Cosi [A] = r Sin (»+9») Sin Ü BreEı sösveuL 8 AR ERN.!! AR I = ee ze ‚_feaR dx dR dy dz B - ADJ AIDH+G nz) , AR rC' = (Z r Sinn Sin ’— (7; ) r Cos ı also (RN „_ (ER Ben =(7): (77) ° [2]... 2 = = Multiplieirt man den Ausdruck für » C’ mit Sin (o+9) und setzt man in dem Producte für rSin (w+9) Sinz Sin’; —rSin (o-+#) Cosn Sin’;rSin (u-+®) Cosi ihre Ausdrücke, nämlich BEN, =) id ) (2 ); (2 ” © [5]... r €’ Sin a-+0)= =) so erhält man Man hat ferner die Gleichungen een dı dR dx (32 dy AR dz ) (7) = FE) + rain er und (2 ) Ten (Z 7)=t Cos (w+9) Sin n Sin ı? dy P dy\ _ Tr 2) Cos i— (Z —=—rCos (w+6) os n Sin: dz dz Bien: (3 dn Sın z IR & s a ke dR a also, wenn man (7) mit Cosi multiplicirt und () davon abzieht, [700 [4 [4]...r C’Cos w+$) = () Cor i— (=) Cosec 7 über die planetarıschen Störungen. I) Mehrerer Einfachheit halber werde ich, im Folgenden, die Bahn des störenden Planeten zur festen Ebene wählen, die Winkel v» und »’ von dem aufsteigenden Knoten der Bahn des gestörten auf dieser Ebene anrechnen, und unter 7 die Neigung derselben Bahn gegen die feste Ebene verstehen, wodurch man erhält: [5]... €’ Sin (u+9)= (47) [6]... z C’ Cos (w+$) = (5) Corg I + (7 ns; Cosec 7 I: Durch diese störenden Kräfte 4’, B’, C’ habe ich früher (!) die Veränderungen der Elemente von p ausgedrückt; jeızt werde ich unmittelbar die Störungen des Radius- Vectors — ör, der wahren Länge in der Bahn — dv und der Breite über der mittleren Ebene der Bahn —= ös angeben, dabei aber nur die erste Potenz der stö- 5 renden Masse berücksichtigen. Man hat (°) dr d.r . 1 1 = er a gt dt a r 7 .... N\.2 u woraus, unter Vernachlässigung von dr” u. s. w., folgt d?.rör rör r 1 op tat do at? T a Setzt man für ö = seinen Ausdruck durch die störenden Kräfte, nämlich [4 AN 3 di _ fi 7) 7 + (7 2) ao} =: SI) ar + Er es de oder, da das in Beziehung auf die Coordinaten von p genommene Differenual von AR ÄR\N , , [(dR _fdR — (5) dr (Z dv= (5) du (') Untersuchungen über den Kometen von 1807. U. Abtheilung. (?) Ebendaselbst S. 52. Mathemat. Klasse 1824. B 10 B E3ss\eE.s ef) au ist, so hat man ch rör rör a ( (5) +: Sa) a here welche Gleichung Mec. Cel. Buch II. $. 46. folgendermafsen inte- grirt ist: [7]... dr = aa Yli—ee) [os en du — Sin fd . wo, um abzukürzen, Q für dR ) + ff (7) @ da Den Ausdruck von dv giebt Herr Laplace durch den von ör; ich werde ihn aber unmittelbar auf die störenden Kräfte zu- geschrieben ist. rückführen. Man hat dv drr 27 = — +rDB', oder di löv . o0=rr @® Loardr . ih rB'dt, di „r dt ARE ä } und wenn man mit multiplieirt und integrirt 2.12 w=—ı far fü BB’ de. D r e del Das erste Glied dieses Integrals findet man, wenn man für dr seinen Ausdruck [7] setzt, fi , _QSinp — _ ur di [(: Sin BT = Sin 2 ?) 1+eCos$ EB 2 (- e+2009+- — Cos ef end — 2, fQ au A: Sant ar! Wenn man das letzte Glied dieses Ausdrucks mit dem letz- ten Gliede des Ausdrucks von dv vereinigt, so ist die Summe Külps über die planetarischen S' lörungen. Pr a’eSin®.Q ETRL.: 2 SS EEE +rB rau = uf/% ur +-rB 2 und wenn man für Q und 2’ ihre Werthe setzt, durch die Gleichung AR dR ) d9=(5,) du AR (3 eliminirt, ER ic oE, aan =— ei — 5, S 2 da + Ei 1—ee fe (u) ° Man hat daher auch ( e = QSin a v=— Einsrap ey j (Sin + Sin 2 S- Fr du -— 2a 3 Mi: o °” RCosp T1- 23 (+e+Cos$ + & Cos2$) +60 du ET (1— ee) mon Erst (1—ee) za ze) (@ 5, a Die Breite über der mittleren Ebene der Bahn ist ds = di Sin (wu+$) — dn Cos (u+d) Sin ! Man hat aber (a.a.O.S.56) (5 -) = = — a Cos (u+9) () = — nn Sin (w-+®) Cosec ’ und wenn man [5] und [4] substituirt (Z)=- , (u) Cogi+ a) Cosec 7) = — - —) Cosec 7 Ba 1 AR du 1 ) [9]-- BıEisısyEeiG welche Ausdrücke sich in der vortreflichen, von Herrn Laplace dem Bureau des Longitudes am 17‘ August 1808 vorgelegten Ab- handlung, nicht in dieser Form finden. Setzt man die Integrale derselben in den Ausdruck von ös, so erhält man ds — Te - Sin @+n, IC er ")Coıg i— (5) Cosec han e= Taten Cos +) SC) du oder, nach [5] und [6] \s= zT oz Sin (o+6) SI: 087 + ( .,) Cosee Z} du SCH ar I Ye= Der Theil der Störungen des Radius-Vectors, der Länge in der Bahn und der Breite über der mittleren Ebene derselben, welcher den Gegenstand dieser Abhandlung ausmacht, entsteht aus dem ersten Theile von R; ich werde daher N 7 [Cos (+9) Cos (# +9) + Sin (u+9) Sin (w-+4') Cs} setzen und diesem Ausdrucke die Form Role _._ [0047 Cos(Pp—P+u—w)+-Sin 4 7° Cos (rer) geben. Die Entwickelung dieses A in eine Reihe, welche nach den Cosinussen der Zeit proportional wachsender Bögen fortgeht, hängt von den Entwickelungen von rCos ®, rSind, - =, Cos p' az Sin ®’ ab; diese letzteren werden aus einer besonderen, unten folgenden Untersuchung hervorgehen; für jeizt aber werde ich über die planetarischen Störungen. 3 Ü Ü r Cos$ = ac Cos iu; rSin‘ = as Sin iu wor k «a a’ aa R E f „00 0’ = 5 ‚ Cos ku; —r Sin po’ = os Sin ku setzen und unter 7 und Ak alle ganze, sowohl positive als nega- üuve Zahlen, o nicht ausgenommen, verstehen. Erinnert man sich an die Bemerkung im 48°" Satze des 2‘ Buchs der Mecanique Celeste, so findet man leicht dar k Shan B „ Cos (PP +uo—wW) = 4 (y+r)(c+s) Cos( in—ku+u—uw) k a: + 4(9+ 7) (c—5) Cos (iu — ku + u—w) k fer. si8 i +(y— Fr) (es) Cos (in +ku +w—w) 7 ae: u a ; (y—P) (c+5) Cos( iu Hku +w—w) Es ist aber und daher, wenn man, um abzukürzen, k k k Ü Ü Ü y-+oc durch @« , c-+s durch a bezeichnet, k k —k i z —i y—-rr=a,c—-s=a wodurch der gegebene Ausdruck die Bezeichnung ki k—i r aalo( in—kultu—u) ++ a aCos (-in—kuWu—w) —k-i ki +1 «a alo (-iut+k"+o—wW) ++ a alCos( iutkua—w) erhält. Da er für alle ganze { zu nehmen ist, so sind das erste und zweite, so wie das dritte und vierte Glied einander gleich, so dafs man ihn schreiben kann: k —ki "aa ich (n— ku u—wW) + 1 .aalÜos (iu+ ku +u— uw) 14 BeEsisew und da auch diese beiden Glieder, für alle ganze k genommen, einander gleich sind, so hat man den Ausdruck Ki —= a aCos (ia — ku + uw — w) und eben so das zweite Glied von R [10]: folglich ist ki [11]... 2=—-- au [Cos +” Cos (in — ku’ + w— uw’) + Sin + 2° Cos (in + kW + w+ w) \ Hieraus folgı AR [12]-- .a (7,) —_. dR am . ki 2 1 RE : , R (72) = . «as los 5 IT’ Sın (in — ku +w—w) + Sin + 7’ Sin (ia + kW rue )} und wenn Fey gesetzt wird, du be) f( A du RL; «a [00 + N Cos (iu — ku’ + w— uw) + Sin 4 I°. —— Bram Cos (in + ku + w+w 2 woraus, nach [7], folgt, - am * 2 7: Eee Ze [os ar ENTE an — ku + w— u) 5 N 2 3i+ kv \ . ap + Sin 4 7°. pr, 008 (in + ku +} Man hat ferner [24] +: (7) Coıg 14+(4, 7) Cosec 7 k Si Br «a, Sin] [sin (in — ku’ + w— u) — Sin (iun+ Au +w+ “N nt Ü . ’ —= en. aatSin / [cos (in— ku + w— uw) — Cos (in + ku + +) über die planetarischen Störungen. 15 Die Störung der Radius-Vectors setzt, nach [7], die Integrationen von Sin Cos d EEE dw und Be 1 du 1+eCosp 1+eCos» oder, was dasselbe ist, von —_ zT du und — rÖ© d = Es Qr Sin o du aa —— Qr Cos $ du voraus. Nach der im vorigen Artikel Ze Bezeichnung ist h N wo h alle ganze Zahlen bedeutet; so erhält man h as Sin hu; r Co $ = ac Cos hu verbindet man dieses mit [15], Ah QSind ame ® 3i—kv s a . ‚ N0@: — =—ad a a ey: EOS el ar [004 Peg ng 88 (in— kai ) Sin hu ” k Ah + Sin 4 I”. men Cos (in+ Au +u+ u) Sin h a: = i+kv 1—-ce h FE —k ; = ee [377 {Cos By, ee = Sin (ü-+h) m—Au+ 2.) a = i—kv ee ' & . ,„ 3i+k . ’ ‚ + Sin 5./°? a - Sin (+ h)utku+u+s)} x i+kv 1— ec wenn man mit du multplicirt und integrirt, auch mit dem zwei- ten Theile des Ausdrucks [7] ganz ähnlich verfährt: h s —a:m . % ; 3i—kv R | e ER, DR [16].: TEE "je a os - 7? [ ri 126059 Cos (+1) Au + u ) h 3i— ku c h © , ’ Be a ch, Sing Sin (+1) Au tu )} » : 2 — am & n Sın riet % CospCos ((i+-A) ut+-A+s-+2') day (1—ee) z i+kv oe h 3i+kv 14 ° 5 F ‚ n Or Siınp$ kı wu } En PER Sin pin (+) + w ++ ) Setzt man nun noch g En Co $=C Cosgu, Sin = S Sin gu BESSEE und vereinigt man die Glieder, welche gleiche Cosinus enthalten, so hat man 3 Eis i 2 ch A ia) si—-ıkv Cost7 8 & 2 ‚ $ $grr=-—- —- aa Deere [s C— cS}Cos (ü+1+3) n— hun Hw—u ) aa V (1-ee) 3i+ kv Sin LI? er @“Aad— Ser er 7 aa’ Y (1—ee) i+kv i+h+kv a'm he he I; C—c s\ Cos («+ h-+38)%+ ku ur 2) Setzt man endlich i+h+g=f, h=f—-i—g so erhält man a ki a 5 Sy SER —a’m si-kv Cosir (eds Ude , , Su —ı s.GC— ic s\ Cos(a—ku-u—o) = aa Y (1-ee) a’m RÜUOziHkhv Sintr (es Ude ‚ , ee le Se Die Berechnung des Coeflicienten eines bestimmten Cosinus, für welchen also f und Ak gegebene Zahlen sind, erfordert eine dop- pelte Summation des Ausdrucks Er ö Wi), „Weize) ee ra rer | s C— ce s} sowohl für / als für g; man kann für ’ nach und nach er 4, 79° -7 3, us we 05 —1,— 2, — 3, U.8S.W. setzen und für jede dieser Voraussetzungen alle g nehmen. Diese 5 technung lüfst sich erleichtern, wenn man die Logarithmen der wiederholt vorkommenden Gröfsen in Tafeln bringt, so dafs die erste derselben, mit den Argumenten A und z, ki h .—a’m 317 — kv B Log Fr — aa. ——— Cos + 7° da Y(1—ee) i— kv die andere, mit den Argumenten & und g über die planetarischen Störungen. 1v7 angiebt. Wenn der in Cos 4 7° multiplieirte Theil bereits berech- net ist, so ‘findet man den in Sin 4 7° multipliceirten dadurch, dafs man den ersten mit multiplieirt und unter dem Cosinuszeichen »’ in — w’ verwandelt. Man rechnet aber noch leichter, wenn man in [16] 7 + h —nund A=n — setzt, wodurch man den CÜoeflicienten von Cos $ Cos (nu — ku +w— w) k R Ai 2 a'm «a Cos 4 I? [34 EN \ Ber (1—ee) i n— kv en i— kv RD und den Üoeflicienten von Sin $ Sin (nu — ku’ w— uw‘) k i . a’ m «Cost I? j = 3 vw) 3 ö 2 a a) (1 —ce) n—kv findet, beide durch eine Summation in Beziehung auf 7 allein; nennt man diese Üoeflicienten 4” und 2”, so sind die beiden ersten Glieder von dr —= A” Cos $ Cos (nu — ku’ + w— u’) + BB” Sin $ Sin (nu — ku’ + w— w') und ergeben daher, wenn man z + g = f setzt, den Coeflicienten von Cos (fu — ku’ +u— u) = AN CC + (AN +A)) C++ (AT + AFP) C + usw. —BNSENBI- DI) SB BEN) Su Die beiden letzten Glieder erhalten einen ganz ähnlichen Ausdruck. 6. ge in de Die Störung der Län v ähnliche Art, aus dem Ausdrucke [8]; Bahn findet man auf ganz Mathemat. Klasse 1524. Ö 18 BEsSsEun A Kar e 3 u S er Tr Be af® Sind +3 Sin2$) si—kv s a’ a V(i-ee) 1— ee imkv i+h—kv Cos ((+A) php +0 w) A _@ Cos6+£Cos 2d+7e) 3i—kv c 4 E er E 1—ee i—kv nm Sia (irhu—kp tu) si—2kv +ichyr Sin (ir-kwru—w)} h Suter tt eSı *Sin2 + k aam Sin ! ind+z7Sin2$) si+kv Cos ((i+h)u+ku+u+w') s 7] aa nr 27 a aYy(1—ee) 1—ee i+kv imh+kv A (2Cosb+$Cos2d+re) si+kv c 1—ee irkv irh+kv 1 Sin (iurkurutw)} Sin ((i+h) urkn+ w +4) si+2kv (i+kv) Setzt man hier 2Sn®d + Sn2$= (1—ee) si Sin gu 3e+20osd + & Cos2#= (1—ece) C' Cosgu und, so wie bei der vorigen Entwickelung, + h+g= /f, so er- hält man kizi-kv Cost (Ua), Uri), I‘ [24 m S-g-k ! Ss N L C ie h Sin (Su— ku’ +u—w’) kJ sf—2kv + aa N [19] . D) v re AT S in aa y(1—ece) kisijykv Snt 2 ge, VDE I‘ rk ae Ey 20 ze Sin (fu+Au+u-w) | FI > sf+2kv tea (fa kv)? Von der Berechnung dieses Ausdrucks gilt alles das, was bei Gelegenheit von dr gesagt worden ist; der Vortheil, auch hier nach [18] zu rechnen, wird noch dadurch vergröfsert, dafs die bei der Berechnung von ör schon angewandten, durch 7 und 3 u.s. w. bezeichneten Summen, hier wieder eine Anwendung finden. 2: Die Störung der Breite ist, nach [9], wenn man, um abzukürzen, für über die planetarischen Störungen. 19 El Cotg 7 + e >) sap: 2: ar und (47) y P und P’ schreibt, =— I [ Sin («+0 — 2" Cos (+9) = — „ {(PSina— pP Cos») Cos$ + (PCosw+ P' Sin») Sing} TOT Nach [14] und [15] ist ki Bee wi Sin I » aa ı- i — Cos (iu — ku +u— uw) aa i— kv 1 i das 008 (in+ ku + ur w)| ‚ am E% - A ASiınJ -aa w— u) aa nt _ ran Sin (u+kW +u+w ; Wenn man dieses in den letzten Ausdruck von ds setzt, so wird er ee | Sin " ka (in — ku w”) = Cos (Int kW u ) N aamSnI «aa i— kv i+ Av aa) /(i—ee) 2 us & Sin (ia — ku’ — u’) = Sin (i ut kw +) 2 i— kv i+ kv und wenn man Sin $ und Cos $ nach der oben schon ange- wandten Bezeichnung entwickelt, in (+9) u Au —w) ar aamSinT er - er ) a + ku + w )} a'a’ Y (1—ee) Setzt man in diesem Ausdrucke + g=f, i=f—g, so wird er 1201. ös == ar 5) j aamSın] « > Sin (fu— ku —w )_ Sin (fa+ ku’+ u ) Tat HE ä - aay (1—ee) " are? J-g+kv und erfordert daher, für gegebene f und A, nur eine Summation, in Beziehung auf g C2 20 BsEssisiEiE S Diese vollständige Auflösung der Aufgabe erfordert nun noch die Bestimmung der durch ce, y, C, C’ und s, vo, $, ‚$’ be- zeichneten Üoeflicienten; man erhält dieselbe nach der Methode, welche ich der Akademie am 2'* Julius ı8ı8 vorgelegt habe. Man hat nämlich 20 — JS Cos $ Cos in » du e) a DI >] [7 Ü ” = f- Sin od Sin 177 . du ey, & ad \ ! DT; ’ 27% = /5 Cos 9 » Cos zw » du Ü , 27 0 = [5 Sin 9 - Sin iu . dw Sin $ -» Sin zu » du fi 3% 27 e=ff: e+ 2Cos$® + 4 e Cos 29 ee du I 1— ee Sin iu [>Sin ++ e Sin 2o 1— ce sämmtliche Integrale von $, e oder x = 0 bis 27 genommen. Die sechs ersten derselben lassen sich leicht auf Js in » Cos ede und Sin in » Sin ede . . zurückführen, die beiden letzten auf die Coeflicienten der Ent- wickelung der Mittelpunktsgleichung. Denn man hat 2 Lan Cos $ = Cos e — e, also ; 2mE = f(Cos e—e) Cos iu du = = Sin zu (Cose—e) + -- Sin iu » Sinede " e 21 daher über die planetarischen Störungen verschwindet; o das erste Glied, ausgenommen für ’= 0 = fin ia » Sin ede 7 Sn $ = V(1-ee) Sin e ey Cos iu Sin e Im — V(—ee) [Sin IE SINE: du — + Ze) (Cos iu Cose de 0) Ü DE 0; 275 = HZ) ('Cos in « Cos e de eo d (Sin p) Terz ere [22]... 275 = d ( Sin $) e+ Cos & , = ae is oder Cos = Y(1—ee) Tu — ! Sin iu, also das allge- Das allgemeine Glied von — Sin & ist . 8 Y(i—ee) Cos iu; daher meine Glied von Cos & = (ice) [Cos in » Cos 8 de 0 85 ].=27.C er eilt d ( Cos +) — Sind ; d ( Cos ®) du — Yli—ee) ? oder Sin = — V(1—ee) dı — & Cos iu, also das allge- Das allgemeine Glied von —- Cos & ist CV ee) Sin iu; daher meine Glied von Sn = i:c Vi — ‚ PDAlears— V.(1—ee) [Sin in Sin e de r dSinp aa aa 1 dSin a ” or V '(1—ee) Cos $, oder - — „Cos b a ee ee re folglich ü Bal.2ry ifSin iw Sin € de —1 „dCos {eb} ‚ folglich ee) dı. dCos P_ = y = iYlı—ee) fCos iv Cos € de [3 - (1—ee) Sin 6, oder SIT, 7 B.2.$'S.E% 22 >e+2Cosp+—eCos2® __ 1—ee 1 ie 1— ce “ e(t—eCose)? e do __ V (1—ee) ; du — (1 —e (os e) 22) folglich ze+2Cosp +—ZeCos2P __ Yl(i-ee) dp 1 u. e i du De 1— ce Wenn man daher die Mittelpunktsgleichung durch PP —u=24'Sin ya + 24"Sin 2u + u.s.w. bezeichnet, so hat man [37]... = ZEMI gn REN e € dp _ Sinp _, : _ (2Sinp-+ ze Sin 2$) I... = Tee Hr) ern also 5 dam [28]... = Die beiden in den sechs ersten Formeln vorkommenden Integrale fs in » Cos e de und [Sin in » Sin ede . . 7 1. . . kann man leicht auf [ Cos (he— kSine) de reduciren, wo Ah eine ganze Zahl bedeutet; dieses letzte Integral werde ich durch „Js (he — kSine) d=2rl bezeichnen. Man hat nämlich „Jos in » Cose de — fÜos iu(ı _ (1—eCoss)) “ — Jos iu. de — - Cosiu » du wo der letzte Theil, von =o bis x = 27 genommen, ver- le e schwindet; also eg ER ee Cos iu» Cosede=2r- —L Ferner hat man Sin in » Sinede — fÜos in » Cosede — Cos (e+in) de über die planetarischen Störungen. 23 = ER i u Dee „SSin iu.» Snede=2r7 ee Te Die Reihenentwickelung von I; erhält man auf die, in mei- ner Abhandlung über die Keplersche Aufgabe angewandte Art ('), nämlich [31]... = —; en ne Zu oz 3, 3 (+1) DES ) (R+ 3) -(z . woraus also folgende ERNE für die Berechnung der Coeflicienten der obigen Ausdrücke hervorgehen, wobei die Reihen Lo) 1 ZEN DE +1 Ft (+1) ea Eh a (+ (=) u.S.W 2 1.2042) (+53) N 2 der Kürze wegen durch #7 und &i bezeichnet sind: r ie i—1 an r ol, eei ae : u 3 2iTL = Mr 2i+ 2 2. ne = ey I o a \ Be in) se or (1-ee) - ; Ss=0 u 0 = le) 00 ; =. ; & i — 0 2 y E ce? N > N arte ze ne == 0 SE Pe | 2 fun‘ = [= 322 2o I =] Pe EN n v a e a z “ 4 -. 27 0 ( +) (1—ee)) Pi . P i} 5 Be Fe (') Abhandlungen der Akademie 1816-17. Mathemat. Klasse S.55. [NS > oJ {eo} [7 [7 [e>} E& y 1 Pure o 2 ) FB; B eeii B2 ee '(i—ee (a . — =, On; IC + vd )) (0) re) i} N Et ' m =. ns =. oe KG — Vi ee)) pi— wet N Die Zahlenwerthe von C’ und ,$’ leitet man aus den bekannten I - S RI 8 [8 m a‘) o n Coeflicienten der Reihenentwickelung der Mittelpunktsgleichung nach [27] und [28] ab. 9. In den meisten vorkommenden Fällen werden die Ausdrücke von ör, dv, ds sehr schnell convergiren, wenn man sie in Reihen entwickelt, welche nach den Potenzen der Excentricitäten und der Neigung fortschreiten ; diese Reihen erhält man, wenn man die eben bestimmten Coefficienten nach den Potenzen von e, e, 7 schreibt und in die Ausdrücke [17], [19] und [20] setzt. Durch eine dop- pelt, sowohl nach dieser, als noch nach einer andern Art, ge- führte Rechnung habe ich diese Reihen bis zu den Gliedern der zweiten Ordnung incl. entwickelt, und führe das Resultat davon hier an; wenn die höheren Ordnungen noch merkliche Werthe haben, so ist es bequemer, nach der oben entwickelten strengen Methode zu rechnen. 3 [32 ],sor m: Ir Cos 4 I? Vi —ee) X aa Br ir Me 8 VE: eefıi 3 2 Cos(v—u +u—u) 4 ! ie ae en ea ern ra a 1 # 6 ) v—2 v—3 — 2)’ +Cos( —wW+u—w) te en 2 a A en m = I v1 ze v2 (v — 1)? + Cos Cu — + u— uw) belt ee ..t +Cos (un — 2W + w— u) 4el- N r 2 \ 2 E +0os (un + Bao vw) nn ee —— | a + j|. über die planetarıschen Störungen. 25 2 8 27 12 9 2 3 ’ Mi „en - a nu er + Cos (—u— u+w W) 4 “ir: Er + 5 Er ge at + Cos( 3u— W+u—u)) ; ee +Cos( —2u" +W—w) 4 zer — - + Cos (2u—2u+u— uw) 4 ee w a - u a — f ——— FE | As . +” | Mi + || Ge { 1 + Cos ( nur ee ‚5 = +7 —\ na 4 1 +Cos( uru+o+w)4Sin- oe Fri, ut [35]- .do=m. ar Cos + V(ı—ee) x . ’ r 3 2 1 3 ce 5 Sin( ‚BzHhune) POREBEERR. 5 GE 4 16 15 12 24 ge +) Te en ren jr I =: f 1- ur “ N) u 2 2a 5 12 +Sin ( u de w)4e ! v1 = v vol + BE URL DO STHRROREE N E UOTE 6. ERAPER ZEREE SME RER 12 12 +Sin(ou Pa “) 4 | v—1 v—2 v—3 rt i , h ler 4 2 6 + Sin ( un —2u + W— uw) (z hr u; + +Sin( 2+ W+u— uw) | DEIN ER en 3 ® v+2 v+1 v (+1) i , Re Sa PRETMR RE a TEN! + Sin (—u— uW+u— uw) 4 | re ee 30 +, rt P r Ka = En 8 30 + Sin ( 3u— u" +w— u) 4 eel: rer Adter 3 SB SEREEN 2 : 1)? Er} ü a My BEN 1 , 2 I] ah 2 EM > 3 + Sin ( zu +u—u) eel— er Peer + z 5 6 12 + Sin (2u —2W + u—w) 7 el} — — u 3 = We TE 3 a 2@v— 1)? 12 +. —3 Er! : Ar ’ LERNEN 1 2 1 I + Sin ( n—3W+-w— uw) el Ta er et +Sin („+ W+w+w) Sin 4 r|— - + - = 4 Te — 1 Mathemat. Klasse 1524. D Sin ( W+w) Si , 3 2 1 +Sin ( MHAH+W) v Eee BEN 2 1 } v v—i1 v—) + Sin —u+wW+u) -- ir + Sin (2W’+w) 2e’ I n = 159 19. Obgleich die immer convergirende Reihe [51] zu der Berech- nung der Zahlenwerthe von I; hinreicht und daher für die Auf- gabe, welche aufgelöset werden sollte, von dieser Seite nichts zu wünschen übrig bleibt, so glaube ich doch diese Gelegenheit be- nutzen zu dürfen, um über die bestimmten Integrale, welche hier angewandt worden sind, etwas zu sagen. Nicht nur die Mittelpunktsgleichung und die Gröfsen Cos $, Sin$, rCosp, rSin®, —. Cos$, —, Sin ® führen in ihrer Entwickelung auf diese bestimmten Integrale, son- dern dieses ist auch der Fall bei logr, r*, r"Cosmo&, r"Sinmo®, r"Cosme, r”Sin me immer wenn r» und m ganze, entweder positive oder negative Zah- len, o nicht ausgeschiossen, sind. Da die meisten Probleme der gen zurück- führen, so ist eine genauere Kenntnifs dieser Integrale wün- physischen Astronomie auf solche Reihenentwickelun schenswerth. Ich werde, der Kürze wegen, die vier Integrale, von o bis genommen, folgendermafsen bezeichnen : [5°] S) "= L= f'Cos iu Cosede; = U=f'Sin iu Sin e de 27 2 f Cos iu Cos e de Sın 7a Sın se ds ayn 2 1—e Cos: % r; 1—eCose über die planetarischen Störungen. 27. und zuerst zeigen, dafs die Entwickelung der angeführten Gröfsen von denselben abhängt. Bezeichnet man den Coeflicienten von Cos ’u in der Ent- wickelung des Logarithmen von r durch H und nimmt man denselben so, dafs die Reihe nicht nur alle positiven ganzen 7, son- dern auch die negativen enthält, so hat man H= log r Cosiu - du a ee .S= in » Sin eds a be) R Ü 1—e Cose also, mit Ausnahme von = 0, Er h ie [55]........H=—-—-M Für ?’= 0 erhält man einen logarithmischen Ausdruck ; man hat nämlich, wenn ınan “ 1+ Y(i—ee) durch ? bezeichnet und die halbe grofse Axe = ı annimmt, - — Tue F1+ 22Cose + 37° Cos 2. + 22° Cost und wenn man mit dr = e Sin ede multplicirt und integrirt log r=e— [700 e++r Cos2ze+tR' Cos3e+... } ; zur Bestimmung der Constante c ist, für e = 0 log-y=e-2 +4 HR +... =e+ 21-2) also 1—e P} leer= A —.2 Ir Cose+ 47° Cos2ze ++ r Cosse+. et und wenn man dieses mit da = (1—eCose) de multiplieirt und von 0 bis 27 integrirt Bel. = Ing tre=! 1 + Vli=ee) ee Sr 28 B’Esus E% Den Coeflicienten von Cos iu in der Entwickelung der gan- zen Potenzen des Radiusvectors = r”, bezeichne ich durch C” ; ich werde zuerst die vier Integrale durch diese Coeflicienten ausdrücken und dann eine allgemeine Relauion zwischen den zu verschiedenen Potenzen von r gehörigen € geben, woraus denn her- vorgehen wird, dafs ©” jedesmal auf diese Integrale zurückgeführt werden kann. Man hat 1 us: ]} Go: Un Cosede= — fCos iu (ı—r) d= ee e ee z wovon ! = 0 ausgenommen ist. R j Yo B 1.0 Dre s 7, P BTEE 1 N Dre Sin ia Sın e de = — Sin iu — fr Cos ud= — — ıiC" x E ee e 7 ®?CoszuCoss des 1 . 3 N 27 3 ee | — = Jüos [777 (-—)e=# —IOZITECX ” . 1—el(oss ce r e 7 ®SıniuSined: ı Cosin Sins = N ns n & = ue0e Se | a er) rm I .c . 1— e Coss i (i—e Cose)” 1 r PR wenn man im letzten Gliede wirklich differentiirt und Sin e” durch r eliminirt, so erhält man, mit Ausnahme von ’ = 0, *Siın zu Sıns des 1 = : 1 3 2(1—ee hi : =, f 005 in de ( _ 2. | i )) 1— e Voss: ie ‚% 77° r oder 2 r . ö le-ı Cd +2(1—ee) cast c 1 Die oben erwähnte allgemeine Relation erhält man, wenn man den zweiten Diflerentialqguotienten von 7”, vor und nach der Entwickelung in die Reilie, vergleicht; man hat nämlich dadurch 12 7 | den —n. (n—1) rin (2n — 3) mr3_n (n— 2) (1—ee) pr=4 = — zii C® Cos in folglich 57]... =UÜC"9—n(n—ı) C®"?+n (an—3) C"=®?— n (n—2) (1—ee) ca=% über die planetarischen Störungen. 29 und diese Relation, verbunden mit den vorher gegebenen vier Sätzen, bestimmt alle C”. Für verschiedene Werthe von z findet man nämlich: N n=—2...0=UÜCM—6CP+1CT9— s (1—ee) CT n=—1..01 =UÜCFN)—2 CT + 5079 —3 (1—ee) CT? n== 0....0=UC0® n—= 1....0=Ul® x — (74 (1-ee) CT + a a ON Er AO E E BR, x Nn=E3.. VEN Om CHE gHCHN — (1—ee) ey +4....0=UÜC® —ı2 CI +»n0C" —s(1-—ee) C u. 5. w. Ferner hat man die vier Sätze L= (Br = re) 139]: | M=— C°’+cC°?; M= Ic9-3c9+ 2 (ee) c=} so dafs die Verbindung derselben mit den eben angeführten Glei- chungen sowohl hinreichend als nothwendig ist, um alle C zu bestimmen : BER [@-+ee) L-+37/’U+ (2+ee) M+ i(1—ee) ag: :2 (1—ee)” Ce» =[L+iU+ NM}: (1—ee) c="—= L+M cC""=L ee > L 1 ca =——L Be ee [a ı N u ER g, ı ı 1U12S WW. Für 7— o hat man, statt der Relation [57], die folgende 30 BESSEL [39]... 0o= (n-+1) CP — (en+1) CF” + (1—ee) n C" und diese, verbunden mit 3 TE 1 c9=1; C"=ı;, C9— V (i—ee) giebt alle übrigen C. Dafs auch r"Cos mb und r"Sin md von den vier Inte- gralen abhängen, läfst sich am leichtesten dadurch zeigen, dafs man diese Ausdrücke von & befreiet und dagegen r einführt. Man hat nämlich Cos m& gleich einer ganzen rationalen Function von Cos® = —, Gliedern, von der Form F . »/ verwandelt, deren jedes daher, in — — , wodurch r”Cos mg sich in eine Reihe von seiner Entwickelung, den Coeflicienten von Cos iu = F.C% giebt; 7” Sin m@ ist dagegen gleich einer Reihe von Gliedern von der Form F / Sin $, oder Y(—ee) dr vlü—e) d«»rf*! F ee da ii e Gr) di und der Coeflicient von Sin /u daher NER RL uni ce’, Eu) Eben so wie r” Cos m und 7” Sin m& verhalten sich in dieser Beziehung 7” Cos me und r” Sin me. Es geht also hieraus hervor, dafs alle Entwickelungen der ganzen Potenzen des Radius- vectors, oder der Producte dieser Potenzen in Cosinusse oder Si- nusse der Vielfachen der Anomalien, von den vier Integralen ab- hängen. Die zweckmäfsigsten Arten, die Reduction wirklich zu machen, wird man aus den unten vorkommenden weiteren Unter- suchungen über die Integrale ableiten. 11: Was die beiden ersten Integrale L und 1 betrifft, so ist ihre Reduction auf I, oben [29] und [50] schon gegeben ; wir werden also nur diese transcendente Function näher untersuchen dürfen. über die planetarischen Störungen. 31 Man hat Cos (@+ ı) e—kSin e) + Cos (d— 1ı)e— kSin e) — 2Cos (ie—kSine) Cose und wenn man das letzte Glied = Cos (ie — k Sin e) — -- Cos ((e—kSine) (—kCose) schreibt, mit Ze multiplieirt und von o bis 2” integrirt Klaas eilt FL Aus dieser Gleichung geht hervor, dafs man durch zwei Functionen dieser Art alle übrigen ausdrücken kann, und dafs man daher nur zwei, z.B. = k“ k° ea Zzebitr - 4 0 —— Het... „ 2.4? (2 +4 +6)? ı __ 2% 4k° ch’ sk? gen wiege ey era 5 zu kennen braucht, um alle I, dadurch zu finden; ferner dafs VE N a — (—ı) I, ist, so dafs also nur positive ganze 7 betrachtet werden dürfen. Den Ausdruck von I, durch I? und I} erhält man durch die Eigenschaften der Kettenbrüche. Man hat nämlich aus [40] 1; La — 27 15 —i ‚ k Tr 2L T, und wenn man dieses fortsetzt k I; Fr ala. er : [42]. = kk Tale EL kk 1 5 212.27 +4 Ak 2i+2h—4.2iHeh—2 32 Bess EX Für A = ®x giebt dieser Kettenbruch das Verhältnifs zweier aufeinander folgenden Functionen unabhängig von anderen ; füri=ıundh=i-.ı giebt er air ni Verwandelt man diesen Kettenbruch, bis zu einem Gliede kk eh—2.2h bezeichnet man Zähler und Nenner desselben durch 4’ und 3°, 1 incl. genommen, in einen gewöhnlichen Bruch und so hat man [45] k T} A’) = rl RENTE )° ge nn al. gone d I; 2i—2 AFTUI_-BEVIU:R a 1,17 u SH _Be=njj; I 2 ähnliche Ausdrücke hat man, wenn man successive ! in Ü’—1, i—2, 7—3....2 verwandelt; multplicirt man dieselben miteinan- der, so ist das Product U _2+4..2i2 ATI BT (z de —11:R oder VAR Pe LET in a I _ Be" 1} Eliminirt man I? und I; aus drei Ausdrücken dieser Art für I,, 1, 3/, so erhält man eine Gleichung zwischen diesen drei Functionen, welche durch Berücksichtigung der bekannten Eigen- schaften der Kettenbrüche, auf ihre einfachste Gestalt gebracht über die planetarischen Störungen. 33 5 werden kann. Wenn aber % ein kleiner Bruch ist, so ist weder [44]; noch ein anderer endlicher Ausdruck, welcher ein höheres I, aus zwei niedrigeren ergiebt, zur Rechnung bequem; denn da I, von der Ordnung von 4 ist, so ist "="1} — BI, von der Ordnung von A” ”' und wird durch den Unterschied zweier Gröfsen von der Ordnung von Ak gefunden, also mit desto geringerer Ge- nauigkeit, je kleiner A und je gröfser 7 ist. Von dieser Unbequemlichkeit frei ist ein anderer, aber un- endlicher Ausdruck von I,, welchen man leicht aus [44] ableiten kann. Eliminirt man nämlich I} aus den Ausdrücken von I, und L,*', so erhält man De ——Z L,; + BEUTH 2 ia en zo a geh: und nach den bekannten Eigenschaften der Kettenbrüche hat man AB N N 5 -— BOL + BOTH = 1 OR EL n en, Bo Den: u DL j und nach [42] re he Wign ale.) _ Eine, DO IDE-N kk Diese verschiedenen Ausdrücke können, wenn man nicht un- mittelbar nach der Reihe [51] rechnen will, benutzt werden, um T, aus I/ und I; zu erhalten; [44] mit desto geringerem Nachtheile, je gröfser k ist. Mathemat. Klasse 1824. E 34 Beis'seiü 12: Differenuirt man 27 I, —=f Cos (ie — k Sin e) de in Bezie- hung auf A, so erhält man f Sin (fe— kSine) Sin ede, also nach [50] -—. = e- IL — L*', oder 4 _ ig _ du I; ink I; dk TE : : ANmE : P Dividirt man diese Gleichung durch (-) ‚ so ergiebt sie I 2 t SI = — ER eic (& iz d- Lu (d 1 oder d Zu (>) Maler r = (— 1) ee wovon ein besonderer Fall ist Eee KUN, a) Vergleicht man [40] und [46], so erhält man die Differential- gleichung der zweiten Ordnung, welcher I, entspricht: a al is, AT; : di a EEE Die durch [46] angegebene Verbindung der verschiedenen, zu einem gleichen Argumente A gehörigen Functionen, ergiebt die endliche Veränderung einer derselben, welche dadurch entsteht, dafs k sich in k + z verwandelt. Man hat nämlich über die planetarischen Störungen. 35 d. ur Er a(%) 0 Pr ;_ Ber re” pe a SRSR® le «J ©" usass. SW also nach dem Taylorschen Lehrsatze PB ae, SG RN: ı nn C) e — + cl 2, = ZIER Ca: er : (d 7) ; EN I 2 1.6427, ZN ale eet —t +7) It, —1L,*' 2 € E 3) Su : = (i +7) —_ eic..t welche Reihe zur Berechnung und Interpolation einer Tafel dieser Functionen angewendet werden kann und bei der, dieser Abhand- lung angehängten, von k=o bis k= 3,2 gehenden, I} und I; enthaltenden, benutzt worden ist. 45. Auf die Function I, lassen sich noch andere Integrale zu- rückführen, wie aus den folgenden Beispielen hervorgehen wird. [50]: nf os (e— m Cose—n Sine) de = Üos ie I, _ VY(Imm+#nn) 27€ Beweis. Seizı man m =a Sin« SET U Cosa, te = 2, so wird der Ausdruck E2 36 BuE#s\stE in = Jos (—ia+iz— a Sins) ds= nn Cos (is —a Sin 2) ds Site = (Sin (iz—aSinz) dz Ir un Das letzte Glied dieses Ausdrucks verschwindet aber, wenn man es von o bis 27 nimmt; denn Sin (z—aSinz) läfst sich in eine Reihe von Sinussen der Vielfachen von z verwandeln. Also bleibt nur das erste übrig und dieses giebt Cos ia L = Cos-2a L,:;.%.., N ech ; £ en a ER Brjess nf Cos ie Cos (mCose + n Sin e) de = Cos ia I, „„y,., für ein 2#e gerades 7 und = 0 für ein ungerades. Beweis. Das Integral ist AT af Cs (ie — m Cos e — n Sin e) de+ af Cos (—1ie—mUose—nSine) de also nach [41] und [50] - Cos ia nA BEN EN ER Q.E.D. für ein [92]=- 3] Si ie Sin (m Cose+nSine) de= Üos ie I, ungerades / und = 0 für ein gerades. Yimm kan) Beweis. Das Integral ist 4m „Jos (ie — m Cose—n Sine) de — - Cos (—ie— m Cose—n Sin e) de also nach [41] und [50] + Cos ia nn — N Tramyany Q- ED. ” 1 FF. .Q: Ar 3.271 7 [55]. nf Cos €” Cos (kSine) de = nz I: Beweis. Durch theilweise Integration erhält man das Integral Sin e Cos €” =' Cos (k Sin e) — —— Cos e” *' Sin (A Sin e) i+1 + (21 f Cos €” =? Cos (kSine) de — (2! — ,JOos &”' Cos (A Sine) de Eu af os e” +? Cos (kSine) de 2! +1 über die planetarischen Störungen. 37, wo die beiden ersten Glieder, von e=o bis e=27r genommen, verschwinden ; man hat also = (i— es € =” Cos (kSine) de—2i [Cos €” Cos (kSine) de u [Cos € *° Cos (kSine) de 2i+1 und wenn man „Js e* . Cos (kSine) de durch - in oh bezeichnet = kp 1) ip () + ko (it) Diese Relation stimmt mit [40] überein; allein für =o und i=ı findet man g0o—=IJ; und 91 =[],, also auch 92 = [L,, u.s.w. VE: [54]..„f'Cos As (22) ° da | ee] = te eni Beweis. Cos e” Cos (kSine) enthält nur gerade Potenzen von Cos e und Sin e, also nur Cosinusse der geraden Vielfachen von e;f Cos &” .» Cos (kSine) de also, aufser dem in e multpli- eirten Gliede, nur Sinusse der geraden Vielfachen von e, welche daher, von o bis + =, von + # bis m, von = bis + = und von 2 3 bis 27 genommen, verschwinden. Man hat daher —=! e = 27 ‚Jüos €” Cos(kSine) de Dit, — ]=+f0o &” Cos (kSine) de 2 | 1 + 3.00.29 RL: X Ta EEE . nach [55] Schreibt man z für Sin e, so erhält man de = er Cos ®® = ı — zz und damit den Satz. [55]... L fer Cos (mSine) de = T’ Vimm an) Beweis. Die ungeraden Potenzen von Cos e, in der Ent- wickelung der Exponentialgröfse verschwinden aus dem Integrale; man hat dasselbe daher 38 B:E\sıseou% 1 n? 5 n" R EEOIS N ITERF LIT Car er er 270 Il2 II4 PETE + —- Sine' — cic...} 14 und das allgemeine Glied des Products dieser beiden Reihen 24 4 elle: na n m De Cos e® „Cos e” =?Sine? a Cos €” "*Sine’—etc...; m rer m I (2i—4) 4 Fe = Sign Quer 1 12h - N(2i—2h) q C 2 Sin e’ds = - . = allein 5 08 € : I. m. WG) und da 5 Te her das allgemeine Glied 1 2: . 22, 2 i» er a 52 —iı- Rn m nr Bere m — elle. 1 nn — 22 (HR)? { NET £ } 2=: (112)* k®' j 22 (mi)? wenn man Y (mm—nn) für k schreibt, der Satz folgt. Das allgemeine Glied von I} ist = (—1)' woraus, Man könnte die Anzahl dieser Sätze noch sehr vermehren, auch, durch Verwechselung der Sinus und Cosinus Abänderungen derselben machen, allein ich glaube nicht länger dabei verweilen zu dürfen. Ich bemerke nur noch, dafs die Reihenentwickelun- gen von Cos k »- 1 und Sin k - I} nach sehr einfachen Gesetzen fortschreiten: man hat nämlich = fin (k Cose) de; durch Muluplication dieser Gleichungen mit Cos k Sin k Sin k — Cosk findet man Cosk»- LE = fs (k—kÜose) de= a f%os (2kSin +e?) de nf Sin @ASin 42’) de und wenn man die beiden letzten Ausdrücke in die Reihen Sin A. 17 = [Sin (k—kCos9)de= über die planetarischen. Störungen. 39 1 (2)? Sin + e® (2A)* Sin 4 s® @A)° Sin ze t TE de I = 4 eg - + EiC... s 2 2 Sin + s® 2k)’ Sin 4 e!° de ie Sin 4 ® une: Me a “ 113 I15 entwickelt und jedes Glied derselben von o bis 27 nimmt, Tg Le gell | PET a i Cs Ak pP —1 ag + ar)? k Ar)? k® + etc... Sink- P=k— yy + ar ) ee SEE EA 1 DPF RR 1. Die Function I! hat mit den Sinussen und Cosinussen die merkwürdige Eigenschaft gemein, immer wenn ihr Argument A von 2nr bis zu (22+2) r wächst, zweimal zu verschwinden und dann das Zeichen zu ändern. Ich werde zeigen, dafs I} von k—= mr bis (m+ 1)” immer positiv ist, wenn m eine gerade Zahl, und negativ, wenn m ungerade ist. Wenn man Sne=z und k = :7*” . z seizt, wo m’ ei- nen eigentlichen Bruch bedeutet, so hat man nach der bei [54] ge- machten Bemerkung, = f’00s 2m + m’ Er dz vonz=0], Tr zu 5 yi—zz2): Lbis z=11’ schreibt man » für (am + m')z, so verwandelt sich dieser Aus- druck in 2 7 dv vonv=0 == — fCos - vv. & { | ”e 2 V (e m -+ m’)? — vr) is v=2m+m Das Integral, von v = a bis v = b genommen, ist, wenn man h + u für » schreibt PR feos \ hr Er ng 2) du vonu=a— ] en 2 2 Y (em + m)’ — (+ u)?) bis u=b—h nimmt man nun Ainach und nach = 1, 3,....2m— ı und a und b immer = h —ı und A ı, so ergiebt der letzte Ausdruck INeBiEISISHWENTG 2 Pair wg L.=— Sin u: duf ir u “ 5 V (1 —(i+ u)?) V (wu 6 u)?) += = Yale Are N? vnu=— a Y(w#— (em—3+u)?) yYlm—(2m—1+u)?) bs u=-+1 9 Co wedu Su. (— A). = De ur ] re o ) (u — = (2m +1)? )”) bs u=m wo # für 2m -+ m’ geschrieben ist. Die einzelnen Glieder dieses Ausdrucks sind positiv, das letzte offenbar weil — u immer kleiner ist als *, die übrigen, weil ihr positiver Theil gröfser ist als der negative; denn man hat . BE na 3 Sin = u auf 17 Te — (kh+u) ) bs u=+1 2 Ylia — (h+ u)?) 1 von u =] ) (tan — (h —_— zu)e ) bis u=1 wo der Nenner des positiven Thheils stets kleiner ist als der des ne- ° SinTu.du gativen. ‘Ferner ist jedes folgende Glied gröfser als das vorherge- hende, wegen der immer abnehmenden Nenner ; die Summe zweier aufeinander folgenden hat daher das Zeichen des letzten derselben. Wenn m gerade ist, so ist das letzte Glied in der Klammer posi- üuv und daher die Summe aller Glieder positiv; wenn m ungerade ist, so ist das letzte Glied negativ und daher die Summe aller Glie- der bis zum zweiten negativ und das erste Glied, so wie das Glied aufser der Klammer, sind gleichfalls negativ. Diese Eigenschaft kommt der Function I} nicht allein zu, sondern alle I, besitzen eine ähnliche. Man nat aalich [46], wenn man, Kürze wegen, I, durch (= ) R® und # durch » be- zeichnet me _ AR“ } dr’ woraus folgt, dafs A’ *®) verschwindet wenn AR’ ein Maximum oder Minimum ist; allein zwischen zwei Werthen von k oder # für , welche A“ verschwindet, liegt nothwendig ein Maximum oder Mi- über die planetarischen Störungen. 41 nimum, also auch ein verschwindendes R"*", Es ist daher klar, dafs I} eben so oft = 0 wird, so oft I} ein Maximum oder Mini- mum ist; zwischen zwei Werthen von %k für welche I; verschwin- det, liegt immer ein Maximum oder Minimum von R', daher ein verschwindendes I’, u.s. w. 13. Die beiden im ı0'* Arukel durch M und M’ bezeichneten In- tegrale sind weit zusammengesetzter als die beiden anderen L und L. Eine endliche Relation zwischen einem derselben und der trans- cendenten Function I, scheint nicht vorhanden zu seyn; allein man kann schr leicht zeigen, dafs beide sich auf Integrale von der Form Cos (he — k Sine) vone=0 S 1—e Cose de bis zurückführen lassen. Bezeichnet man dieses Integral durch h BER): so hat man nämlich 4 ee Cos & EN J-'+ 4 Jr e 27 1—eCoss 2 1 Sin ((ie— kSin:) Sins Bas ö a H Se a ee ag 276 1— eos: 2 & woraus für A = ie die Ausdrücke von M und M' folgen, nämlich M=-_#7'+Z2Jt rss ee c Er i 2 ı 4 2] ö Man hat ferner = f ea ee f os ((e— kSine) de 27 e 1— e bose ImEe es 1 H Cos (ie — kSin ) RTL CE Er 2 7 2me 1— eos e [8 e und die Verbindung dieses Ausdrucks mit dem vorher für dasselbe Integral gefundenen giebt Mathemat. Klasse 1824. F BiExsvSsEiz 5871... Eee - RER SE pr [59]: woraus also hervorgeht, dafs jedes J, durch I}, I, J? und J} ge- funden werden kann. Es wäre also nöthig, noch J? und J} nä- her zu untersuchen, allein es ist mir nicht gelungen, diese beiden iranscendenten Functionen, welche die beiden Argumente e und k haben, auf andere, nur von Einem Argumente abhängige, welche in eine Tafel gebracht werden könnten, zurückzuführen. Die Meihode, das Integral J, in eine Reihe zu entwickeln, habe ich in meiner Abhandlung über das Keplersche Problem ge- geben; hier theile ich eine zweite Reihenentwicklung mit, welche die Tafel für I} und I; voraussetzt und in allen Fällen convergirt. Man hat bekanntlich er rl: 2-.22% Cos’e=r 22? Cos'2e-+ 22° Cosse-k.... 1— eÜose V (1i—ee) e 1+ Y(1-ee) ; multiplieirt man diese Reihe mit Cos (re—k Sin e) de und integrirt von 0 bis 27, so erhält man: er RR i +1 2 +2 I Fee It. —iL’ Fa Lr 8... + RE Ar +} oder anders geschrieben TR 2 RL I PrR-tl+..+E — XL + Ar —- RPLD+ ee... +? L*" +9” LH’ +- a Lr+ art) wo die beiden unendlichen Reihen mit einem Gliede der 7 + 2” Ordnung anfangen. Will man von J, zu dem folgenden J,*' über- gehen, so erhält man eine dazu dienliche Formel, wenn man den eben gegebenen Ausdruck mit A multiplieirt und das Product von dem ähnlichen Ausdrucke für J;*' abzieht; man hat dadurch über die planetarischen. Störungen. 43 Bo. =rrd re ee +rL’+RLr + eic....} Will man die beiden Integrale CC Sin? ins er Cos iu Cos e nd E r. Sin zu Sin Br 27 1—elCose 1— elLose auf die Coeflieienten der Reihe für die Mittelpunktsgleichung 6=% + 24'Sin u + 24”Sin ep + etc.... zurückführen, so geschieht dieses folgendermafsen : 1 Cos iu Cos - Cos in » de — de= — os iu de ee lS 1— eCose ' = 2m e 1—eCose . 7 is wo das letzte Glied der Ausdruck von 4A“ ist; man ey A — ee) hat daher a een ferner hat man dp _ Sind __ Vlt—ee) Sin N 1 e de “ A-—ee 2-+eCosg) = 4 Bi % 4 1— e (Cose 1— ee 1— e Cose entwickelt man diesen Ausdruck in die Reihe db de = 2B’Siın » + 22" Sin 2u + 2B” Sin su + etc.. ..; so ist einerseits Gy 1 Sin iu ‚ Sine i B — un uf Sin in Sin ede+ V(i—ee) -, ee des und andrerseits AA“ 1 (200 VERBER = B de 2 man hat also, nach [50], ö ale e da“) 1 RN ET Pe Teer ZE er LI, + — : | 16. Bei der Auflösung der Aufgaben der physischen Astronomie, welche auf I, und J, zurückführen, wird 4 meistentheils nicht F2 44 B.ENs'sıEe 5 sehr grofs seyn; dann ist der Gebrauch der Tafel für die erste dieser Functionen nicht so zweckmäfsig und bequem, als die di- recte Berechnung des Reihenausdrucks derselben. Um aber doch von der Anwendung der am Ende dieser Abhandlung abgedruck- ten Tafeln Beispiele zu geben, werde ich den Coeflicienten von Cos 4% in der Entwickelung von r’ und den Coeflicienten von Sin Au in der Entwickelung der Mittelpunktsgleichung, beide für eine Ellipse, deren Excentricität = 0,35 ist, mittelst der Tafeln be- stimmen, Der Coeflicient von Cos iu in der Entwickelung von r° ist, 5 nach den Formeln im 10% Artikel De TEE rı 1 also für = 4, - Sin iu Sin ede ya 1 1 45 (1—ee) e . fe Au Cos e de — 5 e — und nach [29] und [50] I» 2 Bm ıe nun} - > “ A k-) a u .o e Aus den in der Tafel enthaltenen Werthen I ,= 0, 56685 51204 und I; , = 0, 54194 77139 findet man I; . = 0, 00906 28717 und I; , = 0, 00129 01251 und damit den gesuchten Coeflicienien —= + 0, 00068 38136, wobei zu bemerken ist, dafs man ihn verdoppeln mufs, wenn man nur die positiven Vielfachen von u, in der Entwickelung haben will. Der Coeflicient von Sin iu in der Entwickelung der Miutel- punktsgleichung,, ist vA — ce) 1 gr Cos in » de _ V = ee) 2 7 27 1— eos: ı Ai also, düre 4 amdie = 0,35,‘ nach [59], über die planetarischen Störungen. 45 a br + en zB HiB HT, — TI ,+r DR, —-WD,+ ete..... +r DB, +” R,+”rTD,+ ec. de Man findet, I° = 0, 56655 51204 I' = 0, 54194 77139 I? = 0, 20735 53995 IT’ = 0, 05049 77133 I’ = 0, 00906 28717 7’ = 0, 00129 01251 1° = 0, 00015 23073 I’ = 0, 00001 53661 I® = 0, 00000 13533 und hiermit 27° = + 0,0000 #751 — A?’ I = — 0,0010 4552 R 1? = —+ 0, 00023 31451 PS 0, 0089 408 HA PP = + 4 TUT’ = + 49740 a 0,0007 123 — TV’ = - 9’ T-= + 97 PT’ = 0, 00912 5705 Fr P’ = + 83 r’TPT’ = zu 14 I’ = 0,006 717 —-— A” PP = _ 3 + 0, 02376 34304 — 0, 00009 75407 + 0, 00023 82112 Die Summe aller drei Theile ist o, 02590 41009 und daher der gesuchte Üoeflicient — 0, 00722 60252 — 2 50”, 47169; er mulfs gleich- falls verdoppelt werden, wenn die Entwickelung nur die positiven Vielfachen von w enthalten soll. aa an an anna 46 Bes SE Tafel der Functionen T, und I]. lrafel der F t Ip l 1, aaa anna. k 1? Diff. I. Diff. IT. T: DIET. | DEM. 0,00 00000 00000 2 49998 99979 | 0, 00000 00000 0,01 99997 50002 99921 | 0, 00499 99375 0, 02 ‚99990 00025 99529 0, 00999 95000 ! 0,03| 0, 99977 50127 99697 | 0, 01499 83126 0,04 99960 00400 99527 | 0, 01999 60003 0,05 99937 50976 99323 | 0, 02499 21883 0,06 99910 02025 99078 | 0, 02998 65020 0,07 99877 53751 98798 | 0, 03497 85669 0,08 99840 06399 95478 | 0, 03996 80085 0,09 99797 60249 98124|0, 04495 44529 0,10 99750 15621 97730 1.0, 04993 75260 11 | 0, 99697 72869 97299 | 0, 05491 68544 12 99640 32387 96833 | 0, 05989 20648 13 99577 94606 4 96326 1-0, 06486 27842 14 99510 59992 30940 4 95785 | 0, 06982 86400 499 99375 | 3750 499 95625 7499 | 499 88126 11249 499 76877 14997 499 61880 18743 499 43137 | 22188 499 20649 26233 498 94416 | 29972 498 64444 33713 498 30731 37447 497 93284 41180 497 52104 44910 497 07194 | 48636 496 58558 | 52656 496 06202 56075 495 50127 59786 494 90341 63494 494 26847 67196 493 59651 70893 88758 74583 14175 78269 35906 831945 53961 85618 68343 89281 79062 92937 56125 96588 ) 89537 00227 89310 03859 | 07484 11099 14704 18300 21886 25463 29027 32584 36126 39659 43180 46690 | So Bu Sol | Se El 2 So jez Stube Fe ww SD 31645 99530 63441 23367 79300 79146 23045 62913 98747 30537 58277 81959 17128 > 35996 39303 38519 33642 24664 73102 SV 83990 31229 | 01579 | 250602 | 11584 | 94398 mOonr Ne) ++ +++ + | Di. T. 49 = Diff. 11. RPAarkp Aa 43899 39568 03307 99216 95123 91022 86920 82814 78704 "Ir 74592 70477 66361 62244 58121 54003 49ss1 45758 41636 315415 33394 29273 25155 21037 16921 12509 11805 15592 19976 24052 © soo ©0089 vumun vmuouuu 0,55793 0,55931 0, 56065 0, 56195 0, 56320 0,56442 0, 56560 2 97940 | 3 33061 | ; 80830 | [02 oo Quo on 2 53576 0, 57884 0, 57932 0,57976 0, 58106 0, 58177 0,58183 0, 58186 > 37943 > 34020 ) 52315 77139 35000 24917 14902 06911 239991 93220 85709 76603 65079 50346 31647 08258 | 79488 44679 03208 | 544180 | 59353 | 76356 83645 | 67552 | 43486 08341 61859 03816 52713 | 34669 04420 61976 07381 40710 62075 | 71618 69517 55982 | 31255 | 95614 | + er 92561 | — 26469 | — 50601 | — 444 HH rrr Hr HH HH HH HH HH HH + HH HH + +++ + 5 65698 1 — 70727 br 173 169 165 161 157 > 97599 | 77861 82943 86974 | 89985 92009 | 93080 | 93229 92489 | 90894 88476 85267 s1301 18295 06261 94137| 81956 69751 57556 45405 33329 | 21365 09543 84903 93460 01511 94918 95969 96989 97976 98929 99851 00740 01595 02418 03209 03966 04690 05381 06039 06662 07257 07812 08339 08829 09289 09714 10104 10463 10788 11079 11337 11561 11753 11909 12034 12124 12181 12205 2195 12151 12076 11964 11822 11644 11434 11192 10914 10605 10261 09885 09476 09035 | 08557 08051 07509 Mathemat. Klasse 1824, 50 B sis et 185 Diff. 1. | Di. II. I; DIE. TI. | "DIENT 2sı181 85594 551 03002 27600 82592 5850 74876 27020 07746 550 42684, ‚26439 65032 5850 06433 53599 579 66127 92472 9121775 70697 73384 97313 578 20960 76353 64513 > 11840 04049 07791 > 39578 68213 e 71108 , 97105 4 98650 20661 98455 4 22211 20087 76244 3 41802 28126 | 0, 58115 32192 | 0, 58089 36251 10, 58059 40306 | 0, 58025 26 09020 4 06936 30 15956 4 06332 34 22284 4 05689 3 4 4 BD A-O\—T suox 10 27973 4 05018 44352 | 0, 57986 « 32991 4 04313 48391 62503 6 37304 4 03576 52424 25199 50 40880 4 02807 50447 841319 ı 43687 02005 60464 40632 Ss 45692 01170 64471 IA4940 2 46862 4 00306 68470 48078 47168 72458 00910 46575 76439 54335 4 45052 80409 09283 42567 84370 66716 32 39089 88318 27627 » 34584 92259 93043 90 29023 96185 64020 4 22374 00102 41646 98 14604 04008 27042 92 05684 07900 21358 105 95582 11781 25776 9 81265 | 15650 41511 19503 | 0, 56499 69806 0, 56382 11935 23346 27174 | 0, 56260 69206 30990 | 0, 56135 42953 129 08409 34789 | 0, 56006 34544 32 89168 38576 | 0, 55373 45376 |— 136 68501 42347 |0, 55736 76875 40 46377 46183 30498 4 22765 49845 07733 47 97636 53569 10097 | 1: 70963 7279 39134 55 42711 | 60973 96423 159 12857 0, 54837 83566 162 81366 0, 54675 02200 As214 0, 54508 53986 13369 0,54338 40617 3 76803 0, 54164 63814 38488 0, 53987 25326 180 98395 0,53806 26931 4 56497 0,53621 70434 12765 0, 53433 57669) — 191 67170 0,53241 90499 95 19656 0, 53046 70813 98 70287 0,52848 00526 202 18941 0, 52645 81585 205 65625 0, 52440 159600 | — : 10309 0, 52231 05657 212 52968 0,52018 52682 auoro a SeQün = +44 44444 Hr rr Hr r + Hr + HH HH + HH + + ++ 99407 98476 97515 96522 95495 94439 93351 92230 91080 89898 88683 87440 86166 84858 83524 82156| 80759 79333 77876 76388 74871 13327 71748 70146 68509 66848 65155 63434 61685 59907 58102 56268 54405 52516 50601 48654 46684 44684 42661 40611 em), 19514 34442 57432 15941 77010 2 69114 | 15370 07896 570 76855 17799 31041 9 80670 17229 50371 > 80568 | 16660 69803 76560 16092 93243 566 68660 15526 24583 565 56879 , 14960 67704 564 41229 14396 26475 | 21726 13833 04749 561 98380 ‚13271 06369 560 71206 ‚12710 35163 9 40216 12150 94947 558 05427 11592 89520 66851 11036 22669 55 24504 „10480 98165 , 09927 19764 „ 09374 91208 ‚08824 16221 ‚08274 98513 7727 41778 07181 49692 ‚ 06637 25915 06094 74091 05553 97844 97060 | 82776 05015 00784 14284 86347 04477 86500 27937 | 89901 ‚03942 58563 3 38036 |+ 1 93437 03409 20527 E 44599 |+ 96951 „ 02877 75928 29 47648 |+ 2 00448 ‚02348 28280 | 47200 |-++ 2 03924 01820 81080 25 43276 |+ 2 07381 01295 37804 23 35895 |-+ 2 10819 00772 01909 25076 + 14234 00250 76833 ON BERRATR HA R en 64649 63309 71953 75577 79187 = Ju 3 ©} su SE ©) nn on ANNO OD-UST Parker KT v“ ı on In r r über die planetarischen Störungen. 51 vuvbvbt “u un vuovbbtlh “ uno von in in re So) viutbtu by -ubr 0 “ ai vouotbtt QVQ =1 DD v Lös EL SeEz Ze Eu Se 367 “ vwuutbuW [SE SL Su SE Ss} “ vutbtbtl DD LOL W Ds 15 Diff. I. Diff. II. 1; Dif.T. | Die II. 0, 00250 76833 |— 519 10842 |+ 2 17630 | 0, 52018 52682 |— 215 93579 |— 3 38529 0, 00268 34009 |— 516 93212 |+ 2 21006 | 0, 51802 59103 |— 219 32108 |— 3 36424 1 0,00785 27221\— 514 72206 !+ 2 24357 1 0,51583 26995 |— 222 685321 — 3 34295 0, 01299 99427 |— 512 57849 |+ 2 27692 |0, 51360 58463 |— 226 02827 |— 3 32138 0, 01812 47276 |— 510 20157 |+ 2 31001 |0, 51134 55636 |— 229 34965 |— 3 29957 0, 02322 67433 |— 507 89156 |+ 2 34289 | 0, 50905 20671|— 232 64922 | — 3 27749 0, 02830 56589 |— 505 54867 |+ 2 37557 | 0, 50672 55749 |— 235 92671)— 3 25516 0, 03336 11456 |— 503 17310 + 2 40800 ! 0, 50436 63078.|— 239 18187 !— 3 23258 || 0,03839 28766 |— 500 76510 + 2 44021 | 0, 50197 A4sgı |— 242 A145 |— 3 20976| 0, 04340 05276 |— 498 32498 |+ 2 47220 | 0, 49955 03446 |— 245 62421 |— 3 18669) 0, 04838 37765 |— 495 85269 |+ 2 50394 | 0, 49709 41025 \— 248 81090 |— 3 16336 0, 05334 23034 \— 493 34875 |+ 2 53546 | 0, 49460 59935 | — 251 97426 | — 3 13981 0, 05827 57909 |— 490 81329 |-+ 2 56675 10, 49208 62509 |— 255 11407 |— 3 11601| 0,06318 39238 \— 488 24654 |+ 2 59777 | 0, 48953 51102 |— 258 23008 |— 3 09198) 0, 06806 63892 |— 485 64877 \+ 2 62858 | 0, 48695 28094 \— 261 32206 | — 3 06769 0,07292 28769 |— 483 02019 |+ 2 65914 | 0, 48433 95888 | — 264 38975 |— 3 04321 0, 07775 30788 |— 480 36105 |+ 2 6894410, 48169 56913 |— 267 43296 )— 3 01845 0,08255 66893 \— 477 67161 |+ 2 71951 | 0, 47902 13617 1— 270 Asıdı | — 2 99349| 0, 08733 34054 |— 474 95210 |+ 2 74930 | 0, 47631 68476 |— 273 44490 | — 2 96831 0, 09208 29264 |— 472 20280 + 2 77887 |0,47358 23986 |— 276 41321 |— 2 94288 4 0,09680 49544 |— 469 42393 + 2 80817 | 0, 47081 82665 ,— 279 35609 |— 2 91724 0, 10149 91937 |— 466 61576 |+ 2 83722 | 0, 46802 47056 | — 282 27333 |— 2 S9140| 0, 10616 53513 |— 463 77854 |+ 2 86598 | 0, 46520 19723 |— 285 16473 |—- 2 86529 0, 11080 31367 |— 460 91256 + 2 89453 | 0, 46235 03250 |— 288 03002 |— 2 33903 0, 11541 22623 |— 458 01803 + 2 92277 | 0, 45947 00248 |— 290 86905 |— 2 S1251 0,11999 24426 |— 455 09526 |+ 2 95077 | 0, 45656 13343 | — 293 68156 |— 2 75550 0, 12454 33952 |— 452 14449 |+ 2 97849 | 0, 45362 45187 | — 296 46736 |— 2 75887 |f 0, 12906 48401 )— 449 16600 + 3 00594 | 0, 45065 98451 |— 299 22623 |— 2 73175 0, 13355 65001 |— 446 16006 |+ 3 03313 | 0, 44766 75828 | — 301 95798 |— 2 70441) 0, 13501 81007 |— 443 12693 |+ 3 00002 | 0, 44464 50030 | — 304 66239 |— 2 67088 8 0, 14244 93700 |— 440 06691 \+ 3 08667 | 0, 44160 13791 |— 307 33927 |— 2 64915 0, 14685 00391 ,— 436 98024 \+ 3 11302] 0, 43852 79864 |— 309 98542 |— 2 62122 0,15121 98415 | — 433 86722 |+ 3 13907 | 0, 43542 S1022 |— 312 60964 |— 2 59311 0,15555 85137 |— 430 72815 |+ 3 16489 | 0, 43230 20058 |— 315 20275 |— 2 56478 0, 15986 57952 |— 427 56326 + 3 19037 | 0, 42914 99783 |— 317 76753 \— 2 53630| 0, 16414 14278 |— 424 37289 |+ 3 21561 | 0, 42597 23030 |— 320 30383 |— 2 50761 | 0, 16338 51567 |— 421 15728 |+ 3 24053 | 0, 42276 92647 |— 322 Sı144 | — 2 47873 || 0, 17259 67295 |— 417 91675 |+ 3 26517 |0, 41954 11503 |— 325 29017 )— 2 414968 0, 17677 58970 |— 414 65158 |+ 3 28952 | 0,41628 82486 |— 327 73985 |— 2 42047 0, 18092 24128 | — 411 36206 |+ 3 31359 | 0, 41301 08501) — 330 16032 )— 2 39106| 0,18503 60334 | — 408 04847 |+ 3 33735 | 0, 40970 92469 | — 332 55138 |— 2 36149| 0, 18911 65181 | — 404 71112 |-+ 3 36081 | 0, 40638 37331 |— 334 91287 \— 2 33172 0,19316 36293 |\— 401 35031 |+ 3 38398 | 0, 40303 46044 | — 337 24459) — 2 30184] 0,19717 71324) — 397 96633 |+ 3 40684 | 0, 39966 21585 |— 339 54643 | — 2 27173| 0, 20115 67957 |— 394 55949 |+ 3 42942 | 0, 39626 66942 | — 341 s1s16|— 2 24152 0, 20510 23906 \— 391 13007 |+ 3 45168 | 0, 39284 85126 | — 344 05968 | — 2 21110 0,20901 36913 |— 387 67839 |+ 3 47363 | 0. 38940 79158 |— 346 27078 |— 2 18054 |} 0, 21259 04752 |— 354 20476 |+ 3 49530 | 0, 38594 52080 | — 348 45132 |— 2 149841 0,21673 25228 |— 380 70946 ‚+ 3 51662 10, 35246 06948 |— 350 60116 )— 2 11898 |} 0, 22053 96174|— 377 19284 |+ 3 33767 | 0, 37895 46832 |— 352 72014 |— 2 08796 | 0, 22431 15458 0,37542 74818 a “Di 16 52 Besseren über die planetarischen Störungen. Diff. I. Diff. II. I; Diff. I. Dif. II. 15458 373 65517 80975 09677 90652 366 51798 42450 362 91907 34357 30039 64396 5 66224 30620 52 00494 | 31114 348 32882 63996 44 63418 27414 40 92135 26005 19549 19066 26342 38615 44244 ‚26675 82859 329 67699 27005 50558 325 89465 27331 40023 22 09576 27653 49599 i 23063 77662 314 44960 22622 10 60300 82922 | 6 74115 | 0, 28903 57037 02 86440 0, 29206 34377 98 97306 ‚29505 40783 295 06750 29500 47533 \)— 291 14802 30091 62335 287 21498 30378 83833 |— 283 26871 0, 30662 10704 9 30953 ‚30941 41657 275 33780 31216 75437 35387 | 31488 10824 35504 | 00735] 0, 26935 79039 16447 31755 46628 | 35069 |+ 4 01855 | 0, 26535 62592 30104 32018 81697 | 0, 26134 32488 I 55840 | 0,37542 74818 354 80810 57879 | 0, 37187 94008 356 86490 5989110, 36831 07518 8904 61868 | 0, 36472 18477 | — : s8447 63815 | 0, 36111 30030 | 2 $4696 65730 | 0, 35748 45334 { 71772 67612 | 0, 35383 67562 5 670665 6946410, 35016 99897 368 54360 71283 | 0, 34648 4553 37845 73069 | 0, 34278 07692 72 18107 74822 | 0, 33905 89585 3 95134 76545 |0, 33531 94451 5 68916 7823410, 33156 25535 377 39438 79889 | 0, 32778 86097 379 06693 3 05680 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 81513 |0, 32399 79404 380 70667 3 3 3 5 3 3 3 3 3 3 3 3 3 4 02551 99406 96249 93076 89893 806695 83485 80262 77027 713782 70522 67255 63974 60682 57383 54070 50750 47419 44079 40732 37372 34009 30634 27253 23864 20468 17065 13657 10238 u. vbubut “ 83103 | 0, 32019 08737 | 31349 84660 | 0, 31636 77388 : 83732 86185 10, 31252 88656 E 42802 87675 | 0, 30867 45854 36 93552 89134 | 0, 30480 52302 388 40971 90556 | 0, 30092 11331 389 85050 91948 | 0, 29702 26281 | — 391 25782 93304 | 0, 29311 00499 | — 392 63154 94627 | 0, 28918 37345 393 97163 95918 | 0, 28524 40182 395 27797 97173 28129 12385 396 55050 98393 27732 57335 397 78914 99583 | 0, 27334 78421 398 99382 HAttt +rrrr Hr Hr Hart HH HH + Hr +++ De ee ie pe pe ig ee DD KDD Von der Integration der linearen Gleichungen mit partiellen endlichen Differenzen. Von Hm." EYTELWEIN. annnAananamnnnnn. [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 3. Juni 1824.] 8. 4. Kata "G, irgend eine unbekannte Funkzion der veränderlichen Gröfsen m und r, wo m und r jeder ganzen Zahl oder o gleich seyn können, so heifst jede Gleichung in welcher diese Funkzion für ver- schiedene Werthe von m und r vorkommt, eine Gleichung mit paruiel- len Differenzen, und man ist im Stande diese Diflferenzgleichung zu inte- griren, wenn der Werth der unbekannten Funkzion "G, angegeben werden kann. Dergleichen Diflferenzgleichungen gehören zu den dop- pelt wiederkehrenden oder recurro - recurrenten Reihen, und sowohl Laplace (Memoires sur les sutites recurro- recurrentes, Mem. de Mathemat. Tom. VI. Paris 1774. — Rechreches sur U integration des equations dıf- ferentielles finies, Mem. de Mathemat. Annee 1773. Paris 1776.) als auch Lagrange (Recherches sur U integration des equations lineaires aux diffe- rences fintes et partielles; Nouv. Mem. de l’ Acad. de Berlin, Annee 1775.) haben zuerst über diese Reihen ausgezeichnete Untersuchungen ange- stellt, ohne jedoch die erzeugende Funkzion, aus welcher ”@, entstan- den ist, näher zu bestimmen. Man findet zwar in Arbogast, Calcul des derivations, (Strasbourg 1500.) dergleichen Untersuchungen; allein abge- 54 EyrtEsLweiın sehen von der dortigen Bezeichnung, wird es nicht unwichtig seyn, die hierher gehörigen Entwickelungen noch auf einem anderen Wege zu erhalten, von welchem ich mir schmeichle, dafs auf demselben die ge- suchten Ausdrücke einfach und übersichtlich dargestellt werden. Weil die partiellen Dillferenzgleichungnn von der Form ’G,+a. "G,_,+b "”""G+e .""G_,=/(m;r) am meisten vorkommen, wenn hier f (m; r) irgend eine gegebene Funk- zion von m und r bedeutet und a, b, ce willkührliche beständige Koef- fizienten sind, welche auch einzeln — 0 seyn können, so wird man sich hier vorzüglich auf diese Differenzgleichung beschränken; es wird sich aber sehr leicht übersehen lassen, dafs mit Anwendung des polynomi- schen Lehrsatzes und einer einfachen Bezeichnung der Polynomialkoef- fizienten, die Untersuchung auch leicht auf jede andere gegebene Dif- ferenzgleichung angewendet werden kann. Uebrigens ist bei den von Lagrange untersuchten Differenzgleichungen durchgängig f (m; r) = 0 angenommen, wogegen hier dieser Ausdruck jede beliebige Funkzion von m und r bezeichnen kann. i Bei den folgenden Untersuchungen wird zuerst die Entwickelung gebrochener Funkzionen mit zwei veränderlichen & und y auseinander gesetzt und hiernächst bestimmt, wie gegebene Koeffizientengleichungen welche mit den angeführten Differenzgleichungen einerlei sind, integrirt werden können. Noch ist zu bemerken, dafs hier zur Vereinfachung, Binomial- koeflizienten wie durch «a, De a (e— 1) (@—2) (@—3) ...... (e—n-+1) 1 38112 3 3 < 4 een n bezeichnet werden. Ferner wird man von einer Reihe P=AHFA CHF Ä FA EEE den Koeflizienten 4, durch PK, bezeichnen, um dadurch näher anzudeuten, zu welcher Reihe vorkommende Koeflizienten gehören. Man erhält daher auch (DIP=SIAR HPR,s PR; DE WE DR ee von der Integration der linearen Gleichungen. 55 Man setze A A + Ar EA Lech AR Tess Ay + A, xy + 'Asxy + 'Asa’y +... + 'A,0y Hee—=Pıy und es sei die gebrochene Funkzion p! ı ax + by+cxy zu entwickeln, so ist die allgemeinste Form welche der Zähler ?' erhalten kann PP PFrFBIH FRI Tun Fb ru []] wenn P; P,; P,;.... die oben gegebene Bedeutung behalten. Setzt man nun ferner: G +Gxz +62 +G2%° +...+G6Gx% +..=Q 'CGy +'G, a y + "Gr y +'Gay +...+1'Gx% ea. Q,} 264° + °G,2yY° + °G 2°’ 7° + "GC, 2’y + Re a EI =:0,y° Mena in ekete m euer, wi nr se nmde tale Br meet. ee me we ee ie ie Gyr le xy” Ser x? y" RG; x’ y" a N eur Ne Qn3 und bezeichnet durch Q' die Entwickelung der gegebenen gebroche- nen Funkzion, also p'! ItHax+by+eay Q so ist die allgemeinste Gestalt welche diese Entwickelung erhal- ten kann QO'=Q+Q,+0’5°’+0Q,7°-+....+0Q, "+... [1] 56 EyTELweEın WOA A AED arena gegebene und G; G,; G,; G,;5...... noch näher zu bestimmende Koeffizienten bedeuten. Nun werde 1tax =aunddb+cx—=ß gesetzt, so erhält man wegen (I) p! f ß p2 22 an Q = ——- =P' re ers Seh sr a+Loy & a? 3 ei Seat oder statt P' aus [I] den entsprechenden Werth gesetzt, giebt: EEE REITER AU ER Fe =— +1) — Irre - ae ER re| _ne ER: Tg: Tat er: P£? NE Sn a [24 [44 Eu Te 2 P. Paıß P„_,ß? P£r Bere = I + ET... [#4 [04 [44 [47 Denkt man sich diese Glieder in Reihen aufgelöst und nach den Potenzen von x geordnet, so findet man den zu x’ gehörigen Koeflizienten oder (OR)K,=(=)Rr,— (Fe) R.+ =) &.—... (7) m « Nnit 2 = "A+"41,2r"4,0° +"4,0° +... +"4,x+....also | RER? DE Pe + ""Ax+.... und wenn man setzt er _ (b+c&) arr+! 2 ((+az)”+t! = "B+"’"B,2 + "BD, "Bm. i +" B Re 65V] von der Integration der linearen Gleichungen. 57 so wird are PAR Zt... "4, "B |x’ +... daher 8.1. (I) +-""4 ."B, +"="4,_,.”"B; m nA, "PB, lade ee ae re Fe)R=40 Br An B+ An Beten +-""4."B, und man findet hieraus, wenn 0, 1, 2,3, .... statt z2 gesetzt wird (>) Kr BEr4 2: BEI Is Beni SE (*3#) IN u 08 fr-te ht: . 'B, + ride j DH ER. e BRAD Ft El BER TBIE N +4."B, oder nach [III] ZT Pre m Eee N Er SE ee oe ER a ee s re m—1 1 m—1 .i mi 4 mi (OK)K= ('A,.'"B+ A,_ı.'B, + PER Bat... + A. B.) wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für ein un- grades m gilt. Nach [I] ist Q'K, = Q,. Aber auch Q,="G +"G,x2+"G,2”+"G, x +... er Biss daher wird auch Q,K, = "G, oder (OR)K=Q.K=" Ferner wird mit Anwendung des binomischen Lehrsatzes nach [IV] di) FBi=cE \e+m). ab” — (r+m—ı), ma ' bc + (r+m— 2), m,a’ 5° 0 — nen MR 6 =) Mathemat. Klasse 1324. H 58 : EYTELWEIN wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für ein ungra- des r gilt. Hiernach wird: a [+ ı) db — ra‘ c] —= Ir + 2),ab’—2(r+1),a"'"be+r,a”? c] [e+ 9), P—3(r+ 2), a Bors (rt), a’ ber;ar® e] u.s. w. Ferner "B,=m bc — (m+ı) ab” "B,=m,b" ce’ — (m+ı1)m al” c + (m +2), a® b" "B, = m, 0" ec’ — (m+1) m,ab””” ce” + (m+2), ma? b’”' c— (m+3), a’ b” u. Ss. w. Es ist daher (Q'K,) K, oder ee Ne re la) a — 4b +"'4,_,.'Br+""A,_2.'Bte.t+"”'d. 'B) A) "G,=+.(-24,8° + 7-24,_,.2B +" 4A,_2. Bote" 24. 2B,) e'=®. 18.10.60. 0 je; )e: :6,, warte fe Val le, ettie are a ur lenliei er wer ale nuna ie te a 0 zelnen +( Ab + A: 4.0 Di + A,._.5.° Bas Fach Am NAD) wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für ein un- grades m gilt. Hiernach ist man im Stande, weil "4, gegeben ist und ”B, nach (II) aus a, 5, ce gefunden werden kann, die vollständige Enı- wickelung von Q' zu finden. 1. Zusatz. Sucht man die Entwickelung von p! 2 3 m 1HaxcHby 7 VG ERHUNE RK 0 hrs +0 Br: wenn P' und Q' die bisherige Bedeutung behalten, so wird hier e= 0 also "BD, = :Es(nsem), @b’sedaher = ad; '’B==E ee en und man findet wo das obere Zeichen für ein grades, das ee] von der Integration der Ar — aut PARSE ‚Ken 7 des m gilt. Für z=3 undr= 2, Zusatz. p' tax +cxy wird hier ’B, =Er,AQ 6) “ 8. Für die Entwickelung =0'=0+0,,+0 — EN ee md, 2 ar [74,3 SP Hr aan A, — (m+1) A, _ı a + (m+2), Ar — 2 a’ —....+(r+m)m 59 linearen Gleichungen. "4, 0°... +74 (-a) m-14,._ 7 @ es (RA) 712 (-a)" ] mid incl) PA (-«) ] untere für ein ungra- wird hiernach ’d,a-+ Aa: 2.-41,0+3. ®Aa?] 3.14, a-+%s . '4a?] AN a5 / 4. von I HQI Henn QI" te 2 B==rr2" 25 1 a ; -°c’ und überhaupt "3, =+ (—1)" r, a "" c”, wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für ein ungrades r gilt. Hiernach findet man B=1t Br==a: > GB, Zn Da WERL —=@:nsnefecsucseense Bo, DB = ec; 'B, =—-2ac; 'B; = 3atec; "Br =—4 ac ;eeee B= 0; PB, = 03.22, = ce}; 2Bs =—3,ac?; B= % BACH Snssanser >B =, BD, — 05, Bo — N 0; PB, =—iz C% ee ’B='B ='B='B, =0; 'B, =c; ’B, =—5 ac; ne. folglich + ”A, _ "A, _ıa+ Aus =. +(-1)" ”Aa —c Fr 0 „BEA OS A ae ee + (1) r a +c ET ET Re A GE ee + (if r7.r 24a -®] m G= — .c? an Fr a A a — ee + (1) r,."’4a-?] +.c! si BEA oT RR an + (1) r; ee] —.c’ P#42,=s, mad LO LTE PA 2a +(—1)" ee] 15 60 EyTELweın Für m =ıundr=3 wird + '4— —c (Ad4,—2 +c? (A, — 3. —.c?,14 .’d,a+?°’A a) ’A a) G,= S:.D: 3. Zusatz. Sucht man die Entwickelung von pP! DE SE Ver re Da ENT ITS EAN Fan so wird hier «= 0 also, wegen des Factors m,. Hiernach erhält man + "A, a Et +4,54 2.74, _,b c+ mA Lone: — (DA. 3 FTFA,27b° 0 3,074, _0d ak a ae ee ee eier ee ae ee +( A,b"-+m. A,-ıb”'c+#m;. D Für n—=4 und r=7 wird a4, zer! de LH IP EPELERIRE ER 24, 0? td Be Abe aa Abe + A, b! +4. Arb’c+%. 8. 6. 4... Zusatz. 14,0 "B.=m,b’"c, daher "B,=o fürr>m, Ar 2.0 er. m. Ab c) A; b?c? +43 .A, be? + Az c* Für diejenigen Fälle in welchen der Nenner der gege- benen gebrochenen Funkzion nur aus einer zweitheiligen Gröfse besteht, erhält man für Q' sehr einfache Ausdrücke. 1 Wäre die gegebene Funkzion man 5b=o in 8.3 oder c=o im S.4. EU - 4 ERTHNEZ. zu entwickeln, so setze Dies giebt "Aa +...+"d4 (—a) von der Integration der linearen Gleichungen. 61 daher findet man nach $. 2. Q = A+( A- Ad)z+(»— Aa+ Aa)a’+( A— Aar Aa’— Ad’)z +... Q = '4+ (1 —-'Aa)x + (42 — "Aya+'da?) x’ + (dr — !A,a+'A,a’— 'da) Zinn Q=°’41+(4,-’dAd)z+ lt, —-’Aar’da)®” + ltd; —"Aar’dia— ’da’)z +... u.s. w. Hieraus folgt + JE A A)2e (s—- Aa Aa)? +(4-— Arar+r A, a — da‘) x + men tar lH, MA 24 (lt = 1A ori) a + ('A; — 'Asa + 'A,a— 'Aa’) + u ] Y P' D ar Fi#+l4+ CA — Ad) = + (A, — Aa + Aa?) x* r@A,— Asa Ara Aa) re 1» +[P4+04- Ad) + (A —Aar’da) a + (A — °’Aa+ °’A, a — °’A a) ZH en ] y ehe 2s) 8, ww... ei telimf.e Tee erw ae .oliel wa a.» nie era ae ae Zur Entwickelung der Funkzion hr seize man a=oıin $.3 oder c=o in 8.5, so wird Ge Aa— AbrTAh— "ALL Fo E44» kliermach die. Werike O, 0,70, ... bestimmt, so erhält man N AFN Ar A? + As’ Ar E Asa’ HA + A727 4 sssananensiennssenene +[4- AB + (14 — Ab) x + ("A — Arb) x? + lt, - A)’ Hl Abd te Ir pi +[4- 1'415 + 40° + (A, — 'A,b + A,b?) ® Nee Pe A A nieht iEz + [4-45 + 141882 — Ab + (A, — Ab 'Aıd° — A, 22) Ve PP EEERTERTLTELLELTLITELLILELIELTI ] r°’ +[4- °45 + 24102 — "418 + Ab + (Ay — Ar b + 4b? — '4b + Ab) & Henn ] 62 EYTELWEIN . . pP! . = Die Funkzion —— zu entwickeln, setze man «= o in 1 + cxy $. 4 oder b=o in $. 5, so erhält man Gr TA LWETFALSEST II ZEITEN EN und wenn hiernach die Werthe Q, Q,, Q,,...... bestimmt wer- den, so findet man + A+rA,2 HA 2° Hr A, 0 FA, +2, HA 8 HA Feen +['4 +('4,— A)z+(!4;,— Aıc)a’+(!d; — A,c)x° A A5C) 2 rn... 1r + [’4 +(4,- '4)x + (4, —'4,c+ Ac’) @+l’Ad;— 'A,c +4, ec) Kur an ehe 13% p' _ )+PAa+ la -?’4)2+l 4-4 0+'4c) + ld ’drc+ dc? 1 -ECLCY = AC),R -Hseirneseehnne ] y° + [4+04-°40)2+ (413 - Aıc+?de) x’+ (4; — Arc+ dic — ACH) LE Aelessneschseunenaen 1 u +P4+(04-'4)2+ (m 'Aıc+’4c) + (43 "Arc+ Arc? — EACH) ELSE Pen seasustedeenee 1° Besteht der Zähler = P+FP,r + Ps! +F PH’ Here aus einer bestimmten Anzahl Glieder, so läfst sich leicht übersehen, dafs alsdann die gefundenen Ausdrücke noch sehr vereinfacht wer- den können. Sucht man z.B. die Entwickelung von A+A,2+A 2° + '"dy+'"A,xy+°’Ay’ 1+cay ’ so sind hier aufser 4; 4,; A,; ‘4; 'A,; ”4; die übrigen Koef- fizienten — o, daher erhält man von der Integration der linearen Gleichungen. 63 +4A+A,2 + 4A," -[- "4 —- ("d,-Ac)x+A,cxX’+A, ec] +[?4 — '4exz - (4, -Ae) cx’ + A, c?x’ +4? 0? xy R R ae eig 23 Deg x? 2 3 A+A4,x+A,2°’+'dy+'d,ryr’Ay’__ [ ae a . Bi #0 IHCLY F +4,c?2']exy +[?4 — !dcx = (!d,—Ac) cz’ +A, c!x° +4,c? + ce? x? y -[?4 —- 'dcxr = ("A,—-Ac)cx’ +4, c’x +4, c? 2*] ce’ x° y’ Den Zusammenhang der eingeführten Koeffizienten zu über- sehen, dienen folgende Auseinandersetzungen. Es war P' = (hhtrac+Hby+cexy). © oder aus $.2 die entsprechenden Werthe für P' und Q' geseızt und nach den Potenzen von y geordnet, giebt PERF FRAIFPF Fre ee ER + Q+ Q,I\y-+ Or Ware E= Q, Dee RER +axQ+asxQ, +axQ; +taxQ, + 5Q + 2Q, + bb +ecezQ | +exQı +exz Q-.| daher wird nach der Lehre von den unbestimmten Koeffizienten P„=(1+ax) Q,+ (b+cx) Q,_,, oder wenn man für P,, Q, und Q,_, die entsprechenden Werthe nach 8. 2 setzt: "Ar d dA es HALL H.: = + 2 BCAlzr uf 6 [Een We FR Er nG, Be LA ; ta. ”G ran. MG, ta. “77 +, rg ae rd. rg, ib ig, | +c.”7!G + c."1G, Pie "IG,_; 64 EYTELWEIN daher nach der Lehre von den unbesummten Koeffizienten (D. ’ Auer EHI FIT Fe. TG 5, Nach einander 0, 1, 2, 3,...... statt 7 und m gesetzt, so wird wegen "dA, =ound "4, =o "A ="G +b”'G AG ra 1" +b 71G,+c "1G A="G, ta. ”G, +1, eG, A=,"Gi Ha. "GG, +br1G, + ci, e a.lın made m, 00 0, im „o.uelje. 6 re, yet ’ ZT E io =G 14='G+b.G A, =G6G,+aG ’A="G+b.'G ‚»=G +aG, Ad=’GCHB 2° I, =G;, +aG 8.9. Aufgabe. Die gegebene partielle Differenzgleichung "G+a.”"G_,+b."”""G +c."”""G_,=f(r,m) zu integriren oder den Werth von ”"G, zu finden, wenn f (r, m) irgend eine Funkzion von r und m ist. Auflösung. Man vergleiche den gegebenen Ausdruck mit (I) $. 5 so wird ”4/,— f(r, m), und man kann hiernach ” 4, für alle Werthe von r und x finden, daher erhält man ”G, nach (11l) S. 2 wenn zuvor der Werth von ”B, nach (Il) $. 2 bestimmt ist. Beispiel. Die zum integriren gegebene Differenzgleichung sei ?G+"G_,+"G#+"Ge, ='mr r—1 von der Integration der linearen Gleichungen. 65 so wird her a=5=c=ı.und "4,=mr, also $.2 (II) "B=H Ie+m). — (+ m— 1), m + (+m— 2), m, —.... & m, | oder weil nach den Eigenschaften der Binomialkoeffizienten dieser Ausdruck = + ı wird, so erhält man "B.=+1ı, wo das obere Zeichen für ein grades, das untere für ein ungrades r gilt. Hiernach findet man "B),=1 "B=—1 "B=1 "B,=—1;.... daher $.2 (II) wegen 4, =0 + m F-7-)+0-9)-.. +1t0] „6 —J- m-1) [re +9)... #180] = F-(-)+(-9) -... z1to] oder weil l’ — (r—1) +... | = (— 1) |-:+2— +... £r] art ir + ist, so erhält man auch ee [” — (m—1) + (m—2) —..... £ | ee folglich a 2m +1 — (— 1)” 2r +1 — (— 1)" ER Se) 4 4 Fürm=r —n| wird 'G,+ 'G -h G,-+ G =1 Aber 'G, =1ı; IG =o; G;—=0; G =0: daher ı + 0 + 0 + Dr Fürm=sundr=: wird ’G,+: °G,+ °G-+ °G,=3. Aber G =; FERN ER —ER "7, >41; daher 2 + 2 + 1 + 1 =6 Fürm=rundr’=6 wird ’G,+ G,+ 'G+ ER Aber 'G, = 12; 'G,=12;°G, =9: °G, —=9: 6 ’ 5 6 5 daher iı2 + 2 + 9 + 8 Sucht man die Funkzion aus welcher die gegebene Differenz- gleichung entstanden ist und bemerkt dafs her a=b=c=1 ist, so wird Mathemat. Klasse A824. I 66 EyTEeuLweın p! i i — —— die gesuchte erzeugende Funkzion, und man findet nach IH +y+txXY ke) 8.2 wegen "4=o und 4,=0 1 Br + Fr art FA SNEILH rer 2 APR .22 I 2 IH 2. Ar 2.5 EHE ehe Pı\=!3 12 43.22 ur3 32’ y. + 3: Aa 3.5 N ee Für verschiedene Werthe von ”G. erhält man nachstehende Tafel mit doppelten Eingängen PI sans I oreseree ?" O ooororese 8.10. Zusatz. Es lassen sich nun noch die Fälle entwickeln, wenn von den Koeffizienten a, b, c einer oder zwei —0 werden, und es wird hin- reichend seyn, den Fall «= 0, auseinander zu setzen. Es sei da- her die Gleichung "G-ED,FR FE TG ee lm, 7) zum integriren gegeben, so erhält man hier, "A,=f (m,r) und wegen @=0o, "B,—m,b77ic, daher al rb" 2c) N (m+1)r — + (rb + rc — 3c) von der Integration der linearen Gleichungen. 67 + Sm, ) -[b Sm-un+ efim-ur=1)] + [2°/ (m —2,r)+2b cef(m-2,r—1)+ c’f(m-2, ra] _ [#’ fm, r)+ 3b? cf(m—3,r—ı1) +3bc’f(m—3,r—2) +c’f(m-5, r—3)] =E far? (0,7) + mb"! cf (o,r—ı) + m, b"? cc? f(o, r—2) +... +m, Ir oe fto, 0)] r Diesen Fall auf die besondere Gleichung ’G. +b:”""G+c."”""G_,„=m-i)r angewandt, giebt f (m, 7) = (m+ 1) r, daher wird hier +(m+ı)r - [rd + (v1) ec] m [rd?+2(r-1)b c+ (r-2) ec?) (m-ı) _ [rd° +3 (r—1)b’c+3,(r—2) be’ +3; (r— 3) c?] (m— 2) + [rb° +4 (r—1)b’c+3,(r—2) b’c’+4,(r—3)be’ +4, (r— 4) er] (m—5) #[rb" + m (r- 1) b"=! c+m, (r—2) br? c?..... N Nun ist nach Jen Eigenschaften der Reihen mit Binomialkoef- fizienten +m(r—ı) 6" ce+- m, (r—2) 0 +... t+m_, 1.00! = (rb+re—me) (b-+c)""' Hierin nach einander 1, 2, 3, Ay...... statt m gesetzt, so erhält man auch + (rb+rc— ec) .m — (rb + re— 2c elle. ie 1eri8) 16 m.ie,e, wire. Biere; ei m: ie) B Si.e; wien ee $ (rd +re— me) (b+c)""'. 1. Die vorstehende in Klammern befindliche arithmetische Reihe der zweiten Ordnung, könnte zwar auch summirt werden, weil aber dadurch für die Berechnung keine Abkürzung entsteht, so wird solche unverändert beibehalten werden. Als Beispiel zur Berechnung sei "#2. FH Rem ri) r gegeben, so wird hier = 2 undc=3, daher 68 EYTELWwWEIN "G.=r(m+1) — (5r—3) m + (5r—6) 5 (m— ı) — (5r— 9) 5° (m — 2) + (5r— 12) 5° (m—3) —..... Hieraus fol G=rund”"G, = "G, =1 (m+1) — 2m — 5 (m— 1) + 10 (m—2) — 875 (m —3) + 250 (m—4) —..... "G=2(m+1) — 7m+2 (m—1i) — 5(m—2) — 20 (m—3) + 3135 (m —4) —..un.. "G =3 (m+1) — 2m+45 (m—1) — 150 (m—2) + 375 (m—3)— 0(m—4) un. ”G, = 4 (m+1) — im +7 (m — 1) — 275 (m—2) + 100 (m —3) — 3135 (m —4) +.. "G, =5 (m+1) — 2m +3% (m —1) — 40 (m—2) + 1635 (m —3) — 6250 (m —4) + eure: u.s. w. Man erhält daher nachstehende Tafel. m: ones. — Tdeecee + 102... HBleesiues + 1452 + 19T...... — 6009 — 8235.20... — 42 — Für verschiedene Werthe von und r erhält man 3G,+ 2.6, +3.°G,;, = 6.3 oder + ÜSH 2. UT 3. 238: ib. ’?G,+2.'@G, +3:'G,= 6.6 oder — 09 2.142 + 3.17 =.%. S. At. Aufgabe. Die gegebene partielle Differenzgleichung a Ele al A DW "SH elimtg!_N = zu integriren, wenn ”G und G, gegeben sind, oder willkührlich angenommen werden. Auflösung. Die gegebene Gleichung mit (I) 8.5 verglichen, giebt. hier "4, 0, dagegen wird nach der dortigen Entwickelung: "41 = RHEIN Fe el. GH von der Integration der linearen Gleichungen. 69 daher nach 8. 2 a _ IF ABA. NDBH7 92. BZ eu + (-1)7.4.”B, FIFETIETPZBFLETTFHERTIIT BF FA B; 24] wo "B,= (1) [e+ m), @b" — (r+m—ı), ma”' bc + (r+m—2), m, a "U un. -Fm. 0° ei] IST, Auch erhält man für den Zähler des erzeugenden Bruchs : p' A+ Aıc+ Ar A;a’r A,ux’r A, teen == +'"Ay+’ady+’Ay rd YA Vin Beispiel. Die zum integriren gegebene Differenzgleichung sei "G+"G_,+"”"G +""G_, —=0. Ferner sei "”"G=m und G,=[r” geseben, so wird r tobt e) ’ "d="G+-""G=m+rm-—-i=2m—1i, A=G+G_=r+(-)=2r (—)+ı=i4ir,+ı und "Bi, [e+m). — (r+m—1), + ....: =E m, | = (— 1)" daher DDr — ee he —_ Mer DR HE USE WS Kerner ıst nach 8.8. "4="G und 2, =G, aher dA=eI=; folglich E (—1)" [em 1) — (2m—3) + (2m—5) — (m—T) +... +3.(—1)"7? I + u 3 s + (—1)" [ir - Kerr ]+ ee HH] + [22 + 1] Gar: +. +1] =" Durch Summirung dieser Reihen erhält man m = (2m —ı) — (2m —3) + (2m—5) — ..... Sea ZEN 2 An ed a und tele een NEN ter a, +1.(—1)"', daher wird auch > "G,=m(—1) + |’ _ a (—1)" + = (— 1)” oder auch 2 "G, =m (-ı) + r? (— 1)" 70 EYTELWEIN Berechnet man hiernach verschiedene Werthe von "G,, so enisteht folgende Tafel. SO OR a + 19..2.... — 50.0000 +Mrseıe — 52.5000 Für den Zähler des erzeugenden Bruchs erhält man +2 +52? +32?’ +50’ 42’ +08° + “x AH r +31? #5 HT HI HUF He $. 12. Zusatz. Werden nach einander a, b, c= 0 geseizt, so entstehen fol- gende Ausdrücke. Für a=o wird (I: Zeh HG Er -G+2.,.0C, 206... 1=°G, R I "Bizsmbr ce al BD 5b3 DD = mb ICH Bm. Eau "B,„=c", wogegen "B, = für r>m wird. Hiernach erhält man EN ar ee A u + (-17.4.”B.]|t oder + E14 -"B+A 1. "Be +4,22: "Bet A "BB, 24 + (1 [er A lH) ber dal bte. u N Bui Baai + 1)" "m, 6" c. A] + (—1)” [2 dr me Ace A SIE mat" CE ASE Hr resmsesetse SFmeu UDzritigeize 4] von der Integration der linearen Gleichungen. 14 Für =o wird (II) ”G,+4."”G_,+0.""G,_,=0 Gerd >er2,0C.,.B=a le 1: Deren); BZ Ra EN, ae Dee dreh fir m >’P Tolslich "=®#2,D Ha DB, FT TFLSD + EN A EB; oder ”"G,—= (—1) & A ER a ee (a SE Sat» FG] oder auch 2 3 n c c” c ”"G,— (—a)' I" na en, SER, "Gr, u 2 c & es x zZ m 6] Für e=0 wird (dB 1 D a ES EB DE 7A WG Fon 226, 4. GG 0.0 04er, = (—1) (r+m), a’ b" folglich + (-a) 4 — (+1) 5.7744 (rd): B? "A en we + (-1)" (r+m). 8" . A] r I (e= Ar [4: — (m+1) a A_ı+ (m+2) a® A_2— ee — (1) (m+r—1),_, a ='. Ai In (TI), 2=0 oder in (IH) a=o gesetzt, giebt Mr (IV) "=, act. ZIG, 0 "Gel ,e.rG. t. Beispiel. Die Gleichung. ls, u: nt en eat © — 0 ri zu integriren, wenn "G=ı und G,=0 gegeben ist, wird hier, nach (1) b= 1; c=—4; "d=u A,=0; 1 = ı also ”"G,—= (— 1) (—1)"” m, (— 1)” — 1)" folglich ”G,=m,, wie bei Lagrange $: 10 a.a. O. 1 Der erzeugende Bruch ist hier = age 72 EYTELwEIın 2. Beispiel. Die Gleichung 1 1 m, PK: (: Bi —)- 2 (er A - m—ı( — 0 n de 5 . . . 1 1 zu integriren wird hier nach (N) a = — (: -—) undd=— — also [ c 1 —k—i. daher a n—1 "(GG =(1-—) I” + 2 . mg 2 _ F uvelre r3 f ”3G,, n—i (n—1)? Gar wie bei Lagrange $. 64. a.a. O. g. 13. Es bleibt nun noch eine scheinbare Schwierigkeit für den be- sondern Fall zu heben, dafs die partielle Differenzgleichung "G_,+5.”"G +e.”"G_,=flm;n zum integriren gegeben ist, weil diese Gleichung aus den vorher- gehenden Entwickelungen nicht abgeleitet werden kann. Wird hier- Te = Q' als Grundlage zur Ent- wickelung angenommen, so kann ?P'=P+P,y-+P,y’+P,r +... ode Q' = Q+ 0Q,r-+ Q,r7” + Q,7°’ +... als gegeben vorausgesetzt werden. Es sei daher nach die Gleichung G+ Ga + G2X + Ga°’+.... = o' (GG +'16,2+'6,2°” + '63 2° +... )s:= Qu r "G +"6, 2% +"6, 2? + "63; 2 + Y\m=0;7% Ax + VAFRı Ale „Ash ; mon —=P ('A +'d,® + '1A,.02-n pl A5R° ee y =Pır Di (da +24, +°A, x Hr Aa. A )y’=P,r? von der Integration der linearen Gleichungen. 713 P 1 Man setze db+c2—=ß, so wird Q' = er oder DE ER 2 t 1 « u u > £ —occcr 1 t oo. Q 2 ü 78 RE 2? 2% ei an | daher eben so wie $. 2 der zu y” gehörige Koeffizient Q'K, oder Q.=P, a 7 Bx° + P. I EPRERE N (— 1)" PR x". Diese Glieder in Reihen aufgelöst und nach den steigenden Potenzen von x geordnet, so findet man den zu x’ gehörigen Koef- fizienten 128 ) VE (ae ee er es +)" ( a [1] (b+c®)" Ferner ist, wenn z eine positive ganze Zahl bedeutet, ‘“—— —_—— oder ke) gr gr eo 2 2043 = — N a > 7b sera 722 Bere ro srroneesserernn +nb ce ET" Feen, c" x” oder wenn man n,b'"""c'—="B, setzt Ir mm Bam Ba + Ba "ee "Ba "pen" B,aT Diese Reihe mit PR — 0 Es © re 7, a er ee EA multplizirt und nach den steigenden Potenzen von x geordnet, giebt den zu x" gehörigen Koeflizienten (> Pu ER SEN a ARE NE 8 ONE und hieraus (Fa)Kn = Au "B+ Ana "Bet Any "Bet HAB, oder nach [1] und weil (Q,) K, ="G, ist Mathemat. Klasse 1524. K 74 EyrTtEeLweın + Pl DB den A) nG Er - Bee N 5 BD, r a: Ale b ®B,| [ee (—1)” [ AL ,® -1B+ DA =D ech N EP a BE DH A "Be ea +4, ."B.] ie + 3 N EN 3 + j = Ferner findet man aus ?P'= («e+by+cxy) Q' P,=x0Q,+(b+cx) Q,_, oder bb, "EEE IE PAGE re. ed. 21G x +... und weil Vet = +c.”"G +c."7!1G, ee B er + >G.l4 u. © A ar. PR a u PO ai TE nen Eee so folgt aus der Vergleichung beider Ausdrücke (13.72... eG RG, eu n+r r und wenn man in (I) die entsprechenden Werthe = 1; 'B=b,; BB, er B=b: DD, = Bler..us Benno See, +50 Dn- det man auch A ra en] Set De um 2 aa DR A ee A Ae=- nl De a RB BREI ne 2 + (—1)” |?” Ada, Fm DI CSA ra me eE. Asa en 8. 14. Aufgabe. Die gegebene partielle Differenzgleichung "GH Fb THE reset zu integriren, wenn f(m,r) irgend eine Funkzion von m und r ist. Auflösung. Man sewe "4 = /(n4,7),so wırd "4... =/ (m,r4-1); Al ar Der PIE PTFI, Une, m+r—i1 von der Integration der linearen Gleichungen. 15 —= f (1,m+r); 4, = f (ym+r+1). Diese Werthe in (III) 8.13 gesetzt, geben + Smr+i) 5 B JS (m—1,r+2) + cf (m-1,r+1)] + [mar +2ef(m—2,7+2) + fm, r+1)] j — (—1)” Pe; mr) + (m—1) 5"? ef (1, m+r—t1) +... + ec" f(1,r+1)] + (-1)" [2”r0, m-Hr+1) + mb"! cf‘(0, m+r) + m; 5"? ce? f(0, mHr—1) +... +0" 5 (0, r+1)] Beispiel. Die Differenzgleichung "G_,+""G, +""G_,=m.r zu integriren, wird hier 3»=c=ı und f(m,r)=m.r also f(o,r) — 0, daher "G,=m (r+1) — (m—1) (2r+3) + 4 (m—2) (r+2) — \ (m—5) (2r+5) + 16 (m—4) (r+3) — 16 (m—5) (2r +7) + und es wird hiernach G.=0'G6 er +1; ’G =—1;: GG =3r+5; 'G =—2r —9; Tr Für nm = 5 erhält man °’G + 'G,+'@G_,=5.r oder 9r—+ 106 — 2r — 9— 2r — 7=5.,.r ri auch entsteht für verschiedene Werthe von m und r nachste- hende Tafel I a EYTELweEIN S.45. . Aufgabe. Die gegebene paruelle Differenzgleichung ET SEE 1 zu integriren, wenn der Werth für G, gegeben ist, oder willkühr- lich angenommen wird. 3 Auflösung. Es ist nach (II) 8.13. "4 a ER I a m+r—i +c.””G,_, und wenn man hierin m = 0, dann r= 0. setzt, so findet man PAIR — x ABB: : 10 82° DEE — ee © daher wenn "4, ,,_, = 9 gesetzt wird, so wird zugleich erfordert, dafs #/,_, und ”4,_, die vorstehende Werthe behalten. Man er- hält daher nach KIT, 18, Se (— 1)" [?° 2 Au: -Em}bür: cı. ET + ee + c”. 4,] oder wegen FI ae: ve = ER nannte "0. en): [2° .G,.,..+m 0" Gr mal a a ee + .c” 7] Hieraus iindet man G= ©. ie or On GG, = 2.6,>5r2b c.Gaı = 92.6 GG =—-2°.6G,3 —3b?e.G,:,—35°.G1ı—- C°.G, u. S. W. m fY Beispiel. Die Differenzgleichung ey zn pay Gm = 0 zu integriren, wenn G, = Ar gegeben ist, wird hier G=1ır; 'G=— 4(2+5r); °?G,= 2» (1+5r); "G, = — 100 (6+5r); u.S.w. also für m=3 °’G_,+2.:°G+3.°G_,= 2 oder auch — 10 (+57) +2.2% (4i+57r) +3.» 6r—ı) = 0. 8. 16. Die vorstehenden Untersuchungen lassen sich noch durch eine ähnliche Behandlung auf partielle Differenzgleichungen anwenden, von der Integration der linearen Gleichungen. 77 deren Index m und r noch in andern als den gegebenen Beziehun- gen gegen einander stehen. Setzt man den Nenner der erzeugen- den Funkzion —= (tax +ba’+cX +) + (d+es+ ga’ +he He) so wird eben so wie $.8 a |'+ax +b2’ Ha teen + (d+ex ga’ + he He) ] Q' und wenn “4, den zu x’ gehörigen Koeflizienten der Reihe ?,, be- zeichnet "d,="G+30."G_,+b5."G_,+e."G_, teens r +d.""G+e.""G_,+8:."”""@_, teen woraus der Zusammenhang zwischen dem Nenner der erzeugenden Funkzion und den Gliedern der Differenzgleichung hervor geht. Sucht man daher das Integral der Gleichung G,+5."G ,+d.”"G +ıh.""G_,=f mr) so ist der Nenner der erzeugenden Funkzion = ı +bx’ + (d+hx')y. Eben so wird für "G_,+d.”""G,+8.”""G_,=/m,r) der zugehörige Nenner = x + (d+gx°) y. SE Ne; Aufgabe. Die partielle Differenzgleichung GG...’ 760.77, —=f/ ir) zu integriren, wenn f (m, r) irgend eine gegebene Funkzion von m und r bedeutet. Auflösung. Man setze P+-P,y+P;y°’+ snornee _ ee 5) a i ‚= rue cHöoyr Hey a u a a en O,="6 "Gr 2° ++... so findet man wie $. 13. P="A1x”"+ EN, ae Er ee "A, x" He und m wenn man b+cx’—=ß seızt e=P [2-44 FH te) He] x x 78 : EyYTELwEIN daher eben so wie $.2 den zu y” gehörigen Koeffizienten Q'K, oder Q.=P.a='— pP ,Baz’+P_, Rx un + (1) Pr art". Diese Glieder, in Reihen aufgelöst und nach den steigenden Potenzen von x geordnet, geben den zu gehörigen Koeffizienten (Q,)K, = () K,., — =) se > a ar ee Ve . .. . cx Bedeutet 2 eine positive ganze Zahl, so wird Bra oder X — strnirnnnnn nr m-+r ßr —b" x"! unlbt ca" un, br Ka" Henn +n, N ce" Gr ade Eon zr+ri und wenn man n, be —="DB, setzt gr —r BE WED ET EB ee, a RR ED: Diese Reihe mit P, = "4er! + "A, 0 ee" "A ET te multiplizirt und nach den Potenzen von x geordnet, giebt den zu x gehörigen Koeffizienten Erle r wi n mn n mn m (3) Kar = "Aa Br Anarne "Bet "Anni "Bi Sl "BB, teen wo die Reihe entweder bei "3, oder auch, wenn m + r gerade ist, bei ”""4 oder wenn m-+r ungerade isi, bei """4, abbricht. Hiernach wird Pr = (—-) Ku= "A: B pp" (==) Ku. Asa EB 5 Aue yasen SByecr An, se Anne ."B; Eier daher wegen (Q,) K, = "G, nach [I], wenn man zuvor statt B; 'B; 'B,; ’B;...... die entsprechenden Werthe setzt von der Integration der linearen Gleichungen. 79 De ee ee —(-1)” [6> >>. "Amt + (mt) B"°c. "An gr 2 Hm), 09° cc? "Amer ut] + (-ı)” [7 Ana mu RC. Alena sm, 1bRZ2 Cr. Ans + m; br: ce, Anzr ct" Ferner findet man aus P'= (x+by+cx’y) Q' P,=x20,-+ b+c=) Q,,; daher (U) "BEN FNT TEB: TG und wenn man "A, ,,_, = Sf (m,r) setzt + Sri) _ [? f(m—1,r+2) + ef(m—1, r)] + [6° 7 (m—2,r+3) + 2bef (m—2,r+1) + c’f(m—2,r— ı)] (Hl) G= — (—1)” Br: SS, m+r + (m—ı) #° cef(,m+r—?) + (m —1) 5"? ce f(,m+r—4) +... | + (—1)"” [?” (0), m Hr +1) + mb"! cef(0,m+-r—1) j + m, 0"? c? f(0,m-+r—3) + m; b"° ce’ f(0,m+r—5) +... ] Beispiel. Die gegebene Gleichung "G,_, + ""G,+""G_,=m.r zu integriren, wird hier f (m,r) = m.r also f (0,r) = 0 u.s. w. daher finder man "G, =(r-+i) K — 2 (m—ı) + 4 (m—2) — s (m—3) + 16 (m— 4) — 32 (m—5) + ee ] alo G=0; 'G=r+1; ’G,=0; ’G=3(-H1); 'G@,=—2(rH); ’G,=9(r+1); °G,=-— 12 (r—1); u. Ss. w. Für m —=2 und m =5 findet man hiernach GG _,+'G+'G_,=2r und ’G_,+'G+'G_,=5r.0oder 0 +++ r —ı=2r a 57. e) = I $. 18. Aufgabe. Die partielle Differenzgleichung > et een s0 EyTELwein zu integriren, wenn die Werthe ”G und G, gegeben sind oder willkührlich angenommen werden. Auflösung. Nach (I) S.47 ıst A = "G_,+b.”""G +c.”"G,_,, also m+r—i1 9 BEE CET a ; ee ER Be EI ee "6, +5.7G,#+0:.”7"G; LE I m—1 I Setzt.man mn. "GC. : be" E,7'G. 0, 80 wird Ey TAN =; USW. dagegen aber erhalten 4,; "4,_, und "A, bestimmte Werthe und man findet nach 8. 17. (TI) in der Voraussetzung, dafs nur diese Werthe beibehalten werden, alle übrige aber wegfallen + u. Bere Ge PR SAN + [?° An, 2b er Anne ae ua? Dre BE J ng ad [2° BA ne BbacnE Ar os Dach Anh 00, or | + [dt 4. +48 6." Anıra + 4eb? 2 Amer SE HNDe EA Ce a A -s] oder wegen 4,= G, und wenn man H=#.8G,.+n0"'02.G st,’ &.G. +n, Dis ce G, ya. He SeLzt eis An G=°’Aysmce.'4 m °H edle Ass Fibe td. , res IA >H, :G G=’A ses Ass r2be: Ass 6 As Ber Asa Ze An = 652.0, YA, abe, A rc NA IH, A er Asset 2be. "Age. 4 —35b0?,'4.— c?.'"A,# ’H, r+4 U.S.W. Zur Bestimmung der Werthe -'4,; "4d,; "Ay Gens entwickele man hieraus von der Integration der linearen Gleichungen. 81 IG=rdr— c.? A, r2beit Ar >H Gerd 0. FA 2bei FA2— 3bc? TAN FUH IC = Us 0. Asr 2ben ?Asz— 3be?.-? A, 652 02.:14, —®H u.s.w. so findet'man wegen '4=5G; ’4,=b.'"G; ’A,=b.’G; er Be al Ei und wenn man statt 'Y; °H; °Hyınan... die entsprechenden Werthe setzt 14, ='G+b.G, 24,=°26—- 56.%,-+c.0 S | = °’G— be.'G+b?(bG,;, +c.G,) "A,='"G— be.?G —l? (0?.G,+2bce.G3,-+c?.G) dA, = °’G— be.?G— 620? .'GC+ 2° (0?.G, +35c.G;,+2c2..G,) u;s.w. folglich weil "G gegeben ist 16, =—-b.%-c.G | ’G, =22.6,+ bce.6, —c .'G 16, =—-5.6;, —c.G, | 6, =22.6, +2be.6; +0. G 1G, = —5.G,—c.G | ?6,;, =22.6, +25c.6; +2. GG, 16, = —b.6,—c 6; | ?G, =5?.6, + ?2be.G,+c. G5 .. on, nn 0000000000000 | ner Teen“ 7, =7-226@,-—- 2020.65 5Be.G —c.26 6, = —2b°.6, —35°c0.6; — 2bc?.6, + c?.!G %G,; = —B?.6,— 35°c.6, —380?.6,— 0. G 3G, = —b5°’.G, —35°0.6G,;, — 3502.65 —c°..G, ..—.— 1, 0, 01, 01.1.1 267 52.65.3590. G,-E 25222167 = be.i@ ce. 6 6, =b'1.6, +45°c.6, +55? 02.6, +2bce?. G +c!.°G 6; =b".6, + 45°0.6; +658° 0.6, +3be?. GC, — c?.!G 26, —=b°2C5 .-17-2020.@, 76b2c2.G, 14be2. 6. rc. G 6, = b*.6G; -+45°0.6C, #6522.6,+r4be?: Gzre°. 6, .-.... 0 Terre Mathemat. Klasse 1824. L 82 Eyrsenweın von der Integration der linearen Gleichungen. 66, =b°.6, + 505.6; + 95° c?.6; + 5b?’c?.G, — 2b?c?.!G-— be?.’G —c. 66,=b°.6G; + 65’c.G, + 14b*c?.G, + 14b?c?.G2 — 5b?c*. 6G,=b5°.6, + 65° c.G, + 15b*c?.G, + 13b’c?.G3 — 9b?c*. 6G,=5°.6,0+ 65° c.G; -++155?c?.G, + »b°’c?.G, — 145?c}. 66, =b°.G,1ı+ 60° c.G5 +15b'c?.G7 + »b’c?.G,;, —15b?c*. 66, =b°.G,2+ 6b’ e.G, 0 + 15b'c?.G5 + Rnb’c’.G, — 155°c*. U.S. W. G -+2b02G -+c!. G,—3be’-!G —c’.‘ G;-r4bc0’: G +c®. ‚G3+5b0°.: 6, —c°. G,+6bc?. Ga+c®. Beispiel. Die Differenzgleichung "G_,+""G-+""G_,=0 integriren, wenn ”G=G,=ı gegeben sind. Weil hier »=c=1ı ist, so entsteht für verschiedene Werthe von m und r nachste- hende Tafel: + 4 ze: + 16 a a — 32 +16 +1 EA +6 — — + - -H ur + —i N NN — er — 5 + 16 —. 32 + 61 -- . 20T Tr Tr Tr Tr rennen nr Tr Tr Tree Te etatofe: 2° Er PARERERLOR Soronneee Abeoeüäcee IZaossorse I DERANDE zu Durch Sehnen in Kegelschnitten gleich grofse Segmente abzuschneiden, und isotomische oder äquisegmentarische liguren von beliebiger Seitenzahl einzuschreiben. y Von me 'GRUSON [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 28. April 1824.] Ar ich vor mehreren Jahren meine 1809 erschienene Geodäsie bear- beitete, veranlafste mich die Aufgabe: In einem gegebenen Winkel durch eine gerade Linie einen Triangel von gegebenem Inhalt abzu- schneiden, den geometrischen Ort von den Mittelpunkten aller Linien zu bestim- men, die von einem gegebenen Winkel einen Triangel von gegebenem und immer gleichem Inhalte abschneiden. Diese Untersuchung führte auf die verwandten Aufgaben: Den geometrischen Ort von der Mitte aller Sehnen zu bestimmen, die in den Kegelschnitten gleich grofse Segmente abschneiden. Diese Untersuchungen wurden von mir anfänglich mittelst der hö- hern Analysis ausgeführt, aber die Einfachheit der erhaltenen Resultate liefs mich alınden, dafs elementarische Betrachtungen zum Ziele führen könnten, wodurch dieser Gegenstand für mich um so mehr an Interesse gewonnen hat, so dafs ich nicht anstehe, diese äufserst einfachen und L2 84 Gruson: Durch Sehnen in Kegelschnitten leichten Auflösungen einer auf den ersten Anblick, selbst durch die höhere Analysis für Anfänger schwierig scheinenden Aufgabe, hier mitzutheilen. I. Aufg. Den geometrischen Ort von der Mitte aller zwischen den Schenkein eines gegebenen Winkels gezogenen Linien zu finden, wodurch dem Winkel immer gleich grofse Triangel von gegebenem In- halte abgeschnitten werden. Aufl. 1. Der gegebene Winkel sei 2«, der Inhalt des abzuschneidenden Triangels gleich 7°; bezeichnet man die abgeschnittenen Schen- kel dieses Triangels mit 2x und 2y, so hat man 2%.2Y : Ser .sın Die line hieraus x.y.sin2za=4F. Diese Formel drückt den constanten Inhalt eines Parallelo- gramms aus, dessen Seiten &, y, und 2« der von diesen Sei- ten eingeschlossene Winkel ist. 2. Diese Gleichung wird sogleich als eine Gleichung zwischen den Assymptoten einer Hyperbel erkannt, deren Assymptoten- winkel 2«, x und y die Coordinaten sind. 3 A RR a — _. ist bekanntlich gleich der Potenz der Hyperbel = en ‚ wenn 2a und 25 die Quer- und conjugirten Axen bezeichnen. 4. Zur Bestimmung dieser Axen dienen die Gleichungen 8 2 2F e+rb— und 2a.b=2Ff, sin 2« woraus a+b=( 2 +1) 2F und a—b=| ( =1)27; sin 2« sın 2« folglich a = IV +1) 2F + ıV( u) sin 2« sin 2« 1 u 2F ee eng VE : - [Vı + sin 2a+ Yı—sinza ] = VW — . COS « sın 2« 2sin2« Aal) ner =— VF. cot « 0. gleich grofse Segmente abzuschneiden. 85 und =! V (+ Pr 22 Ve: Z1)sF sin 2« sın 2« Be EEE er ty —_ [Vı+sinze —Vı—sinz«] = —VF.1ge. sin 2« 2 Durch eine reine, geometrisch abgeleitete Construction ergeben sich die Axen, wenn man von dem Winkel 2« einen gleich- schenkligen Triangel ie .sin2« —= F abschneidet. Auch wür- den sich hier die Werthe von a und 2 leichter als in (4) fin- den, weil = xsin« und a=x cos « ist. Zeichnet man die dazu gehörige Hyperbel, so ergiebt sich so- gleich, dafs alle Linien, welche von dem gegebenen Winkel gleich, grofse Triangel abschneiden sollen, Tangenten von der gezeichneten Hyperbel werden, und da bekanntlich alle zwischen den Assymptoten liegende Tangenten von der Hyper- bel im Berührungspunkte halbirt werden, so folgt: dafs der gesuchte geometrische Ort eine Hyperbel ist, de- ren Assymptoten Winkel 2« und deren Axen 2a, 2b, wir in (4) bestimmt haben. Ist x die Absisse für den Berührungspunkt, so ergeben sich, wenn man aus den Endpunkten der Tangente Perpendikel auf die Queraxe und deren Verlängerung fallen läfst, durch die da- durch entstehenden ähnlichen Triangel, die drei Seiten 4,2, C des in Rede stehenden Triangels, nemlich: die Länge der Seite, welche die Tangente bildet, A= Va +b’)2’—a' , die Seite B= Ber (x + Vz’ —a’”) a & - . Va? -+b? (gem und die Seite C = — —— (= — Va’ —a?). [77 Da nun bekanntlich Ei, Va Te 2]: 86 Gruson: Durch Sehnen in Kegelschnitten so ergiebt sich (3+C)’= [Ve +] = = (a’+b°), 4 = ai (a’+b*) — ia‘! Also (B+CY — 4°=Aa!. Eben so (C—B)’ 2Ya?+ 52.V: 2_ 22% Pe $ |- a’—+ = x -]= — (a? 45°) — 1a" —ab®, also 4°—(C—B)’=ıb?, Folglich 7 = = Vira’.ıb—= ab, welches mit (4) stimmt. Ist in einem geraden Kegel der Scheitelwinkel des Axentrian- gels =2«, und man schneidet diesen Kegel parallel mit dem Axentriangel in der Entfernung D, so erhält man die Hyper- bel, deren Queraxe =2a und deren conjugirte Axe —=2b, und denkt man die Ebene dieser Hyperbel projicirt auf die Ebene des parallelen Axentriangels, so leuchtet es sogleich ein, dafs die Seiten dieses Axentriangels die Assymptoten gedachter Hy- perbel sind. Denkt man sich einen solchen hohlen Kegel, und giefst irgend eine bestimmte Quantität Flüssiges hinein, so werden die ellip- üschen, horizontalen Wasserspiegel die tangentirenden Ebenen von solchen Hyperbeln, also auch von der Hyperbolcide, die durch eine solche Hyperbel erzeugt wird, deren halbe Quer- axe in der verticalen Stellung des Kegels die Entfernung der Kegelspitze vom Wasserspiegel, und deren conjugirte Axe gleich dem Durchmesser des Wasserspiegels ist. II. Aufg. Den geometrischen Ort von der Mitte aller Sehnen zu bestimmen, die in den Kegelschnitten isotomische Segmente abschneiden. Aufl. 1. Wie die höhere Analysis dergleichen Aufgaben auflöst, will ich hier übergehen, und erlaube mir, deshalb auf Brandes twreflliches Lehrbuch der höhern Geometrie 2’ Theil $. 239-242. zu verweisen. Ich werde hier nur die ungemein einfache, elementare Auflösung davon geben. 2 r7 er gleich grofse Segmente abzuschneiden. 87 Bekanntlich kann jeder Kegelschnitt als irgend eine Projection des Kreises betrachtet werden, und umgekehrt der Kreis als irgend eine Projection eines beliebigen Kegelschnitts. — Hier soll nur von orthographischer Projection, als die leichteste die Rede sein, und um die Sache in der Vorstellung zu erleichtern, wollen wir unter den Kegelschnitten die Ellipse wählen. Will man in einer Ellipse durch eine Sehne ein Segment von gegebenem Flächeninhalte, oder ein: Segment abschneiden, welches zu der Fläche der ganzen Ellipse ein gegebenes Ver- hältnifs hat, so würde es blos darauf ankommen, in dem über der kleinen Axe beschriebenen Kreise ein Kreissegment abzu- schneiden, welches zu dem ganzen Kreise in dem gegebenen Verhältnisse stehet. — Sieht man nun die Ellipse als die Pro- jection dieses Kreises an, so ziehe man nur durch die End- punkte der Kreissehne Parallelen mit der grofsen Axe, und verbinde die Durchschnittspunkte dieser Pitallchen mit der Rl- lipse durch eine Ellipsensehne, so hat man der Pr ojectionslehre gemäfs ein Ellipsensegment, welches zu seiner Ellipse dasselbe Verhältnifs hat, wie das Kreissegment zu seinem Kreise. Soll man in einer Ellipse z.B. ein Sechsseit einschreiben, des- sen Segmente isotomisch sind, so beschreibe man in dem Kreis über der kleinen Axe ein reguläres Sechsseit, ziehe wie (3) durch alle Winkelspitzen Parallelen mit der grofsen Axe, und verbinde die Durchschnittispunkte dieser Parallelen mit der Ellipse durch gerade Linien, so ist die Aufgabe gelöst ; weil nach (3) jedes entstandene Ellipsensegment zur ganzen Ellipse immer dasselbe Verhältnils, wie das zugehörige Kreis- segment zum ganzen Kreise haben mufs, und da im Kreise 5 die Segmente alle gleich sind, so sind es auch die in der Ellipse. Denkt man sich nun einen Berührungskreis in dem im Kreise (4) eingeschriebenen, regulären Sechsseit, so ist dessen Pro- jecuon offenbar eine der erstern ähnliche Ellipse, die jede EI- lipsensehne des isotomischen Sechsseits in ihrer Mitte berührt. 02) 6. SI Gruson: Durch Sehnen in Kegelschnitten Der gesuchte geometrische Ort von der Mitte aller Ellipsen- sehnen, die zu isotomischen Segmenten gehören, ist also eine der äufsern Ellipse ähnliche und concentrische Ellipse, d.h. deren Axen in beiden Ellipsen einerlei Verhältnifs zu einan- der haben. Die allgemeine Eigenschaft der ähnlichen, concentrischen El- lipsen isı also einzig die, dafs alle Tangenten der innern Ellipse in der äufsern Ellipse isotomische Ellipsensegmente abschnei- den. Aber so wenig jeder innere concentrische Kreis geeig- net ist, durch seine Tangenten den äufsern Kreis in gleiche Theile zu theilen, eben so wenig ist dazu jede innere concen- wrische, ähnliche Ellipse geeignet, die Peripherie der äufsern Ellipse genau so zu theilen, dafs eine ganze Anzahl getrennter isotomischer Ellipsensegmente entstehen. Bei den ähnlichen concentrischen Hyperbeln lassen sich die- selben Schlüsse, wie oben bei der Ellipse machen. Es ist nur noch zu bemerken, dafs bei den Hyperbeln diejenige, welche die gröfsern Axen hat, die innere wird, und ihre Convexität der Concavität der äufsern Hyperbel zukehrt. Uebrigens wird man gleichfalls sehen, dafs, da jede Tangente der innern Hyperbel zugleich eine doppelte Ordinate zu einem Durch- messer der äufsern Hyperbel ist, sie notlhwendig in dem Be- rührungspunkt halbirt ist. Da eine Parabel als eine Ellipse angesehen werden darf, deren grolse Axe, und folglich auch ihre Hälfte, oder die Entfer- nung des Scheitelpunkts vom Mittelpunkt unendlich ist, so folgt hieraus, dafs in der Parabel die Diameter zur Axe pa- rallel werden. Nun mufs, wie in Betreff der Ellipse, der Dia- meter die Tangente der innern Kurve halbiren, und folglich diese Tangente parallel zu der Tangente der äufsern Parabel, oder, welches einerlei ist, die correspondirenden Bogen ahn- lich sein, und also auch die Abscissen und die Ordinaten von diesen zwei Bogen sich wie die Parameter dieser zwei Parabeln verhalten. Da aber wegen der Parallelität der Dia- gleich grofse Segmente abzuschneiden. 89 ıneter mit der Axe die zwei zu den Berührungspunkten gehö- rigen Ordinaten gleich sind, und also die beiden Parameter auch gleich sein müssen, oder beide Parabel sind nicht wie alle Parabeln, blos ähnlich, sondern völlig einander gleich, so liegt der Scheitel auf der Axe da, wo eine auf die Axe per- pendikuläre Sehne von der gegebenen Parabel eine Fläche von verlangter Gröfse abschneidet. 10. Ist ein hohler Cylinder, dessen parallele und congruente Grund- flächen Ellipsen sind, mit einer bestimmten Quantität Flüssig- keit gefüllt, so schneider jede in eine Lage, wo die Grund- flächen verukal stehen, isotomische Körpersegmente ab, deren Wasserspiegel immer von concenwischen, den Grundflächen ähnlichen Ellipsen berührt werden. ——&ANNNNN Da — Mathemat. Klasse 1824. M D a { 4 - ı 5% ER H FA Bi BR. Ze ohossilsanzdn RE ee B) | Ösdeg esılangapens sis] sah us sta. ih SrA usb a rn iD | aan mobi Si nee bin ‚nie lolaha asinmil) a ‚€ I yir aie baie Indewsl sbiäd Sho , uskae: a doing 3 } e; “u date ah zillöv sriohrten „oileeiti ale ‚dat yore a R Bros ih sib tes Soin on ‚ab nad sah Yun JotiodaR 405 poll Mi Rn sılnill Sa fd T tansılagss tab gr Sue? sälidibiog, Jun: Ta i jsbiondaede BAD wishes nah " ML 2 end Iimuumanon ba. ai iyllonaq nyerub erebail, 7a) BR ars jet sd} ua nina: we) sserimsen] attiy ara „batia ash PTIEY ü . Bid) ih Be is ni vl Ishlmaudse or lirroy sl \ uyısh. „dr Alma: aaaol yon ‚rdema Faller noitöit R len wohn; av wann Is& ige > Dahrw Paslifesel eur ini alarruh De i e e B - 7 . % ’ \ . . | ' , 4 4 j u | . Ti b. Ä , timuor y% ä I aaa. j one lu, In) v - Due LT, u FRaa LI Dre 30%. art Re j trial 7 7 s 1 HIER j H aa z Iha- M j rear un Somalund . R z t Verbesserungen. Seite 18. Formel [19]. Auch die von i unabhängigen Theile der Coefficienten von Sin (fa — kw" u—o') und Sin (fa + Aw w-+ w') sind respective in Cos 47? und Sin 37? zu multipliciren. Seite 26. Formel [34]. Zeile 3 ist statt Sin (2w + #') 2e’ [ zer 5 2y+1 2y-+1 zu lesen... Sın (2u’ + w') 2e’ { ER EN. \ zyv+1 zv—ı mmnnrmrmnnAarn ynurseesdıst _ _ . j he = = are aan ch "gig Nr ib la FU] Tomeit auoneo Tin re eye en en . 7 ei Tr, ba A mi ua f = . | u z Sa . a , . Iı9% Re w ae er ia EahıR AEER bus 5 { an ne u =} an v4 at af ern A - R u Abhandlung der philosophischen Klasse der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. rs Aus dem Jahre 1824. =nanauaaimanannnnnnnnernne Berlin. Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 1826. In Commission bei F., Dümumler. omibarsıld A - 133) x 33a usdyeidgoaol valsıinkusd TRUGEN, , ER, SOBEE- 'i4® allsldanaı ash strobedA ’ ._— „wm. „nn. .—- -. ’ r f s 3rıheT ws! el uch Fe ee ze 3 De ae BEE \ I RN: fr 5 nn ee ara lee ie P cat x Nr 1] sh mi | N r 5 j E Versuch über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. y Von Hn- "SCHLEIERMACHER. mnummnnmmnmvmr [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 12. August 1824.] ss ich damit anfange zu erklären, dafs diese Abhandlung als ein Gegenstück zu betrachten ist zu der früher vorgelesenen über die Be- handlung des Tugendbegrifls: so gilt nun was dort vorgeredet ist ge- meinsam für diesen Aufsatz eben so gut wie für jenen; und ich kann ohne weiteres zur Sache schreitend auch hier wie dort die Behauptung zum Grunde legen, dafs die drei Begriffe, Gut, Tugend und Pflicht jeder für sich in seiner Ganzheit auch das ganze siltliche Gebiet darstellen, jeder aber dieses thut auf eine eigenthümliche Weise, ohne dafs, was durch den einen gesagt wird, in der Wirklichkeit jemals könnte ge- trennt sein von dem durch den andern gesagten. Wenn daher in dem ganzen menschlichen Geschlecht, von welchem hier nur die Rede ist, alle Güter vorhanden sind, so müssen auch alle Tugenden in Allen wirksam sein; und umgekehrt, sofern alle Tugenden in Allen sind, müssen auch alle Güter vorhanden sein, indem diese auf keine andere Weise weder durch Zufall noch als ein göttliches Geschenk sondern nur als die Thäugkeit aus der nothwendig zusammenstimmenden Wirk- samkeit aller Tugenden entstehen können. Eben so nun, denn Pflicht ist der dritte zu jenen gehörige Begriff, können nicht jene beiden ir- gendwo gefunden werden, ohne dafs eben da auch alle Pflichten wären erfüllt worden, so wie unmöglich alle Pflichten von Allen können er- füllt werden, als nur sofern auch alle Tugenden in ihnen gesetzt sind, und nicht ohne dafs zugleich dadurch auch der menschlichen Gesell- schaft alle Güter mülsten erworben werden. Die Verschiedenheit dieser Philosoph. Klasse 1824. A 2 SCHLEIERMACHER Begrille aber zeigt sich darin, dafs kein einzelnes Gut etwa entsteht durch Erfüllung einer und derselben sondern verschiedener ja genau ge- nommen aller Pflichten, und dafs keine Pflicht erfüllt werden kann durch die Thätigkeit Einer sondern nur aller Tugenden, wie auch jede Pilichterfüllung, sofern die Tugend als Fertigkeit ein werdendes ist, nicht zum Wachsthum nur Einer Tugend sondern aller als Uebung beiträgt; und nicht nur auf die Entstehung und Erhaltung Eines Gutes hinwirkt, sondern aller. Hieraus nun geht auch schon hervor, auf welche Weise der Pflicht- begriff! das sittliche darstelll. Denn wenn es in dem Tugendbegriff dar- gestellt wird als die Eine sich aber mannigfalüg verzweigende dem Men- schen als handelndem einwohnende Kraft, in dem Begriff des Gutes aber als dasjenige was durch die gesammte Wirksamkeit jener Kraft wird und werden muls: so kann es in dem Pflichtbegriff nur dargestellt sein als das, was zwischen jenen beiden liegt, d.h. als die sittliche Handlung selbst. Die Entwicklung des Pflichtbegrifls mufs also ein System von Handlungsweisen enthalten, welche nur aus der sittlichen Krafı und der Richtung auf die gesammte sitliche Aufgabe begriffen werden können; eine Entwicklung dieses Begriffs kann es aber wiederum nur geben, so- fern in den sittlichen Handlungen die Beziehung auf die Gesammtheit der sittlichen Aufgabe und auf das Begründetsein in der Gesammtheit der Tugenden sich als eine verschiedene zeigt. Indem nun eine jede Pflicht eine solche Bestimmtheit der Handlungsweise ist: so kann sie nicht anders ausgedrückt werden, als durch das was Kant eine Maxime nennt, welches Wort wir aber, weil es in dem allgemeinen Sprachgebrauch zu deutlich den Stempel der Subjectivität an sich trägt, mit dem Worte Formel vertauschen wollen. Ehe ich aber dazu schreite ein genügendes Princip zur Entwick- lung der Ptlicht-Formeln wo möglich aufzustellen, mufs ich noch einige Bemerkungen voranschicken. Zuerst, wenn der Begriff einer Pflicht die vollkommne sittlliche Richtigkeit einer Handlung ausdrückt: so kommt hier der Unterschied, den man bisweilen zwischen der Gesetzlichkeit und Sitllichkeit einer Handlung gemacht hat, in gar keinen Betracht, weder so als ob die Pflichtmäfsigkeit die blofse Geseizlichkeit sei, die Sittlich- keit also etwas höheres als die Pflicht, noch auch so, als ob die Pflicht- über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 3 mäfsigkeit zwar die Sittlichkeit sei, diese aber auch wol ungesetzlich sein könne. Denn das Gesetz selbst ist, da ja in diesem Zusammenhang nur von einem Aufseren Gesetz die Rede sein kann, selbst nur durch menschliche und ihrer Natur nach sittliche Handlungen geworden, und könnte also, ob es richüg, das heifst durch pflichtmäfsige Handlungen zu Stande gekommen ist oder nicht, niemals beurtheilt werden, hätte gar keine erkennbare Sittlichkeit, wenn Pflichtmäfsigkeit selbst im- 5 mer nur Gesetzmäfsigkeit wäre, und also der Pflicht allemal ein Gesetz also schon vorausgehen mülste. Eben so aber ist auch das Gesetz als ein sittlich gewordnes und selbst wieder auf dem siulichen Gebiete wirksa- mes, nothwendig ein Gut; und wenn jede pflichtmäfsige Handlung auf die gesammte sittliche Aufgabe also auf alle Güter Bezug nehmen mufs: so mufs auch jede auf das Gesetz Bezug nehmen, und keine kann dem- nach ungesetzlich sein (!). — Zweitens, wenn der Pflichtbegriff auf die angegebene Art seine Stellung hat zwischen dem Tugendbegriff und dem Begriff der Güter: so sollte man denken, die allgemeine Pflichtformel sei schon gegeben in dem Ausdruck: ‚Handle in jedem Augenblick so, dafs alle Tugenden in dir thälig sind in Bezug auf alle Güter.” Allein einestheils ist diese Formel an und für sich zur unmittelbaren Anwen- dung nicht geschickt, weder um für irgend einen Augenblick ein be- stimmtes Handeln zu entwerfen, noch um ein schon entworfenes danach zu prüfen. Letzteres weil das Verhältnifs einer Handlung zu dieser For- mel nicht unmittelbar erkannt werden kann. Denn wenn ein entworfe- nes Handeln noch so klar vor Augen liegt: so kann weder bestimmt behauptet werden, dafs es alle Güter fördern müsse, noch auch mit rech- tem Grunde geläugnet, dafs es dieses nicht leisten könne. Und eben so (1) Auch für das Gebiet der bürgerlichen Gesellschaft, für welches er eigentlich ge- macht ist, hat dieser Ubvterschied weit weniger Bedeutung als man gewöhnlich glaubt. Denn auch dem Gesetzgeber kann an der blofsen Gesetzlichkeit wenig gelegen sein; in- dem, wenn das Gesetz nicht in den Bürgern lebendig und also je länger je mehr ihre eigene Sittlichkeit wird, es auch in jedem Falle wo es mit etwas in ihnen lebendigem in Streit kommt, immer wird übertreten werden, so dafs es seinen Zweck nicht erreichen kann. Nur für den Richter ist der Unterschied ein Kanon, dafs nämlich die Function der vergeltenden Gerechtigkeit nur da beginnt, wo das Gesetz ist verletzt worden, indem Belohnung und Bestrafung mit der Sittlichkeit in gar keiner Beziehung stehn. A2 4 SCHLEIERMACHER mit den Tugenden. Vielmehr wenn mir die Vorstellung einer bestimmten Handlung vorliegt, die sich nicht schon gleich als unsittlich zu erkennen giebt: so kann es mir nur als ein zufälliges erscheinen, ob sie in bei- den Stücken unserer Aufgabe entsprechen wird oder nicht. Noch we- niger kann durch diese Formel allein ein Handeln bestimmt werden; sondern es lassen sich von derselben Voraussetzung gar mancherlei Handlungen entwerfen, denen mit gleichem Rechte die Möglichkeit zu- käme ihr zu entsprechen. Es ist aber ganz vorzüglich die Anwendbar- keit in dem Leben selbst, sowol wo die Construction der Zweckbegriffe schwankt oder stockt als auch für die Beurtheilung des Geschehenen, welche der Pflichtenlehre, dieser den Alten fast unbekannten Behand- lung der Ethik, in der neueren Zeit eine so ganz vorzügliche Gunst geschafft hat. Anderntheils wenn man auch diese allgemeine Formel weiter entwickeln wollte um ein System der einzelnen Formeln daraus zu bilden: so scheint sich unmittelbar kein anderer Eintheilungsgrund in derselben darzubieten als entweder nach den Tugenden, welche thätig sind, oder nach den Gütern welche angestrebt werden; dann aber wäre diese Behandlung keine selbständige Darstellung der Siwlichkeit, son- dern ganz abhängig von der Lehre vom höchsten Gut und von der Tu- gendlehre, und somit verlöre die Pflichtenlehre alles was sie der Wis- senschaft empfehlen kann. Denn für diese bleibt immer die objectvste Darstellung, also die aus dem Begriff der Güter, die erste und für sich hinreichende; die beiden andern dienen jener nur gleichsam als Rech- nungsprobe, welches sie aber nur in dem Maafs leisten können, als sie nicht unmittelbar aus ihr entlehnen. Wie wir also die Tugendlehre ge- sucht haben zu gestalten ohne von einer der beiden andern Formen un- mittelbaren Gebrauch dafür zu machen: so darf auch für die Gestaltung der Pflichtenlehre von den anderweitig festgestellten Begriffen von Tu- genden und Gütern kein Gebrauch gemacht werden. Demohnerachtet können wir nicht läugnen, jener Ausdruck ‚‚Han- dle in jedem Augenblick mit der ganzen zusammengefafsten sitlichen Kraft und die ganze ungetheilte sitlliche Aufgabe anstrebend,” stellt den 5 Einen das ganze vollkommen siuliche Leben bedingenden Entschlufs dar, unter welchem alle einzelne pflichtmäfsige Handlungen schon so be- griffen sind, dafs kein neuer Entschlufs gefalsı zu werden braucht, über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 5 wenn immer das rechte geschehen soll, dafs aber durch jede pflichiwi- drige Handlung dieser gewils gebrochen wird. Daher bleiben wir doch an diesen Ausdruck gewiesen, und es kommt nur darauf an, dafs wir ihn anderswie als nach Anleitung der Begriffe von Tugenden und Gü- tern spaltend auf das einzelne anzuwenden wissen. Von diesem allgemeinen Entschlusse aus läfst sich aber das ganze sittliche Leben betrachten nach der Analogie zusammengesetzter Handlun- gen, welche auf Einem Entschlufs ruhend dennoch aus einer Reihe von Momenten bestehen, so dafs für diese auch noch untergeordnete Ent- schlüsse aber freilich in sehr verschiedenem Verhältinifs zu dem zum Grunde liegenden allgemeinen Entschlufs gefafst werden. Wer sich nie- dersetzt zum Schreiben, wenn sein Entschlufs nur nicht etwa noch ein unbestimmter ist, sondern er schon seine volle Bestimmtheit hat, dessen Handlung besteht zwar aus einer Reihe von Momenten, aber ohne dafs eine neue Berathung oder Wahl entstände; beim Feder eintauchen, beim Blatt umwenden sind wir uns kaum einer Volition bewufst, sondern alles geht aus dem Einen Enıschlufs hervor, der allein das Bewufstsein beherrscht. Hier also verschwinden die untergeordneten Entschlüsse fast ganz sowol ihrer Form nach ins Bewufstlose als auch ihrem Inhalte nach, indem sie sich nur auf die unbedeutendsten Kleinigkeiten bezie- hen. Wer sich hingegen zu einer bestimmten Lebensweise entschliefst, für den entsteht aus diesem allgemeinen Entschlufs auch eine Reihe von Handlungen, welche zusammengenommen die Ausführung desselben- bil- den und also Eines sind; aber wiewol Eines gehört doch hier zu jeder einzelnen noch ein besonderer Entschlufs; die einzelne Wollung tritt stark hervor, so dafs der allgemeine Entschlufs wiewol die fort- wirkende Ursache dieser einzelnen doch in den Hintergrund zurücktritt, und also hier das umgekehrte Verhältnifs eintwitt wie dort. Der Künstler endlich, welcher das Urbild seines Gemäldes vollkommen in sich trägt, gleicht im ganzen während der Ausführung jenem Schreibenden ; allein bei welchem Theile er anfängt und in welcher Ordnung und Folge er fortarbeitet, das ist in dem allgemeinen Entschlufs nicht mit gesetzt, und sofern diese Ordnung auch durch die technischen Regeln — auf welche wir hier ohnedies nicht Rücksicht nehmen dürfen — nicht vollständig und nicht für Alle auf gleiche Weise bestimmt ist: so geht der Fortschrei- 6 SCHLEIERMACHER tung allerdings jedesmal eine einzelne Wollung voraus, die aber nicht eigentlich einen Gegenstand bestimmt, sondern nur die Priorität eines schon bestimmten Gegenstandes, deren Werth also vorzüglich darauf beruht, dafs sie ohne Verdunkelung wie ohne fremde Einmischung als die vollkommenste Fortwirkung des ersten Entschlusses erscheint. Aus der Zusammenstellung dieser drei Fälle, welche gleichsam als Typen die- nen können, erhellt demnach, dafs die Vereinzelung der Momente, aus denen eine zusammengesetzte Hardlung besteht, etwas durchaus relatives ist, und es ist leicht zu schliefsen, dafs eine einfache und allgemein gül- ige Regel für die Richtigkeit der Handlung nur in dem Maafs gegeben werden könne, als der einzelne Moment mit Nothwendigkeit aus dem ur- sprünglichen Entschlufs hervorgeht, das heifst als man einer besonderen Regel nicht bedarf. Sofern wir also das ganze sittliche Leben ansehen können als die Ausführung Eines allgemeinen Entschlusses, also als Eine wenn gleich zusammengesetzte That: so wird dasselbe auch hier gelten, und es scheint dals wir mit dem Geständnifs anfangen müssen, dafs Pflichtformeln nur da recht vollkommen und befriedigend sein können, wo ‚der Handelnde selbst ihrer nicht bedarf, und dafs demnach der Nutzen der vollkommensten sich am meisten auf die blofse Beurtheilung beschränkt. Wenn hier also eine vorzügliche Sicherheit allen denen Momenten beigelegt wird, in welchen der besondere Entschlufs am meisten schon mit dem allgemeinen gegeben ist: so schadet dies wenig- stens der Freiheit, welche wir für die sittlichen Handlungen postuliren, keinesweges; denn diese besteht am wenigsten in einer vor der Ent- scheidung hergehenden und mehr oder weniger willkührlich, das heifst durch subjectiven Zufall, abgebrochenen Unentschiedenheit, sondern nur in der Selbstihäugkeit welche dem Entschlufs in seinem ersten Hervor- treten sowol als in seiner Fortwirkung einwohnt. Um nun zu bestimmen, wie weit wir es mit der Behandlung des Pflichtbegrilfes bringen können, und wie wir sie dem gemäfs einzulei- ten haben, mufs unsere nächste Frage die sein, welcher von den drei aufgestellten Fällen uns die genaueste Analogie darbieter mit dem sitt- lichen Leben als einer wahren aber in eine Reihe von sich relativ aus- sondernden Momenten zerfällten Einheit. Es wird unschädlich sein die Beantwortung dieser Frage mit einer Fiction anzufangen. Wenn wir über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 4 uns einen einzelnen Menschen denken für sich allein die gesammte sitt- liche Aufgabe des ganzen Menschengeschlechtes auf ihn gelegt oder we- nigstens ein kleineres vollkommen abgeschlossenes Gebiet ihm hingege- ben, innerhalb dessen er sie lösen soll: so würde dieser sich unstreitig in dem mittleren Falle des Künstlers befinden. Nämlich neues- entstände ihm nichts, was nicht in seinem ursprünglichen Entschlufs, welchen wir uns die ganze sittliche Aufgabe umfassend zu denken haben, schon liegt, wie auch die ganze Ausführung schon in dem Urbilde des Künsılers liegt; aber er könnte in jedem Moment nur einen Theil seiner Aufgabe lösen, ohne dafs jedoch die Ordnung, in welcher er zu verfahren hat, ihm mit aufgegeben wäre. Denn denken wir uns das Ganze in verschie- dene Regionen getheilt so wird es an sich gleichgülug sein, und dies wäre doch der stärkste Gegensatz der sich darbietet, ob er erst eine Region ganz zur Vollendung bringt, und dann zu einer andern übergeht, oder ob er nach einander alle zu bearbeiten beginnt, und sie nach und nach eben so weiter fördert, sofern er nur in dem letzten Falle stark genug ist, dafs er nicht etwa über der gleichmäfsigen Steigerung den ursprüng- lich mitgedachten Grad der Vollkommenheit, gleichend der Stärke der Färbung in dem Urbilde des Künstlers, vergifst, und in dem ersten dafs ihm nicht über der beharrlichen Beschäftigung mit dem einen Theile das Bild der übrigen Theile allmählich erlischt und sich hernach anders reprodueirt. Sind nun diese beiden Methoden an sich gleich gut: so wird auch unter denselben Bedingungen jeder Wechsel zwischen beiden, wie er nur immer gedacht werden kann, gleich gut sein; und also wird, sobald irgend eine Handlung, die, ınit welchem Rechte darf uns hier nicht kümmern, als ein discreter Theil des Ganzen gesetzt war, vollen- det ist, und ein neuer Moment beginnen soll, auch eine Wahl eintreten, wenn gleich nur über Ordnung und Folge. Wenn nun diese durch den ursprünglichen Entschlufs nicht bestimmt sind, wodurch können sie jedes- mal bestimmt werden? Offenbar nur entweder durch eine überwiegende aber für den ursprünglichen Entschlufs gleichgüluge Hinneigung des Han- delnden zu einem Theile der Aufgabe vor dem andern, oder durch eine äufsere Mahnung und Aufforderung, welche von einem Theile aus stär- ker an den Handelnden ergeht, als von den übrigen. Und jede dieser Bestimmungsweisen für sich abgesehen von der andern ist untadelhaft. 8 SCcHLEIERMACHER Denn jene innere Hinneigung ist zwar für den sittlichen Willen zufällig; aber wäre sie auch das allerzufälligste innere, was wir Laune nennen, da sie einen Theil der Aufgabe realisirt in einem Moment, wo sonst aus Man- gel eines anderen Bestimmungsgrundes keiner wäre realisirt worden, so ist sie eine richtige Bestimmung, und wir könnten hierüber folgende For- mel aufstellen: ‚‚Thue in jedem Augenblick dasjenige sittliche Gute, wozu du dich lebendig aufgeregt fühlst.’ Und da die Hinneigung dem sitllichen Willen doch fremd ist: so kann es auch gleich gelten, ob sie eine ursprünglich einfache ist, oder ob zwei verschiedene innere Aufregungen vorhanden waren, aus deren Streite nur ein Ueberschufs der einen über die andere zurück geblieben ist. Denn die Bestimmung kann doch erst eintreten, nachdem dieser Streit, für den in dem ursprünglichen sitt- lichen Entschlufs kein Enitscheidungsgrund liegt, irgend anderswie ent- schieden und die Collision der Neigungen geschlichtet ist. Eben so und aus demselben Grunde ist die äufsere Aullorderung an und für sich ein richtiger Bestimmungsgrund , und es wäre die Formel aufzustellen: „Thue jedesmal das, wozu du dich bestimmt von aufsen aufgefordert findest.’’ Nur dafs hier nicht gleich gilt ob die Aufforderung eine ein- fache ist oder nicht. Denn die äufseren Aufforderungen reduciren sich nicht wie die inneren Erregungen von selbst auf einen Ueberschufs; sondern ein Streit zwischen ihnen könnte nur durch ein Urtheil des Handelnden geschlichtet werden, welches anderweitig erst mit Rücksicht auf den allgemeinen Entschlufs müfste begründet, und demnach eine andere Formel um die Dringlichkeit der Auflorderungen zu messen ge- sucht werden. Beide Formeln aber sind nur wahre Entscheidungen, die eine wenn keine auf einen andern Theil der Gesammitaufgabe gerich- tete äufsere Aufforderung sich einer innern Hinneigung entgegen stellt, und die andere umgekehrt. Sobald aber beides gleichzeitig differirt, entsteht auch dem so allein Handelnden ein Zwiespalt, den wir eine Collision nennen, die aber nun keine Oollision ‚der Neigungen mehr ist, sondern eine Öollision der Maximen. In solchem Falle heben sich beide Formeln auf, und es mufs das Verlangen entstehen nach einem dritten, welches die Entscheidung bewirke. Da nun die Möglichkeit dieses Streites zwischen der innern Neigung und der äufseren Aufforderung, wenn beide nicht dasselbe sittliche Handeln fördern wollen, immer ge- über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 0) geben ist; so sind auch eigentlich die beiden aufgestellten Formeln nie- mals wahre Pflichtformeln, sondern nur diejenigen sind solche, welche die Lösung dieses Streites in sich enthalten. Denn Pflichtformeln selbst dürfen nicht mit einander im Streite sein. Doch wird der Einzelne die Lösung in sich selbst finden, und immer sagen können er habe pflichtmäfsig ge- handelt, wenn er weder die Neigung der Aufforderung noch umgekehrt aufopfert, sondern sie in dem beiden gemeinschaftlichen verbindet. Denn der Neigung soll man folgen, weil das am besten geräth was mit Lust geschieht; und der Aufforderung, weil das am besten geräth, was im günstigen Augenblick geschieht. Vergleicht er also beide nur in dieser Hinsicht: so hat er nach einem Kanon gehandelt, der über jenen bei- den stehend so lautet: ,‚Thue unter allem sitlich Guten jedesmal das, was sich in der gleichen Zeit durch dich am meisten fördern läfst.”’ Nur giebt es hier keine objective allgemeingültige Entscheidung sondern nur die subjective der ungetheilten Zustimmung. Bei dieser werden wir uns also auch begnügen müssen in dem gegenwärtigen Zustand für das- jenige Handeln des Einzelnen, und zwar gleichviel ob von einer natür- lichen oder einer moralischen Person die Rede ist, welches ebenfalls so weit menschliche Einsicht reicht, als ein ihm ganz eignes abgeschlos- senes Gebiet erscheint. Nicht also, als ob es auf diesem Gebiet, wie es häufig nicht nur im Leben sondern auch wissenschaftlich angenom- men wird, gar keine Pflicht und nichts pflichtmäfsiges sondern nur er- laubtes gäbe; sondern nur dafs die Pflichtmäfsigkeit einzig auf des Han- delnden subjectiver Ueberzeugung von der gröfsten Zuträglichkeit der Handlung für das ganze sittliche Gebiet beruht. Allein der gröfste Theil des siulichen Lebens wird dieser Regel entzogen und mufs unter eine andere gestellt werden, deshalb weil es nur eine Fiction ist, dafs der Einzelne Mensch allein die ganze sittliche Aufgabe oder auch nur einen Theil derselben wirklich abgeschlossen für sich allein vor sich habe. Vielmehr ist die Aufgabe eine gemein- schaftliche des menschlichen Geschlechts. Jeder Einzelne findet sich, so- bald die Möglichkeit eines sitlichen Handelns in ilım entsteht, ja immer schon viel früher nämlich am Anfange seines Lebens, in dieser Ge- meinschaft, und wird von derselben so festgehalten, dafs keiner in Bezug auf irgend einen Theil seines sittllichen Handelns sich so vollkommen Philosoph. Klasse 1824. B 10 SCHLEIERMACHER isoliren kann, dafs er nicht immer durch diese Gemeinschaft mit be- stimmt wäre. ‚Hierdurch nun wird das sittliche Handeln der Botmäfsig- keit der bisher zum Grunde gelegten für sich selbst nicht weiter theilba- ren Formel entzogen, und es entsteht eine andere Nothwendigkeit als nur die bisher bemerkte, welche war innere Neigung und äufsere Aufforde- rung gegen einander auszugleichen, nämlich die einer gegenseitigen Ver- ständigung über die Theilung der Aufgabe und das Zusammenwirken zu ihrer Lösung. Da nun aber aufser dieser keine andere dem sitilichen Handeln des Einzelnen vorangehende und es schon zum voraus bestim- mende Naturvoraussetzung vorhanden ist: so müssen aufser jener dem einzelnen Menschen für sich zum Grunde liegenden alle andern Pflicht- formeln sich auf diese Voraussetzung beziehen, und die Nothwendigkeit ein System derselben aufzustellen kann nur in diesem Gemeinschafts- zustand gegründet sein, wie denn auch aus jener ersten Formel keine eigenthümliche Theilung hervorgehen will. Auf der andern Seite aber da wir jeden einzelnen sitllichen Willensact nur ansehen können als einen Ausflufs aus jenem allgemeinen, der das ganze sittliche Leben con- stituirt und auf eine wahre Totalität ausgeht: so mufs zugleich eben dieses, dals jeder Einzelne den Gemeinschaftszustand sitlich anerkennt auf jene ursprüngliche Pflichtformel zurückgeführt und als ein Akı ab- soluter Identität der innern Neigung und der äufseren Auflorderung ge- setzt werden ; welches auch schlechthin postulirt werden kann, und nichts anderes aussagt als die Ethisirung der geselligen Natur des Men- schen. Hierdurch ist aber zugleich bevorwortet, dafs, da der Einzelne, fofern er durch einen freien Willensact den Gemeinschaftszustand aner- kennt, auch wieder über demselben steht, und daher auch die ursprüng- liche Pflichtformel nur modifieirt durch diese Anerkennung überall gültig bleibt, nun jede einzelne aus dem Gemeinschaftszustand sich ergebende Pflichtformel auch immer jene ursprüngliche ‚‚nach eigner Ueberzeu- gung jedesmal das sitlich gröfste zu thun’’ in sich schliefsen mufs. Zu allererst also, und ehe wir weiter gehen, müssen wir unter- suchen, ob nicht etwa auch dieses beides in Widerspruch mit einander kommen kann, und also beide Formeln sich auch als Pflichtformeln aufheben und eine dritte nöthig machen. Es erledigt sich aber die- ses Bedenken schon dadurch, dafs die Anerkennung des Gemeinschafts- über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 11 zustandes selbst nur als eine pflichtmäfsige Handlung zu Stande kom- men kann, und dafs sie also nur möglich ist unter der Form der sub- jectiven Ueberzeugung, die Anerkennung des sittlichen Gemeinschaftszu- standes mit allem was nur die zeitliche Entwicklung derselben ist, sei ein für allemal das sitlich gröfste, was der einzelne Mensch ıhun kann, und er würde also durch alles, was mit dieser Anerkennung im Wider- spruch stehen würde, allemal wenigstens das sittlich kleinere ıhun und also pflichtwidrig handeln. Dafs nun im wirklichen Leben diese Ueber- zeugung immer vorherrscht, und das Gegentheil nur als ein partieller Wahnsinn zu Tage kommt oder als eine verkebrte und irrthümliche Form der Regeneration des Gemeinschaftszustandes, dies bedarf hier nur ange- deutet zu werden. Eben so aber auch auf der andern Seite, wenn wir uns denken die Gemeinschaft schon bestehend, und nun den Einzelnen, so- bald dieser sie anerkennt, zugleich in sich aufnehmend; so kann sie ihn nur so aufnehmen, wie er sie anerkennt, also mit seinem ursprüng- lichen der Anerkennung selbst zum Grunde liegenden sittlichen Willen. Wie nun aber das Eintreten des Einzelnen in die Gemeinschaft ein zeit- liches ist, also ein Werden: so ist auch die Identität der Ueberzeugung Aller über die successive Lösung der sittlichen Aufgabe mit der eines Jeden ein Werden; und dafs sie, sofern sie noch nicht ist immer im Werden bleibe, und zwar als eine Wechselwirkung zwischen Allen und Jedem, ist die Grundbedingung alles sittlichen Gemeinlebens, indem nur auf diese Weise allmählig ein Zusammenstiimmen in der Anwendung der Ptlichtformeln entstehen wird. Nachdem dieses vorausgeschickt ist, werden wir nun versuchen können die allgemeine Pflichtformel, ‚„‚„Jeder Einzelne bewirke jedesmal mit seiner ganzen sittlichen Kraft das möglich gröfste zur Lösung der sittlichen Gesammtaufgabe in der Gemeinschaft mit Allen,’ zu einem das ganze sittliche Gebiet erschöpfenden System von untergeordneten Formeln zu ent- wickeln. Es ist jedoch gegenwärtig meine Absicht nur diejenigen, die der allgemeinen am nächsten stehen, zu verzeichnen, wodurch schon eine Uebersicht des Ganzen gewonnen wird, weitere Erörterungen aber und gröfsere Vereinzelung auf eine zweite Abhandlung zu versparen. Ich bemerke nur, dafs wenn wir gleich von einem Wechselverhältnifs B2 12 SCHLEIERMACHER zwischen der Gemeinschaft und dem Einzelnen ausgehen, wir dennoch in der Construction der Pflichtenlehre nur den Einzelnen als handeln- des Subject, welches die Pflichtformeln in Anwendung bringen soll, be- trachten. Dieses rechtferügt sich einerseits dadurch, dafs die absolute Gemeinschaft Aller in einem bestimmten Wechselverhältnifs mit jedem Einzelnen in jedem Falle noch nicht besteht, sondern immer nur wird, und also auch nicht als wirklich schon einzeln handelndes Subject auf- geführt werden kann, sondern nur als das, welches werden soll und auf dessen Werden gehandelt wird. Andrerseits rechtfertigt es sich da- durch, dafs untergeordneter und wirklich schon bestehender Gesell- schaften siuliches Handeln doch immer nur aus dem pflichtmäfsigen Handeln aller Einzelnen hervorgehn kann, also eigner Pflichtformeln nicht bedarf; sofern aber solche Gemeinschaften andern gegenüber selbst als Einzelne erscheinen, mufs auch für sie gelten was von den natür- lichen Personen gilt. Hierzu gehört freilich auf der andern Seite als Gegenstück auch noch dieses, dafs wenn der Einzelne angesehen wird als in die schon bestehende Gemeinschaft eintretend, sein sittliches Han- deln überall nur erscheint als ein Anknüpfen an das schon bestehende, mithin mehr durch die Gemeinschaft bestimmt als durch ihn, so dafs das Gegentheil des eben gesagten rathsamer scheint, nämlich die Ge- meinschaft als das ursprünglich handelnde Subject in der Pflichtenlehre zum Grunde zu legen. Allein die Gemeinschaft besteht nur durch das fortwäihrende Handeln der Einzelnen in ihr, und ist also selbst nur als deren That anzusehen, so dafs jedes anknüpfende Handeln eigentlich doch ein die Gesellschaft suftendes und in jedem Augenblick wieder er- zeugendes ist. Aus diesen Betrachtungen nun gehen zwei Eintheilungsgründe her- vor für das ganze Gebiet des pflichtmäfsigen Handelns. Der erste näm- lich ist dieser. Eine Gemeinschaft könnte nicht bestehen, wenn nicht Jie sittliche Kraft in allen Einzelnen dieselbe und die sittliche Aufgabe für Alle dieselbe wäre, und dadurch also ist bedingt ein in Allen gleich- zusetzendes Handeln. Allein sofern der sittliche Wille jedem Einzel- nen einwohnet in seiner Person, und jeder als ein schon irgendwie ge- wordener die Ausführung dieses Willens beginnt auf den Grund seiner Ueberzeugung, welche der Ausdruck ist seiner von allen Andern unter- über die wissenschaflliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 13 schiedenen sittlichen Person, und jeder nur so in die Gemeinschaft auf- genommen wird: so bedingt eben dieses ein für jeden eigenthümliches von Allen aber anzuerkennendes Handeln. Wir nennen vorläufig jenes das universelle und dieses das individuelle Gebiet. In der allgemeinen Pflichiformel sind beide ineinander gesetzt, mithin ist jedes nur ein sitt- liches, wenn es zugleich auf das andere bezogen wird, und es entstehn uns für diese beiden Handlungsweisen aus der ursprünglichen allgemei- nen Pflichtformel zwei besondere und abgeleitete. Die erste, ‚„„Handle jedesmal gemäfs deiner Identität mit Andern nur so, dafs du zugleich auf die dir angemessene eigenthümliche Weise han- delst.’’ Die Nothwendigkeit dieser Formel, wenn ein vollkommen sitt- liches Handeln zu Stande kommen soll, wird schon jedem daraus cein- leuchten, dafs ein in Bezug auf die andern vollkommen richtiges Han- deln doch als ein relativ leeres, also unvollkommnes erscheint, wenn ihm das Gepräge des eigenthümlichen ganz abgeht, indem durch die Forderung auf Uebereinsimmung, welche die Andern machen können, die Arı und Weise der Handlung doch nie vollkommen bestimmt wird. Will aber die Gesammtheit ihre Anforderungen bis zu einer gänzlichen Unterdrückung des eigenthümlichen steigern: so wird der Einzelne nur unvollkommen anerkannt, die Ptlichtmäfsigkeit ist von der Gesammtheit sanzen Gesammt- 5 lebens, wozu das Chinesische eine bedeutende Annäherung darstellte. Die verletzt, und das Resultat ist eine Mechanisirung des andre Formel lautet so: „Handle nie als ein von den Andern un- terschiedener, ohne dafs deine Uebereinstiimmung mit ihnen in demselben Handeln mitgesetzt sei;’’ denn ohne diese Bedingung wäre aus dem eigenthümlichen Handeln alle Anerkennung der Gemein- schaft verülgt, und das Resultat würde sein die Verwandlung des sitt- lichen in ein völlig licenziöses Leben. Der zweite Eintheilungsgrund ist dieser. Der ursprüngliche sitt- liche Wille des Einzelnen für sich betrachtet schliefst in sich die Aneig- nung der ganzen sitllichen Aufgabe. Indem aber der Einzelne die Ge- sammtheit der handelnden Subjecte, mit denen er sich in Verbindung findet, anerkennt: so suiftet er mit ihnen die Gemeinschaft. Dieses bei- des nun, Aneignen und Gemeinschafistiften ist in der ursprünglichen Pflichtformel als Eines gesetzt. Also ist auch jedes für sich nur sitt- 14 SCHLEIERMACHER lich in Beziehung auf das andere, und es entstehen daher durch die beiden Momente des ursprünglichen siulichen Willens aus der allge- meinen Pflichtformel zwei besondere einander ergänzende Formeln. Die erste „‚Eigne nie anders an, als indem du zugleich in Gemein- schaft trittst.’” Diese schliefst alles egoistische aus von dem sittlichen Handeln, und schliefst den Einzelnen so ganz in die Gemeinschaft ein, dafs er nie einen Theil der sittlichen Aufgabe ausschliefsend für sich nehmen, noch auch irgend etwas von dem durch sittliches Handeln und zwar gleichviel ob durch sein eignes oder durch fremdes gebildeten in Beziehung auf sich allein haben und behalten darf, sondern immer nur in Bezug auf die Gemeinschaft und für sie. Die andere ‚‚Tritt immer in Gemeinschaft, indem du dir auch aneignest.” Diese sichert dem Einzelnen in der Gemeinschaft seine sittliche Selbständigkeit, damit er zwar immer in der Gemeinschaft, in ihr aber auch wirklich so handle. Denn es giebt kein anderes Aneignen als nur des wenn ich so sagen darf sitlichen Stoffes, um ihn zum Gut aber immer wieder zum Ge- meingut zu bilden. Wie nun in diesen vier Formeln das Ganze erschöpft sei, so dafs es aufser ihnen keine weiter giebt, sondern nur wie sie selbst aus der all- gemeinen als ihr untergeordnete Entwicklungen dadurch entstanden sind, dafs die allgemeine Naturvoraussetzung des sitlichen Handelns mit in Betrachtung gezogen wurde, eben so auch alle anderen nur untergeord- nete Entwicklungen von ihnen sein können entstehend aus einer nähern Betrachtung der sitllichen Gesammtaufgabe und ihrer Beziehung auf jene Voraussetzung; dies kann vorläufig bis auf nähere Erörterung einiger- malsen geprüft werden, theils wenn wir auf unsere anfängliche Fiction zurückgehen, und unsere Formeln mit ihr vergleichend finden, dafs sie nichts anderes sind als die Vertheilung derselben Momente auf die Ge- sammtheit der Einzelnen, von denen bei dem Einen die vollkommene Lösung der siulichen Aufgabe abhing. Theils wird auch dasselbe er- hellen, wenn man betrachtet, wie die beiden Eintheilungsgründe ein- ander schneiden, so dafs es giebt ein universelles Gemeinschaftbilden und ein eben solches Aneignen, so wie auch ein eigenthümliches An- eignen und ein eben solches Gemeinschaftbilden. Die beiden Gemein- schaftsgebiete sind die des Jechtes und der Liebe, die beiden Aneig- über die wissenschaftliche Behandlung des Pflichtbegriffs. 15 nungsgebiete sind die des Berufs und des Gewissens; letzteres auf be- sondere Weise so genannt, weil in der Aneignung in Bezug auf die Eigenthümlichkeit das ursprüngliche Verhältnifs des Einzelnen zur Ge- sammtheit der sittlichen Aufgabe wiederkehrt, und also über die Pflicht- mäfsigkeit im Einzelnen dieses Gebietes nichts anderes entscheiden kann als dieselbe subjective Ueberzeugung. Diese Gebiete bedingen einander gegenseitig; und die Bezugnahme auf alle übrigen, indem man vorzüg- lich für eines von ihnen handelt, mufs die Sicherheit geben, dafs keine Collisionen entstehen können. Wir wollen daher sagen, der Ausdruck „Begieb dich unter kein Recht ohne dir einen Beruf sicher zu stellen und ohne dir das Gebiet des Gewissens vorzu- behalten;” sei die allgemeine Collisionsfreie Formel der Rechtspflicht; die gleiche aber für die Liebespflicht laute so „Gehe keine Gemein- schaft der Liebe ein, als nur indem du dir das Gebiet des Gewissens frei behältst und in Zusammenstimmung mil deinem Beruf.’' Und ähnliches wird von den beiden andern gegen- überstehenden Punkten zu construiren sein, so dafs alle sich gegenseitig mehr oder weniger unmittelbar bedingen. Alles aber wobei irgend Pilichtformeln in Anwendung kommen können, wird in einem von die- sen Gebieten, wenn die Ausdrücke in dem angegebenen Sinne genom- men werden, auch gewils enthalten sein. mic ‚2 rast uhlsdaeteeg saınhers alla sermilar) aneeil rel e Be - Er ı RANSIFNN) AR dh RSODIEN ED slshfindaeneniins ar > a & SET BB HE A ee u er a a biirapidugeamm j sin Ve gurslt mi ya hisb ara ansnag: er: nlamız wre Br lau eb Aline Sranigeigene EIERIEp 2117177 | de Sb or aa bh ‚burledisbe‘ eyhuk warlsrlie oh Er ubeneis mager art u ITEer “Furt ana mbir' maykıdn ls him Serlsugenf” Abibre ;yrlibene BITGFE Due udn Hiadıs ini all Aietz Nlaran nr ar ed ea ai ek ab um eh he or aan mei 49 daia Trr-uil weni Hi sm hr: u wis sh Arie, -BSTOYV -BEURHim Sl) aa 1a a ae ellase rs margin are Lara a Ab ia stand u ee ee wine ul st ae ae or nee er init Era Pa Eree Kia teen “r bass Far data Tee 777204 2 ro al" lau tele a hir ua et ia: Hilszieneng dia ii He ei aaa gr eu LEERTE iger. mh el a llama Tupaan Tae den ah Her nr 1 be rd an gang Gi ray. KT Feten a dee a a Ze A ui ine ana uolane ‚non Pr - ZZ un 2 SR Wr R Abhandlungen der historisch-philologischen Klasse der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. armen none. ana... Berlin. Gedruckt in der Druckerei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 1826. in Commission bei F. Dümnmler. SE u soaanlbusddA er arlsaigololirig- Hbamolatd 1! = . Iyılarlginsh b | ü a kllschensea ab sunehnulä => BTHIUEN un dar med MW; ® £ SE 5 LP} E Bar \ _= a ur D gr a, # Ey „rilad & mails 2 bernd eb ar shake! 2a BET U Beer st 33 . na 24 dal weisrienad Wi \ . e ra bhbaT1e Süvern über einige historische und politische Anspielungen in der alten Tragödie Seite 1 Borggraubentdie, Antleone. des Sophoklese. wessen as sieee ssaenen tee 5 Burrmann Erklärung der griechischen Beischrift auf einem ägyptischen Papyrus Borr Vergleichende Zergliederung des Sanskrits und der mit ihm verwandten $ SpIaAChenk ee ee ee ee een kaerene ee Hase über den Farnesischen Congius im Königlichen Antiken-Saale zu Dresden Wirserm v. Humsorpr über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem&Sprachbaun. Saas een a ee Rırrer Zur Geschichte des Peträischen Arabiens und seiner Bewohner ........ Boerexr# Nachträgliche Bemerkungen zu der Abhandlung über die Antigone des OP DGK ES Der er reset een elle ee ee FI Ta DInEz) KunaT HN ' I amilad Eee‘ ea, rt mah und 1 ver! et jour Yo url” lea De Ueber einige historische und politische Anspielungen ın der alten Tragodie. Von H” SUVERN. 7 nn 7 u u N nn nn u u ns [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 15. Januar 1824. ] Bas ist die alte Tragödie und die alte Komödie voll von Ne- benzügen und Anspielungen, welche, gleicherweise wie die in die Dra- men Shakespeare’s (!) häufig eingestreueten temporellen Nebenbeziehun- gen, zu historischen und antiquarischen Forschungen, oder zur Zeitbe- stimmung der Stücke, worin sie vorkommen, vielfach benutzt werden. Wie manche schätzbare Notizen durch deren Beachtung aber auch schon gewonnen. oder noch zu gewinnen sind, so ist doch Vorsicht und Be- hutsamkeit dabei nöthig, um nicht zu viel zu sehn, oder zu viel und voreilig zu folgern. Wenn man gleich z. B. aus Aristophanes sehr Vieles zu ge- nauerer Kenntnifs des attischen Gerichtswesens, der Gesetze, des Hergan- ges bei den Volksversammlungen, und andrer öffentlichen Verhältnisse schöpfen kann,.so wird man, um den reinen und zuverlässigen histori- schen Ertrag aus den betreffenden Stellen zu erhalten, doch nie, in wie weit sie in die karrikirende und, ganz nach Art der Redner, im Grofsen wie im Kleinen übertreibende Tendenz der alten Komödie überhaupt, ”) Diese Abhandlung kann als Anmerkung oder Excurs zu einer vielleicht künftig zu liefernden gröfsern verwandten Inhalts betrachtet werden, woraus sie auch in der That entstanden ist. (1) S. u.a. Drake's Shakespeare and his times Vol. II, p.556. 419. 425 u.a. m. Hist. philol, Klasse 1524. A > Süvenrn über einige historische und politische oder in die jedesmalige satirische Absicht des Dichters verflochten sind, in Anschlag zu bringen vergessen. So wird u. a. niemand mit Aristo- phanes in den Acharnern Vs. 529. fg. (Leipziger Ausg.) und im Frie- den Vs. 610. den Ursprung des Peloponnesischen Krieges von der Feind- schaft der Athener mit den Megarern und dem bekannten, von Perikles bewirkten, Volksbeschlusse gegen Megara allein, noch diesen Beschlufs insonderheit wieder mit dem Komiker in der erstern Stelle von der wech- selseitigen Hetärenentführung lustiger Gesellen aus Athen und Megara, und der Eırbitterung der Aspasia darüber, oder der in der zweiten an- gegebnen Veranlassung, in Ernst ableiten wollen, da es jenem an beiden Stellen sichtlich nur darauf ankommt, die Ursach des grofsen, über ganz Hellas und seine Inseln so lange und heftig wüthenden Krieges als recht geringfügig und von blofsen Persönlichkeiten des Perikles, nicht von der Volksneigung, ausgegangen darzustellen; sondern man wird vielmehr 5 von dem erwähnten, aus der Sage der mit jener Stelle der Acharner den Athenern selbst wieder entgegenspottenden Megarer (!) geschöpftien Um- stande und der Möglichkeit, dafs solch ein Gerücht nur hat entstehn können, als sichre historische Thatsache nur den so oft von den Komi- kern bespöttelten auch politischen Einflufs der Aspasia auf Perikles_ ent- nehmen, welcher sich auch in der weit stärker begründeten und auch historisch bezeugten (2) Nachricht von ihrem Antheile an Erregung des Krieges gegen die mit ihrer Vaterstadt Milet wegen Priene entzweieten Samier kund giebt (). Eben so wenig wird man auf der andern Seite in der bekannten, wenn gleich für die Eintheilung der attischen Staats- einkünfte (‘) und, selbst gegen die Angabe eines Historikers, für deren jährlichen Erwag äufserst wichtigen Stelle der Wespen Vs. 676. fg. einige Uebertreibung in dem letztern mit Böckh (°) anzuerkennen, Bedenken tra- (1) Plutarch. Pericl. ce. 50. ( 2). „Plutarch. 1.0.€..40. (5) Anders ist auch die Notiz eines Zexici Segueriani bei Bekker Anecd. graec. BEBL..IE pP. 455, 14: Aozel d8 (@ TRaTI«) Övoiv morzmomW ceirie VESTTERER ToÜ re Ianıanzod zu ro0 Nerorovvrsiczcd, wohl nicht zu verstehn. (4) Böckh Staatshaushalt der Athener. Th.I, S.520. (5) a.a.0. S.465. Anspielungen in der alten Tragödie. 3 gen, da es hier dem Komiker oflenbar darum zu thun ist, eine mög- lichst ansehnliche Summe hervorzurechnen. Wenn und in wie weit hingegen dergleichen historische und anti- quarische Nebenzüge durch ähnliche Absichten des Dichters nicht be- rührt und von ihnen modilieirt sind, gebührt ihnen gewifs alle Auf- merksamkeit und Beachtung. So hat der Ausfall auf Hyperbolos in den Wolken Vs. 625 folg. hauptsächlich nur satirischen Werth. Wenn aber Tittmann (!) in derselben Stelle nur das Ares beachteı hätte, so würde er sie vielmehr zu Bestätigung der aus Aischines Ktesiphonu- scher Rede — woraus die a.a.O. in Beziehung auf die Pylagoren ange- führte Stelle ebenfalls mifsverstanden ist, in welcher indefs Bekker ersı die richtige Leseart ası für eirası gegeben hat — hervorgehenden (2) nur jährigen Dauer der Function eines Hieromnemon in Athen benutzt, als aus dem Scholiasten, welcher das rzres auch nicht einmal übersehn hatte, eine lebenslängliche Dauer derselben gefolgert haben. Aber auch selbst dies letztere mit Unrecht, da der Scholiast nur sagt, kein Geschicht- schreiber habe der Hieromnemonie des Hyperbolos in dem Jahre gedacht, weil dieser bei Lebzeiten des Kleon nicht hervorgeragt habe, keineswegs aber, dafs Kleon, der ja auch erst Ol. 89,5, also zwei Jahre nach Auffüh- rung der Wolken, bei Amphipolis geblieben ist, sein ganzes Leben hin- durch Hieromnemon und Hyperbolos sein Nachfolger hierin gewesen sei. Aehnlicher Beispiele, liefsen sich mehrere aufstellen. Im Allge- meinen aber, und in besondrer Hinsicht auf die alten Tragiker, scheint wohl bedacht werden zu müssen, dafs alle solche Anspielungen auf Be- gebenheiten und Verhältnisse erst durch die Zeit eine historische Be- deutung gewonnen haben, dafs sie ursprünglich auf den lebendigen Ein- druck auf das Volk bei Aufführung der Stücke berechnet, oder, um mich eines guten Ausdrucks des alten Scholiasten zum Sophokles (5) zu bedienen, zwnrizai ro Seargev waren, dafs sie der alten Komödie, welche ganz in der Gegenwart steht und sich vielfach mit ihr verschlingt, (1) Ueber den Bund der Amphiktyonen. S. 88. (2) S. Van Dale dissertatt. p. 425. Vergl. Ste Groix sur les gouvernemens fede- ratifs. p. 50. (5) Zum Oedipus Tyrannus Vs. 264. - A.2 4 Süvzenn über einige historische und politische durchaus natürlich sind, die alte Tragödie aber, welche sich ihrem in- nersten Wesen nach weit über die Gegenwart erhebt, durch dergleichen Züge, und die Nebenbeziehung auch ganzer Stücke auf bürgerliche und Staatenverhältnisse, ihre populäre Neigung, sich an dieselbe wieder an- zuschliefsen, offenbarı. Woraus folgt, dafs, wenn eine angenommene Anspielung von der Art ist, dafs sie das ein durchaus öffenliches Staats- leben führende, mit der frühern wie mit der Tagsgeschichte vertraute und aufgeweckte Volk gleich twreffen, von ihm ohne vieles Nachsinnen verstanden werden, und eine schlagende Wirkung verbreiten konnte, sie dann als eine solche anerkannt werden mag, wenn aber ihre Be- ziehung so versteckt ist, dafs deren Verständnifs auch dem damaligen Volke nicht ohne vieles und gekünsteltes Suchen klar werden konnte, sie als eine ächte, vom Dichter beabsichtigte Anspielung mit Grund be- zweifelt werden kann. Eine ächte Anspielung scheint mir z. B. nicht zu verkennen in den zwei Stellen der Perser Vs. 82. und 282. (nach der neuesten Schützi- schen Ausgabe) und Aischylos erst vollkommen verständlich zu wer- den durch Entdeckung der Beziehungen, worin diese Stellen auf die beiden kurz vor dem Einfalle des Xerxes in Attika den Athenern gege- benen und von Herodotos (VII, ı40o und ı4ı.) aufbewahrten Orakel und die den Entschlufs der Athener über die Arı der Kriegführung ent- scheidende Erklärung des Themistokles von dem Sinne des letztern stehn. Indem er nehmlich in jener erstern Stelle das in dem, von mir schon längst dazu angemerkten, und jetzt auch von Blomfield zur Bestäu- gung der Lesart angeführten, Vs.6. des erstern Orakels vom Ares prädi- cirte Zugmyeves agına diwzwv in den Worten Zupiöv I apa diwauv auf den Xerxes selbst, es erklärend (!), überträgt, und in der zweiten den die Nachricht von der Persischen Niederlage nach Susa überbringenden Boten ausrufen läfst: (1) Vergl. Herodot. VII, 100, wo berichtet wird, Nerxes habe das Heer nach dem Uebergange über den Hellespont bei Doriskos gemustert, örEeravvuv Zr’ agueres. Wenn man die Schilderung des Persischen Heeres in den Persern Vs. 11-85. mit Herodot. VI, 60—100. vergleicht, so drängt sich die Vermuthung auf, dafs dem Dichter besonders jene Musterung, wovon er auch ohne Herodots Beschreibung Kenntnifs haben konnte, vor Augen geschwebt habe. Anspielungen in der alten Tragödie. 5 "N mAeisov EX,Ios ovou@ Zarauivos zAUsv, erinnert er das Volk nicht nur an die Erfüllung jener Orakel überhaupt, sondern vornehmlich auch daran, dafs die Erklärung der Ausrufung & Sen Zarauıs im Vs. ı1. des zweiten Orakels, wodurch Themistokles (!) seinen Rath, den Schiffen das Heil der Stadt anzuvertrauen , vechifer- tigte und wider die Gegner durchsetzte, die wahre gewesen, und für die Perser durch den Erfolg alle Ursach eingetreten sey, die Insel Sala- mis zu verwünschen, wie für die Athener, nach dem Vorgange des Orakels, sie zu preisen. Die Hindeutung auf diesen, für das gesammte Schicksal des Persischen Unternehmens gegen Hellas entscheidenden, Um- stand durfte beinah in dem jene ganze grofse Begebenheit und die darin zur Sce wie zu Lande verrichteten Grofsthaten der Hellenen feiern- den Drama nicht fehlen, dessen Tendenz nicht, wie der Verfasser der Meletemata critica in Aeschyli Persas (Yratislav. 1818.) annimmt, dem Themistokles und der durch ihn wo nicht geweckten — denn dies scheint bereits durch Miltiades See-Expedition geschehn zu seyn (2) — doch entschieden verstärkten Richtung der Athener auf das Seewesen entgegengesetzt seyn konnte, schon aus dem allgemeinen Grunde nicht, weil gewifs niemand, um einen Andern von irgend einem Bestreben ab- zumahnen, diesem den eignen guten Erfolg solches Bestrebens, wenn auch das Unglück der Gegner in demselben, versinnlichen wird, daher auch Aischylos, der ja selbst in den beiden giorreichen Schlachten bei Salamis und bei Plataia mit gefochten hatte, um jene vermeinte Ab- sicht zu erreichen, seinen Landsleuten vielmehr eignes Unglück zur See und Sieg zu Lande allein, nicht die gänzliche Niederlage der Feinde auch zu Lande als durch den ersten Sieg der Hellenen zur See herbei- geführt (%), hätte vorstellen müssen, und weil er, die Kriegslist, wo- durch Themistokles den Xerxes zur Seeschlacht verlockt (*), als den ersten Anfang des Persischen Unglücks so stark hervorhebend (Vs. 551 (1) Herodot. VII, 145. Plutarch. Themistocl. 10. (2) Vergl. Heeren Handbuch der Geschichte der Staaten des Alterthums. 8. 219. (5) Vergl. Pers. 452 fg. 450 fg. 559 fg. abe VEaurızeg Sourös zurnDesis mwelov WAETE socreV. 1006. 1051., und zuletzt noch am Schlufs Vs. 1066 u. 1007. (4) Herod. VIII, 76. Diodor. AT, 19. 6 Süvenn über einige historische und politische folg.), auch den Themistokles selbst nicht undenutlich rühmt. Hiermit stimmt zusammen die Erinnerung an des Letztern Erklärung des Ora- kels. Diese konnte das Volk, dem das Andenken an die acht Jahr vor- her gewonnene Salaminische Schlacht mit allen darauf sich beziehenden Vorgängen ohne allen Zweifel gegenwärtig war, lebhaft ergreifen, und dem & rAeisov &y,Ses dvoua Zarauives »Avcıv des Persischen Boten mufste in den Gemüthern des athenischen Volks gleich das & Sem Yarauıs des Orakels entgegentönen. Dafs übrigens der Dichter seine Mitbürger durch die Perser habe erinnern wollen, nicht die Schiffe, sondern die Männer, nicht Stärke zur See alleın, sondern auch Kraft zu Lande, sey es, wor- auf das Heil der Stadt beruhe, will ich mit Obigem nicht bestreiten. Am meisten verwies er sie jedoch auf den Schutz der Götter (Vs. 545.), welche des Xerxes Uebermuth und Vertrauen auf äufsre Stärke durch die schnelle Zertrümmerung seiner ungeheuren Macht gestraft hatten. Dagegen wird meines Erachtens die Hinweisung auf Perikles und Anspielung auf den Einfall der Peloponnesier und mit ihnen verbünde- ten Boiotier in Attika im ersten Jahre des Peloponnesischen Krieges und ihren Rückzug, welche Reisig (!) in den Versen 1526-1550 des Oidi- pus auf Kolonos: At de Mupiau morEıS, zav &D Ts oirn, bediws »aIußgırav- JEol yag ev me, öde 0”, eiTogws” orav ra IE’ apeis rıs eis TO MawerIar TEamy, sieht, und wonach er die erste Aufführung dieser Tragödie schon zwi- schen das erste und zweite Jahr des Peloponnesischen Kriegs setzen zu dürfen glaubt, schon deswegen, weil sie zu gesucht und zusammengesetzt, dafs ich nicht sage verworren, und in zu unbedeutende Anknüpfungs- puncte verhüllt ist, um vom Volke gleich verstanden werden zu kön- nen, nicht zuzugeben seyn, wenn auch eine solche den Worten wie der Sache nach in der Stelle liegen könnte. Dies ist aber nicht mög- lich. Den Worten nach nicht, weil in dem Satze zav eü rıs cixf, der auf Perikles gehn soll, bei ris nicht «ung — wenn gleich Musgrave und Brunck, welcher letztere auch cx7 durch dicı#7 erklärt, hierin vor- (1) Enarratio Oedipi Colonei p. VIII sg. Anspielungen in der alten Tragödie. 7 gehn — sondern aus dem Hauptsubjeete rer«s nichts anders als rorıs verstanden werden kann, und die Erklärung des Satzes nach dem be- kannten und gar nicht seltenen moRıS EÜ, AuAds, zarws cixel von einer gut oder schlecht verfafsten und verwalteten Stadt keinem Bedenken unter- 5 worfen ist; sodann auch nicht, weil, wenn in dem Satze Sec Yag Eu uev, öde Ö’, eirogüs” das &Ö darauf, dafs die Peloponnesier bei ihrem Ein- falle in Attika die Olivenbäume verschont, und das &Le auf ihren Rück- zug, facher Bedeutung, in Verbindung mit ev von obwaltender Fürsorge, mit beides sehr gezwungen, bezogen werden könnte, eiscpws in zwie- öl: von Rache der Götter genommen werden mülste. Der Sache nach nicht, weil die Peloponnesier, da sie die Olivenpflanzungen verschont, nicht Göttliches aus den Augen gesetzt hatten, deswegen auch nicht dem auf Frevel gegen jene Pflanzungen gelegten Fluche und göttlicher Strafe anheim gefallen, sondern freiwillig aus Atuka zurückgezogen waren. Der verbannte thebanische König Oidipus will in jenen Worten nur den Theseus, nicht zu verrathen, sondern dafür zu sorgen, dals immer dem Ersten der Stadt als heiliges Geheimnifs anvertrauet bleibe was er von den Umständen seines Todes sehen werde, nnd so die Stadt Athen (rivde vorm) vor feindlicher Verheerung durch die Thebaner, als stra- fender Folge des Vervatlis, zu sichern, durch die allgemeine Vorstellung warnen, dafs unzählige Städte, wenn auch eine wohl regiert sey, leicht fehlen durch Frevel und Hintansetzung höherer göttlicher Verhältnisse, die Einer aus ihrer Mitte begehe, und welche die Götter, wenn auch spät, doch stets treffend ahnden; und die einzige Rücksicht, welche da- bei auf Thebe genommen wird, liegt nicht in dieser allgemeinen Vor- stellung, sondern in der Versicherung, dafs Theseus Athen frei von solcher göttlichen Strafe durch Verheerung von den Männern aus der Saat der Drachenzähne bei ehrfurchtvoller Bewahrung des Geheimnis- ses der Todesart des Oidipus regieren werde. Wenn, wie Reisig (!) sagt, die Aeufserungen im Vs. 598. 609. gıd. fg. und 1526. des Oedipus Coloneus beinah in der Mitte des Pelo- yonnesischen Kriegs oder um Ol. 89, 4, wohin Böckh (2) die erste Auf- ji £ S 09, 4 | 8 (D)28.20;: p: FMH. (2) Graecae trag. princ. p. 187. 4 s Süvenrv über einige historische und politische führung dieser Tragödie setzt, zu spät kommend und unpassend seyn würden, so würden sie dies nicht minder schon im ersten und zweiten Jahre des gedachten Krieges seyn, da es bereits Ol. 80, 4 zu einem hefü- gen Kriege zwischen Athen und Thebe gekommen war (!). Unmöglich ist es auch durchaus nicht, dafs Sophokles durch die Weissagung des Oidipus V. 609-615. die Thebaner würden einmal das gute Verneh- men mit Athen unter unbedeutendem Vorwande brechen, an jenen er- sten ollnen, von den Thebanern veranlafsten, aber durch die grofsen Siege des Myronides an ihnen gestraften, Ausbruch der Feindseligkei- ten zwischen Athen und Thebe nach den medischen Kriegen (?) hat zurückerinnern wollen. Allein mit Gewifsheit läfst sich dies nicht be- haupten, da nicht alle die feindseligen Aeufserungen über 'Thebe, welche neben manchen auch günstigen — z. B. Oed. Colon. 915. folg. und in den Chorgesängen der Antigone Vs. 100. fg. und 1102. fg. in der at- g. tischen Tragödie nicht selten vorkommen, nothwendig immer in beson- drer Beziehung genommen werden müssen, sondern sich oft aus der all- gemeinen, durch das Betragen der Thebaner in den medischen Kriegen genährten und von Sparta angefachten, Eifersucht zwischen Athen und Thebe genügend erklären lassen. Nicht anders verhält es sich mit den günstigen Aeufserungen der attischen Tragödie über Argos, welche ebenfalls durchaus nicht immer, sondern nur in ausgezeichneten Fällen, eine besondre Bedeutung haben können. Den Aıhenern war es, seit sich ihr Mifsverhältnifs mit den Spartanern entsponnen, angelegentlich um Freundschaft mit Argos, wie den Spartanern mit Thebe, zu ıhun. Ein Bündnifs zwischen Athen und Argos wurde Ol. 79, 4 geschlossen, und die in Aischylos Eume- niden Vs. 285-287. liegende, schon von dem Scholiasten erkannte, Be- ziehung auf dasselbe ist auch von Böckh (°) für die Annahme, dafs die Eumeniden, welche wir noch besitzen, die Ol. 8o, 2 mit der ganzen Oresteia zusammen gegebne Bearbeitung dieses Stücks sey, in Anschlag gebracht worden. Es mufs aber mit dieser Stelle die von Apollon , dem (1) Thucyd.J, 107. 108. Diodor. IX, 81 folg. (2) Denn schon vor denselben war Krieg zwischen beiden geführt. Herodot. Y,, 77 fg: ( Swalec.a 0.200: Anspielungen in der alten Tragödie. 9 Sachwalter des Orestes vor dem Gericht, kurz vor der Entscheidung Vs. 659. fg. erklärte Absicht, worin er diesen zur Stadt der Pallas ge- sandt, um nehmlich zwischen dieser und seinem Schützlinge und dessen Nachkommen eine ewige Bundesgenossenschaft zu begründen, und dann ferner der feierliche Eid, womit Orestes Vs. 752-764 Argos den Athe- nern zu solcher Bundesgenossenschaft verpflichtet, zusammengenommen werden, um die dem Aischylos bei den Eumeniden mit vorschwebende Absicht zu erkennen, jenes Bündnifs als durch die von der Schutzgöttin Athens dem Orestes auf sein Bitten erzeigte grofse Wohlthat und des- sen Gegenverpflichtung uralt begründet darzustellen. Auch für die Öko- nomie der Eumeniden sind jene Stellen von grofser Wichtigkeit. Denn die Dazwischenkunft der Göttin beruht, wie diese Vs. 591 selbst er- klärt, auf dem Gebet des Orestes und dem Versprechen, unter welchem er Vs. 285. fg. ihren Beistand erfleht, und die feierliche Vollziehung der aus jenem und der darauf erlangten Hülfe fliefsenden Verpflichtung steht ihm nothwendig gegenüber. Später eingelegt werden konnten also jene, in die Ökonomie des Ganzen wesentlich verflochtenen, Stellen nicht auf gleiche Weise, wie vielleicht mit dem Chore eine Veränderung hat vor- genommen werden können. Daraus folgt aber, dafs die Eumeniden nicht schon vor dem Jahre des Bündnisses mit Argos, oder Ol..79, 4, schon einmal gegeben, und dafs, wenn auch die von Hermann (!) aus an- dern Gründen ‚bestrittene Hypothese einer zweifachen Bearbeitung und Aufführung der Eumeniden dennoch angenommen werden mülste, ihre erste, von den beiden andern Stücken der Oresteia abgesonderte, Auf- führung auf keinen Fall schon Ol. 77, 4 geschehn seyn kann. Bemer- kenswerth ist es nun zwar, dafs nicht allein die Eumeniden, sondern auch die beiden andern Theile der Oresteia, eine deutliche durchgehende Beziehung nicht blofs auf das Agamemnonische Haus, sondern auch auf Argos haben. Im Agamemnon werden nicht nur Argos und die Argeier als Zerstörer von Ilion in mehreren Stellen verherrlicht, sondern der Schlufs dreht sich ganz um die dem feigen Aigisthos vom Chore streitig gemachte (V. 1655. 1655) Herrschaft über Argos. In den Cho&phoren (1) De choro Eumenidum Aeschyli dissert. II, p. VIII sg. Hist. phllol, Klasse 1824. B 10 Süvenrn über einige historische und politische treibt es den ÖOrestes nicht blofs, den Tod seines Vaters an dessen Mör- dern zu rächen, sondern auch die glorreichen Zerstörer Troja’s von de- ren Herrschaft zu befreien (Vs. 299. fg.), und nachdem er die beiden Tyrannen des Landes todı dargestellt (Vs. 965. fg.) wird er als Befreier von Argos anerkannt (Vs. 1059). In den Eumeniden wird er, gegen den Einspruch des ernsten strengen Chores, dafs er nicht in dem mit dem Blute seiner Mutter von ihm beneizten Lande wohnen, nicht die Ge- meinschaft der Bürger in Argos theilen könne (Vs. 645. fg.), durch die Gnade der Pallas nicht blofs entsündigt, sondern auch seinem Vaterlande wiederhergestellt (Vs. 744. fg.) ('), und dieses durch ihn den Athenern zu ewiger Beseranesiniee verpflichtet. . So hängt die ganze Öresteia auch in dieser, dem spätern demokratischen Charakter der Verfassung von Argos (?) eben so sehr, wie das Benehmen des argeiischen Königs Pelasgos in Aischylos Supplieibus , zusagenden , Beziehung zusammen, und nicht auf die Eumeniden allein ist letztere beschränkt, sondern erreicht nur in diesen ihr Ziel. Hieraus läfst sich aber nicht folgern, dafs die Eu- meniden nur mit der ganzen Oresteia zusammen, und nicht schon ein- mal vor derselben besonders, gegeben seyn können. Auch der Oedipus Coloneus steht in innerer Beziehung mit der Antigone — wie diese mit Aischylos Sieben gegen Thebe, an welche sie sich, wie ich schon an- derswo (%) bemerkt habe, unmittelbar anschliefst — und weiset durch die Bitte des Polyneikes an seine Schwestern (Vs. 1400,), wenn seines Vaters Fluch an ihm Erfüllung habe und sie selbst nach Thebe zurück- kehrten, seinen Leichnam zu bestatten, so wie durch den Schlufs, worin die Jungfrauen den Theseus um Geleit nach Thebe bitten (Vs. 1760. fg.) und dieser es ihnen gewährt, sehr bestimmt und gewissermafsen vorbe- reitend auf die Antigone hin. Demohngeachtet ist nichts gewisser, als (1) Dafs hier die von Euripides in der Klecira Vs. 1275. befolgte ‚Sage, wonach Orestes, vom Areopag losgesprochen, nach Arkadien gewandert, wohin er bei ebendem- selben im Orestes Vs. 1667. gleich nach dem Morde der Klytaimnestra und des Aigisthos, und noch ehe er sich nach Athen begiebt, gelangen soll, nicht eingemischt werden dürfe, versteht sich von selbst. (2) S. Tittmann’s ee des Alterthums 8.555 fg. (5) In der Schrift über Schiller’s Wallenstein in Hinsicht auf die griechische Tra- gödie. S. 227. Anspielungen in der alten Tragödie. 11 dafs die Antigone mehrere Jahre vor dem Oidipus auf Kolonos zum er- sten Male gegeben ist. Der schon oben angeführte Verfasser der mele- temata critica in deschyli Persas setzt (p. ı4.) die erste Aufführung der Eumeniden in Ol. 79, 4 selbst, allein aus keinem andern Grunde, als wegen ihrer Beziehung auf die durch Perikles und Ephialtes bewirkte Schmälerung des Areopag, und nicht übereinstimmend mit der gleich darauf folgenden Angabe, dafs letztere ein Jahr vor der ersten Auftüh- rung der Eumeniden also obiger Annahme zufolge Ol. 79,5 — ge- schehn sey, da sie bekanntlich erst Ol. 8o, ı vor sich ging (!). Es läfst sich indefs eine ähnliche Bewandnifs mit den Eumeniden denken, wie es mit den “Ixerıdes des Euripides gehabt haben kann, die wahrscheinlich in demselben Jahre, worin das zehn Olympiaden später, nehmlich Ol. 89, 5, mit Argos unterhandelte Bündnifs zu Stande kam (?), und, nach Hermanns Vermuthung (5), vielleicht in Gegenwart der argeiischen Ge- sandten gegeben wurden, um dies Bündnifs beiden Theilen, vornehmlich den Argeiern, als auf alten Verbindlichkeiten beruhend, und durch sie geheiligt, darzustellen. Es ist nicht zu läugnen, dafs die Annahme ei- ner gleichen Absicht des Aischylos bei den Eumeniden in Hinsicht auf das frühere Bündnifs zwischen Athen und Argos, und die darauf ge- stützte Folgerung über das Jahr einer ersten Aufführung der Eumeniden, bei welcher jedoch auch vorausgesetzt werden mufs, dafs die Schmäle- rung des Areopagos auch schon Ol. 79, 4. betrieben sey und der Tragi- ker durch die Darstellung der uralten Würde und Heiligkeit dieses Tri- bunals davon habe abmahnen wollen, etwas für sich hat — wenn anders eine solche frühere Aufführung des Stücks noch aus andern Gründen behauptet werden kann, was ich der nähern Prüfung unsers geehrten Herrn Collegen Böckh überlassen mufs, da es mir nur darauf ankam, die bei dieser Frage noch nicht genugsam erwogene Beziehung der Ore- steia und vornehmlich der Eumeniden auf Argos mehr herauszuheben und zur Sprache zu bringen. (1) Diodor. AI, 77. (2) "Böckh L. c. p..187. (5) Praefat. ad Eurip. Suppl. p. IF. B2 12 Süvsenm über einige historische und politische 27 Euripides hat aber seine Supplices offenbar ganz auf das spätere, allein nach kurzer Zeit schon wieder gebrochne, Bündnifs mit Argos, wie Aischylos die Eumeniden auf das frühere, gegründet, wahrschein- lich nicht ohne Rücksicht auf diesen. Es kommt nehmlich jenem au- genscheinlich darauf an, einerseits eine schr alte Feindschaft zwischen Thebe und Argos, und andrerseits eine eben so alte Verbindlichkeit der Argeier gegen Athen, nachzuweisen. Indem er nun die letztere von der dem Adrastos und den Argeiern durch Theseus erzeigten Wohl- that und dem dafür diesem auf Verlangen der Athene geleisteten Eide (Vs. 1201. fg. 1225. fg. 1259. ed. Herm.) in ähnlicher Form, wie Aischylos, ableitet, führt er sie in eine noch frühere Zeit, als dieser, zurück, ja knüpfı sie an die älteste nach Athen gekommene ixerei« eines Fremden (!), und wollte vielleicht Jenen dadurch überbieten. Es kann indefs auch Aischylos, welcher überhaupt auf das gute Vernehmen zwischen Argos und Athen, auch nach seinen, so aufseror- dentliche Lobpreisungen und Segnungen der Argeier enthaltenden, ihren König Pelasgos als ausnehmend fromm und bürgerlich gesinnt (?), bei- nah wie der Oidipus auf Kolonos den Theseus, darstellenden, und des- halb gewifs nicht vor Schliefsung des Bündnisses Ol. 79, 4, sondern wahr- scheinlich, wie schon Joh. v. Müller gemuthmafst, um die Zeit des- selben, gegebenen (°), Izerısı zu urtheilen, grofses Gewicht gelegt zu haben scheint, in seinen ’EAevrivicıs schon ebenfalls die von Adrastos durch Hülfe des Theseus erlangte Bestattung der in dem Kriege der Sie- ben vor Thebe Gebliebenen zur Nachweisung einer noch vor der Zeit des Orestes begründeten Verpflichtung der Argeier gegen Athen benutzt haben, woraus sich denn muthmafsen liefse, dafs die "FAsurivicı etwa gleichzeitig mit einer ersten Auffübrung der Eumeniden und den 'Izerısı seyn mögten. Eine Verwandtschaft des Inhalts mit Euripides Ixerırı, scheinen sie auf jeden Fall gehabt zu haben, aber auch eine Verschie- denheit von diesen, beides nach Plutarch im Theseus c. 29., wo es bei (1) Isocr. Panegygr. c. 15. (2) JFeschyl. Suppl. 569 fg. 400 fg. 485 fg. 526. 608 fg. 959 fg. ( 5) Joh. Müller zum Argumente von Ädischylos Supplices bei Butler. Böckh Anspielungen in der alten Tragödie. 13 den Worten: Karauugrugeusı de rav Eipimidou "Ineridwv ci Alnyuacu ’Erevaiic, ev eis xl Tara Ayav 6 Onseüs reroinra, wahrscheinlich ist, dafs die Ver- schiedenheit darin bestand, dafs nach Aischylos die Gebeine der ge- bliebenen Anführer bei Eleusis begraben wurden, welche bei Euripides (Vs. 1160. 1200. 1218.) deren Söhnen, um sie nach Argos zu bringen, überlassen werden. Sie konnte sich indefs noch weiter und auch darauf ausdehnen, dafs Aischylos der allgemeinern Sage gefolgt war, nach welcher Theseus die Leichname der Gebliebenen von Kreon durch Ueberredung und Vertrag erlangt hatte, die Euripides ihn durch Krieg gewinnen läfst. Die Vermuthung kann ich hier aber auch nicht zurückhalten, dafs Aischylos Eleusinier auch zu Sophokles Oidipus auf Kolonos in ähn- lichem Verhältnifs gestanden haben mögen, wie die Beziehung zwischen Athen und Argos zu der zwischen Athen und Thebe. Denn wie im Oidipus auf Kolonos der in attischem Boden ruhende Leichnam des vom Theseus aufgenommenen Schützlings Oidipus Athen zum Segen und feindlich gegen Thebe (Vs. 592. fg. 615. 78ı. fg. 1527. 1526.) wirken soll, so konnten in den Eleusiniern die in Atuschem Boden ebenfalls durch Vergünstigung des Theseus bestattetien Gebeine der vor Thebe ge- bliebenen Argeier als ein religiöses Band, Argos wie magisch an Athen zu knüpfen, vorgestellt seyn. Zugleich ist es mir nicht unwahrschein- lich, dafs wie Sophokles durch den Oidipus auf Kolonos seinen Demos, so der aus Bleusis gebürtige (') Aischylos durch die Eleusinier schon den seinigen hat ehren wollen. Die Verherrlichung der Mysterien in diesen lag zu nahe, als dafs es unwahrscheinlich wäre, dafs die beiden von dem Scholiasten des Sophokles zu Oedip. Colon. 1047 u. 1049 (Brunck) erhaltenen Fragmente des Aischylos ihnen angehörten (2). Wie leicht aber das athenische Volk politische Reflexionen, An- spielungen und Beziehungen der Tragödien falste, beweiset die aus Plutarch bekannte schnelle Anwendung, die es von Vs. 577 fg. in Aischylos Persern auf Aristides machte; und was der Eindruck solcher Beziehungen zu wirken vermogte, kann vor Allen das Beispiel der So- (1) 8. Butler in vitam Aeschyli ad lin. 2. (2) Butler in Jeschyli fragm. incerta CXLV. 14 Süvenrw über einige historische und politische phokleischen Antigone zeigen. Schon der nun auch von Hermann zu Vs. 175 der Antigone angeführte Demosıthenes (!) wendet die Vs. 175-190 von Kreon gesprochnen Worte auf seine Mitbürger an und sagt, sie seyen schön und recht zu ihrem Frommen gedichtet. Diese Rede des Kreon enthält zwar nur eine allgemeine, aber für Athen sehr gehörige, Erinnerung an die Pflicht der Obrigkeiten, das Interesse ihres Vater- 5 landes für ihr eigenes höchstes zu halten, und alle andern Verhältnisse 5 ihm unterzuordnen, und die Anwendung, welche Demosthenes davon macht, giebt zu erkennen, wie gut dergleichen verstanden wurde. Aber eine bestimmtere und in ihrer Beziehung auf die damaligen öffentlichen Verhältnisse in Athen vom Volke leicht zu bemerkende Anspielung scheint mir in den Vs. 657-672 zu liegen. Diese ganze Rede des Kreon für die Tugend des Gehorchens und gegen die Anarchie im Staate pafste vortrefllich auf die im Gedränge der Parteien kurz vorher noch schwan- kende Stadt, in der endlich Perikles durch Vertreibung des Thukydides seinen letzten Gegner besiegt und sich zum alleinigen Haupte des Volks erhoben hatte (?), welches sich nun, wie Plutarch (3) sagt, ‚‚mehren- ‚„‚theils willig, durch Belehrung und Ueberredung von ihm lenken liefs, „zuweilen aber auch recht sehr sperrte und dann von ihm scharf ge- „zügelt und mit Zwang angetrieben wurde.’ Gewifs ist in jener Stelle der Antigone eine weit klarere nnd unzweideutigere Hinweisung auf Perikles und das Verhältnifs des Volks zu ihm zu erkennen, als in der oben angeführten aus dem Oedipus Coloneus. Vornehmlich konnte sie in den Worten des Vs. 666. aA’ ev morıs syrEIE ToVde Kon vAveıv gleich deutlich und fühlbar werden. Dafs Kreon, der als despotisch vor- gestellte, jene Rede spricht, ist nicht hiegegen. Auf die Person, welcher die alten Tragiker irgend eine zeitgemäfse Lehre in den Mund legen, kommt cs häufig nicht an. Die von Demosthenes für heilsam den Bür- gern erklärten Verse werden ebenfalls von Kreon gesprochen, mit dessen (1) De falsa legat. p. 418. (2) S. Dodwell annal. Thucyd. ad Ol. 85, 4— 84, ı. und die daselbst commentirte Stelle des Plutarch. (5) -Pericl. ec. 15. cf. Thucyd. I, 65. Anspielungen in der alten Tragödie. 15 dramatischem Character es im Ganzen wohl übereinsimmt, auf Ordnung und Gehorsam im Staate zu dringen. Auch ist der Vs. 666. Nein, wen die Stadt geordnet, dem gehorche man, oanz dem demokratischen Geiste des Perikleischen Athen angemessen, S 5 und nur in dem Schlusse des darauf folgenden: Im Guten und Gerechten und im Gegentheil ! spricht sich despotischer Sinn aus. Wenn man nun fragt, was denn das von Perikles geleitete Volk bewogen haben könne, den Sophokles, und zwar um seiner Antigone willen, wie der Grammatiker Aristophanes in seinem Argumente der- selben bezeugt, dem Perikles als Stwategen zur Führung des Samischen Kriegs beizugesellen, so darf man wohl zweifeln, dafs sich diese Frage durch die künstlerische Vortrefllichkeit der Tragödie allein genügend be- antworten lasse, da dieser Grund von seiner Wirkung gar zu verschie- den ist, auch kein andres noch so vortreflliches Stück eines alten Dra- matikers ähnlichen Erfolg bewirkt hat. Der einzige mir bekannte Fall, welcher sich mit dem des Sophokles vergleichen liefse, würde der von Aclian (!) erzählte seyn, dafs Phrynichos wegen seiner Tragödie Myggrya zum Strategen gewählt sei, wenn nicht in Aelians Berichte, dessen Un- zuverlässigkeit sich schon durch die Erwähnung, Phrynichos sei auf der Stelle nach Aufführung des Drama von dem versammelten Publikum gewählt worden (eurws «ga KareaTnFaro To Jeargov za Engaryne ray magev- TWV, WE Fagayprua aurev eiAovro sgarnyeiv), zu erkennen giebt, der Strateg Phrynichos mit Phrynichos dem Dichter der Tragödie Myggrya (?) offen- bar zusammengezogen wäre. Und doch sollte er auch nicht wegen die- ser Tragödie im Allgemeinen, sondern um einer in ihr liegenden be- suimmten Veranlassung, nehmlich um der in ihr vorgekommenen kriege- rischen Gesänge und Tänze willen, die Strategie erhalten haben. Das athen:sche Volk mufs also, aufser dem Kunstwerthe der Antigone, wohl noch einen bestimmteren in ihr liegenden Grund gehabt haben, den (1) '-Yar. Hist. III, 8. (2) ‚Schol. Aristoph. ad Vespas 1580. cf. Schol. ad Aves 749 ed. Lips. 16 Süvenn über einige historische und politische Sophokles zum Strategen mit Perikles zu erwählen, und worin er bestan- den darüber giebt meines Erachtens nebst der bemerkten Hinweisung auf Perikles die in den beiden angeführten Stellen ausgesprochne politische und disciplinarische Gesinnung und die pragmatische Haupt - Tendenz dieses ganzen Drama, worin dieselben wesenllich eingreifen, befriedigen- den Aufschlufs. Die Handlung der Antigone besteht nehmlich in dem Conflicte des göttlichen Rechts mit dem menschlichen, motivirt in der Antigone durch Religion und Bruderliebe, im Kreon durch Gefühl für Königspflicht und Herrscherwürde, aber gereizt und getrieben von beiden Seiten durch Leidenschaftlichkeit, trotzigen Eigenwillen und Abweichung von der dem Menschen ziemenden Fwpgoruvn, deren Folgen auch beide treffen, den Kreon jedoch schwerer, weil nicht menschliche Gewalt, sondern die Machı der Götter selbst, deren Recht er verletzt hat, ihm entgegen steht, auch seine Gemüthsart die der Antigone an Heftigkeit, rascher Unbeson- nenheit und verblendeter Vermessenheit weit übertrifft. Dafs hierin die Handlung, bei der ich mir etwas zu verweilen er- laube, in Hinsicht auf die in ihr mit einander entzweieten Kräfte richüg gefafsı sei, geht schon daraus hervor, dafs weder die Eine noch die An- dre der dieselben vertretenden Hauptpersonen blofs aus persönlichen An- trieben, sondern als Repräsentanten der höhern Motive, die in ihnen wirksam sind, handel. Denn nicht durch persönliche Neigung und Bruderliebe, obwohl diese sehr grofs ist (Vs. 45. 75. 8ı. 509. fg. 895. fg. in welcher letztern Stelle jedoch das von der Frau des Intaphernes, wahrscheinlich aus mündlicher Tradition, entlehnte Argument in dem Munde der Antigone ein etwas sophistisches Ansehn hat), allein getrie- ben wagt es Antigone, des Königs Befehl verachtend, ihren Bruder zu bestatten, sondern weit mehr aus Gehorsam gegen die ewigen Gesetze der Götter und aus Scheu vor dem heiligen Rechte der Unterirdischen, das ihr höher gilt als Kreons Machtspruch und ihr eignes Leben. Das bekennt sie von Anfang (Vs. 74. und 89.), am bestimmtesten aber, als Kreon sie wegen Uebertretung seines Verbots zur Rede setzt, stellt sie ihm (Vs. 446. fg.) das Recht der Götter der Ober- und Unterwelt entgegen : Anspielungen in der alten Tragödie. 17 Nicht Zeus ja war es, der den Heroldsruf gesandt, Nicht Dike auch, Mitwohnerin der Unterwelt, Die Recht und Ordnung bei den Menschen stifteten (!) ; Noch meint’ ich habe dein Gebot so großse Kraft, Dafs über ungeschriebnes (*) ew’ges Götterrecht Ich Sterbliche vermögte keck hinwegzugehn. Denn heute nicht und gestern, sondern ewiglich Lebt dieses, niemand kundet wann es einst erschien. Und dessen wollt’ ich nimmer, keines Menschen Sinn Und Dünkel scheuend, bei den Göttern Bufse mir Verschulden u. s. w. Und in dieser Gesinnung beharrend, noch am Ende (Vs. gı6 fg.) ıhre Sache den Göttern anheimstellend, zeigt sie sich als ganz und gar dem Grundmotiv angehörend und in ihm aufgegangen, welches durch sie wirkt, und gewinnt dadurch auch für den angeborenen (Vs. 467 fg.) Trotz und Eigensinn, der sich in allen ihren Reden und Handlungen ausdrückt, einen edlern Character. Gegenseits giebt Kreon auch nichts von persönlichem Hasse gegen Polyneikes zu erkennen, sondern untersagt dessen Bestattung lediglich in n i gr e i : Ur ; (1) Im Vs. 447 ist bei oöö’ 4% Eivazos etc. aus Vs. 446 zu wiederholen yv 7 nor zngv- P ’ n he = ni r . n pi 2 er G Eoxsce rede. Sodann geht ce: im Vs. 448 nicht auf rav zarw Sev, sondern auf Zeis und Arzr, zusammen. Diese heifst hier Edvarzos rov zerw Tesv, theils weil überhaupt auch in der Un- ea terwelt Recht und Gerechtigkeit herrscht, theils und vornehmlich in wie fern sie die Rechte der Todten wahrnimmt nach dem Fragmente aus Aischylos Phrygiern bei Stobaeus Serm. eth. CXXFT., wo es von ihr heifst, dafs sie des unbeerdigten Todten Zorn vollstrecke, zur Tod Suwevros 4% Arm mgasssı »örov. Diese Dike soll auch bei Aischylos Choeph. 495 Agamenınon aus der Unterwelt seinen Rindern zur Hülfe senden. Beiden, meint Antigone, dem Zeus und dieser Dike, also dem Rechte der Götter der Ober- und Unterwelt, sind die menschlichen Rechte und Ordnungen überhaupt, sowohl die über die Lebenden als auch die über die Todten, entstammt. Ich kann daher nicht anders, als im Vs. 448 mit Erfurdt reis lesen für das immer zweideutige roYsö’. Jenes beantwortet Kreons Frage im Vs. 445 noch tref- fender und stellt dem rcJeds vouzs in derselben, worauf sich das «de Vs. 446 ohnehin schon bezieht, dem willkührlichen Gebote des Kreon, das allgemein menschliche Gesetz entgegen. (2) Zu den @ygerre Sezv verume verdient auch verglichen zu werden Oedip. tyran.558fg. und Cicero pro Milone cap. 4ı. Est igitur haec — non seripla sed nata lex, quam non didieimus, accepimus, legimus, verum ex ipsa natura arripuimus, hausimus, expressi- mus, ad quam non docti sed facti, non institut sed imbuti sumus. Einen andern Sinn haben die @ygapa vona in den Mysterien (Wyttenbach ad Phaecdon. p. 158.) und der aygadbos veuos bei Plato de Legib. JrLII: P- S41, b. Hist. philol. Klasse 1824. C 18 Süvenn über einige historische und politische der Ueberzeugung, ein guter Bürger und König müsse, gerecht gegen die Freunde wie gegen die Feinde des Vaterlandes, dem, der sich als Vaterlandsfeind bewiesen, auch mit Feindlichem vergelten, und ihn im Tode noch von dem heimischen Boden verbannt halten, den er im Le- ben bekriegt hatte. Das Dt aufs deutlichste die Rede, womit er seinen Befehl ankündigt Vs. 162-210. verglichen mit Vs. 284 fg. und Vs. 5ı4 fg. Noch ae sein ne gegen die Antigone geht von persönlicher Feindschaft aus, sondern von Behauptung des Befehls, den sie übertreten (Vs. 442 - 445). Erst als jene, in der Voraussetzung, Kreons Befehl sey hauptsächlich gegen sie und ihre Schwester, die ihres Bruders Leichnam nicht unbeerdigt lassen würden, gemeint (Vs. 5ı), gleich mit Trotz und Hohn (Vs. 466.) gegen ihn auftritt, mischt sich in sein, schon von Anfang an sich als äufserst empfindlich zeigendes, Gefühl der Herrscherwürde, mit welcher ungestrafte Verletzung der öf- fentlichen Gebote nicht bestehn könne, auch persönliche Erbitterung (Vs. 476 fg. 649 fg.), die ihn, immer mehr gereizt durch den Wider- stand der uhr Abmahnenden, so weit forweilst, dafs er nicht nur über die öffentliche Meinung, scheint (Vs. 290. 505. 686 fg.), die er aber als Herrscher nicht glaubt welche das Haus des Oedipus zu begünstigen beachten zu dürfen (Vs. 750 fg.), sich wegsetzt und die Jungfrau zu schwerer Todesstrafe verdammt, sondern auch der Warnungszeichen der Götter, von denen er schon früher sich nicht überreden konnte, dafs sie eines Vaterlandsfeindes, der auch ihre Heiligthümer zu zerstören ge- kommen wäre (Vs. 282 fg.), sich annehmen würden, nicht achtend, und den Teiresias, der durch Verkündung der Unglückszeichen ihn zur Zu- rücknahme seiner Befehle zu bewegen sucht, schmähend, die vermefsne Erwiederung der ihm verkünderen Augurien (Vs. 1005 fg.) ausstöfst (Vs. 1027): Nicht, wollten gar Zeus Adler raubend ihn hinweg Zum Frafs sich aufwärts tragen an des Gottes Thron , Nicht dann auch werd’ ich, der Entweihung sonder Scheu , Begräbnifs ihm gestatten , welche auch bei dem gleich zugefügten Grunde: da mir wohl bewußst , Dafs Götter nie ein Sterblicher entweihen kann ! Anspielungen in der alten Tragödıe. 19 nach der Volksreligion freigeisterisch und freventlich bleibt. Auf dieses Aeufserste bricht dann auch der Fluch der Götter durch den Mund ihres heiligen Sehers unverholen gegen ihn aus (Vs. 1051.): So wiss’ auch du nun sicher, dafs nicht oft sich mehr Des Sonnenwagens Räderwettlauf drehen wird (1), Bis deines eignen Blutes einen Spröfßsling du Todı Todten zur Vergeltung wiedergeben wirst; Weil du, nach unten stofsend aus der Oberwelt, Ein Leben schmählich in die Gruft gebettet hast, Dagegen einen Leichnam hier, des Todtenreichs Untheilhaft, unbestattet, ungeweiht bewahrst ! Und so wird denn auch Kreons eiserne Halsstarrigkeit durch das eilends über ihn kommende göttliche Strafgericht gebeugt und gebrochen. Das allgemein-Tragische der Handlung in der Antigone liegt also zwar in dem Doppelzwiste, worin subjective Freiheit mit objectiver Nothwendigkeit, verblendeter Eigenwille mit einem höhern Willen und Gesetze, in der Antigone mit menschlichem, im Kreon mit göttlichem, sich gestellt hat, aber ihr eigenthümlicher Inhalt besteht, wie auch (1) Erfurdt scheint mir hier doch ganz richtig rgc%evs statt rg0yoÜs geschrieben zu haben, da das letztere von dem Maafse der Räderkreise auf den Raum, den sie in ihrem Umschwung durchlaufen, und dann weiter auf die darin zurückgelegte Zeit übertragen werden müfste, das erstere aber gleich metonymisch von dieser genommen werden kann. Jenes bedeutet Radumschwingungen, Rotationen, welche römische Dichter freilich nur durch rota ausdrücken konnten, wie Firgil. Georg. IV‘, 474. Ixtonei rota orbis, wo Vofs nachzulesen ist, welcher auch diese Stelle der Antigone anführt, aber +00%eVs zu lesen scheint, wenigstens das r2. auın. “Hrrz von Tagen erklärt, wie der Scholiast, der es durch natgees giebt. Aber von Umläufen des Sonnenwagens, also von Tagen, kann hier Teiresias nach Vs. 996., den auch Schaefer anführt, nicht reden, und auch nicht wenig Tage, son- dern Augenblicke, nachher tödtet sich Haimon. Diese aber werden durch die gemeinsamen Umschwingungen (@mmArr7gas dei. @ersce irronzvovs. Zu vergleichen ist Aischylos Prometh. 150. mregcywv Socds amınrcas) der Räder am Wagen des Helios bezeichnet. Terov (das Fu- turum attieum) hat der Dichter gesetzt für Öwrerdv nach dem Begriff von ur mordv Ygaver, der dem #4 ror2.cÜs Erı rg. &u. HP. unterliegt. Du wirst nicht viele Radumschwingungen des Helios d. h. die Zeit der Radumschwingungen seines Wagens, melır zubringen. Uechri- ‚ gens vergl. über 72295 und rg0%s auch Elmsley zu Eurip. Medea 45. Ü2 20 Süvenn über einige historische und politische Solger ('!) anerkannt hat, in der Entzweiung und dem Conflicte der Religion mit dem Rechte, des göulichen absoluten und unbedingten Ge- setzes mit dem menschlichen relauven und bedingten. Eine an sich er- habene und heilige Sache sondert sich hier von der höhern, deren Aus- flufs sie ist, und von welcher sie nie getrennt seyn sollte, und dieser Gegensatz wird Empörung. Der höhern Sache nimmt ein Wesen sich an, das jener untergeordnet ist, und so edel es selbst, so grofs und schön die Sache ist, die es vertritt, doch, jener mit Hefugkeit und Trotz entgegenkämpfend, ebenfalls in Empörung erscheint. Von beiden Thei- len ist der Kampf gegen ein den Menschen Heiliges und Ehrwürdiges, der Freiheit Schranken Setzendes gerichtet, von jedem gegen eine der zwei Seiten desselben, in welche nur menschliche Willkühr solche Spal- tung und Entgegensetzung bringt und dadurch überall, wo dies geschieht, Unheil und Verderben stftet. Kreon hat einmal den Befehl gegeben ; dessen Uebertretung ungestraft lassen, würde heifsen, die Majestät des äufsern positiven Rechts und der Königswürde aufopfern, auf welche die Ruhe und Sicherheit des Staats gegründet ist. Allein dieser Befehl schmälert das höhere Recht der Götter, das Recht selbst. Die Bande des Bluts bieten für dieses eine muthige Vertheidigerin auf, die sich durch keine Vorstellungen der, zwar ihre Schwester liebenden, aber be- sonnener und vorsichtiger auch auf der Seite des weltlichen Gesetzes sich haltenden Ismene (2), abmahnen läfst, zu thun was Religion und Bruderliebe ihr gebieten. Als diese vor den Herrscher gestellt ihn durch trotzigen Sinn reizt, sucht es durch Vorstellung aller auf jenen zu wir- ken geeigneten Gründe, erst mittelst der Ismene durch die Liebe des Haimon zur Antigone, einen harten Beschlufs über diese zu verhin- dern, dann, als Kreon dennoch einen solchen fällt, mittelst seines eignen (1) Sowohl in der Vorrede zur Uebersetzung des Sophokles S.XXXJ., als auch in der, mir erst vor Kurzem bekannt gewordenen, Recension von Schlegel’s Vorlesungen über dramatische Kunst und Litteratur. in den Wiener Jahrbüchern Bd. VII, S. 102. (2) Der Zweck solcher Gegensätze der Charactere, wie sich hier zwischen der Antigone und Ismene, der Chrysothemis und Elektra in der Elektra, der Verschmitztheit des Odysseus und der Ingenuität des Neoptolemos im Philoktetes u. a. m. finden, ist nicht, wie der Scholiast zur Elektra Vs. 522. angiebt, auf blofse rhetorische Antithesen (!vsz« roI die- Anspielungen in der alten Tragödie >4 p 5 5 für das Recht der Unterirdischen nicht minder (Vs. 745.) als für die Verlobte streitenden und für den Vater besorgten, hauptsächlich das Urtheil der Bürger und die allgemeine Theilnahme an dem Schicksale der Antigone ihm vorhaltenden, Sohnes, ihn zur Zurücknahme desselben zu bewegen, endlich, da seine Vorstellunger und Bitten die Vollziehung der schweren Strafe an der Antigone nicht hemmen, diese vielmehr dem weltlichen Rechte und der weltlichen Macht erliegen mufs, witt es selbst durch seinen unmittelbaren Boten Teiresias ein, der den letzten Versuch macht gegen die Schmälerung des Rechts der Götter, und, als auch die- ser mifslingt, ihr Strafgericht ankündigt, dessen Vollstreckung, von der unerwarteten Selbstentleibung der Antigone ausgehend, dann den Haimon, darauf die Eurydike ergreifend, Kreon als ihr Ziel umschlingt und durch ihr ganzes Gewicht niederdrückt. Man kann daher der so gefafsten Handlung nicht die Einheit ab- sprechen, nicht sagen, die Tragödie sei in dem, was sie nach dem Abgange der Antigone noch ausführt, über die Grenzen der Handlung hinausgegangen. Vielmehr, ‘wenn sie mit dem Ende der Antigone sich schlösse, wäre die Handlung unvollendet geblieben, indem das mensch- liche Recht dann den Sieg davon getragen hätte und der Gegenkampf des göttlichen nur wehrlos und ohnmächtig hervorgetreten wäre, der gröfsere Sieg des letztern aber, der Natur der Sache nach, erst die Hand- lung erschöpft. Der Schein ihrer Duplicität, welchen man darin er- blicken könnte, dafs das Geschick einer andern Person, als derjenigen, wovon das Drama den Namen hat, und welche man daher als Haupt- person betrachtet, die Handlung endigt, entspringt also nur aus ihrem Gange, den aber Sophokles, um ihren Grundgedanken auszuführen, nicht anders anlegen konnte, indem Kreons Urtheil gegen die Antigone nothwendig erst vollzogen seyn mufste, ehe die Götter selbst für ihr mom AsV Tai avrıgensesi Ta Ögerscere), auch nicht darauf allein beschränkt, dafs durch den Gegensatz jeder Character in sein eigenthümliches Licht gestellt werde (Jacobs in den Nachträgen zum Sulzer Th. 4, S. 108.), sondern liegt zunächst in der Bestimmung, welche jede Person in der Handlung hat, und welche nur durch die bestimmte Bildung ihres Characters, vermöge deren sie auf andre einwirken soll, erreicht werden kann, woraus denn die Contraste, ihr gegenseitig erhellender Effect, und alles Andere, von selbst fliefsen. u v 2 Süvzenx über einige historische und politische zwiefach beleidigtes Recht eintreten (!) und durch die Folgen der Ver- urtheilung Jener ihn selbst strafen konnten. Hiemit hat es also eine ganz andre Bewandnifs, als mit manchen Stücken des Euripides, z. B. der Hekabe, in welcher die Rache der Hekabe am Polymestor mit der vorhergegangenen Opferung der Polyxena nicht den mindesten innern Zusammenhang hat. Aber Achnlichkeit mit der Form der Handlung in der Antigone haben die Trachinierinnen, wo auch aus dem Unheil, welches Deianeira dem Herakles, jedoch unwissentlich, bereitet, ihr eig- nes Verderben entspringt, nur mit dem nicht unwichtigen Unterschiede, dafs jenes später vollen Erfolg hat, als dieses. Indefs ist eben dies auch getadelt und bekanntlich von A.W.v.Schlegel mit als Grund angeführt worden, die Trachinierinnen dem Sophokles abzusprechen. Ich stimme Hermann (2) darin völlig bei, dafs es, um Sophokles zu vertheidigen, nicht nöthig ist, mit Jacob (3) — der überhaupt zu sehr geneigt ist, in den Sophokleischen Tragödien nur ethische Allegorieen, worin doch nur ihre untergeordnete Bedeutung liegen kann, zu erblicken — die grofse und unheilbringende Gewalt der Liebe als Hauptinhalt des Drama anzu- nehmen, und das Ende der arbeitvollen irdischen Laufbahn des Heros, de- ven Kreis auch hier vor ihrem Schlufse noch in der Erinnerung durchlau- fen wird (Trachin. Vs. 1055 fg. und 10So fg.), als solchen aufzugeben. Dies letztere wird in seinen näher und entfernter liegenden Ursachen in der ersten gröfsern Hälfte des Stückes vollständig entwickelt, und ist Herakles dabei auch nicht selbst auf der Bühne gegenwärtig, so ist doch alles auf ihn gerichtet; erst Sagen und Gerüchte über ihn, dann die lebendigsten Berichte stellen ihn der Phantasie immer gegenwärtiger, bis er selbst erscheint und die Krone der Handlung sich nun vor den Augen entfaltet. Hätte aber der Dichter bis dahin, wie Hermann meint dafs habe geschehn können, Deianeira aufbewahrt, so entstand ihm die grofse (1) Vergl. auch Jacoh Quaest. Sophocl. p. 552 fg. Unrichtig ist indefs seine Be- merkung, Kreon büfse nicht weil er die Bestattung des Polyneikes verboten, sondern weil er die Antigone zu hart gestraft. Dafs er für beides büfst, geht aus der oben an- geführten Stelle Antig. 1055. 1056. hervor. (2) Pracfat. ad Trachin. p. VII fg. B)lnizzen p. 263 fg. Anspielungen in der alten Tragödie. 23 Schwierigkeit, wie er sie enden lassen solle. Nach dem Beispiele des Lichas konnte sie selbst schon vorhersehn, was ihr in diesem Falle be- vorstand, und dafs der Dichter dem ungeheuren Uebelstande, es dahin kommen zu lassen, durch ihren frühern freiwilligen Tod habe vorbeugen wollen, giebt er deutlich genug durch die Erbitterung des Hyllos selbst gegen seine Mutter (751 fg. So4 fg.) ehe er durch ihren Tod den Zusam- menhang ihrer That erfährt (928 fg.), dann noch mehr durch die natür- lich gegen sie allein gerichtete hefuige Summung des Herakles selbst zu erkennen, womit er diesen, ehe er seines Geschickes inne wird, einführt (Vs. 1051-1058. 1097 fg.). Jetzt hat ihr Ende nichts Widriges, noch erfolgt es auf eine empörende Weise oder unter widerwärtigem neuen Zwiespalt zwischen Hyllos und den Ansprüchen seines Vaters und dem Mitleid gegen seine Mutter, wovon bei andrer Oekonomie des Drama das Eine oder das Andre schwerlich zu vermeiden war. Dadurch dafs allein die grofsaruige Ergebung des Herakles in sein Geschick und der freie Entschlufs, womit er dessen äufsern Erfolg zu seiner eignen That macht, an den Schlufs des Stückes tritt, wird auch dessen Hauptwirkung in einen reinern Totaleindruck versammelt, in welchem nach der Absicht des Dichters das Schicksal der Deianeira nur ein untergeordnetes Ele- ment seyn sollte (!). In der Antigone dagegen läfst sich nicht läugnen, dafs der Eindruck, den der 'Todesgang der Jungfrau, von dem, welchen das Schicksal des Kreon macht, sehr verschieden, und nicht der nie- (1) Man könnte als nicht Sophokleisch und der gehaltnen Fassung des Herakles nicht entsprechend auch rügen die gereizte und erbitterte Gemüthsstimmung des Hyllos noch Vs. 1254-1264. Diese ist jedoch aus dem natürlichen Gefühle des Jünglings bei dem plötzlichen verhängnifsvollen Ende der Mutter und des Vaters zugleich (Vs. 952.) zu er- klären und beweiset so wenig, als die von der gewöhnlichen Sophokleischen verschiedne Forn des Prologs. Ueberdem weiset Vs. 1260. r« nv odv wiAAcır ouders Aiposg aus dem Leiden der Gegenwart auf die dem Heros in seinem Flammentode bevorstehende, jedem Griechen bekannte, Vergötterung hin, in welcher verklärt ihn Sophokles im Philoktetes auf Lemnos erscheinen läfst. Auch aus der Aechnlichkeit einiger Stellen bei Euripides mit andern in den Trachinierinnen, wovon Böckh schon (graec. trag. prince. p. 246.) verglichen hat Orest. 152-175 mit Trachin. 964-990 und Alcest. 154-196 mit Trachin. 899-946, und wovon noch verglichen werden kann Zrachin. 1102 u. 1105 mit Hippolyt. 1457 u. 1458, und Trachin. 460 mit Herachd. 8, wo, auch nach jener Parallelstelle, wohl mreiswv statt m2esov, welches Elmsley hat, hergestelit werden mufs, ist nichts gegen die Aechtheit dieses Drama zu folgern. 24 Süvenx über einige historische und politische derbeugende durch den erhebendern und beruhigendern am Schlusse des Stückes, wie in den Trachinierinnen, besiegt und verschlungen ist. Brachte dies aber der, nach dem oben Bemerkten, nicht anders anzule- gende Gang der Handlung schon mit sich, so wird es überdem noch wahrscheinlich, dafs Sophokles diesen für eine besondre Absicht seiner Antigone benutzt, und deren Ausdruck vornehmlich noch in ihren Schlufs gelegt habe. Wenn nehmlich die Handlung dieses Drama zwar den allgemei- nen symbolischen Sinn der Tragödie überhaupt, welcher in der Dar- stellung des Verhältnisses der Freiheit zu den nicht von ihr abhängigen Schranken einer höhern Ordnung gegründet ist, und daher auch die Warnung vor verblendetem Eigendünkel, vermessener Selbstüberhebung und trotzigem Starrsinn, theilt, so liegt doch in dem ihr eigenthümlichen Inhalte auch noch eine besondre Bedeutung. Diese geht hervor. aus den Charakteren der Hauptpersonen, welche, wenn gleich in den Affeeten nur dem Grade nach, doch in den Motiven wesentlich verschieden und ganz den Sachen gemäls, die sie vertreten, gebildet sind, indem Antigone die Sachwalterin der Religion und Bruderliebe, voll Begeisterung und mit einem über ihr Geschlecht sie erhebenden Muthe handelt und leidet, den Kreon hingegen das Recht der menschlichen Gewalt und Ordnung, dessen Sache er führt, nur mit hochfahrendem festem Sinne und Eifer erfüllen kann, den Widerstreben erbittert, Erkenntnifs der Gefahr schnell zur Reue bringt (Vs. 1082.) und das Unglück bricht. Ferner aus dem Gange der Handlung, wie er oben im Umrifs gezeichnet ist, indem, als die Person, welche die Sache des götlichen Rechts geführt, dem welt- lichen nur zu schwer gebüfst hat, jenes selbst eingreift und den Ueber- ireter noch schwerer schlägt durch die Folgen der über jene verhäng- ten Strafe. Endlich erhellt sie aus dem verschiednen Geschicke beider. Antigone büfst, denn auch dem menschlichen Gesetze, das sie positiv übertreten, mufste Genugthuung werden. Aber gegen sie persönlich streitet nur dieses, nicht die erzürnte Macht der -Götter. Sie ist ver- flochten in die von Laios anhebende Entzweiung ihres Hauses mit der- selben, und auf ihr ruht dessen hieraus entsprungenes Geschick, dessen Wirksamkeit sie selbst durch ihre That gegen sich aufregt und dem Kreon Erfüllung giebt, und der Dichter hat auch nicht übersehn, dies Anspielungen in der alten Tragödie. 25 Drama mit dem Kreise der gröfsern Handlung, der es angehört, durch herrliche, gleich von Anfang an (Vs. 2 fg. 49 fg.) vorspielende, aber eher nicht, als da, wo sie volle Wirkung thun, nehmlich in der ge- steigerten Krisis (Vs. 589 fg.) und in dem Brennpuncte der Handlung (Vs. 849-860) recht stark hervortretende Hindeutungen zu verweben. Ihr Ende ist darum nicht fürchterlich, oder niederschlagend , sondern die über sie verhängte Todesstrafe in ein Dunkel gehüllt, das sie mit einem Schein von Heiligkeit umgiebt, wie denn dieselbe auch im Alter- thume nur über Personen, die man unmittelbar zu tödten nicht wagte, verhängt wurde, und auch von Kreon so gemeint ist (Vs.771 fg. 876 fg.). Wider diesen streitet dagegen der Zorn der Himmlischen und verhängt über ihn ein Strafgericht, das schwerer als der Tod ist. In der Antigone kann die heilige Sache, die sie vertritt, und das Erkenntnifs ihres Ge- schickes den frühern Trotz auch wieder mildern, ihr Gemüth zur Ruhe stimmen, und die Wehmuth darüber ausgiefsen, womit sie, ihre Schuld wie ihr Recht den Göttern anheimstellend (Vs. gı6 fg.) ('), sich ergiebt, und den Tod nicht scheuet bei aller Liebe zum Leben. Kreon, wie- wohl nicht für Schlechtigkeit gerechten Lohn erndtend, kann doch, im entschiedenen Bewufstseyn, dafs gebührende Strafe der Göuer ihn treffe (Vs. 1251. 1258. ı501 fg.), sich nicht, wie Antigone, über sein Schicksal erheben, sondern nur einen durch jene gebeugten und zer- knirschten Sinn zeigen. Im Todesgange der Antigone, welcher ohn- streitig das Juweel dieser Tragödie ist, wirket der Jungfrau von linder Sehnsucht nach dem noch kaum genossenen Leben (Vs. 807 fg.), aber ı) Die hier in Vs. 917. vorgeschlagene Aenderung des ra«Sovres in waSovrsc ver- 27 5 5 .. [a 2 w .. ” mattet den Gedanken und zerstört das durch r«Scvres &v Euyyvotissv ausgedrückte so oft vorkommende sprichwörtliche raScvrae naSeiv oder yravar, worüber s. Matthiae miscel. philol. Vol. II, p.4 und Blomfield zu Seschyl. Agam. 170, welcher aber unrichtig eitirt Oed. Col. 145. anstatt Trachin. 145. Dem steht das r«Scev und dgurır Vs. 919 gegenüber, welches auf das ebenfalls sprichwörtliche ögasavrı raSeiw (Stob. Ecl. phys. IV, 24. ed. Heeren. Aeschyl. Choeph. 5ır. Agam. 1565. Sophocles beim Theophilus ad J ! 8 ji li Autolycum IX, 54. ed. FVolf.) anspielt. Zuyyvoisev braucht nicht nothwendig in der 3 + ! ji IE 5 Bedeutung des äufsern Eingestehns genommen zu werden. Es ist daher auch nicht nö- u a! Rn .° a Rees 2 5 thig, aSovres auf eine Strafe in der Unterwelt zu beziehn, an welche Antigone nach V3.65.75 fg. 455 u. 389 fg. auch nur, wenn sie die Bestattung ihres Bruders unterlassen, hätte denken können. Hist, philol. Klasse 1824. D 26 Süvenn über einige historische und politische auch von der Gröfse ihrer That und Strafe, von dem Geschick ihres Hauses und der Erinnerung an ihre vorangegangenen von ihr bestatteten Lieben durchärungene Gemüthsfassung, von des Chores Gesängen, die an Verschuldung und Recht, an Unabänderlichkeit des Verhängnisses und alte Beispiele erinnern, umtönt, und eine Fülle der zartesten Bilder und Worte, wodurch sie die Vorstellung der Todesart mildern, da die Jung- frau (Vs. 8ıı fg.) ruhmvoll und mit Lobe gekrönt, nicht von nagender Krankheit verzehrt, nicht vom Schwerdtie hinweggerafft, sondern frei und lebend und in abgeschiedener Einsamkeit zum Hades hinabsteige (!), ja Alles simmt zusammen, dem an sich bejammernswürdigen Falle das Nie- derschlagende zu benehmen und ihn in einem rührenden und zugleich erhebenden Lichte darzustellen. Der Schlufs hingegen, welcher den vorher so hochfahrenden und halsstarrigen Kreon tief gebeugt, ja zer- knirscht, als ein Bild des tiefsten Jammers darstellt, hat nichts, das Ge- müth aufzurichten, sondern wirft es nieder durch das schwere Strafge- richt, über welches auch Kreon sich nicht zu erheben vermag, und überläfst es dem Gefühle der Nichtigkeit menschlicher Macht und ihrer Gebote gegen die ewige Ordnung und Macht der Götter. Und so kann Antigone Bewunderung, Kreon nur Mitleid, aber auch nicht weniger als dieses, da er wohl durch Schuld und Verblendung, aber nicht durch Schlechugkeit, in diesen Jammer versenkt ist (?), erregen. Aus dieser Haltung beider Sachen gegen einander geht hervor, dafs Sophokles zwar einerseits dem weltlichen Rechte und der bürgerlichen (1) Gegen die von Erfurdt angenommene unstatthafte Erklärung des ucvn dr Svardv in Vs. 815. durch das iöw zer zw vorw des Scholiasten, welches auch, wie Hermann bemerkt, nicht zu 4svr, sondern zu «Urgvonss gehört, beziehe ich mich auf Vs. 878 und 910. und vergleiche Trachin. 278, wo uoÜvov avSgumu auch heifst ‚von Menschen abgeschieden”, wie Philoctet. 185. uodvos «m’ «Ara. Uebrigens bemerke ich, dafs hier, wie oft bei den Alten (Schefler zu Sophocl. Electra Vs. 456. Huschke analecta critica p. ı25 fg.) der Begriff des Hades und des Grabes zusammengeflossen ist. (2) Es darf aber nicht übersehn werden, dafs der Dichter nicht ohne Rücksicht auf den seiner Stadt eingewurzelten Tyrannenhafs die Antigone mag gehoben, dagegen im Kreon den allgemeinen Typus für die Charactere der Tyrannen, wie er sich auch im Aigisthos in der Elektra, im Agamemnon im AJias, im Oidipus im Oedipus tyrannus findet, durch Herrscherstolz und selbst den Göttern Trotz bietenden hochfahrenden Sinn mag ausgedrückt haben. Dieser Einflufs nationaler Affection auf die Bildung solcher Charactere in den Anspielungen in der alten Tragödie. 27 Ordnung nichts hat vergeben, aber, in ihrer Collision mit dem göttlichen Rechte, ein bei weitem gröfseres Gewicht auf dieses hat legen wollen. Diese scheint sich am Schlusse noch am stärksten, und in die Darstellung des Kreon zwischen den Leichen seines Sohnes und seiner Gattin zusam- mengedrängt, auszudrücken. Jene geleitet der von der Gruft zurück- kehrende Vater selbst (Vs. 1242 fg.), diese erblickt er vor sich in dem nach der Bühne geöflneten Hause (Vs. 1265 fg. 1279. 1281 fg.). Solche Ausstellungen aufser der Scene getödteter Personen in der alten Tragödie haben im Allgemeinen den Zweck der Versinnlichung. Es ist nehmlich bekannt, dafs in derselben oft die wichtigsten Ereignisse einer Handlung, selbst die facuschen Resultate, in denen sie abläuft und sich erschöpft, nur durch den Mund von Mittelspersonen vor die Zuschauer gebracht werden. Die Gründe hievon sind, so viel ich sehe, nach den jedesmaligen Umständen verschieden, bald weil die Ermordung der Kin- der durch ihre Mutter, des Gatten durch die Gattin, der Mutter durch den Sohn, zu unnatürlich und gräfslich war, um öffentlich vorgestellt zu werden, bald und theils, weil eine solche That, oder eine Selbst- entlleibung, auf dem öffentlichen Platze und in Gegenwart des Chores, wo die ganze Handlung vor sich ging, hätte verhindert werden müssen, 5 sıng, bald weil der Ort ihrer Vollziehung schon der Umstände wegen von der Scene entfernt seyn mulfste. Denn dafs es nicht immer zur Ab- wendung des blutigen Schauspiels geschehn sei, darin stimme ich, wenn es gleich unumstöfslich wahr bleibt, dafs die griechische Tragödie nicht Tragödien des Sophokles ist sichtbar auch darin, dafs der Kreon in der Antigone dem ähn- licher ist, welcher im Oedipus Coloneus, als dem, welcher im Oedipus tyrannus vorge- stellt wird. Denn in diesem erscheint er noch nicht zur Herrschaft gelangt, darum noch gemäfsigter und bürgerlich gesinnter, und im Gegensatz mit Oidipus die Herrschaft gar verschmähend (Oed. tyr.582 fg.). Im Oidipus auf Kolonos dagegen sind drei Fürsten, zwei thebanische, deren Einer für unwissentlichen Frevel des Thrones beraubt und in tiefes Elend verstofsen, aber nun zur Entsündigung und zum Ziele seiner Leiden wallend, der Andre durch das Geschick des Erstern dem Throne schon nahe gebracht, aber mit aller Hitze und herrischen Willkühr, die ihn zur Ungerechtigkeit hinreifsen und den Zorn der Himmlischen über ihn bringen kann, angethan, und der Dritte, der gerechte und fromme athenische König und Landesheros Theseus, ruhig die Bahn der Religion und des Rechts wandelnd, und darum göttlicher Gnade gewürdigt, absichtvoll und sinnreich zusammengestellt. D2 28 Süvenmw über einige historische und politische durch Darstellung physischer Leiden ihre Wirkung erreichen wollte, Jacob (') nicht minder als darin bei, dafs die Ausnahme, welche Sophokles in Ansehung des Aias macht, als solche nicht getadelt werden könne. Dafs aber den Sophokles — und dies sei mir hier gelegenuich zu bemerken vergönnt — Rücksicht auf frühere Bearbeitungen desselben Gegenstandes zu dieser Ausnahme bewogen habe, muthmafset der, nicht nur von mir in der ohnehin mangelhaften Prolusio de Sophoclis Hiace Slagellifero (Thorun. ı800), sondern auch von Böttiger in der Furien- maske S. ıı, und noch unlängst von Osann in der Schrift über des Sophokles Aias S. 82. übersehene, Scholiast zum Jiax Vs. 914 (ed. Lobeck), aus welchem sich nicht nur ergiebt, dafs Aischylos die Selbst- entleibung des Aias nicht, wie Sophokles, auf der Bühne vorgestellt, sondern auch folgt, dafs er das Ende desselben in zwei Tragödien, nehm- lich wie in der bekanntern ‘Orrav zgirıs dessen Veranlassung, den Streit mit Odysseus um Achilleus Waflenrüstung, so in den, wahrscheinlich vom Chore thrakischer Weiber so benannten, Ogrrraus (?) des Aias Tod, umfafst habe. In diesen konnte dem Sophokles die, nur durch einen Boten, wie der angeführte Scholiast ausdrücklich bemerkt, berichtete (1) Quaestiones Sophocleae P. I, p. 201. (2) In diesen könnte das, den Gedanken wie der Sprache nach dem Character des Aischylos ganz entsprechende und dem Inhalt der Ozyrrc«ı vollkommen angemessene, Frag- ment eines ungenannten Tragikers wohl seine Stelle gehabt haben, welches Clemens Alexandrinus (Stromat. II, p. 462. ed. Sylburg,) erhalten hat, Brunck zu Sophocles Aiax Vs. 1416 anführt, und Osann in der oben angeführten Schrift p. 70 minder pas- send dem Aiax des Rhetor Theodektes zuschreibt. Clemens legt es ausdrücklich dem Aias in den Mund. Die von Lobeck (zum Ai. Flag. Vs. ı25) als von Bothe her- rührend, gebilligte FEmendation im Vs. 5 dieses Fragments, sumpog&s für sumpog?r, wird man schon in der oben angeführten Prolus. de Aiace flagellif. p. F. finden. Fs wäre nehmlich 2aSei« z72:5 für sich zwar verständlich, indem man gleich an die arınıc Im Vs.2 dabei denkt. Sophocl. Oed. Tyr. 1584. Taavd’ Eyu znrde unvisres &unv, wo der Scholiast #7228« erklärt durch &vzöos, zuupogev. Eurip. Hippolyt. 820. Kyrıs agasos 2E Aasoguv rwos. Nenoph. Hellen. III, ı, 9. "O doxel zrris eivar Fors amoudmas rav Auzedcı- novisw. Aber sundogods giebt keinen Sinn und das an dessen Stelle gesetzte sumpog&s wird bestätigt durch das auch von Lobeck angeführte #7725« Fulpogäs im Oed. tyr. 855, welches man eben so wenig für eine Hypallage mit Brunck nehmen kann, als den Aus- druck bei Zucian. Fugitiv. Opp. T. VIL, p. 507. ed. Bip. vr zuriöc ersıvnv 7IS Orans. Anspielungen in der alten Tragödie. 29 2 5 & That in ihren Triebfedern nicht so genau und vollständig, und in ihrer Ausführung nicht so lebendig motivirt scheinen, als er für nöthig hielt und in seinem eignen Aias durch dessen letzte Rede und die darauf un- mittelbar erfolgende Vollziehung des gefafsten Entschlusses geschehn ist. Da diese nothwendig ohne Zeugen vorgehen mufste, so konnte ein Bote, oder wer sonst den Leichnam gefunden, nichts weiter melden, als die einfache Thatsache, dafs jener in sein Schwerdt gefallen sei und nun todt da liege. Sophokles dagegen wollte nichts vermissen lassen, was die That vollkommen begreiflich und anschaulich zu machen er- forderlich war. Damit aber der aufser der Bühne vollbrachte Tod nicht ohne Aus- druck und Bezeichnung bliebe, lassen die Tragiker oft Ausrufungen der Sterbenden hören, wie Aischylos im Agamemnon und in den Cho&- phoren, Sophokles in der Elekıra, welche die mit dem, was hinter der Scene vorging, beschäftigte Phantasie der Zuschauer stark genug treffen konnten, und führen die Versinnlichung solcher hinter der Scene vorgefallnen Ereignisse, sie mögen auf die bemerkte Art vorher ange- deutet seyn oder nicht, durch nachherige Darstellung der Todten ent- weder auf der Bühne oder mittelst des &xzVzAyu« im Innern des Hauses, vollends durch. Es liegt indefs in diesen Darstellungen oft noch ein tieferer und mit dev Handlung näher zusammenhangender Zweck, als der der blofsen Versinnlichung einzelner Thatsachen. Sie sind auch sinnliche Zeichen des nun mit Aufhebung der Person, worin er seinen Sitz hatte, durch- geführten Conflictes, und des völligen Ablaufes der Handlung. In den Sieben gegen Thebe erklärt sich das Sinnbildliche der ausgestellten Leich- name der beiden Brüder, wie die im Leben feindseligen nun durch den Tod vertragen sind und in diesem ihres Vaters Fluch sich erfüllt hat, sehr deutlich in den Schlufsstrophen des Chorgesangs Vs. 910-957. Im Aias versammeln sich um den Todten auf der Stelle, wo er gefallen ist, seine Freunde wie seine Gegner, und es erfolgt in der ihm nach hefu- gem Streit von Agamemnon gewährten Bestattung, und in Odysseus g mit den Manen des Helden über dessen Leichname, die Auflösung der ganzen Entzweiung, woraus die Handlung entsprun- gen war, und somit deren Vollendung. Auf Oidipus als Bild des höherer Aussöhnun 30 Süvenn über einige historische und politische schnell wechselnden Lebensglückes, in dessen Jammer die Götter ihre Wahrhaftigkeit gegen der Menschen kurzsichtige Selbstäuschung bethä- tigt, weisel der Chor noch am Schlufs des Oedipus tyrannus Vs. 1511 fg. hin. In der Antigone sind Haimon und Eurydike nur die Opfer, durch welche Kreon die Strafe trifft, die er sich selbst bereitet. Aber der tief scebeugte und gebrochene Herrscher selbst ist das sinnlichste Bild des über ihn ergangenen göttlichen Strafgerichts und des nun völlig aufge- löseten Zwiespalts zwischen dem Rechte der Menschen und Götter, der von ihm ausgegangen war. Wie er die Handlung veranlafst hatte, so erscheint er nun als das Ziel, an dem alle ihre Folgen sich erschöpfen. Indem nun der Dichter die Person des thebanischen Königs in ihrem so, wie oben bemerkt, gehalinen Character durch die ganze Handlung des Drama durchführt ('), und, während Antigone in der- selben untergegangen, so bedeutsam zwischen den Leichnamen seines Sohnes und seiner Gattin, niedergeschmeitert durch den Untergang sei- nes Hauses, seine Schuld erkennend (Vs. 1255 fg. 1501 fg. 1521 fg.) und unter ihrem und seines Leidens Gewicht erliegend, an deren Schlufs stellt, spricht er aufs deutlichste die ihm bei dieser Person und ihrer Rolle vorschwebende Absicht aus, in ihr ein warnendes Beispiel für die Machthabenden,, nicht ihren Eigenwillen dem Willen der Götter hart- näckig entgegenzusetzen, die auf ihnen beruhende bürgerliche Ordnung und ihr Gebot nicht mit der von Menschen nicht ersonnenen des ewi- gen Rechts zu entzweien, damit sie nicht, Andre zu Uebertretungen da- durch reizend, ihnen und noch mehr sich selbst Verderben bereiten, recht lebhaft vor Augen zu bringen. Es vereinigt sich also in der Antigone Anmahnung an die Obrigkeiten zur Unterwürfigkeit unter die göulichen Gesetze und an die Bürger zum Gehorsam gegen die Obrig- keit und ihre Gebote, so wie an Beide zu der den Menschen in sei- (1) Dafs dies hervortretende Gewicht des Kreon im Innern der Handlung nicht die äufsere Rangordnung seiner Rolle bestimmte, da die Rollen der Tyrannen den dritten Rang hatten und den actorıbus tertiarum partium gegehen wurden, ist aus der oben ange- führten Stelle des Demosthenes bekannt und hat den Redner zu einer witzigen Zusammen- stellung seines Gegners Aischines mit dem Kreon in der Antigone veranlafst. Die Rolle der Antigone war immer die erste. S. Böttiger Prolusio de actoribus primarum secunda- rum et lerliarum partium (Vimar. 1797.) p. 13 sg. Anspielungen in der alten Tragödie. 31 nen Schranken haltenden Besonnenheit und Mäfsigung. Und aus dieser dem Character des bürgerlichen Lebens in Athen so sehr angemessenen pragmatischen Grundtendenz des Drama, worin die oben angemerkten Anspielungen eingreifen, erklärt sich die Wirkung vollständig, dafs Sophokles um dieser Tragödie willen zum Strategen im Samischen Feld- zuge mit Perikles gewählt ist. Man sieht, wie schön und innig die höhere symbolische mit der moralischen und politischen Bedeutung der Antigone verschmolzen ist, durch deren Vereinzelung bei Erklärung der alten Tragödien häufig gefehlt wird. Eine gleiche Richtung konnte der verloren gegangenen Euripidei- schen Antigone nicht anders als fremd seyn, nach der in dem Argu- mente des Grammatikers Aristophanes zur Antigone des Sophokles und aus ihm bei dem alten Scholiasten zu Vs. ı552. erhaltnen Notiz, welche auch unter den Beispielen von der bekannten Weise des Euripides, in verschiedenen Stücken von einander abweichenden Sagen über dieselben Gegenstände zu folgen, oder diese willkührlich verschieden zu gestalten, angemerkt zu werden verdient. Da nehmlich dieser Tragiker die Antigone in den Phoinissen den Haimon, welchem sie dort verlobt ist (Vs. 796. 958. ed. Porson), aufs bestimmieste verschmähn und dann von ihm gehn läfst, um ihren Vater in die Verbannung zu begleiten (Vs. 1636 fg.), so hatte er hingegen in seiner Antigone auf ihre und des Haimon Liebe ihre Begnadigung, nachdem sie bei der Bestattung ihres Bruders ertappt worden (!), gegründet, und sie dem Haimon vermählen lassen. (1) Zwischen den Angaben des Aristophanes und des Scholiasten ist in diesem Punete eine Verschiedenheit. Das pwg«eTeir« des Letztern kann von nichts anderem, als von der Ertappung der Antigone bei der Bestattung ihres Bruders verstanden werden. Auch Apollodor (II, 7, 1) drückt die Sache eben so einfach durch pwg«eTeir« aus. Dafs es auf die Ertappung bei der Beerdigung gehn soll, setzt dieser nach dem Zusammenhange, jener nach der Be- ziehung seines Scholion auf die Begebenheit, wie sie in der Sophokleischen Antigone dar- gestellt wird, voraus. Aber bei dem pwgaTeire uere red Atuovos des Aristophanes läfst sich an nichts Bestimmtes denken. Dafs bei Furipides Haimon, der Sohn des Kreon, den sei- nem Vater feindlichen Polyneikes gemeinschaftlich mit der Antigone sollte bestattet haben, ist gar nicht anzunehmen. Auch bei Sophokles entzweit er sich mit seinem Vater nicht des Polyneikes sondern der Antigone wegen. Die allgemeine Sage war auch, die Jungfrau habe allein die That verübt und Pausanias (IX, 25, 2) berichtet sogar, wie sie, der theba- nischen Tradition zufolge, sich dabei gemüht habe. Nur die eine Abweichung kommt bei 32 Süvenrn über einige historische und politische Die Antigone des Euripides konnte in manchem Einzelnen mit der des Sophokles übereinsiimmen. So trat in ihr höchst wahrschein- lich der Antigone angeborner Trotz ebenfalls hervor, wie sich unter andern aus dem Fragmente im Stobaeus p.500, 42. ed. Gesner To Hwgöv auro Tod margös vornu” Evi, vergl. mit Vs. 465 u. 466. und dann mit Vs. 467 u. 468 der Sophoklei- schen Antigone: AnAct ro yevınm wmov EE Wed margcs 775 wados, einew 0 coUr Erisaraı Harcıs, welche dem Euripides bei jenem Fragment im Sinne gelegen zu haben scheinen, und wonach in dem Fragmente für aöro zu lesen ist «urn, er- giebt. Allein aus der Wendung, welche die Handlung in ihr nahm, folgt, dafs die Liebe des Haimon und der Antigone in ihr ganz anders behandelt seyn mufste, als in der Antigone des Sophokles, worauf auch einige Fragmente hindeuten, von denen ich jedoch das beim Scholiasten des Pindar ('!) erhaltene ’Q al Awvys, vs Edus Meyus Jeos, Auvure, Sunreis 7’ eldauns UmosaTtes, welches Ruhnken und Valckenaer (2), dem auch Creuzer (°) bei- tritt, mit Aenderung des Arvure, in einen an den Eros gerichteten Aus- ruf verwandeln, durch Böckh’s Gegengründe überzeugt (*), jetzt aus- Hyginus (Fab. LXXI1.) vor, dafs ihr von Polyneikes Gattin Argeia Hülfe dabei geleistet sey, aus welcher Statius (Theb. X1/, 420 fg.) so viel entnommen zu haben scheint, dafs er der Argeia allein die Handlung beilegt. Deren Theilnahme daran hat auch einen natür- lichen Grund, der aber für eine Hülfleistung des Haimon, wovon sich auch sonst keine Spur zeigt, nicht vorhanden ist. Es scheint daher die von Hermann angemerkte Lesart des Dresdener Codex und bei Turnebus pug«Seire #3 Aluov: im Aristophanes, wobei aber die beiden letzten Worte mit ötöor«ı verbunden werden müssen, und wonach dann Aristo- phanes mit dem Scholiasten und mit Apollodor völlig übereinstimmt, die richtige zu seyn. (1) Zu Pyth. III, 177. (2) Diatribe etc. p. 154 fg. (3) Dionysus p. 241. Vergl. indefs Symbolik Th.5, p. 575, wo die Meinung zu schwanken scheint. (4) Ruhnken will statt Arvuse lesen Ös1.0s re, Valekenaer uoros re Sryrois oUda- uns Üroseres, gegen welche letztere Conjeetur insonderheit manches zu erinnern ist. Von der Voraussetzung Beider ausgehend, den Ausruf indefs nicht gerade der Antigone mit Anspielungen in der alten Tragödie. 33 nehme. In Sophokles Antigone macht diese Liebe kein Motiv aus, welches die Handlung entscheidet und worauf sie beruht, sondern das nur einerseits ihr Hemmungen entgegengesetzt, andrerseits sie treibt, jenes indem Ismene dadurch den Kreon abzuhalten sucht, die Antigone zu verdammen, dieses indem Haimon, als er den Vater durch Vorstel- lung andrer Gründe zu besänfugen, der Vater ihn hingegen von der Sache seiner Verlobten abzumahnen, vergebens sich bemüht, und die Handlung schon in der Vollstreckung des Urtheils und in Kreons, selbst den Göttern in ihrem Seher Teiresias entgegengesetzter, Halsstarrigkeit sich entschieden hat, durch seine Liebe zu der That hingerissen wird, mit welcher das göuliche Strafgericht über Kreon anhebt. Im Haimon spricht sich diese Liebe nur durch Andeutungen, so weit es zur Erklä- rung seines Benehmens erforderlich ist, in der Antigone nur leise, so viel nöthig war, um Haimons Verhalten nicht durch eine völlige Gleich- gültigkeit von ihrer Seite ganz unbegreiflich erscheinen zu lassen, aus (t). Valekenaer in den Mund legend, trug ich bei Vorlesung dieser Abhandlung meine Con- jectur worUs re, Suyrois F 20. Ümos. vor. Dies words re käme dem Sinne nach der Ruhnken- schen Conjeetur am nächsten. Suidas hat rorUs" podgss. In dieser Bedeutung kommt rorUs auch sonst bei Euripides vom Eros und der Aphrodite (s. Valckenaer und Monk zu Hippolyt. Vs. ı und Vs. 445), auch von Menschen (z.B. im Orestes Vs. 1199. ed. Porson. 76 mgsrov yv mworls «sn vom Menelaos) vor, und würde sich in dem Fragmente sehr passend mit dem Svyreis # ovdans Urosarös verbinden. Ueberdem liefse sich die Entstehung des A:cvure daraus leicht erklären. Böckh, welcher schon in seiner Anmer- kung zum Scholiasten des Pindar den Dionysos jenem Fragmente vindicirt, hat mich aber durch seine inzwischen in der Königl. Akademie vorgetragene Abhandlung über Sophokles Antigone vollends überzeugt, dafs kein Grund zu einer Aenderung in denselben vor- handen ist. (1) Nehmlich in Vs. 568, welchen Brunck der Ismene zutheilt, der aber, meiner Meinung nach, der Antigone nach Aldus und Turnebus wiedergegeben werden mufs. 02 B > e . . . 0 Denn das & dirr«S Atuov pafst sich nur in den Mund der Antigone, und das ayav Ye I te} ’ 24 % Aureis in der Antwort darauf kann Kreon nicht von der Ismene, sondern nur von der Antisone sagen, denn jene kränkte den Haimon nicht dadurch, dafs sie sich ihrer Schwester 5 sen, ] 3 annahm, wohl aber konnte Kreon meinen, Antigone und die Verbindung mit ihr kränke jenen, weil sie, dem Verbote seines Vaters zuwider den Feind des Vaterlandes bestattet habe, vergl. Vs. 655 fe. Gegen Brunck’s und des Scholiasten Erklärung des +6 rov Aey,os ’ te} ke) fe) 5 % läfst sich zwar srammatisch nichts erinnern. Allein unter den unzähligen Fällen, wo 5 5 > Hist. philol. Klasse 1824. E 34 Süvenrmn über einige historische und politische Die Erklärung, welche Mohnike (!) hievon giebt: ,‚‚Gleich als hielte es ‚„‚die Jungfrau für Sünde, einer irdischen Neigung Raum zu geben, jetzt „da ihr Gemüth mit Erfüllung der frommen Schwesterpflicht erfüllt „war”’, ist in Beziehung auf den gleichen Zug im Haimon nicht genü- gend, vielmehr scheint aus dem Zusammenstimmen beider Personen hierin hervorzugehn, dafs dies nicht zufällig, sondern mit Bedacht vom Dichter so angelegt sei. Den Grund hievon kann man nicht darin suchen, dafs, wie auch wohl gesagt ist, die Liebe der griechischen Tragödie fremd ge- wesen sei. Sie war es in der That nicht, und es bedarf hierüber nicht der Anführung von Beispielen. Aber freilich konnte die griechische Tragödie von der romantisch sentimentalen Liebe der neuern Zeit noch nichts wissen. Auch kannte sie erhabnere 'Themate, als dals sie jedes- mal zu zerstörter Liebe, wie zu einer unentbehrlichen Würze, ihre Zu- flucht hätte nehmen müssen. Denn den tiefen Geist und den grofsen Gang des Lebens und der Geschichte versinnbildet sie durch ihre Mei- sterwerke, wollte nicht den engen Kreis des Hauses und die Ereignisse des Tags wiederholen. Nur in wie fern jener auf der Liebe als Trieb- feder beruht, wie in den Trachinierinnen, herrscht diese in der Hand- lung mit vor, wie auch in den 'Tragödien der gröfsten Meister neuerer Zeit. Romeo und Julie z.B. würde auch auf der griechischen Bühne nicht ohne die Liebe, obwohl in andrer Form, haben bestehn kön- nen, weil um diese der historische Inhalt des Stückes und seine entge- gengesetzte Wendung, nehmlich die, die junge Liebe zerstörende, Ent- zweiung der Häuser Monteechi und Capulewi, und gegentheils ihre, durch das wagische Ende der beiden Liebenden herbeigeführte Aussöh- 240, Fov, rwös Acyos vorkommt, ist auch schwerlich einer, wo es in einem andern, als dem gewöhnlichen, Sinne genommen werden könnte. So selbst in der Antigone Vs. 626 Asyzwv sc. "Avrıyovns und Vs. 1288. ro0 wg Savovros Meyagtws #Aswöv Ayos, welche Lesart nicht mit A&yos hätte vertauscht werden dürfen, da der hier genannte Megarcus, wie Böckh bemerkt, kein Andrer ist, als der auch in Aischylos Sieben gegen Thebe Vs. 459 fg. vorkommende Sohn des Kreon, welchen auch in der Zeit seiner Verlobung, wie jetzt den Haimon, verloren zu haben, Eurydike wehklagt. (1) Geschichte der Litteratur der Griechen und Römer, Th.]1, S. 578. Anspielungen in der alten Tragödie. 3 a nung — welche letztere ich demnach nicht mit Solger (') für eine Ironisi- rung der ganzen Handlung, sondern nur in dem von A.W.v.Schlegel(?) angegebnen Sinne nehmen kann — sich dreht. Wo aber Liebe nur in die Handlung verflochten, nicht die Hauptsache darin ist, da konnte die nur auf die Hauptsache gerichtete griechische Tragödie sie auch nicht weiter hineinziehn. Und so hat Sophokles sie in der Antigone behan- delt. Nicht ob die Liebe des Haimon und der Antigone zum Ziel kom- men, sondern ob das Recht der Götter oder das menschliche Gesetz, den Sieg davon tragen werde, war hier die Frage. So weit Haimon zu ihrer Lösung mitwirkt, ist er in die Handlung verwebt. Sein Ver- hälınifs zur Antigone ist zwar der Faden, der ihn an dieselbe knüpft, aber ihr völlig untergeordnet. Und um die Haupthandlung nicht im mindesten durch ein secundäres Interesse zu stören, noch die Betrach- tung auf dieses abzulenken, hat der besonnene Dichter jene Liebe als solche zu motiviren in dem Grade vermieden, dafs er sich begnügt, sie als Triebfeder in Haimons Handlungen nicht im Dunkeln zu lassen, (Vs. 564 fg. 625 fg. 674. 742 fg. 752. 756), solche Aeufserungen der- selben aber, welche ihr Gewicht über diese Grenze hinaus verstärken könnten, vom Haimon wie von der Äntigone entfernt gehalten hat. So läfst sich auch was Hermann (%) an der Person des Haimon gerügt hat, dafs sie nehmlich keine besondre Theilnahme für sich erwecke, wohl nur als characteristisch bemerken und erklären, aber von dem Gesichtspunkte des Sophokles bei der Handlung dieser Tragödie aus nicht tadeln. Euripides hingegen kann sich bei seiner Antigone, nach ihrem Ausgange zu urtheilen, die grofse philosophische Aufgabe des Sophokles gar nicht gemacht, sondern mufs die Geschichte, nach seiner Art, rein psychologisch behandelt, und, hat er dabei auch in den Reden und Gegenreden des Kreon und der Antigone jenen sein Recht als Herr- scher, diese das Recht der Religion und Bruderliebe behaupten lassen, (1) Wiener Jahrbücher a. a. O. S. 155. (2) Characteristiken und Kritiken, Th. I, S. 508. (5) In der Commentatio de tragica et epica po@si hinter der Ausgabe der Poätik des Aristoteles, S. 259. E2 306 Süvenrw über einige historische und politische so mufs er doch den Streit durch seine Beilegung mittelst der Heirath nicht so wohl gelöset als geschlichtet haben. Bei ihm muiste auch die Liebe des Haimon und der Antigone, da von ihr die Katastrophe der Handlung abhing, als solche vollständig motivirt seyn, und beide werden wahrscheinlich nicht verfehlt haben, die Theilnahme für selbige rhetorisch genug in Anspruch zu nehmen. Was also bei Sophokles in den Hintergrund gestellt ist trat bei ihm mehr hervor, hielt seine Antigone zwar von der, in der Sophokleischen oben bemerkten, Verschie- denheit des Eindruckes der Mitte und des Ende frei, die er auch viel- leicht hat vermeiden wollen, gab ihr aber einen ganz andern weit un- tergeordnetern Character und besonders ihrem Schlusse eine weit min- dere Bedeutung. Die durch Sophokles Antigone herbeigeführte gemeinschaftliche Strategie desselben mit Perikles im Samischen Kriege dient nun auch als Datum, die Zeit der ersten Aufführung dieser Tragödie zu bestimmen, welche nachher noch viele Male gegeben seyn mag, da Demosthenes (!) bestimmt angiebt, es hätten Theodoros und Aristodemos in ihr oftmals die Rolle der Antigone gespielt, nur nicht gerade zweiunddreifsig Male, wie es in den Nachträgen zum Sulzer (?) heifst, aus Mifsverständnifs der Worte in dem Argumente des Aristophanes AsAenraı de 75 dgaua Teure roLanosev deursgev, welche nur von der Stelle der Antigone in der Zeit- folge der Sophokleischen Stücke, wovon sie auch Böckh () nach Casaubonus erklärt hat, verstanden werden können. Zu vergleichen ist der Ausdruck in dem dritten Argumente vor Aristophanes Vögeln nach der Aldina esı sei. 76 ögaua, Az, welchen Samuel Petit (*) eben so von der Stelle der Vögel als des fünfunddreifsigsten unter des Komi- kers Stücken versteht. Hieraus erklärt sich auch die eigne Bezeichnung der verlorenen Aristophanischen Komödie Tg«s durch "Agısehavrs ev 7% (1) a.a.O. Einen andern Grund s. bei Böckh graec. trag. princ. p. 159. (2) Th..11.S: 243: (5) Grace. trag. princ. p. 108. (4) Miscel. I, c. 10, p. 40. Anspielungen in der alten Tragödie. 37 I Yroz, welche sich in einem Zexzco Segueriano (1) findet, da sonst ge- wöhnlich "Agisodavns & 79 Trge oder &v Type (2) eitirt wird. Jenes 5 scheint aber die neunte Stelle in der von den Grammatikern bestimm- ten Zeitfolge der Aristophanischen Komödien zu bezeichnen, so dafs bei & © $ verstanden werden mufs dgauarı und dann Tyo@ epexe- geusch folgt. Ueber jene Zeitbestimmung hat jetzt ausführlich gehandelt Seidler p. XVII fg. der Hermannischen Ausgabe der Antigone. Zu den Re- sultaten seiner Untersuchung war ich bereits vor mehrern Jahren, wor- über ich mich auf Hrn. Butimann berufe, gröfstentheils aus denselben Gründen, mit Ausnahme der von Bekker entdeckten entscheidenden Vervollständigung des Scholion zu Aristophanes Wespen Vs. 285 — in welchem noch die Leipziger Ausgabe &mı IlegızAess «gyevres hat, da doch Perikles zur Zeit des Samischen Feldzuges Strateg und nicht Archon war, welches er auch nie gewesen ist, und schon aus Diodor das nun in der Venetianischen Handschrift gefundene Tiuoxress hergestellt wer- den konnte — nur in andrer Zusammenstellung derselben, gelangt, und stimme daher, was die Zeit des Samischen Kriegs, seine Theilung in zwei, von Diodor, wie er auch sonst nicht selten thut (3), in ein Jahr zusammengedrängten Feldzüge, deren Zusammenhang, und die Strate- gie des Sophokles im zweiten derselben, also Ol. 85, ı, betrifft, mit Seidler überein (*). Allein darin, dafs in demselben Jahre, worin der zweite Samische Feldzug und Sophokles Strategie wahrscheinlich fallen, auch die Antigone zum ersten Male gegeben sey, kann ich ihm nicht beisiimmen. Da (1) InBekker's Anecdotis graecis, Vol. I, p. 450, 16. (2) 8. die Fragmente bei Brunck. Vergl. auch Bekker's Anecdota I. c. p. 102, 15. (53) Vergl. Mitfor d's Geschichte der Griechen, übers. von Eichstaedt Th. I, S. 495, die Anmerkung. K. W. Krüger in Seebode's Archiv für Philologie und Pädagogik, Jahrg. ı, Heft 2, S. 220. (4) Ich habe hier und im Folgenden das mündlich Vorgetragene, in Hinsicht auf die von Böckh in seiner schon erwähnten Abhandlung angestellte genauere Untersuchung, sehr abgekürzt. 38 Süvenm über einige historische und politische nehmlich, wie bekannt, immer zehn Strategen auf ein ganzes Jahr er- wählt wurden, die Wahlen der Beamten für das nächste Jahr auf jeden Fall immer gegen das Ende des atuschen Jahres gehalten seyn müssen, die grofsen Dionysien aber, an welchen die Dichter mit neuen Tragödien auftraten, um mehr als drei Monate vor dem Jahresschlufs in den Elaphebolion fielen (1), so konnte Sophokles wohl in einem und demselben Jahre die Antigone geben und zum Strategen für das nächste, unmöglich aber mehr für das nehmliche Jahr gewählt werden. Dies bringt die erste Aufführung der Antigone auf jeden Fall in ein frühe- res Jahr, als welches mit grofser Wahrscheinlichkeit Ol. 84, 4. ange- nommen werden kann, da der Eindruck, welcher die Ertheilung der Strategie bewirkte, noch frisch gewesen seyn mufs, als diese erfolgte, welcher Voraussetzung auch das oben bemerkte Zeitverhältnifs entspricht. Da überdem die Meinung, wonach die Aufführung der Antigone schon 5, Ol. 84,5. geschehn seyn soll, auf die Voraussetzung, Sophokles Strate- gie gehöre schon in Ol. 84, 4, sich stützte, so mufs, wenn diese um ein Jahr weiter rückt, auch jene um eben so viel vorrücken. Auch Seidlers Correctur in der alten Biographie des Sophokles mgös Zanious statt des gewöhnlichen zg55 "Avatav halte ich für so un- zweifelhaft richtig nicht. Ist nehmlich nach Brunck die Lesart gu- . ter alter Handschriften moös "Avaviovs, so liegt, da nach Stephanus Byzantinus ’Avaios nebst ’Avairns, welches letztere sich bei Thukydides III, ı9. findet, das gentle ist, oflenbar moös ’Avaius weit näher, als das erst von Turnebus, wahrscheinlich nach der Recension des Triclinius, deren von Brunck benutzter Codex T’ ges "Avaviav hat, aufgenommene und nachher auch von Joseph Scaliger in die Deseriptio Olympiadum, allein erst zu Ol. 85,5. gesetzte, und, wie es danach scheint, mit den un- ter Ol. 84, 4. gebrachten Thaten des Perikles im Samischen Kriege aufser aller Verbindung gedachte, ges "Avarav oder die oben erwähnte Correctur, so scheinbar diese auch ist, da es allerdings auffallen mufs, einen so be- deutenden und bekannten Krieg 9, wie der Samische, von einem so wenig (1) Böckh über die Lenäen, Anthesterien und Dionysien in den Abhandlungen der historisch-philol. Klasse der K. Akademie von den Jahren 1816 und 1817, S. 59 u. 96. Anspielungen in der alten Tragödie. 39 bekannten Orte, wie Anaia, benannt zu sehn. Allein die Biographie ist aus guten alten Quellen geschöpft, und der Verfasser derjenigen, woraus die Notiz über Sophokles Strategie entlehnt ist, konnte guten Grund haben, den zweiten Samischen Feldzug durch ö mo6s ’Avalous WO- Aeucs zu bezeichnen. Denn Anaia — 4 "Avaia und ra "Avaıa (1) — an der kleinasiatischen Küste, Samos gegenüber gelegen, und durch einen Theil der von den Ephesiern aus Samos Vertriebnen unter ihrem König Leogoras befestigt (*), feblt zwar im d’Anville und Mannert und auf unsern Charten vom alten Kleinasien und Griecherland, auch auf der neuesten Kruseschen, ist aber in der Geschichte von Samos nicht unwichtig. Es war immer der Zufluchtsort der aristokratischen Partei auf Samos, welche, so oft die demokratische mit Hülfe der Athener die Oberhand gewonnen hatte, von dort aus ihr auf alle nur mögliche Art entgegenwirkte, auf Samos Unruhen unterhielt, die Flüchtlinge von da aufnahm, die Peloponnesier unterstützte, wie aus mehrern Stellen des Thukydides, vornehmlich aus IV, 75. erhellt (5). Auch auf diesen Sami- schen Krieg hatte sie bedeutenden Eimflufs. Thukydides (I, ı15) sagt ausdrücklich, dafs, als die Athener im ersten Feldzuge die Demokratie auf Samos eingerichtet hätten, einige Samier nicht da geblieben, son- dern auf das feste Land geflüchtet wären, dafs diese, nach dem Abzuge der Atlıener, sowohl mit den Vornehmsten in der Stadt, als auch mit Pissuthnes, dem Persischen Statthalter von Sardes, sich vereinbart, nach- dem sie nächtlicher Weile nach Samos übergesetzt wären, die Demo- kratie wieder gestürzt und so den zweiten Samischen Feldzug herbei- geführt hätten. Schon in dieser Beziehung konnte dieser zweite Feld- zug, als gegen die vom festen Lande Kleinasiens, also hauptsächlich von Anaia aus, seine Veranlassung herbeiführende Gegenpartei gerichtet, ö moös "Avaious WOREMOS genannt werden, auf ähnliche Art, wie Thukydides IH, 52. dieselbe den Feinden der Athener immer Vorschub leistende (1) Intpp. zu Thucyd. IIT, ıgu. 52. (2) Pausan VII, 4, 5. (5) Vergl. Lessing im Leben des Sophokles in seinen sämmtlichen Schriften, Th. 14, S.5gr fg. und Krüger in Dionysüi Halicarnassensis historiographicis p. 528. 40 :Süvenn über einige historische u, politische Anspielungen u. s. w. Partei Sauiovs EZ ’Avawv nennt. Ueberdem geht aus Thukydides weiterem Berichte hervor, dafs sich der Krieg nach den ersten Siegen des Perikles zur See und auf Samos eine Zeitlang ‚gegen Kaunos und Karien’’ zog. Hier in Karien lag aber eben nach Stephanus Byzantinus Anaia. Es kann also die Bezeichnung des zweiten Samischen Feldzugs in der Biographie durch &v 7% moös "Avalevs mereuw als von jener speciellen Be- ziehung desselben hergenommen erklärt werden. > 7 5 TI.22 22 Ueber die Antıgone des Sophokles. Von H”- BOECKH. anna nn Erste Abhandlung. anna. [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 29. Januar und ı2. Februar 1324.] 1 D.» Hellenische Alterthum liegt als eine uns fremde, bis auf einen gewissen Grad in sich abgeschlossene, eigenthümliche Welt vor uns, in der jegliche bedeutende Erscheinung eine Unendlichkeit von Aufgaben darbeut, an denen wir bereits etliche Jahrhunderte lösen, ohne dafs ein Einzelner behaupten könnte, viel gelös’t zu haben. Denn kein Beson- deres kann ohne das Allgemeine, und das Allgemeine wieder nicht ohne alle Besonderheiten begriffen werden; und was die Alten, weil ihnen das eine wie das andere unmittelbar gegenwärtig war, von selbst ein- sahen, müssen wir durch Verstand und Kunst annäherungsweise er- reichen, indem wir aus zerstreuten Einzelheiten die allgemeinen Voraus- setzungen des Verständnisses wieder zu erzeugen suchen, damit wir dann auch das Besondere lebhafter und inniger erkennen. So wird derje- nige der Wahrheit am nächsten kommen, welcher bei übrigens gleicher Kunstübung, gleicher Gabe der Anschauung und Forschung, die gröfste Uebersicht des Allgemeinen und Ganzen erworben hat, weil dieser die meisten Voraussetzungen zum Verständnifs mitbringt; ein solcher wird nicht leicht auf die Klippe der Scharfsinnigsten, die leere Spitzfindig- keit, stofsen, noch aus sich herausspinnen, was nur aus der Verbindung mannigfacher Ueberlieferungen gewonnen werden kann. Wer dürfte sich jedoch rühmen, eine genügende Uebersicht des Ganzen zu haben’ Ehe diese erreicht ist, mufs der eine den andern, und diesen wieder ein anderer ergänzen; und so wird es zuträglich sein, die Gegenstände Hist. philol. Klasse 1824. r 42 Borcexm über die Antigone . so oft zu erwägen, bis keiner mehr etwas hinzuthun kann. Zufällig kam ich ungefähr zu gleicher Zeit mit unserem Süvern auf den Ge- danken, meine Ansicht über die Sophokleische Antigone darzulegen ; nachdem ich einen Theil seiner Abhandlung gehört hatte, sah ich, dafs wir in einem Hauptpunkte, der Zeit des Stückes, wenn auch nicht völ- lig, doch nahe zusammenstimmten (!); dafs er ferner Mehreres behan- delt habe, was ich nicht in den Kreis meiner Betrachtung gezogen hatte, Anderes von mir weiter ausgeführt war, als in seinem Zwecke lag: ich glaubte also, dafs auch hier der Eine den Andern wechselseitig ergän- zen könne, und da ich überdies dieser ersten Abhandlung, welche sich nur auf etliche allgemeine Verhältnisse der Antigone bezieht, in einer zweiten Bemerkungen über einzelne Stellen beifügen wollte, mochte ich auch die erstere nicht unterdrücken, weil sie den Reiz der Neuheit verloren habe. 2. Die Antigone, nach der Ordnung der Zeit das zweiunddreifsigste Stück, und wie Aristophanes von Byzanz richüg urtheilt, eines der schönsten (2), soll dem Dichter wegen des dadurch erlangten Beifalles die Stelle eines Feldherrn in dem Samischen Kriege erworben haben: barı 08 rov SobenAsa nEiwrIar 776 Ev Zauw Sroarmyias, eüdonınyravra &v N didarzarıe 74s 'Ayrıyovas (°). Aufser der allgemeinen Gunst, welche der Dichter seines liebenswürdigen Wesens halber genofs (*), hatte hierzu gewifs das Stück selbst beigetragen; aber sogar bei der höchsten Mei- nung von dem Geschmacke der Athener ist man schwerlich zu der Vor- aussetzung berechtigt, dafs das dichterische Verdienst der Tragödie ihn dieser Auszeichnung werth zu machen schien; ihn deshalb zum Feld- 5r wohnt, an den Gedichten nicht blofs den künstlerischen Werth zu herrn zu wählen, wäre sogar lächerlich gewesen. Die Alten waren achten, sondern auch den menschlichen, für die Sitten und den Staat; (1) Von der ästhetischen Betrachtung konnte oben nicht gesprochen werden, weil der darauf bezügliche Theil der Abhandlung meines Vorgängers beim Vortrage ausge- lassen war. (2) Argum. Antig. To ne doku Fov zer Asrun Nodozrzovs. (5) -Aristoph. Byz. ebendas. S. des Ungenannten Leben des Sophokles. des Sophokles. 43 und gerade die in der Antigone dargelegten Grundsätze waren sehr ge- eignet, unsern Dichter für ein bedeutendes Amt zu empfehlen. Mit Recht hat man auf die Lehren aufmerksam gemacht, welche Kreon über die Pflichten des Staatsmannes und der Bürger im Verhältnifs zu dem Herrschenden aufstellt (162 ff. 655 ff.) (!): auch im Munde des Al- leinherrschers mufsten diese den entschiedensten Beifall der Zuschauer hervorlocken, deren Sinn ganz auf das öffenlliche Leben gerichtet war. Doch verstand Sophokles seine Zuhörer zu gut, um Kreon’s Verlangen des Gehorsams nicht zu mildern; sehr wohl hat er das Tyrannische in der Person des Alleinherrschers hervorzuheben gewufst, und in den Reden des Haemon ein demokratisches Gegengewicht gegeben ; schon der eine Vers desselben, ‚‚Nicht Staat ja ist es, welcher Eines Mannes „nur (Modus yag our 09°, Mrıs dvdpos 89° &v65),” mufste ein unauslösch- liches Bravo hervorrufen, und auch die übrige Umgebung jener Stelle (751-755.) ist auf denselben Eindruck berechnet. Allerdings sind dies untergeordnete, fast möchte man verführt sein zu sagen, Euripideische Schönheiten ; doch sind sie in diesem Stücke keine leere und für das Ganze unpassende Gemeinsprüche, wenn sie gleich mit für den Beifall geschrieben sind. Sollte man aber nicht den Athenern zutrauen dür- fen, dafs sie noch etwas mehr von der sittlichen Vortrefllichkeit dieses Stückes begriflen hätten? Wenigstens ist der Grundgedanke desselben ein solcher, der das gröfste Zutrauen zu dem Dichter erwecken, ja so- gar den Wunsch erregen mufste, ihm einen Antheil an der Staatslei- tung gegeben zu sehen, indem die Tragödie fast in allen ihren Theilen darauf hinarbeitet, besonnenen Rath und Ueberlegung (eößevric) im Ge- gensatz gegen die Leidenschaft als das Höchste und Glückseeligsie darzu- stellen , die Abmessung der Befugnisse zu empfehlen, und zu zeigen, wie heftiger Eigenwille und kühne Uebertretung göulichen oder mensch- lichen Gesetzes ins Verderben stürze: worauf ich unten zurückkommen werde. Uebrigens war Sophokles gewifs kein grofser Feldherr. Wir haben bei ihm gerade das seltene Glück, das Urtheil eines sehr verstän- digen Zeitgenossen über seinen Charakter in dessen eigenen Worten zu (1) Die Verse sind immer nach Hermann’s Zählung angegeben. F 2 44 BosEscxkmu über die Antigone besitzen. Ion von Chios (!) giebt uns einen merkwürdigen Bericht über sein Zusammensein mit Sophokles: er habe, sagt er, einen beim Weine lustigen und artigen Mann (Fadındn mag’ civov zul de£uov) gefun- den; er erzählt des Sophokles Gespräch mit einem kritischen Schul- meister, der einen Vers des Phrynichos tadelte, dessen sich unser Dich- ter beim Anschauen eines lieblichen Knaben bedient hatte; wie dann der Knabe einen Halm aus dem Becher habe nehmen wollen, und Sophokles ihm sagte, er möchte ihn herausblasen, damit er den Finger nicht benetze; indem nun aber Sophokles den Becher sich näherte und der Knabe, um den Halm wegzublasen, auch nahe an das Gesicht des Feldherrn gekommen, habe er ihn geküfst. Da nun alle lachten und Beifall klatschten, sagte Sophokles : ‚„‚Ich übe mich in der Strategie, ihr ‚Männer; dieweil Perikles sagte, ich verstände wohl die Poesie, aber „nicht die Strategie; ist mir nun dies mein Strategem nicht recht gut ‚„„gelungen?’”’” Wer sollte ihn richtiger beurtheilt haben als Perikles? Zum Ueberflufs sagt Ion noch aus eigener Person: ‚‚In Staatssachen „war er weder weise noch thatkräfug, sondern wie der erste beste der „‚guten Athenischen Bürger.’’' Schwerlich dürfte ihm also Perikles ir- gend eine kriegerische Unternehmung übertragen haben; aber als ein Mann, der sich beliebt machen und Menschen behandeln konnte, war er zu Unterhandlungen sehr geeignet, welche in allen Zeiten des At- tischen Staates einen sehr wichtigen Theil der Feldherrngeschäfte aus- machten, und in denen sich nachher Alkibiades und Timotheos Konon’s Sohn auszeichneten. Unstreitig führte Sophokles gerade die wichtigsten Unterhandlungen mit den Bundesgenossen, Lesbos und Chios; und wenn es wahr ist, dafs er sich im Samischen Kriege bereichert habe (?), gaben jene Unterhandlungen die beste Gelegenheit. Indessen glaube ich jene “ (1) Beim Athen. XIII, S.604 f. aus des Ion 'Eriörwicaaus. (2) Schol. Aristoph. Frieden 696. Asyerıcı 8, Orı dx vos Frearnyias 775 £v Dan Noyvprsaro. Perikles, der dem Sophokles in Freundlichkeit Lehren gab, scheint ihm dergleichen nicht verwiesen zu haben; wohl aber fürchtete er seine Verliebtheit, indem er ihn darauf auf- merksam machte, dafs ein Feldherr nicht blofs enthaltsame Hände, sondern auch enthalt- same Augen haben müsse. Cic. OP. 1,40. Fal. Max. IV, 5. ext.ı. Plutarch. Periel. 8. In der Antigone spricht er selbst gegen bestechliche Habsucht 295 ff. 1020 ff. des Sophokles. 4 a Sage, die nur der Scholiast des Aristophanes anführt, nicht ohne Grund bestreiten zu können ; denn sie kommt nur bei Gelegenheit eines Aristo- phanischen Stichelwortes gegen unsern Dichter vor, und scheint nur eine Vermuthung zur Erklärung desselben zu sein. Aristophanes läfst nehm- lich durch den Hermes eine Anfrage bestellen, was Sophokles mache; es wird geantwortet, es gebe ihm vortrefllich: er sei aus einem Sophokles ein Simonides geworden, weil er alt und ranziıg um den Gewinn wol selbsı auf einer Binsenmatte schiffte. Da jedoch der Aristophanische Friede, worin diese Posse enthalten ist, erst Olymp. 90, ı. etwa zwanzig Jahre nach dem Samischen Kriege aufgeführt worden, so erkennt man leicht, dafs Aristophanes an jene angebliche Thatsache nicht gedacht haben kann. Dafs auch Xenophanes den Sophokles wegen des Geizes getadelt habe, ist blofs ein Mifsverständnifs des Florens Christianus: Xenophanes sprach von seinem Zeitgenossen Simonides. Aristophanes dagegen giebt dem Greise Sophokles, wie klar ist, allerdings Gewinn- sucht schuld; anscheinend im Widerspruch mit der bekannten Erzäh- lung, wonach Sophokles von seinen Söhnen, und namentlich von Iophon wegen Vernachlässigung seines Vermögens belangt worden sein soll, mit dem Antrage ihm als geistesschwach die Verwaltung desselben zu nehmen: bei welcher Gelegenheit er sich durch Vorlesung der Pa- rodos des Oedipus auf Kolonos vertheidigt haben soll ('). Mir scheint jedoch dieser Widerspruch so wenig von Bedeutung, Vermuthung wage, der Geiz des Sophokles habe mit seiner Verschwen- dafs ich sogar die dung sehr nahe zusammengehangen: denn da er unläugbar in seinem Alter wie in der Jugend der Liebe sehr unterthan war, mögen ihm die Damen nicht wenig gekostet, die Söhne aber zugleich seine Kargheit empfunden haben; dadurch gereizt, konnten sie allerdings eine solche Klage anstellen, um in den Besitz des Vermögens zu kommen, und ge- rade bei dieser Gelegenheit könnte Sophokles zugleich als Verschwender und als habsüchüg in übeln Ruf gekommen sein. Auflallend stimmt gerade die Zeit damit überein, welche ich (?) dem Oedipus auf Kolonos (1) Cicero de senect.7. der Un genannte im Leben d.Soph. Schol. Aristoph. Frösche 75. Lucian Macrob. 24. Plutarch An seni sit resp. ger.. (2) Gr. trag. pr.S. 187. 46 Borcxm über die Antigone anzuweisen versucht habe, Olymp. 89,4. Wenn diese Bestimmung auch unsicher ist, so halte ich sie dennoch durch das, was Reisig (!) dage- gen bemerkt, nicht für widerlegt; wogegen Süvern, wie ich glaube, richtig gezeigt hat, dafs Reisig’s eigene Annahme unhalıbar ist. 3. Geleitet von dem Samischen Kriege haben Petitus(), Bentley (), Musgrave (*), die Aufführung der Antigone in Olymp. 84, 5. gesetzt; welchen ich (5) so weit beigetreten bin, dafs ich diese Bestimmung als eine ungefähre anerkannte, und die Antigone zweifelhaft in Olymp. 84,5. ja noch unbestimmter ‚,‚circa Olymp. 84. exeuntem’’ stellte. Die sorg- fältige Untersuchung von Seidler, bei welcher auch Hermann () sich beruhigt, liefert dagegen das Ergebnils, dafs sie in Olymp. 85, ı. gehöre. Gesetzt auch, dafs Seidler’s Bestimmung der Zeiten des Samischen Krieges sicher wäre, so würde er dennoch, wie Süvern bereits be- merkt hat, das Stück ein Jahr zu spät setzen; nachdem ich aber den ganzen Verlauf der Samischen Feldzüge von neuem genauer erwogen, und die Zeiten derselben zu bestimmen gesucht habe, sehe ich, dafs die Antigone eben so gut, ja besser zwei Jahre früher gesetzt werden kann; dies zu zeigen, bedarf es freilich einer gröfsern Ausführlichkeit, als die Geringfügigkeit des Gegenstandes vielleicht verdient. Nach dem Eu- böischen Kriege schlossen die Spartaner und Athener den bekannten dreifsigjährigen Friedensvertrag; im funfzehnten Jahre desselben beginnt dem Thukydides zufolge (7) der Peloponnesische Krieg, im Frühjahr Olymp. 87, ı. zwei Monate ehe der Archon Pythodoros sein Amt nie- derlegte. Da Thukydides sagt, vierzehn Jahre sei der Vertrag gehalten worden, im funfzehnten aber seien Feindseeligkeiten ausgebrochen, hat Dodwell von der angegebenen Zeit gerade vierzehn Jahre zurück ge- (1) Oed. Col. Enarr: S. VII. (2): Misc. LIT, 18: (5) Epist. ad Mill. S.528. Lips. (4) Chronol. scenic. (5) -Gr- trag.. pr. S. .107. ‚108. 137. (6) Vorrede z. Antig. (gi) 22.2: des Sophokles. 47 rechnet, und setzt daher die Abschliefsung des Vertrages Olymp. 55, 5. um den zehnten Olympischen Monat. Worin liegt aber die Gewähr- leistung, dafs beim Ausbruch der Feindseeligkeiten gerade nur vierzehn Jahre seit jenem Bündnisse verflossen waren? 'Thukydides meint oflen- bar nichts weiter, als dafs der Vertrag so viel volle Jahre gehalten und im folgenden verletzt wurde ; wie viel Monate des funfzehnten Jahres bereits abgelaufen waren, dies zu bestimmen lag nicht in seinem Zwecke. Eben so gut kann man daher annehmen, dafs der Friedensvertrag schon sechs Monate früher, im vierten Olympischen Monat geschlossen war ; ja man kann noch viele Annahmen zum Grunde legen: aber um die Voraussetzungen nicht zu vervielfäligen, wollen wir nur von diesen beiden ausgehen, dafs der Friedensvertrag Olymp. 85, 5. entweder im Frühjahr um den zehnten, oder schon im vorhergegangenen Spätjahr, um den vierten Olympischen Monat geschlossen war. Wir lassen jetzt aber die letztere Voraussetzung vor der Hand aus den Augen, um auf sie später zurückzukommen, und halten uns lediglich an die erstere, um nach dieser die Zeiten der Samischen Kämpfe zu bestimmen. Im sechsten Jahre jenes Vertrages nehmlich entstand der Krieg der Samier und Milesier über Priene (!), welchen aufser Thukydides Diodor (2) und Plutarch (°) mit ziemlicher Uebereinstimmung erzählen; dies sechste Jahr würde nach der erstern Annahme im Frühjahr Olymp. 84, 4. beginnen, für welches Jahr Timokles als Archon angegeben wird. Ehe wir aber einen Schriti weiter in dieser verwickelten Untersuchung gehen können, müssen wir uns über die Zeit des Archontenwechsels in Athen verständigen, indem wir sonst bei der Nennung eines Archon uns die Zeit nicht mit Be- stimmtheit denken können. Denn da der Schaltmonat nach dem Po- seideon folgt, hat man nicht ohne Grund angenommen, dafs das alte Attische Jahr mit dem Gamelion begonnen habe; und weil der Meto- ı. anfängt, und dieses Jahr das nische Cyclus gerade mit Olymp. 87, (1) Thukyd.T, 115 £. (2), XU,27.£. (5) Perikl. 25 £f: Be 48 Borcxkmu über die Antıgone erste ist, von welchem man weils, dafs es mit dem Hekatombäon an- fing, haben Dodwell und Corsini (!) dieses Jahr als den Wendepunct des Attischen Kalenders angesehen, und lassen die Jahre vorher mit dem Gamelion beginnen. Man kommt hierbei in die Verlegenheit, ob man dem letzten Archon vor Pythodoros, nehmlich Apseudes, sechs oder achtzehn Monate geben soll; wodurch sich alle frühere Archonten um ein Jahr weiter herunter oder hinauf schieben; Dodwell ıhut jenes, Corsini dieses; des erstern Annahme hat Corsini (2) hinreichend wi- derlegt, und die letztere halte ich schon darum für grundlos, weil die demokratische Eifersucht der Athener schwerlich einer Kalenderverän- derung zuliebe die Archonten ein halbes Jahr über ihre Zeit im Amte gelassen, sondern sie lieber für diese sechs Monate neue Archonten ge- seizt haben würden. Indessen quälte mich die Unentschiedenheit, ob zur Zeit der Samischen Kriege die Archonten mit dem Gamelion oder Hekatombäon eintraten, ungemein, weil die chronologischen Besimmun- gen darnach sich ganz verschieden gestalten , bis ich endlich bemerkte, dafs ich diese Sache, die für die Attische Chronologie nicht unwichtig ist, längst selber ohne es zu merken entschieden hatte. Ich habe nehm- lich unter der Voraussetzung, dafs das Jahr mit dem Hekatombäon be- ginne, gezeigt (?), dafs die Marathonische Schlacht in der Mitte des Mo- nates Metageitnion geliefert wurde, und zwar in der zweiten Prytanie: dahin führen auch unabhängig von jener Voraussetzung die übrigen Um- stände: hätte aber das Jahr damals mit dem Gamelion begonnen, so fiele die zweite Prytanie in den Winter, in welchen das Treffen zu setzen ohnehin unmöglich ist, da die Perser nicht im Winter angriffen. Daher ist schon für das Jahr Olymp. 72, 5. bewiesen, dafs das Attische Jahr mit dem Hekatombäon begann; die Attischen Archonten stimmen (1) Ihnen bin ich auch im Proocm. Pind. Th. 11. Bd. II, S. 15. gefolgt; was ich hier- mit zurücknehme. (2) F.A.Bd. 1, S. 93. (5) Vorrede z. Lectionsverzeichnifs der hiesigen Universität, Sommer 1816. Der Tag der Schlacht ist jedoch zu berichtigen; es ist nehmlich der 16. oder 17. statt des ı8. zu setzen, weil der Vollmond den 135. oder ı4. emtritt. des Sophokles. 49 also schon seit dieser Zeit mit den Olympischen Jahren überein, und wir können bei unserer Betrachtung die gewöhnlichen Angaben der Archonten für die Olympischen Jahre unbesorgt befolgen. Wenn nun das sechste Jahr des dreifsigjährigen Bündnisses erst mit dem Frühjahr des Jahres Olymp. 84,4. beginnt, der Samische Krieg aber in diesem anfängt, und zwar, wie Diodor und der Scholiast des Aristophanes uns bezeugen, unter dem Archon Timokles: so mufste dieser Kampf gerade nicht frü- her und nicht später als in dem Frühlingsviertel jenes Jahres beginnen, in welchem man auch die Kämpfe anzufangen pflegte: nicht früher, weil er sonst ins fünfte Jahr des Bündnisses zurückreichte; nicht später, weil er sonst nicht mehr unter Timokles fiele. Zuerst nun wurden die Milesier von den Samiern besiegt, und wenden sich von den Samischen Demokraten unterstützt an Athen; die Athener ziehen daher mit vierzig Schiffen gegen Samos, setzen dort eine Volksherrschaft ein, nehmen funfzig Männer und ebensoviel Knaben als Geisel, welche sie nach Lemnos bringen; in Samos lassen sie eine Attische Besatzung, und nehmen nach Diodor achtzig Talente Contribution. Als Anführer wird Perikles von Plutarch und Diodor genannt, von letzterem mit den Wor- ten: TlegızAca rooyanırdmever orgarnyov; alles vollendet er, wie Diodor sagt, in wenigen Tagen, und kehrt nach Athen zurück. Ich wüfste nicht, was dagegen wäre, dafs alles dies in den drei Frühlingsmonaten unter dem Archon Timokles geschehen wäre; ja es bedurfte nicht ein- mal so langer Zeit. Aber Einige der Samier, nehmlich die oligarchisch Gesinnten, waren nach dem festen Lande in die Verbannung gegangen, machten Bundesgenossenschaft mit Pissuthnes in Sardes, und nachdem sie siebenhundert Mann Hülfstruppen zusammengebracht, bemächugten sie sich ihrer Vaterstadt bei Nacht, stahlen, was natürlich sehr rasch geschehen mufste, die Geisel von Lemnos weg, lieferten die Attische Besatzung und Befehlshaber dem Pissuthnes aus, und rüsteten sich als- ke) bald gegen Milet. Dafs dies alles schnell g der Natur der Sache; zum Ueberflufs bezeugt Plutarch, gleich nach eschehen mufste, liegt in Perikles Abzug seien die Samier abgefallen. Wollen wir daher diese Be- gebenheiten nicht noch unter Timokles setzen, so müfsten sie wenigstens in den Anfang des Archon Morychides Olymp. 85, ı. fallen. Nunmehr 5 ha 2 “ B n 4 zogen die Athener zum zweiten Male unter Perikles (rarıv rgoxeagıra- Hist. philol. Klasse 1824. G 50 Borcxku über die Antıgone neveı argarnyov, sagt Diodor) mit sechzig Schiffen gegen Samos (!); sech- zehn derselben wurden versandt, theils nach Karien, um die Phönicische Flotte zu beobachten, theils nach Chios und Lesbos, um Hülfe von dort auszuwirken; Perikles aber, der wie Thukydides sagt, selbzehnt Feld- herr war, griff die eben schon von Milet her kommende siebzig Schiffe starke Samische Flotte mit seinen vierundvierzig Schiffen bei der Insel Tragia an, und besiegte sie. Die Samier mochten vorzüglich durch die Schwere eines Theiles ihrer Schiffe im Nachtheil sein; denn zwanzig der ihrigen hatten Landungstruppen an Bord. Hernach kamen von Athen noch vierzig, von Chios und Lesbos fünfundzwanzig Schiffe; so ver- stärkt landen die Athener, und fangen nach einem siegreichen Gefechte an, die Stadt aus drei Befestigungen und mit den Maschinen des Ar- temon zu belagern, zu Lande und zugleich zu Wasser. Da wurde dem Perikles berichtet, dafs Phönieische Schiffe im Anzug wären, welchen Stesagoras von Samos mit fünf Schiffen und aufserdem Andere entge- gegengefahren waren: daher zog er in Eile (zar«a ray,es Thukydides), einige Tage nach Anfang der Belagerung (nera rwas yusgas Diodor), dem Feinde gen Kaunos und Karien entgegen. Die Gröfse des Vergehens der Samier gegen Athen und die damalige Schnelligkeit der Athener läfsı an- nehmen, dafs dies alles in kurzer Zeit bewirkt wurde; und wir werden viel zugeben, wenn wir dazu die ersten drei Monate unter Morychides einräumen. Nach dem Abzuge des Perikles machen die Samier einen Ausfall, durchbrechen die Blokade und schlagen die Athenische Flotte unter der Anführung des Philosophen Melissos, der schon früher mit vorübergehendem Erfolge gegen Perikles gefochten hatte; vierzehn Tage sind sie nun Herren des Meeres und verproviantiren die Stadt. Aber Perikles kehrt, sobald er Nachricht von den Vortheilen der Samier erhalten hat, sogleich in Eile zurück (eüSÜs ürerrgeVe Diodor, &ßenSeı xara@ 7@y,es Plutarch), und schliefst Samos von neuem zur See ein; dem- nächst kommen noch vierzig Schiffe von Athen unter Thukydides, Agnon und Phormion, und zwanzig unter Antikles und Tlepolemos, desgleichen dreifsig von Lesbos und Chios; Diodor läfsı sie alle schnell und bald nach Perikles Rückkehr von Karien eintreffen oder absenden. (1) Zhukyd. 1, 116. za des Sophokles. 51 Noch versuchen die Samier ein kurzes Seetreffen, und werden im neun- ten Monate durch Belagerung bezwungen, ihre Mauern geschleift, die Flotte genommen; sie geben Geisel und verpflichten sich zur Zahlung der Kriegskosten in bestimmten Fristen. Am natürlichsten rechnet man jene neun Monate von der Schlacht bei Tragia an: und so würde die Unterwerfung von Samos in das Frühjahr Olymp. 85, ı. fallen. An ein Hinschleppen durch mehrere Jahre ist um so weniger zu denken, da Perikles wegen der Kürze der Zeit, worin er so Grofses vollbracht, sich rühmen konnte; und wenn wir auch nicht mit Dodwell (!) an die Vollendung beider Feldzüge unter Einer Strategie denken möchten, in- dem der Scholiast des Aristophanes (*) ausdrücklich bemerkt, dafs der Samische Krieg unter zwei Archonten, Timokles und Morychides geführt wurde, so können wir ebenso wenig Seidler’n zugeben, dafs was vor der Belagerung vorfiel, nicht habe in drei Monaten geschehen können, „‚praesertim si quis locorum intervalla caelique et tempestatum permutationes ‚„‚aliaque hiiuscemodi, quae moras afferunt, obstacula secum perpendat.” Im Gegentheil liegen alle Orte nicht weit auseinander, und die Jahres- zeit, wie sie nach der bisherigen Voraussetzung angenommen worden, ist vorzüglich günstig, da wir den Anfang der Feldzüge in das letzte Vierteljahr des Archon Timokles setzten; endlich geben die Schriftsteller geradezu überall an, dafs alles rasch auf einander folgte. 4. Nach den bisherigen Annahmen fiele also die Hauptmasse der Kämpfe unter Morychides, und nur der erste kurze Krieg unter Timokles. Wiewohl nun Diodor häufig Begebenheiten, die unter zwei Archonten vorfielen, unter Einem zusammenfafst, weil der Zusammenhang der Er- äugnisse nicht unterbrochen werden sollte, die Haupikämpfe vom Früh- jahr bis zum Spätjahr aufeinander folgen und gerade in der Mitte die- ses Zeitraums die Archonten wechseln: so hätte doch Diodor sehr un- geschickt erzählt, wenn die bisherigen Voraussetzungen richtig wären. Denn da die Haupibegebenheiten unter Morychides fallen, und nur der erste Feldzug unter Timokles: so war es ungeschickt, alles unter diesem (1) Annal. Thuc. S. 684. in der Leipz. Ausgabe des Thukyd. (2) Pr a - . \ x ! > ’ Wespen 285. aus Bekker’s Venet. Handschrift: r« ö2 reg: Zauov Evvenmmdszerw \ ‚ a ae ’ er ee ir I mgoregov Emı Tiuoxrsous yeyove zu Eme Tod &Ens Aoguyıdou (Moguxide). G2 52 Boscxm über die Antıgone zu erzählen ; vielmehr mufste er entweder alles unter Morychides brin- gen, oder wenigstens den zweiten Feldzug, da der erste für sich ein Ganzes bildete, was leicht abgesondert werden konnte. Dies überzeugt mich, dafs wir die andere Voraussetzung ergreifen müssen, wonach der dreifsigjährige Vertrag etliche Monate früher als Dodwell meinte, geschlossen war: wir wollen ihn in den vierten Olympischen Monat Olymp. 85, 5. setzen, das heifst ins Späyjahr. Dann würde der Streit zwischen Samos und Mılet, benachbarten Staaten, die in jeder Jahres- zeit sich angreifen können, ins Späyahr Olymp. 84, A, hinaufgerückt ; der zweite Zug der Athener fiele dann auf jeden Fali noch unter den Archon Timokles; aber die Einnahme und gänzliche Unterwerfung von Samos erst unter Morychides. Man wende nicht ein, dafs hierdurch Winterfeldzüge entständen; auch unter der erstern, ja unter jeder mög- lichen Voraussetzung mufs ein Winterfeldzug angenommen werden. Wir wollen die Zeiten der verschiedenen Begebenheiten nach dieser Voraus- setzung nicht bis ins Einzelne verfolgen; nur soviel bemerke ich, dafs nach ihr der Anfang des zweiten Krieges füglich Ende Winters oder im Anfange des Frühjahres Olymp. 84, 4. zu setzen sein wird, da wir im vorhergegangenen Winter, eben weil die Witterung ungünsuig ist, die Begebenheiten sich nicht so sehr dürfen drängen lassen. Dann hat aber Diodor sehr verständig erzählt; denn dafs er den erst unter Morychides erfolgten Ausgang des zweiten Krieges mit unter Timokles erzählte, ist natürlich, weil der Anfang unter diesen fiel. Unter dieser Voraussetzung nun ist auch die Untersuchung ganz unwichüg, ob Sophokles beim ersten oder zweiten Feldzuge Feldherr gewesen; doch wollen wir auch diese berücksichtigen. Schon Lessing (') hat bemerkt, dafs seine Stra- tegie in den zweiten falle; und Seidler hat diesen Punkt genau erwo- gen. Die meisten Zeugen schweigen zwar; Thukydides und die Haupt- stelle des Plutarch erwähnen den Sophokles gar nicht, ebenso wenig Diodor, den man aus Versehen eingemischt hat; Justin (2) weils, dafs unser Dichter Feldherr mit Perikles gewesen, spricht aber von einem Kriege gegen die Spartaner; der Scholiast zum Aristophanischen (1) Leben des Sophokl. S. 157. (2) II, 6. des Sophokles. 53 Frieden (!), Cicero (2) Plutarch in einer andern Stelle (5), Valerius Maximus (*) erklären sich eben so wenig über Sophokles Samische Stra- tegie, ob sie in den ersten oder zweiten Feldzug gehörte. Aber Ion von Chios sprach den Sophokles als Feldherrn in Chios selbst, als er nach Lesbos schiffte, offenbar auf dem zweiten Zuge, indem Sophokles zu jener Sendung nach beiden Inseln gebraucht wurde, und Strabo (5) setzt seine Strategie in den Feldzug, der durch die entscheidende Bela- gerung beendigt wurde: "ASyvalıı — meubavres Froarnyov HegınAca nal Füv auro Yoborrea ToVv FemThv moAlopui« zands dieSyzav arsıtodvras ro)c Yauıovs. Endlich ist Thukydides Mitfeldherr beim zweiten Zuge, und der Unge- nannte im Leben des Sophokles behauptet, der Dichter sei mit Perikles und Thukydides der Strategie gewürdigt worden. Aber die letztere An- gabe läfst sich, wie ich unten thun werde, beseitigen; die beiden an- dern zeigen unstreitig, dafs Sophokles im Anfange des zweiten Zuges Feldherr war, ohne jedoch zu beweisen, dafs er es zur Zeit des ersten Zuges nicht war: denn fiel der Anfang des zweiten mit dem ersten in dasselbe bürgerliche Jahr, so war Sophokles zur Zeit beider Feldherr. 5. Um nun auf die Anugone zurückzukommen, so hat unser Süvern schon gezeigt, dafs Seidler diejenigen mit Unrecht verläfst, welche die Anügone in das Jahr vor dem Samischen Kriege setzen, da es nach den Attischen Verhältnissen anders gar nicht möglich ist. Wir finden im Attischen Staate zweierlei Gattungen von Feldherin, aufser- ordentliche und ordentliche. Jenen wurden einzelne Unterneh- mungen des besondern Zutrauens wegen übertragen, wie der Sicilische Feldzug dem Nikias und seinen Amtsgenossen, dem Kleon die Belage- rung von Pylos; ihrer waren gewöhnlich wenige, und es ist mir nicht erinnerlich, dafs dies vor dem Peloponnesischen Kriege geschehen sei, in welchem der Drang der Umstände dazu nöthigen mufste. Die andern waren eine Behörde von zehn Männern, welche im Voraus für das (2) V8:2:600: (OT: %0- (5) Perikl. 8. GI I B2ext.i. (5) AV. S. 446. 54 Bozrcxm über die Antıgone nächste Jahr vom Volke durch Cheirotonie erwählt wurde (!). Dafs Sophokles aufser der Ordnung zum Feldherrn erwählt worden, ist selbst dann, wenn dies schon damals Gewohnheit gewesen sein sollte, nicht glaublich, da er weder kriegskundig noch thätig war; wohl aber konnte man ihm die gewöhnliche Magistratur der Strategie ertheilen, bei welcher er mit neun Ändern nicht viel schaden konnte, da man ohnehin nicht wufste, ob gerade das Jahr eine bedeutende Kriegsunternehmung herbei- führen würde. Doch Thukydides bringt die Sache einfacher zur Ent- scheidung. Perikles, sagt er, schlug bei Tragia argarıyav öerares aurce. Nicht als ob er in diesem Treffen mit neun Andern befehligt hätte; Sophokles selbst war nicht bei dieser Schlacht, sondern nach Chios und Lesbos geschickt; ein Anderer mufste nach Karien abgesandt sein, und wären, wie man annimmt, ich aber bezweifle, Thukydides Melesias Sohn und die vier Andern, die mit und nach ihm kamen, damals seine Amts- genossen gewesen, so würden auch diese gefehlt haben. Der Geschicht- schreiber will also nichts weiter sagen, als Perikles sei einer der zehn ordentlichen Feldherrn des Jahres gewesen; und ein solcher war also auch Sophokles. Diese traten ihr Amt ohne Zweifel im Hekatombäon an: zwar konnten dadurch die Sommerfeldzüge in der Mitte unterbrochen werden; aber eben so schickte man ja beim Jahreswechsel den Trie- rarchen Nachfolger (diadeygvs) (2), und selbst die Truppen wurden ofı abgelös’t (Ex diadeyays) (%). Aber auch wenn die Feldherrn ihr Amt im Frühling angetreten hätten, was ich nicht glaube, würde das Ergebnifs für Seidler’s Meinung nicht günstiger ausfallen. Es kommt eigentlich darauf an, wann sie gewählt wurden; und ob wir gleich nicht wissen, wann die &gyagericı gehalten wurden, da Ulpian’s Angabe darüber er- wiesen falsch ist (*), so fallen diese doch ohne Zweifel in das leizte Vier- tel des Jahres oder kurz vorher. Und in dieser Zeit mufs Sophokles auch erwählt worden sein. Schauspiele wurden zu Athen nur vom Po- seideon bis zum Elaphebolion gegeben; im Poseideon an den ländlichen (1) Schömann de comitt. S.515 ff. (2) Staatshaushaltung Bd. IH, S. 52. (5) S. meine Abhandlung über die Ephebie. (4) Staatshaushaltung Bd. II, S. 176. Schömann de comitt. S. 522 ff. des Sophokles. 55 Dionysien niemals neue; im Elaphebolion dagegen an den grofsen Dio- nysien die meisten, und zwar neue (!): folglich konnte Sophokles nur in diesen auf den Frühling losgehenden Wintermonaten siegen. Am wahrscheinlichsten aber ist die Antigone an den grofsen Dionysien ge- geben; an diesen waren auch die Bundesgenossen in Athen versammelt, die um diese Zeit die Tribute abliefern; und wenn nun Sophokles damals gerade sich grofsen Beifall erworben hatte, war er auch in den Augen der Bundesgenossen gehoben, worauf bei einem Feldherrn viel ankommt: und so wurde er, vermuthlich gleich darauf, in den Wahlcomitien zum Strategen ernannt, als das Andenken an die Antigone eben noch ganz frisch war, ‘War nun der zweite Zug gegen Samos, nach der ersten unserer Voraussetzungen, erst Olymp. 85, ı. unternom- men, so ist die Antigone Olymp. 84, 4. aufgeführt; fällt aber jener Zug, wie uns wahrscheinlicher erschienen ist, schon in das Ende des Winters oder den Frühling Olymp. 84,4, so war Sophokles schon dies ganze Jahr hindurch Feldherr, und die Tragödie ist Olymp. 84, 5. ge- geben. An die Aufführung derselben in Olymp. 85, ı. ist nicht mehr zu denken: selbst bei der unwahrscheinlichen Annahme, dafs die Feld- herrn ihr Amt schon im Frühjahr angetreten hätten, und also Sophokles im Frühling Olymp. 84, 4. eben erst erwählt, den zweiten Feldzug an- getreten hätte, würde man die Antigone doch immer schon Olymp. 84, 4. setzen müssen. Da jedoch diese Annahme zu willkührlich ist, müssen wir das Stück in Olymp. 84, 5. rücken, sobald wir der Samischen Kämpfe zweiten schon im Frühjahr Olymp. 84, 4. anfangen lassen; und um letz- tere Ansicht theils zu unterstützen, ıtheils von scheinbaren Schwierig- keiten zu befreien, erlaube ich mir noch einige Bemerkungen. 6. Setzen wir den zweiten Angrilf auf Samos nicht nach der ersten Voraussetzung in den hohen Sommer, in den Anfang von Olymp. 55, ı. sondern schon in das vorhergehende Frühjahr Olymp. S4, 4. so begreift mar, warum die Phönicische Floue noch nicht da war; diese fuhr wie gewöhnlich im Frühjahr aus, und die Athener kamen natürlich ihr leicht zuvor. Eben als Perikles die Schlacht bei Tragia lieferte, war (1) S. meine Abhandlung von den Dionysien. 56 Borcxu über die Antigone Sophokles in Chios (!); beim Gastmahle steht der weinschenkende Knabe am Feuer. Wozu das Feuer im Klima von Chios im Juli oder August? und zwar im Speisesaal? Etwa blofs der Heiligkeit der Hestia wegen oder zur Getränkbereitung? Ich denke eher der Frühlingsnachtfröste wegen ; denn dafs sie bei Nacht schmausen, versteht sich von selbst, wenn es auch nicht daraus erhellte, dafs der Knabe durch das Feuer sichtbar wurde. Wie aber? Wenn Sophokles schon Olymp. 84. 4. Feldherr war, so ist er des Perikles Amtsgenosse schon beim ersten Zuge; in der Mitte des zweiten Zuges aber wechseln alsdann die Strategen, und Sophokles war dann nicht mehr Feldherr, als Samos eingenommen wurde? Allerdings; aber es steht nirgends geschrieben, dafs Sophokles nicht Stratege war, als der erste Zug unternommen wurde; und wenn er es war, kann er dabei gewesen oder zu Hause geblieben sein; und vor der Beendigung des zweiten Feldzuges mag er abgegangen sein, da er schwerlich, wie Perikles, wieder erwählt wurde. Denn aus Strabo wird man schwerlich erweisen können, dafs Sophokles bei der Ueber- gabe von Samos unter Morychides (Olymp. 85, ı.) noch beim Heere war; aus ihm folgt weiter nichts, als dafs er eine Zeitlang beim zwei- ten Feldzuge des Perikles Amtsgenosse gewesen. Wenn ferner Diodor die Strategie des Perikles in dem zweiten Zuge durch die Worte, rarıv Megındca moeyegırdueve orgarıyev, als eine neue zu bezeichnen scheint, lasse man sich dadurch nicht täuschen. Diodor wägt seine Worte nicht so; er will nur sagen, dafs Perikles auch diesen Feldzug wieder über- tragen erhielt; und es kann daher der Anfang desselben in dieselbe jähr- liche Strategie mit dem ersten Feldzuge gefallen sein. Aber nach dem Ungenannten ist Sophokles auch mit Thukydides zusammen Feldherr ge- wesen; und Thukydides kommt doch erst in dem zweiten Feldzuge nach der zweiten Einschliefsung von Samos von Athen: begann der zweite Zug mit dem Frühling Olymp. 84, 4. so ist es wahrscheinlich, dafs jene Schiffe, welche 'Thukydides führte, erst um den Anfang von Olymp. 85, ı. abgingen; und so würde Thukydides Feldherr von Olymp. 85, ı. werden, während Sophokles Strategie von uns Olymp. 84, 4. gesetzt (1) Ion beim Athen. XIII, S. 604. F. des Sophokles. 57 wird. Dieser Einwurf könnte als der bedeutendste erscheinen ; allein Thukydides konnte ja, wie Perikles es oflenbar war, als ein angesehe- ner und bewährter Staatsmann, in beiden Jahren Feldherr gewesen, und Anfangs in Athen zurückgehalten, und wie oft, erst später nachgesandt sein. Und wer bürgt dafür, dafs Thukydides wirklich der Amitsgenosse des Sophokles war? Man wulste aus den gleichnamigen Geschichtschrei- ber, dafs Thukydides mit Perikles gegen Samos Feldherr war; dasselbe war von Sophokles bekannt: wie leicht war die Zusammenstellung, dafs nun auch Sophokles mit Thukydides zusammen im Amte war, wenn auch Thukydides erst im folgenden Jahre Feldherr geworden sein sollte? Ja ist es nicht auffallend, dafs nach der zweiten Einschliefsung von Sa- mos eine so bedeutende Zahl Schiffe und fünf neue Feldherrn an- kommen, desgleichen auch neue Schiffe von Lesbos und Chios? Sollte dies nicht eine Andeutung sein, dafs diese fünf Feldherrn neuerwählte sind, welche zur Ablösung der austretenden kommen, und dafs sie das Aufgebot des nächsten Jahres mit den neuen Trierarchen bringen”? Dies “ wären also die Feldherrn von Olymp. 85, ı. und da Sophokles schon zur Zeit des Seetwreflens bei Tragia Feldherr war, fiele dann seine Stra- tegie nothwendig in Olymp. 84,4. und die Antigone in Olymp. 84,5. 7. Noch eine Angabe über den Feldherrn Sophokles enthält die Lebensbeschreibung des Ungenannten : Kai ASyyalcı de aurev EEnnovra mevrE erav ovra aroarnyov EIAOVTO, ul) tüv TleAorovınrıanav Ereriv Emra, &v To moös ’Avatay FoAtup: woraus Scaliger in der "Orunriwswv avaygapy geschöpfi hat. Dafs er sieben Jahre vor dem Peloponnesischen Kriege zum Feld- herrn erwählt worden, dabei will ich mich eben nicht aufhalten; denn die Angabe ist auf jeden Fall ungenau: wenn auch Seidler bemerkt, dafs zwischen Morychides, unter welchem er des Sophokles Strategie setzt, und Pythodor, unter welchem der Peloponnesische Krieg anfängt, sieben Archonten liegen; so mufste der Ungenannte doch immer neun Jahre sagen, weil das Jahr des Morychides und auch des Pythodor zu- gezählt werden mufste: denn Pythodor hatte schon zehn Monate regiert, ehe der Krieg begann. Aus einer so ungenauen Angabe läfst sich of- fenbar für so feine Untersuchungen nichts folgern. Das Lebensjahr des Sophokles soll das fünfundsechzigste oder nach einer andern Leseart gar das neunundsechzigste sein: das wahre revrazovra revre hat schon Lessing Hıst. philol. Klasse 1324. H 58 Borcxn über die Antigone vorgeschlagen, und wir wollen es gleich hernach durch dem Sophokles selbst unterstützen. Für jetzt bemerke ich, dafs es nicht allein nach der Rechnung des Ungenannten , sondern überhaupt und schlechthin richtig ist. Seidler und Reisig (!) setzen zwar das Geburtsjahr des Sophokles in Olymp. 70, 4. wie es scheint aus zu grofser Verehrung der Parischen Chronik, die nicht mehr Glauben verdient als jeder alte Chronograph; nach aller historischen Kritik verdient die Angabe des Ungenannten, der des Dichters Geburt in Olymp. 71, 2. setzt, gröfsern Glauben, da ausdrücklich der Archon des Jahres, Philippos genannt ist; in der Parischen Steinschrift ist dagegen nur die Nachricht, dafs Sophokles Olymp. 77, 4. achtundzwanzig Jahr alt gewesen sei, und dies kann auf ungenauer Rechnung beruben. Den Tod des Sophokles setzt Diodor (2) in Olymp. 95, 5. und er soll nach ihm neunzig Jahr alt ge- worden sein; aber neunzig ist eine runde Zahl, und rechnen wir neunundachtzig, so ist die Rechnung richüg, wenn man von Olymp. 71,2. ausgeht; selbst neunzig kommen heraus wenn man das Geburts- und Todesjahr zuzählt: wiewohl ich überzeugt bin, dafs Sophokles schon ein Jahr früher gestorben. Gewils ist, dafs Sophokles Olymp. 75, ı. bei dem Salaminischen Siegesfest vortanzte: welches für einen funfzehn- jährigen Knaben besser pafst als für einen fast achtzehnjährigen Ephe- ben (3). Indem wir also die Geburt des Sophokles in Olymp. 7ı, 2. setzen, und zwar aus Vermuthung in den Anfang des Jahres; so wird Sophokles Olymp. 84, 4. im fünfundfunfzigsten Jahre sein: so dafs wir also auch nach dieser Nachricht des Sophokles Strategie eben in dieses Jahr setzen können, uns anschliefsend an die natürlichste Verbesserung der Worte des Ungenannten. Sophokles soll aber Feldherr gewesen sein in dem Kriege moos "Avaiav, wie Turnebus richtig liest: hieraus ist in der Triklinisch-Brunckischen Handschrift ’Avaviav verderbt: Andere lesen ’Ava- vieus, das ist ’Avaicus, was auf dasselbe herauskommt. Die mifsgegriffene Veränderung Saulsus hat Süvern mir zu widerlegen erspart; das Wahre (1) Oed. Col. Enarr. S. XI. (S)RENZIT, 21038 (5) Es scheint nehmlich nicht ein Männer- sondern ein Knabenchor gewesen zu sein. des Sophokles. 59 sah Lessing schon: ich füge nur Eine Bemerkung hinzu. Obwohl Anaea im Peloponnesischen Kriege fortwährend im Besitz der Samischen Aristokraten erscheint, so müssen doch die Athener im Samischen Kriege auch dagegen ihre Angriffe gerichtet haben, und nahmen es entweder nicht ein oder verloren es später wieder. Ich gebe zu, dafs dies eben so gut im zweiten als ersten Feldzuge geschehen mufste, weil Anaca ein wichtiger fester Punkt war: aber dafs beim zweiten Zuge gerade Sophokles gegen Anaea aufgestellt war, finde ich darum nicht nothwen- dig, weil mir folgende Ansicht leichter scheint. Sollte nehmlich wohl irgend ein Grammatiker eine Begebenheit des bekannten und in der Griechischen Geschichte sehr wichtigen zweiten Samischen Krieges den Krieg gegen Anaea genannt haben, ohne überhaupt den Samischen Feldzug dabei zu erwähnen? Natürlicher scheint mir, dafs ein gelehr- ter Chronograph den ersten Zug mit diesem Namen im Gegensatz gegen den eigentlichen, bekannten Samischen Krieg bezeichnete. Der Kampf zwischen Milet und Samos war um das Gebiet von Priene, gegenüber von Samos; hier liegt gerade Anaea. Was ist einfacher, als dafs die von Milet zu Hülfe gerufenen Athener zuerst das bestrittene Gebiet den Samiern zu entreissen suchen, um es den Milesiern zu geben? Inwie- fern also Anaeca und die Umgegend die erste Quelle des ersten Feldzu- ges war, und dieser sich darum drehte, mochte dieser Krieg mit Recht der Anäische heifsen, wenn auch Samos in dessen Folge eine Besatzung erhielt. Und so möchte Sophokles auch bei diesem ersten Zuge ge- wesen sein. 8. Plutarch (1) theilt uns den Anfang eines Epigrammes mit, welches anerkannt von Sophokles sei: Tevri: d& öuorcyovusvus SodonAtovus Erri 70 Emıyganarıov- ’Qudnv “Hocderw TeVgev Zobenigs Erewv wv mEvT Emil WEVTAHCVTO. Das Epigramm ist wahrscheinlich verstümmelt; und da Plutarch gerade von Kunstleistungen in bedeutendem Alter spricht, ist es eben nicht be- sonders wohl angebracht, da fünfundfunfzig Jahre eben kein hohes Al- ter ist. Indessen scheint die Stelle doch nicht eingeschoben; das Epi- (1) An seni sit resp. ger. 5. 60 Borcxu über die Antigone gramm selbst aber scheint ein Xenion zu einer übergebenen Ode zu sein; wie man bei dieser Ode an die Antgone oder den Oedipus auf Kolonos denken kann (!), begreife ich nicht. Mit Recht denkt man aber wohl an den Geschichtschreiber Herodot: er war ein Homeride wie Sophokles, und sie mochten sich anziehen. Herodot ist aber nach ge- wöhnlicher Ansicht Olymp. 84, ı. nach Thurii gewandert, nachdem er schon vorher einen Theil seiner Geschichte in Athen gelesen haben soll (2). Wird ihm denn Sophokles die Ode nach Thurii geschickt haben? Ich zweifle; es hat vielmehr den Anschein, dafs aus Freund- schaft bei einer persönlichen Zusammenkunft Sophokles dem Geschicht- schreiber ein Gedicht zum Andenken machte. Dafs Herodot gerade Olymp. 84, ı. nach Thurii ging, ist eine blofse Voraussetzung, weil Thurii damals von den Athenern colonisirt wurde (%); er kann auch später hingegangen sein; die Zeit der Panathenäischen Vorlesung aber ist völlig unbestimmt. Herodot lebte und schrieb in Samos: Sophokles war fünfundfunfzig Jahr alt, als er Feldherr im Samischen Kriege war; wie einfach ist nicht die Zusammenstellung, dafs er gerade bei dieser Gelegenheit mit Herodot bekannt wurde, dafs Herodot, vielleicht schon vor der grofsen Belagerung, Samos verliefs, da er wohl beurtheilen konnte, dafs dieselbe unglücklich für Samos sein werde, und dann nach Athen ging? Gerade um die Zeit, als nach unserer zweiten obigen An- nahme die grofse Belagerung anfıng, im Frühjahr Olymp. 84, 4. ist Sophokles schon ziemlich in seinem fünfundfunfzigsten Jahre vorge- rückt, wenn wir der obigen Berechnung seiner Lebenszeit folgen: der Ausdruck er’ Emi mevryzovra Erav wv setzt aber keinesweges die Vollen- dung des leizten Jahres voraus. Ich habe dies hier ausgeführt, nicht weil auch daraus folgte, dafs Sophokles nicht Olymp. 85, ı. Feldherr gewesen, sondern nur um zu zeigen, wie alles, was nur irgend aufzu- bringen ist, sich mit der Annahme seiner Strategie in Olymp. 84, 4. sehr wohl vereinigen läfst. (1) Vgl. Jacoh Qu. Soph. Bd. ı, S.549 f. S. 564. (2) S. Creuzer’s hist. Kunst der Gr. S. 95. um nicht ausführlicher davon zu reden. (5) Strabo und Suidas scheinen es schon so genommen zu haben; doch ist dies nicht sicher. des Sophokles. 61 9. Ob Sophokles selbst seine Antigone später noch einmal habe aufführen lassen wollen, und ob er zu diesem Zwecke Einiges überar- beitet habe, ist schwer mit Sicherheit zu bestimmen; doch führen ei- nige Anzeigen zu dieser Vermuthung, die ich schon früher aufgestellt habe. Vs. 1051. ist nehmlich 75 uavSavsv Ö6° eine metrische Eigenthüm- lichkeit, der sich Sophokles nicht vor Olymp. 87, ı. bedient haben soll (!); Satyros, ein unverächtlicher Schrifisteller, behauptet, er sei beim Vorlesen der Antigone gestorben; Andere, nach dem Vorlesen: und sein Tod wird auf die Choen gesetzt (?). An den Choen hielt man, wie es scheint, Schauspielproben ; an ebendenselben wurden Todtenopfer ge- bracht, und Sophokles soll den Tod des Euripides in einem Stücke, worin die Schauspieler in schwarzen Gewändern auftraten, haben betrauern las- sen. Alle diese Umstände, so räthselhaft sie zum Theil erscheinen, stim- men untereinander merkwürdig überein; welches Stück endlich pafste sich besser zur Weihe der Todtenopfer als Antigone? Es scheint daher, dafs Sophokles in seinem Todesjahre Olymp. 95,2. (%) eine Wiederholung der Antigone vorbereitet hatte; aber ich möchte von diesem Gedanken in der Kritik des Stückes keinen Gebrauch machen; denn schwankende Vermuthungen sind schädlicher als nützlich, und zu sichern Kennzeichen späterer Zusätze oder Umarbeitungen kann man nicht gelangen. 10. Die Fabel der Antigone ist wahrscheinlich aus der kyklischen Thebais oder einer Oedipodie entehnt; und da gerade aus dem Epos auch Apollodor geschöpft hat, wird es zweckmäfsig sein mit Ueber- gehung des Hygin die Worte desselben anzuführen (°): Koewv de Tav Onßamv Barıreav magaruav Tols Twv "Apyswy vergous eobıbev arabeus, nal ungukas undeva Sarrew diAuras nurerrngev. "Avrıyovy dE Mia ray Oldi- modos Suyartguv ngüba To IloAvveixovs vüua arebare Eule al Puwga- Selina ums Kokovres, aurmy TD rapu Lürav &vezguaro. An diesen Inhalt schliefst sich die Sophokleische Tragödie genau an.. Mit ihr stehen (1) Gr. trag. pr. S. 138 ff. (2) Die Stellen habe ich Gr. trag. pr. c. XVI. gesammelt, aber in der Abhandlung über die Dionysien $. 21. die Sache anders gestellt. (3) Vgl. Abh. v.d. Dionysien Anmerk. 120. 145. (4) II, Ee die 62 BoEcxm über die Antigone die beiden Oedipe in einer, jedoch nicht unmittelbaren Verbindung; in weiter Entfernung reihten sich daran die Epigonen. Letztere könn- ten in der angeblichen Weissagung des Epigonenkrieges (Vs. 1067 ff.) vorbedeutet scheinen; aber ich hoffe in der zweiten Abhandlung zu zeigen, dafs diese Weissagung ein Mifsverständnifs der Ausleger ist. Dafs jedoch auch die drei andern Stücke nicht zu einer Tetralogie ge- hörten, sondern Antigone besonders (und wahrscheinlich einzeln) ge- geben, die Oedipe aber bedeutend später sind, ist gewifs. (!) Dagegen scheint sich die Antigone nach der Ansicht des Sophokles unmittelbar an die Aeschyleischen Sieben gegen Theben anzuschliefsen, wie des Euripides Antigone an seine Phönissen, worin das folgende Schauspiel schon vorbereitet ist: (2) gerade wo das Aeschyleische Drama aufhört, knüpft das Sophokleische mit einer geringen Veränderung an. Beim Aeschylos erscheint die Stadt als gerettet; Polyneikes und Eteokles sind todt, aber noch nicht begraben; dieses sind die Voraussetzungen, die in dem Prolog und in der Parodos von Sophokles gegeben werden, nur dafs Eteokles schon beerdigt ist. Auch die durch Heroldsruf erlassene Bekanntmachung (zrguyu«) des Kreon, welche in der Antigone voraus- gesetzt wird, ist in den Sieben gegen Theben gegeben; nur stellt es Aeschylos, dessen Gesinnung minder demokratisch ist, als Volkswille dar, Jäst die Antigone dem Herold gleich ihren Vorsatz erklären, den- noch den Bruder zu beerdigen, und die Hälfte des Jungfrauenchores entschliefst sich alsbald ihr beizustehen; denn dies sei der Stadt ein ge- meinsames Weh, und Anderes sei zu einer andern Zeit dem Staate Recht. Sophokles dagegen stellt Kreons Befehl, den Polyneikes unbeerdigt zu lassen, als tyrannische Gesetzgebung dar, in welche das Volk sich mur- rend füge: so belastet er den Kreon mit Schuld, und mildert den schrof- fen Spruch des Aeschylos, dem Staate sei Anderes zu anderer Zeit Recht, durch Uebertragung auf den Einzelwillen des Machthabers. Ver- bergen will Antigone auch bei Sophokles ihre That nicht; indem ihr aber dieser jeden Genossen des Vergehens nimmt, erhebt er in ihr das stolze Selbstvertrauen, welches für den Gedanken des Stückes wesentlich / (1) Vgl. Gr. trag. pr. S. 107. 138. ( 2) S. ebendas. S. 270. des Sophokles. 63 ist. Kaum konnte Aeschylos die Antigone gröfser auffassen, als Sophokles gethan hat. Aber dieser hat auch die menschliche Entschuldigung ihrer That, dafs zu anderer Zeit Anderes dem Staate Recht sei, meisterhaft ergriffen, und den Gedanken, der im Aeschylos nur als grofs- artige Aeufserung eines edlen Unwillens erscheint, in der Entwickelung des Gegensatzes zwischen göttlichem und menschlichem Gesetz bis zur philosophischen Rlarheit gestaltet. 11. Ein Inhaltsverzeichnifs eines Kunstwerkes ist zwar jammer- volle Handarbeit, welche der bessern Philologie fremd ist; aber als Vorbereitung zum Auflinden der Einheit und des Grundgedankens eines Stückes bedarf es doch einer Uebersicht; welche ich um so mehr nur mit Ueberwindung gebe, weil ich nachher Wiederholungen nicht ganz werde vermeiden können. Nachdem in der letzten Nacht das Heer der Argiver verschwunden (Vs. ı5.), erzählt Antigone ihrer Schwester Kreon’s Verbot den Polyneikes zu beerdigen; entschlossen den Bruder zu bestatten, fordert sie Ismenen zur Theilnahme auf. Diese verweiset ihr den Gedanken, gegen des Herrschers Befehl dies zu wagen, stellt es als eine Thorheit dar, Unmögliches zu unternehmen: jedoch erkennt sie das edle, den Freunden ächt ergebene Gemüth an. Antigone dagegen will den Bruder nicht verrathen (Vs. 46.), erklärt Kreon’s Gesetz als nicht bindend für sich, da es ihm nicht zustehe, sie von dem Ihrigen abzuhalten: wenn ihr Ismene die schmählichen Folgen ihrer That vor- hält (Vs. 59 ff.) und sie erinnert, dafs sie als Weiber und Schwächere dem Stärkern weichen müfsen, wird sie hart von ihr zurückgestofsen ; Antigone fordert von Ismenen nicht mehr Hülfe noch Mitleid noch Fürsorge, will ihre That nicht einmal verheimlicht wissen; denn sie will gern sterben. Vs. 72. Schön ist zu sterben mir nach dieser That. Beim lieben Bruder lieg’ ich dann geliebt; dieweil ich frommen Freyel übte; denn den Untern mufs ich läng’re Zeit gefallen als den Hiesigen. Vs. 96. Nichts erleiden kann so grofses ich, dafs nicht ein edler Tod mir bleibt. Dann besingt der Chor die Errettung der Stadt und der Argiver Unter- gang, deren übermüthigen Angriff Zeus und die Götter gestraft haben. 64 ° Borcxm über die Antigone Kreon erscheint, und setzt von dem Standpuncte des Herrschers und des Staates mit einer Gesinnung, in welcher sich die Gerechtigkeitsliebe nicht verkennen läfst, auseinander, warum er den Polyneikes nicht be- graben lasse; doch tritt er als Machthaber stark und hart auf. Der Chor unterwirft sich der Macht (215 ff.), doch nicht ohne verborgene Abneigung gegen die Härte des Befehls: Jedwede Satzung stehet dir zu geben frei, der Todten wegen und uns, die am Leben sind. Daher will der Chor auch keinen thätigen Antheil an der Sache neh- men, sondern entschuldigt sich mit dem Alter; und nachdem der Wäch- ter die geschehene Bestattung des Polyneikes verkündet hat, wagt der Chor sogar den Gedanken, dies sei von den Göttern angeregt (278.). Kreon darob ergrimmt, behält folgerecht seine Härte auch gegen die Wächter, denen er die Schuld beimifst. Hiernächst stellt der Chor (552 1.) das Gewaltige der menschlichen Natur dar; diese unterwirft sich alles; sie hat auch das Staats- und Vernunfileben gegründet; aber der Mensch, in seinem Streben bald das Gute bald das Böse ergrei- fend, geht auch über göttliches und menschliches Recht hinaus; solchen wünscht er sich fern (562 ff.) ('). Da sieht er Antigonen bringen, und fürchtet gleich, sie sei auf thörichtem Beginnen betroffen worden (379.). Sie, das Haupt gesenkt, gesteht alsbald ihre That; begeistert von der Schönheit derselben zeigt sie, wie sie das göttliche Gesetz befolgt habe, welches nicht von heute und gestern, sondern von Ewigkeit her sei; nicht so grofs sei Kreon’s Gebot, dafs er ein Sterblicher das ungeschrie- bene und sichere Gesetz der Götter übertreffen könne; nicht habe sie, irgend einen Menschen fürchtend, das göttliche Recht übertreten wol- len, obwohl sie den Tod vorhergesehen ; das Leben habe für sie keinen Werth mehr: Denn wer in mannigfacher Noth, der meinen gleich, lebt, wie verschaffte diesem nicht der Tod Gewinn? So zeiht sie, wenn sie thöricht erschiene, den Kreon selbst der Thor- heit (465.): (1) Hier und anderer Orten sind Erklärungen der Stellen zum Grunde gelegt, die ich in der zweiten Abhandlung rechtfertigen werde. des Sophokles. 65 Wenn aber thöricht jetzo dir mein Thun erscheint, mag wohl der Thorheit mich ein Thor bezüchtigen. Ihr verweiset der Chor ihre Wildheit und dafs sie nicht verstehe dem Unglück zu weichen. Beide, Kreon und Antigone, entwickeln ihr Recht, diese sich auf das natürliche und religiöse Todtenrecht beru- fend, jener des Polyneikes Vergehen gegen das Vaterland hervorhebend, und der Antigone Uebertretung des positiven Gesetzes und unmälsige Ueberhebung Schuld gebend, da sie ihrer That sich sogar rühme und den König verhöhne (469-521.): wogegen Antigone behauptet, auch das Volk billige ihre Handlung, und schweige nur der tyrannischen Gewalt weichend (504. 505.). Der König, seine Härte fortsetzend, will auch die schuldlose Ismene ins Verderben ziehen; diese, ihre schwesterliche Liebe zart bewährend, mifst sich selbst Antheil an der Schuld bei (522 ff), und wünscht mitzusterben ; aber sie wird von der stolzen Antigone mit grausamer ‚Härte und beifsenden Reden zurückgewiesen ; Ismene selbst verliert ihre Besinnung; denn im Unglück verlieren wir auch die Ver- nunft, die wir haben (559.). Unwiderruflich beschliefst Kreon den Tod der Antigone: denn die Weiber sollen in ihre Grenzen zurückgedrängt werden; auch die Kühnen fliehen, wenn sie den Tod vor Augen sehen (574. f.). Jetzt enthüllt der Chor das Schicksal des Labdakidenhauses : ein Unheil zieht das andere nach sich; die Götter drängen, und keine Lösung des Verderbens ist möglich: des Hauses letztes Licht vertilgt der Untergötter blutiger Staub, ‚‚des Rathes Unsinn und der Seel’ Erin- nys’ (599.): welche Worte der Antigone gelten. Kein Sterblicher übertrifft in frevlem Uebermuthe der Götter Macht; aber der Menschen Leidenschaft führt sie zu Uebelthaten; die Hoflnungen täuschen sie, und Böses ergreift statt des Guten, wem der Gott den Sinn verwirrt. Diese Betrachtungen gehen aus dem Schicksale der Jungfrau hervor; aber sie bereiten zugleich auf Kreon’s nahen Fall vor. Nun erscheint Haemon ; der Vater ermahnt ihn, dafs er ihm folge und die Braut auf- opfere, und spricht weise und staatskluge Reden (655 -676.), welche auch der Chor anerkennt; doch sind sie streng und unbiegsam , ohne Rücksicht auf feinere und mildere Gefühle. Haemon selbst kann sich der Wahrheit dieser Lehren nicht entziehen (629 ff.); aber in aller Ehrerbietung macht er den Vater darauf aufmerksam, man müsse, nicht Hist. phiol. Klasse 1524. I 66 Boxrzcxkm über die Antigone eigener Weisheit allein verwauend, auch Anderer Einsicht in Ehren halten. So ermahnt er ihn, der grofsherzigen That Verzeihung ange- deihen zu lassen; auch die Bürger schenkten der Jungfrau Beifall und Mitleid, was freilich dem Herrscher nicht zu Ohren komme. Auch dies erkennt der Chor als wohlgesprochen an, Kreon dagegen, sich selbst vertrauend, will nicht der Vater vom Sohne belehrt werden, nicht seine Handlungen sich vom Volke vorschreiben lassen; er ist der einzige Herrscher. Also gerathen Vater und Sohn in hefigen Streit; dieser wirft jenem selbst die Gotlosigkeit und Unverstand vor, indem er seine Reden nicht mehr mäfsigt. Kreon fafst den grausamen Beschlufs, die Braut vor des Verlobten Augen sterben zu lassen; Haemon, der schon angedeutet hat, dafs ihr Tod noch Einen verderben werde, entfernt sich zornig; Kreon meint, er möge thun was er wolle (764.), und befiehlt Antigonen lebendig zu beerdigen, nicht ohne Verachtung der Unter- göuter, welche sie ehrt (768 fl.). Der Chor besingt die Gewalt der Liebe (776 fl.), die zur Raserei führe; sie hat auch diesen Kampf des Vaters und des Sohnes erzeugt; sie zieht auch gerechter Männer Sinn zur Ungerechtigkeit hin. Bald enllockt ihm der Antigone Schicksal Thrä- nen (795 ff.); sie selbst beweint auf dem Wege zu dem Todtenbraut- gemach ihr Loos; der Chor gesteht ihr zwar den Ruhm eines neuen Todes zu; dafs sie Göttergleichen sich vergleicht, verweiset er ihr, wie sie es selber nimmt, spottend (Sıı. 728.): er mifsbilligt ihre "That, indem er ihr der Kühnheit Aeufserstes und des Gesetzes Uebertretung vorwirft (846.): dafs sie einen väterlichen Kampf ausbüfse, ist kein Hauptgedanke, sondern nur eine Vergleichung mit dem Schicksale des Vaters. Denn der Chor selber sagt (866.): Dich stürzte eigen- will’ger Trotzsinn: und wenn er (864.) ihre Frömmigkeit anerkennt, schärft er ihr dennoch wieder ein, dafs sie durch Uebertretung des Gesetzes sich eine Macht angemafsı habe, die ihr nicht gebühre. Die Dulterin tröster sich mit der Frömmigkeit ihrer Handlung und der Liebe der Todten (882 ff.); dafs sie gegen den Staatswillen gehandelt habe, erkennt sie an (898.), und sucht dies noch durch einen besondern Grund zu entschuldigen, auf welchen ich zurückkommen werde. Im Ganzen beharrt sie auf ihrer Ueberzeugung; doch mit leisem Zweifel stellt sie den Göttern das Urtheil anheim. Der Chor tadelt offenbar des S ophokles. 67 diese Hartnäckigkeit (920 ff.). Ebenso beharrt Kreon in seiner Leiden- schaft, die sich gleich in den Drohungen gegen die Langsamkeit der Vollstrecker des Urtheils ausspricht: welche ein Beweis des Mitleides für die Jungfrau ist. Nach der Wegführung der Antigone besingt der Chor (955 IF.) ähnliche Fälle der Mythengeschichte, in welchen Schicksal und Wahnsinn die Menschen ins Verderben geführt: unter welchen des Dionysos Verächter Lykurg, obgleich in anderer Beziehung aufgeführt, nicht ohne Bedeutung für Kreon ist. Nun aber verkündet Tiresias die Zeichen der Göuer, zeiht in milder Rede und ohne Uebermuth den Herrscher des Irrthums, in welchem er gegen die T'odten wüthe, und ermahnt ihn zu dessen Einsicht und Verbesserung. Kreon vermifst sich auch gegen den göulichen Seher, und zeiht ihn der Geldsucht und Lüge, bis ihn endlich, da Tiresias die göuliche Strafe verkündet, die Angst erfafst, und er des Chores Rathe folgend, nicht ohne Ueberwin- dung sich entschliefst, den Polyneikes zu beerdigen und das Mägdlein zu befreien; denn er fürchtet jetzt, es möchte das Beste sein, den be- stehenden Gebräuchen (reis zaSerrarw voncs) zu folgen. Der Chor ruft den Dionysos, den Schutzgott Thebens an, dafs er helfe; doch plötzlich erscheint der Bote mit der Nachricht von Haemon’s Selbstmord ; ein Be- weis, dafs unverständiger Rath (@QovAi«) dem Manne, hier dem Kreon, der Uebel schlimmstes (1227.). Haemon’s Tod ist höchst leidenschaftlich: selbst gegen den Vater hat er das Schwert gezogen; dann ersucht er sich verzweiflungsvoll, und indem er sich noch im Sterben um die - Braut herumschlingt, röthet er ihre bleichen Wangen mit seinem Blute. Antigone selbst hatte sich mit ihrem Gürtel erhängt. Bald bringt der Herrscher die Leiche des Sohnes, nicht fremdes Unheil, söndern Folge eigener Schuld (1242.): er bejammert seine verkehrte Klugheit (dusßov- Aa); zu spät, sagt der Chor, erkennt er das Recht. Schnell folgt die zweite Trauerpost, von Eurydikens Tod, welche im Sterben den Ge- mahl verwünscht und Haemon’s Tod preist (1287 ff.). Der Chor schliefst mit dem bedeutungsvollen Spruch: Wohl ist Weisheit der Glückseeligkeit Um Vieles das Erst’; und das göttliche Recht Darf keiner verschmäh’n : denn gewaltige Wort’ In gewaltigem Schlag doch büfsend einmal, Hochmüthiger Art, Sie lehren ım Alter die Weisheit. EB * 68 Borcxku über die Antigone 12. Wir haben, so weit es in der Kürze möglich ist, die Haupt- abschnitte der Handlung, die bedeutendsten Beweggründe und auch die wichtigsten Urtheile berührt, welche in dem Stücke enthalten sind; und es kommt nun darauf an, die Einheit zu finden, aus welcher sich alle einzelnen Theile erklären. A. W. Schlegel (!) erklärt sich darüber nicht ausführlich; er bemerkt nur, dafs diese Tragödie sich auf die hei- ligen Rechte der Todten beziehe, und ein weibliches Ideal von grofser Strenge darstelle. Indessen vereinigt sich hiermit der Antigone zweimal heftig hervortretende Rauhigkeit gegen ihre Schwester gar nicht; diese Härte, die überdies durch das ganze Stück durchgeht, ist gewifs nicht ächt weiblich, wenigstens einem Ideal unangemessen. Sehr fein ist die Bemerkung, der Dichter habe das Geheimnifs gefunden, das liebevolle weibliche Gemüth in einer einzigen Zeile zu oflenbaren, wenn sie dem Kreon auf die Vorstellung, Polyneikes sei ein Feind des Vaterlandes ge- wesen, erwiedert: ‚‚Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da’; aber so unvergleichlich schön auch dieser Vers ist, erscheint er doch mehr als eine erisiische Wendung, da eben in jener Stelle der in den Tragi- kern so gewöhnliche Wortkampf der Parteien dargestellt ist (519.). Die Klagen der Antigone vor ihrer Wegführung sind menschlich und na- türlich: für die Darstellung eines Ideales aber haben sie doch gewifs keine Beweiskraft. Geistreich bemerkt Schlegel über die Schwäche des Chors: indem er sich ohne Widerrede den tyrannischen Befehlen des Kreon füge, und nicht einmal eine Vorstellung zu Gunsten der jun- gen Heldin versuche, solle sie mit ihrem Entschlufs und ihrer That ganz allein stehen, um recht verherrlicht zu werden; die Unterwürfigkeit des Chores vermehre den Eindruck von der Unwiderstehlichkeit der könig- lichen Befehle. Aber die Aeufserungen des Chors über die Handlung der Antigone enthalten etwas mehr als Unterwürfigkeit, und dürften schwerlich anders erklärbar sein als aus einer ganz verschiedenen Ansicht des Dichters von der Antigone. Recht schön spricht auch Solger (?) über die Antigone: ‚‚In ihr und der Elektra offenbarten sich die höchsten „‚sittlichen Gesetze in ihrer erhabensten und schreckenvollsten Würde; (1) Dramat. Litt. Bd. I, S. 185 ff. (2) Vorrede z. Uebers. S. xxx ff. des Sophokles. 69 ‚„‚das Werkzeug ihrer Handhabung ist in beiden eine Jungfrau”. Denn ‚in edlen Frauen lebe am kräfugsten und als ein Grundtrieb ihres We- ‚„‚sens das allgemeine Gefühl der höchsten Sitte im ursprünglichsten und „‚erhabensten Sinne; statt also dem Dichter vorzuwerfen, dafs er die „Weiblichkeit zu hart und männlich behandelt habe, müsse man ihn ‚„‚vielmehr bewundern, dafs er sie so glorreich erhoben habe zu ihrer ‚höchsten und heiligsten Bedeutung”. Hierdurch ist aber die Härte gegen Ismenen auf keine Weise genügend erklärt; noch weniger sind damit die Vorwürfe der Vermessenheit und Leidenschaftlichkeit verein- bar, welche unstreitig in dem Stücke liegen. Solger selbst kann einen Tadel in das Lob der Jungfrau zu mischen nicht umhin, wenn er fort- fährt: ‚‚In dem schönen Gemüthe der Antigone, wiewohl sie mit allen ‚Bürgern dem gesetzmäfsigen Könige des Landes Gehorsam schuldig ist, ‚„‚siegt die ewige Macht heiliger Sitte über ein Gebot von blofs mensch- „licher Abkunft. Bei allen Hoffnungen und allem Wunsche jugend- „licher Freuden geht sie freiwillig in den Tod; doch stirbt sie in der „höchsten Glorie, während der König, der sich von äufserer Macht „und endlicher Klugheit zu weit verleiten liefs, seinen Frevel mit der ‚„‚Ausrottung seines ganzen Hauses bülst. Aber dafs wir auf keine Seite ‚„‚die ganze Schuld des Verderbens werfen, beide büfsen gemeinschaft- „lich die nie zu vereinende Spaltung zwischen dem Ewigen und Zeit- „lichen”. Ich gestehe nicht einzusehen, dafs Antigone mit so grofser Glorie sterbe; umgekehrt hat der Dichter ihren Tod weit weniger ver- herrlicht als man erwarten sollte. Ueberhaupt kann es sein höchster Zweck nicht gewesen sein, eine Apotheose der Antigone zu geben, oder auch nur die jungfräuliche Gröfse der Antigone, also im Grunde eine be- schränkte Charakterzeichnung, darzustellen ; sonst mufste er von Vs. 621. und noch mehr von Vs. 974. an, ganz anders dichten. Denn der Sturz des Kreontischen Hauses hat mit der Gröfse der Antigone nichts gemein, wenn er auch die Vergeltung für die an ihr verübte That ist. 13. Jacob (!) giebt als den Grundgedanken des Stückes an: ,‚,‚der ‚Götter Gesetze müsse man fromm ehren, und schwer würden die be- ‚„„straft, die durch ihre eigenen neuen Satzungen deren Heiligkeit ver- (1) Qu. Soph. Bd. 1, S. 551. 70 Borcxm über die Antigone „‚letzten”. Diese Vorstellung enthält allerdings etwas Bestimmteres, und ob sie gleich zunächst nur auf einen einzigen Spruch aus den Anapästen am Schlufs: 1on de ray 85 Seous Mndev arerreiv, und dann auf etliche Stellen des Stückes (445. 740.985 ff. 1100 ff.) von ihm gestützt wird, geht sie doch durch die ganze Tragödie durch. Da nun der Vorwurf, das göttliche techt verletzt zu haben, Antigonen nicht trifft, soll sie blofs als dessen Vertheidigerin erscheinen, und Kreon’s Unglück nicht die Strafe für den Frevel an Polyneikes, sondern für die Grausamkeit gegen Antigone sein. Dies ist aber eine willkührliche Voraussetzung; Tiresias, der berufene Anwald des Göttlichen, hebt vielmehr am meisten hervor, dafs die Altäre der Götter durch den unbeerdigten Leichnam verunreinigt würden: ganz besonders tadelt aber auch er den Mangel vernünftigen Rathes (eößzr«) und den Eigenwillen und das Selbstvertrauen («öSaöi«) des Kreon; welches nicht zu übersehen ist (Vs. 1010 ff. 1155 ff.). Da überdies Jacob’s An- sicht den andern Grundgedanken, der ebenfalls durch das ganze Stück durchgeht, nehmlich das Unrecht der Antigone, nicht in sich aufneh- men kann, und nach ihr eine viel gröfsere Verherrlichung der Antigone gegeben sein müfste: so ist auch diese Ansicht einseitig und unbefrie- digend, und es ist daher nicht zu verwundern, dafs er eine übrigens schon von Aristoteles (1) als Sophokleisch anerkannte, scharfsinnige und antik schöne Stelle hat ausmerzen müssen (?), weil sie der Handlung der Antigone das Verdienst schmälert, und also nicht zu der vorausgesetz- ten Einheit des Werkes summt (Vs. 895 ff.). Aber man stelle nur den Gesichtspunct des Kunstwerkes anders; so wird sich auch jene Stelle in das Ganze fügen. 14. Das Verhängnifs oder Schicksal spielt in der Antigone eine sehr untergeordnete Rolle; und niemand kann in diesem die Einheit des Stückes suchen. Mit der Brüder Wechselmord ist der Labdakiden Ver- hängnifs und des Vaters Fluch getilgt; nur inwiefern alle menschliche That vom ewigen Willen bedingt ist, hat dieser auch der Antigone und Kreon’s Fall erzeugt. Allerdings ist jener Loos dem Unglücksverhäng- nifs des Hauses angemessen; es erwachen die alten Uebel der Labdakiden Rhet. III, 16. S. S. 562-568. des Sophokles. 71 (589 #f.), und Antigone kämpft einen väterlichen Kampf (849 f.); aber dies sind blofs Vergleichungspunete, auf welche bedeutungsvoll hinge- wiesen wird; das herbe Leiden der Antigone wird gewissermafsen da- durch gemildert, dafs es ihr nichts Eigenthümliches, sondern in ihrem Hause einheimisch ist. Wenn die Menschen sündigen, hat der Gott ihren Sinn verblendet (619 ff.); wenn sie Unheil triffi, hat es der Gott gethan: der Gott begräbt Antigonen in dem steinernen Hause, wie er die Niobe versteinerte (826.). Wer sieht nicht, dafs. dies blofs allge- meine Ansichten sind, die in die Handlung selbst nicht weiter eingrei- fen? Eben dahin gehört die Aeufserung des Chores (1518.), Kreon solle nicht weiter zu den Göttern flehen; denn dem Verhängnifs könne man nicht entgehen: und so weiset der Chor noch öfter auf die Macht des Schicksals hin (941. 975.). Dagegen ist es wieder hinlänglich ausge- sprochen, dafs Antigone und Kreon mit selbstgewähltem Entschlufs ihr Verderben herbeiführen; Haemon und Eurydike werden durch jene und durch eigene Leidenschaft oder Schwäche nachgezogen. Alles geht rein menschlich zu. 15. Unbekümmert um diejenigen, welche tiefer liegende Gedanken und eine durchgreifende Ansicht in einem Kunstwerke der Hellenischen Tragiker nicht suchen wollen, weil Aristoteles darüber keine Auskunft giebt, wollen wir nun durch Zusammenhaltung der Hauptmassen und häufig wiederkehrender Andeutungen die Grundidee finden, in welcher das Ganze als in seiner Einheit aufgeht: nur von diesem Puncte aus kann auch das Einzelne vollständig begriffen werden. Besondere Wich- ügkeit haben aber hier die Andeutungen des Chors, der über der Lei- denschaft der Handelnden stehend das allgemeine Urtheil für den Be- trachtenden zieht, und den geistigen Inhalt der Handlungen ausspricht, als Organ des seines Zweckes sich wohl bewufsten Dichters. Das wahre dramatische Kunstwerk , das Werk eines durch die höchste Beson- nenheit ausgezeichneten Dichters, wird Eine Idee in Einer Handlung abspiegeln, wie reich die lewtere auch gegliedert sei, und wie viele untergeordnete Gedanken auch in jener wieder enthalten sein mögen: dennoch finden sich scheinbar zwei Handlungen in der Antigone; ja man könnte sogar, wie Jacob bemerkt, die Person der Antigone weg- nehmen, und es bliebe eine Tragödie Kreon übrig. Der Antigone Ent- 72 Borcxku über die Antigone schlufs und dessen Ausführung bis zum Tode, also Vorsatz, That und Folgen der That (!), bilden für sich eine Handlung, welcher die Kreon- tische gegenüber steht. Aber mit Recht sagt Schlegel: ‚‚Es könnte kein „Knoten des Stückes ohne Widerstreit Statt finden, und dieser ent- „‚steht meistens aus den entgegengesetzten Vorsätzen und Absichten der „Personen. Wenn wir also den Begriff einer Handlung auf Entschlufs „und That beschränken, so wird sich meistens eine doppelte oder mehr- ‚„‚fache Handlung im Trauerspiel zeigen. Welches ist nun die Haupt- ‚„‚handlung? Jedem scheint seine eigene die wichtigste; denn Jeder ist sein „eigener Mittelpunct. Kreons Entschlufs sein königliches Ansehen an ‚dem Beerdiger des Polyneikes durch Todesstrafe zu behaupten, ist eben ‚‚so fest als der Entschlufs der Antigone, eben so wichtig, und wie wir „am Schlusse sehen, eben so gefährlich, weil er den Sturz vom ganzen „Hause des Kreon nach sich zieht.” Offenbar ist aber der Kampf beider gegen einander die Eine aus zwei Gegensätzen entspringende Handlung; in dieser liegt das äufsere Leben des Stückes. Aber in demselben stellt sich Ein Gedanke dar, der auf verschiedene Weise sich an den beiden entgegengesetzten Kräften der Handlung bewährt: Ungemessenes und leidenschaftliches Streben, welches sich überhebt, führt zum Untergang; also messe der Mensch seine Befugnifs mit Beson- nenheit, dafs er nicht aus heftigem Eigenwillen menschliche oder göttliche Rechte überschreite, und zur Bufse grofse Schläge erleide: die Vernunft ist das Beste der Glücksee- ligkeit. Wir wollen diesen Gedanken, der seiner Gliederung unge- achtet nur Einer ist, in einer nochmahligen Betrachtung des Werkes bewähren. 16. Kreon’s Verbot, den Polyneikes zu beerdigen, ist ungeachtet des Angriffes auf sein Vaterland hart und tyrannisch und als Beleidi- gung der Untergötter irreligiös; er greift in das Recht der Antigone ein, indem er sie verhindert, das Ihrige zu ıhun, wie sie gleich im Prolog sagt; er hat sich also gegen die Götter und die Todten vermessen. Antigone erkennt die innere und natürliche Pflicht, ihren Bruder zu bestatten; aber durch Uebertretung des Staatsgesetzes lös’t sie den gesell- (1) Vgl. A.W.Schlegel Dramat. Litt. Th. U, Bd. I, S. 88. des Sophokles. 13 schaftlichen Verband auf, und indem sie den eigenen Willen mit Ge- walt durchsetzen will, überschreitet sie die Grenzen ihres Geschlechtes und der Unterthanin. Sie mulfste den Göttern des Polyneikes Bestat- tung anheimstellen; Tiresias lehrt später, dafs auch sie diese fordern: und nur durch ihre Zeichen ist sie zuletzt bewirkt worden. Nicht umsonst stellt Sophokles auch sie als vermessen dar. Schon im Prolog zeigt Ismene, sie müfsten als Weiber und Beherrschte der Macht wei- chen, und könnten nur die Todten um Verzeihung tlehen; es sei eine Thorheit Uebermäfsiges (regırs« Vs.68.) zu unternehmen, und gegen des Hervschers Befehl zu handeln. Dahin gehört auch Vs. 42. 23 yruuns wor’ ei, Vs. 98. avous ne EOXEL, reis biAcıs Ö° 6eIws &iAr. Zwar könnte man sagen, auf solche Worte sei kein Gewicht zu legen; auch Chry- sothemis werfe der Elektra Unverstand vor, rathe ihr ab von Unmög- lichem, und ermahne sie als Weib und Beherrschte den Mächtigern zu weichen (!): allein in der Elektra greifen jene Reden auch weniger in den sittlichen Werth der Handlung ein, weil dort nicht wie in der Antigone ein Kampf entgegengesetzter Rechte dargestellt wird; und Chrysothemis , obgleich in weit günstigerem Verhältnifs zur Mutter, ist doch weit mehr dem Thun der Elektra zugewandt, da ’'sie ihr sogar darin nachgiebt, dafs sie das ihr aufgetragene Todtenopfer unterläfst. Geben wir auch zu, dafs wie Chrysothemis zur Elekwa, so Ismene zu Antigonen den Gegensatz bilden soll, damit der Andern Kraft stärker hervortrete ; so weiset dennoch Ismene zugleich der Schwester den Standpunct an, welchen sie als Weib mit Besonnenheit wählen sollte. Ismene verkennt deshalb das Edle und Liebevolle der Antigone nicht; Antigone dagegen, oflenbar sich überhebend, stöfst die sanfte und lieb- reiche Schwester rauh von sich, trotzt mit stolzem Sinn auf den Edel- muth ihrer That, mit welcher sie einen grofsen Tod gewinne, und will der Schwester, nach der ersten Weigerung, auch ferner nicht den min- desten Antheil mehr daran geben; sie solle sie und ihre Unklugheit (dusßerie Vs. 95.) gewähren lassen. Weit entfernt die erhabene Natur der Antigone herabsetzen zu wollen, behaupten wir nur, dafs auch sie (1) Elektra 586 ff. 980 ff. Hist. philol. Klasse 1824. KR 74 Borcxku über die Antigone mit leidenschaftlicher Feindseeligkeit vermessen dem vermessenen Kreon entgegentritt, und so den Keim des Unterganges in sich trägt, den alle sterbliche Unvollkommenheit als Bufse der Ungerechtigkeit zahlt. Un- sere Pflicht ist es, des Dichters geheimem Gange nachzuspüren; er wollte Antigonen grofs und edel zeichnen, nicht gemein und schlecht; aber zugleich sollte sie des Mafses unkundig erscheinen, welches ihm das Höchste ist, der auch im Aias den das Mafs überschreitenden und der Besonnenheit (swogorUvn) entbehrenden Helden dem Zorne der Athena aussetzt, während diese mit Vorliebe für den Odysseus auftritt: denn die Besonnenen lieben die Götter: reis dE swegevas Sec diAcurı xal oruyeorı rovs zancus (Aj. 152.). Ebenso, wer wollte sagen, Kreon sei als ein schlechter Tyrann dargestellt? Wie Antigone einen weiblich frommen, hat Kreon einen männlich strengen, dem Staatsmann ange- messenen Beweggrund; selbst die Götter glaubt er nicht zu verletzen (282 ff.), sondern giebt deren Verletzung vielmehr dem Polyneikes schuld (199.); auch er konnte herrlich wirken, wenn ihn nicht Eifer für das Vaterland und seine Würde zur Leidenschaft führte, bis zur Geringachtung des Göttlichen und zur Tyrannei. So bewährt der Dich- ter an edlen und trefllichen Naturen,, wie eigenmächuge Vermessenheit und Mangel an Besonnenheit beide im Wechselkampf vernichtet. Wie die Betrachtungen des Chors in unserem Stücke öfter die nachfolgende Handlung zum Voraus beurtheilen, so bemerkt schon in der Parodos (127.) der Chor in Beziehung auf die Argeier, dafs Zeus der gewal- tigen Rede Prahlerei hasse: welches um so weniger für die Haupt- handlung bedeutungslos sein kann, da auch am Schlufs die gewal- tigen Worte der Hochmüthigen in Bezug auf die Erfolge dieser Handlung genannt werden. 17. Den im Prolog ausgesprochenen Widerstreit beider Kräfte seızt das ganze Stück bis zur äufsersten Hartnäckigkeit fort, indem gleichen Schrittes das Aechte und Wahre der Gesinnung der Handelnden und das Harte und Heftige, Vermessene sich entwickelt. Zunächst zeigt sich letzteres an Kreon, dessen Härte der Chor nicht billigt; aber ihr wei- chend zeigt er das wahre Mafs. Als hernach der Chor, da die Beer- digung des Polyneikes verkündet worden, dieser eine göttliche Veran- lassung unterlegen will, offenbart sich in Kreon’s Zorn das Tyrannische des Sophokles. 75 und das kühne Selbstvertrauen gegen fromme Anmahnung. Der nächste Chorgesang, der das Gewaltige der menschlichen Natur schildert, welche in ihrem Streben sich alles unterwirft, und während sie sich das Ver- nunft- und Staatsleben erschaflt, doch wieder in ihrer Leidenschaft gött- liches und menschliches Recht niedertritt, wirft auf Kreon’s und der Antigone Handlung eine doppelseitige Beleuchtung. Da nun aber Anu- gone gefangen gebracht wird, fürchtet der Chor alsbald, dafs sie auf ıhö- richtem Beginnen (&v @pgervvr) ergriffen sei (579.); und wenn sie (465.) den Kreon der Thorheit zeiht, weil etwa ihr Thun ihm thöricht er- scheine, kann man dies fast wörtlich als des Dichters Ueberzeugung anse- hen, weil beide leidenschaftlich handeln. Grofs erscheint sie, da sie ihre That alsbald gestehend dieselbe mit dem göttlichen Recht vertheidigt; herrlich zeigt sie des Königs Vermessenheit, dafs er ein Sterblicher nicht könne das ewige und ungeschriebene Gesetz der Götter übertreffen (450.): dafs ihr das Leben werthlos, ist eine Milderung ihres Schicksals, welche ihr grofses Herz verdient. Aber statt durch sanfte Ergebung oder Unter- werfung zu wirken, fordert sie den König heraus; sie hat das Vergehen nicht allein begangen, sie lacht nach der That noch, und reizt den Hevr- scher in stolzer Ueberhebung. Auch hier zeigt der Chor, die im Besitze der wahren Besonnenheit ruhigen Greise, des Dichters Urtheil (466.): Rauh zeiget sich von rauhem Vater die Natur der Maid: zu weichen weifs sie nicht dem Mifsgeschick. Kreon zeigt ihr ihre Verletzung des Staatsgesetzes, ihren Uebermuth (476 #.); aber das härteste Eisen bricht am häufigsten, und die Hart- näckigsten fallen am meisten. Er vermifst sich, nicht solle er mehr ein Mann sein, aber sie, wenn diese Anmafsung ihr ungestraft hingehe. Sie aber rühmt sich von Neuem ihrer edlen That (495 #.), wirft dem König Tyrannei vor; jeder wiederholt erneut seine Ueberzeugung, und deckt das fremde Unrecht auf, ohne das eigene zu erkennen. Um vie- les andere zu übergehen, will ich nur eine wweffende Bezeichnung des Eigenwillens beider herausheben, indem Antigone dem Kreon einwirft, alle sähen ihr Recht ein, und schwiegen nur aus Furcht, er aber ihr entgegenhält, ob sie sich nicht scheue, ihren besondern Verstand ohne die übrigen Kadmeier zu haben (sÜ Ö° cür Erauden, ravde Auge ei bacveis; 506.). K2 76 Boscexu über die Antigone {$. Beider Härte und Leidenschaft offenbart sich zunächst auch an Ismenen, die Kreon, obgleich sie unschuldig ist, mit in das Ver- derben hineinziehen will, Antgone aber noch rauher als vorher von sich stöfst, dafs sie wie an ihrer That, so auch am Tode keinen Antheil habe. Ismenen selbst hat man falsch beurtheilt, wenn man glaubte, sie bereue ihre Schwäche; sie bewährt nur ihr liebevolles Gemüth , und will sich selbst Schuld beimessen, um nicht ohne die Schwester zu leben: auch ihr hat jeızt das Unglück die Besinnung geraubt. Selbst da, o König, wo Verstand entsprofs, verbleibt er nicht den Unglückseel’gen: Noth zerrüttet ihn. Indem sie dies von sich ausspricht, enthüllt sie vorausgreifend hierin auch des Kreon Schicksal. Man überschaue das Folgende: immer wird ınan denselben Grundgedanken festgehalten finden. Sich leidenschaftlich vermessend, aber um die Weiber in ihre Grenzen zurückzuführen (574.), will Kreon die Antigone tödten, ohne auch nur des Sohnes Liebe zu schonen ; doch ist seiner Härte die Gerechtigkeitsliebe beigemischt: ,‚, wer ‚‚den Staat beherrschen will, mufs zuerst sein Haus beherrschen können”, zu welchem auch Antigone gehört (vgl. auch Vs. 482.). Antigone stirbt zwar nach dem dunklen Gange des Labdakidenschicksals: aber ist es nicht nach des Chores Urtheil des eignen Rathes Unsinn und der Seel’ Erinnys, was sie ins Verderben führt? Der Götter Macht kann kein Sterblicher frevelnd überwinden; der Mensch ergreift statı des Guten das Böse, von leidenschaftlichen Hoff- nungen verleitet; denn die göttliche Macht, das Recht wah- rend, bestraft ihn. Dieser Gedanke des Chores leidet auf beide Theile Anwendung, indem er rückwärts sich auf Antigone bezieht, und vorwärts Kreon’s Fall andeutet; der Hauptinhalt desselben ist aber wieder eben dieser: dafs die Leidenschaft des Menschen Sinn verwirrt und den Un- tergang herbeiführt: und Kreon selbst wendet dies am Ende (1258 ff.) auf sich an. Um nun hier gleich alles vorwegzunehmen, was zur Be- urtheilung der That der Jungfrau gehört, so ist der Dichter weit ent- fernt, sie unbedingt zu verherrlichen; nur die Gröfse und Festigkeit ihres Vorsatzes und ihre Frömmigkeit wird gerecht hervorgehoben, aber es fehlt nicht an Andeutungen des Tadels. Wenn wir gleich ihre Kla- gen über den Verlust der Lebensfreuden und des ehelichen Glückes, des Sophokles. 1 über ihren lebendigen Tod im Grabgemach als rein menschlich erken- nen, und daran sehen, dafs Antigone nicht durchaus rauh ist; wenn wir auch zugleich gestehen, die Aechtheit ihres Entschlusses bewähre sich eben dadurch, dafs sie den bittern Kelch des Todes auch bitter empfindet: so ist doch auch ihrem Tode die heftige Leidenschaft beige- mischt; sie endet in Verzweiflung ihr Leben selbst mit dem Strang. Man entgegne nicht, dies sei nothwendig, damit dem Kreon und Haemon der Rückschritt nicht offen bleibe; denn das sehe ich wohl ein, dafs die Leidenschaftlichkeit nöthig war, damit diese Tragödie entstehen konnte, die ja schon früher eine andere Wendung hätte nehmen müssen, wenn Kreon und Antigone milder wären als sie sind: aber was für die Ein- richtung des Stückes nöthig ist, mufs eben auch schon in der Sinnesart der Handelnden liegen, wenn das Stück wohl eingerichtet sein soll; und so bleibt jener Tod immer nur aus leidenschaftlicher Verzweiflung erklärlich, die auch ihre Gesänge atımen. Noch bleibt sie zwar bei der alten Ueberzeugung; aber sie erkennt doch (898.), dafs sie den Staats- willen verletzt habe, und stellt zweifelnd den Göttern anheim, sie zu richten. Gerade da sie auf diesen Punct gekommen ist, legt ihr der Dichter etwas unter, was nur von unserer Ansicht aus erklärbar ist. Sie entschuldigt nehmlich ihre Handlung damit, dafs den sie beerdigt, ihr Bruder sei: wäre es ihr Gatte, ihr Kind, würde sie es nicht ge- than haben ;. denn ein anderer Gatte, ein anderes Rind könnte ihr wie- der werden; aber da Vater und Mutter todt sind, kann sie keinen Bru- der mehr erhalten. Mit Recht bemerkt Jacob, dafs diese Stelle, auf welche ich im zweiten Theile zurückkommen werde, die Gröfse ihrer Handlung aufhebe; aber der Dichter wollte eben ihrer Handlung keine unbedingte Gröfse zuschreiben, und läfst sie, da sie eben an die Er- kenntnifs ihres Unrechts angrenzt, nach Stützpuncten suchen, wie die Sophistik der Verzweiflung sie darbietet: doch erkennt Kreon, vollkom- men im richtigen Verhältnifs, seine Thorheit schärfer. Völlig über- einstimmend mit jener Zeichnung der Antgone ist endlich auch das Urtheil des Chores. Thränen zollt er der grofsherzigen That der Jung- frau, dem frommen Frevel, wie sie es nennt: doch sagt er, sein Mitleid führe ihn über das Recht hinaus (795.); er verschweigt nicht ihre Vermessenheit, wenn sie sich Göttergleichen vergleicht (828 Ml.), 753 Borcxkm über die Antigone sondern geht bis zur Härte des Spottes; endlich hebt er ihre Schuld klar hervor (846. 864.): Vorschreitend bis zum Aeufsersten der Kühnheit, stiefsest du, mein Kind, stark an an Dike’s hohem Thron. Und: Wohl heilig Todter Heiligung; doch dessen Macht, dem Macht gebührt, zu übertreten ziemet nicht. Dich stürzte eigenwill’ger Trotzsinn. Und nicht tadellos hebt er ihre Hartnäckigkeit heraus (920.): Desselbigen Sturms wildströmende Flut folgt auch noch jetzo des Mädchens Gemüth. Der Chorgesang 955 ff. worin Dana@, Lykurg, die Phineiden, zunächst nur wegen der Achnlichkeit ihres Schicksales, der Wohnung im Grabe, verglichen werden, giebt dem Verhängnifs nur den allgemeinen Antheil an dem Leiden der Antigone, und vergifst nicht den Mangel der Weis- heit anzudeuten , der wenigstens den Lykurg stürzte, welchem Kreon in einer gewissen Beziehung sehr ähnlich ist. 19. Wir haben die Schuld der Anugone mehr als ihre Trefllich- keit hervorgehoben, weil sie minder anerkannt ist; dafs wir aber ihre Grofsherzigkeit nicht läugnen, brauchen wir kaum zu wiederholen. Ehe ihr Schicksal vollendet ist, legt der Dichter den Grund der Kreontischen Leiden, um die Hauptmassen des Drama inniger zu verflechten und zu verwickeln. Der Sohn vorzüglich konnte das Vaterherz durch eine Vor- stellung zu Gunsten seiner Verlobten rühren, und zeigen, dafs der Herr- scher zu hart und blofs sich selbst vertrauend, nicht auf das göttliche Recht noch der Bürger Gefühl achte. Haemon spricht schr milde und bescheiden ; er unterwirft sich dem Urtheil und Willen des Vaters: das Unangenehme erzählt er als Anderer Rede, damit die seinige unterthä- niger sei (!): er entwickelt jedoch die Schönheit der That, und stellt das Mitleid der Bürger mit der Jungfrau dar. Aber der Vater verschliefst sich dagegen; nur eigener Weisheit folgend ist er dem Thoren gleich: (1) 4rist. Rhet. III, ı7. Vgl. Schol. Vs. 688. des Sophokles. 79 die Summe des Volkes ist ihm zuwider; er der Herrscher erkennt allein das Rechte und will es durchführen. Umsonst macht ihn der Sohn dar- auf aufmerksam, dafs es nicht blofs Einen Verstand gebe, dafs Starrsinn ins Verderben stürze und man verstehen müsse zu weichen; wie der Baum, der dem Waldstırom sich entgegenstemmt, entwurzelt wird, der nachgebende stehen bleibt; wie der Steuermann, der im Sturm die Segel nicht einzieht, das Fahrzeug Preis giebt (708 1f.). Auch hier ist Alles auf den Begriff der Vernunft und Besonnenheit berechnet. Der Ver- stand, sagt Haemon gleich im Anfang (679 f.), ist aller Dinge höchstes; und nachdem der Streit entzündet ist, gehen die Vorwürfe des Sohnes eben dahin weit mehr als auf die Gottlosigkeit (720-755.). Schon am Schlusse seiner Hauptrede sagt Haemon: ‚,‚Es ziemt von dem zu lernen, ‚„‚der verständig spricht”; und hernach: ,‚‚Bin ich jung, so mufst du „mehr die Sache als die Jahre schaun’. ,‚,Erkennst du, dafs du dieses „allzujung gesagt’’? ‚,Unsinnig schält’ ich, wärst du nicht mein Vater, „dich”. Zuletzt (761.) zeiht er ihn des Wahnsinns. Kreon vermifst sich von Neuem, indem er den Sohn im Zorne scheiden läfst und meint, er möge thun, was er wolle, seizt seine Hartnäckigkeit gegen die zögernden Vollstrecker des Urtheils fort, verschliefst sich dem gött- lichen Seher und vergeht sich an ihm. Auch Tiresias, obgleich er nach der Natur der Sache das Religiöse hervorhebı, führt ihn auf seine selbstgefällige Halsstarrigkeit («üScde), welche Verderben bringe (1015.); auch ihm ist aller Güter bestes weiser Rath (eößsvAra 1057.); auch er wünscht ihm bessern Verstand (1077.). Dafs von ihm das Begräbnifs des Polyneikes sofort gefordert wird, liegt im Wesen des Gegenstan- des; aber immer wird auf die Besonnenheit als den eigentlichen Zweck zurückgegangen. ,‚,‚Des weisen Rathes bedarf es’’, sagt auch der Chor (1085.), und selbst der Bote, welcher Haemon’s Schicksal erzählt, schliefst damit, dies zeige, dafs unrichuger Rath (@Gevrre) dem Manne der Uebel schlimmstes sei (1227.): und der Sinne Verblendung, die unglückseeligen Rathschlüsse bejammert Kreon zuletzt selbst (1247. 1251 M.). Die Un- besonnenheit des Kreon zeigt sich auch in dem Ueberspringen von ei- nem Entschlufs zum andern. Nach dem Prolog soll derjenige, welcher den Polyneikes bestattet, die Steinigung erleiden; 756. will Kreon die Antigone im Angesicht des Sohnes sterben lassen; endlich soll sie s0 Borcxm über die Antigone lebendig begraben werden. 756. will er beide Schwestern tödten lassen ; erst der Chor mufs ihn wieder erinnern, Ismene sei unschuldig, und sogleich gesteht der König seine Uebereilung ('). Wer sieht nicht aus solchen Zügen, dafs die Verletzung des Göttlichen durch Kreon nur ein Untergeordnetes ist, der umfassende Gedanke aber auf seine Vermessen- heit und Unbesonnenheit sich bezieht? Erst nachdem die Hülfe zu spät, führt ihn die Nothwendigkeit zum Bewufstsein; aber weder Antigone noch Haemon ist mehr zu retten. Indem der Chor (1256.) sagt, Kreon erkenne zu spät das Recht, verurtheilt er nur den Kreon; die That der Antigone ist dadurch noch nicht gebilligt, weil sie darum nicht Recht hat, wenn Kreon Unrecht. 20. Uebrigens ist auch Haemon’s Tod keinesweges blofs ein Theil der Bufse des Vaters, sondern trägt zur Anschauung des Grundgedankens bei. Auch er ist von Leidenschaft ergriffen, erhebt sich über das Mafs des Mannes (764. govei neißev4 »ar’ avdoa), vergeht sich in Reden gegen den Vater, und scheidet rasch im Zorn (762.). Ja er zückt sogar das Schwert gegen den Vater, welcher entflieht, und stirbt in rasender Verzweiflung. Aristoteles (2) verwirft es als etwas Untragisches, dafs einer wissentlich eine That begehen wolle, und es nicht thue; es ent- halte das Schändliche (7° wıaev) und bringe doch die tragische Wir- kung nicht hervor: daher handle Niemand so, aufser selten, wie in der Antigone Haemon gegen Kreon. Mit Recht haben Tyrwhitt und Näke (°) diese Stelle hierher bezogen; auch der sehr achtungswerthe Scholiast sieht sich genöthigt, das Ziehen des Schwertes gegen den Vater zu entschuldigen: er habe es nehmlich gezogen, um sich selbst zu tödten; der Bote aber habe gemeint, er ziehe gegen den Vater, und erzähle es daher so. Wahrscheinlich meinte es aber Kreon auch, (1) Die Bemerkung des letzten Herausgebers Vs. 767. ,,Non hoc aequitatis aliquo „sensu permotus dieit Creon ; sed, quo acerbius laedat filium Antıgona condemnanda, „pareit Ismence”, ist ein rein willkührlicher Einfall, der den Worten des Kreon eben so sehr als dem Zwecke des Stückes widerspricht. Ueberhaupt sind die Ausleger wenig in Sophokles Geist eingedrungen. kayletPoets 1A: (5) Vorrede z. Bonner Verzeichnifs d. Vorles. März 1823. des Sophokles. si da er entflieht; und so wird es denn auch Sophokles gemeint haben. Eben so geringfügig ist der von Hermann angegebene Grund, Haemon habe dem Vater drohen müssen, damit er nicht am Selbstmord ver- hindert würde! Der treflliche Näke findet den Tadel des Aristoteles gerecht: ,,SU nihl aliud,, certe inutile erat, tam atrocem conatum con- ‚ferre in Haemonem.” Der aufserordentliche Verstand der alten Dichter, vorzüglich aber des Sophokles, ist über solchen Tadel erhaben, der auf die Ausleger zurückpralli. Sophokles wufste wohl, was er dichtete und warum. Aus zwei Gründen zieht Haemon das Schwert gegen den Vater, einmal damit sich zeige, wie verhafst Kreon selbst den nächsten Angehörigen geworden; wie Eurydike ihm flucht: sodann und vor- züglich, damit man erkenne, dafs Haemon selbst in rasender Leiden- schaftlichkeit, durch den Mangel der Besonnenheit sterbe. Auch hier herrscht der Seele Erinnys. Uebrigens zweifle ich, dafs Aristoteles den Sophokles hierin tadelte. Was er im Allgemeinen verwirft, kann im Einzelnen wohl angebracht sein; und wenn er sagt, dafs Sophokles hier eine Ausnahme von der Regel mache, ist die Ausnahme noch nicht durch die Regel verworfen. Wodurch ist aber Haemon’s That erzeugt? Durch die Liebe. Sie ist unbesiegbar im Kampf; sie herrscht selbst über die Gesetze; sie hat auch dieser Männer Streit erregt, indem sie auch Gerechter Sinn zur Ungerechtigkeit hinüberzieht; der sie hat, raset. Dies ist das Urtheil des Chors (776 #.). Also auch den Haemon hat die Leidenschaft fortgerissen ; auch an ihm erscheint, dafs Mangel der Besonnenheit ins Verderben stürzt. Nur Eurydike surbt rein schuldlos, ein Opfer der Kreontischen Thorheit. Sie hat freilich auch die Fassung des Gemüthes verloren; aber ihr macht das Zartge- fühl unseres Dichters keinen Vorwurf. Man glaube nicht, es könne über dies nicht vollständig geurtheilt werden, weil, wie Hermann lehrt, nach ı286. eine Lücke sei; denn die Annahme dieser Lücke ist ungegründet. Eurydike hat schon früher den einen Sohn durch hel- denmüthige Aufopferung verloren; den andern hat der Vater jetzt in den Tod getrieben. Warum sollte sie noch leben? Wer wollte ihr mütterliches Gefühl mit dem Tadel der Unbesonnenheit und Leiden- schaftlichkeit belasten? Aber je schuldloser Eurydike stirbt , desto schmerzhafter mufs ihr Tod, in welchem sie noch den Kreon ver- Hist. philol. Klasse 1524. L 82 Borcxmu über die Antıgone wünscht, diesem selbst sein. Er allein bleibt übrig, in Verzweiflung die Folgen seiner Vermessenheit und Unbesonnenheit überschauend. Der Chor aber falst bedeutungsvoll die allgemeine Lehre des Drama zusammen : Wohl ist Weisheit der Glückseeligkeit um vieles das Erst’; und das göttliche Recht darf keiner verschmähn; denn gewaltige Wort’ in gewaltigem Schlag doch büfsend einmal, hochmüthiger Art, sie lehren im Alter die Weisheit. Hochmuth und gewaltige Worte, wie gewaltige Schläge, sind an beiden Theilen sichtbar geworden; beide waren nicht unedel, beiden schenken wir das tragische Mitleid: aber Antigone ist, weil der innere Grund ihrer That fromm, durch das Gottesurtheil an Kreon gerächt, und wie ihre Schuld geringer, da sie nur menschliches Gebot verleizt hat, ist ihre Bufse minder hart, weil ihr der Tod erwünscht erscheint: Kreon, da er gegen das göttliche Recht gefehlt, und Urheber und Vollender des Unheils ist, wird empfindlicher gestraft durch verzweiflungsvolle Erkenntnifs seiner Thorheit. So ist an beider Mafslosigkeit das Mafs der Vergeltung recht klar geworden : für Antigone, als die minder schuldige und über ihr Geschlecht erhabene, bleibt unser Gefühl ent- schieden ; Kreon’s Vergehen, als das gröfste, bleibt in neuerem Anden- ken, und wird eben darum auch in den Schlufsanapästen des Chores noch besonders berücksichtigt: xg9 d& ra y’ &s Seoüs umdev ürerreiv. Die ganze Tragödie aber erscheint als ein höchst meisterhaftes und mit derselben Besonnenheit, die der Dichter verlangt, entworfenes Kunstwerk: nirgends hat er seinen Zweck aus den Augen verloren, sondern alle Charaktere, Handlungen, Erfolge auf den Einen Gedanken bezogen, aus welchem allein alles Einzelne verständlich ist, und worin wir also überzeugt sein können, die wahre Einheit des Stückes gefunden zu haben. Wir haben nehmlich, durchaus nichts in den Dichter hineingetragen , sondern alles nur aus ihm herausgeholt; ja wir haben nicht einmal alles benutzt, was auf den Grundgedanken des Stückes bezüglich ist, um nicht zu weit ins Einzelne zu gehen: sondern ein aufmerksamer Leser wird noch vieles ent- decken können, was von unserem Standpuncte aus ins Licht tritt. Denn der Dichter hat jede Parthie, fast möchte ich sagen jedes Wort, so auf des Sophokles. 83 das Ganze berechnet, dafs man die gesammte Tragödie abschreiben mülste, wenn man alles nachweisen wollte. Die vollendete Tragödie der Hellenen wie die vollendete Lyrik des Pindar ist eben so ausgezeichnet durch die Tiefe des Verstandes als der Phantasie. 21. Da die Charaktere der Personen grofsentheils schon durch den Grundgedanken des Stückes und die folgerechte Ausführung des- selben bestimmt sind, so bedarf es für sie nur weniger Bemerkungen. In Ismenen ist Zartheit und Sanftımuth hervorstechend, womit auch die Zeichnung im Oedipus auf Kolonos übereinstimmt. Dort erscheint Antigone als die liebreiche Helferin; und auch in dem ihr gleichnah- migen Stücke ist sie nicht schlechthin als rauh und hart geschildert. Wenn ich auch den Vers, ‚‚Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da”, in seiner Stelle mehr für eine Wendung des Streites halte, da Antigone eben so sehr hafst als liebt, so zeigen doch ihre Klagen über den Verlust des ihr verheissen gewesenen Glückes der Ehe und sogar der Kinderpflege (909.) auch ohne Rücksicht auf die Liebe für den Bruder ein jedem Zartgefühl offenes Gemüth. Ihre Liebe zu Haemon dagegen ist ganz entfernt gehalten, wie auch Haemon selbst dieses Ver- hältnisses nicht ausdrücklich gedenkt. Mit Aeschyleischer Strenge, will Sophokles hier kein liebendes Weib dichten; die Leidenschaft für ihre That hat der Antigone Geist ganz ergriffen und ihre Liebe verschlungen. 8 Nur eine Erwähnung des Haemon enlockt ihr die Erbitterung gegen 5 Kreon (568.): O liebster Haemon, wie entehrt der Vater dich! denn dafs dies Antigone, nicht Ismene spricht, läfst sich leicht zeigen. Dem Euripides blieb es überlassen, den grofsartigen Gegenstand in eine Liebelei zu verwandeln; denn in dessen Antigone wird der Jungfrau wegen Haemon’s Liebe verziehen; sie heirathet ihn glücklich und ge- biert den Maemon (!). Wenn auch diese Nachricht nicht erhalten wäre, so hätte man eine solche Behandlung der Fabel nach Euripides Eigen- thümlichkeit schon erwarten müssen, und die Bruchstücke bestätigen es, dafs in Euripideischen Stück viel von Liebe gesprochen wurde. Eben dieselben beweisen aber, dafs Kreon nicht minder als bei Sophokles gegen (1) Aristoph. Byz. im Inhalt der Soph. Antig. und daraus in einem spätern Zusatz z. Schol. Rom. Vs. 1526. L 2 54 Borcxu über die Antigone Antigone und Haemon hartnäckig ankämpfte; dies zeigen viele der er- haltenen Bruchstücke; und ein ganz kurzes, 'Er’ arguv Nrouev Yoasıamy Aü- »@v, lehrt dafs auch Euripides die Sache bis auf die Spitze trieb. Kreon mufs also bei Euripides durch eine höhere Macht umgestimmt worden sein; und welche war dazu passender gewählt als Thebens Schutzgou. Dionysos, der auch im letzten Chorgesang des Sophokleischen Stückes angerufen wird, dafs er der Stadt helfe? Hierher beziehe ich nun das Bruchstück beim Scholiasten des Pindar (!): ’Q Tal Awvns, Ws Edus ueyas Jess, Auvure, Ivyrois 7° oldanws UmorTaros. Dafs Dionysos ein unwiderstehlicher Gott sei, ist ein vielfach bewährter Gedanke: wenn er aber dem Kreon erscheinend dessen Halsstarrigkeit brach, war der Gedanke sehr wohl angebracht, mag er nun, wie ich Andern folgend zu rasch angenommen habe, von der Antigone, oder was wahrscheinlicher ist, von Kreon oder dem Chor gesprochen wor- den sein. Ruhnken und Valckenaer sind offenbar im Irrthum, wenn sie diese Verse auf den Eros beziehen wollen. Der Scholiast des Pin- dar sagt zu deutlich, dafs Dionysos der Sohn der Semele gemeint sei, und es ist eine viel zu kühne Voraussetzung zu glauben, der Scholiast habe sich durch eine falsche Leseart täuschen lassen; denn dazu gehörte doch ein hoher Grad von Verblüffiheit, wenn der Grammatiker, der das Stück selbst vor sich hatte, nicht hätte sehen sollen, von wem die Rede sei; ja ich behaupte geradezu, dafs es nach dem Zusammenhange der Stelle unmöglich sein mufste, eine so ganz verschiedene falsche Lese- art, wodurch Eros in Dionysos verwandelt wurde, selbst nur aus Ver- sehen in den Text zu bringen. Eher könnte Awvzs aus Ouwvzs verderbt sein; aber der Scholiast fand das Erstere sicher vor; und dafs die Alten eine Nachricht über den Namen Dione für Semele hauen, sieht man deutlich aus Hesychios, wo Baxxeu Awvyc erklärt wird Baxyeurngias Ze- Rs; welches nur unter der Voraussetzung, Semele sei auch Dione genannt worden, erklärbar ist. Doch um wieder auf dıe Sophokleischen Charaktere zurückzukommen, so erscheint Kreon als ein thätiger Staats- mann voll Weltklugheit auch in den beiden Oedipen, übereinsummend (7) ‚Pyth. IH, 177. des Sophokles. 55 mit der Antigone: den Tiresias hat Sophokles würdig gezeichnet, als den wahren Gottespriester; er konnte es um so leichter, da er selbst ein Priesterthum hatte. Haemon’s Charakter ist ungemein fein berech- net und wohl gehalten. Die Boten haben nichts Ausgezeichnetes; aber der Wächter ist eine langhindehnende, schnurrige, spitzlindige Person, aus dem gemeinen Volk und demnach von gemeinen Ansichten; eine fası Shakspearische Zeichnung. Der Chor endlich ist mit Absicht aus den edlen Greisen der Stadt zusammengesetzt, einmal, weil das Alter nicht zum Handeln geeignet ist, und gerade ein sehr thatloser Chor hier vorzüglich pafst, damit die handelnden Kräfte völlig unabhängig ihre zerstörende Laufbahn verfolgen; sodann weil das Alter eben im Besitze der vollkommensten Besonnenheit und Weisheit ist, wie auch der Schlufs ausdrücklich sagt. Was Jacob über den Charakter des Chores bemerkt (!), läfst sich grofsentheils unterschreiben; nur scheint er seine Bedeutung für das Wesen und den Gedanken des Stückes nicht ge- setzt an; wenigstens habe ich in seiner Darstellung nicht angezeigt ge- angeschlagen zu haben; er sieht ihn zu’ sehr als blofs willkührlich funden , warum denn gerade der Chor so und nicht anders in dem Stücke ist, welches aber auch von seiner Ansicht aus gar nicht erklärt werden kann, so wenig als des Chores Urtheile mit der von Jacob vor- ausgesetzten Einheit des Drama übereinstimmen. Uebrigens stellt der Chor eine von Kreon berufene Versammlung (A&ryn yegcvrwv 160.) vor: denn wie der Scholiast vortrefllich bemerkt, die Einführung des Chores mufs begründet sein. Seine Zahl war ohne Zweifel funfzehn, Der Schauplatz ist, wie Aristophanes auch sagt, vor Kreon’s Pallast; in der Ferne waren vielleicht die Orte angedeutet, wo Poiyneikes Leichnam liegen sollte, und wo die Gruft der Antigone bereitet wurde. 22. Die Theile der Tragödie giebt Aristoteles (*) im Allgemeinen . ! N ! odes, xegixov, welches in ragedos und rrasınev am: mooAsyos, emeısodiv, © € er b ä r ; A nr zerfällt. Der Prolog ist ihm weges oAoy rgaywöius 75 mgo egeu mupedeu, . . ’ dr x \ cs un x un a r Epeisodion wegos orov rgaywdius ro ueragu orwv Yegızav uerav, Exodos negos Ü2 esrı %opov mercs. Parodos ist 4 vawrn Asfıs oAcu S 5 = (49) > o ee Nr oAov rgaywos, 1LEr 56 Borcxm über die Antigone %eged, Stasimon MEAOS Yogev TO aveu avamamreu xal rgoyaiou. Dafs bei letz- terem der Chor sullsteht, ist wohl gewifs (!). Hierzu kommen noch als besondere Eigenthümlichkeiten 7a aro Frnv7s, die Gesänge der Schau- spieler, und die xouuei, das ist Ionvor nowor Xopov za amo uns: welche beide aber in die vorhergenannten allgemeinen Theile eingelegt werden. Die Antigone zerfällt hiernach in dreizehn sehr bestimmte Abschnitte, welche weder mit unsern Aufzügen noch mit unsern Auftritten ver- glichen werden können; es sind nehmlich darin aufser dem Prolog und der Exodos die Parodos, vier Stasima und ein fünfter Chorgesang, und fünf Epeisodien. Nie sind mehr als drei Schauspieler auf der Bühne. Alle Chorgesänge sind an solchen Stellen eingelegt, in welchen die Hand- lung auf der Bühne stllsteht, um für das Raum zu lassen, was aulfser- halb geschehen mufs. Wir beschränken uns auf eine kurze Angabe der Haupttheile. 41) Wenn die Bühne sichtbar wird, stehen Antigone und Ismene schon da; diese bilden den Prolog, allein und ohne Zeugen. ‘s ist früher Morgen (2), vielleicht noch Dämmerung; wie diese darge- stellt wurde, mögen die Alten zugesehen haben: in Euripides Iphigenie in Aulis ist es Anfangs sogar Nacht. Antigone geht ab, die 'Thaı zu voll- enden, Ismene in den Pallast (1-99.). 2) Der eben erst angekommene Chor singt und tanzt die Parodos; die Sonne ist bereits am Himmel; der Chor begrüfst ihren Strahl. Die Parodos schliefst mit Anapästen, in welchen der Koryphaee die Ankunft des Königes verkündet. Diese mit der Ankündigung der auftretenden Personen verbundenen Anapästen, welche nur der Chorführer vorträgt, scheinen immer mit einer marsch- artigen Bewegung des Chores verbunden zu sein, der bei dem Auftreten einer Person natürlich in Bewegung geräth (100-161.). Sehr regel- mäfsig ist übrigens die Parodos hier gleich nach der ersten Ankündi- gung des Inhaltes gestellt; bisweilen folgt sie spät, wie im Oedipus auf Kolonos (%) und in Euripides Orest (*). 3) Im ersten Epeisodion (1) Schol. Eur. Phoen. 210. Ueber die ganze Sache vgl. noch Hermann E. D. M. 2 ) ) Vs. 668. Vgl. Plutarch An seni sit resp. ger. 5. ) Vs. 805. Vgl. Hermann E.D.M.S. 725. des Sophokles. 87 tritt Kreon, immer von Dienern gefolgt, später der Wächter auf; beide gehen wieder ab, Kreon zuerst (162-551.). 4) Bis der Wächter Anu- gone gefangen bringe, singt der Chor das erste Stasimon, woran sich bei der Erscheinung der Antigone Anapästen knüpfen (552-379.). 5) Im zweiten Epeisodion erscheint aufser der Antigone und dem Wächter Kreon; schon ist Mittag vorbei (412.). Vs. 442. geht der Wächter ab. Später tritt Ismene auf, die der Chor in anapästischer Bewegung ankündigt. Am Schlufs werden die Jungfrauen abgeführt (580 -578.). Der König dagegen bleibt; denn er ist 622. noch da; ohne Zweifel sitzt er auf einem Thronsessel, von den paradirenden Dienern umgeben, während 6) das zweite Stasimon gesungen wird, bis Haemon benachrichtigt von dem Verhandelten komme. Ihn kündigt der Chor in Anapästen an (579-626.). Mit seinem Erscheinen beginnt 7) das dritte Epeisodion zwischen Kreon und Haemon (627 -776.); beide gehen ab, Kreon in den Pallası, um zu befehlen, dafs Antigone zum Tode geführt werde. 8) Bis sie erscheint, singt der Chor das dritte Stasimon, und sie erblickend seızt er sich in anapäsuische Bewegung (777-799.). 9) Antigone wird gebracht um zum Tode geführt zu wer- den; mit ihr kommt Kreon. Antigone singt «rs sznvAs, mit ihr wech- selt der Chor; beide bilden zusammen den ersten Kommos. Ein Theil der Worte des Chores und der Antigone ist in Anapästen gesetzt; anderes ist von Antigone in Trimetern gesprochen; Kreon trägt Trime- ter und Anapästen vor. Alles zusammen ist das vierte Epeisodion (800-954.). Uebrigens sind die kleinen Parthien des Chores hier nur von Einzelnen vorgetragen. 10) Um der auswärts fortgehenden Handlung Raum zu geben, folgt das vierte Stasimon (955-944.). Während desselben ist Kreon anwesend, Antigone dagegen wird nur als Abwesende angeredet, oder ist nur noch in der Ferne auf dem Gang zum Grabe sichtbar. 11) Das fünfte Epeisodion beginnt mit dem Erscheinen des Tiresias, und spielt. zwischen ihm und Kreon (975-ı111.). Tiresias geht 1077. ab, Kreon geht am Ende dieser Abtheilung mit allen Die- nern, um den Polyneikes zu beerdigen, und dann Antigone zu befreien: irsteres scheint darum zuerst zu geschehen, weil der Seher besonders darauf gedrungen, und um der Handlung der Antigone und des Haemon im Grabe Zeit zu lassen. 12) Während die Bühne leer ist, singt der s8 Borcxu über die Antigone des Sophokles. Chor einen Flehgesang an Dionysos (1102-1159.). Dieser kann kein Stasimon sein; sowohl der Inhalt als die Rhythmen erfordern Bewegung: offenbar tanzt und schreitet der Chor beim Dionysischen Altar. Eben so ist in den Trachinerinnen nach der Parodos ein Tanz- lied der Jungfrauen eingelegt (205.), wie dort der Scholiast bemerkt. Im zweiten Theile werde ich sowohl die Rhythmen jenes Dionysischen Gesanges, welche noch sehr verworren sind, richtiger abtheilen, als auch die Gründe des gegebenen Urtheils entwickeln. 13) Die Exodos (1140 f.) bilden zuerst ein Bote, dann Eurydike; letztere geht bald wie- der ab. Der Bote bleibt; ı242. kündigt der Chor den König an, der mit dem Leichnam des Haemon kommt. Kreon singt «#5 rxnvAs und vom Chor unterbrochen ; so sind hier die ersten Parthien des zweiten Kommos eingelegt. Der Bote wird unterdessen zurückgetreten sein; es kommt dann ein zweiter (££@yyercs) aus dem Hause; dann wird die Leiche der Eurydike gebracht. Es beginnt die Fortseızung des Kommos; zwischen Kreon’s Gesang sind Trimeter des Chores und des Boten ge- legt. Mit den Schlufsanapästen scheint sich der Chor zum Abmarsch in Bewegung zu setzen. — UI —— Erklärung der griechischen Beischrift auf einem ägyptischen Papyrus aus der Minutolischen Sammlung. Von H® BUTTMANN. annnnnntrnnnrnr | Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 24. Januar ı824.] 7, dem kostbaren Schatz ägyptischer Alterıhümer, welche Herr von Minutoli zu uns herüber gebracht, und unser König zur Bereicherung unserer herrlichen Kunst- und wissenschaftlichen Sammlungen angekauft hat; befindet sich auch eine sehr beträchtliche Anzahl von Pap yrus- Rollen, welche einstweilen auf der Berliner Königlichen Bibliothek niedergelegt worden. Dort ist man schon seit einiger Zeit beschäfugt diese Papyre mit gehöriger Sorgfalt zu entrollen: aber eben diese Sorg- falt macht dafs das Geschäft nur langsam vorrücken kann: indem jeder entwickelte Papyr zugleich für das Aug und den Gebrauch des Gelehrten eingerichtet, und gegen künftige oder allmähliche Zerstörung gesichert werden mufs. Nachdem bereits mehre auf diese Art behandelt wor- den, deren einige theils hieroglyphisch-mythische Vorstellungen, theils Hieroglyphenschrift, andere aber eigentliche Schrift, nehmlich alt-ägyp- tische Sprachschrift enthielten; so fand sich auch eine welche aufser der gewöhnlichen ägyptischen, noch eine griechische Schrift darbot. Natürlich zog diese vorzugsweise die Aufmerksamkeit der Alterthums- forscher auf sich, theils weil sich hoffen liefs, dafs diese Verbindung, welche ja schwerlich ohne irgend eine wirkliche Beziehung sein kann, irgend eine Beförderung des anziehenden Gegenstandes, womit die Ge- lehrten dreier Nationen jetzt beschäftigt sind, der Enthüllung alı-ägyp- tischer Sprache und Schrift, gewähren würde; theils aber auch und Hıst. phiol. Klasse 1824. M 90 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift füritzt noch hauptsächlich, weil diese in einer bekannten Sprache, un- mittelbar von einer Geschäftishand in den Zeiten vor Christi Geburt, in einem so interessanten Lande geschriebenen Worte für sich allein schon auf mehr als eine Art zu Bereicherung unserer Kenntnisse die- nen müssen; so wie dies durch die vor zwei Jahren von unserer Aka- demie besorgte Herausgabe des ganz griechischen, den Kaufbrief des Nechutes enthaltenden Papyrs, mit Böckh’s beigefügter Erklärung, schon vielfältig bewährt und dadurch jeder ähnlichen Arbeit auf eine sehr bedeutende Art die Bahn gebrochen worden ist. Ehe daher der füritzt noch verschleierte Theil des erwähnten ägyptisch-griechischen Papyrs mit der erfoderlichen Genauigkeit der Welt vor Augen gelegt werden kann, wird es zweckmäfsig sein den verständlichen schon jeızt den Gelehrten in die Hand zu geben, da die mögliche Aufklärung der darin enthaltenen Sachen auf jeden Fall eine sehr dienliche Vorbereitung auch jenes gröfsern Unternehmens verspricht. Es ist zu bedauern dafs über den Fundort der einzeln Rollen dieser Sammlung so gar nichts sich angeben läfsı. Wie bekannt sind die ersten Finder gewöhnlich jene Katakomben durchwühlenden Araber, welche, so wie sich, so auch dem in den Wurf ihnen kommenden Eu- vopäer vollkommene Genüge zu leisten glauben, wenn sie ihm, ohne alle weitere Nachricht, das Kleinod verkaufen. Herr von Minutoli vollends, der die meisten dieser Rollen als eine von andern nach und nach schon gemachte Sammlung erwarb, konnte von dieser Seite auch nicht den mindesten Aufschlufs erlangen. Wir müssen uns also mit der allgemeinen Notiz behelfen, dafs diese Rollen gewöhnlich in den Mu- mien-Särgen und in den Umhüllungen des Leichnams selbst, vielleicht auch bisweilen in andern zu dem Sarge in die Grabhölung gestellten Gegenständen sich befinden. Auch sind sie zuweilen in dem Innern gewisser Idole verborgen: wie hiezu in der Minutoli’schen Sammlung noch jetzt ein Beipiel vorhanden ist. Aber auch diese Idole pflegen bei den Mumien gefunden zu werden. Wir fangen also sofort mit der äufsern Beschreibung unserer Rolle an. Sie war unentwickelt etwa zwei Zoll dick und etwas über einen Fufs lang, was also jetzt die Breite oder Höhe des ausgespannten fünf auf einem ägyptischen Papyrus. 91 Fufs langen Papyrs ist. Der obere Theil enthält die ägyptische Schrift in fünf Zeilen, wovon die vier ersten die ganze Länge des Papyrs ohne abzubrechen einnehmen, so dafs jede dieser vier Zeilen beinah fünf Fufs lang ist. Die fünfte und letzte bricht etwas nach dem ersten Driuheil der Länge ab. Alle gehn, wie bekannt, von der Rechten zur Linken. Eine Handbreit unter der ägyptischen Schrift ist die griechische, bestehend aus vier Zeilen. Diese erfüllen aber nicht die ganze Länge des Papyrs, sondern kaum die Hälfte, und liegen in der Mitte. Die vierte ist von verschiedener Hand und liegt etwas tiefer. Aus allem diesen liefs sich soviel schon mit ziemlicher Gewifsheit schliefsen , dafs das griechische keine Uebersetzung des ägyptischen sein kann. Unser gegenwärtiger Zweck erlaubte uns auf die Bequemlichkeit des Lesers Rücksicht zu nehmen. Wir haben daher auf dem beifolgen- den Abdruck jede Zeile in mehre Theile abgebrochen, die man in Ge- danken dieht zusammen schieben mufs. Die Schrift ist, wie man sieht, zwar durch die Gestalt der ein- zeln Buchstaben und durch ihre Verbindungen und Windungen unserm Auge sehr fremd; aber die Züge sind so rein und klar, dafs von dieser Seite diese Schrift weit deutlicher ist, als der von Böckh erklärte Kauf- brief des Nechutes. Da ich der erste war, der die gegenwärtige Schrift vor Augen bekam, so war ich es auch dem es zuerst gelang den gröfs- ten Theil der Worte und einzeln Zusammenhänge zu lesen. Hierauf hat auch Böckh sie vorgenommen; und sobald wir zusammengetreten waren, auch Bekker noch eine Revision gemacht hatte, so war die ganze Schrift von grammatischer Seite, wenn auch nicht ganz eigentlich begriffen, doch mit Sicherheit gelesen. Nur einige ungewisse Stellen blieben übrig. Aber auch diese wurden aufgeklärt von einer Seite wo- her wir es nicht erwarten konnten. Spohn in Leipzig, von dessen Forschungen über die alt-ägyp- tische Sprache wir die Resultate begierig erwarten (!), hatte von dem libe- ralen Sinn der mit denselben Untersuchungen beschäfugten Pariser Ge- lehrten, zu seinem Gebrauch dabei das Facsimile eines dort befindlichen (1) Gegenwärtige Abhandlung ist nicht lange vor dessen beklagenswerthem frühen Tode geschrieben. M2 92 Burrmanns: Erklärung der griechischen Beischrift Papyrs erhalten, von welchem bereits bekannt war dafs er ebenfalls, aufser der ägyptischen, griechische Schrift enthalte. Ohne an diesen Umstand zu denken, hatte ich eine Abschrift unserer griechischen Zei- len in gewöhnlichen Charakteren, Spohn zugeschickt, weil der Inhalt ihm von Nutzen sein konnte. Und so entdeckte er sofort, dafs das Griechische auf der Pariser Rolle, das aber weit undeutlicher und in unreineren Zügen geschrieben ist als das unsrige, genau dasselbige ent- hält, was unsere drei ersten Zeilen; nur dafs an einer Stelle die ich unten bemerklich machen werde, in der Pariser Schrift etwas mehr ent- halten ist; wogegen der Inhalt unserer vierten Zeile dort fehlt. Und zwar geht diese Uebereinstimmung nicht blofs auf das Geschäft und die Worte worin es vorgetragen ist; sondern die Namen der handelnden Personen, und Jahr und Monatstag sind dieselben. Was hieraus über die Natur dieser griechischen Beischrift hervorgehen mag, ist ober- flächlich leicht zu entnehmen. Befriedigendes ist nur von der Zukunft zu erwarten und Vermuthungen liegen aufser unserm dermaligen Zweck. Cenug, Spohn theilte mir eine Kopie des Pariser Facsimile mit, durch dessen Hülfe die wenigen noch ungewissen Stellen aufgehellt wurden. Mit dem Vorbehalten also der Möglichkeit, dafs ein oder der an- dere unbedeutende Irrthum noch verborgen sein könnte, kann ich gleich damit anfangen, die ganze Schrift, so wie sie auf dem Berliner Papyrus steht, in gewöhnlichen Charakteren hieherzusetzen, jedoch zuvörderst ohne Accente, Spiritus und Interpunction, damit auch dem der sich mit den ungewohnten Schriftzügen nicht befassen will, in allem was Ausle- gung und Zusammenhang betrifft nicht von uns vorgegriflen sei. (1. Zeile.) Ereus As xaay, F Terarru emı mv © Ölormworei rn Meyaryı roameSav Ed NS AUTIMAX,OS EIHOTTNS EYAURAMU KUTU daygapnv UTAAN- riadev za Quwios TeAwvwv ud Av vroygabeı mroAsuaos 0 avrıypapeus (2. Zeile.) woos wocu XoAxurns wuns Twy Aoyeuouevuv ÖL aurwv Xa- iv TWy HEINSVWV VErgWVy EV GIS EX,OUTIV EV TOIS MEWVOVEIIS TAS Aufßuns Tov Meg Syßas rabas auF ns melsuvrau Asıroupyias (3. Zeile.) « EWVINTUTO Tag evvwagıos TEU wopou NAAHSU nite FEACG . » EVAROOIUG 2; AUTIUAYDS » (4. Zeile.) AroAAwvios o vgos rwı ygapımı Tou eg Sußas nereirnda ıs avaygadny L’s rußı € 2 auf einem ägyptischen Papyrus. 95 So gewifs nun aber die Lesung dieser Worte ist, so stellt sich doch ein deutlicher Sinn nicht so leicht dar, indem wir wegen allzu- grofser Unbekanntschaft mit den Gegenständen auch mit den Ausdrücken nicht überall deutliche Vorstellungen verbinden können. Diesen das sachliche Verhältnis aufklärenden Haupttheil der Untersuchung, der oh- 8; nedas erst durch Kombinirung vieler solcher Monumente gehörig von statten gehn kann, völlig zu führen ist auch meine Absicht nicht; son- dern ich werde das Dokument zunächst auf grammatischem Wege so klar zu machen suchen als möglich, auch hierin Böckh’s gröfsere Vertrautheit mit den sachlichen Gegenständen dieser Art zu Hülfe neh- mend. Und so will ich nun die ganze Schrift betont, und nach meiner Einsicht unterschieden, hieher setzen. ni - I r \ Al ! FL \ > ’ m B 2 Erous As Re I TETURTU Emi Tyv Ev Aosmoile rn uEyamır rgu- mn eb 5 Auriuay,os, EIKOSNS Fa KUTA Be ATAAY- I m e Tiadov zul ur reAwvuv, Up’ Ur eygape ı IIrorsucios 5 avr TEyOlr \ 5 le ! m = x deus, | Ngss peu No Ayuras Wvns Tav Acysvousvwv di” aurwv, Aagıv a ‚ a „+ > = ‚ Pr nt m TWV HEILEVWV vergwv Ev cs ey,ourıw Ev Tois Meuvovsisıs ns Auluns ToU megt Orßas rabas wS 9 Tasdvrau Au a EwvnTarc Tag "Ovvuogues ToÜ "Dgev, KAAHU . . TEAOS . . Evanınias . . Aurinay,es Sr "AroAAwvis 6 mals TY Ygabım Ted Tegl Onßas wersiinba eis dvayga- brv Lis' Tußt ei; Um sich aus diesem Gewirr von Zwischen- und Nebensätzen zu helfen , mufs man bedenken, dafs man Kanzlei-Stil vor sich hat, und dafs in diesem von jeher ein Streben ist, alles was zusammen Eine Handlung ausmacht, auch in Einem Satz darzustellen , folglich alle Ne- benbesimmungen, von denen keine darf ausgelassen werden, wie sehr dies auch die Deutlichkeit erschwere, überall einzuschalten ; indem der Geschäftskundige ja doch die Hauptpunkte der Handlung gleich heraus findet. Als Beispiel dieses Geschäft-Suls aus dem Alterthum dient schon der Kaufbrief des Nechutes: denn über den dort von dem Er- klärer zur Erleichterung angebrachten Absatz mufs man dem Zusam- menhang folgend weglesen bis in die zehnte Zeile: wo dann noch die übrigen Bestimmungen angehängt werden. Die gegenwärtige Schrift gibt ein zwar kürzeres aber noch anschaulicheres Beispiel; worin sich auch 94 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift als Grundlage eines solchen grofsen Satzes deutlich zeigt, dafs zu An- fang die Handlung, dann nach den dazu gehörigen Nebenbestimmun- gen die Person die es angeht, und nach allen übrigen Nebenbestim- mungen zuletzt das eigentliche Objekt der Handlung steht. Ich ver- binde also: ,‚An dem und dem Tage rerazru — *Qgos BER 23 N LHIP N Und gewifs gehörte es zu der schicklichen äufsern Form einer solchen Akte dafs der Name der Person in der Mitte zu Anfang eines Absatzes stehe, wie hier zu Anfang der zweiten Zeile, wohin also der Blick des die Akte brauchenden sogleich sich wendete (!). Nur mit Annahme dieses Zusammenhanges scheint mir auch das Wort rerazra erklärt werden zu können: es steht nehmlich nach der Analogie von rarrsuaı egew &egov, mir wird Steuer auferlegt. Der Infin. ist nicht ausgedrückt, weil, so wie man sagt, Tartw rw begov, die Sprache auch mit sich bringt rarreuaı @egev. Das &ri mit dem Akk. aber kann nicht anders gefafst werden als durch Bezahlung wohin. Die Zeitbe- stimmung endlich bei einem Perfekt kann nicht von dem Tage der Handlung dieses Verbi gelten: denn zu diesem Sinn mülste es heifsen &ray,Sn. Es ist also Termin. Und so fasse ich den Zusammenhang auf diese Art: ‚Auf den 9. Choiak ist Oros angewiesen zu zahlen an Zoll „so und so viel”. Dies wie gesagt mufste ich vorausschicken. Und nun will ich das Ganze wörtlich und in der Folge der Sätze des Originals übersetzen ; wobei ich jedoch das was den Zusammenhang des Ganzen zu schr unter- bricht, blofs für das Auge in Klammern einschliefsen werde. Auf den 9. Choiak des 56. Jahres ist angewiesen zu ent- richten (an das in Diospolis der Grofsen befindliche unter Lysimachos stehende Zollamt des gewöhnlichen Zwanzig- sten), nach schriftlicher Angabe der Zöllner Asklepiades und Zminis, welche Ptiolemäos der Gegenschreiber unterschreibt, (1) Im dem Kaufbrief des Nechutes ist ein solcher Abschnitt nach der fünften Zeile: nur ist dort die Verschiedenheit dafs die fünf ersten Zeilen das Datum und die Kurialien enthalten; und dann zu Anfang des Absatzes sogleich die Handlung und die erste Haupt- person zusammen stehn in den Worten ’Arztöoro Hausv>rs. Besser werden wir diese An- ordnung unten bei nochmaliger Untersuchung der Nebenschrift auf der Nechutes-Urkunde beobachten. auf einem ägyptischen Pap IYFUS. 05 ||Oros der Sohn des Oros der Cholchyte von dem Kaufpreis des von ihnen Verrechneten (von wegen der Todten, die in den Gräbern liegen, welche sie besitzen in den Memnonien des zu dem Nomos von Theben gehörigen Libyens als Sold für ihren Dienst),[] was er gekauft hat von Onnophris dem Sohne des Oros, für Erz..., Zoll... neunhundert... Lysimachos... Ich Apollonios der Schreiber des Nomos von Theben habe dies übernommen zur Aufzeichnung im Jahre 56. den 5. Tybi. Wir wollen nun das Einzele so weit es uns möglich ist erörtern. "Ereus Ar’ Xoray, $. Das zweite Zahlzeichen in der Jahrzahl auf dem Papyr ist das Episemon , wofür wir itzt s brauchen, das aber auf Stein- und andern Schriften sehr gewöhnlich so erscheint wie wir es hier sehn, nehmlich einem runden Sigma ähnlich nur mit verlängertem obern Schenkel. Dafs hier eine Jahrzahl genannt ist ohne den König zu nen- nen nach dessen Regierung sie zählt, das kommt auch in Inschriften aus Aegypten öfters vor (!). In einer kurzen Beischrift wie die unsrige ist dies noch weniger befremdlich. Dasselbe sehn wir auch in der Ne- benschrift zur Nechutes- Urkunde: wo freilich die Hauptschrift die Be- stimmung desto ausführlicher enthält. Auch hier läfsı sich die aus- drückliche Angabe von der darüber befindlichen ägyptischen Schrift er- warten. Ob nun gleich Spohn mir sagt, dafs auf dem Pariser Papyr diese, zu seiner Verwunderung, in gar keiner sichtbaren Beziehung zu der griechischen Schrift stehe; so können wir doch wohl annehmen (1) Man sche z. B. in der Inschrift von Philae bei Letronne (Recherches p. s. ü U’ H.d’ Egypte) p. 462. LIE HAXEN IN (das Zeichen L bedeutet bekanntlich das Jahr); und in der Inschrift von Kyrene bei Della-Cella, Reise von Tripoli nach Aegypten p. 145. des ital. Originals (vgl. Explie. ad Pind. Pyth. 4. extr.): endlich eine mir von Herrn Jomard eben jetzt mitgetheilte für die Deser. de ÜEgypte (Ant. T.V. tab. 55, 18.). TITENZHNEIOESRIMETISTEI JIITOAEMAIOSOTPAMMATEYETEN ENTSHIEPIEAEBANTINHN AYNAMEQN LAE EIEIP das letzte für "Erıpi. Böckh. ( Borrmann: Erklärung der griechischen Beischrift 5 5 dafs der König Piolemäus Euergetesll. oder Physkon, welchen SYIe- sne chische Datum bestimme. Verhält dies sich so, so darf uns das nicht nach desselben Versicherung die obere Schrift nennet, auch dieses irren dafs in der Reihefolge der Könige Euergetes II. nur neunund- zwanzig Jahre einnimt: denn Porphyrius (bei Euseb. Ed. Scalig. p- 60.) belehrt uns, dafs da derselbe schon als Knabe während der Gefangen- schaft seines Bruders Philometor zum König war ausgerufen worden, und seitdem abwechselnd, bald mit jenem zugleich über Aegypten, bald allein in Libyen geherrscht hatte; er bei seinem eigentlichen und vollständigen Regierungsantritt diese ersten fünfundzwanzig Jahre mitzuzählen befoh- len. Also fällı das Datum unserer Schrift in Ol. 161, 2. oder das hun- dert und vierunddreifsigste Jahr vor Chr. Geb. auf dessen 2. Januar oder g. Choiak. Der Monat welcher sonst Xa«xz heifst ist bei uns und auf der Pariser Rolle deutlich geschrieben Xeay, (t). Terarrau Erl Tv &v Auormoreı N meyary roamelav, &b” As Ausiuay,ss, &ixos7s &yrurzıu. Sämtliche Worte sind deutlich zu erkennen: nur die Endung cv des leızten ist ein flüchtiger Schriftzug, den jedoch wei- tere Vergleichung (s. unten "ArzAyrıadev), der Sinn, und endlich die Pariser Schrift, wo diese Buchstaben deutlich ausgeschrieben sind, aufser Zweifel setzen. Die Worte rerazrau Evi r7v haben wir bereits erklärt. Toarela ist jeder Tisch oder Stube wo Geldzahlungen geschehen. Es ist wol keine andere Verbindung möglich als die von uns angenom- mene, dafs die Genitive eixcs?1s &yzunAkv zu rgameLa gehören. So ist also Lysimachos der Oberbeamte in dem Zollamte wo diese Steuer ein- genommen wird. Der Zwanzigste ist eine aus griechischen und römi- schen Steuer-Systemen hinreichend bekannte Abgabe vom Werth der Kauf-Gegenstände. Den Zusatz &yxunrıcs habe ich durch gewöhn- lich gegeben, vollkommen befriedigt durch Böckh’s hier folgende Darstellung. (1) Eben so steht auch in der Aegyptischen Inschrift bei Hamilton Aegypt. p. 174- übereinstimmend mit Pococke Deser. Or. I. p. 104. Freilich in der Deser. de U Egypte, Antigg. T. II. p. 112. ist Xowz gegeben, aber ohne Zweifel nur aus Emendation. Böckh. auf einem agyptischen Papyrus. 97 ‚, Eyzurrıe sind nach Hesychius ra &yrurrsiusa ro Biw zal vurnSn. ‚„Nehmlich &yzvzArs ist alles was in dem gewöhnlichen Kreise ge- ‚„‚wisser Gegenstände enthalten ist. Daher &yzvrrıs radsıa, eyaianıc uaSr- ‚„‚uar« der gewöhnliche Kreis der Bildung: so bei Strabo I. S. 25. B. &y- „„rUrAIcS zul TuvY Ins dywyn Tois EReU-TEgOIS zal rols dirorobeurw. So sind Ası- ,, Foupyic &yauarıcı nicht, wie Schneider im Wörterbuch es darstellt, ‚„‚die bei den Bürgern im Kreise herumgehenden, sondern die im Kreise ‚‚der gewöhnlichen jährlichen Leistungen begriffenen , kurz, die ge- „wöhnlichen; s. Wolf. Proll. ad Lept. p.87.; meine Staatsh. I. S. 485. ‚„‚Aristoteles nennt die gewöhnlichen täglichen Dienste &yzuzra diuzevnuare, „Naxzovias &yauarlous (Polit.I,4. I,3.), r@ eyavzrıa die ordinären Geschäfte ‚„‚des täglichen Lebens (ib. I, 7.): und darauf kommen auch die von „Schneider im Wörterbuche aus Isokrates und Demosthenes ange- ‚„‚führten Stellen hinaus. Eben so heifsen die Einkünfte von dem ge- ‚ wöhnlichen Verkehr «ro rüv eyzuzAlwv oder &yzurAnucruy, wie ich die ‚Stellen des falschen Aristoteles in meiner Staatsh. I. S.525. erkläre. ‚„‚Hienach, denke ich, ist eizesy &yzizrıs der ordinäre Zwanzigste; also „eine ordinäre indirekte Steuer, wie in Rom die centesima rerum ve- ‚„‚nalium; im Gegensatz gegen einen aufserordentlichen besonders „aufgelegten Zwanzigsten, der z.B. eine Vermögensteuer sein konnte, „wie die eixosy wol vorkommt z.B. in Athen als eirpeg«: s. Staatsh. I. „S.57., oder als Zoll, ebend. I. p. 548. 432.” Die Stadt Theben, wo dies Zollamt ist, steht hier zuvörderst mit ihrem sollennen oder diplomatischen Namen Auoreris 9 ueyary, den sie im Gegensatz von Klein - Diospolis führt, das weiter unten lag. Kara öaygaon ’Arzıymiadev zul Zuivios TeAuvOv. Araygadn ist die Handlung eines Verzeichnenden, Berechnenden, und was er bei der Behörde einreicht ist ein daygauna. Vgl. Böckh’s Staatsh. II. S. 70. Dafs es hier auf die Handlung des rerazr&ı x. 7.2. sich bezieht, und des Oros Zahlung darauf gegründet war, ist wol oflenbar. Die beiden Namen sind undeutlich, besonders der erste. Die Silben "Arzry- sind gewils. Dann folgen zwei flüchtige Züge, wie es bei einem langen Namen begreiflich ist. Nehmen wir die Endung cu durch Ver- gleichung mit dem obigen &yzuaarv als gewifs an, so steht dicht vor der- selben ein Ring, der weiter nichts ist als das in der schnellen Schrift Hist, philol. Klasse 1824. N 98 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift rund gewordene A (vgl. vorher dtaypadnv) ; der vor diesem stehende Winkel aber ist das « wie es öfters in der Verbindung erscheint. Mar sehe das dritte « ın avaygadıy in der vierten Zeile. Sind wir soweit, so wird man leicht die schnell geschriebene Sylbe rı erkennen, besonders wenn man das r in dem folgenden Ureygapeı und unten Z. 4. in’AroAAwvıos vergleicht. Den andern Namen würde man Zuwwys lesen, und dies könnte als inde- klinabler ägyptischer Name nicht befremden. S. Böckh zu der Nechutes- Urkunde S. 19. Aber auf der Pariser Schrift steht deutlich Zuwios, so wie unten rag’ ’Owuogıss. Nehmlich das o ist, wie man in dieser Schrift besonders häufig sieht, meist nur ein sehr kleiner Ring, der sich öfters an den vorhergehenden Buchstaben anhängt, und alsdann im Schnell- schreiben bald in einen Punkt zusammen fliefst, bald auch wie ein flaches u zum folgenden Buchstaben übergeht, wie wir eben in der En- dung cu, und hier in cs sehn (!). yo y Uroygapıı IIrereualss 6 dvrıygabevs. Die Silbe % mit einem hinaufsteigenden Final-N hat sich schon in daygadnv kund gethan: aus ob’ Av ergibt sich also Ureygapeı von selbst, obwohl das ör nachlässig gezogen und das übrige durch Fehler im Papyr undeutlich ist. In dem Namen IIrereuaios ist das 7 gezerrt und das o auf die ebenerwähnte Art fası verschwunden ; aber das übrige ist deutlich genug. Die Unterschrift des Gegenschreibers diente zur Kontrolle: s. Böckh Staatsh. I. S. 198 ff. Das Präsens Umoyganpeı steht, weil er es nicht blofs hier gethan, sondern auch in allen ähnlichen Sachen thut. "Dos "Opov Xoryurns vis ray Aoysvonevwv di aurwv. Man lese nicht Xeryvorns: das Ringlein zwischen v und r dient blofs die zwei Buch- staben in zwei Züge deutlich zu trennen. Uebrigens ist die Benennung ohne Zweifel von einem Wohnort oder Demos XeryyVs gebildet. Der Genit. «v7 kann wieder nur in Verbindung mit der ganzen Handlung gedacht werden: rerezrau so und so viel wv7s ‚ihm ist aufer- (1) Für den Namen Zus gibt vielleicht eine Analogie der Name Herrıc«s Zusviyvoußics in der Frankfurter Inschrift von der Katarrhakten -Insel, Fundgr. des Or. V, 4. p- 455. Letronne Recherches p. s. a hist. d’Egypte p. 4850. Zwar liest Gau 4 —: aber in einer von Herrn Uhden mir mitgetheilten Collation zu dem Abdruck in den Fundgruben, ist nichts von einem X statt Z bemerkt. Dieses Zusviyvov@:s ist nun offenbar eine Compos. mit Xroüßıs, so wie dort auch ein Yeryvovßis vorkomnit, und wieder ein Yerroygis. Böckh. auf einem ägyptischen Papyrus. 99 © [er pP) legı zu zahlen... von dem Kaufpreis”. Dies letzte Wort erfodert aber selbst wieder einen Gegenstand im Genitiv wovon es der Preis ist: also ist r&v Aoysvouevwv ein Neutrum. Das Verbum ist neu, steht aber eben so deutlich auf dem Pariser Papyrus. Glücklicherweise läfst weder die Ableitung noch der Zusammenhang uns ungewifs über die Bedeu- tung. Acysysıv muls heifsen ‚‚in einem Aoyss, Rechnung, Berechnung, aufführen” (1). Die Worte & aur@v gehören nicht dazu und können nur auf die beiden Zöllner sich beziehen. Also: ‚‚,von dem Kaufpreise der von ihnen verzeichneten und in Rechnung gebrachten Gegenstände”; und dies bezieht sich natürlicherweise eben auf jene von ihnen ge- machte daygar. Xagıy TOV KEINEVWV vergav %. 7. A. Dies ist der schwierigste Theil des ganzen Zusammenhangs, der völlig befriedigendes Licht nur durch Vergleichung weiter zu entdeckender Urkunden erhalten kann. Das Wort %@gw selbst ist hier dunkel: ich habe es einstweilen eben so übersetzt, von wegen; und so mag uns fürerst genügen zu schn, dafs der ge- machte Kauf und dessen Verrechnung in Zusammenhang stehn mit ge- wissen Leichen und Begräbnisstäten ; worüber wir nun ferner schen müssen was aus den Worten hervorgeht. Xazıy Tav nEIAEvWV verpWv Ev eis Eyouriv Ev reis Meuvevsiois v4 Auuns TeU megl Orßas rabas av’ A maslvrau Aeıreugyias. Was die Deutlichkeit der Züge betrifft so will ich auf das ein paarmal fast verschwundene © nicht weiter aufmerksam machen. Das r in r%s sieht fremd aus, aber nur weil die zweite Hälfte des Querstrichs etwas tiefer angesetzt ist. (1) Hier ist ein anderes aus eben der Gegend kommendes Beispiel des Verbi Aoyavsın und seines mit Aoyi2er Sc: übereinkommenden Gebrauchs. Es ist der Schlufs einer Inschrift aus der Thebanischen Oase (Letronne Deux Inseriptions Grecques gravdes sur le Pylone d’un temple Egyptien dans la grande Oasis. S. auch Class. Journ. T. 25. Caillaud tab, AIN,$8.). Die Rede ist dort davon, dafs den von den reisenden Militär-Personen gewöhn- lich gemachten Foderungen zu Leistungen nicht ferner solle nachgegeben werden; dann heifst es: &av 8 rıc dur Ws delonevon royisyrar, zu sirmgaen Örnoria rolrov ro Öszamrouv. Eben so sollten auch die Behörden das widerrechtlich erppeiste aufzeichnen und einreichen, worauf im Verfolg gesagt wird, dafs dann diese Angaben Moos Fu royısmguc geschickt wer- den sollen und &z r0Ü Aoyızngieu Em rolg Erroyısas: zum Schlais sagt der Präfekt: © av (oder : ö ds &v) mugee 70 Ötzeeiov Neroysunsvov Y memgeyers fe] %, ToUro dog Twroue Snoins. Böckh. N 2 100 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift Merkwürdig ist das @ in dieser Schrift, indem die beiden Halbzirkel rechıs in Einen Swich sich abgeglättet haben, wie man hier in Aıßyys und unten in Tuß/ am deutlichsten sieht, auch in dem Worte ®7Aas der vierten Zeile: denn in demselben Worte im itzt vorliegenden Zusammenhang, ist der eine Stich durch Fehler des Papyrs unkenntlich. Das Wort eg ist blofs durch das 7, das hier wieder verzerrt und ganz in zwei Theile zerfallen ist, undeutlich. Zweifel kann nirgend entstehn. Desto schwieriger sind die Sachen. Unter der Benennung Me- uvoviov oder Meuvovsıev (denn auf beide Arten wird es geschrieben, und auf beide Arten, nach der Analogie anderer griechischer Namen von Tempeln , Monumenten u.d.g., richug) kannte man bisher nichts an- ders als ein Monument des Memnon, das bald als dessen uralter Kö- nigsitz bald als dessen Grabmal genannt ward, wie davon die Stellen beisammen stehn in der Abhandlung -über die Memnonien von Jacobs. Solche Gebäude waren in Aegypten bekanntlich in Abydos und in 'Theben, von welcher letztern Stadt der ganze Theil am linken Ufer so genannt ward. Andre waren in Aethiopien und in Asien, von deren Bedeutung und Zusammenhang hier nicht die Rede sein kann. In unserer Schrift lesen wir von ‚‚den Mewveveisıs des zu Theben gehörigen Libyens”. Ganz Aegypten ward bekanntlich durch den Nil in die arabische und libysche Seite gespalten, und jede Seite wird auch vielfälig kurzweg Arabia und Libya genannt: in welchem Fall Libya, als ein geographischer Haupt- Theil von Aegypten nicht zu verwechseln ist mit Libya im gewöhn- lichen Sinn als Theil des Ptolemäischen Reichs, wie wir es oben genannt haben. ,‚‚Das Memnonium auf der libyschen Seite von Theben” wäre also ein ganz richüg bezeichnender Ausdruck von jenem berühmten the- bäischen Gebäude. Strabo ı7. p. Sı6. sagt ausdrücklich, ein Theil von Theben liege &v 77 "Agafie &v gmep % rorıs, ein Theil &v mn meguie Er ) Meuvevıov; wo, durch den Gegensatz von Arabien, Libyen so gut wie ge- nannt ist. Auch der Plural r& Meuvevsı« in unserer Schrift könnte nicht befremden. Derselbe Strabo ı7. p. 815. nachdem er das Memnonium in Abydos erwähnt hat, fährt fort: & d° us darıv 6 Mewvuw ümo rar Alyu- mriav Iruavdys Acyerau, nal 6 AußvgıvIos Meuvoveıov av € xal To) aurev Eoyov cumeg nal a &v ’AQUdw, zal ra &v Onßus- zei Yag Enel Akyerai rıva Meuvöveie. Hier geht das &ze blofs auf Theben: denn von dem abydenischen Mem- auf einem ägypüschen Papyrus. 101 nonium handelt er eben; nach Theben aber ist seine Beschreibung noch nicht gelangt. j Ist also von Gräbern die Rede, die in diesem Memnonium sich befanden? Das wäre etwas unerhörtes. Das Memnonium gilt, wie ge- sagt, allerdings häufig für ein Begräbnis, aber des alten Helden, Königs oder Gottes selbst. Nirgend liest man auch nur, dafs eines andern Kö- nigs Leichnam in diesem Gebäude bestattet worden sei: und hier wären Gräber gewöhnlicher Menschen in demselben, mit welchen ein gemei- ner Geldverkehr getrieben wurde. Je mehr ich die Worte ansche je gewisser wird es mir, das hier unter r« Meuvovera etwas anders verstanden wird. Ta Meuvdvae 775 Außvrs, dies ist kein Ausdruck für ‚‚das Memnonium das auf der Libyschen Seite liegt”: und wozu in aller Welt würde diese Bestimmung hinzu gefügt? Hier ist offenbar der Plural von Bedeutung: es sind Gegen- stände, Lokale, die in Menge auf der Libyschen Seite sind: kurz es sind die Begräbnis-Plätze, die Katakomben selbst. Es ist bekannt und versteht sich aus der Natur des ägyptischen Landes von selbst, dafs alle Begräbnisse in den unfruchtbaren Anhöhen über dem Nil - Thal sind. Diese weiten unfruchtbaren Strecken nannte man Arabien, Libyen; und zu jeder Stadt am Nil gehörte der daran stofsende Theil davon. Dorthin begrub jeder Ort seine Todten: und das also sind die Memnonien in dem zu Theben gehörigen Libyen. Dafs sie Meuvoveı« heifsen lerne ich, wenn man mich nicht grofsen Irrthums belehrt, aus dieser Schrift; und hoffe dafs es aus den neu eröflneten Quellen ägyptischen Alterıhums noch wei- ter hervorgehen soll: ahne auch den Zusammenhang dieser Benennung mit dem Namen des äthiopischen Helden, der überall nur genannt wird um von seinem Tod zu reden, und dessen Monumente und Wohnungen sämtlich auch sein Grabmal heifsen. S. Jacobs Abh. S. 24 M. Auch den Ausdruck +75 Außuns reÜ megi ®rßas müssen wir noch näher betrachten. Man wird den zweiten Genitiv für das Neutrum nehmen wollen, ro eg: Onßas: aber dies pafst nicht recht zu der un- tersten Zeile wo derselbe Ausdruck, Benennung einer Behörde ist die einen Schreiber hat: denn so allgemein ‚‚einen Schreiber der Gegend „um Theben” hat es wol nicht gegeben. Sehen wir dagegen aus der Nechutes-Urkunde und Böckh’s Erläuterungen davon S. ı8. dafs eben - 102 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift so elliptisch gesagt ward rov TaSugirev, red Oußeirev, von den Nomen oder Kreisen dieses Namens, so kann wol kein Zweifel sein dafs auch hier veusv zu verstehen ist, und dafs das, was der Geograph Ptolemäus, abweichend von den übrigen Nomos-Benennungen, welche fast alle auf rs ausgehen, @r@av vauos nennet, hier ö regi ®n@as heifst. So entsteht aber wieder eine Schwierigkeit, indem hier ein Theil von Libyen als zum thebäischen Nomos gehörig genannt wird, während nach Ptole- mäus dieser Nomos ganz auf das rechte Nilufer, wo das eigentliche Theben lag, beschränkt ist. Denn das Memnonium, das bei Ptolemäus den Namen & M&uywv führt, und das, wie oben erwähnt, dem eigent- lichen Theben gegenüber lag, dieses selbst gehörte nach Piolemäus nicht zum thebäischen Nomos sondern zu dem auf der libyschen Seite liegen- den voues Tevrugirng. Auch die Annahme dafs dies zu verschiednen Zei- ten verschieden könne gewesen sein, hilft uns nichts; denn in der fast gleichzeitigen Nechutes-Urkunde, die ebenfalls lauter thebäische Leute betriffi, und die von Grund und Boden der Memnonier (r@v Meuvovewv) handelt, wird dieser zu dem Nomos Tathyrites gerechnet. Den Ort Taıhyris kennen wir aus Ptolemäus als nahe bei Memnon landein- wärts liegend: aber ein davon benannter Nomos ist, wie Böckh be- merkt anderswoher nicht bekannt. Indessen hatte schon Danville aus der Folge der Nomen bei Plinius geschlossen, dafs der blofs bei diesem Schriftsteller vorkommende Nomos Phaturites zu diesem Tathyris ge- höre. Dies ist so evident, dafs Böckh und ich es unbedenklich an- nehmen. Der ägyptische Name wird auch O®arvgis geschrieben worden sein, woraus durch eine sehr gewöhnliche Verderbung barugıs ward. Tochon d’Annecy in seinen Recherches sur les Medailles des Nomes d’Egypte, ging noch weiter. Da der Nomos Phaturites bei Ptolemäus, und was allerdings sehr wichüg ist, der Thebäische bei Plinius fehlt, so vermuthet er mit grofser Wahrscheinlichkeit dafs beide Be- nennungen einem und demselben Nomos gehören. Es ist gar nichts seltenes dafs eine Hauptstadt in einem Distrikt liegt der aus irgend einer Lokal-Ursach von einem geringern Ort den Namen führt: wobei es aber eben so natürlich ist dafs die Bezeichnung nach dem Hauptort auch üb- lich ist. Die beiden Benennungen Nomos Tathyrites und Nomos von Theben haben ganz das Ansehn sich so zu verhalten; und die Differenz auf einem ägyptischen Papyrus. 103 zwischen jener Urkunde und unserer Schrift würde so am einfachsten gehoben: zwischen Ptolemäus aber und den ältern Monumenten wäre alsdann anzunehmen dafs zu des Geographen Zeit wirklich Memnon oder Memnonium von Theben und Tathyris in dieser Beziehung getrennt und dem benachbarten Tentyritischen Nomos zugetheilt gewesen sei (!). Ich stelle diese Vermuthung eben so unentschieden hin wie Tochon that. Findet sie Hindernisse, so müfste man für den vorliegenden Fall annehmen dafs die Libysche Strecke hinter Memnonium, eben zu die- sem Zweck der Bestattungen, und wenn es noch andre gab, zwischen beiden Städten getheilt war; wodurch sich der Ausdruck r« Meuvevare Ye Aıßuns rev Tegi @n@as dann eben so gut erklären liefse. Wir kommen nun auf die Worte ray zenevwv vergüv Ev eis Exourı — rabaıs. Das Subjekt von &%svrı wären nach der einfachsten Konstruk- won freilich die vergoi selbst: aber da dies eine Abgeschmacktheit (und selbst wenn man die Familien verstehn wollte, ein albernes Gewäsch) wäre; so mufste gleich jedermann das Wort mit den beiden Zöllnern verbinden, deren Erwähnung ja auch in dem di’ «örav wiederholt war: und, dafs ichs kurz mache auch das folgende «@vS’ 75 rasdvrau Asıreupyias bezieht sich auf dieselben, und gibt nun auch dem Ganzen Gehalt und Zusammenhang. Acırovpyia heifst in diesen Zeiten weiter gar nichts als (1) Sehr befremdlich ist eine Einwendung gegen die Vermuthung dafs der Phaturites und der Tathyrites eins seien, welche der Herausgeber des Tochonschen Werkes, J. Saint 3 ’ 5 ’ Martin, aus der Nechutes- Urkunde selbst nimt. Er meint nach derselben habe ’ Ptolemais im Tathyrites gelegen, der also ein weit mehr nach Norden gelegener Kreis gewesen sein müsse. Gesetzt dies wäre so, wie half er dann dem Umstand ab, dafs Tathyris von Ptolemäus wirklich in die Nähe von Memnon und südlich von Tentyra gesetzt wird? Doch die Annahme ist ja ganz irrig. Die Worte +3» Svrwv zur ovrav 2v Iro- 5 Ja 5 = ER, RR u: . R Asacrdı gehören zusammen noch zu den Kurialien der Jahres- Bestimmung, worauf der Mo- 5 natstag folgt und dann erst alles übrige. Eine Ort-Bestimmung ist dort gar nicht gege- ben, weil sie sich aus der Nerinung des Magistrats vom Tathyrites und aus der Lage des Grundstücks, in der Feldmark der Memnonier, von selbst ergab. Unmöglich konnte also die Scene der Verhandlung in Ptolemais sein sondern nur in oder bei Theben. Ich mufste diesen Fehlgriff rügen, weil eine so falsche Vorstellung von jener Urkunde, wenn sie sich festsetzen sollte, dem historischen Gebrauch derselben sehr im Wege sein würde; und in der That hat sie sich schon festgesetzt, da die trefflichen Französischen Gelehrten, welche sich über jene Urkunde geäufsert haben, sie immer den Kontrakt von Ptolemais nennen : ein Mifsgriff wozu die Berliner Erklärung durchaus nicht veranlafst hat, wie schon S. 15. und S. ı5 f. derselben lehrt. 104 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift Amt, Dienst. Also, diese Zöllner haben diese Gräber inne, als eine Art Sold für ihren Zöllnerdienst. Sie ziehen also einen Vortheil von den Personen , welche ihre Todten in diesen Begräbnisstäten begra- ben lassen (!). "A duugrare mag’ "Ovvudgios red 'Qgev. Das Subjekt kann nur Oros der Sohn des Oros sein: und was er gekauft hat, mufs in dem Genitiv bei dem obigen #vrs liegen. Also bezieht sich & auf +«& Aoysveueva, von welchen Gegenständen wir nur wissen, dafs sie mit der Leichenbestat- tung in jenen Memnonien in Verbindung stehn. Oros kauft aber das, was er hier kauft, nicht von jenen zwei Inhabern dieser Begräbnis- Plätze, sondern von seinem — Bruder oder Vetter — Onnophris dem Sohn des Oros. Also sind hier Familien - Besitze und Rechte die ein Individuum dem andern überlassen kann: so jedoch dafs dieser Besitz untergeordnet ist einem allgemeinern der gesamten Begräbnis - Stäten eines Bezirks, welcher von Staatswegen gewissen Personen zuerkannt ist, denen daher eine Einnahme von den Verhandelnden zusteht. Und von jeder solchen käuflichen Veräufserung bekommt die Staats - Verwal- tung, nach Verhältnis des Werthes (öv7e) eine Abgabe: wobei es jenen Inhabern , den Zöllnern, obliegt, von jedem solchen Kauf ein genaues, von einem andern Beamten, Ptolemäus hier, vidimirtes, die Gegenstände samt dem Preis angebendes Verzeichnis einzureichen (r« Asyevausva). Und so glaubt Böckh den Zusatz xagıv Tav a. vengav x. 7. A. am einfachsten so zu erklären, dafs diese Worte den Grund der Berechti- gung der beiden Zöllner zur di@ygapy enthalten. Sie sind Inhaber der Gräber; der Kauf betrifft Bestattungs-Gegenstände: daher geben sie an, dafs vermöge dieses Rechts-Titels sie die diaygapn gemacht haben und nicht ein anderer. In welchem Sinn denn freilich der Gebrauch des Wortes x«gıw von dem wie er in der guten Sprache statt findet, auf eine jedoch sehr begreifliche Weise abweichet. Hätten wir nun hier den Kauf - Kontrakt selbst vor uns, so ver- steht es sich dafs der Gegenstand desselben genannt wäre: aber hier ist nur die Zoll- Akte. Auch in dieser würde, wenn z.B. was man zu- (1) In der vor mir liegenden Abschrift des Pariser Papyrus steht deutlich rasir«ı. Ich nehme darauf als auf einen blofsen Fehler keine Rücksicht: denn vom Oros ist durchaus nichts im vorhergehenden gesagt, womit man dieses «vu 75 -- verbinden könnte. auf einem agyptischen Papyrus. 105 nächst erwartet, eine Grabstäte gekauft wäre, dieser Gegenstand mit einem Worte genannt sein. Man sieht also, es ist hier wenn ich so sagen darf eine ganze Bestattungs-Gelegenheit mit ihrem Inventario ver- kauft worden, statt welche zu nennen, da es in der Zollakte blofs auf den Kaufpreis ankommt, durch den Ausdruck r« Asysucuev@e auf das bei den Akten gleichfalls liegende Verzeichnis verwiesen wird. Von dem ÖOros unserer Akte müssen wir nun noch bemerken, dafs wir itzt schon drei Papyre kennen die sich auf ihn beziehen. Denn aufser diesem unsrigen und dem Pariser mit gleichlautender griechischer Beischrift, ist unter der Minutolischen Sammlung ne-h einer, auf wel- chem, im zugerollten Zustande, auswendig mit griechischen Buchsta- ben zu lesen war, Qgss Qgev. Bei der Entwickelung zerfiel derselbe in zwei in einander gesteckte Blätter oder Rollen, jedes mit einer ägypü- schen Schrift: mit deren Bekanntmachung Spohn itzt beschäftigt ist. Oros war also der Besitzer eines solchen Begräbnisses in einem der Memnonien bei Theben; und ein Theil der Rollen die kürzlich nach Paris und Berlin gekommen sind, sind also ohne Zweifel aus diesem Begräbnisse, welches die Araber, wie so viele andre durchstöbert haben, genommen und an dortige Europäer verkauft worden. Gleich auf die Namen "Owwggws reÜ "Qgev folgt in der Pariser Schrift einiges was in der unsrigen fehlt. Ich kann aber auf der vor mir liegenden Kopie nur etwas über die Hälfte davon lesen: &v #2 ?5 L’ASup — ‚im 56sten Jahr, Athyr —”. Vielleicht wird der zu er- wartende Pariser Abdruck auch das übrige erkennen lassen. Einst- weilen gibt uns das Gelesene wieder eine Zeitbesimmung, nehmlich die der Kaufhandlung, und diese stimmt sehr gut, da sie in desselbigen Jah- res Monat Athyr fällt der dem Choiak unmittelbar vorhergeht('). (1) Ich will über das unleserliche nach dem Namen ’ASvg doch eine Vermuthung auf stellen. Es fehlt die Bezeichnung des Monats-Tages: sie mufs also statt der Zahl durch Worte ausgedrückt sein. Es steckt also wol in diesen Zügen der besuondre Name des Tages, wie wenn wir sagen Johannis- oder Michaelis-Tag. Dafs bei den Aegyptern eine dieser entsprechende Sitte gewesen, hatte ich längst bemerkt: sehr befriedigend ist die Sache aber von Zetronne in seinen vortrefflichen Recherches S. 166 ff. auseinander gesetzt. So im Dekret des Tib. Alexander: Pau: A Isurig Is2esf, und in der Inschrift des Propy- lon von Tentyris: OwiS Yalasr. Böckh. Hist. philol. Klasse 1824. (6) 106 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift Es folgen nun die Geldbestimmungen aus Worten, Zahlen und Zeichen bestehend. Wir wollen aber zuvörderst nur die ausgeschrie- benen Worte und deren Verbindung noch berühren, und alles was Geld und Rechnung betrifft zuletzt nehmen. Die Worte xarzed und reAcs die in unserm Papyrus undeutlich sind, wurden durch den Parisischen gewils. Und so ergab sich auch sogleich, dafs das Wort xaAzc0 mit der dabeistehenden Bestimmung die zu &uvyraro gehörige Kaufsumme aus- drücken, is aber nebst dem was darauf folgt, in den Zusammenhang von Anfang an gehören mufs: reranrıı — "Qges— rercs —. Also: ‚„„Oros hat zu bezahlen für den Kaufpreis von so und soviel Kupferwerth, die Abgabe von so und so viel”. Dicht nach diesen Zahlen folgt die Unterschrift des Oberzollbe- amten Lysimachos. Sie war wegen Zusammenziehung der mittern Buchstaben in wenig nachlässige Züge auf der Berliner Schrift nicht zu erkennen. Die Pariser hat sie deutlich gegeben. Nach diesem Namen ist ein Schriftzug, und eben so auf der Pariser Schrift. Aber beide Züge sind sich durchaus unähnlich. Der Pariser ist ein 7 mit einem s, wie mir scheint, darüber. Vielleicht rerwvrs. . Den unsrigen kann man ca, auch wol ag lesen. Vielleicht dpyreiuvns. Unsere vierte Zeile die auf dem Pariser Papyrus fehlt, zeigt durch Verschiedenheit der Hand, dafs der welcher in der Ersten Person darin spricht sie wirklich eigenhändig geschrieben hat. Der Name ’AroAAuwvios ist wieder durch flüchtige Schrift unvollkommen. Von dem r habe ich oben bei ’AszAnrıadsv gesprochen; das w und v ist in einen einzigen Zug zusammen geflossen. ‘Oo mais rD ygapio red weg: Onas. Von rw: ist das ı deutlich genug um das Substantiv, dessen ı einem vu ähnlich geworden (so dafs man zuerst wgös red ygadicv lesen wird), zu berichügen. S. die Nechutes- Ur- kunde Z. 5. ob wgös rn ayegavonie. Vigerus führt aus Herodian an: mgos reis »urıkw, die Schenken. Also ist 5 gs 72 ygapiw der Schreiber; und zwar ist er es von dem Thebäischen Nomos. Das Wort egi und besonders ©4@«s würden kaum zu lesen sein, wenn die Vergleichung mit der zweiten Zeile nicht Gewifsheit gäbe. MereArypa eis dvaygapı. An die Stelle des die schnelle Schrift hemmenden N in va ist ein fast ganz willkürlicher Schriftzug getreten, den nur die Nachbarschaft kennt- auf einem ägyptischen Papyrus. 107 lich macht. "Avaygabn ist die Aufzeichung, Einregistrirung der Hand- lung, wozu dem Schreiber diese Akte mitgetheilt worden (uersirnde) (1). Von der Form des £ in Tu@/ habe ich schon oben gesprochen. Der Tybi folgt auf den Choiak. Also geschah der Kauf im Athyr. Der neunte des folgenden Mo- nats Choiak war dem Käufer anberaumt zur Entrichtung der Steuer davon: und sechsundzwanzig Tage darauf, den 5. Tybi, erfolgte die Einregistrirung. Wahrscheinlich galt diese und die Vermerkung dersel- ben unter dieser Schrift, als Quittung. Nachdem ich auf diese Art hauptsächlich von grammatischer Seite dem Zusammenhang und Sinn des Ganzen beizukommen gesucht hatte, übergab ich mein Resultat meinem mit Gegenständen des Geschäftsgan- ges bei den Alten weit vertrauteren Freunde Böckh: der denn meine Darstellung in mehren Punkten modificirte. Obwohl ich nun wenig Bedenken trage diese Modificationen gröfstentheils anzunehmen, so habe ich es doch für besser erachtet, bei einem Gegenstande der so mit einem- male zur Gewifsheit nicht gebracht werden kann, den Leser denselben Weg gehn zu lassen. Ich habe daher nur in Nebenpunkten Böckh’s Bemerkungen und Zusätze oben überall gleich beigefügt, und trage nun das vor, was das Ganze betrifft. Dafs diese Beischrift dem Inhaber als Quittung dienen mulfste, stellte sich mir, so bald ich nur einigen Blick in den Zusammenhang geworfen hatte, gleich dar; da sonst der Zweck einer solchen Beischrift auf einer, wie man deutlich sieht, von dem Oros sorgfältig bewahrten Schrift, nicht zu begreifen war. Eben so fühlte ich, dafs dies nicht (1) Böckh zweifelt, ob nicht aroygepy zu lesen sei. Er meint Apollonius sei der Oberschreiber, der diese von anderer Hand, nehmlich von einem seiner Leute, sauber geschriebene Kopie, statt unseres in fidem copiae, so unterzeichne uersiände eis aroygaprv gls. „ich habe zu der Abschrift theilgenommen” d. h. habe sie besorgt: und dann möchte das Pariser Exemplar, wo dieser Beisatz nicht ist, das Original sein. Er erkennt aber auch an, dafs ein anderes Verhalten der Sache und der Exemplare gedacht werden kann. Ich kann mich von der Lesung «veygcpr noch nicht trennen. Nicht dafs der wunder- liche Schriftzug der weder ein II noch ein N ist, nicht beides sein könnte; sondern weil ich in dem rückwärtsgehenden spitzen Winkel vor dem y ein deutliches « erkenne; von dem o hingegen keine Spur; da dies doch nur dann zu verschwinden pflegt wenn es am Ende eines vorragenden Striches hangen soll. ©! 2 108 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift füglich anders der Fall sein konnte, als wenn die ganze Schrift eine Art Protokoll war. Nach meiner von dem Worte rerazrau gefafsten syntaktischen Ansicht, konnte sie aber nur eine vor dem Termin, worauf es ankam abgefafste Schrift sein; und so konnte sie freilich nur durch die unterste später geschriebene Zeile, mit gewissen nicht eben wahrscheinlichen Voraussetzungen, Quittungskraft erhalten haben. gen gibt zwar zu, dafs das Perfekt rerezraı zu dem Datum 5 und zu dem äri ryv — ungefähr in der Beziehung stehe die ich oben Böckh hinge dargelegt habe; aber dem Gedanken nach bezieht er es nicht zunächst auf die zu entrichtende Summe, sondern auf den Mann und das ihm anbefohlene Erscheinen (allerdings zur Entrichtung der Steuer) an je- nem Termin und in dem Zollamte. Freilich fehle, grammatisch be- trachtet, auch so eigentlich die Erklärung, dafs er auch erschienen sei: es lasse sich aber wohl denken, dafs wenn in einem Protokoll, dessen vorausgeschickte Zeitbestimmung nothwendig auf den Tag der Verhand- lung gehe, es heifse "Nges reranraı Eri ryv — roaredav, dies (wenn nicht etwan ausdrücklich hinzugefügt wäre, dafs er nicht gekommen sei) eben so viel gegolten, als wenn es hiefse, TETRIAEVOS mügesı „es stellt sich der erhaltenen Anweisung gemäfs Oros in dem Amte”(!). Alles übrige fügı sich dann eben so wie ich es oben gestellt habe; nur dafs man in sol- chen Abfassungen nicht syntaktisch vollständige Ausdrücke erwarten mufs. Die Worte also, «vis ‚‚von dem Kaufpreise” und recs... ‚an Steuer so und so viel” verbinden sich eben so gut mit reraxru emi ryy roameLav ; weil dieser Satz den Begriff, dafs er dahin zahlen mufs, noth- wendig in sich schliefst. Was nun diese Böckhische Darstellung theils bestätigt, theils neues Interesse ihr leiht, ist die von demselben entdeckte merkwürdige Uebereinstimmung unserer Schrift mit der Nebenschrift zu dem von ihm erklärten Kaufbriefe des Nechutes. Auch diese nehmlich ist offenbar ein solches als Quittung dienendes Protokoll; aber viele Stellen (1) Den Gebrauch des &rı rrv Tocmegav, wie er sowohl in meine erste Darstellung als in diese von Böckh gefafste pafst, belegt derselbe durch Stellen aus Demosthenes wie c. Apatur. p.900, 14. dmossoyswn 70 Emı ryv rocmeSav Ygews „die dahin zu zahlende Schuld” und ebend. 895, ı5. +75 &yyüns rs Emı ryv FocemeLcv „die Bürgschaft vermöge welcher man für die Bezahlung an die Wechselbank haften mufs ; r365 rrv rguregav 895, 27- \ auf einem agyptischen Papyrus. 109 waren wegen des höchst undentlichen Gekritzels und unerrathbarer Ab- breviaturen gar nicht zu entzilfern. Die Bemerkung, dafs einige Worte und Wortfragmente gerade so auf einander folgen wie in unserer Schrift, warfen auf einmal Licht auf mehre andere: und so gelang es ihm, den gröfsten Theil durch Fortsetzung der Vergleichung vollends zu enträth- seln; was er mir aufgetragen hat, hier als Nachtrag zu seiner Erklä- rung beizubringen. Am spafshaftesten ist das Schicksal des in Berlin zur Welt ge- kommenen Aegypters Xurreiprs, welcher der Viertheilung nicht hat ent- gehen können. Das darauf folgende üreyga. "Hgaxrsiöns avrıyga. zeigte nehm- lich, dafs, wie in unserer Oros-Schrift, so auch hier öß’ #, vorher- gehe: und da dort, noch weiter zurück , die Worte stehn zar« Hayga- bnv A. zal Z. reAuvav, so ergänzte sich nun auch hier augenscheinlich zur« wa A TE Hülfe kein Mensch hätte errathen können, dafs blofs Xw der Name ist: daygadnv üd „» —; woraus sich nunmehr ergab, was ohne diese wenn man will, als Abkürzung; vielleicht aber auch ein ägyptischer Name, Xws Gen. Xw; das darauf folgende aber reruvov heifst. Doch wir wollen nun von vorn anfangen. Gleich auf die Zeitbestimmung, "Erws ıB od u SF, BaguuSi solls folgt nach ein paar kleinen Zügen ganz deutlich &ri r7v (nicht wie wir früher zu lesen glaubten &mı 77s); dann folgt etwas unleserliches; und zu Anfang der folgenden Zeile 5 hatte Böckh schon früher die Sigla der Silbe g« erkannt. Mit Sicher- heit liest er itzt wenigstens soviel: ...eri TH... TOQ. (das heifst roamedav) &b’ 95 Aus... und dann das obige zar« aygapnv Xu reAuvou üp” Yv Ümo- ygadeı Hoarreidns 5 dvruygapeis: alles also selbst buchstäblich entsprechend den Worten in unserm Öros - Protokoll: denn der Artikel 5 vor wrı- Yoaevs war, als ein blofser Punkt, bei der ersten Entzifferung übersehn worden: die Abkürzungen Uroyga. und @vrıyga. aber, welche Böckh schon damals richtig beurtheilt hatte (S. 55.), ergänzen sich nun mit Sicherheit; wobei es nicht überflüssig ist zu bemerken dafs in dem Pa- riser Exemplar unserer Schrift grade auch iroyga. und avrıyge. eben so mit darüber stehendem « abgekürzt ist. Vergleichen wir nun auch die noch übrig bleibenden undeutlichen Stellen mit unserm Oros-Papyr, so entspricht die zwischen baguvSi x und &ri ryv — dem reraxraı: aber ich kann in dem was da zu sehn ist, 110 Burrmanns: Zrklärung der griechischen Beischrifi auch als Abhreviatur genommen, was es ohne allen Zweifel ist, keine Spur von jenem Worte erkennen; und nehme also an dafs hier ein andrer technischer Ausdruck zu gleichem Zweck gestanden. Die Cha- raktere zwischen &mı rzv und roameLav entsprechen dem &v Aurora 7 seyary. Auch hier will es nicht gelingen weder & @ErRaıs, noch ®- RBatav, noch & Barugeı zu lesen: die Buchstaben «9 stehn, auf unserer Abschrift wenigstens, zu klar da(!). Zwischen &p’ 4 As. und zera die- ygupyv stehn Zeichen und Züge die durchaus unerklärlich waren, bis die Vergleichung des Oros-Protokolls ergab dafs sie grad an der Stelle stehn, wo dort eixosys &yzuzAlou: wiewohl diese Worte selbst sich nicht darbieten wollten. Wir werden sie also gleich nachher mit den übri- gen Geldsachen behandeln. Dafür will ich einstweilen den Namen des Beamten vervollstän- digen. Ich lese Av und deute ihn, mit dem Abkürzungszeichen dar- über, Aucvusıcs. Dasselbe N haben wir in der vierten Zeile in Neyeurns und in rcrov und weiterhin mehrmals. Wir kommen an den Schlufs dieses ersten Absatzes, wo wvns deutlich steht. Böckh meinte das wv7s unseres Papyrs zu erkennen: aber dies steht dort im zweiten Absatz, der mit dem Namen Oros be- ginnt; und eben so könnte er auch hier schwerlich anders als nach dem Namen des Nechutes angebracht sein. Dazu kommt dafs zwischen @v- rıyga. und wvys noch etwas steht, was ich weder für die Endung eus noch für 775 erkennen kann, zwischen welchen beiden Erklärungen Böckh ungewifs war. Ich lese dvriyganeus reruvns, welches letzte Wort hier ausgeschrieben ist, weil Platz übrig war, da der Schreiber mit dem Namen der Haupt-Person Neyeirns die neue Zeile anfangen wollte. Wir werden dieselbe Sigla fe für rer unten noch nachlässiger geschrie- ben finden, wo auch Böckh sie schon erkannt hatte. (1) Auf dem weiter unten von mir anzuführenden neu entwickelten Papyrus ist in demselben Zusammenhang zu lesen &mı syv Ev "EguevSsı rgeregav: es ist daher uns beiden sogleich sehr wahrscheinlich geworden dafs auch hier &v «x mit dem Abkürzungszeichen darüber so zu ergänzen sei. Hermonthis war der Hauptort des zunächst an Memnonium grenzenden Nomos, und zwar von der Südseite: also grade wohinzu das Grundstück lag. Wir können unmöglich über die Anlässe urtheilen wegen derer ein solches Steuer-Ge- schäft an eine Zollstäte im eignen oder im benachbarten Nomos verwiesen war. auf einem agypüischen Papyrus. 111 Die syntaktische Grundlage des ganzen Zusammenhangs läfst sich von diesem Nechutes- Protokoll noch nicht angeben, so lange wir nicht wissen was oben, statt des in unserm Papyr zu lesenden riraxraı steht. Ich mache nur noch aufmerksam darauf, dafs in dieser Nebenschrift, die vorzüglich für das Auge eingerichtet sein mufste, nicht nur, wie oben bemerkt, Nechutes die vierte, sondern eben so die andre Haupt- person, Pamonthes, die siebente Zeile beginnt, da doch in der sech- sten zu Ende Platz genug war.— Noch mufs bemerkt werden, dafs wo Böckh die ungewöhnliche Form EwvySn zu lesen geglaubt hatte, das von Bekker anerkannte &wv#raro nunmehr durch unsere Schrift bestätigt ist, und auch von Böckh anerkannt wird. In der Namens-Unterschrift haben Böckh und ich unabhängig von einander die Abbreviatur Aı. erkannt. Es ist nehmlich ein in zwei Stücke zerfallenes A mit einem ı darunter. Also die Sigla jenes Auvi- rıcs, der an der hier genannten ToameLa war, so wie an jener andern Lysimachos. Und auch davon hat Böckh mich überzeugt dafs das ne- ben dieser Sigla stehende rg mit einem Zug darüber rgareZirrs zu lesen ist; was also hier die Benennung eines Beamten zu sein scheint, da es sonst nur den an seiner eignen rg«refa sitzenden Wechsler bezeichne:. Auf keinen Fall läfst sich diese Sigla mit den beiden vergleichen die wir oben beim Lysimachos gesehn haben. Was nun endlich die Rechnungs-Gegenstände betrifft, so hatte natürlich die von Böckh entdeckte Uebereinsiimmung der beiden Pro- tokolle auch eine neue Betrachtung der in der Nechutes- Urkunde befind- lichen Zahlzeichen veranlafst. Und so ergab sich zuvörderst dafs in dem eigentlichen Kaufbrief, wo wir zu lesen geglaubt hatten xarzed veuis- narcs XA, was die freilich befremdliche Summe von sechshundertundeinem Stück Kupfermünze gab, das was wir für ein X hielten dieselbe Sigla sein soll, welche in der Oros-Schrift nach dem Worte xaAzsd zuerst steht: ferner, dafs in der Nebenschrift dort nicht XZA zu lesen ist, son- dern über dem X ein « steht: also xarzed: worauf das was uns ein Z schien, wieder die eben erwähnte Sigla ist, nur auf eine andere Art verzogen, auch wol in der uns zugekommenen Abschrift noch mehr entstellt: wie von diesem allen ein jeder durch Vergleichung der drei Schriften (den beiden von Nechutes, und der unsrigen) sogleich sich 112 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift überzeugen wird. Ohne Zweifel ist nun diese Sigla ein Gewicht das durch das darauf folgende Zahlzeichen bestimmt wird ; in der Nechutes- Urkunde durch ein A, bei uns aber durch ein deutliches T. Folglich haben die Gegenstände von Oros Kauf dreimal soviel gekostet als das Grundstück des Nechutes: welches uns auch nicht wundern kann, da jene Gegenstände unbekannt sind, und ÖOros zu einer reichen mit präch- tigen Begräbnissen prangenden Familie gehört haben kann, das Grund- stück aber ein Stückchen unbebautes Land von wenig mehr als zwei- hundert Fufs Länge und einhundert Fufs Breite war; vermuthlich eine kahle Baustelle. Nun folgt in der Nebenschrift von Nechutes eine Abkürzung mit einem X. Böckh hat das schnellgeschriebene reis; darin erkannt, das auch in der Oros-Schrift gleich auf die Kaufsumme folgt, und wo- von wir die Silbe rer so geschrieben nun zum viertenmal sehn. Also entspricht das reress X in der Nechutes-Schrift dem r&Acs.. tvaxcrias.. in der Oros - Schrift: und es kommt also nur noch auf die Erklärung auch dieser Zeichen oder Siglen an. „Aus dem bis dahin enthüllten”, sagt Böckh, ‚,‚ist soviel schon „völlig klar, dafs die Nebenschrift der Nechutes- Urkunde ein Proto- ‚„‚koll ist über die bezahlte Abgabe von dem verkauften Grundstück „und zugleich die darüber gegebene Bescheinigung: wonach also das- „„jenige zu modificiren ist was in der Erklärung jener Urkunde S. 54. ge- .„‚sagt ist, und damals nicht anders gestellt werden konnte, da es un- ‚„‚möglich war aus den dunkeln Schriftzügen irgend etwas von einer ‚„‚bezahlten Kaufsteuer zu errathen. Uebrigens wird man noch bemer- ‚ken, dafs nach beiden Aktenstücken die Steuer von dem Käufer er- „legt wird”. Soweit waren wir in unsern Entzifferungen gekommen, als ein neues Licht sich aufthat. Bei der fortgesetzten '‘Aufrollung von Minuto- lischen Papyren auf der Königlichen Bibliothek war wieder eines an den Tag gekommen, das eben so wie das von Oros, unter einer ägypü- schen Schrift ein griechisches Protokoll enthält. Die Entzifferung des Ganzen ist mir in dem Augenblick da ich dies schreibe noch keines- weges gelungen, ‘aber natürlich bot sich sogleich das übereinkommende 5 im Schema mit jenen beiden andern Protokollen dar, und dies war auf einem agyptischen Papyrus. 113 hinreichend um über die noch zweifelhaft gebliebenen Geldpunkte soviel Aufschlufs zu geben, dafs — noch ehe jener neue Papyr dem Publi- kum mitgetheilt werden kann — dieses Ergebnis hier noch beigebracht werden muls. Es ist dort auch von Kauf und Abgabe die Rede; alle darauf sich beziehende Benennungen sind dieselbigen wie im Oros - Protokoll; und in dem Zusammenhang wo dort eizes7s &yzurAcv steht, steht hier x &yx mit Abkürzungszeichen darüber. Also dasselbe. Ferner liest man in dem neuen Papyr unten bei den Geldbestimmungen eEuroTias, worauf derselbe vorwärts geneigte Strich und ein % folgt. Da nun dies die Ziffer der Zahl sechshundert ist, so ergab sich sofort dafs das an der- selben Stelle im Oros-Papyr stehende Zahlzeichen, das durch den dort allzudicht davor stehenden Strich nur räthselhafter erschien, eine Form des Episemon Sanpı 3 = neunhundert ist; und wir also hier schon den- selben bei uns üblichen Gebrauch vor uns haben, die Summen in öflent- lichen Schriften durch Zahlwörter und Zahlzeichen oder Ziffern neben- einander auszudrücken. Der schräge Swich dazwischen ist unser „‚sage”. Der Kaufpreis im Oros - Protokoll ist, wie wir gesehn haben durch die Zahl 5 bestimmt, im neuen Papyr ist es die Zahl 2 mit derselben Sigla ; also richtig dasselbe Verhältnis wie zwischen der bei- desmaligen Abgabe: neunhundert — sechshundert: und von der Einheit im Kaufpreis ist also die Abgabe dreihundert kleinere Einheiten. Da nun in beiden Dokumenten die Abgabe der Zwanzigste ist, so folgt dafs die grofse Einheit sechstausend mal die kleine ist. Dies ist aber das Verhältnis vom Talent zur Drachme. So enträthselt sich nun alles. Zu &vexerias und zu E£uxeries gehört, was diese Endung schon er- warten liefs, das Substantiv ö&gayuac. Die erste Sigla vor der Zahl drei (im neuen Papyr zwei) ist ein A mit dem Strich eimes 7 darüber: Ta- Aavrov: welches Gewicht sonst, wie man bei Montfaucon sehn kann, 7? bezeichnet wird. Die andre Sigla aber vor zvazerias (neu. Pap. Efuxeries) ist das Drachmen-Zeichen, wofür man ein sehr ähnliches, nur rechts gedrehtes, bei Eisenschmid finden wird, das man aus Az entstanden glaubt. Also ist der Kaufpreis in unserer Akte drei Talente Kupfer oder (wie es in der Nechutes-Akte vollständiger heifst) Kupfermünze; und die Abgabe davon neunhundert Drachmen desselben Metalls. Hıist. philol, Klasse 1824. P 114 Burrmann: Erklärung der griechischen Beischrift Gehn wir hiemit zu der Nechutes - Akte, so ist der Kaufpreis dort ein Talent Kupfermünze und die Abgabe 4: denn der Schreiber des Protokolls hat die Zahl dort blofs durch die Ziffer ausgedrückt: also sechshundert Kupferdrachmen von einem Kupfertalent, welches das doppelte von jener Abgabe, also der Zehnte ist. Doch dies geht nicht blofs aus der Rechnung hervor: es steht da. In dem neuen Papyr ist, wie oben erwähnt, die eizosn bezeichnet durch ein x, und dieses hat ei- nen Aufsatz, der ein rechtshin geschweifter krummer Stwich ist. Ver- gleichen wir die Züge an derselben Stelle des Nechutes-Protokolls, so finden wir vor einigen Buchstaben, worin man nun unschwer die schlecht- geschriebene Abbreviatur &yx erkennen wird, einen langen gewundenen Strich, dessen oberste Hälfte ebenfalls rechtishin geschweift ist: sehn wir diese obere Hälfte als den mit der Zahl (durch den Schreiber oder Abschreiber) in eins gezogenen Aufsatz an, so bleibt unten ein ı, zu gleichem Zweck wie dort das z. Also: dexzarys EyzunAiou. — Einen Grund zu dieser Verschiedenheit der Abgaben von jenem und diesem Kauf müfste man itzt nur rathen: er wird sich vielleicht befriedigend ergeben wenn wir erst mehr Fälle vor uns haben. Es wird nicht unzweckmäfsig sein nun auch das Steuer - Protokoll des Nechutes noch einmal vollständig, mit Andeutung des wenigen was noch unleserlich oder zweifelhaft ist, hieher zu setzen. "Erous IB tod zu © BagnuSi K... &ri ryv &v "Eguov Sei roameLav, Re Ns Auovurios, Öenarns EyaunAlov, HAT daygabnv Xu) reAWvoU, up Av Umoygaseı HoaxAeiöns avrıygabeus TEAUWVNS, Ney,ourns Mingös "Arwros YıRov Torov myysis EN... ToV iv TO dmo vorou megEL Mewuvovewv, 0v Ewviraro mag IlauwvSys, roV nal "Evayouvews (Eeriyoalavrcs) Füv als adeAbais, WaARO TaA. d, TEros %. , r Alovurios roamedırs. Böckh macht bei diesen Dokumenten noch die einleuchtende Bemerkung dafs die Kupfermünze und das Kupfer-Talent, die wir hier im gewöhnlichen bürgerlichen Verkehr allein sehn, ihre sehr natürliche auf einem agyptischen Papyrus. 115 Erklärung finden in dem alles Verhältnis übersteigenden,, von Athenäus u.a. uns geschilderten Luxus der Ptolemäer. An ihrem Hofe und des- sen nächsten Umgebungen war alles Gold und Silber ihres Reichs: ihre Pracht und ihr Wolleben war die Frucht von Erpressungen, die im Innern ihres Staats einen Zustand bewirkten dessen treues Symbol die- ses Kupfergeld war. Erst nachdem ein Theil dieses Aufsatzes schon gedruckt war, wurde ich darauf aufmerksam, dafs von dem bald anfangs erwähnten mit dem unsrigen übereinsimmenden Pariser Papyrus eine vorläufige Notiz schon gegeben ist von J. Saint- Martin in dem Journal des Savans von 1822. p.560. Da, wie wir schon bemerkt haben, jene Schrift viel un- leserlicher ist als die unsere, so hat Hr. S. M. sie nur zum Theil lesen können und mit Irrungen, die zu vermeiden uns leicht war. Wir er- wähnen nur noch, dafs derselbe aus der Jahreszahl über das Datum der Schrift eine zwiefache Meinung aufstellt, wozwischen er ungewils bleibt. Die eine davon ist die auf Euergetes II. gehende, welche von ihm im wesentlichen auf dieselbe Art historisch entwickelt worden ist wie von uns; und welche wir allein vorgetragen haben, einer Angabe von Spohn einstweilen vertrauend, über deren Zuverlässigkeit sich hoffentlich bald wird urtheilen lassen. — NN — l 5 " ws, IE ZITE un Mr ö se R PIE l > er wa I as: io ” fo ring Yatır eo; Da: ı van N An ze I %- alien A s m Arion er Ez . j er Br j A EEE a Aula mn 4 i ya SEE ü Ar j ZZ 2 u, are zart u Er I. > Is U Ze u cu zw . ee Ey Ark ai I BT De re iu u; u. u hr dc er een bu A u ni ri ih ih wen 7 KU: md 1: ru a en . | na iind Be er IM E Bl 1 sb nis ee ee ee Fer. je Lee ET TER ee re s RE x 0 8 BE 7 RR IT Ener daD wh, AA i 0 sr Lau et & ne s e SE j ' Br a ö _ m mu ERDE s (ua RR Kaas nen Fat Bam > @RE Bu 4 u 24 We l ae: a DE Ze BEE ade? j w z . & a rn . wi . D u e y Li z ® j \ SE ee Ze ! 4 u“ r Yy3 . . [j u 4 - u = > Z » . 5 Bere 5 at ö . = 2 5 ' ® 4 B & u ö \ ı . . - en ren N » EN . CTPAS md KEITH an Tee Tepe eh AN erdaydenv aan) Astag me yo 2 ZDF TI Ba zen f her ryyY ine mehr & = S asfer X-Axyrhe Om TUN De pepAnntsN Ton Be %* "pre wre ap Ayo Er nme pre de ZOITTTIT ner ARTE Alan nr PSP wa hrepeme Air x ar. sn ee ) N f PER ERBEN] TE is age: m YTreTemi nerare)e Gew m) © rK z kn 1 j* a La q v2 > 2 gan: ui: En u a t ron i rR“ = Vergleichende Jergliederung des Sanskrits und der mit ihm verwandten Sprachen. Erste Abhandlung. Von den Wurzeln und Pronominen erster und zweiter Person. «Von mm BOP»P. u nn nn nn nn nn nn ns [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 24. April 1855.] E nächstem Grade der Verwandtschaft zu der Sprache, welche wir jetzt als die geheiligte der Indier, unter dem Namen der vollkommenen, Sanskrita, kennen, und welche in den Zeiten des höchsten Alterthums eine weite Verbreitung im Orient gehabt haben mag, stehen vor allem die Griechische und Lateinische unter den Sprachen des alten, die Germani- schen Mundarten unter denen des neuen Europas, und unter den Asia- tischen Sprachen die Persische. Die Uebereinstimmung dieser Sprachen, und was auflallend ist, am meisten die der genannten Europäischen mit dem Sanskrit, ist so innig, so tief in die feinsten Gewebe der frühesten Sprachentwicklung eingreifend, dafs es beinahe leichter scheint, ihre mannigfaltigen Berührungspunkte aufzudecken, — die bis zu dem min- der Wesentlichen, bis zu dem was man für specielle Dialekteigenheit halten möchte, ja oft bis zu den ungeregelten Abweichungen von dem, als in dem was die allgemeine Analogie erwarten läfst, sich erstrecken, Formen-Vorrath der einzelnen Sprachen vieles unwidersprechlich Eigen- thümliche aufzufinden, was sich nicht entweder unmittelbar, oder durch mehr verdecktliegende Mittelglieder dem Gemeingute anreihen liefse. Neben den obengenannten Sprachen gibt es andere, die zwar nicht in so durchgreifendem Verhältnisse zu dem Sanskrit stehen, aber noch gerade 118 Borr: Yergleichende Zergliederung des Sanskrüs in denjenigen Theilen ihres Baues, die am meisten der Veränderung und Umgestaltung trotzen, und worauf also bei Verwandtschaftsbestimmungen am meisten ankömmt, die unzweideutigsten Beweise ihrer Abstammung aus einerlei Quelle darbieten. Es sind dieses die Lithauische, Lettische und Alt-Preufsische Sprache, und die verschiedenen Slawischen Mundar- ten. Diese Sprachen theilen nicht nur viele der wesentlichsten Berüh- rungspunkte der erstgenannten mit dem Sanskrit, sondern bieten deren auch solche dar, welche jenen entgehen, und diese besonderen Ueber- einstimmungen mögen zum Theil daher kommen, dafs die Völker, welche den nordöstlichsten Theil von Europa bewohnen, in viel späteren Zei- ten ihre Asiatischen Ursitze verlassen haben, zu einer Zeit, wo die Asia- tische Stammsprache durch Veränderungen und neue Gestaltungen sich mehr dem Zustande genähert hatte, in welchem sie unter dem Namen Sanskrita bekannt ist. Das Griechische und Lateinische bieten nicht selten Formen dar, welche gröfseren Anspruch auf die Aufbewahrung der Urgestalt machen können, als die entsprechenden des Sanskrits ; welches mitunter aus den Wohllautsgesetzen sich erklären läfsı, die in allen Sprachen im Laufe der Jahrhunderte sich ändern, und nothwen- digerweise eine veränderte Gestalt der grammatischen Formen veranlas- sen, von welcher man, ohne diese Berücksichtigung, keine Rechenschaft zu geben vermag. Die Indischen Grammatiker haben die euphonischen Einwirkungen der Endungen und Suffixe auf die Endbuchstaben der Stämme oder Wurzeln, welchen sie sich anschliefsen, so wie die des Anfangsbuchstaben eines Wortes auf den Endbuchstaben des vorherge- henden, genau beobachtet und vollständig entwickelt; allein so weit gin- gen diese Grammatiker nicht, dafs sie die grammatischen Formen selbst als unter dem Einflusse der Wohllautsregeln erzeugt oder umgestaltet betrachteten. Dieses kommt daher, weil sie sich nicht mit dem Ur- sprunge der grammatischen Formen befafsten. Es genügte ihnen z.B. zu wissen und anzugeben, dafs an die dritte Pluralperson in verschie- denen Zeitformen bezeichne. Woher dieses an komme, was es in die- ser Gestalt bedeute, darnach fragten sie nicht. Hätten sie darnach ge- fragt, so lag es wohl in dem Bereiche ihrer Mittel zu ergründen, dafs an für ant stehe, und zwar in Folge einer in ihrer Sprache zum Ge- setze gewordenen Gewohnheit, von zwei Endconsonanten den letzten ab- und der mit ihm verwandten Sprachen. 119 zuwerfen, was auch immer seine Bedeutung sei ('). Ich glaube indessen, dafs solche Wohllautsgesetze erst zu einer Zeit ihre volle Krafı gewin- nen konnten, als die wahre Bedeutung, oder der Grund der Bedeutung grammatischer Formen nicht mehr ganz lebendig ergriffen wurde. Je weiter die Sprachen von ihrem Ursprunge sich entfernen, desto mehr gewinnt die Liebe zum Wohllaut an Einflufs, weil sie nicht mehr in dem klaren Gefühle der Bedeutung der Sprachelemente einen Damm findet, der ihrem Anstreben sich entgegenstellt, und weil die gleichsam in der Lebensfülle der Sprache wie organisch entsprofsten Aeste und Verzweigungen nach und nach absterben, und zu einer todten Masse geworden, abgelöst werden können, ohne dafs dieser Verlust von dem noch lebenden Körper gefühlt wird. Das Wohllautsgeseiz, von zwei Endceonsonanten den letzten ab- zuwerfen, welches in der Sanskritsprache viel gröfseren Einflufs hat, als man ın den bestehenden Grammatiken erfährt, und woraus viele als ge- setzlose Willkühr erscheinende Fälle erklärt werden müssen, wird von dem Lateinischen nicht anerkannt, denn es hat nt in der dritten Plural- person, mit dem dieser Person sehr wesentlichen 2 (2). Im Griechischen entspricht zwar die Endung cv dem Alt-Indischen an, aber durch Ver- anlassung eines anderen Wohllautsgeseizes; denn das Griechische duldet zwei Consonanten am Ende eines Wortes, insofern der letzte von bei- den zu denjenigen gehört, die überhaupt (auch einzeln) am Ende stehen können, welches in Bezug auf das r nicht der Fall ist. Auch die San- skritsprache duldet, ohne jedoch hierin so weit zu gehen als die Griechi- sche, manche einfache Consonanten selten, andere niemals, am Ende ei- nes Wortes, und hieraus erklären sich wiederum viele grammatische Er- scheinungen, die ohne diese Berücksichtigung im Widerspruch mit der (1) Es mufste also in Folge dieses Wohllautsgesetzes von ant gerade das wesentlichste Element, nämlich das die Person bezeichnende, wegfallen, und es blieb nur das den Plural von dem Singular unterscheidende z übrig. (2) Mehre der älteren Germanischen Mundarten erkennen dieses Gesetz nur theilweise an, denn in der dritten Pluralperson des Präteritums haben sie allerdings, in Ueberein- stimmung mit dem Sanskrit, ein blofses n, indem der Personalcharakter fehlt; allein im Praesens Indic. hat das Gothische, nd, das Alt- und Mittel- Hochdeutsche, die Urform in dieser Beziehung noch treuer aufbewahrend, nt. 120 Borr: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits - allgemeinen Analogie stehen würden. Zu den ÜConsonanten, welche am Ende eines Wortes dem Indischen Ohr keinen angenehmen Eindruck machen, gehört z.B. das n; man findet es zwar am Ende, aber, wenn man hierauf achtet, meistens nur da, wo ursprünglich noch ein anderer Consonante darauf folgte, und wo es der Geist des Wohllautes nicht vermochte, zwei Laute zu verdrängen, sich begnügend, dafs ein ande- res Gesetz seine Kraft behalte, nämlich dasjenige, welches von zwei Endeonsonanten den letzten ausstöfst; so heifst z.B. ahan entweder er ıödtete, für ahant, oder du tödtetest, für ahans. Da es aber im Sanskrit sehr früh zum Prinzip geworden zu seyn scheint, den Nominen, welche mit Consonanten enden, im Singular-Nominativ kein Casuszeichen beizufügen, so wird bei denjenigen, welche auf z ausgehen, dieser End- laut im Singular- Nominativ abgeworfen ('). Die Lithauische Sprache bietet in diesem Punkte eine höchst auflallende Uebereinsimmung mit dem Sanskrit dar, denn wenn man in dieser Sprache ebenfalls eine Grundform annähme, zu welcher der Nominativ wie die übrigen Casus als abgeleitet sich verhielte, so mülste z. B. akmen (Stein) als eine solche Grundform angesehen werden. Im Sanskrit hat asman (mit pa- latinem s, welches gerne in A übergeht) (?) dieselbe Bedeutung, und bil- det mit Abwerfung des schliefsenden 2 im Singular - Nominativ asmä. Im Lithauischen kommt von akmen der Singular-Nominativ akmu. In allen übrigen Casus tritt in beiden Sprachen das hier abgeworfene z wie- der hervor, so lautet im Dual der Nominativ asmänau im Sanskrit, und akmenu im Lithauischen, im Plural asmänas ım Sanskrit, und ak- menys im Lithauischen. Ich brauche hier nicht zu bemerken, dafs auch die Lateinische Sprache die Abwerfung des zn am Ende der Wör- (1) Im Vocativ, welcher gewöhnlich mit der Grundform identisch ist, hat sich jedoch das r nicht verdrängen lassen, auch steht nz als Casuszeichen im Pluralaccusativ der Mascu- linen, deren Grundform mit einem kurzen Vocal endet. (2) Das palatine s wird mit einer sanften Aspiration ausgesprochen, und nach bestimm- ten Wohllautsregeln in # verwandelt, z. B. die Wurzel Dris bildet mit Yjami-drak- schjdmi, ich werde sehen, und zeigt hierdurch ihre Verwandschaft mit dem Griechi- schen ö2gzw. Schlegel führt in seiner Indischen Bibl. B. ı. S.522. noch mehre andere interessante Beispiele an, wo ein sanskritisches palatines s im Griechischen durch #, und im Lateinischen durch ec vertreten wird. 2 und der mit ihm verwandten Sprachen. 121 ter liebt, woher sich z. B. sermo aus der Grundform sermon erklärt. Auch glaube ich behaupten zu dürfen, dafs in den Germanischen Mund- arten bei der schwachen Deelination die Bildung des Nominativs auf dem Prinzip der im Sanskrit, Lithauischen und Lateinischen herrschen- den Neigung zur Abwerfung eines schliefsenden z beruht. Dieses n ge- hört zwar, sammt dem ihm vorhergehenden Vocal, niemals zur eigent- lichen Wurzel, es gehört aber zur Grundform des Nomens, und schliefst dessen Ableitungssuflix, wie z.B. ın dem Sanskritischen Worte rädschan, König (Nominat. rädschä), und in dem Lateinischen action (Nom. actio), das schliefsende z nicht der Wurzel, sondern dem Ableitungssuflix an- gehört (!). Doch möchte ich nicht unbedingt behaupten, dafs diese in (1) Die Maseulina und Neutra haben die Unregelmäfsigkeit, dafs der dem n vorherge- hende Vocal veränderlich ist, so dafs ım Gothischen der Genitiv und Dativ Sing. eine an- dere Grundform als die übrigen Casus darbieten. Das Femininum ist in dieser Beziehung einfacher, von der Grundform daurön, z.B. kommt der Nominat. daurö und alle obli- quen Casus. Sollte man fragen, warum bei der schwachen Deelination der Singularnomi- nativ das schliefsende z nicht ertrage, während es doch dem Dativ und Aceusativ, ebenfalls am Ende, erhalten bleibt, so glaube ich, dafs der Grund in nichts anderem liege, als dafs diese Casus ursprünglich mit den ihnen zukommenden Endungen versehen waren, die das n der Grundform vor seinem Untergang schützten. Der Nominativ aber entbehrte bei den meisten Wörtern auf z schon von Anbeginn eines Casuszeichens. Im Sanskrit ermangeln alle mit Consonanten endigende Wörter des den Singularnominativ charakterisirenden s, so dafs dieser Casus entweder mit der Grundform identisch ist, oder nur durch Befolgung der Wohllautsgesetze sich von derselben unterscheidet. Im Griechischen, Lateinischen und Gothischen haben zwar auch die in ihrer Grundform mit Consonanten endigenden Wörter ein s im Nominativ, allein die auf n ausgehenden Wörter folgen der Analogie des Sanskrits, mit der Beschränkung, dafs im Griechischen mit dem Nominativ-Charakter, nicht zugleich das v abgeworfen wird, und dafs bei den wenigen Wörtern welche das v abwerfen, das s des Nominativs beibehalten wird; ferner, dafs im Gothischen viele Wörter auf n der star- ken Declination folgen, und dem Endeonsonanten der Grundform das s des Nominativs bei- fügen. Dafs bei der Germanischen schwachen Declination das Neutrum auch im Accusativ des Singulars das schliefsende n abwirft, geschieht ebenfalls im Einklang mit dem Sanskrit, wo der Accusativ des Neutrums kein Casuszeichen hat, und Wörter auf z ihren Endbuch- staben, wie im Nominativ, abwerfen; z.B. naman, Namen, bildet im Nominativ und Accusativ ndma. Kann es eine auffallendere Uebereinstimmung geben, als dafs im Go- thischen die gleichbedeutende Grundform namön (ein Neutrum) im Nominativ und Accu- sativ namo bildet? Ich fürchte daher nicht, dafs man es unbegründet finden könne, dafs ich die Germanische, besonders Gothische, schwache Declination, mit den erwähnten Sanskritischen, Lateinischen und Lithauischen Wörtern anf n in eine Klasse stelle. Hist, philol. Klasse 1824. [@) 122 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits - vier Sprachen sich darbietende Uebereinsimmung als Folge von deren Stammverwandschaft anzusehen sei, weil Uebereinsiimmungen in Wohl- lautsgesetzen sich auch in Sprachen zeigen, die sonst in gar keiner Be- rührung mit einander stehen, sie finden ihren Grund in den Sprachor- ganen selbst. Wenn aber in den meisten mit dem Sanskrit zusammen- hängenden Sprachen die Verwandschaftswörter ganz besonders überein- simmen und gröfstentheils mit > enden, wenn im Sanskrit und Lithaui- schen nur der Singular- Nominativ mit einem Vocal endet, während in den übrigen Casus ein abgeworfenes r wieder hervortritt, so kann ich kaum unterlassen, dieses im Lithauischen für eine aus dem Orient mit- gebrachte Eigenthümlichkeit anzusehen. Es heifst z. B. im Sanskrit du- hitä, die Tochter, duhitäras, die Töchter, im Lithauischen steht ganz analog dugte und dugteres. Mätä heifst die Mutter im Sanskrit, ma- täras, die Mütter, im Lithauischen ist analog mote das Weib moteres, die Weiber. Eben so entspricht das Lithauische sessu Schwester, im Plur. sesseres, mehr als die gleichbedeutenden Formen im Lateinischen und Germanischen, dem Alt-Indischen swasdä, swasäras. Es ist indes- sen wahrscheinlich, dafs die Ermangelung des zur Grnndform gehören- den r, in dem Indischen Singular-Nominativ, nicht zu dem ältesten Zu- stande der Sprache gehöre, welchen in dieser Beziehung das Griechische, Lateinische, und die Germanischen Mundarten, getreuer aufbewahrt ha- ben. Wenn aber die erwähnte nähere Zusammenstimmung des Lithaui- schen und des Sanskrits aus einer gemeinschaftlichen Quelle fliefst, und gig von einander erzeugt hat, so folgt daraus, dafs der Letusche Volksstamm zu einer Zeit seinen Asia- sich nicht in beiden Sprachen unabhän üschen Wohnsitz verlassen habe, wo die Asiatische Ursprache schon manche Veränderungen erlitten, und dem Zustande näher gekommen war, in welchem sie durch eine, eben so sehr durch Reichthum als durch innere Vortrefllichkeit bewunderungswürdige, Litteratur festgehal- ten wurde. Die vergleichende Zergliederung grammatischer Formen, welche wir hier eröffnen, wird nicht nur das nähere oder entferntere Verhält- nifs der obengenannten Sprachen zu dem Sanskrit entwickeln, sondern auch zeigen, in wiefern mehrere unter ihnen neben der allgemeinen Ver- wandtschaft noch durch ein näheres mehr spezielles Band an einander % und der mit ıhm verwandten Sprachen, 123 geknüpft werden. Hierbei aber soll auf eine gröfsere oder geringere Anzahl gemeinschaftlicher Wörter kein besonderes Gewicht gelegt wer- den, denn ein Jahrhundert ist oft hinreichend, um die Sprache eines in Cultur noch nicht weit gediehenen Volkes mit Wörtern aus Sprachen angränzender Völker so zu überfüllen, dafs man nur mit Mühe ihr Ei- genthümliches aus dem Beigemischten hervorzusuchen vermag. Sehr richtig bemerkt Hr. W. v. Humboldt in seiner gehaltvollen Abhand- lung, über das vergleichende Sprachstudium (S. 254.): ‚‚Die ‚„‚Hauptelemente der Sprache, die Wörter, sind es, die von Nation zu ‚Nation überwandern. Den grammatischen Formen wird diefs schwe- ‚rer, da sie, von feinerer, intellektueller Natur, mehr in dem Verstande „ihren Sitz haben, als materiell und sich selbst erklärend an den Lau- ‚„‚ten haften.” Es liefse sich, aufser den oben erwähnten mit dem Sanskrit zu vergleichenden Sprachen, noch manche andere der gegenwärtigen Unter- suchung anreihen, wenn es unsere Absicht wäre, all’ diejenigen Sprachen zu umfassen, welche einzelne Spuren der Verwandtschaft mit dem Sanskrit an sich tragen. Es finden sich deren mehrere in der Celtischen Sprach- familie, und das Finnische und die verwandten Mundarten, so wie das Ungarische und Albanische, bieten ebenfalls, besonders in den Pronomi- nen, den treuesten Aufbewahrern alterthümlicher Formen, überraschende Achnlichkeiten dar. Unter den Asiatischen Sprachen habe ich auch im Armenischen übereinsiimmende Anklänge gefunden, doch beschränken & auf die Pronominal-Stämme und die Bezeich- 5 nung der ersten und zweiten Singularperson des Praesens durch m und s, sich dieselben fast einzi wie guewiem ich lobe, guewres du lobest. Im Plural wird dem Kenn- zeichen m ein aspirirtes k, zur Bezeichnung der Mehrheit, beigegeben, daher guewiemkh wir loben. Ich behalte mir vor, von diesen Sprachen bei einer anderen Gelegenheit, und aus einem anderen Gesichtspunkte zu handeln, da sie zu dem Zwecke, der hier der vorherrschende ist, — durch Zusammenstellung der Sprachen, die ein sicheres Gepräge ge- meinschaftlicher Abkunft tragen dem Ursprung und Entwicklungsgange ihrer übereinstimmenden Formen so viel möglich anf die Spur zu kom- men — nicht wesentlich beitragen können. 124 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits Von den VVurzeln. Da ich die Natur der Wurzeln oder der einfachsten Grundbe- standtheile der Wörter, in Bezug auf das Sanskrit, Griechische, Latei- nische und Germanische, bei einer anderen Gelegenheit zu zeigen ver- sucht, und Einsylbigkeit als deren wesentlichen Charakter aufgestellt habe, so bleibt hier blofs noch beizufügen übrig, dafs auch die Wur- zeln der Lettischen und Slawischen Sprachen einsylbig sind. Diese eine Sylbe mag nun so viel oder so wenig Buchstaben enthalten als mög- lich, ein einziger Vocal, und ein von zusammengesetzten Consonanten eingeschlossener Vocal, sind die entgegengesetzten Gränzen. Ich habe’, gehen, als Beispiel einer Wurzel angeführt, welche blofs aus einem Vocal besteht, eine Wurzel welche im Griechischen und Lateinischen sich wiederfindet, wie sich ergibt, wenn man von imus, ıiuev (Dor. iues) dem Sanskritischen imas entsprechend, die Personal - Endung ablöst. Auch im Alt-Slawischen und Lithauischen findet sich diese Wurzel mit derselben Bedeutung. Im Alt-Slawischen wird aus ’ durch Ansetzung des Suffixes % der Infinitiv zt gebildet, welchem das Lithauische erw ent- spricht, im Präsens ermi, ich gehe; denn die Vocalverstärkung, welche im Griechischen, in Analogie mit dem Sanskrit, nur im Singular statt findet, erstreckt sich im Lithauischen über die ganze Wurzel. — Vom Persischen kann nicht so unbeschränkt behauptet werden, dafs alle Wur- zeln einsylbig seyen, es finden sich in dieser Sprache nicht wenige pri- mitive Verba, welche sich nur auf mehrsylbige Stämme zurückführen lassen. Diese Erscheinung läfst sich, nach meiner Ansicht, aus verschie- denen Gründen erklären. Der wichtigste ist, dafs die Persische Sprache keine zwei verbundene Consonanten am Anfange eines Wortes duldet; wenn nun eine Wurzel in den verwandten Sprachen mit zwei Üonso-. nanten anfängt, so wird sie im Persischen dadurch mehrsylbig, dafs ent- weder ein Vocal zwischen beide Anfangsconsonanten eingeschoben, oder der Wurzel vorgesetzt wird. Im Sanskrit ist z.B. Stu eine Wurzel, welche preisen, rühmen bedeutet, woraus im Persischen, durch Ein- schiebung eines u, suthu entsteht, wovon der Infinitiv suthu-den, loben, lautet. Der Alt-Indischen Wurzel dschnä, womit das Griechische yv&, das Lateinische grarus zusammenhängen, entspricht die Persische, als und der mit ihm verwandten Sprachen. 125 Imperativ gebräuchliche, Wurzel schenäs einsehen (Inf. schenäch-ten). Ein Beispiel einer Wurzel welcher im Persischen ein Vocal vorgesetzt wird, ist das vielverbreitete sthä stehen, welches im Persischen i-sthä lautet, wovon der Infinitiv z-sthä-den. Auch ohne die Veranlassung, die Härte eines anfangenden zusammengesetzten Consonanten zu ver- meiden, werden den ursprünglich einsylbigen Wurzeln Vocale vorge- setzt, daher lautet die Sanskrit-Wurzel »uisr, mischen, im Persischen amis, (Inf. amich-ten). Diese Wurzel ist allen mit dem Sanskrit ver- wandten Sprachen gemein, und selbst die Semitischen Sprachen bieten hier eine auflallende Achnlichkeit dar — im Hebräischen heifst masach, und im Arabischen masadsch, mischen, und auch das Syrische und Chaldäische nehmen an dieser Wurzel Theil. Ein anderer Grund welcher Mehrsylbigkeit der Wurzeln veranlafst, ist, dafs Buchstaben welche im Sanskrit zu den Ableitungssylben gehören, im Persischen zu der Wur- zel gezogen werden ; so ist schund, welches als Stamm von schund-den, hören, anzusehen ist, ollenbar durch Ausstolsung eines r aus sru ent- standen, welches zu zur Ableitungssylbe hat, und im Imperativ srinz, höre, in der ersten Pluralperson des Präsens srinumas, wir hören, bildet, Auch mögen im Persischen nicht selten Partikeln und Präposi- tionen, die aber nicht mehr als solche erkannt werden können, mit Wurzeln verwachsen seyn, die hierdurch den Charakter der Mehrsyl- bigkeit gewonnen haben. Ich glaube dafs man z.B. die Sylben fer und pe’ für solche Partikeln ansehen könnte, welche sehr vielen Zeit- wörtern vorgesetzt werden. Wenn man aber von peimu-den, peimä), die Sylbe per ablöst, so trifft man mit der gleichbedeutenden Indischen Wurzel mä, messen, zusammen. Auch im Sanskrit gibt es einige Zeitwörter, mit deren Wurzeln Präpositionen so verwachsen sind, dafs sie in der Flexion wie Radikalbuchstahen erscheinen, und von den In- dischen Grammatikern mit zur Wurzel gerechnet werden. Man erkennt in sangräm und avadhir leicht die Präpositionen sam und ava; diese Zeitwörter bilden aber im vielförmigen Präteritum asasangrämam und ävavadhiram, wodurch die Sprache die beiden Präpositionen gleichsam zur Würde der Radikalbuchstaben erhebt, denn sonst würden die er- wähnten Zeitwörter durch die mit dem Augment verbundene Redupli- kation samagagrämam, avddıdhiram bilden. 126 Borr: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits Der wahre Charakter der Wurzeln des Sanskrits und der mit ihm verwandten Sprachen zeigt sich am deutlichsten durch Entgegen- stellung der Wurzeln des Semitischen Sprachstammes. Diese erfodern drei radikale Consonanten, — so dafs eine so einfache Wurzel wie !, gehen, im Hebräischen und in den verwandten Mundarten nicht mög- lich wäre — und sind zweisylbig, wenn gleich ihre zweisylbige Natur durch Beugung zuweilen versteckt liegt. Da aber ein vertrauter Ken- ner des Semitischen Sprachstamms die Zweisylbigkeit der Semitischen Wurzeln in Zweifel gezogen, und sie als einsylbig zu beweisen versucht hat (!), so sei es mir hier vergönnt, über diesen Gegenstand meine An- sicht etwas ausführlicher auszusprechen, indem durch diese Erörterungen zugleich die Natur der Sanskrit-Wurzeln tiefer ergründet, und in ihrem vollkommensten Gegensatz zu den Semitischen Wurzeln erscheinen wird. Kosegarten stützt seine Behauptung vorzüglich auf die Chaldäischen und Syrischen Präterita, wie Arab, ktob, welche allerdings eben so ein- 3 scheinen, als die von ihm entgegengestellte Sanskrit-Wurzel Arum g schreiten, die Lateinische e/am rufen, und die Deutsche klag; fer- sylbi ner auf den Hebräischen Infinitiv, im status constructus, und Imperativ, wie ktol. Ich glaube dagegen, dafs man nicht als Prinzip aufstellen könne, dafs gerade die kürzeste Form einer Wortfamilie als Wurzel an- zusehen sei; es brauchen vielmehr die Wurzeln in der Sprache gar nicht vorzukommen, und kommen in den meisten Sprachen wirklich nicht vor. Die Wurzel wird gefunden, wenn man von einem Worte alles ablöst, was irgend einen grammatischen Nebenbegrifl andeutet, wie die Casusendungen des Nomens und das Ableitungssuflix, wodurch es zu einer besonderen Klasse von Nominen gestempelt wird, die Personal- endungen der Zeitwörter, und das, was die Tempus- und Modusverhält- nisse bezeichnet, und wenn man überhaupt nur das übrig läfst, was alle von einer (Quelle ausgehende Wörter mit einander gemein haben. Im Griechischen kommt gar keine Wurzel als Wortform vor, im Lateini- schen nur einige abgekürzte Imperative und Adjectivformen, die jedoch nur in Zusammensetzungen vorkommen, wie ger, fer, in armiger, frugi- (1) S. Kosegarten’s Rezension der Annals of oriental literature, in der Jenai’schen Litteraturzeitung J. 1821. Sept. 8.595. und der mit ihm verwandten Sprachen. 127 ‚fer. Im Sanskrit kann jede Wurzel in ähnlichen Zusammensetzungen als Adjectiv gebraucht werden, und dieses ist der einzige Fall, wo eine Sanskrit-Wurzel, ohne fremdartigen Zusatz, ins Leben eintritt. Im Gothischen bietet die sogenannte starke Conjugation in der zweiten Sin- gularperson des Imperativs die reine Wurzel dar; aber um nun wieder zu dem Hebräischen Imperativ zurückzukehren, so kann ich deswegen /tol nicht als Wurzel anerkennen, weil diese Form oflenbar das Resultat einer grammatschen Operation, die Folge einer Zusammenziehung ist. Man wird dieses leicht zugeben, wenn man auf den wichtigen und auf die ganze Sprachentfaltung höchst einflufsreichen Unterschied achtet, welcher zwischen den Semitischen verbundenen Consonanten, (wie in dem Hebräischen Imperativ A2o/, in dem Chaldäischen Präteritum Atal), und denjenigen statt findet, womit im Sanskrit und den verwandten Sprachen eine Wurzel anfängt oder endet. In der Sanskrit - Wurzel kram schreiten, in der Lateinischen c/am rufen, in dem Griechischen ger wenden, bilden, wie in allen ähnlichen Wurzeln, die beiden verbundenen Consonanten gewissermafsen eine grammatische Einheit; sie sind wie von Natur zusammengewachsen, und können durch, keine grammatische Umbiegung getrennt werden, — so dafs etwa aus Aram, ke) karam, koram oder etwas ähnliches werden könnte sie werden viel- mehr ganz wie einfache, untheilbare Elemente behandelt. Wenn aus kram die Formen karam, koram und ähnliche kommen könnten, so wür- ? den nach meiner Meinung die Indischen Grammatiker Unrecht haben es co) als Wurzel aufzustellen; es würde da, wo es als Wortform vorkäme, für eine Zusammenziehung gelten müssen; es wäre ein gebogenes Wort, denn Beugung besteht nicht blofs in Erweiterung, sondern auch in Zu- sung 5 sammenziehung eines gegebenen Sprachelements. — Ganz anders verhält es sich mit zwei verbundenen Consonanten der Semitischen Sprachen; es gibt eigentlich in diesem Sprachstamme keine radikale Verbindungen von Consonanten, wohl aber gehört zu dem Umfange seiner organischen Flexionen die Fähigkeit, zwei durch Vocale geschiedene Consonanten durch Schnelligkeit der Aussprache zu vereinen. Durch eine solche 5 j grammatische Operation entsteht der Imperativ Atol. Dafs aber k und / nicht von Natur verbunden sind, und wie Ar in der Sanskrit-W urzel 128 Borp: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits kram gleichsam eine Einheit darstellen, sieht man aus den meisten W ort- formen welche mit %t0l einerlei Stammes sind. Die zweite Singularper- son des Imperativs ist gröfstentheils identisch mit dem Infinitiv im status constructus, dieser aber ist blofs die Verkürzung des status absolutus ; aus katol wird Atol, weil das regierende Wort und das regierte im He- bräischen in so inniger Verbindung stehen, dafs sie gleichsam eine Art von Compositum zusammen bilden; man eilt daher so schnell als mög- lich von dem ersten zum letzten, denn blofs durch diese Eile wird das grammatische Verhältnifs, in welchem beide Wörter zu einander stehen, ausgedrückt. Weil es aber auch in der Natur der Sache liegt, dafs man bei einem Befehle seinen Willen so schnell als möglich ausdrückt, so erklärt es sich hieraus, warum der Imperativ in Sprachen, deren Wurzeln eine Verkürzung zulassen, von derselben Gebrauch macht, und warum in Sprachen, wo eine Verkürzung oder Sylbenverminderung der Wurzel unmöglich ist, nicht selten die unveränderte Wurzel, ohne Beifügung eines Personalcharakters, als zweite Singularperson des Impe- yativs steht. Im Syrischen und Chaldäischen findet zwar eine Verbin- dung des ersten und zweiten Radikaleonsonanten auch in der dritten Sin- gularperson masc. des Präteritums statt, allein es läfsı sich hiermit eben so wenig die Einsylbigkeit der Wurzel beweisen, weil diese Zusammen- ziehung nicht auf alle abgeleitete Wortformen sich erstreckt, weshalb das Chaldäische und Syrische ktal nicht mit der Indischen Wurzel kram verglichen werden kann. Wenn man berechtigt wäre zu behaupten, dafs der erste Vocal von katal nicht zur Wurzel gehöre, weil man in allen Semitischen Mund- arten, bei gewissen Wortformen, so schnell darüber hinauseilt, dafs er keine Sylbe bildet, so könnte man mit gleichem Rechte sagen, dafs der zweite Vocal nicht zur Wurzel gehöre, indem er nicht minder häufig ausgestofsen wird. Es kommt z.B. von dem Hebräischen Partizip kotel tödtend, das Femininum kotlah durch Ausstofsung des zweiten Vocals, während Atulah, aus katul getödtet, durch Ausstofsung des ersten kömmt. Auf welche Zusammenziehung soll man nun ein gröfseres Ge- wicht legen, um aus den Partizipien die Einsylbigkeit der Hebräischen Wurzeln zu beweisen ? Oder müfste man nicht, um konsequent zu seyn, und der mit ihm verwandten Sprachen. 129 auf beide Verkürzungen ein gleiches Gewicht legen, woraus hervorgehen würde, dafs eine Hebräische Wurzel gar keine Sylbe bilde (!). Ich möchte jedoch keineswegs behaupten, dafs in den Semitischen Sprachen die dritte Singularperson masc. des Präteritums, z.B. Aatal im Hebräischen, als die Wurzel anzusehen sei, denn Aotel, katul, und jede andere Wortform, welche weder am Anfange noch am Ende der Wurzel etwas beifügt, noch im Innern eine nicht-radikale Einschiebung hat, aber auch keinen Wurzelvocal verschluckt, hat ein gleiches Recht für die Wurzel zu gelten, insofern man nämlich eine in der Sprache bestehende Wortform, und nicht, wie die Indischen Grammatiker gethan haben, ein reines Abstractum als Wurzel aufstellen will (2). Man könnte sagen, dafs die Semitischen Wurzeln eigentlich keine Stammvo- cale haben, und hierdurch in einem entschiedenen Gegensatze zu den Sanskrit-Wurzeln stehen. In dieser Sprache trägt nämlich der Vocal sehr wesentlich zur Bestimmung der Grundbedeutung bei, und wenn man ihn mit einem andern als nahe verwandten vertauscht, so entsteht (1) Während der Hebräische Infinitiv im status constructus den ersten Vocal der Wurzel ausstöfst, gelangt der Arabische auf dem entgegengesetzten Wege zur Einsylbig- keit, indem nämlich der Vocal des zweiten Consonanten der Wurzel ausgestofsen wird; man vergleiche das Hebräische Atol mit dem Arabischen Aatl-un. Es kann hieraus eben so wenig die Einsylbigkeit der Wurzel bewiesen werden, da in anderen Wortformen der zweite Wurzelvocal, im Arabischen, seine Rechte zur Genüge geltend zu machen weis, und im Allgemeinen viel seltener als im Hebräischen sich verdrängen läfst. Man vergleiche z.B. das Arabische Aatalat sie tödtete, mit Aatlah, katalu, sie tödte- ten, mit Aallu. (2) Die Indischen Grammatiker sind offenbar durch Abstraction zu dem Begriffe ihrer Wurzeln gelangt. Denn wenn gleich, wie bereits bemerkt worden, eine jede Sanskri- tische Wurzel, nach Analogie der Lateinischen Adjective fer und ger, in Zusammensetzun- gen vorkommen kann, so sind doch nur wenige Wurzeln auf diese Weise in gewöhn- lichem Gebrauche. Wem sind z.B. die Wurzeln ad, essen, as und bhü, seyn, ds, sitzen, swap, schlafen u. s. w. jemals in Zusammensetzungen der erwähnten Art vor- gekommen? Auch sind die Endbuchstaben der Wurzeln, wenn sie ohne Anfügung eines Suffixes als Wortformen gebraucht werden, den Wohllautsregeln unterworfen, worauf aber bei der Aufstellung der Wurzeln die Indischen Grammatiker keine Rücksicht ge- nommen haben; z. B. dah wird als Wurzel gegeben, welche brennen bedeutet (dar) denn obwohl der Consonante A, den man nicht mit dem spiritus finalis verwechseln darf, im Sanskrit niemals am Ende eines Wortes stehen kann, so ergibt sich doch dah leicht als Wurzelsylbe von dahati er brennt. Hist. philol. Klasse 1824. R 130 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits eine ganz andere Wurzel, aufser allem Zusammenhang der Bedeutung. Es drückt z.B. die Wurzel Tup die Begriffe: beleidigen, verwun- den, tödten aus, und der Stammvocal z kann nur in 0 und au über- gehen, aber durch dessen Veränderung in ? oder a entstehen neue Wur- zeln von ganz verschiedener Bedeutung; zp heifst nämlich besprengen, und {ap brennen. In den Semitischen Sprachen ist es anders, ein je- der Vocal kann in jeden verwandelt werden, und die Vocale gehören in diesem Sprachstamme mehr der Bestimmung grammatischer Nebenbegrifle als der Festsetzung der Grundbedeutung an. Aus dem Hebräischen katal kann durch keine Vocalveränderung ein Wort gebildet werden, welches nicht mit dem Begriffe tödten zusammenhinge, und es gehören in den Semitischen Sprachen von einer Anzahl von Wörtern, ohne Rücksicht auf die Vocale, alle diejenigen zu einer Wurzel, welche dieselben Con- sonanten in derselben Ordnung aufweisen. Eine Semitische Wurzel ist, in Bezug auf die Vocale, so unbestimmt, dafs sie eher gedacht als aus- gesprochen werden kann; dafs sie aber als zweisylbig gedacht werden müsse, erhellt daraus, dafs von ihr, ohne fremdartigen Zusatz, und ohne Wiederholung der Radikaibestandtheile , zweisylbige Wortformen aus- gehen (!). Wenn aus dem Gesagten hervorgeht, dafs man von gewissen ein- sylbigen Wortformen des Semitischen Sprachstamms nicht auf die Ein- sylbigkeit der Wurzeln schliefsen dürfe, weil man hierbei die Zusam- menziehung, deren Resultat sie sind, übersehen würde, so möchte ich doch dem entgegengeseizten Verfahren derjenigen nicht beistimmen, welche im Griechischen alle zusammengesetzte Consonanten aus Zusam- menziehungen oder auf andere Weise zu erklären suchen, und nirgends zwei verbundene Oonsonanten als Urbestandtheil einer Wurzel gelten lassen. Es mag seyn, dafs, wenn wir uns in die Zeit der frühesten Sprachentwickelung versetzen könnten, wir keine zusammengesetzte Üon- sonanten finden würden; allein in dem Zustande der Ausbildung, in (1) Dafs dem Zustande worin wir die Semitischen Sprachen kennen, ein älterer vor- ausgehen konnte, in welchem das Gesetz der Zweisylbigkeit noch nicht ausgebildet war, soll hier keinesweges bestritten werden, und mit dem was Gesenius in seinem ausführ- lichen Lehrgebäude S. 185, 184. sagt, bin ich vollkommen einverstanden. und der mit ihm verwandten Sprachen. 131 welchem sich uns das Sanskrit, Griechische und andere verwandte Sprachen zeigen, läfst sich der Grund, aus welchem verbundene Consonanten in den Wurzeln gleichsam eine grammatische Einheit vertreten, nicht mehr erkennen, und sie lassen sich von den Grundbestandtheilen der Wurzeln nicht ausschliefsen, wenn man nicht zu ganz willkührlichen und gezwun- genen Erklärungen seine Zuflucht nehmen will. Wenig Befriedigendes gewährt z.B. Lennep’s Erklärung von raw aus raw durch ein vorge- setztes 7; raw, welches nichts erklären würde, soll nämlich einerlei seyn mit rw, welches das Primitivum von revw seyn soll, um so auf langem Wege von dem Begriffe des Streckens zu dem des Stehens zu gelangen. Da aber das Griechische rr«w mit der Alt-Indischen gleichbedeutenden Wurzel sthä zusammentrifft, eine Wurzel, welche sich in den meisten, wo nicht in allen verwandten Sprachen, erhalten hat, so folgt daraus, wenn man dieses Zusammentreflen nicht für ein Spiel des Zufalls an- sehen will, dafs die Vereinigung des r und r in ora«w, irryui sehr alt, ja älter als die Griechische Sprache sei, denn sie bestand in einer Zeit, wo man noch nicht Sanskrit, Griechisch, Lateinisch u.s. w. unterschied. Eben so verhält es sich mit manchen andern, der Griechischen mit der Sanskritsprache gemeinschaftlichen Wurzeln, die man gleichsam aus ih- ren Fugen reifsen mülfste, wenn man den Griechischen Primitiven keine zur Einheit verbundene Consonanten zuerkennen will. Lennep erklärt Tegmw aus TEgW, Eorw aus Epew; die Indischen Grammatiker stellen richtiger trıp erfreuen und srı» sich bewegen als einfache untheilbare Wur- zelsylben auf, welche in der Flexion in tarp und sarp übergehen, z.B. tarpati er erfreut, sarpati er bewegt sich. Valckenaer theilt die Griechischen primitiven Zeitwörter in bili- terae, triliterae und quadriliterae ein, und alle Verba, welche in der er- sten Singularperson des Präsens mehr als vier Buchstaben enthalten, so wie die mit Vocalen anfangenden quadriliterae, werden von ihm aus der Zahl der Primitive ausgeschlossen. Es müfsten also nach dieser uner- wiesenen Theorie Zeitwörter wie rg&rw, dAtyw, TEgrw, &grw, &Arw, wenn auch verbundene Consonanten als Radikaltheile primitiver Zeitwörter zu- gelassen würden, schon deswegen als abgeleitet gelten, weil sie mehr als vier Buchstaben, oder unter vier Buchstaben einen Anfangsvocal haben. Doch ist auch Valckenaer kein Freund von verbundenen Consonanten, Rz 192 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrüts die er auch in quadriliteris , wie raw, mrew, Frcw, für Zusammenziehun- gen erklärt. Es mag seyn, dafs raw wirklich aus reraw entstanden sei, denn die Bedeutungen beider Zeitwörter sprechen für diese Ableitung, es folgt aber daraus nicht, dafs auch rrw und Aw die Sylbe r&i zur Wurzel haben. Warum sollte es nicht im Griechischen eine Wurzel geben können, die mit =? anfange und © oder oe zum radikalen Endvocal habe? Im Sanskrit ist Plu eine Wurzelsylbe, welche Bewegung, beson- ders auf dem Wasser, wie schwimmen, fliefsen, ausdrückt; mit plu hängt die Lateinische Wurzel /u (luo, flumen), das Deutsche fliefsen, und offenbar auch das Griechische rw und z?cw zusammen, als deren Wurzeln man 2 und r?5 ansehen mufs. Wenigstens erhellt aus der erwähnten Uebereinsimmung mit dem Sanskrit, dafs die Vereinigung der Buchstaben = und ?A eben so alt sei als die von r und r in der Wur- zel sr«, und dafs, wenn rA&u und rAcw durch Zusammenziehung ent- standen sind, dieses keine Griechische Zusammenziehung sei. Eine Noth- wendigkeit rrew und rrcu für Abkömmlinge von r&w zu erklären, würde aber nur dann bestehen, wenn es erwiesen wäre, dafs die Sprachfamilie die uns hier beschäftigt, mit der Semitischen die Eigenheit theilte, dafs es bei einer Wurzel einzig auf die Reihefolge der CGonsonanten ankäme, und dafs die Vocale eine gleich untergeordnete Rolle spielten. Ich habe bereits das Gegentheil zu begründen versucht, durch die Erscheinung, dafs es im Sanskrit Wortstämme gibt, die mit gleichen Consonanten an- fangend, mit gleichen endend, wegen der Verschiedenheit des Stammvo- cals als verschiedene von einander unabhängige Wurzeln bestehen, die, in der Bedeutung keine Berührung haben. Nun bleibt mir noch übrig, einige Beispiele Alt-Indischer Wurzeln anzuführen, welche wie rw und ru im Griechischen, bei gleichen Stammeonsonanten, und gleichem Stammvocal, durch die Bedeutung gänzlich geschieden sind, weil der Stammvocal der einen von den zwei Stammconsonanten eingeschlossen ist, während der der anderen am Ende steht, und zwei zur Einheit ver- bundene Consonanten vor sich hat. So heifst sur glänzen und sru fliefsen, pul heifst grofs werden und plu schwimmen, dhur heifst tödten und dhru fest stehen. Vielleicht würde sich bei ähnlichen Fällen hier und da noch eine entfernte Berührung der Bedentung auf- finden lassen, allein wenn man auf zu entfernte Beziehungen ein Ge- und der mit ihm verwandten Sprachen. 133 wicht legt, welche Wörter wären dann nicht verwandt? So lange zwei Wörter nicht ganz das Gegentheil von einander ausdrücken, müssen ihre Bedeutungen irgend einen Berührungspunkt darbieten; es ist sogar nicht selten der Fall, dafs ein Wort seine ursprüngliche Bedeutung mit der entgegengesetzten vertauscht. Von den Pronominen. Die Pronomina spielen eine so wichtige Rolle in der Formenlehre, sie haben einen so grofsen Einflufs auf die grammatische Gestaltung an- derer Redetheile, dafs es zweckmäfsig ist, in der vergleichenden Zerglie- derung, die uns hier beschäftigt, von einer näheren Betrachtung dersel- ben auszugehen. Nicht nur auf die Personalbesiimmungen der Zeitwör- ter, sondern, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch auf die Verhältnifsfor- men des Nomens, äufsern die Radikaltheile der Pronomina ihren Ein- flufs, und es verdankt ihnen ein grofser Theil der Conjunctionen seinen Ursprung, so wenig auch bei dem ersten Blicke die Bedeutung dersel- ben zu dieser Vermuthung Anlafs geben mag. Die Indischen Grammatiker sind mit den Europäischen Etymolo- gen in einerlei Fehler verfallen, wenn sie die Pronomina von denselben Wurzeln ableiten, woraus Verba und andere Redetheile entspringen. Wenn sie z.B. das Interrogativ, welches A zum radikalen Consonanten hat, von der Wurzel Aa’ tönen ableiten, so findet man hierbei eben so wenig Befriedigung, als wenn man bei Lennep &yw ich aus einem Verbum &y», für @yw, ich thue, mit Zuversicht abgeleitet sieht. Das Zusammentrellen des Lautes scheint zu solchen Ableitungen die einzige Veranlassung gegeben zu haben, und die Bedeutung wenig berücksich- ügt zu seyn. ‘Den Benennungsgrund der Pronomina aufzudecken ist nach meiner Ueberzeugung nicht mehr möglich; wir müssen uns damit begnügen ihrer ältesten Form nachzuforschen, und ihre Radikaltheile zu erkennen, ohne auf deren Zusammentrefllen mit den Urelementen ande- rer Redetheile ein Gewicht zu legen. — Was die Beugung anbelangt, so weichen die Pronomina, in der Sanskritsprache wie in allen mit ihr nal munnı- 134 Borr: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits verwandten, von dem allgemeinen Declinationstypus in mehrfacher Be- ziehung ab, welches wohl hauptsächlich daher kommen mag, dafs sie treuer als andere Wörter die ältesten Formen der Sprache aufbewahren, weshalb auch verwandte Sprachen gewöhnlich in den Pronominen die meisten und auflallendsten Uebereinsimmungen darbieten. So haben im Englischen nur die Pronomina noch Spuren von Declination aufbewahrt, und sich hierdurch in näherem Zusammenhang mit dem Deutschen und den älteren Germanischen Mundarten erhalten; in den Semitischen Sprachen weisen die Pronomina auf einen Urzustand der Sprache hin, in welchem sich das Gesetz der drei radikalen Oonsonanten, oder der Zweisylbigkeit der Wurzeln, noch nicht ausgebildet hatte; wenigstens haben die Prono- mina sich diesem Gesetze nicht unterworfen. Wir betrachten zuerst die Pronomina erster und zweiter Person ; diese stimmen im Sanskrit in ihrer Declination eben so sehr unter sich überein, als sie von denen der dritten Person abweichen. Sie haben beide die merkwürdige Eigenheit, welche auch die verwandten Sprachen theilen, dafs der Singular mit dem Dual und Plural in keinem gramma- uschen Zusammenhange steht, d.h. zu keinem mit diesen gemeinschaft- lichen Stamme zurückgeführt werden kann. Diese Stammverschiedenheit zwischen Singular und Plural (an welchen sich auch der Dual anschliefst) hat bei dem Pronomen der ersten Person seinen philosaphischen Grund. Man kann ja nicht mit vollem Rechte sagen, dafs wir, selbst dem Sinne nach, der Plural von ich sei, denn ich kann weder einen Dual noch einen Plural haben; es gibt nur ein einziges ich im Universum. Das Wort Zeones bezeichnet eine Mehrheit von Individuen, deren ein jedes in dem Gesichtspunkte des Sprechenden, oder in seinem Verhältmifs zu ihm, ein Löwe ist, aber nos bezeichnet nicht eine Mehrheit von Indivi- duen, deren jedes in seiner Beziehung zu dem Sprechenden ein ich ist. Unter dem wir ist zwar meine Ichheit mitbegriffen, aber nur insofern kann wir grammatisch der Plural von ich seyn, als ich mich selbst als den wesentlichsten Theil des wir betrachte, oder als ich, indem ich wir sage, mehr von der Idee meiner eignen Persönlichkeit, als von der eines Gegenstandes aufser mir durchdrungen bin. Es ist daher noch ein Grund vorhanden, warum in Sprachen wir der grammatische Plural von ich und der mit ıhm verwandten Sprachen. 135 seyn könne, und auch im Sanskrit ist dieses bei den Zeitwörtern der Fall, wo Singular und Plural »» zum Personalcharakter haben. Der Dual hingegen hat w. Das Pronomen der ersten Person läfsı in seiner Declination vier verschiedene Stämme unterscheiden (nebst einer Nebenform vom Stamme na), indem die Nominative des Singulars und Plurals eben so wenig unter sich, als mit den obliquen Casus ihrer respektiven Zahl zusam- menhängen ; das Pronomen zweiter Person hat deren nur zwei (nebst einer Nebenform vom Stamme wa). Der Singular-Nominativ der beiden Pronominen lautet im Sanskrit aham und iwam, von welchen, nach Ab- lösung der gemeinschaftlichen Endung am, ah und tu als Stämme übrig bleiben. Der Stamm tw findet sich im Lateinischen, Lithauischen, Let- tischen, Alt-Preufsischen und Persischen, ohne Beifügung irgend einer Endung, im Nominativ wieder. Im Gothischen hat blos das t eine As- piration angenommen, und im Alt-Slawischen steht ty für iu. Im Griechi- schen ist £ in r übergegangen. Scheidius hält das blofse v für den Stamm, und erklärt das 7 aus einem beigefügten spiritus asper. Durch g mit g erhebt sich die Summe des Sanskrits und aller verwandten Sprachen, welche dafür sprechen, diese Voraussetzung bringt er den Singular in nähere Verbindun dem Plural vusis. Allein gegen diese Erklärun dafs U die ursprüngliche Form sei, und dafs die Form sv auf eine im Griechischen sehr gewöhnliche Veränderung von r in 7 sich gründe; U aber kann meines Erachtens nur insofern als stammverwandt mit vueis angesehen werden, als man annimmt, dafs der Pronominalstamm tu sich schon in den ältesten Zeiten im Plural in ju erweicht habe, eine Form, in welcher das Sanskrit mit mehreren der verwandten Europäischen Sprachen zusammentriflt, und dafs das / von ju im Griechischen ver- loren gegangen oder in den spiritus asper sich verändert habe. Der Stamm ah, von aham ich, findet sich mit der Verwandlung von k in k (eine Veränderung die auch im Sanskrit schr gewöhnlich ist) in dem Gothischen 4; das Alt-Hochdeutsche hat das % unverändert gelassen, und lautet 4. Im Lettschen steht es, im Alt-Preufsischen as, deren schliefsendes s der Charakter des Nominativs seyn könnte, denn s be- zeichnet in diesen Sprachen den Nominativ; es darf aber die Verwandt- schaft zwischen s und A nicht übersehen werden. Im Lithauischen ist 136 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits h in /s übergegangen, daher af (1). Im Alt-Slawischen steht as im Nominativ, der hier, wie in den bisher erwähnten Sprachen, nicht den geringsten Zusammenhang mit den obliquen Casus darbietet. Im Sanskrit lassen sich ma und m@ als abwechselnde Stammsylben der obliquen Casus des Singulars annehmen, und alle verwandte Sprachen, Griechisch , Lateinisch, die Germanischen, Lettschen und Slawischen Sprachen, bieten, in Uebereinstimmung mit dem Sanskrit, m als den radi- kalen Consonanten in allen obliquen Singularendungen dar. Im Persischen steht dieser Stamm schon im Nominativ, welcher mer lautet, und am nächsten mit dem Sanskritischen Accusativ mam zusammentrifft. Das Pro- nomen zweiter Person lautet im Accusativ twäm, welches aus tw-am zu erklären ist. Der Accusativcharakter m kann jedoch bei diesen beiden Pronominen auch abgeworfen werden, wodurch eine nähere Ueberein- simmung mit dem Griechischen und Lateinischen hervorgebracht wird, wo diese Pronomina, im Singular, stets des eigentlichen Accusativcharak- ters entbehren. Am nächsten hängt jedoch mit mä und twä das Alt- Slawische mja und tja zusammen (ja ist nur ein einziger Vocal). In den übrigen obliquen Casus liegen, im Alt-Slawischen, men und ted als Stammsylben zum Grunde; ersteres, welches im Dativ und Locativ in mn zusammengezogen wird, erinnert an den Persischen Nominativ men. Das 5 von teb hängt offenbar mit dem alten Stammvocal z zusammen, der im Sanskrit nach bestimmten Wohllautsregeln in w übergeht, welches in den Slawischen Dialekten sich in 5 erhärtet hat, wie dieses durch die Betrachtung des Reflexivpronomens der dritten Person noch mehr sich bestätigen wird. Der Locativ lautet im Alt-Slawischen tob-oju, welches aller Wahrscheinlichkeit nach aus zeb-oju durch den Einflufs des Vocals der Endung auf den der Stammsylbe entstanden, vermittelst einer Assi- (1) Jakob Grimm gibt in seiner deutschen Grammatik (zweite Aufl. S.71.) meh- rere Beispiele wo auch am Anfange der Wörter das Lithauische ein /3 an der Stelle eines deutschen } hat. In zwei der von ihm angeführten Beispiele entspricht das Lithauische /% einem Sanskritischen palatinen s, welches, wie schon früher bemerkt worden, gerne in A übergeht; nämlich /zu (Gen. /zuns), Hund, lautet im Sanskrit sw« (Gen. sunas), und Jzimtas, hundert, lautet sata (Nom. satam). Eine überraschende Aehnlichkeit dieser Art findet sich noch zwischen dem Lithauischen /zaka@, ein Ast, und dem Sanskritischen gleichbedeutenden sahkhd. Dagegen hat in dem Worte Herz, Lithauisch /zirdis, auch das Sanskrit ein A, nämlich Ahrid. und der mit ihm verwandten Sprachen. 137 milation, wie sie im Alt-Hochdeutschen vorkommt, obwohl in dieser Sprache der Vocal einer Endung nur den Vocal eines vorhergehenden Ab- leitungssuffixes, und nicht den der Stammsylbe sich assimiliren kann (t). Iım Polnischen zeigt sich jedoch, durch eine spätere Entartung, der Vo- cal o an der Stammsylbe, auch ohne die hier vermuthete Veranlassung. Mit dem Slawischen steht das Lithauische und Lettische, in Betreff der Pronominaldeclination, in nächster Verbindung; beide Sprachen geben in der ersten Person man als Stammsylbe der obliquen Casus, und in der zweiten Person erweitert sich der Urstamm ix“, im Lithauischen in taw, und im Lettschen in tew. Was die Germanischen Sprachen an- belangt, so mufs besonders das A oder A unsere Aufmerksamkeit in An- spruch nehmen, welches im Singular-Accusativ den Stämmen der ersten und zweiten Person, so wie dem Reflexiv der dritten Person, sich an- schliefst. Dieses A oder Ah findet sich, in dem entsprechenden Casus, we- der im Sanskrit noch in irgend einer anderen der verwandten Sprachen, und ich sehe daher keine genügende Veranlassung mit Rask anzunehmen, dafs das Gothische und Isländische iA älter sei als das Griechische uE oder us, und dafs die letzteren Formen sich dadurch erklären liefsen, dafs die Griechen y oder % am Ende eines Wortes nicht aussprechen konnten. Stünde das A oder Äh bei den Germanischen Sprachen nur im Accusativ des Pronomens erster Person, so möchte ich in dem Gothischen mık, in dem Alt-Hochdeutschen mih, lieber die Vereinigung von zwei gleichbe- deutenden Pronominalstämmen erkennen, nämlich des Nominativstaımmes 'k, ih, und des Stammes der obliquen Casus, welcher 2 zum radikalen Consonanten hat (2). Da aber das 4 oder 4 auch bei den beiden ande- ren geschlechtlosen Pronominen sich vorfindet, so wird es zweckinäfsiger seyn, an das Lateinische hie, huic, hunc u.s. w. zu erinnern, wo ein unwesentliches c den charakteristischen Casusendungen sich angeschlossen hat; ein solcher ursprünglich bedeutungsloser Buchstabe konnte später den Charakter eines Casuszeichens annehmen. (1) Grimm’s Deutsche Grammatik, zweite Aufl. S. 115-118. (2) Bei dem Pronomen der dritten Person ist die Vereinigung von zwei verschiedenen Stämmen, im Sanskrit wie in den verwandten Sprachen, zu einem gemeinschaftlichen Gan- zen, nichts ungewöhnliches. Hist. philol. Klasse 1824. Ss 138 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits In dem Dativ bietet die Sanskritsprache eine höchst auffallende Uebereinstiimmung mit dem Lateinischen dar, und liefert die Formen ma-hjam mir, tu-bhjam dir. Am erscheint im Sanskrit bei den Pro- nominen sehr häufig als eine Arı bedeutungsloser Nachschlagsylbe, und i wird vor heterogenen Vocalen in der Regel in j verwandelt; es läfsı sich daher ma-hjam, tu-bhjam in ma-hi-am, tu-bhi-am auflösen, womit das Lateinische mihi und tbi beinahe identisch ist. Man braucht also diese Lateinischen Formen nicht mit Scheidius auf eine sehr gezwun- gene Weise aus no und ra zu erklären, und in &bi ein eingeschlichenes Diganıma Aeolieum zu erkennen. Die Endung bhjam ist zwar im Sanskrit, im Sing. auf das einzige tu-bhjam beschränkt, hängt aber auf das in- nigste mit den gewöhnlichen Pluralendungen des Dauv-Ablativs und In- strumentalis, Öjas (bhi-as) und bhus, und mit der dualen, dem Dativ, Ablauv und Instrumentalis gemeinschaftlichen Endung bhjäam zusammen, so dafs bhjam, bhjas, bhis und bhjädm als Spröfslinge einer und derselben Wurzel angesehen werden können. Ganz anders verhält es sich mit der Endung hjam in mahjam, mir; sie steht ganz isolirt, und es wird dadurch wahrscheinlich, dafs sie eine Verstümmelung ihrer primitiven Form erlitten habe. Sollie erwa hjam aus bhjam entstanden seyn, so dafs von dem aspirirten d nur die Aspiration übrig gelassen worden, auf eine ähnliche Weise wie die Wurzel dhä durch eine unrcgelmäfsige Bildung das Partieipium hita hervorbringt, und wie das Lateinische hu- mus wahrscheinlich einerlei Ursprungs ist mit dem Sanskritischen dhumi Erde, und wie das Lateinische f, welches so häufig die Stelle des San- skritischen bh vertritt, im Spanischen in A übergeht? — Die Aehnlich- keit des Alt-Preufsischen Dativs tebber oder tebbe dir, mit tubhjam und tibi, ist mehr zufällig als auf gemeinsamen Ursprung gegründet, denn es ist einleuchtend, dafs hier blos ei’ oder e als Endung zu betrachten sei, indem tebb zu dem Alt-Slawischen Stamme ieb und dem Lettischen tew sich verhält, wie menn, von menn-ei mir, zu dem oben erwähn- ten men und man. Der Instrumentalis hat im Sanskrit # zur charakterisuschen En- dung, und der Locativ hat das Kennzeichen des Griechischen, Latei- nischen und Alt-Nordischen Dativs, nämlich ’. Aus dem oben erwähn- ten Stamme me und dem aus Zu in tivd erweiterten Stamme der zweiten und der mit ihm verwandten Sprachen. 139 Person, kommt daher, mit Befolgung einer Wohllautsregel, welche vor Vocalen die Verwandlung des € in aj erfordert (denn € gilt im Sanskrit als eine Zusammenziehung von a und 7), maja für me-ä, durch mich, twajä für twe-ä, durch dich; majı für me-', in mir, twajıi für twe-i, in dir. Maji, twaji lassen sich, in Betreff der Endung, mit den Griechi- schen Dativen wc und ra vergleichen. Für den Ablauiv und Genitiv des Singulars hat das Sanskrit, in der Regel, das gemeinschaftliche Kenn- zeichen s. Nur die Wörter auf a und die Pronomina unterscheiden beide Casus, und geben dem Ablativ die Endung at, daher m-at von mir, tv-at von dir. Für den Genitiv haben die Pronomina erster und zweiter Person eine Endung, welche sonst bei diesem Casus niemals vorkommt, nämlich a; hierbei aber hat der Stamm der ersten Person eine Art von Reduplication, und bildet mam-a, der Stamm tu erweitert sich in taw, und wird dadurch dem obliquen Stamme des Lithauischen ganz iden- üsch; man vergleiche taw-a mit taw-es. In der Endung steht jedoch das Gothische, wo nicht das Alt-Slawische, dem Sanskrit am nächsten, denn im Gothischen mufs in der zweiten Person und bei dem geschlecht- losen Pronomen der dritten Person das dem a vorhergehende z befrem- den. Die Vergleichung von meina, theina, seina mit dem Sanskritischen mam-a, taw-a und mit dem Alı-Slawischen men-e, teb-e, seb-e, führt zu der Vermuthung, dafs im Gothischen die Analogie der ersten Person auf die zweite und dritte eingewirkt, und diesen das nur der ersten Person zukommende z mitgetheilt habe. In dieser Vermuthung wird man durch die Vergleichung der entsprechenden Lithauischen und Let- tischen Formen noch mehr bestärkt. Was den Ausgang a anbelangt, so ist er im Gothischen, zur Bezeichnung des Genitivs, eben so selten als im Sanskrit, und zwar ebenfalls nur auf die geschlechtlosen Prono- mina beschränkt. Für den Genitiv und Dativ der beiden Personen hat die Sanskritsprache noch die Nebenformen me und 1£, welches man für ungebeugte Grundformen,, olıne Casusendung, zu halten hat; € aber scheint den Verlust eines w erlitten zu haben und für Ave zu stehen, aus welchem Stamme wir den Instirumentalis Zwajä4 und den Locativ twajt sich haben bilden sehen. Auch das Slawische hat im Dativ der beiden Personen besondere abgekürzte Nebenformen,, welche mit den S2 140 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits erwähnten Sanskritischen in nahem Zusammenhang stehen. Sie lauten nämlich, im Alt-Slawischen, x und t. Wir wenden uns nun zu dem Plural, in welcher Beziehung das Sanskrit höchst wichtige Aufschlüsse über die verwandten Europäischen Sprachen, besonders über das Griechische, liefert. Der Nominativ lautet wajam wir, jüjam ihr; am ist, wie im Singular, die gemeinschaftliche Endung, und nach den Wohllautsgesetzen läfst sich wajam aus we-am erklären. Der Stamm we ist insofern als unfruchtbar anzusehen, als er im Plural blos auf den Nominativ beschränkt ist, und unter den vielen verwandten Sprachen findet er sich nur bei der Germanischen wieder, und, was in der That auffallend ist, ebenfalls dem Anscheine nach auf den Nominativ beschränkt. In dem Gothischen weis, wir, ist das schliefsende s, welches in mehreren Mundarten in r übergegangen ist, I der Charakter des Nominativs; im Angelsächsischen fehlt dieser Charak- ter, und es ist daher »e gewissermafsen identisch mit der Sylbe, welche sich im Sanskrit als Stamm ergeben hat. Die Verwandschaft zwischen w und m, und der Umstand, dafs diese beiden Buchstaben in vielen Sprachen sich gerne mit einander verwechseln, darf hier nicht über- sehen, und eine ursprüngliche Einerleiheit der beiden Sanskritischen Stämme we und me, nicht geradezu geläugnet werden. Merkwürdig bleibt es aber, dafs nicht ein einzigesmal im Singular das m dem w weichen mufste, und ich glaube behaupten zu dürfen, dafs, wenn auch ursprünglich der Plural vom Singular nicht so streng geschieden war, der Genius der Sprache doch schon schr frühzeitig einen Drang fühlte, den Plural von dem Singular, selbst dem Stamme nach, unabhängig zu machen. Was nun das Pronomen der zweiten Person anbelangt, so wird man von jijam, ihr, sofern man auf die obliquen Casus Rücksicht nimmt, die Sylbe ju, mit kurzem u, als Stamm ansehen müssen. Der Vocal hat sich im Nominativ verlängert, und das, zwischen jd und am, kann für eine euphonische Einschiebung gelten, wie in bhawe-j-am, ich möge seyn. Dieser Pronominalstamm yu hat sich bei weitem frucht- barer gezeigt als we, denn er erstreckt sich über den ganzen Plural und Dual, und auch in den verwandten Sprachen erfreut er sich einer grofsen Verbreitung. Das Gothische setzt ihm im Nominativ des Plurals und der mit ihm verwandten Sprachen. 141 das gewöhnliche Kennzeichen s bei; das Englische bietet, ohne den Zusauz einer Endung, den reinen Stamm dar (you). Im Lithauischen erstreckı sich dieser Stamm über den ganzen Plural und Dual, wie jus, ihr, judu, ihr beide. Letzteres ist offenbar nichts anderes als die Ver- bindung des Stammes mit dem Zahlworte du, zwei, welches im Fe- mininum dwi lautet, und in Verbindung mit ju, judwi bilder. Mit die- sem du und dwi scheint auch das in den älteren Germanischen Mund- arten, bei den geschlechtlosen Pronominen im Dual-Nominativ stehende t oder z zusammen zu hängen. Das Lettische und Alt-Preufsische haben den Stamm ju ebenfalls im Plural, denn diese Sprachen haben keinen Dual. Im Lateinischen und Slawischen hat aber der Stamm ju keine Spuren zurückgelassen ; im Persischen hängt damit ohne Zweifel die Sylbe schu von schuma, ihr, zusammen, da das m in den obliquen Casus des Sanskrits und an- derer verwandten Sprachen eine so bedeutende Rolle spielt, dafs man über die Sylbe md von schumä nicht in Verlegenheit zu seyn braucht. Den Uebergang von ju in schw wird man nicht anstöfsig finden, wenn man die Aussprache des Französischen mit der des Lateinischen j ver- gleicht. Im Griechischen zeigt die Sylbe ö oder v von nes, Une, oder dem Aeolischen vunes, eine zu auffallende Aehnlichkeit mit dem vielver- breiteten Stamme ju, als dafs es nöthig wäre, darauf aufmerksam zu machen. Dafs das u von vueis, vuss, oder die beiden x von Uunes, nicht zum Stamme gehören, ergibt sich schon aus der Vergleichung mit Nuss, aues, auuss, und wird aus dem Folgenden noch deutlicher hervor- gehen. Um nun wieder zum Sanskrit zurückzukehren, so stehen asmän und juschmän als Accusative für uns und euch. Die Sylbe sma, als nicht-radikaler Bestandtheil, ist bei dem Indischen Pronomen eine zu gewöhnliche Erscheinung, als dafs man hier ihr Eingreifen übersehen könnte. Sie tritt gewöhnlich zwischen den Stamm und die Casusendun- gen, so dafs diese dem eingeschobenen sna angehängt, oder damit ver- schmolzen werden; ich erkläre daher tasmai, (ihm), aus ta-sma-e, (denn € welches der gewöhnliche Dativ-Charakter ist, geht mit einem vorher- gehenden a nach den Wohllautsregeln in a: über) tasmät, (von ihm), aus Za-sma-at, und tasmın in ihm aus la-sma-in, durch Elision 2 2 ? 2 t42 Bor»: Jergleichende Zergliederung des Sanskrits des a von sma (!). Bei den Pronominen der ersten und zweiten Person wird zwar die Sylbe sma im Singular nicht eingeschoben, um so häu- figer aber im Plural, wo sie einen Bestandtheil aller obliquen Casus ausmacht. Unmöglich ist es asmän und juschmän gegeneinander zu stel- len, in der Absicht die Radikaltheile beider Formen aufzufinden, und juschmän in derselben Absicht mit seinem Nominativ jdjam zu ver- gleichen, ohne an die Sylbe sma zu denken, welche in allen Pronomi- nen der dritten Person in mehreren obliquen Casus des Singulars ein- geschoben wird. Die Aspiration des s von juschmän kann keine Schwie- vigkeit machen, da die Verwandlung des dentalen s in das sogenannte cerebrale oder aspirirte, nach einem jeden anderen Vocal als a oder &, im Sanskrit ganz gewöhnlich ist: es verhält sich daher juschmän zu asmän wie amuschmai, (vom Stamme amu) jenem, zu tasmai, diesem. Es dürfte also für erwiesen angesehen werden, dafs « und ju die Stämme von asmän und juschmän, von asmäbhis und juschmäbhis, und allen übri- gen obliquen Pluralendungen seien (*). Vergleichen wir nun mit asmän und juschmän die Aeolischen und Alt-Epischen Datve auuw und Yuuı, ohne jedoch auf die Casusendung ein besonderes Gewicht zu legen, da es hier mehr auf die Ausmittelung der Stämme ankommt, so wird man ebenfalls « und v als die wesentlichsten, mit dem Sanskrit beinahe iden- tischen Radikalıheile ansehen müssen. Denn was d@uuw und vYuaıy mit (1) Die Abwerfung eines kurzen oder langen a vor grammatischen Endungen, welche mit Vocalen anfangen, ist etwas sehr gewöhnliches, wie ich in meinem Lehrgebäude der Sanskritsprache R. 47. gezeigt habe. (2) Sollte zwischen asmän, asmabis u.s. w. und dem Nominativ wajam (aus we-am) eine ursprüngliche Stanımverwandtschaft bestanden haben, was ich keinesweges läugnen will, so müfste man annehmen, dafs die Ausstofsung welche das äolische Diganıma so häufig am Anfange der Wörter hat erfahren müssen, hier auch das Indische w getroffen habe, und dafs demnach a-sinaän, a-smabhis u.s. w. ein älteres wa-sman, wa-smahis voraus- setze. Es würde also, so wie die Casus des Singulars theils aus me, theils aus ma sich ent- wickeln, dem Plural die verwandten Stämme we und wa zum Grunde liegen. Dem sei wie ihm wolle, in dem Zustande, worin das Sanskrit erhalten worden, ist das Band zerstört, welches bei dem Pronomen erster Person den Nominativ an die obliquen Casus anknüpfte. Im Griechischen besteht es dadurch, dafs der Nominativ der Analogie der Sanskritischen obliquen Casus gefolgt ist. und der mit ihm verwandten Sprachen. 143 einander gemein haben, kann nicht der Bezeichnung der verschiedenen Grundbegriffe angehören. Hier ist es passend zu berücksichtigen, dafs im Griechischen 7 sich gern einem folgenden u assimilirt, wie denn durch eine solche Assimilauion das Dorische euu offenbar aus erw ent- standen ist, welches dem Sanskritischen asmi, ich bin, entspricht. Es wird daher die Vermuthung nicht befremden, dafs durch eine solche As- simitation @uuw und üuuw aus @ruw und ürww entstanden seien. Diese Vermuthung gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, dafs anch in den Pronominen anderer mit dem Sanskrit verwandter Europäischer Sprachen sich vieles durch die erwähnte Einschiebungssylbe sma erklären läfsı.- Ich habe schon bei einer früheren Veranlassung die Vermuthung ausge- sprochen, dafs mm in den Gothischen Singular-Dativen der Pronomina und Adjective, wie thamma, diesem, hwamma, wem, imma, ihm, se) u.s.w., durch Assimilation aus der Sylbe sma entstanden sei, und mit dem Indischen sma zusammenhänge, so dafs thamma dem Indischen gleichbedeutenden zasmai, hwamma dem Indischen kusmai, wem, und imma, ıhm, dem Indischen asmai, diesem, entspräche (!). Ich wie- derhole hier mit vum so gröfserer Zuversicht dieselbe Vermuthung, i weicher auch Jakob Grimm eine befriedigende Aufklärung des Go- ın thischen Dativs anerkennt (?), als ich seitdem durch Vater’s Alt-Preu- fsische Grammatik erfahren habe, dafs in dieser mit dem Gothischen nahe verwandten Sprache alle Pronomina der dritten Person im Sin- gular-Dativ mit smu enden. Antar-smu, dem anderen, ka-smu, wem, entsprechen den Sanskritischen gleichbedeutenden Formen, antara- smai, ka-smat. Ich glaube, dafs nach dem Gesagten es kaum mehr eines Bewei- ses bedürfe für die Behauptung, dafs die Aeolischen Formen auuw und vmuw älter seien und vollständiger, als die Dorischen «uw und öuw, und dafs diese aus jenen hervorgegangen, und nicht umgekehrt, da man, wo nicht sehr trifiige Gründe für das Gegentheil sprechen, bei obwalten- den Dialektverschiedenheiten im Griechischen, diejenigen Formen für die ursprünglichen halten mufls, welche am genauesten mit dem Sanskrit (1) S. Annals of Oriental literature S. 16. (2) Deutsche Grammatik, zweite Auflage S. 826. 144 Borr: Jergleichende Zergliederung des Sanskrits und anderen verwandten Sprachen zusammenhängen. Es scheinen aber überdies die langen Vocale der Dorischen Formen «ww und Vuw für die Ausstofsung eines folgenden Consonanten zu sprechen, da auch der Vo- cal von euuı, nach Ausstofsung des einen u, in &ı erweitert wurde, und da das o von rUrreyrı, nach Ausstofsung des v, in 3 übergeht, denn auf die Vertauschung des r mit r kommt hier nichts an. Unter den Ger- manischen Mundarten hat auch nur die Gothische ein doppeltes m in dem erwähnten Singular-Dativ der Pronomina, während sämmtliche jüngere Mundarten das eine m abgeworfen und sich hierdurch von der Urform weiter entfernt haben, indem sie sich zur Gothischen, wie die Dorische zur Aeolischen Form, verhalten. Warum sollte man nicht auch in dem Plural-Dativ der Pronomina, obwohl hier auch das Go- thische nur Ein m hat, — wie thaim, diesen, — einen Zusammenhang mit der Indischen Einschiebungsylbe sma finden können? Vom Lithauischen verdienen hier die Plural-Dative jumus, euch, und mumus, uns, an- geführt zu werden. Im Dual lautet der Dativ jum, mum, und der Ge- nitiv jumü, mümü. Bei Betrachwng des Alt-Preufsischen Dauvs nou- mans, uns, gerätlh man leicht in Versuchung zu glauben, dafs hier zwei Pronominal-Stämme mit einander verbunden seien, nämlich nou, welches mit dem Lateinischen zos, dem Alt-Indischen und Slawischen nas, zusammenhängt (wovon no und na als Stämme anzusehen), und mans welches für sich allein als Plural- Accusativ steht, und als solcher mit den obliquen Casus des Singulars einerlei Ursprungs ist. Wenn man aber noumans, (uns), mit joumans, euch, vergleicht, so erkennt man, dafs mans in beiden Formen als Endung angesehen, und folglich mit der 5 früher erwähnten Singularendung sm, mit dem im Sanskrit eingescho- benen sma, und mit dem doppelten m des Gothischen und Aeolischen in eine Klasse gestellt werden müsse. Um nun wieder zu dem Griechi- schen zurückzukehren, so ist es kaum nöthig zu bemerken, dafs, was von dem doppelten u in auuw und ünnw gesagt worden, auch auf den Accu- sativ auus, üune, (welcher eigentlich dem Dual angehört) und den Nomi- nativ dunss, Uunes, anzuwenden sei. Im Genitiv kommen zwar auuwv und vuuwv nicht vor, ihr ehmaliges Daseyn läfsı sich aber aus der Ana- logie der übrigen Casus vermuthen. Mit dem Dorischen Plural auss scheint der Singular-Accusativ @ue für &ue in Berührung zu stehen, und und der mit ıhm verwandten Sprachen. 145 wirklich legt Scheidius auf dieses Zusammentreflen ein so grofses Ge- wicht, dafs er sich einen Nominativ auis, aus bildet, woraus er beide ableitet. Allein es ist offenbar dieser Zusammenhang nur ein scheinbarer, es sei denn, dafs man beweisen könnte, dafs in dem Singular-Accusativ « und nicht we der wesenulichste Bestandtheil sei; denn dafs in «ugs und vues die erste und nicht die letzte Sylbe radikal sei, liegt am Tage, und es bedarf hierzu nicht der Erklärung, wodurch ich versucht habe, das den beiden Pluralformen gemeinschaftliche x aus dem Sanskrit und an- deren verwandten Sprachen nachzuweisen. Dafs aber in den obliquen Singularendungen, des Pronomens der ersten Person, #2 und nicht zus, ve und nicht &ue oder «us die ursprüngliche Form sei, wenn sich gleich keine Zeit nachweisen läfst, in welcher nicht auch die letztere Form im Griechischen gebräuchlich gewesen, erhellt aus der Vergleichung mit den verwandten Sprachen, welche sämmtlich die entsprechenden Casus mit m anfangen, ferner aus der Neigung, welche die Griechische Sprache zeigt, den mit Consonanten anfangenden Wörtern einen Vocal, wie &, « oder o, vorzusetzen. Wenn meine Ansichten über den Plural der Griechischen Prono- mina erster und zweiter Person richtig sind, so folgt daraus, dafs man nicht mit Scheidius das Afformativ uev oder ues der Zeitwörter von @ues ableiten dürfe, denn es könnte ja sonst mit gleichem Rechte die zweite Person mit uev oder ues enden. Viel richtiger wird sich wev oder „es zugleich mit u und dem in v verweichten # des Imperfects, Plus- quamperfects und zweiten Aorists von dem obliquen Singularstamme ab- leiten lassen, wie ja das Afformativ rs der zweiten Person nicht aus nes, wohl aber aus dem Dorischen Singular U, dessen Accusativ re, erklärt werden kann. Auch möchte ich nicht mit Rask das Lithauische mes, wir, mit dem Dorischen «@ues zusammenstellen, oder damit ver- gleichen, denn die Aehnlichkeit beider ist mehr zufällig als wirklich, da das Lithauische mit dem Sanskrit, Griechischen, Lateinischen und den Germanischen Sprachen nicht die Eigenheit theilt, dafs das Pronomen erster Person für den Plural einen eigenen Stamm habe, sondern der Stamm, welcher im Singular den obliquen Casus zum Grunde liegt, er- streckt sich über den ganzen Dual und Plural. Es wäre in der That ein sonderbarer Mifsgriff der Lithauischen Sprache, wenn sie von @ues Hıist. phiol. Klasse 1824. 1 146 Borr: Vergleichende Zergliederung des Sanskrits gerade diejenige Sylbe losgerissen hätte, worauf, zur Bezeichnung der Person, am wenigsten ankommt. Auch konnte Rask, welcher in sei- nen Untersuchungen über die Thrakische Sprachklasse viel Scharfsinn und gründliche Beobachtung beurkundet, nur insofern «ues mit dem Li- thauischen mes vergleichen, als er das » von «@ues für radikal hielt. Das Sanskrit hat im Accusativ, Dativ und Genitiv des Plurals, neben den aus a und ju gebildeten Formen, noch die gleichbedeuten- den Formen nas und was. Als Stämme sind za und wa anzusehen, wie sich aus der Vergleichung mit dem Dual zau und wau ergibt; aber das s ist gewissermafsen mit dem Stamme verwachsen, da zas und was sonst auf den Accusativ beschränkt seyn müfsten, im Falle sie nicht schon im Nominativ gebräuchlich wären. Auch zeigt sich in dem Lateinischen, so auffallend mit diesen Nebenformen übereinstimmenden zos und vos (!) das s deutlich als Casuszeichen. Das Griechische hat diese Stämme auf den Dual beschränkt, denn ein Zusammenhang zwischen sp; pw und was, wau läfst sich kaum verkennen Das Slawische bildet den ganzen Plural und Dual, mit Ausnahme des Nominativs der ersten Person, aus ähnlichen Stämmen, daher die Genitive nas, was, die Dative nam, wam u.s. w. Das Alt-Preufsische zeigt diese Stämme ebenfalls im Plural. In den Germanischen Sprachen ist es schwer, im Plural und Dual den rech- sen Zusammenhang 5 aufzufinden; aus der Vergleichung des Gothischen mit den anderen Ger- zwischen den obliquen Casus und ihrem Nominativ manischen Mundarten glaube ich jedoch mit Zuversicht folgern zu dür- fen, dafs die Halbvocale w und j der Nominative weis und jus in den obliquen Casus in ihre entsprechenden Vocale v und übergegangen sind. Im Alt-Hochdeutschen ist diese Veränderung, bei der zweiten Per- son, schon im Nominativ eingetreten, und das z des Stammes ju hat sich in diesem Casus verdrängen lassen; daher steht ir für das Gothische jus. In den übrigen Casus hat sich jedoch das z standhafter gezeigt, indem es entweder unverändert geblieben, wie in dem Dauv zu, oder, vor Vo- calen, in seinen Halbvocal w übergegangen ist, in Uebereinstimmung mit einer im Sanskrit herrschenden Wohllautsregel; daher der Genitiv iw-ar, der Accusativ üv-ih. Vergleicht man hiermit die entsprechenden \ . . . . (1) Nach Bengalischer Aussprache wird nas und was im Sanskrit eben so ausgesprochen. und der mit ihm verwandten Sprachen. 147 Gothischen Formen izwara, izwis, so erhebt das wie ein gelindes s aus- zusprechende s einen Zweifel. Ob dieses s für eine unwesentliche eu- phonische Einschaltung zu halten sei, oder ob, was mir weniger wahr- scheinlich ist, zw mit der Sanskriuschen Einschaltungssylbe sma zusam- menhänge, durch eine nicht ungewöhnliche Verwandlung von m in w, oder auf welche andere Weise von diesen Formen Rechenschaft gegeben werden müsse, vermag ich nicht zu bestimmen. Soviel aber halte ich für ausgemacht, dafs das i von izwara, izwis, eben so wohl wie das der entsprechenden Alt-Hochdeutschen Formen zwar, wis, von dem j des Stammes ju herrühre, und dafs das w der Gothischen Pluralformen nichts mit dem des Dualis, ıgqwara, isqwis, gemein habe; denn hier zeigt die Vergleichung mit den zunächst verwandten Mundarten, dafs das w dem q blos als ein euphonischer Zusatz beigegeben sei. Darauf aber, dafs qw im Gothischen durch einen einzigen Buchstaben geschrieben wird, kommt wenig an. Mit Jakob Grimm bin ich sehr geneigt an- zunehmen , dafs bei dem Pronomen erster Person das ns von unsara, (nostri), unsis, (nobis und nos als Accus.), nichts anders als eine ur- sprüngliche Accussativendung sei (!), die aber mit dem Stamme so ver- wachsen und in Eins zerschmolzen ist, dafs sie selber zum Radikaltheile wurde, so dafs dem uns, als einem erweiterten Stamm der Urform x, neue Casusendungen sich angeschlossen haben. Was den Dual anbelangt, so scheint das A (im Gothischen gw), wie ebenfalls Grimm vermuthet, mit dem A des Singular- Accusativs, mık, thuk, einerlei Ursprungs zu seyn, und wenn meine Ansicht gegründet ist, dafs dieses A seinem Ur- sprunge nach kein eigentlicher Accusativcharakter, sondern wie c in dem Latemischen Zic paragogisch sei, so gewinnt diese Erklärung an Wahr- scheinlichkeit. In Bewreff des dem Gutiural vorhergehenden Nasals, welcher im Gothischen, nach dem Beispiele des Griechischen, mit g ge- schrieben wird, ist zu berücksichügen, dafs n sich gern mitten in eine Wurzelsylbe eindränge, wie z. B. im Lateinischen in frango, tango, im Sanskrit in bhunkte, er ifsı, von bhudsch, welches mit dem Griechi- schen payw verwandt ist; Zschintati, er denkt, von tschit. (1) Deutsche Grammatik, zweite Auflage S. 813. „„unsara scheint aus dem Accusativ „uns abgeleitet, nicht anders der Dativ unsis, welcher nebst iswis dem Dativ Singular „parallel auslautet.” T2 148 Bopr: Fergleichende Zergliederung des Sanskrits u.s.w. Zur Erklärung des Sanskritischen Duals bleibt nun noch zu be- merken übrig, dafs, wenn gleich iwäm, wir beiden, und juwäm, ihr beiden, den gemeinschaftlichen Ausgang wäm haben, dennoch das w in beiden Formen aus ganz verschiedenen Quellen fliefse. Denn dwäm, wir beiden, hängt offenbar mit dem Plural wajam zusammen, so dafs dem radikalen w ein @ vorgetreten ist, etwa wie bei den Personalen- dungen der Zeitwörter im Dual des Mediums. Man vergleiche adwisch- ätäm, die beiden hafsten, mit dem Activ adwisch-täm. Das w von juwäm, ihr beide, ist aber, mit dem vorhergehenden z, die euphonische Veränderung des Vocals der Stammsylbe ju, denn u geht in der Mitte eines Wortes vor Vocalen sehr häufig in uw über, während es am Ende sich blos in w verwandelt. Die folgenden Tafeln geben einen zusammenhangenden Ueberblick der Declination der Pronomina erster und zweiter Person, im Sanskrit und den verwandten Sprachen. Die Casus folgen in der in den San- skrit-Grammatiken üblichen Ordnung. Von den Slawischen Mundarten geben wir blos das Alt-Slawische, und von den Germanischen das Go- thische, Alt-Hochdeutsche und Alt-Sächsische. AI DANN Tafel 1. Lettisch. Alt - Preufsisch. Alt-Slawisch. Persisch. Nom. m es as az men Accus. Ai > TILERTT mien nja merä | Instr. AI ı | rer lene nn nn mnje merd | Dat. Meul man | mennei mnje, mi Ablat. AT Gen. HET. mannis maisei mene Loc. EIRE aan ler en enen mine Nom. ZI |\ erlernen wa (!) | Accus. mA ee seele | EIERN wa (!) | Tnstr: Ja: Ele: Deus Sarah rar fees nama Dat. Eife ats wre a a nama Ablat. 7A Gen. Etat 1 wem re eben ceirerge naju . | Loc. IE ara Fa ae naju | | mehs mes mi ma Nom. muhs mans ni märd Accus. Instr ee ee | namı Ablat. Gen. Loc. muhsu EEE ö nas cDi ar Hr Dat. ZIrr | mums noumans | am mara Ir is Ir Hist. | Pronomen der ersten Person. Set N GEUSTEAERR — 20001 tt ———— Tafel I. -—— Sanskrit. Griechisch. Lateinisch. Gothisch. Alt-Hochdeutsch. | Alt-Sächsisch. Lithauisch. Lettisch. Alt - Preufsisch. Alt-Slawisch. Persisch. = ax. Br “ 7. „2 Nom. IR aham ....ereeeneeeeneenenee nenn 577) ..ego ik ih ik afz es as az men 3 4 fi . D 2 D » Accus. A], AT mam, ma ..... A EEE WE me mik mih mi mane man mien mja merd Instr. FE maja (aus me-a) .......... 3. str a | Re END ERDE HPROHORO RBRERFEREE oo ||c.c 0.0.0.0.5 000 C manımi are ae - mnje merä _ — - . “ ‚ 7» * . . - . : ma-hjam (aus ma-hi-am), me .... A mihi mis mir mi mdn man menne i Dat Aal, I j ( )s | ncı ei mnje, mi H N Ablat. Al mat ........ TR een, © ö me un = ; x | 4 ? ; s u: Gen, SEIT. Ei mama mel ern a. DP3 | mei meina mın min manes mannis maisei mene = =. AR | | .. Pi TED (BnERERD) nen len une rear ernennen ernennen nennen manije ran mnje | | mn Nöte FETTE Ta vol a area wit RR ec hanelesa wit muddu; (wedd) ee wa (!) » kN Accus. FIAT, IT dwam, nau....2..........- k vol a ugkis unch unk muddu | |: ac wa (!) | 3 | Ina SNEPUWNawAabham een. u ERS E TatRi.e. + Ale Kogugei jnio) aan) p Eapla eo iiele ie fer dee tehe Reel NeFadete era: ar elate line alone nee he Tee elek ge oe nama . EN 2 | Dat. ZITAT, TI dwabhjam, nau.....2.2.2....: vaiv aus reaee ugkis unch unk | mumiawieriV |... RONALD nama Ablat. ZITAT dwabhjäm Gen. FIT. Em TE OS een valy rer , ugkara unchar unker MUT ÄRDIeyNlenereee Sana nee onen tee euere naju Q Loc. 3MAUTA dwajos......2.2....-. SR Ai an || ro Dre SICESBARONER Res dexe) tonenaltanefe ade Areilollone eforedeue ste ER SR | 1 Yachage Ta nekojfe Be en. naju PERZUERSAET Nom. ER Wajams een ehe Mueis, duWes nos weis wir wi | mes | mehs mes mi md Aceus. FIAATel, IA asmän, nas . Nas, aae nos unsis unsih us müs muhs mans ni märd Es er | j rEESEEFTEETTNSTETRESTROB RES Se near a area ana Tara ea ee ee ladet N a TIDLLITELS Ehe an les... : | namı Dat. FIFTT., Tel asmabhjam, nas .......... Aulv, am nobis unsis uns us mümus mums noumans nam märd NED EI REE IRRE 6 Se 5 wo ' nobis | Gen. HUT, MT GSmakam. NOS een ruav nostri, nostrum unsara unsar user müsü muhsu Innos . nas Loc. EST Se ee ee ee Sen mlsuse- BI... 2 we een re nas TTT 5 Bio PR One TESTER ner ER | ‚suse |.» | (1) So das Masc.; das Femin. ist wje; in den übrigen Casus sind die Geschlechter nicht unterschieden. Ist. pbilol. Klasse 1824. p. 148. Bu 5 H bi R u . ’ E . 2 w x ie 2 - ’ x 5 B = De w + 5 z r i . #- 1 Be / 2 A R 2 v . j - m .ü? 2 E a: B” . F ß = 5 “ r a 5 - - . “ ö z - f G u DE x i Tas N u f - ee y = fi m - u \ ı B . En EN; s 5 F “ E l 5 i i 5 5 ' ’ & i . & \ E A 2 5 —_ N B m ; B . u B _ f . 2 . . 5 i i i > = z \ . ri B ı » . © . 3 ö i | ’ ü 7 a, 2 ie “ . B B ü f j F 5 2, \ B “ ö ü D B s h Pi E j A x u 7 kJ . * ! i j = \ - 5 y Ä Y & i 5 PR . f & u x x ‚ \ 5 h ur 4 5 ir. \ > N 5 . i . * ‚r ü rs a ” . . 5 \ 5 ı 2 . ) ne 2 zz . £ f nv . - u R * * be R . 5 n x 4 e. ‘ s e , 5 A . t - er f . + Tafel IT. BEREERS OREEISDNEL ZEHN SS EC ERECS BERNER TE TIERE CHE TE ICPEREPTRC CE EIS RT BRBEESBEREEPEEGETIGFTIR TNEBENe ont IE BIST. TO TE EEE ECEPN EEE S.> Lettisch. Alt - Preyfsisch. Alt-Slawisch. | Persisch. — [1 tu tu ti tu Nom. EI twam . tew tien 1ja tura Accus. I, AT . A EN re ER toboju Instr. AMT twaza Fe tew tebbei tebje, ti tura Dat. DI, Ai Ablat. Art twat. a tewis twalse tebe Gen. AI, At Fl tee enge ee ah ea ter tebje Loc. ! alt UWG] mm mm 002000 Nom. Mat juwa | > Accus. TAT. aT Bw > Messe Eh | wanma Instr. TAT 7 RT U rss | ware ee wwama Dat. TAT] f Ablat. FIT J .. j TEEN PIUS, ae are Raketen een waju Gen. MAMI, | | Spa a lhn er ee raten a ng waju | Loc. aaa Juhs jous wi ! schumd Nom. FI Jüjan en Accus. ATTIeT. 5 Se re er Dee: wamı m Instr. TAI TE | i S Juhs wans 1103 | schumard jums Jumans wam schumdra Dat. MTT, S Ablat. ? D j | a, TuS ern | was Gen. DIRSIE TE Narr GT Na .:si, sa 00 a ae Marl ta te una ae | WÜUS | Loc. At y Hist. pbilol. ] Tafel IT. m Te u GERT SEE Pronomen der zweiten Person. mwmwmmmmv HIN cc WIE AM: i Sanskrit. Griechisch. Lateinisch. Gothisch. Alt-Hochdeutsch. | Alt-Sachsisch. Lithauisch. Lettisch. Alt- Preyfsisch. Alt-Slawisch. Persisch. Nom. a Br esse ae nn. U, U tu thu du thu tu tu tu Pr Zr Aconas era wd. . elen | 06, TU, TE te thuk dih thi tawe tew tien !ja tura Instr. AMT twaja (aus twe-a)... TE ET a ee ee. 0.0 0.0.:50°- tawımi ae ee ee en toboju Dat. Pa. Fern tubhjam (austu-bhi-am), e...... | coi, Tai tibi thus dir thi tdw tew tebbei tebje, ti tura . EEE RTRE OIF TIL TSYAN arten nen cette ee annnta ale BE Ne |21.0. ae Ä te EN Gen. 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Er ahnete nicht, dafs dieses Gefäfs sich in Deutschland und ziemlich nahe dem Orte befinde, wo er diese Worte aussprach. Denn selbst die- jenigen, die sich aus der Wacker-Lipsiusschen Beschreibung der Dresdner Antiken-Gallerie (S. 465.) erinnerten, dafs es dort als ein Eigenthum die- ser Sammlung erwähnt sei, konnten sich bei dieser Anführung eben so wenig, als bei dem Kupfer, das Leplat davon gegeben hat, überzeu- gen, dafs hier von dem wahren Farnesischen Congius die Rede sei. So sehr hatten sich Abbildner und Beschreiber vereinigt, ihn unkenntlich zu machen. Doch hoffen wir zu erweisen, dafs der dort gemeinte der ächte sei. In einer Ecke eines der Schränke versteckt, die im Mumienzimmer des Augusteum aufgestellt sind, schien sich das Gefäfs, welches uns be- schäftigt, absichtlich den Blicken derer entzogen zu haben, die so manches Interessante dieser Sammlung zu allgemeinerer Kenninifs und Würdi- gung gebracht haben. Beruf und Aufmerksamkeit auf alles, was auf die Mafse der Alten Bezug hat, verarlafsten den Verfasser dieser Zeilen, (1) Abhandlungen der Königlich-Preufsischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin aus den Jahren 1812-1813. Hist. philol. Klasse, S. 154. 150 Hasx: über den Farnesischen Congius das Gefäfs genauer zu prüfen, und liefsen ihn bald das unbezweifelt ächte darin erkennen. Der Congius der Dresdner Sammlung ist von Messing, nach dem Sprachgebrauche der Väter Jesu von Orichalco, im Aeufsern zwei ab- gekürzten Kegeln gleich, die mit ihren untern Grundflächen durch Lö- hung aufeinander gepafst sind. Oben um läuft ein Rand (xeiRes, Zabrum), der breit überragt, und die Genauigkeit der Messung sichert, ohne selbst bei der Bestimmung des Inhalts in Anschlag zu kommen. Ganz flach und ohne alle Zierlichkeit ist der Fufs angesetzt; ein Umstand, der defs- halb zu bemerken ist, weil die meisten davon bekannt gemachten Ab- bildungen ihn, um der gefälligern Form willen, wulstartiger zeigen. Noch bemerkt man, besonders an der Seite des Fufses, die aufstand und daher vor den Einwirkungen der Luft mehr geschützt war, Spuren ehemaliger Vergoldung, die seine vortreflliche Erhaltung erklären; denn förmlich müssen wir Hrn. Ideler’s Behauptung (a.a.O.) widersprechen, die auch Hr. Wurm (') wiederhohlt hat, ‚‚dafs dieses Gefäfs vom Grün- ‚„‚span nicht wenig zerfressen sei.’’ Nirgends zeigt sich davon eine Spur. Nur die Löthung hatte gelitten; aber eine Auflösung von Sıegellack in Alkohol reichte hin, alles Sickern zu heben. Nirgends am ganzen Ge- fäfse sind Beulen. Auf jeden Fall war es früher an einem Orte aufge- stell, wo es geehrt war. Seine Masse reitzte keine Habsucht. Seit seine Wichtigkeit für wissenschaftliche Untersuchungen anerkannt war, wurde es pfleglich behandelt. Aufsen herum laufen in das Metall eingeritzte Ringe, zwischen denen die bekannte, von Hrn. Ideler nicht sehr genau wiedergegebene, Inschrift steht, die den Ruhm dieses Gefäfses begründete: IMP:- CAESARE VESPAS VI T.CAES.AYG.F.ON® MENSVRAE EXACTAE-IN GAPITOLIO PX (1) De ponderum, numorum, mensurarum, ac de anni ordinandi rationibus (Stut- gard 1821.8.) 8.78. im Königl. Antiken- Saale zu Dresden. 151 Die Worte der Inschrift sind so leicht, dafs man kaum begreift, wie Villalpandi in ihrer Erklärung irren konnte, wäre er nicht von der willkührlichen Annahme ausgegangen, dafs durch die Höhe des Con- gius und die umlaufenden Reifen Mafse besimmt würden. Dieser son- derbaren Voraussetzung zufolge, die sich in den Köpfen der Italiener bis auf Bayardi herab (') eingenistet hatte, nahm er die Wörter men- surae exactae für Nominative, da sie doch, wie schon Greaves (?) und Eisenschmid andeuten, als Genitive zu verstehen sind, vom ausgelas- senen Congius regiert, welchen die pondo decem bezeichnen. Das Jahr, wo Vespasian zum sechsten und sein Sohn Titus zum vierten Male Consuln waren, entspricht dem 75sten unserer Zeitrechnung und dem 828sten seit Erbauung Roms. Die Dimensionen des Gongius sind nach genauer Messung: (') CED 4 B, Durchmesser der auf- / einander gepafsten untern Kegelgrundflächen, . ... 72,5 franz. Linien. CD, Durchmesser der obe- ren Grundflächen, . . . 36,0 - - F EF, Höhe des obern ab- gekürzten Kegels, ... 62,5 - - FG, Höhe des untern ab- gekürzten Kegels.... 60,5 - - ENG D Soviel zur Beschreibung eines Gefüfses, das vom ersten Augen- blicke seines Bekanntwerdens an die Aufmerksamkeit der Gelehrten er- regt hat. Zunächst wirkte dazu wohl ein Umstand mit, der der Prüfung werth ist. Dreisthin nämlich sprachen die italienischen Gelehrten, welche diesen Congius untersuchten, die Vermuthung aus, dafs er das auf dem Kapitol aufgestellte Normal-Gefäfs gewesen sei. Da auch Hr. Ideler (1) Antichita d’Ercolano, T.I, p. 555. (2) Misc. Works, S. 198. (3) 5) Die nebenstehende Figur ist blofs als eine mathematische zu betrachten. 152 Hase: über den Farnesischen Congius sich dieser Voraussetzung bequemt hat, so wird sein Ansehn für Viele hinreichen, dieser Annahme Glauben zu verschaffen. Der Beweis dafür möchte aber schwer zu führen sein. Die indirekten Zeugnisse, dafs auf dem Kapitol ein ponderarium, wahrscheinlich bei der Münze, gewesen sei, sind so oft beigebracht worden, am besten von Wernsdorf (!), dafs man ihrer Wiederhohlung überhoben sein kann. Das direkteste Zeugnifs ist die Inschrift bei Fabretti (?), die, nach den Worten au- ctore sanclissimo Aug. N. nobilissimo Caes zu schliefsen, wohl erst der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung ange- hört. Denn wenn auch der nobilissimus Caesar früher vorkommt (°), so scheint doch der sanctissimus Imperator erst eine Erfindung der Zeit des Probus zu sein (*). Die Menge von Stellen und Denkmälern, wo nach den kapitolinischen geaichte Mafse vorkommen, lassen keinen Zweifel übrig, dafs daselbst ein Depot der Mustermafse war; eine Einrichtung, die abermals an das Vorbild athenischer Verhältnisse erinnert (°). Nur sagt wohl keine Inschrift, eben so wenig als die unseres Congius selbst, dafs das Denkmal, das sie trug, als Mustermafs gedient habe. Wernsdorf’s sonst wahrscheinlicher Vermuthung (°), dafs wohl erst nach der Her- stellung des zum zweiten Male abgebrannten Kapitols unter Vespasian ka- pitolinische Mafse vorkommen möchten, widerspricht ein von dem Ca- talogo de’ monumenti di Ercolano (") angeführtes Gewicht, welches dem dritten Consulat des Tiberius Claudius (J. d. St. 799. n.Chr. 46.), so wie eine Schnellwage ebendaselbst (°), gleichfalls exacta in Capit. cura Aedil., die demselben Regierungsjahre des K. Claudius angehört. ) AIF Excurs. ad poet. lat. minor. T.V. ) Inser. vett. c. VII, n. 380. 5) Eckhel D. N. VII, S. 370. ) Man vergleiche Salmasius ad Hist. August, II, p. 629 b. und 647, und die In- schrift aus Thymbra in Lechevalier’s Reise nach Troas von Lenz, Altenburg und Erfurt 1800, S. 201, die Villoison wohl zu spät ansetzt, da sie, wahrscheinlicher als er an- nimmt, dem J.d. St. 1040, nach Christus 287, zustimmt. (5) Vergleiche Böckh’s Staatshaushaltung der Athener, IT, 348 ff. (6) Excurs. laud. p. 610. (9) 22%J,-P-335. N..CCY. (8) N. CCXAT, S. 356. im Königl, Antiken- Saale zu Dresden. 153 Kurz Lucas Pätus, der unsern Congius zuerst anführt, ist uns den Beweis schuldig geblieben, wefshalb er ihn für das kapitolinische Normal-Gefäfs selbst erklärte. Die Inschrift reicht dazu nicht hin. Wahrscheinlich fand ihn der Kardinal Alexander Farnese, als des- sen Eigenthum er uns zuerst bekannt wird, in einer Kirche Italiens, wo- hin nach der Novella des Justinian 128 c.15, als die Päpste und der Senat die Aufbewahrung der Mafse und Gewichte übernommen hat- ien (!), Gefäfse der Art gebracht worden waren, um mit dem Örte der Aufbewahrung das heilige Ansehn zu theilen. In der Anführung dieser Novelle durch Lucas Pätus möchte für Raschschliefsende, die sich um die Entstehung mancher berühmten Liebhaber- Sammlungen bekümmert haben, ein Grund zu der Vermuthung liegen, dafs ihn der Kardinal aus dem Staube wenig beachteter Sakristeien in das Licht seiner Mu- seen versetzt habe. Alexander Farnese war Papst Paul’s III. Enkel, Erzkanzler der Römischen Curie und nebenbei so reich an Pfründen und Kirchenwürden, wozu bekanntlich auch die Curatel der Kirchen gehört, dafs sein Titel länger war, als der seines Zeitgenossen Karl’s V. Aufmerksamkeit auf einen Schatz der Art und Liebhaberei darf man einem Manne wohl zutrauen, der mit Pietro Aretino, Aldo Manuzzi, Paolo Sadoleto, Pietro Vittorio in der engsten Verbindung eines viel- vermögenden Patronats stand, der fünfundfunfzig Jahre lang als Kardi- nal zu einer Zeit lebte, wo die Untersuchung aller häuslichen Verhält- nisse der Alten mit einem fast zu weit getriebenen Eifer alle Leute von Bildung und Geist beschäftigte. Eben in der Erforschung der alten Mafse begriffen, sagt Lucas Pätus in seinem Werke (?), und irre geworden in seinen Rechnungen durch neuere Angaben, erhielt er aus der kostbaren Sammlung des Kar- dinals Farnese einen Congius von Messing oder Bronze, den des all- waltenden Gottes Güte (dies sind seine Worte S.21.) vor den Unbilden der Barbaren und der Zeit beschützt hatte. Er sei sehr wohl erhalten gewesen, aufser dafs er an der Stelle, wo er die Erde berührte, vom (1) S. Justinian’s pragm. Sanction, deren Anfang pro petitione Figilü c,19. (2) De mensuris et ponderibus, Ven. apud Aldos 1573, fol. Hist. philol. Klasse 1824. & 154 Hase: über den Farnesischen Congius Roste gelitten hatte. Besitzen wir dasselbe Exemplar, das Lucas Pätus in der Hand hatte, was wir glauben dürfen, so können wir uns über- zeugen, dafs diese Roststellen sehr unbedeutend waren. Die Zeichnung, die er seinem Werke beigefügt hat, ist mit unserm Gefäfse fast völlig übereinstimmend; doch sei nicht verschwiegen, dafs der Fufs des Ge- fäfses wulstiger gebildet und über der Schrift mit Punkten eine kranz- artige Verzierung angebracht ist, die auf unserm Gefäfse eben so fehlt, wie auf dem Kupferstiche bei Villalpandi, der gar kein Bedenken trug, das Gefäfs, das er mafs, für jenes ächte Farnesische zu halten. Aus dem Besitze des Kardinals Alexander Farnese ging der Congius nämlich in die Sammlung seines Grofsneflen des Kardinals Odoardo (nach Bonanni, Recardo) Farnese über, eines Sohns je- nes Feldherrn Alexander Farnese, der in der Geschichte der Vereinig- ten Provinzen so berühmt ist. Von ihm erhielt der gelehrie Jesuit aus Cordova, Johann Baptist Villalpandi, der damals für sein Werk über den Tempel zu Jerusalem sammelte, die Erlaubnifs, den Congius aufs neue zu messen. Mit einer Feierlichkeit, die komisch scheinen könnte, wenn die Absicht der schlauen Väter, dem erlauchten Besitzer dadurch ein Com- pliment zu machen, nicht fast zu deutlich durchblickte, ging diese wich- tige Messung vor sich (!). Ihr Ergebnifs war für die Metrologie, wie sie jetzt ist, ohne Bedeutung; denn die vornehme Gesellschaft hatte mit Cisternenwasser gemessen und aufserdem falsch gewogen. Doch gab Villalpandi der Beschreibung jener Messung eine Abbildung des Ge- fäfses bei, die so vollständig mit dem unsrigen in allen Kleinigkeiten über- einstimmt, dafs wir nicht zweifeln dürfen, dasselbe zu besitzen. Nach seiner Behauptung ist es dasselbe, das Lucas Pätus in der Hand hatte. Gar kein Zweifel könnte bei uns statt finden, hätte der gute Mann vor lauter Zierlichkeit bei seiner Erklärung sich nicht höchst ungeschickt ausgedrückt. Nach ihm ist das Bild ad exemplar duorum, quos Romae habuwmus, expressa (); ob aber diese Exemplare und worin sie ab- wichen, hat er nicht für gut gefunden, zu erzählen. Das Farnesische (1) Die Beschreibung davon im Apparat. urbis ac templi Hierosol. T. III, P.2.p.351. (2) S.49. im Könıgl. Antiken- Saale zu Dresden. 155 war Messing; das andere (was freilich nach der Unbestimmtheit, die ihm beliebt hat, auch der Sextarius sein kann,) war Bronze und schien in der Erde gelegen zu haben. Und so müssen wahrscheinlich seine Worte auch verstanden werden. Denn aufser dem erwähnten Congius befindet sich in der hiesigen Sammlung ein Sextarius von Bronze, der jenem auf dem Villalpandischen Kupfer abgebildeten völlig gleich ist, und zwar durch Grünspan auf der Oberfläche gelitten hat, aber keineswe- ges so, dafs er zu einer sehr genauen Messung untauglich wäre. Herr Geh. Leg. Rath Beigel hat sie mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit versucht und das Resultat derselben soll weiterhin folgen. Dieser Sexta- rius istzu gleicher Zeit, gleich sorgfältig gepflegt, aus Italien nach Dres- den gekommen, und bestätigt durch diesen Umstand die Vermuthung, dafs er schon damals zu dem Farnesischen Congius mit gehört habe. Beinahe gleichzeitig mit Villalpandi’s Nachricht von dem Far- nesischen Congius, die um das Jahr 1604 bekannt wurde, nämlich im Jahre 1602, gab Gruter im Thesaurus Inscriptionum (') Nachricht von einem andern Congius, der viel Verwirrung in die Geschichte dieser Ge- fäfse gebracht hat. Dieser war vom Kardinal Paolo Cesi zu Todi auf- gefunden worden, und hätte, wenn hier äufsere Zeichen entschieden, beinahe eher als urserer für das kapitolinische Normal - Gefäfs gelten können; denn eine der unsrigen völlig gleichlautende Inschrift war mit silbernen Buchstaben darauf angebracht. Gruter, der, wie man leicht merkt, von der Sache nicht genau unterrichtet war, hält ihn für den, welchen Villalpandi mafs, und fügt hinzu: putantque supposititium esse. Die letztere Behauptung mag auf sich beruhen; die erstere ist irrig. Die- ser Gesische, in der Form von dem unsrigen sehr abweichende Con- gius kam in die für Metrologie so wichtige Sammlung des Alexander Colozzi. Was später aus ihm geworden, läfst sich, trotz Bayardi’s langem Geschwätz über ihn, nicht angeben. Der Farnesische Congius blieb, so darf man annehmen, ein Ei- genthum der Familie Farnese; wenigstens war er in der ersten Hälfte des 17ten Jahrhunderts, wie man aus Peiresc’s Leben von Gassendi ersieht, fortwährend im Farnesischen Familienmuseum zu Rom. Ja, ı) T.I. p.CCXXIH. no.3. B U2 156 Hase: über den Farnesischen Congius Peiresc liefs sich 1617 durch Aleander eine genaue Nachbildung dieses Farnesischen Congius machen ('), die, vielfach verglichen, keine Ab- weichungen zeigte und später in dem Kabinet der Bibliothek S. Genevieve zu Paris aufgestellt, in Molinet’s Beschreibung aufgenommen (S. 43) und endlich daselbst gar abgebildet ist (?). Merkwürdig genug stimmt aber diese Abbildung mit der Form des Cesischen Congius überein. Man kommt auf die Vermuthung, dafs die Kupfer zu den Werken jener Zeit von Leuten gezeichnet seien, welche die Gegenstände niemals gesehen hatten, die sie darstellen sollten. Const. Landi gibt 1695 nach Gruter wieder den Cesischen (?); Fabretti (*) 1702 den Farnesischen nach Lucas Pätus, und Bonanni im Jahr 1709, mit Benutzung der Villalpandischen Kupfertafeln, im Museum Kircher. ı. LVIl einen Con- gius und Sextarius, die mit den unsrigen ganz übereinstimmen. Abzüge derselben Kupferplatten benutzte auch Montfaucon(°). Alle diese letztern Anführungen sind mit Bezug auf das Farnesische Gefäfs tra- ditionell und nicht aus Selbstanschauung. Der letzte, der uns bestimmte Nachricht von ihm gibt, ist der gelehrte John Greaves, Professor der Geometrie im Gresham-College zu London, der auf einer Reise nach Italien und dem Oriente im Jahr 1637 sich als strenger Mathematiker mit der genauen Untersuchung der Denkmäler beschäftigte, denen wir unsere Kenntnisse des römischen Fufsmafses verdanken. Auch unsern Congius, denselben, den wir besitzen, wie man sich durch das Kupfer in seinen Miscellaneous Works zu 8.277 überzeugen kann, now extant in Rome, so highly and so justly magnified by Villalpyandus (S. 225), fand er, durch besondere Begünstigung, Gelegenheit zu messen. Die Zeich- nung zu dem Kupfer bei Greaves ist nach dem Gefäfse und zwar nach unserm gemacht, wie das Zusammentreffen aller Kleinigkeiten aus- (1) 8.98 seines Werks. (2) Eine ähnliche Nachbildung des Farnesischen Congius besafs die im Jahr 1822 zu Amsterdam versteigerte Vandamme’sche Sammlung. S. den Catalog derselben p. 337. (5) Seleeta numism. expos. p.7)9. (4) Insersant:-p:526: 6: WEI: -N:372: (5) Antig. expliquee. Vol. III. pl.LXXAVI. im Königl. Antiken-Saale zu Dresden. 157 weiset. Aber mit Greaves verschwinden auch alle Spuren, durch deren Hülfe man die Geschichte dieses Gefäfses weiter geben könnte. Viel- leicht kam es, wie Eisenschmid vermuthet, mit der reichen Münz- sammlung der Familie Farnese nach Parma. In Dresden war unser Congius und der erwähnte Sextarius als Geschenk schon vor dem November 1721; denn am 17. November 1721 wurden sie von der Biblio- thek wieder in das Königliche Kabinet abgegeben, wie eine Nachricht aus dem Archive der Bibliothek (!) beweiset, die ich der Mittheilung des Hrn. Dr. Ebert verdanke. Die Akten der Ober-Kämmerei sagen nichts weiter aus, als dafs dies Gefäfs Sr. Maj. (August Il.) vom Pater Salerni überreicht ward, und noch besitzt die Antiken-Sammlung die Futterale mit carmoisinrothem Lederüberzug, inwendig mit Sammet gefüt- tert, die beide Gefäfse auf der Reise geschützt hatten. Leplaı's Marbres de Dresde, t.184, 4, geben den Congius, aber bis zur Unkenntlichkeit ent- stellt, im Jahr 1733 als eine Merkwürdigkeit der hiesigen Sammlung. Die Verwicklung der Geschichte dieses Gefäfses, das lange Zeit für das einzige seiner Art gegolten hat und schon so viele Berechnun- gen veranlafste, mag die Ausführlichkeit entschuldigen, mit der wir sie gegeben haben. Seit wir uns überzeugt halten durften, den ächten Con- gius zu besitzen, schien er uns zu einer Messung aufzufordern, nach den Grundsätzen, die in der neuern Metrologie gelten. Hr. Geh. Leg. Rath Beigel war so gütg, sie in meiner Gegenwart mit einer Genauig- keit vorzunehmen, die der gröfsten Aengstlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen würde. Hier sind kurz die Resultate derselben. Die Schwere des leeren Congius betrug 21857, 5 grains der fran- zösischen Commision für Mafs und Gewichte. Der Inhalt des Congius an destillirtem Wasser, bei 13°R., einer Temperatur, die am 21. Junius 1820 die natürliche war, —= 63460, 6 Gran. Da nun die Schwere des französischen Cubikfufses an desullirtem Wasser bei 13° R. zu 1117, 9424 französischen Unzen festgesetzt ist, so liefs sich auch die Sei- tenlänge einer Amphora finden, die nach der metrologischen Tradition zugleich als die Länge des römischen Fufses zu betrachten ist. Sie er- gab sich bei der Berechnung — 133, 03 französischen Linien. (1) Pol. I. No. 102. 158 Hase: über den Farnesischen Congius Stereometrisch wurde der Inhalt des Congius aus der Messung der Durchmesser seiner Grundflächen und der Höhe der abgekürzten Kegel, die ihn bilden, gefunden. Er ergab sich nach den oben ange- führten Dimensionen — 295037 französischen Cub. Linien, und der römische Fufs wäre diesem Inhalte zufolge gewesen = 133, 14 französi- schen Linien. Der Sextarius ward am 29. Julius 1820 untersucht und gemes- sen. Die Schwere des leeren Gefäfses war — 7835, 4 der angeführten Grane. Der Inhalt des Sextarius an destllirtrem Wasser bei 15°R. na- türlicher Temperatur = 10819, 6 Gran. Der römische Fufs ergab sich hiernach zu 134, 06 französischen Linien, weil der Pariser Cubikfufs de- stillirten Wassers bei 15°R. = 1117, 5264 Unzen. Bestimmune des römischen Fufses vermittelst oO | . des Congius. aut hydrostatischem Wege. Schwere des leeren Congius = 21857, 5 Gran Pariser Muttergewicht (grains des 50 marcs) ('). Inhalt des Congius an desüllirtem Wasser bei 13°R. = 63460, 6 Gran, also Inhalt des achtfachen Congius oder der Amphora = 507684, 8 Gran, Bei 13° R., einer Temperatur, die zur Zeit der Abwägung (am 21. Junius 1820) zufällig die natürliche war, wiegt ein Pariser Gubikfufs desullirten Wassers 69, 8714 Pfund — 643934, 8 Gran. Da nun nach der Tradition der römische Fufs die Seite der cu- bisch gestalteten Amphora war, so hat man, wenn x die Gröfse des römischen Fufses in Pariser Linien bezeichnet, V643934, 8 : V507684,8 = 144: x. Die Rechnung gibt 133, 03 Pariser Linien. (1) Aus funfzig alten zu Paris aufbewahrten Markgewichten gefolgert. (18827, 15 dieser Grane geben ein Kilogramm des neuen französischen Gewichtsystems.) S. Brisson’s Instruction sur les poids nouveaux compares aux mesures et polds anciens. Paris 1800, 18. im Königl, Antiken- Saale zu Dresden. 159 Beim Abwägen wurde alle die Sorgfalt angewendet, die bei dem jetzigen Zustande der Metrologie in Untersuchungen dieser Art zu brin- gen ist. Das gebrauchte Grammengewicht ist von einem geschickten französischen Mechanicus gemacht und zu wiederhohlten Malen wissen- schaftlich geprüft worden. Nach der Inschrift (s. oben S.150) enthielt der Congius X Pondo oder römische Pfund. Obiger Abwägung zufolge gehen demnach auf das römische Pfund 6346, 06 Pariser Gran. Nach der Metrologie von Rome de l’Isle (!) haben ältere Me- trologen mit Hülfe unsers Congius das römische Pfund bestimmt Dupuy zu 6300 Auzout zu 6302[ grains de Paris. Paucton zu 6312 Wer die Gestalt des hiesigen, d.i. eben des von diesen Metrolo- gen gemessenen Congius und die Verschiedenheit der Gewichte nach Ort und Zeit kennt, wird unsere Angabe zu 6346, 06 Gran weder be- sonders lobenswerth noch tadelhafı finden. 2. Auf stereometrischem Wege. Man vergleiche obige Figur und die daneben stehenden Dimensio- nen. It 43 =a, CD=b, EF=h, so ist bekanntlich das Vo- lumen des abgekürzten Kegels 4BCD= I; sh (a? +ab + b’), wo r die Ludolphische Zahl 3, 141592... bezeichnet. o a” =..5256, 25 ab =. 2610,00 b’ı== 1296,00 me ab + 5° —= 9162, 25. Oberer Theil des Congius. lg 9162,25 = 3, 9 lg 62,5 lg 5 *® . I 687 — 1 5, 1758509 = /g 149917. I 3 (1) : Paris 1789, preface p. XVII. 160 Hase: über den Farnesischen Congius u.s.w. Unterer Theil des Congius. Is 9162,25 = 3, 9620022 Ig 60,5 = 1, 7817554 Is = 0, 44179687, — 4 5, 1617263 = 1g 145120. Cubikinhalt des Congius = 295037 Cubikinhalt der Amphora = 2360296 Hiernach hält der römische Fufs V2360296 — 133, 14 Pariser Linien. } Pariser Cubiklinien. Dieses Resultat ist minder zuverlässig, als das vorige, da die Ungenauigkeit in der äufsern Form des Congius keine ganz scharfe ste- reometrische Ausmessung zuliefs. ä Bestimmung des römischen Fufses vermittelst des Sextarius. Schwere des leeren Sextarius = 7835, 4 Pariser Gran. Inhalt des Sextarius an destillirtem Wasser bei 15° R. (!) = 10819, 6 Gran. Hiernach hält die Amphora 10819,6 x 48 = 519340, 8 Gran. ; Das Gewicht eines Pariser Cubikfufses destillirtien Wassers bei obiger Temperatur beträgt 69, 8454 Pariser Pfund = 643695, 4 Gran. Hieraus ergeben sich für den römischen Fufs 134, 06 Pariser Linien. Dies Resultat ist noch unzuverlässiger, als das auf stereome- wischem Wege aus dem Congius hergeleitete; denn es ist in der Me- wologie Grundsatz, vom Ganzen auf die Theile, nicht umgekehrt zu schliefsen. G.W.S. Beigel. (1) Die Abwägung geschah am 29. Julius 1820. um BILD DU en ” Ueber die Buchstabenschrift und ihren /ıasammenhang mit dem Sprachbau. Von P H'"- WILHELM vos HUMBOLDT. wmanmnnavwnnVwnn [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 20. Mai 1824.] F; hat mir bei dem Nachdenken über den Zusammenhang der Buch- stabenschrift mit der Sprache immer geschienen, als wenn die erstere in genauem Verhältnifs mit den Vorzügen der letzteren stände, und als wenn die Annahme und Bearbeitung des Alphabets, ja selbst die Art und vielleicht auch die Erfindung desselben, von dem Grade der Voll- kommenheit der Sprache, und noch ursprünglicher, der Sprachanlagen jeder Nation abhinge. Anhaltende Beschäftigung mit den Amerikanischen Sprachen, Stu- dium der Alt-Indischen und einiger mit ihr verwandten, und die Be- trachtung des Baues der Chinesischen schienen mir diesen Satz auch ge- schichtlich zu bestätigen. Die Amerikanischen Sprachen, die man zwar sehr mit Unrecht mit dem Namen roher und wilder bezeichnen würde, die aber ihr Bau doch bestimmt von den vollkommen gebildeten unter- scheidet, haben, soviel wir bis jetzt wissen, nie Buchstabenschrift be- sessen. Mit den Semitischen und der Indischen ist diese so innig ver- wachsen, dafs auch nicht die entfernteste Spur vorhanden ist, dafs sie sich jemals einer anderen bedient hätten. Wenn die Chinesen beharr- lich die ihnen seit so langer Zeit bekannten Alphabete der Europäer zurückstofsen, so liegt dies, meines Erachtens, bei weitem nicht blofs in ihrer Anhänglichkeit am Hergebrachten, und ihrer Abneigung gegen das Fremde, sondern viel mehr darin, dafs, nach dem Mafs ihrer Sprach- anlagen, und nach dem Bau ihrer Sprache, noch gar nicht das innere Bedürfnifs nach einer Buchstabenschrift ın ihnen erwacht ist. Wäre dies nicht der Fall, so würden sie durch ihre eigene, ihnen in hohem Hist. phiol, Klasse 1824. X 162 Huvmsoror Grade beiwohnende Erfindsamkeit, und durch ihre Schriftzeichen selbst dahin gekommen seyn, nicht blofs, wie sie jetzt ıhun, Lautzeichen als Nebenhülfe zu gebrauchen, sondern ein wahres, vollständiges und rei- nes Alphabet zu bilden. Auf Aegypten allein schien diese Vorstellungsart nicht recht zu passen. Denn die heutige Coptische Sprache beweist unläugbar, dafs auch die Alt-Aegypusche einen Bau besals, der nicht von grofsen Sprachanlagen der Nation zeugt, und dennoch hat Aegypten nicht nur Buchstabenschrift besessen, sondern war sogar, nach keinesweges ver- werflichen Zeugnissen, die Wiege derselben. Allein auch wenn eine Nation Erfinderin einer Buchstabenschrift ist, bleibt ihre Art, dieselbe zu behandeln, ihrer Anlage entsprechend, den Gedanken aufzufassen und durch Sprache zu fesseln und auszubilden; und die Wahrheit die- ser Behauptung leuchtet gerade recht aus der wunderbaren Art her- vor, wie die Aegyptier Bilder- und Buchstabenschrift in einander über- gehen liefsen. Buchstabenschrift und Sprachanlage stehen daher in dem engsten Zusammenhange, und in durchgängiger Beziehung auf einander. Dies werde ich mich bemühen, hier sowohl aus Begriffen, als, soviel es in der Kürze geschehen kann, welche diesen Abhandlungen geziemt, ge- schichllich zu beweisen. Die Wahl dieses Gegenstandes hat mir aus dem zwiefachen Grunde angemessen geschienen, dafs die Natur der Sprache in der That nicht vollständig eingesehen werden kann, wenn man nicht zugleich ihren Zusammenhang mit der Buchstabenschrift untersucht, und dafs gerade jene neuesten Beschäftigungen mit der Aegyptischen Schrift den Antheil an Untersuchungen über Schrift-Erfindung und Aneignung im gegenwärtigen Augenblicke verdoppeln. Alles, was sich auf die äufseren Zwecke der Schrift, ihren Nutzen im Gebrauch für das Leben und die Verbreitung der Kenntnisse be- zieht, übergehe ich gänzlich. Ihre Wichtigkeit von dieser Seite leuch- tet zu sehr von selbst ein, und nur Wenige dürften in dieser Hinsicht die Vorzüge der Buchstabenschrift vor den übrigen Schriftarten ver- kennen. Ich beschränke mich blofs auf den Einflufs der alphabetischen auf die Sprache und ihre Behandlung. Ist dieser wirklich bedeutend, ist der Zusammenhang der Sprache mit dem Gebrauche eines Alphabets über die Buchstabenschrift. 163 innig und fest, so können auch die Ursachen begieriger Aneignung der Buchstabenschrift, oder kalter Gleichgülugkeit gegen dieselbe, nicht län- ger zweifelhaft bleiben. Wie aber schon oft von den Sprachen selbst behauptet wird, dafs ihre Verschiedenheit nicht von grofser Wichtigkeit sei, da, wie auch der Schall laute, und die Rede sich verknüpfe, doch endlich immer derselbe Gedanke hervortrete, so dürfte die Arı der Schriftzeichen noch für bei weitem gleichgültger gehalten werden, wenn sie nur nicht gar zu grofse Unbequemlichkeit mit sich führe, oder die Nation sich ge- wöhnt habe, die mit ihr verbundenen zu überwinden. Auch machen diejenigen, welche sich der Schrift häufig, und noch weit mehr die- jenigen, welche sich derselben auf eine sinnige Weise bedienen, immer und von jedem Volke einen kleinen Theil aus. Jede Sprache hat also nicht blofs lange Zeit ohne Schrift bestanden, sondern lebt auch grofsen- theils beständig auf gleiche Art fort. Allein das tönende Wort ist gleichsam eine Verkörperung des Gedanken, die Schrift eine des Tons. Ihre allgemeinste Wirkung ist, dafs sie die Sprache fest heftet, und dadurch ein ganz anderes Nach- denken über dieseibe möglich macht, als wenn das verhallende Wort blofs im Gedächtnifs eine bleibende Stätte findet. Es ist aber auch zu- gleich unvermeidlich, dafs sich nicht irgend eine Wirkung dieser Be- zeichnung durch Schrift, und der bestimmten Art derselben überhaupt dem Einflusse der Sprache auf den Geist beimischen sollte. Es ist daher keinesweges gleichgülug, welche Art der Anregung die geistige Thäug- keit durch die besondere Natur der Schriftbezeichnung erhält. Es liegt in den Gesetzen dieser Thätigkeit, das Denkbare und Anschauliche als Zeichen und Bezeichnetes zu betrachten, wechselsweise hervorzurufen, und in verschiedene Stellung gegen einander zu bringen; es ist ihr eigen, bei einer Idee oder Anschauung auch die verwandten wirken zu lassen, und so kann die Uebertragung des erst als Ton gehefteten Gedanken auf einen Gegenstand des Auges, nach Mafsgabe der Art, wie sie ge- schieht, dem Geiste sehr verschiedene Richtungen geben. Offenbar aber müssen, wenn die Gesammtwirkung nicht gestört werden soll, das Den- ken in Sprache, die Rede und die Schrift übereinstimmend gebildet, und wie aus Einer Form gegossen seyn. X 2 164 Hvmsorıpr Darum dafs die Schrift nur immer Eigenthum eines kleineren Theils der Nation bleibt, und wohl überall erst entstanden ist, als der schon fesıbestimmte Sprachbau nicht mehr wesentliche Umänderungen zuliefs, ist ihr Einflufs auf sie nicht minder wichüg. Denn die gemein- schaftliche Rede umschlingt doch (freilich in einer Lebensform weniger als in der andern) das ganze Volk, und was auf sie bei Einzelnen ge- wirkt ist, geht doch mittelbar auf Alle über. Die feinere Bearbeitung der Sprache aber, für welche der Gebrauch der Schrift eigentlich erst den Anfangspunkt bezeichnet, ist gerade die wichtigste, und unterschei- det, an sich und in ihrer Wirkung auf die Nationalbildung, die Eigen- thümlichkeit der Sprachen bei weitem mehr, als der gröbere, ursprüng- liche Bau. Die Eigenthümlichkeit der Sprache besteht darin, dafs sie, ver- mittelnd, zwischen dem Menschen und den äufseren Gegenständen eine Gedankenwelt an Töne heftet. Alle Eigenschaften jeder einzelnen kön- nen daher auf die beiden grofsen Hauptpunkte in der Sprache überhaupt bezogen werden, ihre Idealität und ihr Tonsystem. Was der ersteren an Vollständigkeit, Klarheit, Bestimmtheit und Reinheit, dem letzteren an Vollkommenheit abgeht, sind ihre Mängel, das Entgegengesetzte ihre Vorzüge. Diese Ansicht habe ich in zwei, dieser Versammlung früher vor- gelegten Abhandlungen aufzustellen und zu rechtfertigen versucht, mich bemühet zu zeigen: dafs das, auch unverknüpfte Wortsystem jeder Sprache eine Ge- dankenwelt bildet, die, gänzlich heraustretend aus dem Gebiet willkühr- licher Zeichen, für sich Wesenheit und Selbständigkeit besitzt; dafs diese Wortsysteme niemals einem einzelnen Volk allein an- gehören, sondern auf einem Wege der Ueberlieferung, den weder die Geschichte, noch die Sprachforschung ganz zu verfolgen im Stande sind, zu dem Werke der gesammten Menschheit alle Jahrhunderte ihres Da- seyns hindurch werden, und dafs mithin jedes Wort ein doppeltes Bil- dungselement in sich wägt, ein physiologisches, aus der Natur des mensch- lichen Geistes hervorgehendes, und ein geschichtliches, in der Art sei- ner Entstehung liegendes; ferner: über die Buchstabenschrift. 165 dafs der Charakter der vollkommener gebildeten Sprachen dadurch bestimmt wird, dafs die Natur ihres Baues beweist, dafs es dem Geist nicht blofs auf den Inhalt, sondern vorzüglich auf die Form des Gedan- ken ankommt. Ich glaube diesen Weg auch hier verfolgen zu können, und es leuchtet nun von selbst ein, dafs die Buchstabenschrift die Idealität der Sprache schon insofern negativ befördert, als sie den Geist auf keine, von der Form der Sprache abweichende Weise anregt, dafs aber das Tonsystem, da Lautbezeichnung ihr Wesen ausmacht, erst durch sie Festigkeit und Vollständigkeit erlangen kann. Dafs jede Bilderschrift durch Anregung der Anschauung des wirk- lichen Gegenstandes die Wirkung der Sprache stören mufs, statt sie zu unterstützen, fällt von selbst in die Augen. Die Sprache verlangt auch Anschauung, heftet sie aber an die, vermittelst des Tones, gebun- dene Wortform. Dieser mufs sich die Vorstellung des Gegenstandes unterordnen, um als Glied zu der unendlichen Kette zu gehören, an welcher sich das Denken durch Sprache nach allen Richtungen hin- schlingt. Wenn sich das Bild zum Schriftzeichen aufwirft, so drängt es unwillkührlich dasjenige zurück, was es bezeichnen will, das Wort. Die Herrschaft der Subjectivität, das Wesen der Sprache, wird ge- schwächt, die Idealität dieser leidet durch die reale Macht der Erschei- nung, der Gegenstand wirkt nach allen seinen Beschaffenheiten auf den Geist, nicht nach denjenigen, welche das Wort, in Uebereinsimmung mit dem individuellen Geiste der Sprache, auswählend zusammenfafst, die Schrift, die nur Zeichen des Zeichens seyn soll, wird zugleich Zeichen des Gegenstandes, und schwächt, indem sie seine unmittelbare Erscheinung in das Denken einführt, die Wirkung, welche das Wort gerade dadurch ausübt, dafs es nur Zeichen seyn will. An Lebendig- keit kann die Sprache durch das Bild nicht gewinnen, da diese Gat- tung der Lebendigkeit nicht ihrer Natur entspricht, und die beiden verschiedenen Thätigkeiten der Seele, die man hier zugleich anregen möchte, können nicht Verstärkung, sondern nur Zerstreuung der Wir- kung zur Folge haben. Dagegen scheint eine Figurenschrift, welche Begrifle bezeichnet, recht eigentlich die Idealität der Sprache zu befördern. Denn ihre 166 Huvmsoüp'r willkührlich gewählten Zeichen haben ebensowenig, als die der Buchsta- ben, etwas, das den Geist zu zerstreuen vermöchte, und die innere Ge- setzmäfsigkeit ihrer Bildung führt das Denken auf sich selbst zurück. Dennoch wirkt auch eine solche Schrift gerade der idealen, d.h. der die Aufsenwelt in Ideen verwandelnden Natur der Sprache entge- gen, wenn sie auch nach der strengsten Gesetzmäfsigkeit in allen ih- ren Theilen zusammengefügt wäre. Denn für die Sprache ist nicht blofs die sinnliche Erscheinung stoflartig, sondern auch das unbestimmte Denken, inwiefern es nicht fest und rein durch den Ton gebunden ist; denn es ermangelt der ihr wesentlich eigenthümlichen Form. Die In- dividualität der Wörter, in deren jedem immer noch etwas anderes, als blofs seine logische Definition liegt, ist insofern an den Ton geheftet, als durch ‘diesen unmittelbar in der Seele die ihnen eigenthümliche Wirkung geweckt wird. Ein Zeichen, das den Begriff aufsucht, und den Ton vernachlässigt, kann sie mithin nur unvollkommen ausdrücken. Ein ‚System solcher Zeichen giebt nur die abgezogenen Begriffe der äufseren und inneren Welt wieder; die Sprache aber soll diese Welt selbst, zwar in Gedankenzeichen verwandelt, aber in der ganzen Fülle ihrer reichen, bunten und lebendigen Mannigfalugkeit enthalten. Es hat aber auch nie eine Begriflsschrift gegeben, und kann keine geben, die rein nach Begriffen gebildet wäre, und auf die nicht die in bestimmte Laute gefafsten Wörter der Sprache, für welche sie erfun- den wurde, den hauptsächlichsten Einflufs ausgeübt hätten. Denn da die Sprache doch vor der Schrift da ist, so sucht dieselbe natürlich für jedes Wort ein Zeichen, und nimmt diese, wenn sie auch durch syste- matische Unterordnung unter ein Begriflssystem vom Laut unabhängige Geltung hätten, doch in dem Sinn der ihnen untergelegten Wörter. Daher ist jede Begriflsschrift immer zugleich eine Lautschrift, und ob sie, nebenher und in welchem Grade, auch als walıre Begriflsschrift gilt? hangı von dem Grade ab, in welchem der sie Gebrauchende die systematische Unterordnung ihrer Zeichen, den logischen Schlüssel ih- rer Bildung, kennt und beachtet. Wer die den Wörtern enisprechen- den Zeichen nur mechanisch kennt, besitzt in ihr nichts, als eine Laut- schrift. ‘Wenn eine solche Schrift auf eine andere Sprache übergeht, findet der gleiche Fall statt, Denn auch in dieser mufs der Gebrauch, 27 über die Buchstabenschrift. 167 wenn die Schrift wirklich Schrift seyn soll, doch jedem Zeichen seine Geltung in Einem, oder mehreren bestimmten Wörtern anweisen. Die Schriftzeichen sind also in beiden Sprachen nur insofern gleichbedeu- tend, als es die ihnen untergelegten Wörter sind, und das Lesen des in einer beider Sprachen Geschriebenen wird für den dieser Sprache Unkundigen immer zu einem Uebersetzen, in welchem die Individuali- tät der Ursprache allemal aufgegeben wird. Es geht also bei dem Ge- brauche Einer solchen Schrift unter verschiedenen Nationen immer hauptsächlich nur der Inhalt über, die Form wird wesentlich verän- dert, und der unläugbare Vorzug einer Begriflsschrift, Nationen ver- schiedener Sprachen verständlich zu seyn, wiegt die Nachtheile nicht auf, welche sie von anderen Seiten her mit sich führt. Als Lautschrift ist eine Begriflsschrifi unvollkommen, weil sie Laute für Wörter angiebt, mithin der Sprache allen Gewinn entzieht, der, wie wir sehen werden, aus der Lautbezeichnung der Wortele- mente entspringt. Sie wirkt aber auch niemals rein als Lautschrift. Da man der Geltung und dem Zusammenhang ihrer Zeichen nach Be- griffen nachgehen kann, den Gedanken, gleichsam mit Uebergehung des Lautes, unmittelbar bilden, so wird sie dadurch zu einer eignen Sprache, und schwächt den natürlichen, vollen und reinen Eindruck der wahren und nationellen. Sie ringt auf der einen Seite, sich von der Sprache überhaupt, wenigstens von einer bestimmten frei zu machen, und schiebt auf der andern dem natürlichen Ausdruck der Sprache, dem Ton, die viel weniger angemessene Anschauung durch das Auge unter. Sie han- delt daher dem instnctartigen Sprachsinn des Menschen gerade entge- gen, und zerstört, je mehr sie sich mit Erfolg geltend macht, die Indi- vidualität der Sprachbezeichnung, die allerdings nicht blofs in dem Laut einer jeden liegt, aber an denselben durch den Eindruck gebunden ist, den jede besimmte Verknüpfung artieulirtrer Töne unläugbar specilisch hervorbringt. Das Bemühen, sich von einer bestimmten Sprache unabhängig zu machen, mufs, da das Denken ohne Sprache einmal unmöglich ist, nachtheilig und verödend auf den Geist einwirken. Eine Begriflsschrift übt diese Nachtheile nur insofern nicht in dem hier geschilderten Grade 168 Huvmsoıror aus, als ihr System nicht consequent durchgeführt ist, und als sie im Gebrauch phonetisch aufgenommen wird. Die Buchstabenschrift ist von diesen Fehlern frei, einfaches, durch keinen Nebenbegriff zerstreuendes Zeichen des Zeichens, die Sprache überall begleitend, ohne sich ihr vorzudrängen, oder zur Seite zu stel- len, nichts hervorrufend, als den Ton, und daher die natürliche Unter- ordnung bewahrend, in welcher der Gedanke nach dem durch den Ton gemachten Eindruck angeregt werden, und die Schrift ihn nicht an sich, sondern in dieser bestimmten Gestalt festhalten soll. Durch dies enge Anschliefsen an die eigenthümliche Natur der Sprache verstärkt sie gerade die Wirkung dieser, indem sie auf die prangenden Vorzüge des Bildes und Begriflsausdrucks Verzicht leistet. Sie stört die reine Gedankennatur der Sprache nicht, sondern vermehrt vielmehr dieselbe durch den nüchternen Gebrauch an sich bedeutungs- loser Züge, und läutert und erhöht ihren sinnlichen Ausdruck, indem sie den im Sprechen verbundenen Laut in seine Grundtheile zerlegt, den Zusammenhang derselben unter einander, und in der Verknüpfung zum Wort anschaulich macht, und durch die Fixirung vor dem Auge auch auf die hörbare Rede zurückwirkt. An diese Spaltung des verbundenen Lauts, als an das Wesen der Buchstabenschrift, haben wir uns daher zu halten, wenn wir den inne- ven Einflufs derselben auf die Sprache beurtheilen wollen. Die Rede bildet im Geiste des Sprechenden, bis sie einen Gedan- ken erschöpft, ein verbundenes Ganzes, in welchem erst die Reflexion die einzelnen Abschnitte aufsuchen mufs. Dies erfährt man vorzüglich bei der Beschäftigung mit den Sprachen ungebildeter Nauonen. Man mufs theilen und theilen, und immer mistrauisch bleiben, ob das ein- fach Scheinende nicht auch noch zusammengesetzt ist. Gewissermafsen ist freilich dasselbe auch bei den hochgebildeten der Fall, allein auf verschiedene Weise; bei diesen nur etymologisch zum Behuf der Ein- sicht in die Wortentstehung, bei jenen grammatisch und syntaktisch zum Behuf der Einsicht in die Verknüpfung der Rede. Das Verbinden des zu Trennenden ist allemal Eigenschaft des ungeübten Denkens und Sprechens; von dem Kinde und dem Wilden erhält man schwer Wör- über die Buchstabenschrift. 169 ter, statt Redensarten. Die Sprachen von unvollkommnerem Bau über- schreiten auch leicht das Maafs dessen, was in einer grammatischen Form verbunden seyn darf. Die logische Theilung, welche die Gedanken- verknüpfung auflöst, geht aber nur bis auf das einfache Wort. Die Spal- tung dieses ist das Geschäft der Buchstabenschrift. Eine Sprache, die sich einer anderen Schrift bedient, vollendet daher das Theilungsgeschäft der Sprache nicht, sondern macht einen Stillstand, wo die Vervollkomm- nung der Sprache weiter zu gehen gebietet. Zwar ist die Aufsuchung der Lautelemente auch ohne den Ge- brauch der Buchstabenschrift denkbar, und die Chinesen besitzen na- mentlich eine Analyse der verbundenen Laute, indem sie die Zahl und Verschiedenheit ihrer Anfangs- und End-Aruculationen und ihrer Wort- betonungen bestimmt und genau angeben. Da aber nichts weder in der gewöhnlichen Sprache, noch in der Schrift (insofern sie nemlich wirklich Zeichenschrift ist, da die Chinesen bekanntlich dieser auch Lautbezeichnung beimischen) zu dieser Analyse nöthigt, so kann sie schon darum nicht so allgemein seyn. Da ferner der einzelne Ton (Consonant und Vocal) nicht durch ein nur ihm angehörendes Zeichen isolirt dargestellt, sondern nur den Anfängen und Endigungen verbun- dener Laute abgehört wird, so ist die Darstellung des Tonelements nie so rein und anschaulich, als durch die Buchstabenschrift, und die Laut- analyse, wenn ihr auch nichts an Vollständigkeit und Genauigkeit ab- einge, macht nicht auf den Geist den Eindruck einer rein vollendeten sing Sprachtheilung. Bei der inneren Wirkung der Sprachen aber, welche allein ihre wahren Vorzüge bestimmt, kommt Alles auf das volle und reine Wirken jedes Eindrucks an, und der geringste, im äufseren Er- folg gar nicht bemerkbare Mangel an einem von beiden ist von Erheb- lichkeit. Das alphabetische Lesen und Schreiben dagegen nöthigt in jedem Augenblick zum Anerkennen der zugleich dem Ohr und dem Auge fühlbaren Lautelemente, und gewöhnt an die leichte Trennung und Zusammensetzung derselben; es macht daher eine vollendet richtige Ansicht der Theilbarkeit der Sprache in ihre Elemente in eben dem Grade allgemein, in welchem es selbst über die Nation verbreitet ist. Zunächst äufsert sich diese berichtigte Ansicht in der Aussprache, die, durch das Erkennen und Ueben der Lautelemente in abgesonderter Hıst. phuol, Klasse 1824. Y 170 Huvmsorpr Gestalt, befestigt und geläutert wird. So wie für jeden Laut ein Zeichen gegeben ist, gewöhnen sich das Ohr und die Sprachorgane, ihn immer genau auf dieselbe Weise zu fordern und wiederzugeben; zugleich wird er, mit Abschneidung des unbestimmten Tönens, mit dem, im ungebil- deten Sprechen, ein Laut in den andern überfliefst, schärfer und rich- tiger begränzt. Diese reinere Aussprache, die feine Ausbildung des Ohrs und der Sprachwerkzeuge ist schon an sich, und in ihrer Wir- kung auch auf das Innere der Sprache von der äufsersten Wichtigkeit; die Absonderung der Lautelemente übt aber auch einen noch tiefer in das Wesen der Sprache eingehenden Einflufs aus. | Sie führt nemlich der Seele die Articulauon der Töne vor, in- dem sie die articulirten Töne vereinzelt und bezeichnet. Die alphabe- usche Schrift thut dies klarer und anschaulicher, als es auf irgend ei- nem anderen Wege geschehen könnte, und man behauptet nicht zu viel, wenn man sagt, dafs durch das Alphabet einem Volke eine ganz neue Einsicht in die Natur der Sprache aufgeht. Da die Articulation das Wesen der Sprache ausmacht, die ohne dieselbe nicht einmal mög- lich seyn würde, und der Begriff der Gliederung sich über ihr ganzes Gebiet, auch wo nicht blofs von Tönen die Rede ist, erstreckt; so mufs die Versinnlichung und Vergegenwärigung des gegliederten Tons vor- zugsweise mit der ursprünglichen Richtigkeit und der allmählichen Ent- wickelung des Sprachsinnes in Zusammenhang stehen. Wo dieser stark und lebendig ist, wird ein Volk aus eigenem Drange der Erfindung des Alphabets entgegengehen, und wo ein Alphabet einer Nation von der Fremde her zukommt, wird es die Sprachausbildung in ihr befördern und beschleunigen. Obgleich der artieulirte Laut körperlich und instinctartig hervor- gebracht ist, so stammt sein Wesen doch eigentlich nur aus der inne- ren Scelenanlage zur Sprache, die Sprachwerkzeuge besitzen blofs die Fähigkeit, sich dem Drange dieser gemäfs zu gestalten. Eine Definition des articulirten Lauts, blofs nach seiner physischen Beschaffenheit, ohne die Absicht oder den Erfolg seiner Hervorbringung darin aufzunehmen, scheint mir daher unmöglich. Er ıst ein sich einzeln abschneidender Laut, nicht ein verbundenes und vermischtes Tönen oder Schmettern, wie die meisten Gefühllaute. Sein charakteristischer Unterschied liegt über die Buchstabenschrift. 171 nicht, musikalisch, in der Höhe und Tiefe, da er durch die ganze Ton- leiter hindurch angestimmt werden kann. Derselbe beruht ebensowenig auf der Dehnung und Verkürzung, Helligkeit oder Dumpfheit, Härte oder Weiche, da diese Verschiedenheiten theils Eigenschaften aller aru- culirten Töne seyn können, theils Gattungen derselben bilden. Versucht wan nun aber die Unterschiede zwischen a und e, p und k u.s.w. auf ei- nen allgemeinen sinnlichen Begriff zurückzuführen, so ist mir wenigstens bis jetzt dies immer mislungen. Es bleibt nichts übrig, als überhaupt zu sagen, dafs diese Töne, unabhängig von jenen Kennzeichen, dennoch specilisch verschieden sind, oder dafs ihr Unterschied aus einem bestiimm- ten Zusammenwirken der Organe entsteht, oder eine andere ähnliche Beschreibung zu versuchen, die aber nie eine wahre Definition giebt. Erschöpfend und ausschliefsend wird ihr Wesen immer nur dadurch geschildert, dafs man ihnen die Eigenschaft zuschreibt, unmittelbar durch ihr Ertönen Begrifle hervorzubringen, indem ıheils jeder einzelne dazu gebildet ist, theils die Bildung des einzelnen eine in bestimmba- ven Classen bestimmbare Anzahl gleichartiger, aber specilisch verschie- dener möglich macht und fordert, welche nothwendige oder willkühr- liche Verbindungen mit einander einzugehen geeignet sind. Hierdurch ist jedoch nicht mehr gesagt, als dafs aruculirte Laute Sprachlaute und umgekehrt sind. Die Sprache aber liegt in der Seele, und kann sogar bei wider- strebenden Organen und fehlendem äufseren Sinn hervorgebracht wer- den. Dies sieht man bei dem Unterrichte der Taubstummen, der nur dadurch möglich wird, dafs der innere Drang der Seele, die Gedanken in Worte zu kleiden, demselben entgegenkommt, und vermitutelst er- leichternder Anleitung den Mangel ersetzt, und die Hindernisse besiegt. Aus der individuellen Beschaflenheit dieses Dranges, verständliche Laute hervorzubringen, aus der Individualität des Lautgefühls; (überhaupt in Hinsicht des Lautes, als solchen, des musikalischen Tons und der Arti- culation) und endlich aus der Individualität des Gehörs und der Sprach- werkzeuge enısteht das besondere Lautsystem jeder Sprache, und wird, sowohl durch seine ursprüngliche Gleichartigkeit mit der ganzen Sprach- anlage des Individuums, als in seinen lausendfachen, einzeln gar nicht zu verfolgenden Einflüssen auf alle Tkeile des Sprachbaues, die Grundlage %2 172 Huvmsoırpr der besonderen Eigenthümlichkeit der ganzen Sprache seibst. Die aus der Seele heraustönende specilische Sprachanlage verstärkt sich in ihrer Eigenthümlichkeit, indem sie wieder ihr eigenes Tönen, als etwas frem- des Erklingendes, vernimmt. Wenn gleich jede wahrhaft menschliche Thätigkeit der Sprache bedarf, und diese sogar die Grundlage aller ausmacht, so kann doch eine Nation die Sprache mehr oder weniger eng in das System ihrer Gedanken und Empfindungen verweben. Es beruht dies auch nicht blofs, wie man wohl zuweilen zu glauben pflegt, auf ihrer Geisugkeit überhaupt, ihrer mehr oder weniger sinnigen Richtung, ihrer Neigung zu Wissenschaft und Kunst, noch weniger auf ihrer Cultur, einem höchst vieldeutigen, und mit der gröfsesten Behutsamkeit zu brauchen- den Worte. Eine Nation kann in allen diesen Rücksichten vorzüglich seyn, und dennoch der Sprache kaum das ihr gebührende Recht ein- räumen. Der Grund davon liegt in Folgendem. Wenn man sich das Ge- biet der Wissenschaft und Kunst auch völlig abgesondert von Allem denkt, was sich auf die Anordnung des physischen Lebens bezieht, so giebt es für den Geist doch mehrere Wege dahin zu gelangen, von denen nicht jeder die Sprache gleich stark und lebendig in Anspruch nimmt. Diese lassen sich theils nach Gegenständen der Erkenntnifs bestimmen, wobei ich nur an die bildende Kunst und die Mathematik zu erinnern brauche, theils nach der Art des geistigen Triebes, der mehr die sinnliche Anschauung suchen, trockenem Nachdenken nachhän- gen, oder sonst eine, nicht der ganzen Fülle und Feinheit der Sprache bedürfende Richtung nehmen kann. Zugleich liegt, wie schon oben bemerkt ist, auch in der Sprache ein Doppeltes, durch welches das Gemüth nicht immer in der noth- wendigen Vereinigung berührt wird; sie bildet Begriffe, führt die Herr- schaft des Gedanken in das Leben ein, und thut es durch den Ton. Die geistige Anregung, die sie bewirkt, kann dahin führen, dafs man, vorzugsweise von dem Gedanken getroffen, ihn zugleich auf einem an- deren, unmittelbareren Wege, entweder sinnlicher, oder reiner, unab- hängiger von einem, als zufällig erscheinenden Schall, aufzufassen ver- sucht; alsdann wird das Wort nur als Nebenhülfe ‚behandelt. Es kann über die Buchstabenschrift. 1173 aber auch gerade der in Töne gekleidete Gedanke die Hauptwirkung auf das Gemüth ausüben, gerade der Ton, zum Worte geformt, begeistern, und alsdann ist die Sprache die Hauptsache, und der Gedanke erscheint nur als hervorspriefsend aus ihr, und untrennbar in sie verschlungen. Wenn man daher die Sprachen mit der Individualität der Natio- nen vergleicht, so mufs man zwar zuerst die geisiige Richtung derselben überhaupt, nachher aber immer vorzüglich den eben erwähnten Unter- schied beachten, die Neigung zum Ton, das feine Unterscheidungsgefühl seiner unendlichen Anklänge an den Gedanken, die leise Regsamkeit, durch ihn gestimmt zu werden, dem Gedanken tausendfache Formen zu geben, auf welche, gerade weil sie in der Fülle seines sinnlichen Stoffes ihre Anregung finden, der Geist von oben herab, durch Gedanken- eintheilung nie zu kommen vermöchte, Es liefse sich leicht zeigen, dafs diese Richtung für alle geistige Thhätigkeiten die am gelingendsten zum Ziel führende seyn mufs, da der Mensch nur durch Sprache Mensch, und die Sprache nur dadurch Sprache ist, dafs sie den Anklang zu dem Ge- danken allein in dem Wort sucht. Wir können aber dies für jetzt über- gehen, und nur dabei stehen bleiben, dafs die Sprache wenigstens auf kei- nem Wege eine gröfsere Vollkommenheit erlangen kann, als auf diesem. Was nun die Articulation der Laute, oder, wie man sie auch nennen kann, ihre gedankenbildende Eigenschaft hervorhebt, und ins Licht stellt, wird in dieser geistigen Suimmung begierig gesucht oder ergriffen werden, und so mufs die Buchstabenschrift, welche die Aruculation der Laute, zuerst bei dem Aufzeichnen, hernach bei allgemein werdender Gewohnheit, bei dem innersten Hervorbringen der Gedanken, der Seele unablässig vor- führt, in dem engsten Zusammenhange mit der individuellen Sprachanlage jeder Nation stelien. Auch erfunden oder gegeben, wird sie ihre volle und eigenthümliche Wirkung nur da ausüben, wo ihr die dunkle Emplin- dung des Bedürfnisses nach ihr schon voranging. So unmittelbar an die innerste Natur der Sprache geknüpft, übt sie nothwendig ihren Einflufs auf alle Theile derselben aus, und wird von allen Seiten her in ihr gefordert, Ich will jedoch nur an zwei Punkte erinnern, mit welchen ihr Zusammenhang vorzüglich einleuch- tend ist, an die rhythimischen Vorzüge der Sprachen, und die Bildung der grammalischen Formen. 174 Humsowupır Ueber den Rhythmus ist es in dieser Beziehung kaum nöthig, et- was hinzuzufügen. Das reine und volle Hervorbringen der Laute, die Sonderung der einzelnen, die sorgfältige Beachtung ihrer eigenthümlichen Verschiedenheit kann da. nicht entbehrt werden, wo ihr gegenseitiges Ver- hälınifs die Regel ihrer Zusammenreihung bilder. Es hat gewils ıhyth- wische Dichtung bei allen Nationen vor dem Gebrauch einer Schrift gegeben, auch regelmäfsig sylbenmessende bei einigen, und bei wenigen, vorzüglich glücklich organisirten, hohe Vortrefflichkeit in dieser Behand- lung. Es mufs diese aber unläugbar durch das Hinzukommen des Alpha- betes gewinnen, und vor dieser Epoche zeugı sie selbst schon von einem solchen Gefühl der Natur der einzelnen Sprachlaute, dafs eigentlich nur das Zeichen dafür noch mangelt, wie auch in anderen Bestrebungen der Mensch oft erst von der Hand des Zufalls den sinnlichen Ausdruck für dasjenige erwarten mufs, was er geistig langst in sich trägt. Denn bei der Würdigung des Einflusses der Buchstabenschrift auf die Sprache ist vorzüglich das zu beachten, dafs auch in ihr eigentlich zweierlei liegt, die Sonderung der artieulirten Laute, und ihre äufseren Zeichen. Wir haben schon oben, bei Gelegenheit der Chinesen, bemerkt, und die Be- hauptung läfsı sich, unter Umständen, auch auf wahrhaft alphabetische Schrift ausdehnen, dafs nicht jeder Gebrauch einer Lautbezeichnung den entscheidenden Einflufs auf die Sprache hervorbringt, den die Auffassung der Buchstabenschrift in ihrem wahren Geist einer Nation und ihrer Sprache allemal zusichert. Wo dagegen, anch noch ohne den Besitz alphabetischer Zeichen, durch die hervorstechende Sprachanlage eines Volks jene innere Wahrnehmung des articulirten Lauts (gleichsam der geisuge Theil des Alphabets) vorbereitet und entstanden ist, da geniefst dasselbe, schon vor der Entstehung der Buchstabenschrift, eines Theils ihrer Vorzüge. Daher sind Sylbenmaafse, die sich, wie. der Hexameter und. der sechszehnsy!bige Vers der Slocas aus dem dunkeisten Alterıhum her auf uns erhalten haben, und deren blofser Sylbenfall noch jetzt das Ohr in einen unnachalmlichen Zauber wiegt, vielleicht noch stärkere und siche- vere Beweise des tiefen und feinen Sprachsinns jener Nationen, als die Ueberbleibsel ihrer Gedichte selbst. Denn so eng auch die Dichtung mit der Sprache verschwistert ist, so wirken doch natürlich mehrere über die Buchstabenschrift. 175 Geistesanlagen zusammen auf sie; die Auffindung einer harmonischen Verflechtung von Sylben-Längen und Kürzer aber zeugt von der Empfin- dung der Sprache in ihrer wahren Eigenthümlichkeit, von der Regsam- keit des Ohrs und des Gemüths, durch das Verhältnifs der Aruculatio- nen dergestalt getroflen und bewegt zu werden, dafs man die einzelnen in den verbundenen unterscheidet, und ihre Tongeltung bestimmt und richüg erkennt. Dies liegt allerdings zum Theil auch in dem, der Sprache nicht unmittelbar angehörenden musikalischen Gefühl. Denn der Ton besitzt die glückliche Eigenthümlichkeit, das Idealische auf zwei Wegen, durch die Musik und die Sprache, berühren, und diese beiden mit einander verbinden zu können, woher der von Worten begleitete Gesang wohl unbestreitbar im ganzen Gebiete der Kunst, weil sich zwei ihrer bedeu- tendsten Formen in ihm vereinen, die vollste und erhebendste Empfin- dung hervorbringt. Je lebendiger aber jene Sylbenmaalse auch für die musikalische Anlage ihrer Erfinder sprechen, desto mehr zeugen sie von der Stärke ihres Sprachsinnes, da gerade durch sie dem arliculirten Laut, also der Sprache, neben der hinreilsenden Gewalt der Musik, sein volles Recht erhalten wird. Denn die antiken Sylbenmaafse unterschei- den sich eben dadurch am allgemeinsten von den modernen, dafs sie, auch in dem musikalischen Ausdruck, den Laut immer wahrhaft als Sprachlaut behandeln, die wiederkehrende, vollständige oder unvollstän- dige Gleichheit verbundener Laute (Reim und Assonanz), die auf den blofsen Klang hinausläuft, verschmähen, und nur sehr selten die Sylben gegen ihre Natur, blofs der Gewalt des Rhyıhmus gehorchend, zu dehnen oder zu verkürzen erlauben, sondern genau dafür sorgen, dafs sie in ihrer natürlichen Geltung, klar und unverändert austönend, har- monisch zusammenklingen. Die Beugung, auf welcher das Wesen der grammatischen For- men beruht, führt nothwendig auf die Unterscheidung und Beachtung der einzelnen Articulationen. Wenn eine Sprache nur bedeutsame Laute an einander knüpft, oder es wenigstens nicht versteht, die grammatischen Bezeichnungen mit den Wörtern fest zusammenzuschmelzen, so hat sie es nur mit Lautganzen zu hun, und wird nicht zu der Unterscheidung einer einzelnen Articulaion, wie durch das Erscheinen des nemlichen, 176 Humsouıpr nur in seinen Beugungen verschiedenen Wortes angeregt. So wie da- her Feinheit und Lebendigkeit des Sprachsinnes zu festen grammatischen Formen führen, so befördern diese die Anerkennung des Alphabetes, als Lauts, welcher hernach leichter die Erfindung, oder fruchtbarere Benutzung der sichtbaren Zeichen folgt. Denn wo sich ein Alphabeı zu einer grammatisch‘ noch unvollkommeneren Sprache gesellt, kann Beugung durch Hinzufügung und Umänderung einzelner Buchstaben gebildet, die vorhandene sicherer bewahrt, und die noch halb in Anfü- gung begrillene reiner abgeschieden werden. Wodurch aber die Buchstabenschrift noch viel wesentlicher, ob- gleich nicht so sichtlich an einzelnen Beschaffenheiten erkennbar, auf die Sprache wirkt, ist dadurch, dafs sie allein erst die Einsicht in die Gliederung derselben vollendet, und das Gefühl davon allgemeiner ver- breitet. Denn ohne die Unterscheidung, Bestimmung und Bezeichnung der einzelnen Articulationen, werden nicht die Grunätheile des Sprechens erkannt, und der Begriff der Gliederung wird nicht durch die ganze Sprache durchgeführt. Jeden in einem Gegenstande liegenden Begriff aber vollständig durchzuführen, ist überhaupt und überall von der gröfse- sten Wichtigkeit, und noch mehr da, wo der Gegenstand, wie die Sprache, ganz ideal ist, und wo, theils zugleich, theils nach einander, der Instinet handelt, das Gefühl ahndet, der Verstand einsieht, und die Verstandeseinsicht wieder auf das Gefühl, und dieses auf den Inslinet berichtigend zurückwirkt. Die Folgen des Mangels davon erstrecken sich weit über den unvollendeı bleibenden Theil hinaus, bei den Sprachen ohne Buchstabenschrift, und ohne sichtbare Spuren eines nach dersel- ben empfundenen Bedürfnisses, nicht blofs auf die richtige und voll- ständige Einsicht in die Aruculation der Laute, sondern über die ganze Art ihres Baues und ihres Gebrauchs. Die Gliederung ist aber gerade das Wesen der Sprache; es ist nichts in ıbi, das nicht Theil und Gan- zes seyn könnte, die Wirkung ihres beständigen Geschäfts beruht auf der Leichtigkeit, Genauigkeit und Uebereinsiimmung ihrer Trennungen und Zusammensetzungen. Der Begriff der Gliederung ist ihre logische Function, so wie die des Denkens selbst. ‘Wo also, vermöge der Schärfe des Sprachsinnes, sin einem Volk die Sprache in ihrer ächten, geistigen und tönenden Eigenthümlichkeit empfunden wird, da wird dasselbe über die Buchstabenschrift. 1747 angeregt, bis zu ihren Elementen, den Grundlauten, vorzudringen, die- selben zu unterscheiden und zu bezeichnen, oder mit anderen Wor- ten, Buchstabenschrift zu erfinden, oder sich darbietende begierig zu ergreifen. Richtigkeit der intellectwuellen Ansicht der Sprache, von Leben- digkeit und Feinheit zeugende Bearbeitung ihrer Laute, und Buchstaben- schrift erheischen und befördern sich daher gegenseitig, und vollenden, vereint, die Auffassung und Bildung der Sprache in ihrer ächten Eigen- thümlichkeit. Jeder Mangel an einem dieser drei Punkte wird in ihrem Bau, oder ihrem Gebrauche fühlbar, und wo die natürliche Einwirkung der Dinge nicht durch besondere Umstände Abweichungen erfährt, da darf man sie vereint, und noch verbunden mit Festigkeit grammatischer Formen und rhythmischer Kunst anzutreffen hoflen. Die hier gemachte Einschränkung beugt dem Bestreben vor, das- jenige, was sich theoretisch ergiebt, nun auch durch die Geschichte der Völker (sollte man es ihr auch aufdringen müssen) sogleich beweisen, oder voreilig widerlegen zu wollen. Darum darf aber die Entwicklung aus bloisen Begriffen, wenn sie nur sonst richtig und vollständig ist, nicht unnütz genannt werden. Sie mufs vielmehr, wo es nur irgend angeht, die Prüfung der Thatsachen begleiten, und ihr die Punkte der Untersuchung bestimmen helfen. Nach dem im Vorigen über den Zu- sammenhang des Sprachbaues mit der Buchstabenschrift Gesagten, wer- den erschöpfende Untersuchungen über die Verbreitung der letzteren nicht von der Geschichte der Sprachen selbst getrennt werden dürfen, und es wird überall auf die Frage ankommen: ob es die Beschaffenheit der Sprache, und die sich in ihr ausdrückende Sprachanlage der Nation, oder andere Umstände waren, welche wesentlich auf die Art der Erfin- dung oder Aneignung eines Alphabets einwirkten? inwiefern diese Ent- stehungsweise die Beschaffenheit desselben bestimmte oder veränderte, und welche Spuren es, bei allgemein gewordenem Gebrauch, in der Sprache zurückliefs? Es kann hier nicht meine Absicht seyn, nach der bis jetzt ver- suchten Entwicklung aus Ideen, noch in eine historische Untersuchung der Sprachen in Beziehung auf die Schriftmittel, deren sie sich bedie- nen, einzugeben. Nur um im Ganzen den behaupteten Zusammenhang Hıst. Philol. Klasse 1824. Z 178 Hvmsorpdır zwischen der Buchstabenschrifi und der Sprache auch an einer That- sache zu erläutern, sei es mir erlaubt, diese Abhandlung mit einigen Betwrachtungen über dıe Amerikanischen Sprachen in dieser Hinsicht zu beschliefsen. Man kann es als eine Thatsache annehmen, dafs sich in keinem Theile Amerika’s eine Spur einer Buchstabenschrift gezeigt hat, obgleich es bisweilen behauptet oder vermuthet worden ist. Unter den Mexica- nischen Hieroglyphen findet sich zwar eine, zum Theil den Chinesischen Coua’s ähnliche Gattung, die noch nicht genau erläutert ist, und dies, bei den wenigen vorhandenen Ueberbleibseln, auch wahrscheinlich nicht zuläfst; wären aber darin auf irgend eine Weise Lautzeichen, so wür- den die Nachrichten, die wir über das Land und seine Geschichte be- sitzen, davon Spuren enthalten. Man könnte zwar hier die Einwen- dung machen, dafs auch von Buchstabenzeichen in den Hieroglyphen das Alterıhum schweigt. Allein hier ist der Fall durchaus anders. Dafs Aegypten Buchstabenschrift besafs, fing nur in den allerneuesten Zeiten an bezweifelt zu werden, als man auch die demotische Schrift für Be- grillszeichen erklärte, sonst gab es eine Menge von Zeugnissen, die es bewiesen, oder vermuthen liefsen. Nur darüber stritt man, welche un- ter den Aegyptischen Schriftarten die alphabetische gewesen sei, oder suchte vielmehr den Sitz dieser blofs in der obengenannten demotischen. Dafs in Amerika ein Zustand früherer Cultur über die ältesten Anfänge der uns bekannten Geschichte hinaus untergegangen ist, be- weist eine Reihe von Denkmälern, theils in Gebäuden, theils in künst- licher Bearbeitung des Erdbodens, die sich von den grofsen Seen des nördlichen Theiles bis zur südlichsten Gränze Peru’s erstrecken, von welchen ich zu einem anderen Zweck theils aus der Reise meines Bru- ders, der ihre Gränzen, die Mittelpunkte dieser Civilisation, und den Strich, dem sie folgt, genau angiebt, und die Ursachen des letzteren sehr glücklich nachweist, ıheils aus anderen Quellen, vorzüglich den Werken der ersten Eroberer, ein Verzeichnifs zusammengetragen habe. Meine Aufmerksamkeit bei der Untersuchung der Amerikanischen Sprachen ist daher immer zugleich darauf gerichtet gewesen, ob ihr Bau Spuren des Gebrauchs verloren gegangener Alphabete an sich trage? Ich habe jedoch nie dergleichen angetroflen; vielmehr ist der Organis- über die Buchstabenschrift. 179 mus dieser Sprachen gerade von der Art, dafs man, von den obigen allgemeinen Betrachtungen über den Zusammenhang der Sprache mit der Buchstabenschrift ausgehend, recht füglich begreifen kann, dafs we- der sie zur Erfindung eines Alphabets führten, noch auch, wenn sich ein solches dargeboten hätte, eine mehr als gleichgültige Aneignung des- selben erfolgt seyn würde. Die Aufnahme der nach Amerika gekom- menen Europäischen Schrift beweist indefs freilich hierfür nichts. Denn die unglücklichen Nationen wurden gleich so niedergedrückt, und ihre edelsten Stämme grofsentheils dergestalt ausgerottet, dafs an keine freie, wenigstens keine geistige nationelle Thätigkeit zu denken war. Einige Mexicaner ergriffen aber wirklich das neue Aufzeichnungsmittel, und hinterliefsen Werke in der einheimischen Sprache. Alle Vortheile des Gebräuchs der Buchstabenschrift beziehen sich, wie im Vorigen gezeigt ist, hauptsächlich auf die Form des Ausdrucks, und vermittelst dieser, auf die Entwicklung der Begriffe, und die Be- g mit Ideen. Darin liegt ihre Wirkung, daraus entspringt das Bedürfnifs nach ihr. Gerade die Form des Gedankens aber wird schäftigun durch den Bau der Amerikanischen Sprachen, die zwar bei weitem nicht die bisweilen behauptete, aber doch, und eben hierin, eine auf- fallende Gleichartigkeit haben, nicht vorzüglich begünstigt, oft durch- aus vernachlässigt, und die Amerikanischen Volksstämme standen, auch bei der Eroberung, und in ihren blühendsten Reichen, nicht auf der Stufe, wo im Menschen der Gedanke, als überall herrschend, hervortritt. An die Seltenheit und zum Theil den gänzlichen Mangel solcher grammatischer Bezeichnungen, die man ächte grammatische Formen nennen könnte, will ich hier nur im Vorbeigehen noch einmal erin- nern. Aber ich glaube mich nıcht zu irren, wenn ich auch die nur durch höchst seltene Abweichungen unterbrochene strenge und einför- mige Analogie dieser Sprachen, die Häufung aller durch einen Begriff gegebenen Nebenbestimmungen, auch da, wo ihre Erwähnung nicht nothwendig ist, die vorherrschende Neigung zu dem besonderen Aus- druck, statt des allgemeineren, hierher zähle. Der dauernde Gebrauch einer alphabetischen Schrift würde, wie es mir scheint, nicht nur diese Dinge abgeändert oder umgestaltet haben, sondern lebendigere nationelle Geistigkeit hätte sich auch dieser unbehülflichen Fesseln zu entledigen 22 180 HvmsoırLror gewufst, die Begriffe in ihrer Allgemeinheit aufgefafst, die in dem Ge- danken und der Sprache liegende Gliederung energischer und angemes- sener angewandt, und den Drang gefühlt, das ängsuliche Aufbewahren der Sprache im Gedächtnifs durch Zeichen für das Auge zu sichern, damit die Reflexion ruhiger über ihr walten, und der Gedanke sich in festeren, aber mannigfaltiger wechselnden und freieren Formen bewe- gen könne. Denn wenn die Buchstabenschrift nicht die Bevölkerung Amerika’s begleitet hatte (insofern man nemlich überhaupt eine von der Fremde her annimmt) so waren die Amerikanischen Nationen wohl nur auf eigne Erfindung derselben zurückgewiesen, und da diese mit unge- meinen Schwierigkeiten verbunden ist, so mag die lange Entbehrung einer Buchstabenschrift nicht unbedeutend auf den Bau ihrer Sprachen eingewirkt haben. Diese Einwirkung konnte auch noch dadurch beson- ders modificirt werden, dafs auch die Gattung der Schrift, welche einige Amerikanische Völker wirklich besafsen, nicht von der Art war, bedeu- tenden Einflufs auf die Sprache und das Gedankensystem auszuüben. Ich berühre jedoch dies nur im Vorbeigehn, da, um wirklich darauf fufsen zu können, es eine Vergleichung der Sprachen Amerika’s mit denen der Völkersiämme anderer Welttheile, die sich gleichfalls keiner Schriftzeichen bedienen und mit der Chinesischen, der wenigstens alphabetische fremd sind, nothwendig machen würde, zu welcher hier nicht der Ort ist. Dagegen liegt es den hier anzustellenden Betrachtungen näher, und leuchtet von selbst ein, dafs lange Enıbehrung der Schrift die re- gelmäfsige Einförmigkeit des Sprachbaues, die man fälschlich für einen Vorzug hält, befördert. Abweichungen werden dem Gedächtnifs mühe- voller aufzubewahren, vorzüglich wenn noch nicht hinreichendes Nach- denken über die Sprache erwacht ist, um ihre inneren Gründe zu ent- decken und zu würdigen, oder nicht genug Forschungsgeist, ihre blofs geschichtlichen aufzusuchen. Das Vorherrschen des Gedächtnisses ge- wöhnt auch die Seele an das Hervorbringen der Gedanken in möglichst gleichem Gepräge, und der auf genaue Sprachuntersuchung gerichteten Aufmerksamkeit endlich sind die Fälle nicht fremd, wo die Schrift selbst, das Aneinanderreihen der Buchstaben, Abkürzungen und Verän- derungen hervorbringt. über die Buchstabenschrifi. 181 Man darf hiermit nicht verwechseln, dafs die Schrift den For- men auch mehr Festigkeit, und dadurch in anderer Rücksicht mehr Gleichförmigkeit giebt. Dadurch wirkt sie vorzüglich nur der Spaltung in zu vielfälige Mundarten entgegen, und schwerlich würden sich, bei anhaltendem Schriftgebrauch, die den meisten Amerikanischen Sprachen eigenen Verschiedenheiten der Ausdrücke der Männer und Weiber, Kin- der und Erwachsenen, Vornehmen und Geringen erhalten haben. In demselben Stamm und derselben Classe zeigen sonst gerade die Ameri- kanischen Nationen ein bewunderungswürdiges Festhalten der gleichen Formen durch die blofse Ueberlieferung. Man hat Gelegenheit, dies durch die Vergleichung der Schriften der in die ersten Zeiten der Eu- ropäischen Ansiedelungen fallenden Missionarien mit der heutigen Art zu sprechen zu bemerken. Vorzüglich bietet sich dieselbe bei den Nordamerikanischen Stämmen dar, da man sich in den Vereinigten Staaten (und jetzt leider nur dort) auf eine höchst beifallswürdige Weise um die Sprache und das Schicksal der Eingebornen bemüht. Es wäre indefs schr zu wünschen, dafs sich die Aufmerksamkeit noch besiimm- ter auf diese Vergleichung derselben Mundarten in verschiedenen Zei- ten richtete. Die durch die Schrift hervorgebrachte Festigkeit ist da- her mehr ein Verallgemeinern der Sprache, welches nach und nach in die Bildung eines eigenen Dialeets übergeht, und sehr verschieden von der Durchführung Einer Regel durch eine Menge zwar ähnlicher, doch, Begriff und Ton genau beachtet, nicht immer ganz gleicher Fälle, von der wir oben redeten. Alles hier Gesagte findet auch auf das Zusammenhäufen zu vieler Bestimmungen in Einer Form Anwendung, und wenn man den Grün- den tiefer nachgeht, so hangen die hier erwähnten Erscheinungen sämmt- lich von der mehr oder weniger stark und eigenthümlich auf die Sprache gerichteten Regsamkeit des Geistes ab, von welcher die Schrift zugleich Beweis und befördernde Ursach ist. Wo diese Regsamkeit mangelt, zeigt es sich in dem unvollkommeren Sprachbau ; wo sie herrscht, erfährt die- ser eine heilsame Umformung, oder kommt von Anfang an nicht zum Vorschein. Mit dem einen und anderen Zustande aber ist die Schrift, das Bedürfnifs nach ihr, die Gleichgültgkeit gegen sie, in beständiger Verbindung. 182 Huvmsouıpr Bei der Aufzählung der Ursachen der Eigenthümlichkeit der Ame- rikanischen Sprachen darf man aber auch die oben erwähnte Gleich- artigkeit derselben, so wie die Absonderung Amerika’s von den übrigen Weltutheilen nicht vergessen. Selbst wo entschieden verschiedene Sprachen ganz nahe bei einander waren, wie im heutigen Neu-Spanien, habe ich in ihrem Bau nie eine belebende oder gestaltende Einwirkung der einen auf die andere an irgend einer sicheren Spur bemerken können. Die Sprachen vorzüglich gewinnen aber an Kraft, Reichthum und Gestal- tung durch das Zusammenstofsen grofser und selbst contrasurender Ver- schiedenheit, da auf diesem Wege ein reicherer Gehalt menschlichen Daseyns, schon zu Sprache geformt, in sie übergeht. Denn dies nur ist ihr realer Gewinn, der in ihnen, wie in der Natur, aus der Fülle schaflender Kräfte entsteht, ohne dafs der Verstand die Art dieses Schaf- fens ergründen kann, aus der Anschauung, der Einbildungskrafi, dem Gefühl. Nur von diesen hat sie Stoff und Bereicherung zu erwarten; von der Bearbeitung durch den Verstand, wenn dieselbe darüber hinaus- geht, dem Stoff seine volle Geltung in klarem und bestimmtem Denken zu verschaffen, eher Trockenheit und Dürfügkeit zu fürchten. Die Schrift nun kann sich leichter verbreiten, selbst leichter entstehen, wo verschiedene Völkereigenthümlichkeit sich lebendig gegeneinander bewegt; einmal enıstanden und ausgebildet, kann sie aber auch, wie die logische Bearbeitung, zu der sie am mächtigsten mitwirkt, der Lebendigkeit der Sprache, und ihrer Einwirkung auf den Geist nachtheilig werden. Bei den Amerikanischen Völkerstiämmen lag aber dasjenige, was sie, da ihnen Buchstabenschrift einmal nicht von aufsen zugekommen war, von derselben fern hielt, freilich vorzüglich noch im Mangel gei- stiger Bildung, ja nur intellectueller Richtung überhaupt. Davon geben die Mexicaner ein auffallendes Beispiel. Sie besafsen, wie die Aegyp- vier, Hieroglyphen-Bilder und Schrift, machten aber nie die beiden wichügen Schritte, wodurch jenes Volk der alten Welt gleich seine tiefe Geistigkeit bewies, die Schrift von dem Bilde zu sondern, und das Bild als sinniges Symbol zu behandeln, Schritte, welche, aus der geistigen Individualität des Volks entspringend, der ganzen Aegyptischen Schrift ihre bleibende Form gaben, und die man, wie es mir scheint, nicht als blofs stufenweis fortgehende Entwicklung des Gebrauchs der Bilderschrift über die Buchstabenschrift. 183 ansehen darf, sondern die geistigen lunken gleichen, die, plötzlich um- gestaltend, in einer Nation oder einem Individuum sprühen. Die Mexi- canische Hieroglyphik gelangte ebensowenig zur Kunstform. Und doch scheinen mir die Mexicaner unter den uns bekannt gewordenen Ameri- kanischen Nationen an Charakter und Geist die vorzüglichsten zu seyn, und namentlich die Peruaner weit übertrollen zu haben, so wie ich auch glaube, die Vorzüge ihrer Sprache vor der Peruanischen beweisen zu können. Die Gräislichkeit ihrer Menschenopfer zeigt sie allerdings in einer unglaublich rohen und abschreckenden Gestalt. Allein die kalte olitik, mit welcher die Peruaner, nach blofsen Einfällen ihrer Regen- Politik t lcl lie P h blof Einfäll | Regen ten, unter dem Schein weiser Bevormundung, ganze Nationen ihren ’ohnsitzen entrissen, und blutige Kriege führten, um, soweit sie zu Wohnsit L I blutige Kriege führt t 1 reichen vermochten, den Völkern das Gepräge ihrer mönchischen Ein- förmigkeit aufzudrücken, ist kaum weniger grausam zu nennen. In der exicanischen Geschichte ist regere und individuellere Bewegung, die, M ji G g gung wenn auch die Leidenschaften Rohheit verrathen, sich doch, bei hinzu- iommender Bildung, zu höherer Geistigkeit erhebt. ie Ansiedlung der k der Bildung höl Geistigkeit erhebt. Die Ansiedlung d Mexicaner, die Reihe ihrer Kämpfe mit ihren Nachbarn, die siegreiche rweiterung ihres Reichs erinnert an die Römische Geschichte. /on E t g il Reicl t lie R he Geschicht V dem Gebrauch ihrer Sprache in Dichtkunst und Beredsamkeit läfsı sich nicht genau urtheilen, da, was auch von Reden, im Rath und bei häus- ht g theil d l Red Raul l bei häus lichen Veranlassungen, in den Schriftstellern vorkommt, schwerlich hin- länglich treu aufgefafst ist. Allein es läfst sich sehr wohl denken, dafs, vorzüglich in den politischen, dem Ausdruck weder Scharfsinn, noch Feuer, noch hinreilsende Gewalt jeder Empfindung gefehlt haben mag. Findet sich doch dies alles noch in unseren Tagen in den Reden der Häuptlinge der Nord-Amerikanischen wilden Horden, deren Aechtheit nicht zu bezweifeln scheint, und wo diese Vorzüge gerade nicht können aus dem Umgange mit Europäern abgeleitet werden. Da Alles, was den Menschen bewegt, in seine Sprache übergeht, so mufs man wohl die Stärke und Eigenthümlichkeit der Empfindungsweise und des Cha- rakters im Leben überhaupt von der intelleciuellen Richtung und der Neigung zu Ideen unterscheiden. Beides strahlt in dem Ausdruck wie- der, aber auf die Gestaltung und den Bau der Sprache kann doch, ohne das letztere, nicht mächug und dauernd gewirkt werden. 184 HumsouLuor Es ist sehr wahrscheinlich, dafs, wenn auch ‚das Mexicanische und Peruanische Reich noch Jahrhunderte hindurch unerobert von Fremden bestanden hätte, diese Nationen doch nicht würden aus sich selbst zur Buchstabenschrift gelangt seyn. Die Bilderschrift und die Knotenschnüre, welche beide befafsen, von welchen aber, aus noch nicht gehörig klar gewordenen Ursachen, jene bei den Mexicanern, diese bei den Peruanern ausschliefslich im Staats- und eigentlichen National- gebrauch blieben, erfüllten die äufseren Zwecke der Gedanken- Auf- zeichnung, und ein inneres Bedürfnis nach vollkommeneren ‚Mitteln wäre schwerlich erwacht. Ueber die Knotenschnüre, die auch in anderen Gegenden Ameri- ka’s, aufserhalb Peru und Mexico, üblich waren, und die auf Vermu- thungen eines Zusammenhanges der Bevölkerung Amerika’s mit China, so wie die Hieroglyphen mit Aegypten geführt haben, werde ich an ei- nem anderen Orte die Nachrichten, die sich von ihnen finden, zusam- menstellen. Sie sind allerdings sehr mangelhaft, aber doch hinreichend, einen bestimmteren und genaueren Begriff von dieser Gattung von Zeichen zu geben, als man durch Robertson’s, und anderer neuerer Schriftsteller Berichte erhält. Ihre Bedeutung lag in der Zahl ihrer Knoten, der Verschiedenheit ihrer Farben, und vermuthlich auch der Art ihrer Verschlingung. Diese Bedeutung war jedoch wohl nicht überall dieselbe, sondern verschieden nach den Gegenständen, und man mufste vermuthlich, um sie zu erkennen, wissen, von wem die Mirtheilung herrührte, und was sie betraf. Denn es waren auch der Aufbewah- rung dieser Schnüre, nach der Verschiedenheit der Verwaltungszweige, verschiedene Beamte vorgesetzt. Ihre Eniziflerung endlich war künst- lich, und sie bedurften eigener Ausleger. Sie scheinen daher im All- gemeinen mit den Kerbstöcken in Eine Klasse zu gehören, allein durch einen Grad sehr hoher Vervollkommnung künstliche Mitel, zuerst, mnemonisch, der Erinnerung, hernach, wenn der Schlüssel des Zusam- menhanges der Zeichen mit dem Bezeichneten bekannt war, der Mit- theilung gewesen zu seyn. Es bleibt nur zweifelhaft, in welchem Grade sie sich von subjectiiven Verabredungen für bestimmte und genau be- dingte Fälle zu wirklichen Gedankenzeichen erhoben. Dafs sie beides zugleich waren, ist oflenbar, da z. B. in denjenigen, durch welche die über die Buchstabenschrift. 185 Richter von der Art und Menge der verhängten Bestrafungen Nachricht gaben, die Farben der Schnüre die Verbrechen, die Knoten die Arten der Strafen andeuteten. Ob aber in ihnen auch ein allgemeinerer Ge- dankenausdruck möglich war, ist nicht klar, und sehr zu bezweifeln, da die Verschlingung auch farbiger Schnüre keine hinlängliche Mannig- faltigkeit von Zeichen zu gewähren scheint. Dagegen ‚lagen in dieser Kunst der Knotenschnüre vielleicht be- sondere Methoden der Gedächtnifshülfe oder Mnemonik, wie sie auch dem classischen Alterthum nicht fremd waren. Diese scheinen bei den Peruanern wirklich üblich gewesen zu seyn. Denn es wird erzählt, dafs Kinder, um ihnen von den Spaniern mitgetheilte Gebetsformeln zu be- halten, farbige Steine an einander reiheten, also, nur mit anderen Gegen- ständen, ein den Knotenschnüren ähnliches Verfahren beobachteten. In dieser Voraussetzung waren die Knotenschnüre allerdings Schrift im weit- läufigeren Sinne des Worts, entfernten sich doch aber sehr von diesem Begrifl', da das Verständnifs bei der Miuheilung in der Entfernung auf der Kenntnifs der äufseren Umstände beruhte, und wo sie zu geschicht- licher Ueberlieferung dienten, dem Gedächtnifs doch die hauptsächlichste Arbeit blieb, der die Zeichen nur zu Hülfe kamen, die Fortpflanzung mündlicher Erklärung hinzutreten mulste, und die Zeichen nicht eigent- lich und vollständig (wie es die Schrift, wenn nur der Schlüssel ihrer Bedeutung gegeben ist, doch ıhun soll) den Gedanken durch sich selbst aufbewahrten. Mit Sicherheit läfsı sich jedoch hierüber kein Urtheil fällen. Ich bin auch nur darum in die vermuthliche Beschaffenheit dieser Knoten- schnüre, von welchen sich noch im vorigen Jahrhundert einer (aber ein Mexicanischer) in der Boturinischen Sammlung befand, eingegangen, um zu zeigen, auf welche Weise die Völker Amerika’s die doppelte Art der Zeichen kannten, zu welcher alle Schrift, wie sie seyn mag, ge hört, die durch sich selbst verständliche der Bilder, und die durch will- g, wo das Zeichen kührlich für das Gedächinifs gebildete Ideenverknüpfun durch etwas Drittes (den Schlüssel der Bezeichnung) an das Bezeichnete erinnert. Die Unterscheidung dieser beiden Gattungen, die da in einan- der übergehen, wo die allegorisirende Bilderschrift auch ihre unmittel. bare Verständlichkeit aufgiebt, und die, der Masse nach, und im Fort- Hıst. Philol. Klasse 1824. Aa 186 HuvmsouLpr schreiten willkührlich scheinenden Zeichen zum Theil ursprünglich Bil- der waren, ist aber, und gerade in Rücksicht auf die Sprache, von er- heblicher Wichtigkeit, wie man an der Mexicanischen und Peruanischen zeigen kann. Die Mexicanischen Hieroglyphen hatten einen nicht geringen Grad der Vollkommenheit erreicht; sie bewahrten offenbar den Gedan- ken durch sich selbst, da sie noch heute verständlich sind, sie unter- schieden sich auch bisweilen deutlich von blofsen Bildern. Denn wenn auch z. B. der Begrill der Eroberung in ihnen meistentheils durch den Kampf zweier Krieger vorgestellt wird, so findet man doch auch den sitzenden König mit seinem Namenszeichen, dann Waffen, als Tropheen gebildet, und das Sinnbild der eroberten Stadt, welches zusammenge- nommen die deutliche Phrase: der König eroberte die Stadt, und eine viel bestimmter ausgedruckte ist, als die berühmte Saitische In- schrift, die als die einzige angeführt zu werden pflegt, wo sich in dem Zeugnils des Alterthums zugleich Bedeutung und Zeichen erhalten ha- ben. Man sieht auch aus dem eben Gesagten, dafs es nicht an Mitteln fehlte, auch Namen zu schreiben, und man daher auf dem Wege war, Lautzeichen in der Art der Chinesischen zu besitzen. Dennoch ist sehr zu bezweifeln, ob die Mexicanische Hieroglyphik jemals wahre Schrift geworden ist. Denn wahre Schrift kann man nur diejenige nennen, welche be- stimmte Wörter in bestimmter Folge andeutet, was, auch ohne Buch- staben, durch Begriflszeichen, und selbst durch Bilder möglich ist. Nennt man dagegen Schrift im weitläufigsten Verstande jede Gedanken- Mittheilung, die durch Laute geschieht, d. h. bei welcher der Schrei- bende sich Worte denkt, und welche der Lesende in Worte, wenn gleich nicht in dieselben, übersetzt (eine Besummung, ohne die es gar keine Gränze zwischen Bild und Schrift geben würde), so liegt zwischen diesen beiden Endpunkten ein weiter Raum für mannigfalige Grade der Schrifivollkommenbeit. Diese hangt nemlich davon ab, inwieweit der Gebrauch die Beschaffenheit der Zeichen mehr oder weniger an bestimmte Wörter, oder auch nur Gedanken gebunden hat, und mithin die Enizilferung sich mehr oder weniger dem wirklichen Ablesen nä- hert, und in diesem Raum, ohne den Begriff wahrer Schrift zu er- über die Buchstabenschrift. 187 reichen, allein auf einer Stufe, die sich jetzt nicht mehr bestimmen läfst, scheint auch die Mexicanische Hieroglyphenschrift stehen geblie- ben zu seyn. Ob man z.B. Gedichte, von welchen es berühmte und namentlich angeführte gab, hieroglyphisch aufbewahren konnte? da die Poesie einmal unwiderruflich an bestimmte Worte in bestimmter Folge durch ihre Form gebunden ist, läfst sich jetzt nicht mehr entscheiden. War es nicht möglich, so befanden sich die Pernaner hierin in einer vortheilhafieren Lage. Denn eine Schrift, oder ein Analogon dersel- ben, das nicht die Gegenstände selbst darstellt, sondern mehr innerliches Gedächtnifsmittel ist, kann sich, wenn auch weniger fahig, auf ein an- deres Volk, oder eine entfernte Zeit überzugehen, der Sprache ganz genau anschlielsen. Indefs darf man freilich nicht vergessen, dafs ein Volk, welches sich einer solchen Schrift in solchem Sinne bedient, nicht sowohl wirklich eine Schrift besitzt, als vielmehr nur Jen Zu- stand, ohne Schrift auf das blofse Gedächinifs verwiesen zu seyn, durch künstliche Mittel in hohem Grade vervollkommnet hat. Das aber ist gerade der wichtigste Unterscheidungspunkt in dem Zustande mit und ohne Schrift, dafs in dem ersteren das Gedächtnifs nicht mehr die Hauptrolle in den geistigen Bestrebungen spielt. Welches indefs auch die Vorzüge und Nachtheile jedes dieser bei- den Schrifisysteme seyn mochten, so genügten sie den Nationen, welche sie sich angeeignet hatten; sie hatten sich einmal an dieselben gewöhnt, und jedes, vorzüglich aber das Peruanische, war sogar in die Verfas- sung des Staats, und die Art seiner Verwaltung verwebt. Es ist daher nicht abzusehen, wie eins dieser Völker von selbst auf Buchstabenschrift gekommen seyn würde; die Möglichkeit lafsı sich allerdings nicht be- streiten. Das Beispiel Aegyptens zeigt die nahe Verwandtschaft von Laut-Hieroglyphen und Buchstaben und aus der graphischen Darstellung der Verschlingungen der Knotenschnüre konnten Zeichen entstehen, die in der Gestalt den Chinesischen glichen, sich aber phonetisch behandeln liefsen. Es hätte aber dazu eine ähnliche geistige Anlage gehört, als die Aegyptier schon so frühe verrieihen, dafs auch die älteste Ueber- lieferung sie uns nicht anders darstellt, und es ist allemal ein ungünsti- ges Zeichen für die künftige Entwicklung einer Nation, wenn sie, ohne dafs jene Anlage zugleich ans Licht tritt, schon einen so bedeutenden Aa2 188 Humsoupr über die Buchstabenschrift. Grad der Cultur, und so mannigfache und feste gesellschaftliche Formen erreicht, als dies in Mexico und Peru der Fall war. Vermuthlich hätte man sich in beiden Reichen, so wie heute in China, den Gebrauch der Buchstabenschrift anzunehmen geweigert, wenn er sich freiwillig, und nicht auf dem nöthigenden Wege der Eroberung dargeboten hätte. So wie ich versucht habe, bei den grammatischen Formen zu zei- gen, dafs auch blofse Analoga ihre Stelle vertreten können, ebenso ist es mit der Schrift. Wo die wahre, der Sprache allein angemessene, fehlt, können auch stellvertretende andere alle äufseren, und bis auf einen ge- wissen Grad auch die inneren Zwecke und Bedürfnisse befriedigen. Nur die eigenthümliche Wirkung jener wahren und angemessenen, so wie die eigenthümliche Wirkung der ächten grammatischen Form, kann nie und durch nichts ersetzt werden; sie liegt aber in der inneren Auffassung und der Behandlung der Sprache, in der Gestaltung des Gedanken, in der Individualität des Denk- und Emplindungsvermögens. Wo jedoch solche stellvertretende Miuel (da dieser Ausdruck nun- mehr verständlich seyn wird) einmal Wurzel gefafsı haben. wo der instinct- artig in der Nation auf das Bessere gerichtete Sinn nicht ihr Emporkommen verhindert hat, da stumpfen sie diesen Sinn noch mehr ab, erhalten das Sprach- und Gedankensystem in der falschen, ihnen entsprechenden Rich- tung, oder geben ihm dieselbe, und sind nicht mehr zu verdrängen, oder ihre wirkliche Verdrängung übt nun die erwartete heilsame Wirkung viel schwächer und langsamer aus. Wo also die Buchstabenschrift von einem Volke mit freudiger Begierde ergrillen und angeeignet werden soll, da mufs sie demselben früh, in seiner Jugendfrische, wenigstens zu einer Zeit dar- geboten werden, wo dasselbe noch nicht auf künstichem und mühevollem Wege eine andere Schriftigattung gebildet, und sich an dieselbe gewöhnt hat. Noch weil mehr wird dies der Fall seyn müssen, wenn die Buch- stabenschrift aus innerem Bedürfnifs, und geradezu ohne durch das Me- dium einer anderen hindurchzugehen, erfunden werden soll. Ob dies aber wirklich jemals geschehen seyn mag, oder so unwahrscheinlich ist, dafs es nur als eine entfernte Möglichkeit angesehen werden darf” darauf be- halte ich mir vor, bei einer anderen Gelegenheit zurückzukommen. E ee EB Dr n-- Zur Geschichte des Peträischen Arabiens und seiner Bewohner. Von FE CZR.LDUTER. [Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 8. Juli 1824.] I. Allgemeinen sind die Grenzgebiete der Landschaften, wenn man auf die Ausbreitungen der besondern Reiche und der einzelnen Völker- schaften im Morgenlande sieht, weniger bekannt geworden als ihre mittlern Gebiete, wenn schon in Hinsicht der beiden aufsereuropäischen Erätheile der Alten Welt, im Ganzen genommen die entgegengesetzte Erscheinung hervortritt, da uns ihre beiderseiligen Mitten fast noch gänzlich unbekannt geblieben sind. In der politischen und ethnographischen Gestaltung ihrer Haupt- theile, nämlich der Staatengebiete und verschiedenen Völkergebiete, findet das Gegentheil statt anders wie in dem jüngern Westen der & eines Landes C und Staates, seinen räumlichem Körper und Gliedern nach, von dem Alten Welt, wo dagegen die Feststellung der Begrenzun Entstehen, und seinem Daseyn, Wachsen und Werden, kaum mehr getrennt gedacht werden kann. Nicht so im Morgenlande, wo die gröfsere Zahl der uns bekannt gewordnen Geschichten der aufeinander folgenden Herrschaften, in der ältesten, in der mittleren Zeit und selbst in den neuern Jahrhunderten, uns rathlos läfst, wenn wir nach den genauern Grenzbestimmungen der Länder und Staaten fragen, ohne dafs darum doch ein wesentlicher, wenigstens bisher noch nicht gefühlter Mangel in den Geschichten derselben hervorträte. Dagesen ist es die Mitte der Staatengebiete und der Vülkerheima- sez 5 then, welche dort mit eröfserer Bestimmtheit hervortritt, und auch ein ’ ’e) ’ helleres Licht über alles ihr Zugehörige verbreitet; doch nicht sowol die räumliche Mitte, welche sich durch Längen- und Breiten-Grade be- 190 Rırtrrter stimmen läfst, sondern vielmehr diejenige Erdgegend, die ihrem ursprüng- lichen Oberflächen-Charakter, oder ihrer physikalischen Bildung und organischen Belebtheit nach, „den mächtigsten Einflufs gewinnen mufste auf die Anregung, Entwicklung und Ausbildung, sowol ihrer jedesma- ligen Bewohner im Zustande derer gröfsern Empfänglichkeit für Natur- einflüsse, welche mit dem Fortschritt der Kultur eine immer mehr und mehr abnehmende ist, wie auch auf die Gestaltung ihrer äufserlichen, bürgerlichen und politisch - geselligen Verhältnisse. Wir können eben diese Mittelpunkte, von denen die einen weitern Umkreis gestaltende Entwicklung ausging, die physikalische Mitte der Länder und Völker nennen, welche nicht selten, wie z.B. für Aegypten im Nilthale, in Mero&e, Thebä, Memphis, mit der historischen Mitte zusammenfällt, nämlich mit derjenigen Oertlichkeit, welche als die ent- scheidende in das historischbedeutende Leben der Völker individuell eingreift, auf welcher auch die dauerndsten Denkmale ihres höhern Kulturlebens sich gestaltet und ihre Zeit überlebt zu haben pflegen, wie z.B. im alten Persis, dagegen anderwärts eben so oft der Unterschied beider Verhältnisse statt findet, wie bei Griechen und Indern die Mo- numente ihrer Blüthezeit keinesweges das Lokale der Wiege ihrer volks- thümlichen: Entwicklung bezeichnen. Die Unterscheidung dieser dreifachen Verhältnisse, örtlicher Na- turthätigkeiten und ihrer Einwirkungen nach Mitte und Grenzen (der räumlichen, physikalischen, historischen), die bald in gemeinsame Erd- räume zusammenfallen, bald weitauseinanderrücken, und ihren Einflufs dann verdoppeln und steigern, oder durch ihre Absonderung beschrän- ken, abändern, übergreifen und umwandeln, diese wird überall noth- wendig seyn, wo solche historisch-geographische Erscheinungen genauer erwogen werden sollen, zu denen auch jene zuerst angeführte Bemer- kung gehört, die hier nur an eins derjenigen örtlichen Verhältnisse erinnern sollte, welche auf dem Boden Arabiens besonders beachtet zu werden verdienen, und zu den vielerlei fremdartigen gehört, durch welche das Morgenland sich wesentlich vom Abendlande unterscheidet. Nicht etwa blofs die bekannte Sitte mancher morgenländischer Ge- walthaber alter und neuerer Zeit, die Grenzgebiete ihrer Reiche ab- sichtlich zu zerstören, um mit Wüsteneien, als so vielen sichern Ring- zur Geschichte des Peiräischen Ärabiens. 194 mauern, ihre Staaten zu umgeben, kann als die Ursache jener Unbe- stimmtheit und unserer historischen Unkenninifs gewisser Grenzgebiete angesehen werden, obwol sie öfter gar sehr zur Vermehrung dieser Un- kenntnifs durch ganz Asien beitrug: denn in vielen Gegenden haben wir auch keine hinreichenden Beweise für ein solches politisches Verfahren, das auch selbst zuweilen bei Römern (von Kaiser Decius 249 bis 251 Chronic. Alex.) gegen Araber, aber fast unablässig bei Iraniern gegen Turanier und Andern statt fand, wie es bei so vielen mongolischen Völkern, und heute noch zwischen Türken und Persern allgemein im Brauche ist. j Der Grund dieser Erscheinung des räumlich Unumgrenzten liegt wol tiefer in den ganz verschiedenen Verhältnissen und den Verbin- dungen der Elemente der Staatenbildung in den Morgen- und Abend- Ländern, wo in diesen, mehr auf den Besitz des Grundeigenthums und dessen gleichmäfsigen Ertrag, das Wohl, die Dauer, die Sicherheit der Staatseinrichtungen im allgemeinen gegründet ist, dort aber mehr auf der möglichsten Beweglichkeit, Handhabung und Richtung der Kräfte für die oft wechselnden Zwecke und Bedürfnisse des Herrschenden in Krieg oder Frieden beruht. Das Bedürfnifs bestimmter Länderbegren- zung tritt dort als untergeordnetes zurück, wo die Grenze nur als Hemmung erscheint, und diese mit der Macht und dem Wachsthum, oder dem Untergange der Stämme, auch zugleich jedesmal sich natürlich erweitert oder verschwindet. Wo die Entwicklung der Stämme im Fortschreiten ist, da kann keine Staatengrenze, keine Eigenthumsgrenze für dauernde Verhältnisse bestimmt werden, wie umgekehrt, wo jede Grenze des Besitzihums am Bo- den bestimmt und abgemessen ist, das persönliche Wachsthum der Völ- kerstämme nicht im raschesten Fortschritt der Entwicklung bestehen kann, sondern durch andre Umstände und Verhältnisse beschränkt wird. Bei keinem Volke treten diese Verhältnisse vielleicht nachweislicher und auffallender in den Geschichten und beschwerlicher in den Geo- grapbien hervor, als bei den Arabern, und nirgends sind die politi- schen und geographischen Grenzen ihrer Landschaften durch lange Rei- hen von Jahrhunderten und Jahrtausenden unbestimmter geblieben , als in dem nördlichen Arabien, obgleich dieses den ältesten Kulturgegenden 192 R'ı,rtiT,erR der Erde am benachbartesten, gewissermafsen durch sie eingeengt lag, zwischen Babylonien, Assyrien, Palästina, Aegypten, dem Arabia ‚felix und Persien. Nicht die Wüsteneien ihrer Ländergebiete sind die Ursache dieser Erscheinung: denn genauer untersucht, findet sich afrikanische oder völlige Unwirthbarkeit doch eigentlich nur sparsam auf dem asiatischen Boden der Araber, und nur selten sind ihre Stationen und Weidelager auf Tagereisen weit auseinandergerückt. Auch die Rohheit und Versun- kenheit der dortigen Völker ist nicht die Ursache jener Unsicherheit der nähern Bestimmungen; denn einstimmig sind die Zeugnisse aller Beob- achter von Niebuhr rückwärts, und vorwärts bis auf die neuesten Be- richterstatter, dafs nicht leicht ein ähnliches Volk auf der Erde nachzu- weisen sei, bei welchem die reinmenschliche und ächtnationale Ausbil- dung und Entwicklung des ganzen Menschen wie der eigenthümlichen Givilisation des ganzen Volks, alle Stämme in Häuptern und Gliedern so gleichmäfsig durchdränge, als eben das Volk der ächten Araber von dem Fürsten herab bis zum ärmsten wandernden Zelibewohner. Auch nicht blofs das Wechseln und Wandern des Nomadenlebens auf unwirthbarem Sandboden, kann als die alleinige Hauptursache jener unbestiimmten Begrenzungen angesehen werden; denn im Einzelnen sind unter den Stammesgliedern und Familien die Ländergrenzen, in sofern sie gewisse Gerechtsame der Benutzung bezeichnen, scharf ausgebildet, und reichen noch weiter hinaus als auf das blofs Oertliche im gewöhn- lichen Sinne, und dann, so ist doch kaum irgendwo an ein absolutes Wandern oder Umherirren zu denken, sondern nur an ein cyklisches, wo eben die Wanderperiode doch auch ihre genaue Zeit und Ortsbe- stimmung bei den mehrsten jener Völkerslämme erlangt hat. Unter diesem allgemeinen Einflusse der Unbestummbarkeit der äufsern historisch-geographischen Begrenzung, hat vor allen andern Erd- räumen des Morgenlandes, bisher, das nördlichste kleinere Drittheil der Arabischen Halbinsel gestanden, das sogenannte Peträische Arabien, das durchaus auf keiner unsrer Karten eine bestimmte physikalische oder ethnographisch-politische Begrenzungslinie erhalten konnte, und bei alten und neuen Schriftstellern, obwol immer unter den Drei Arabien aufge- führt und vielfach besprochen, von den Schrifistellern der Heiligen- zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 193 und Profangeschichten, doch immer in einer fast gänzlich formlosen Ge- stalt und kaum bis auf einzelne hellere Punkte im Dämmerlicht erscheint. Weder das Land selbst noch das Verhältnifs seiner Bewohner zu ihren ganz verschiedenartigen dreifachen Umgebungen, ist bisher Ge- genstand einer vollständigern genauern Untersuchung gewesen, weil eben diese Erdgegend den unbestimmtesten Grenzgebieten dreier nach- barschaftlicher Ländersysteme zugerechnet ward, dem Arabischen, oder dem Syrischen, oder dem Aegyptischen, sowol von Eroberern und Be- herrschern, wie von Reisenden, und eben darum auch von den Schrift- stellern. Nicht nur dieser Mangel, sondern vielmehr die historische Selbst- ständigkeit und Wichtigkeit dieses Erdraums auf den Grenzen zweier Erdtheile, zwischen den für die älteste Menschen- und Völker-Ge- schichte so bedeutungsvollen Ländern Aegypten, Phönicien, Palästina und Arabien, die nicht ohne vermittelnden Einflufs des alten Nabatäer- Landes, oder des Pewäischen Arabiens bleiben konnten, wie wir schon für die allerältesten Zeiten aus dem Durchzuge des Volkes Israel er- fahren, machte längst eine genauere Kenntnifs dieser Erdgegend wün- schenswerth. Nur in ‚sehr zerstreuten Bruchstücken haben uns die letzten zwei Jahrtausende über Peträa Bericht gegeben; aber sie haben an Interesse und Belehrung ungemein gewonnen, durch einige wichtige Beobach- tungen der letzten Jahrzehende, die uns zur Bestimmung von Oertlich- keiten verhelfen, deren Lage für die Geschichten Moses, Davids, der Ptolemäer, der Seleuciden, der ersten Kaliphen und der Kreuzfahrer, wie für den Weltverkehr zwischen Morgen- und Abendland gleich wichtig erscheint. Das Nordende des Golfs von Suez, als die westlichste Begrenzung des Peträischen Arabiens, ist zwar schon durch C. Niebuhr (1762) und die Expedition der Franzosen in Aegypten (1800) genauer orienlirt worden als vordem, und hiemit hat auch die Küstenbegrenzung der Pe- twäischen Halbinsel durch englische Schiffer (s. Dalrymple) und andre Landreisende, eine der Wahrheit naher kommende Richtung erhalten. Aber der zweite feste Grenzpunkt gegen Norden, durch das Südende des Todten Meeres, ist erst weit später, durch Seetzen (1810) und durch Hıst. Philol. Klasse 1824. Bh 194 Rı rt Teer Burkhardt (1812 und 1816) zu unsrer Kenntnifs gekommen ; so, dafs sich von da aus nun endlich Vergleichungen über die Züge der Völker und ihre Ansiedlungen gegen den Süden, in frühern und spätern Zei- ten, mit einiger Wahrscheinlichkeit anstellen lassen. Aber die genauere astronomische Bestimmung des dritten, wichtigen, natürlichen Grenz- punktes, nämlich des Nordendes am Golf”von Akaba durch die Messun- gen des vierten der deutschen Reisenden, die sich die gröfsten Ver- dienste um die Kenntnifs jener Erdgegend erwarben, durch Eduard Rüppel (1817 und zuletzt 1822), macht es nun erst möglich, den ersten Entwurf zu einer Karte des Peträischen Arabiens zu versuchen, und auf ihm, unter der grofsen Zahl der streitigen Punkte dieser Landschaft, diejenigen, welche von dauernder, geographischer und historischer Be- deutung sind, selbst nach den verdienstvollen Arbeiten eines W. Vincent, von neuem einer Prüfung zu unterwerfen, und diesen Erdraum nach seiner ganzen geographisch -historischen Eigenthümlichkeit in das Auge zu fassen. Doch mülste einer solchen Arbeit erst eine Geschichte der Erdgegend und der Schicksale ihrer Bewohner vorhergehen, die uns bisher fehlte, um dadurch den Umfang der Quellen und historischen Fragmente, aus denen ihre genauere Kenntnils nur allein hervorgehen kann, besser zu würdigen. Ein Ueberblick derselben, so fragmentarisch sie auch nur seyn kann, möchte, andere Gründe übergehend, hier um so wünschenswerther seyn, da wir durch die Sammlungen unsrer so aus- gezeichneten reisenden Naturforscher, der Herren Docioren Ehrenberg und Hemprich bei ihrem wiederholten Aufenthalte im Hafen von Tor, an dem Südgestade dieser Halbinsel, bald neuen Aufschlüssen über die- selbe entgegensehen, da die durch dieselben herbeizuschaffende Abschrift des Ebn Batuta, auch wol über diese Landschaft wichüge Belehrungen verheifst, da ferner auch der handschriflliche Nachlafs von Seetzen, der hier so sehr ıhätig war, uns bis jetzt immer noch vor enthalten blieb, aber doch die gröfsere Theilnahme für dessen Bekanntmachung höchst wünschenswerth ist. Die Zusammenstellung und wiederholte Prüfung des Vorhergegan- genen und früher bekannt Gewordenen kann zur Erläuterung aller nach- folgenden Berichte immerhin Einiges beitragen, wo noch im Ganzen so Weniges wie hier geschehen ist. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 195 Sehr sparsam sind, aufser den historischen Schriften des Alten Testa- ments, welche das Volk Israel durch die Pewräische Halbinsel begleiten, die Nachrichten der Alten über diese ganze Landschaft, denen das seit- wärts gelegene Innere derselben fast unbekannt blieb, da selbst dem Herodot, von der Ostseite Aegyptens und den dortigen Meeresgesta- den, durch die Priester des Nilthals keine besondre Aufklärung zu Theil ward, als nur das Daseyn eines vierzig Tagereisen langen, arabischen Meerbusens (Herod. II, 11). Einige Küstenpunkte und Linien sind durch ein paar alte Periplen ungefähr beschrieben, durch den des Agatharchides aus Onidus (120 a.Chr.n.) und den, dem Arrhian zu- geschriebenen, aus dem ersten Jahrhundert nach Christo. Durch ein paar Geographen sind nur noch sehr unzureichende Nachrichten von der Süd- seite her gegeben, durch Eratosthenes (c.200a.Ch.n.) Artemidorus von Ephesus (c. 100 a.Chr.n.) und durch deren Berichterstatter Strabo, Diodor und Ptolemäus, welche letztere dort nicht bekannt waren, aber diesen, jedoch auch noch einigen andern Nachrichten folgten, die sie zum Theil anders wieder gegeben haben, oder die uns doch mit- unter entstellt überliefert wurden, wie dieses sich, theilweise wenigstens, aus der Ptolemäischen Tafel des Arabischen Meerbusens ergiebt. In das Innere des Landes führen uns, die Nachrichten der Israeli- ten ungerechnet, zum ersten male, die Kriegsberichte des Diodor von den Feldzügen des Antigonus gegen die Nabatier, nach Alexanders Tode, die er, den ersten, dem Athenänus, den zweiten, seinem Sohne Demetrius Polyorketes aufırug (circ.310a.Chr.n.). Diesen letztern be- schreiben Diodor Sicul.(!) und Plutarch, im Leben des Demetrius; vom erstern spricht nur Diodor allein. Beide gingen nach einem Orte, der hier zum ersten male Petra (eis ryv Iergav, eine starke Veste), als die der Nabatäer, im Süden der eroberten Provinz Idumaea (’Idsvuares Eragysas; Eparchie und Satrapie) genannt wird. Dieses Petra lag drei Tagereisen, zu denen Athenäus auch die Nächte hinzu nahm, ab, von dem Orte von wo Athenäus auszog, wie Diodor sagt: der Weg da- bin ging durch beschwerliche wasserlose Gegenden. Die bebautere Landschaft, deren Name aber nicht genannt wird, war zwei Tagereisen (1) Diodor Sicul. Z. XIX c. 94-98. ed. Laurent. Rhodomani, fol, 731(p. 722). B.br2 196 Ri'T-TER davon entfernt; dahin hatten die Nabatäer sich zu einer grofsen Festfeier (Havayvaıs) begeben, und ihre Güter in jenem Petra (&mı wos Hlergas) zurückgelassen, nebst Greisen, Weibern und Kindern. Der Ort war sehr fest durch seine Anhöhen, aber ohne Mauern ; es war eine Niederlage von Weirauch, Myrrhen, Aromaten und Metallen, davon Athenäus bei seinem nächtlichen, aber nachmals verunglückten Ueber- falle eine grofse Beute nebst 500 Talenten Silbers entführte. In der Mitte ihres schwerzugänglichen Landes hatten die sorglosen Nabatäer, die an keine Gefahr dachten, auch keine Wache bei ihrer Burg zurückgelassen. Aber gleich anfangs dureh Eilboten bei ihrer Festfeier von der Annähe- rung des Griechenheeres benachrichtigt, das aus 4000 Leichtbewaflneten und einer gehörigen Zahl Reiterei bestand, waren sie aufgebrochen von ihrer Versammlung und nach der ausgeleerten Felsburg zurückgekehrt, von da aber dem schon flüchtig gewordnen Feinde in die Wüste ge- folgt; den sie auch, 200 Stadien fern von ihrer Burg, in der Nacht, im tiefen Schlafe überfielen, und bis auf einige funfzig Reiter vernich- teten, die gröfstentheils verwundet, doch noch durch die Flucht sich reiteten. Antigonus Plan grofse Beute zu machen ward also diesmal vereitelt, da die ganze Unternehmung mifslang und die Nabatäer ihr entführtes Eigenthum wieder gewannen. Da Diodor ausdrücklich sagt, dafs Antigonus diese Expedition aussendete nachdem er so eben Herr von Syrien und Phönicien gewor- den war: so ist es wohl möglich, dafs er die Kenntnifs dieses Petra und seiner Schätze im Nabatäer Lande, nach denen er strebte, bei den Phöniciern in Erfahrung gebracht hatte, deren Zwischenhändler eben dieses Volk, mit den südlichern Arabien und Aethiopien bisher gewesen war. Die Nabatäer treten also, selbst wenn diese Felsburg auch nicht das berühmt gewordene Petra, sondern nur eine nördliche Station des- selben war, doch sogleich mit dieser Begebenheit in der Geschichte, in der ganzen Wichtigkeit auf, die sie in älterer Zeit für Tyrische und Jüdische Beherrscher hatten; in einem Verhältnifs, das mit den Verän- derungen nach Alexanders Tode nach und nach mehr gestört ward, aber das eben dazu beitrug, ihnen aus der ehemaligen Abhängigkeit von Phö- niciern und Syriern, zu einer Selbständigkeit in Handel und Herrschaft zu verhelfen, die sie früher nicht hatten. Denn eben damals war Tyrus zur Geschichte des Peträischen Ärabiens. 197 gefallen. Des Demetrius Feldzug gegen dieses Petra um das Jahr 310 (a.Chr.n.), in Auftrag seines Vaters Antigonus, war nur eine Wieder- holung jenes ersten unglücklichen Versuches, bei dem Aıhenäus sein Leben eingebüfst hatte. Demetrius ging mit weit mehr Vorsicht und Milde zu Werke. Die Nabatäer vertheidigten ihr Petra mit Tapferkeit, und der Städtebezwinger Demetrius ging, ohne die Veste erobert zu haben, zu der nur ein einziger durch Kunst gemachter Eingang führte, einen Vertrag mit den Nabatäern ein, die durch eine Gesandschaft der Aeltesten an ihn, die Geschenke genau bestimmten, zu denen sie sich gern verstehen wollten, um nur in Friede und Freundschaft mit Antigonus und den Griechen zu bleiben. Demetrius zog von Petra 300 Stadien weit fort, und schlug sein Lager am Asphaltischen See auf, den Diodor zu der Eparchie Idumäa, nämlich seines Vaters rechnet. Plutarch sagt zwar, Demetrius habe unermelsliche Beute von den Nabatäern gemacht und 700, wahrscheinlich beladene, Kameele mitge- bracht, Antigonus war aber mit dem Gewinn der Expedition nicht sonderlich zufrieden. Die Umstände, welche Diodor bei Demetrius Belagerung dieses Petra angiebt, werden zur Bestimmung von dessen Lage benutzt werden. Es ist unstreitig die, von Burckhardt zuerst seit den Kreuzzügen wieder besuchte steile Felsburg Kerek, Karac, ('Pezeu bei Eusebius, Charak der Römer) in Südosten des Todien Meeres, der Bischofssitz Battra der Latiner. Von ihr läfst sich in zwei Tage- reisen das berühmtere Petra, dessen Ueberreste Burckhardt in Wady Musa wieder vorfand, gut erreichen; und an diesem bebautern und be- wohntern Orte wurde, sehr wahrscheinlich, — wenn nicht schon in dem etwas nördlicher gelegnen, fruchtbaren Wady Ghoeyr — die Panegyris gefeiert. Die Nabatier wurden damals von den Syriern also nicht un- terworfen, und scheinen, da zumal ihr Hauptort gar nicht berührt war, auch in diesem Zustande der Unabhängigkeit geblieben zu seyn (!), wäh- rend die Ptolemäer das nahe Aegypten beherrschten. Von da aus wird, uns wenigstens, keine Nachricht zu Theil, dafs auf dem Landwege das Peträische Arabien von den Aegyptern angefeindet worden wäre. Aus andern Umständen und einigen dort aufgefundenen Denkmalen, läfsı es (1) Diod. Sicul. Z. 11.48. 198 RıtrTer sich hingegen wohl sehr wahrscheinlich machen, dafs in dieser für den Handel so günstigen Periode, selbst einzelne Aegyptische Colonien sich allmählig dort ansiedelten, wie ihre Architecturen und hieroglyphischen Inschriften beweisen, die neuerlich in der Mitte jener Arabischen Land- schaft bekannt geworden sind. In diese Zeit fallen die Berichte der Ptolemäischen Schiffer auf dem Nordende des Arabischen Meerbusens, die gleich anfangs genannt worden sind. Die zwei Feldzüge der Römer, der frühere des Aelius Gallus unter Octavianus Augustus (imJahr 24 a. Chr.n.) (!), von dem Dio Cassius irrig meint, dafs es der erste und auch wol der letzte nach einem solchen Lande seyn werde, und der etwas spätere, aber glück- lichere des Cornelius Palma, unter Kaiser Trajan (105u.106p.Chr.n., im Auszug des Dio Cassius im Xiphilin 2.68.14 ed. Reimarus) (?), nach dem Peträischen Arabien, geben, der erste, wegen seines unglücklichen Ausganges, der letzte weil wir nur den Auszug von Dio Cassius Er- zählung besitzen, weniger Belehrendes, als man hätte erwarten sollen, da es Strabo ist, der den Bericht seines Freundes, des Feldherrn Gallus,, giebt. Fast sind es nur Klagen über dort ausgestandene Noth und Be- schwerden, weil die Römer über die Art in den Einöden Arabiens den Krieg zu führen noch in der gröfsten Unwissenheit waren, und so ganz auf die Leitung der dortigen, wie sie sagen, treulosen Bundesgenossen sich verliefsen, ein Name, den ihnen die Römer gaben, seit Julius Cäsar in Aegypten, mit Hülfe Nabatäischer Reiterei, Alexandria belagert hatte. Der Mangel näherer Erforschung und Bekanntwerdens jener Pe- träischen Landschaft, die für den ältern Handel so wichug gewesen war, bleibt in jener Zeit, bis auf Gallus Expedition, immer auflallend, und zeigte sich wohl eben darum, weil es schon Alexander d.Gr., dem Entdecker des Morgenlandes, nicht gelungen war, wie die persischen Ge- stade durch Nearch, so auch die innern Gestade des Arabischen Meer- busens durch Hiero von Soli, den Gilicier, erforschen zu lassen, den er kurz vor seinem Tode beauftragt hatte, mit seinem Ruderschiffe die Arabische Halbinsel zu umfahren, vom Euphrat bis zur Meeresbucht (1) DioCassius Z. 53. 910, und Straho XV. (2) DioCassius ed. Reimarus, Hamb. 1752. T. I. fol. 1131. 3. zur Geschichte des Peträischen Ärabiens. 199 von Heroopolis gegen Aegypten hin. Denn dieser kehrte bald, wie Arrhian erzählt (de Exped. Alex. VI. 20), erschreckt durch die Gröfse des Arabischen Chersonesus, der nicht geringer sei als der Indische an Umfang, zu dem Euphrat zurück, und auch dieser Entwurf, wie alle andern, welche Alexander wegen der Erforschung in Beziehung Arabiens gemacht hatte, blieb unausgeführt. Wären so manche verloren gegangene Werke aus den Zeiten der Pıolemäer Könige gerettet worden, so würden wir vielleicht über Peträa mehr Aufklärung erhalten haben. Ptolemäus Philadelphus (273-247 a. Chr.n.) liefs durch seinen Flotenführer Timosthenes auch den Ara- bischen Meerbusen beschilfen um ihn zu erforschen und zu beschreiben ; dafs dieser schon einige Aufmerksamkeit auf die Küsten Peträas ver- wandte, sehen wir aus den wenigen Fragmenten die Eratosthenes und Plinius aufbewahrt haben; doch ist es gewils, dafs späterhin die innere handelsreiche Landschaft, ihnen noch wichtiger ward. Die Pıiolemäer hoben gleich anfangs, nach Alexanders Tode, be- kanntlich durch ihre Sicherung und Kultuvirung der Westküsten des Arabischen Meerbusens, Handel und Schiffahrt der Aegypter nach den Gestaden des südlichen Arabiens, Persiens, Indiens, und erhöhten da- durch den Verkehr und das Interesse aller Anwohner dieser grofsen Wasserstwafse. Ihr wichtigster Hafenort ward das neubegründete Bere- nice: von da aus, sagt Arrian (!), oder vielmehr der Verfasser des unter seinem Namen zur Zeit Kaiser Claudius (cwe. 54 n. Chr. G.) oder wol noch etwas später geordneten Schifferberichts (?) (eirc. 76 bis 99 der Regierungszeit Za-Hakales), von Berenice aus gehe, ganz entschie- den, die wichtigste Seefahrt Aegyptens aus, wenn schon die nördlichern Hafenorte nicht völlig unthäug blieben. Aber von Berenice war das Bestreben jedes Aegyptschen Schiffers, sogleich, quer über den Meeres- arm in zwei bis drei Tagen, den gegenüberliegenden Hafen Leukekome zu erreichen, von da weiter südwärts zu steuern, und an den reichern (1) Periplus Maris Erythraei, ed. Huds. 1. p.11. (2) S. Mannert V.1,p.161; bestätigt von Salt Travels in Aethiopia p.460 wegen Swrzarns, Za-Hakale: Erdkunde I, p.223. 200 Rırtrrter Sabäischen Küstengestaden dem Indischen Handel nachzugehen. So wurde freilich das Nordende des Arabischen Meerbusens, das man wegen sei- ner seichten Meeresstellen, wegen seiner gefahrvollen Felsküsten und seeräuberischen Anwohner fürchtete, vermieden (!), da es ganz aufser dem Wege der Haupistrafse der Schiffer liegen blieb, und die direkte Schiffahrt aus dem Heroopolitanischen Golf gegen Südost bei solchen Umständen wenig beschäfugt gewesen zu seyn scheint, nicht so die Strafse zu Lande. Dennoch würden wir in den geographischen Werken der ersten Ptolemäerzeiten gewifs mehr Aufschlnfs über das Innere des Peträischen Arabiens erhalten haben, da der Name der Stadt Petra (Herga, Ilergais der Bewohner bei Steph. Byz.) und der des Peträischen Arabiens gleich anfangs auch durch Eratosthenes Beschreibungen, wie es scheint, zuerst in allgemeinern Gebrauch kam (?), und dieser Ort sogleich (wie auch Antigonus Geschichte zeigt, wo nur das nähere Petra irrig ınit dem entferntern und gröfsern, von Diodor, als identisch genommen ward, denn auch jenes kennt er Zi. Il. 45), als ein bedeutendes, sehr altes Em- porium, auf der Strafse gegen Phönicien hin hervortritt, das damals gewils auch alsbald die Aufmerksamkeit der handelnden Aegypter und der Piolemäer auf sich ziehen mufste. In den Fragmenten früherer Geschichtschreiber und Geographen, wie des Hekatäus von Milet, Herodots und Anderer, ist keine Spur von der Kenninifs Peträa’s bei den Griechen und Kleinasiatischen Schrift- stellern vorhanden, da dieser Ort wol bis dahin, in seiner Abgeschieden- heit nur Handelsgeheimnifs der Phönicier, damals zuerst wol zur Kunde der Griechen gekommen seyn mochte, als durch Alexanders Zerstö- rung von T'yrus, den Besitzern dieses Waarenstapels, der bisherige Han- delskanal für ihren Weitertransport und Absatz, gegen den Westen, ab- geschnitten worden war. Die feindliche Habgier des Antigonus nach ihren Schätzen konnte wol keineswegs dazu geeignet seyn, die Petwäer zu Freunden der Syri- schen Herrscher zu machen, und diese Lage war es wol, durch welche (1). Arrıan. Luc. 9-12: (2) Strabo XVi. 2.767 ed. Tsch. VI. p. 390. zur Geschichte des Peträischen drabiens. 201 sie nach neuen Handelsverbindungen sich umzusehen genöthigt wurden, die ihnen auch bei der Erbauung und dem schnellen Emporblühen von Alexandria an dem Gestade Aegyptens nicht fehlen konnten. Diodor (!) sagt uns wirklich, dafs diese Nabatäer , die vorher durchaus nur im Frieden mit ihren Heerden und dem Handel auf dem Lande beschäfugt gewesen, seit jenen Zeiten im Ailanitischen Golfe und umher dem Seeraube sich ergaben, bis die Aegyptschen Könige sie zur Ruhe gebracht hätten. Seit Eratosthenes (wenigstens 200 J. v.Chr.Geb.) durch den der Name des Peträischen Arabiens zuerst in allgemeinen Gebrauch gekom- men zu seyn scheint, und durch Artemidorus, ist nun bei allen Schriftstellern über Arabien, auch von dem Hauptorte, dem grofsen Petra in der Mitte des Nabatäer-Landes die Rede, der, während der Herrschaft der letzten Ptolemäer als die Residenz eines bedeutenden, ein- heimischen Königshauses auftritt. Dessen Lage entspricht, nach Strab os genauester Angabe, vollkommen dem wieder aufgefundenen ruinenreichen Wadi Musa. Strabo’s treffliche Beschreibung (?) war bisher unver- ständlich geblieben; aber sie giebt das treuste Abbild des sehr eigen- thümlich gelegenen Ortes, in einer ebenen, quellenreichen, selbst bis heute starkbewohnten Gegend, die überall durch die Natur von Felsen ummauert, und dadurch zur natürlichen Veste gemacht ist, nicht auf einer Berghöhe, wie man bisher annahm, sondern im Felsıhal, zu dessen befruchteter Tiefe nur enge Schluchten als Felseingänge führen, welches selbst wiederum in der Mitte der einförmigern Wüstenlandschaft liegt. Von diesem grofsen (nicht dem nördlicher gelegenen) Petra der Nabatäer (Petra magna), ist nun überall die Rede, das von den Waaren- führern auf dem Landwege besucht wird, als Stapelplatz. Von den Mı- näern (70 Tagereisen in Südost) (*) und von den bekanntern Gerrhäern (40 Tagereisen) von Nordost herkommend. Aber eben so auch von der Seeseite her: denn der Periplus des Erythräischen Meeres sagt es, dafs (1) Diodor Sieul. Zi. III. p.123. (2) StraboXVl. 8.21, ed. Tzsch. p.441. (5) Eratosthen bei Strabo XVI. Z.c.p.394. Hist. philol. Klasse 1824. Ge 202 Rırtrter von dem Seestapel und der Zollstäte Leukekome nun auch der Han- delsweg nach Petra (!) führe. Mehrere dieser Nabatäerfürsten nennt die Geschichte. Einen solchen König der Nabatäer, Malco, führt späterhin auch Hirtius Pansa (°) an, der von Julius Cäsar in Alexandria (circ. 47 v.Chr.Geb.) zur Sendung von Reiterschaaren aufgefordert ward, ihm damit Beistand gegen die Aegypter zu leisten. Denselben scheint Dio Cassius Malchus zu nen- nen, vielleicht aber damit nur die dort einheimische nabatäisch-arabische Fürstenwürde eines Melek bezeichnend, die nach Plinius (?) Zeugnifs auch südlichern arabischen Fürsten gegen Adana (Aden) zukam. Der König in Petra, des Öctavianus Augustus Zeitgenosse, wird Obodas genannt, der Bundesgenosse der Römer, welche die Ueberwin- der seiner nördlich benachbarten Feinde der Seleuciden waren, dem aber doch ein Theil der Schuld an dem verunglückten Feldzuge des ägyptischen Statthalters, des Aelius Gallus, beigemessen wird, weil jener Obodas, wie es dort der Gebrauch war, aus dem Königsgeschlechte der Naba- täschen Araber erwählt, alle Sorge seinem obersten Staatsbeamten (eri- 9075, Statthalter) (*) dem Syllaeus, welcher den Titel Bruder ("AdeAdos) führte, überlassen hatte. So vortrefflich dieser auch für die Verwaltung bei den Nabatäern besorgt war, so vernachlässigte er doch, in allem, die Pflege für das Römerheer und mag, sogar wol absichtlich, das Verderben dieser unwillkommnen Gäste gefördert haben, die mit der Unterjochung Syriens auch die Erringung der Obergewalt in Arabia Peträa und felix beabsichtigten. Für jenen Verraih an dem Herrschervolke, durch welchen Syllaeus ihrem Plane entgegenarbeitete, ward ihm späterhin auch, wie Flav. Josephus und Nicol. Damascenus berichten, in Rom die Bestrafung (°). Strabo sagt, dafs Petra’s Bewohner in grofsem Wohlstande lebten, weflliche Gesetze hätten, dafs die Stadt ein grofses, reiches Emporium . . ’ ’ ı) Arrian Peripl. Mar. Erythr. l.c. p.11, is rirgav mg65 Mariyav Basıra Naßaramı. De Bello Alexandrino 1. init. 5) Plin. A.N. VI1.34. (4) Strabo XVI. l.c. p. 443. ) Note 4 p.295. Du Theil ad Strab. ed. Paris. T.V. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 203 sey und Handelskaravanen, so zahlreich wie ganze Heere, nach Leuke- kome sende. Früherhin hatten dem Athenaeus mit seinem Griechen- heere, nach Diodor’s Angabe, 5000 Nabatäische Reiter Verderben ge- bracht. Ihre Macht war also schon damals bedeutend. Diesesmal gaben sie den Römern 1000 Mann Hülfstruppen zu Aelius Gallus Kriegs- zuge mit; späterhin sandten sie weit gröfsere Macht zur Vertheidigung Jerusalems gegen Vespasianus und Titus, wie Josephus umständ- liche Erzählung lehrt. Ihre Macht war damals sehr ausgezeichnet. Den Römern war also dies Nabatäische Handelsvolk, oder waren diese Pe- träischen Araber, welches bei ihnen immer in gleicher Bedeutung genom- men wird (!), so wenig ergeben, als sie es früherhin den Syrern und wol auch den Ptolemäern gewesen seyn mögen, die ihnen mit Tyrus Zerstörung den alten Waarenzug und damit ihren Haupterwerb abschnit- ten, sie abhängig nach aufsen machten und ihren Verdienst über Bere- nice und Koptos (?) zum Nilthal nach Alexandria ableiteten. Sie hul- digen den Ptolemäern offenbar eben so wenig, als vor deren Dynastie den Aegyptern, da sie immer im Interesse ihrer alten Gefährten und vielleicht selbst Stammesverwandten der Phönicier gestanden hatten. In dieser Hinsicht ist es doppelt zu bedauern, dafs uns auch des Numidischen Königssohnes, des gelehrten Juba Werke über Arabien (9 verloren sind, der aus Karthagischer Schriften schöpfte und gewils auch über die Unternehmungen der Phönicier in Petra unterrichtet war. Doch scheint es allerdings, wie schon oben bemerkt, dafs dieselben Nabatäer späterhin auch wol mit den Aegyptern sich mehr befreundeten, als ihnen die Handelsstrafse über Gaza oder Rhinocolura (jetzt El-Arish), die Phönicierstadt, wie Strabo sagt, eröffnet ward, und die Karavanen von diesem Emporium und von Palmyra wieder bei ihnen zusammen- trafen, nach Plinius Bericht (*). Die anfänglich scheinbare Ergebenheit gegen Römerherrschaft wan- delte sich schon in den Jüdischen Kriegen unter Titus in die bitterste ) Planius,VI. (2) Strabo XVI.p.449, ed. Tzsch. ) Plinius. #.N.VL31. ) Plinius H.N.V1,32 p.714. 204 Rırtrrter Feindschaft um, und zu Trajans Zeiten ward, nach mehrmals wieder- holten Versuchen, durch die von Dio Cassius angeführte Expedition des Cornelius Palma, der selbständigen Herrschaft dieser, auch gegen die Römer treulos befundenen Bundesgenossen, wie es heifst, ein Ende gemacht, Arabia Petraea unterworfen, und die Regententafel der Naba- täer Könige, wie sie schon Vincent zusammengestellt hat, findet hier ihre letzten Namen (!). Arabia Petraea tritt nun als Römische Provinz in den Verzeich- nissen Römischer Geschichtschreiber auf, und mehrere Feldzüge der Rö- mer nach Arabien gehen mehr gegen die nördlichen Gebiete der reichern Sabäer, an die Grenzen von Arabia felix (Eudaemon bei Plin.), als ge- gen die Nabatäer in Arabia Petraca. So schwankend auch die Ober- herrschaft der Römer von Palästina bis zum innern Arabischen Meer- busen gewesen seyn mag, in der Ptolemäischen vierten Tafel von Asien, im Zib. V. c. 17. von Arabia Petraea, zeigt sich eine weit genauere Kenninifs der Land- und See-Seite und ihrer Verbindungen, als frü- herhin. In den Iunerarien (?) werden zweierlei verschiedne grofse Hee- resstrafsen durch dieses Land verzeichnet, deren einzelne Ueberreste sich hie und da in Meilenzeigern und Pflastersteinen bis heute noch nach- weisen lassen, und in der Notitia Dignitatum (circ. 400 n.Chr. Geb.) ist Arabia Petraea eine Praefectur mit Dis und Praeses, deren Hauptsitz zwar Bostra (3?) nicht Petra ist, deren Legionen und Standquartiere aber, von da auf der ganzen Ostseite des Jordan und des Todten Meeres bis Zoar und Thamata (*) (Themna b. Piolem., Thamnata b. Joseph. Antig. XII.) d.i. bis Thamud zum Meere reichen, also als Grenzposten gegen Osten wider die Araber von Hedjaz dienen, und das eigentliche, früher so ge- nannte Peträische oder Nabatäische Arabien zwischen den beiden innern Golfesarmen beschützen. (1) W. Vincent Peripl.II, 232, 234, 250, 326, 442, 446. (2) Tabula Itineraria Peutingeriana ed. C. Mannert. Lips.1824. Segm.IX. (5) Notitia Dignitatum Imperü Orientalis c.CXVI. de Praeside et Moderatore Ara- biae etc. ed. Pancirolli Comment. p.74 etc. (4) Richter 14. Maccab. 1. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 205 Diese letztere Landschaft wird dagegen in diesen nun schon christ- lich gewordenen Zeiten unter dem Titel von Palästina mit abgehandelt, ganze Mit- telalter hindurchgeht, wo der Name des Peträischen Arabiens aus seiner als Palästina tertia, eine Eintheilung, die seitdem durch das ursprünglichen Lage weiter gegen den Osten verdrängt ward und verlegt bleibt, und nie wieder im Lande der Nabatier in Aufnahme gekom- men ist, sondern nur aus alten vorchristlichen Jahrhunderten auf die moderne Geographie übertragen wurde. Von hier an beginnt für diese Landschaft und ihre Bewohner eine neue Periode mit den christlichen Beherrschern des Oströmischen Kai- serthums. Die Nottia Dignitatum Imperiü Orientalis nennt uns dort die Equites sagittarü indıgenae Mohailae, und den Praefectus legionis decimae Fretensis Alae (!); also Besatzungen von einheimischen und fremden Römischen Legionen, die am innersten Meereswinkel des östlichen der Doppelgolfen ihre Standquartiere hatten, und zur Beschützung sowol der Landwege als der Küstenfahrten angewiesen waren. Denn Hieron ymus, der bekanntlich so lange Zeit im Gelobten Lande lebte, sagt uns eben- falls (?), dafs Aila, die Station der zehnten Legion, im innersten Winkel des Rothen Meeres liege, ein Römisches Präsidium am äufsersten Süd- ende Palästina’s sey, an der südlichen Einöde, wo die Schiffahrt von Ae- gypten nach Indien vorüberführe, wie auch wieder von da zurück. Also war damals, Anfang des fünften Jahrhunderts (Hieronymus stirbt 420), diese Fahrt wieder im Gange; und Aila, das Emporium, das ehedem Ailat hiefs, nach Hieronymus Bemerkung. Seitdem wird der anliegende Meerbusen bei den Schriftstellern immer der Ailanitische genannt. Aber nicht blofs als Hafenstation nach Indien und als Römisches Castrum wird uns dieser innere Meereswinkel, der bis tief gegen das alte Petra sich nordwärts hinzieht in das alte Nabatäerland, um jene Zeit merkwürdig, schriften des Nicäischen Conciliums die Worte finden: Petrus Episcopus sondern auch dadurch, dafs wir schon bei den Unter- (1) Notit. Dignit. l.c. fol.92 b. (2) Onomasticon Urbium et Locorum Sacrae Scripturae, in Ugolini Thesauro Tom.V, pag.29 etc. 206 Ritt er Ailensis ex Palaestina Provincia ('); also schon im Jahre 325, die erste bestimmte Spur dortiger Ansiedlung des Christenthums. Die gröfsere Sicherheit, in welcher unter dem Schutze der Rö- mifchen Imperatoren und später der christlichen Kaiser sich die Pro- vinzen des Römischen Reiches im Oriente befanden, förderte unstreiug auch die Ausbreitung und Ansiedlung Römischer und christlicher Un- terthanen des Reichs, in jenen, dem übervölkerten Aegypten und Pa- lästina so nahen Gegenden des Peträischen Arabiens, wo bekanntlich sich bald die Einöden mit Eremiten füllten. Schon zu Strabo’s Zeiten hatte das abgelegene Petra sehr viel Anlockendes für fremde Ansiedler gehabt. Athenodorus der Philosoph, der Lehrer des Tiberius und des Sırabo Freund (?), der sich bei den Peträern aufgehalten, war ungemein über- rascht worden, dort so sehr viele Römer zu finden, und auch andere Fremde, die dahin eingewandert waren. Indefs die Peträer unter sich im besten Einverständnifs lebten, und nach Athenodors Erzählung nie im Streite unter einander lagen , standen dagegen die Fremden immer unter einander in Händeln, und erregten auch oft den Bewohnern von Petra Streit. Die verheerenden Kriege in Italien, Griechenland und Nord- afrika füllten bekanntlich die Morgenländischen Provinzen des Reichs im vierten und fünften Jahrhundert mit Kolonisten aus dem Abendlande zu wiederholten malen, und bevölkerten auch den Eremus um Petra und Aila. Beiden Orten im Süden und Westen liegt das Gebirge des Sinai, in der Mitte des alten Landes der Nabatäer, zwischen beiden Endgolfen des Rothen Meeres. Sina, der früherhin von den Profanscriptoren ungenannt bleibt, und zuerst in der Peutingerschen Tafel (Segm.IX) auf dem Itinerarium angebracht ist, dieser Sina, sagt Procopius der Geschichtschreiber (°), war zu seiner Zeit (circ.550) von vielen Mönchen bewohnt, die, wie er sich ausdrückt, in erwünschter Einsamkeit frei umher schweiften, deren Leben aber nur in Todesbetrachtungen verloren gehe. Ihnen erbaute (1) Strabo XVI, p.349. Not. Tzsch. cf. Cellarius; Salmasius Exercit. in Plin.p.342 etc. (2) Strabo XVI, ed. Tzsch. p.441. (5) Procopius de Aedification. Iustiniani. Venetüs 1729. Lib.V, c.8. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 207 Kaiser Justinian eine Kirche, nicht sowol auf dem Gipfel des Bergs, denn da könne, sagt Procop, kein Mensch übernachten, sondern tie- fer unten, weit entfernt von der gröfsten Höhe. Dort, sagte man zu gemacht haben. An den Fufs des Gebirgs erbaute der Kaiser auch ein sehr Procopius Zeit, solle Moses Jehovahs Gesetze bekannt starkes Castell und legte treffliche Besatzung hinein, damit nicht von jenem Gestade die barbarischen Saracenen — ein allgemeiner neuer Name statt des alten der Nabatäer, der seit Plinius und Ptolemäus für dortige Nomaden, nebst dem Namen der Sceniten (Zeltbewohner) in Gebrauch kommt — unvorhergesehn in Palästina einfallen könnten. So weit Procopius, der leider den Namen dieses Castells nicht an- giebt, obwol es eben dasjenige Aila seyn könnte an der grofsen Heerstrafse, von dem Hieronymus und vor ihm schon Eusebius (er stirbt 340), als von einem Standquartiere der Römer spricht (!), falls sich nicht nähere Trümmer eines Castrums am Fufse des Sinai nachweisen liefsen. Bald darauf, noch vor dem Jahre 600, aber nach dem Jahre 553, etwa um das Ende des sechsten Jahrhunderts, bewallfahrtete Antoninus Martyr (2), noch ehe Beda in Europa seine Kirchengeschichte schrieb, und kurz vorher, ehe der Caliph Omar im alten Peträa die Obergewalt gewann, nachdem er Palästina besucht hatte, auch das Gebirge Sina. Von Gaza aus über Eulalia (wohl Eulasia, Elusa der Tabul. Peutinger.) (°) wahrscheinlich auf der damaligen Römerstrafse, wie sie die Peutingerische Tafel angiebt, ging Antoninus zuerst zu dem Berge Oreb, und von da zum Berge Sina, in dessen vor kurzem erbauten Kloster er drei Aebte fand, welche die Syrische, Griechische, Aegyptische und die Besta- Sprache (Bestam? ob Bostram? die Arabische?) verstanden. Auf dem Gipfel des Sina hatten sie ein kleines Oratorium errichtet. Antoninus fand den Berg felsig, nackt ohne Erddecke, aber in der Umgegend eine grofse Menge von Zellen und Wohnungen der Eremiten, ganz auf ähn- \ n} n In \ oe ‚ € r (1) Euseh. Onomasticon l.c. eyza> rau de airoSı ray Puyseiow 78 Öezarov. (2) Jtünerarium Beati Antonini Martyris, ex Museo Menardi, Julimagi- Andium. 1640, 4. p.23. (5) Tabula Peutingeriana sect.IX, conf. Itinerar. Antonini dugusti ed. P. FVesseling. Amstel. 1735, 4. p.721. 208 Rıtrter liche Weise wie am Oreb. Aber jene Einsiedler waren keinesweges die alleinigen Bewohner dieser Einöden, denn auf einem Theil des Berges Oreb verehrten die Saracenen, so sagt Antoninus, der dieselben nachher auch Ismaöliten nennt, ihr Marmor-Idol, das so weifs wie Schnee aus- sah, und seine bestellten Priester hatte, angethan mit einer Dalmatica und einem Pallium von Leinwand. An ihrem grofsen Feste verwandelte sich die weifse Farbe ihres Idols, mit dem ablaufenden Monde, vor dem Eintritt des Priesters in das Heiligthum, in eine völlig schwarze, die mit der Beendigung des Festes aber jedesmal wieder zur weilsen überzu- 5 gehen pflegte, worüber auch Antoninus seine Verwunderung zu äufsern 5 nicht unterlassen konnte. Auf demjenigen Berge, der damals für den Horeb gehalten wurde, bestand also noch, neben dem christlichen Cultus auf der für den Sinai gehaltenen Höhe, ein unstreitig älterer, heidnischer Mondsdienst, etwa der Herodotischen Zlitta (Allat der Araber) (1), ehe dort noch die Mu- hamedanische Lehre einzog. Vom Berge Sina bis zur Arabischen Stadt Abela, wo, wie Antonin sagt, damals Indische Schiffe landeten, und ihre verschiedenen Gewürze herbeiführten, rechnete er sieben Mansionen, eine Entfernung, welche der neueste-Reisende, E. Rüppel(?) im Jahr 1822, in sechs Tagen zu- rückgelegt hat. Abela ist offenbar dasselbe Aila, das, wie schon Bochart und Assemani (°) gezeigt haben, im Mittelalter so vielfache Schreibarten erleiden mufste (Aöla, Aelis, Ahela u.a.m.). Eben dieses Aila also, wie wir aus dem so eben angeführten, für jene Zeiten und Gegenden, in vieler Hinsicht, an Thatsachen merkwürdigen, und noch unbenutzten Berichte erfahren, hatte sich bis damals, gegen das Jahr 600 n. Chr. Geb. unter allen Stürmen und Wechseln der Zeiten, als alter Stapelplatz in- discher Waaren für Palästina und Syrien immerfort aufrecht erhalten. (1) Assemani Biblioth. Oriental. T.III, II, fol.681. (2) v.Zach Correspondance Astronom. T. VIII, p. 469-476. (3) Bochart Geogr. Sacra. P.II. Chanaan. Lugd. Batavor. 1692, ed. Fillemandy I, 44, col.684,; Assemani Bibl. Orient. Clementino Vaticana. Romae 1728, T.Ul, P.U. fol. 552 sgg. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 209 E47 Hiermit hört aber auch diese Bedeutung der Gegend als Passageland jener ältern Handelsverbindungen auf: denn bald wurden nun die christ- lichen Herrscher aus Vorderasien auf immer verdrängt, und Muhame- daner die Gebieter, anfangs die Chalifen, dann die Sultane Aegyptens und Syriens, zuletzt Constantinopels, mit wenigen Unterbrechungen einheimischer untergeordneter, arabischer oder syrischer Dynasten. Mit dem Anfange des siebenten Jahrhunderts beginnt daher, für jene Erdgegend, von neuem eine veränderte Geschichte, eine andere Bevölkerung, Beherrschung, Besimmung der Landschaften und Oert- lichkeiten. Die Quellen aus denen wir ihren Zustand erfahren müfsten, könn- ten vorzüglich nur die Nachrichten der Araber selbst seyn, denen aber eben jene Gegenden minder wichtig und einflufsreich, als früherhin, zu- rücktraten in Vergessenheit, seitdem die beiden Städte ihres Propheten, die historische Mitte ihrer weitläufigen Wohnsitze wurden. Denn die Verlegung der Chalifenresidenzen in das Euphrat- und Tigrisland verän- derte die Handelsstrafsen. Der directe Handel vom Nord-Ende des Rothen Meeres nach Indien verlor sich; mit ihm verödeten auch die Emporien dieses innern Meerbusens, die unter Piolemäern, Römern, Byzantinern aufgeblüht waren, sowol auf der Arabischen wie auf der Aegypti- schen Seite. Arabische, Syrische, Aegyptische Herrschaften bildeten sich; zwi- schen diesen blieb das Land des Alten Peira ohne selbstständige Herr- scher, aufser dem Wege politischer Verbindung liegen, ward von neuen Nomadenstämmen aus dem benachbarten Arabien überschwemmt, und blieb nur ein Land des Durchzugs für einzelne Zweige derjenigen jün- gern Karawanen, die sich seit Muhameds Tode und der Eroberung Syriens und Aegyptens, zwischen Damask, Kahira, Medina und Mekka, in so grofsem Maafsstabe während der mittlern Jahrhunderte ausgebil- det haben. Je schmachvoller das Loos den Abendländern erschien, welche das christliche Morgenland durch die Ungläubigen, seit dem ersten Jahr- hundert der Hedschra getroffen hatte, um so mehr erwachte mit der Er- innerung an die bedrängten, zurückgebliebnen Glaubensbrüder und mit Hıist. Philol. Klasse 1824. Dd 210 Rıtrter der geschärften Empfindung des grofsen Verlustes der geweihten Otte, auch das Interesse, sie wenigstens zu besuchen, und bald, auch sie wie- der zu besitzen. Dies erweckte frühe Schaaren von Pilgern nach dem Gelobten Lande, die auf dem Hin- oder Rückwege über Aegypten zu gehen genöthigt waren, und so, bald auf der einen bald auf der andern Seite die Peträische Landschaft berühren mufsten, oder absichtlich sie durchzogen, um das Kloster in den Einöden des Sinai zu bewallfahrten, das durch seine burgähnliche Lage, durch seine Verwaltung und sein An- sehn in Unter-Aegypten, einigermafsen geschützt blieb, auch durch seine reichen Dotlationen, wie durch die Mirakel, die sich immer mehr vor- fanden, die Aufmerksamkeit der Wallfahrer aus den weit umher liegen- den Wüsteneien anzog. So wurden neben den einheimischen muselmännischen Geschicht- schreibern und Geographen, auch die Itinerarien der Pilger eine freilich nur ärmlich fliefsende Quelle für die Kunde jener Erdgegend, bis neuere wissenschaftliche Forscher zur Aufklärung, vorzüglich der ältesten he- bräischen Antiquitäten, dorthin auf Entdeckungen ausgingen. Denn eben die allerälteste Kunde dieses Landes, die mit dem Durchzuge der Kinder Israäls durch die Wüste beginnt, wie sie in den Mosaischen . Büchern niedergelegt war, und in die Mitte des zweiten Jahrtausends vor derjenigen Zeit zurück geht, in der, wie wir so eben geschen, Griechen und Römer uns, vom Nil- und Jordanthale aus, die ersten genauern Berichte über die Landschaft um Petra und die Küsten- gestade der beiden innern Golfen mittheilen, diese war gänzlich unbe- achtet geblieben von allen Profanscribenten; sie hatte nirgends Aufklä- vung für Andere gegeben noch bei Andern gefunden, und eben so ver- einzelt und unaufgeklärt wie sie, blieb, was wir bisher absichtlich noch nicht berührten, das zweite wichtige Faktum aus der yüdisch - phönici- schen Geschichte, welches diese Erdgegend bewiffi, und in die Zeiten der Könige David’s und Salomo’s 1000 Jahre vor Christi Geburt zu- rückgeht, nämlich die bekannte, wenigstens vielfach besprochene Aus- sendung von Handelsflotten aus dem innersten Arabischen Meerbusen gen Ophir, um die Kostbarkeiten des Orients und das Gold Arabiens, über Ezeongeber bei Elath, zum Tempelbau nach Jerusalem einzuführen. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 211 Keiner der jüdischen Geschichtschreiber, auch Josephus nicht, hat uns über die Beschaffenheit jener Landschaften vor oder nach jenen, für sie so denkwürdigen Begebenheiten aufzuklären versucht. Nur die Lage der zuletzt genannten beiden Orte, deren Wieder- entdeckung und nähere geographische Besimmung, als unser dritter An- haltspunkt, einen bedeutenden Fortschritt in der Kenninifs jenes Erdge- bietes herbeiführt, kann hier vorläufig angedeutet werden, da sie eine Erdgegend betrifft, die für sich, aus den alt-testamentalischen Nachrich- ten hinlänglich erläutert werden kann, was bei den mehrsten der andern, ohne Vergleichungen und annähernde Bestimmungen durch die neuern Berichte kaum möglich seyn möchte. Die Lage beider Orte am Nord-Ende des heutigen Golf von Akaba, ist im allgemeinen, in so hohes Alter sie auch, in einem damals für andre Völker fast gänzlich unbekannten Lande hinaufreichen,, durchaus keinem Zweifel unterworfen. Denn diese Lage ist zu eigenthümlich, als dafs sie nicht durch jeden, auch den einfachsten Zug der nähern Beschreibung, oder der Geschichte augenblicklich charakterisirt werden mülste (z.B. Airau &v Eryaras Erri bei Euseb. Z. c. fol. 27). Schon zu Moses Zeiten kommen beide Orte, beim Durchzuge der Kinder Israel in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit vor, unter den angeführten Benen- nungen. Nachdem das Volk Israel (5. B. Mose 2, 1) von Kades Barnea aufgebrochen war nach der Wüste, auf dem Wege zum Schilfmeer, und das Gebirge Seir eine lange Zeit, fast 38 Jahre lang umzogen hatte, wandte es sich gegen Mitternacht durch das Land der Söhne Esau’s (Idumäa), deren Besitz das Gebirg Seir war. Eben daselbst, Vs. S, heifst es: ‚‚Und von unsern Brüdern, welche wohnten zu Seir (von ‚„‚„den Söhnen Esau’s nämlich) zogen wir weiter auf dem Wege der Ebene ‚von Elath und Ezeongeber, und wandten uns und zogen nach der „Wüste Moab.’ Ob dort zu Elath, zu jener Zeit, wie Bochart meint (!), ein Han- delsort gewesen sey, läfst sich freilich hieraus nicht erweisen, aber die genannten benachbarten Doppelorte deuten wol oflenbar auf eine schon & am Rothen Meere hin. Dafs Idumäer vorhandene, ältere Ansiedlung (1) Bochart Geogr. Sacra. Chanaan Lib.1. c.44, col. 684. Dq4d2 212 Rıtrter sie erbauten, wird uns nicht gesagt, obwol Genes. 36, 41 Ela zu den Söh- nen Edoms gezählt wird; sie könnten auch für alte Colonien oder doch Handelsstationen der Phönicier gelten, wenn sich andre hinreichende Gründe dafür nachweisen liefsen. Dafs hier wirklich von der Küstengegend ein Weg der Ebene (das Gefilde von Elath und Ezeongeber, nach Luthers Uebersetzung) und nicht eine Wüstenei oder nacktes Felsgebirge gegen Mitternacht führe, erfahren wir aus Burckhardts Bericht (!) vom Jahre 1812, der vom Norden her bis auf zwei Tagereisen in diesem Wege der Ebene mitten zwischen wildaufstarrenden Klippenzügen sich dem heutigen Akabah Ailah genähert hat. Mit dieser Auswanderung Israels vom Schilfmeer zum Jordan hört jede Erinnerung an jenes Gestade auf, bis König David (?), der Sieger, die Edomiter im Salzthale schlug (18000), dieselben Idumäer des anlie- genden Gebirges Seir. Das Salzıhal ist die Ebene Zoar im Süden des Todten Meeres. Von David heifst es nun Vs. 14: ,‚,‚Und er legte in Edom Be- „„satzungen, in ganz Edom legte er Besatzungen, und ganz Edom wurde „David unterthan.”’ Diese völlige Besetzung ging offenbar bis zum Hafenorte Ezeongeber am innersten Winkel des Golts: denn nach einem Fragmente des Eupolemos über den Propheten Elias, das Eusebius(°) 3 David zu Aila (&v’Ayavaıs bei Eusebius oflen- bar zu lesen &v Airaveıs) haben Flotten bauen lassen; aus dem Buch der Könige (*) und der Chronik erfahren wir aber wiederholt, dafs Salomo, Davids Sohn, ‚Schiffe bauen liefs zu Ezeongeber, die bei Eloth liegt, „am Ufer des Schilfmeers im Lande der Edomiter,’’ dafs aber Salomo selbst dahin zog und in Verbindung mit Hiram dem Könige von Tyrus diese Schiffe nach Ophir absegeln liefs. Seitdem stand dieser Hafenort anführt, soll schon Köni dem Zugange der Phönicier und Judäer offen, zur Handlung mit den (1) Burckhardt Travels in Syria 4. Lond. p.435. (2) 2.B. Samuelis 8, 13 und Chronika 18, 12. (5) Pamphili Caesareae Episcop. Eusebü Praeparat. Evang. Lib.IX, $.30 p. 447.ed. Colon. 1788. (4) 1-B. d. Könige 9,26; 2.B. d.Chronika 8, 17. zur Geschichte des Peiräischen Arabıens. 213 indischen Gestaden, bis nach etwa anderthalb hundert Jahren Edom wieder abfiel von dem Hause Juda, wider König Joram siegreich zu Felde zog, und einen eignen König über sich einsetzte ('). Die Idumäer konnten ihre Freiheit von fremdem Joch indefs nicht lange behaupten, denn Asarja (Usias), Sohn Amazia’s König von Juda, unterwarf sie bald wieder (°), und baute Elath (Eloth im Plural) (*), das vielleicht als Veste neben dem Hafenort dienen mochte, da beide immer zusam- men genannt werden, Seinem Sohne Jotham blieb die Küste zwar noch, aber dessen Sohne, König Ahas von Juda, entrifs der mächuge König von Syrien (*), Rezin (Arases bei Josephus), dieses Elath wieder; er vertrieb die Juden ganz aus Elath oder, wie Josephus (°) sagt, liefs alle Judäer sowol Besatzung als Umherwohnende umbringen, führte grofse Beute von da weg nach Damaskus, und legte eine Colonie der Syrer in dem Hafen- orte an. So kamen nun die Edomiter unter Syrischem Schutze wieder nach diesem Orte, und wohnten daselbst die folgenden Jahrhunderte bis zu des oben berührten Antigonus, der Ptolemäer und der Seleuci- den Zeiten. Denn, dafs von da an, die griechischschreibenden Historiker, mit dem Namen Idumäa (d.i. Land Edom) die Landschaft um das Todte Meer, also einen Theil von Kanaan, wie Diodor und Josephus, im Gegensatz des südlichen Gebirgslandes Seir, das doch eigentlich nur von Idumäern bewohnt war, bezeichnen, und seitdem das alte Land der Söhne Edom mit dem Namen Nabatäa benennen, hat schon Reland in seinen gelehrten Untersuchungen über Palästina überzeugend darge- than (°). Die Söhne Edom, der biblischen Schriftsteller, sind die Be- wohner derselben Gegenden, deren Beherrscher bei den Griechen und (1) 2.B. d. Könige 8, 20. (2) 2.B. d. Könige 14, 22. (5) Bochart L.c. (4) 2.B. d. Könige 16,6. (5) Fl. Josephus Opp. ed. Hudson. T.1. p.423. (6) Relandı Palaestina 1, 69. 214 Rırrter Römern Nabatäer heifsen. Alle andern alt-testamentalischen Benennun- gen dortiger Völker verschwanden allmählig, und wurden von andern jüngern, arabischen verdrängt; nur diese beiden der Idumäer und Naba- täer überlebten die übrigen. Statt der Idumäer (Edomiten) treten also jene Nabatäischen Völker und Könige auf, die zu den östlichen Ismaäliten (von Nabajoth, dem erstgebornen Sohne Ismaels, nach 1.B. Moses 25, 13) gerechnet wur- den, deren geschichtlichen Zusammenhang nach den Profanscribenten wir schon oben untersucht haben, so weit es nothwendig war, um nach diesen Quellen die geographischen Bruchstücke über diese wenig bebauten Gebiete vergleichen und näher bestimmen zu können. Es bleibt uns nun die dritte jüngere Klasse der Geschichtsquellen in ihrer Aufeinanderfolge und in ihrem innern Zusammenhange zu er- wähnen übrig, aus denen, unmittelbar, vor und seit der Muhamedaner Zeiten, die nähere Kenntnifs dieser Erdgegend sich schöpfen läfsı, nebst der Feststellung gewisser Hauptpunkte für jene Oertlichkeiten, die sich nur auf diesem Wege im Zusammenhange mit allen übrigen nachwei- sen lassen. In die Geschichte der Verdrängung der christlichen Kirche aus den weitläufigen Gefilden und noch ziemlich zahlreichen Ortschaften des Peträischen Arabiens, durch die Anhänger Muhameds, seit dem sie- benten Jahrhundert, und ihrer Einengung auf das kleine festungsartige Gebiet des Klosters am Berge Sinai, sind alle Nachrichten ohne Ausnahme eingeflochten, welche die neuern geographisch -ethnographischen That- sachen für diese Erdgegend, wenn auch sparsam genug, mittheilen. Die Geschichte jener Verdrängung ist von Niemand geschrieben, die Documente der Besiegten sind sparsam und unlauter, die Annalisten der Sieger fanden die Besiegten nicht werth, dafs ihre Geschichte aufge- zeichnet werde. Ohne Eusebius (Metropolit zu Caesarea in Palästina, stirbt 340) und Hieronymus (der als Mönch in Palästina, surbt 420) Ortsverzeich- nisse zur Heiligen Schrift, die sich auch über einzelne Punkte des Pe- träischen Arabiens erstrecken, würden wir noch weniger im Stande seyn, uns in diesen Gegenden zurecht zufinden. Sie sind, nebst den Unter- zeichnungen der Bischöfe in den verschiedenen Kirchen-Concilien der zur Geschichte des Peträischen Adrabiens. 215 frühern Jahrhunderte für jene Zeiten, die einzigen geographischen Quel- len für gegenwärtige Untersuchungen; sie sind die Wegweiser der Pil- ger und derjenigen gewesen, die zu den Zeiten der Kreuzzüge das Ge- lobte Land nebst dem benachbarten Arabien, unter dem Namen von Palästina tertia, von neuem in Diöcesen und Episcopate vertheilten, und Vergleichungspunkte der noch bestehenden Monumente in den Trüm- mern und Ruinen für ältere und neuere Jahrhunderte darbieten. An ihre Angaben schliefst sich die neuere Wiederauflindung der Spuren aller verschwundnen Ortschaften an. Frühe verbreitete sich die christliche Lehre um die Grenzen Ju- däas auch nach Syrien, Idumäa und unter die mancherlei, wie sich aus der bald auftretenden Muhamedanerherrschaft ergibt, zwischen den Ara- bern angesiedelten, jüdischen und ihrem Stamme verwandten Völker- schaften, bis zum Nord-Ende des Arabischen Meerbusens hin. Wie schon der Apostel Paulus (Galater 1,17), von Damaskus nach Arabien ging, so folgten ihm andere Lehrer des Evangeliums, und zogen weiter bis in jene, damals schr stark bevölkerte Gegenden der Peträischen Landschaft ein. Die bekannteren Angaben des genannten Onomasticon übergehen wir, und führen hier nur aus den spätern, in dieser Hinsicht noch unbenutzten Unterschriften der Kirchen-Concilien (nach Assemani Bibl. Orient. und Labbe Coneil. T.11, UI, IV,V, VIII) die folgenden Orts- namen, als Sitze der Episcopen an, welche zu geographischen Bestimmun- gen dienen. Im Nicäischen Coneil (325) unterzeichnete Nicomachus als Metropolit von Bostra (jetzt Boszra, auf der Ostseite des Jordans), der Hauptstadt im Süden des Haurangebirgs, welche damals, unabhängig vom Patriarchat zu Jerusalem, das Haupt von siebzehn bis zwanzig Ecclesien in Arabien war. Im Jahr 336 waren heftige Streitigkeiten um diesen Bi- schofssitz von Bostra, auf der Kirchenversammlung zu Constantinopel. Im Jahr 400 zu Ephesus, unterzeichneten die Bischöfe von Elusa und Phaeno aus dem Peträischen Arabien, Orte deren Bestimmung schon schwieriger ist. Im Jahr 403 auf der Versammlung zu Chalce- don dieselben ; aber aufser ihnen auch die Bischöfe Beryllus von Aila, Musonius von Zoar, Joannes vom unbekannten Chrysopolis Arabiae, und Joannes nebst Eustathius, als die ersten christlichen Priester unter den Saracenen (Saracenorum gentis). 216 Rıtrter Seit dieser Kirchenversammlung wurde nach längerm Kampfe mit Jerusalems geislichem Oberhaupt, die wachsende Macht des Metropo- liten zu Bostra, durch Maximus, Patriarch von Antiochi, der den Patriarchen zu Jerusalem begünstigte, beschränkt; einige südliche ara- bische Ecelesien, wurden diesem Bischofssitze entrissen, dieselben welche seitdem, als Palästina tertua, die dritte Provinz in der geistlichen Topo- graphie des Patriarchats von Jerusalem constituirten (!), und dies sind die, eben dadurch mächtiger werdenden, und auf kurze Zeit mehr be- günstigten Diöcesen in der stark sich bevölkernden Landschaft des Pe- träischen Arabiens. Diese traten darum nun unabhängiger in den Unterschriften auf, und gewannen bedeutenden Einflufs auch auf die sie umgebenden no- madischen Völkerschaften. Petra wurde seitdem der Sitz des Archi- Episcopats dieses dritten, südlichsten Palästina’s, unter welchem die Orte Aila, Pharan, Sinai, Phaeno und andre nun öfter als Episcopate sich hervorthun, bis sie mit dem Ende des siebenten Jahrhunderts plötzlich wieder verschwinden. Im Jahr 449 in der Versammlung zu Ephesus unterschrieb der Bischof von Phaeno, nebst seinem Gehülfen unter den Saracenischen Bundesgenossen (auxılians Episcopus Saracenorum foederatorum). Phaeno (#w@v bei Eusebius), lag, nach Hieronymus (?), mit seinen Metall- gruben, zwischen Zoar und Petra, also im Peträsschen Lande, und möchte sich wol noch nachweisen lassen. Im Jahr 548 unterschrieben zu Constantinopel, nach dem morgen- ländischen Pawiarchen Mennas, auch: Thomas, Presbyter monüs Sinai und der Legat dieses Berges: et Legatus ipsius montis, mit ihnen auch die Legaten der Diöcese Pharan, im Westen von Aila auf der grofsen Heerstrafse nach Aegypten, und des weniger bekannten Raithu. Im Jahr 553 aber, auf dem vierten Concilium zu Constanunopel unter Kai- ser Justinianus, unterschreibt nun endlich auch, ein: Constantinus Episcopus Sinai, woraus sich ergiebt, dafs vorher, ehe dieses Gebirge (1) Assemani Bibl. Orient. T.li, P.1l, fol. 594, cf. Leo Allatius de consensu utriusque Ececlesiae Lib.1, c.12. (2) Hieronym. Onom. v. Phaeno. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 247. fast die alleinige Aufmerksamkeit aller Europäer der spätern Jahrhunderte auf sich zieht, als die einzige christlich gebliebene Gebirgsinsel in jenem weiten Völkermeere hervorragend, welches der Islam beherrschte. Dafs, schon lange vor dieser Zeit, sehr viele Gegenden dieser Peträischen Landschaften, welche bald wieder in Vergessenheit zurücksanken, in christliche Kulturstellen umgewandelt waren, mit, in der That nicht wenigen Städten und Dörfern, mit festen Wohnorten aller Art, mit Kirchen, Klöstern, Grabstätten, Grüften, Kastelen, mit Landstrafsen, Meilenzeigern, Bädern und andern, freilich aus keiner Zeit des reinern Stils herrührenden Monumenten überdeckt, deren zahlreiche, zertrüm- merte Ueberreste, auch heute noch, mit jeder neu eingeschlagenen Wan- derung kühner Reisender, in die dortigen Einöden, wenn sie nur die herkömmliche Pilgerstrafse verlassen, als immer neue, für die Landes- kunde zu erklärende Räthsel hervortreten. Zu gleicher Zeit mit diesem Fortschritte der Civilisation im Pe- träischen Arabien, brachten die Stweitigkeiten der orthodoxen Kirche, unter dem Schutze der Byzantinischen Kaiser gegen die monophysitischen Ketzereien, und gegen die Nestorianer, welche beide unter den morgen- ländischen Christen den gröfsern Anhang behielten , leider dem aufblü- henden Grenzgebiete Peträa’s grofses Verderben und Rückschritt. Noch unter Kaiser Leo I. stritt der Metropolit von Bostra für die orthodoxe Lehre in seiner Provinz ; als aber unter Kaiser Zeno und Anastasius, seit 494, diese Lehren in Aegypten und Vorderasien überhand nahmen, und sich, selbst von Antiochia und Jerusalem durch ganz Syrien und Ara- bien mit wilden Stürmen verbreiteten, und unter Kaiser Justinian, in der Mitte des sechsten Jahrhunderts an tausend monophysitische Bischöfe von ihren Sitzen verstofsen wurden, so fanden eben diese die gröfsten Beschützer, Vertheidiger, Gastfreunde, an den zahlreichen Horden der Saracenen, oder der christlich gewordnen Araber, welche seit einiger Zeit in grofsen Schaaren aus dem Innern ihres Landes an die Syrisch- Palästinische Grenze herbeigeströmt waren, um Theil zu nehmen an den Kämpfen der Christenparteien. Alle Arabische Grenzvölker, die bis- her unter ihren Emirn in Bündnissen, sowol mit ihren Persischen Nach- barn als mit den Byzantinischen Kaisern, gestanden hatten, unter dem Titel: Praesules Foederatorum Scenitarum aufgeführt werden, fielen unter Hıist. Philol, Klasse 1824. Ee 218 Rırtrek Justinian ab und wiederholten ihre alten Raubüberfälle und Fehden, jetzt zur Vertheidigung der verstofsenen Geistlichen und Bischöfe, die bekanntlich auch bei den Persern Schutz und Beistand fanden, zumal unter Kosroes um Ktesiphon sich ansiedelten, und sich seitdem über ganz Ostasien bis an die Grenzen von China und Indien verbreiteten. Als Anastasius (629) monophysitischer Patriarch zu Antiochia gewor- den war, hatten sich die wildesten Religionsstürme überall im benach- barten Oriente verbreitet, und auch im Peträischen Arabien waren die mehrsten Episkopate schon abgelöst von der orthodoxen Kirche, ehe noch die Siege der‘ ersten Chahfen die völlige Trennung Peträas von dem Abendlande, was nun nicht mehr schwer war, vollendeten. Was uns, von nun an, die Annalen der Muselmänner über die Verwandlung dieses christlichen sogenannten Palaestina terlia, in eine rein muhamedanische Provinz üherliefert haben, ist ungemein dürftig, da sie nur schnell hindurch eilten zu den reichern Landschaften von Syrien, Phönicien und Aegypten, Peträa aber seinem Schicksale über- liefsen, da es im Zusammenstofs jener drei, ihnen allerdings von selbst zufallen mufste. Der allerälteste Kampf Muhameds gegen die christliche Herr- schaft fiel indefs grade an der Ostgrenze des Peträischen Arabiens, näm- lich an der Diöcesangrenze, am Ostufer des Golfs von Akaba vor, im Norden von Medina auf der Heerstrafse gegen Karac. Die dortigen Gebieter hatten, wie Abulfeda sagt (!), den Boten erschlagen, den Muhamed an den Herrn von Boszra (ad Dominum Bosrorum), oder Bostra, d.i. nach dem Sitze des Metropoliten im christlichen Arabien, mit dem Aufruf seiner Lehre beizutreten, gesendet hatte. Daher schickte er seinen Diener Zaid mit 3000 Mann dahin, der aber im Süden von Karac, bei dem Orte Muta (bei Abulfeda; aber Kuunv Meyewv bei Theophanes p. 278) (?) von Romanen und christlichen Arabern (100,000 Mann stark nach Abulfeda’s Angabe), überfallen und geschlagen ward, wobei drei ihrer ausgezeichneten Glaubenshelden fielen und der vierte, (1) Abulfedae Annales Muslemiei, Ioh. Iac. Reiskü ed. Adler. Hafniae 1789, TI, p: 143. (2) Cf. Adler 2. c. Not.58, ad p.143, in Opp. p. 29. zur Geschichte des Peträischen drabiens. 219 Chaled, Valid’s Sohn, die Fahne ergriff und die Tapfern nach Me- dina glücklich zurückführte; in demselben Jahre 629, (8 Jahr der Heg.), in welchem Muhamed auch Mekka eroberte. Im folgenden Jahre (630) als die Dattelernte zum festlichen Ge- nusse einlud, und eben darum noch viele, dem neuen Propheten Wi- derspenstige zurück blieben, brach Muhamed zum zweitenmale gegen die Romanen, wie Abulfeda sagt, nämlich gegen den Westen auf. Es war im ÖOctober-Monat; er drang mit 30000 Mann über die alten Sitze der Thamuditen (!) und von da weiter nordwärts, siegend bis zur reichen Oase Tabuk vor (auf der jetzigen Hadjiroute, noch bis heute, eine Haupt- station, im Osten von Ras-Muhamed; 12 Tagereisen im Norden von Medina, 15 im Süden von Damask, etwa 9 im Süden von Boszra). Von da aus begannen viele freiwillige Unterwerfungen der christ- lichen, von der orthodoxen Kirche abtrünnigen Gemeinden des Pe- träischen Arabiens, die, gegen Zahlung von Tribut, sich in Verträge mit dem Sieger einliefsen. Deren nennt Abulfeda drei, bei diesem ersten Vorrücken. Es waren Ocaid, Sohn des Abd-el Malek, des Christen und Gebieters von Daumat-el-Gandali, der als Verbündeter mit dem Perserkönige das Ehrenkleid von diesem, ein Prachtgewand von Goldstoff trug, welches Bewunderung der Araber erregte; er mochte wohl ein Nestorianischer Christ seyn. Es waren ferner die Bewohner des uns unbekannten Adrog, und endlich auch Johannes, der christ- liche Beherrscher von Ailah, im innersten Winkel des Ailanitischen Golfs, der, wie Abulfeda erzählı, Muhamed entgegen kam, und sich zu einem Tribute von 300 Goldstücken jährlich verpflichtete (?). Alle andern Stationen der abtrünnigen christlichen Kirche in Peträa, schei- nen, obwol uns dies nicht insbesondere gesagt wird, diesem Beispiele bald gefolgt zu seyn: denn auch der erzbischöfliche Sitz, Boszra (°), ging auf diese Weise nach der Schlacht von Jarmuk an Abu Bekr (1), Abulfeda 2 c. p. 171. (2) Ueber die Unächtheit des Diploma securitatis Ailensibus, s. Nota 6 Gibbon XIV, c. 50. p. 165, B. Beck. Uebersetzung. (5) Abulfeda .c. p. 223,243, 245 etc. 220 Rıtrter über (634), und zwei Jahre später fiel Jerusalem; im Jahr 640 kam auch das Nilthal in die Gewalt der Chaliphen. Seitdem verschwindet alle genauere Kunde der Fremden vom alten Peträischen Lande; einige Jahrhunderte hindurch bewegt sich die grofse Arabische Völkerwanderung durch dieses Gebiet hindurch gegen den Westen, um die weite nördliche Hälfte Afrika’s zu bevölkern; die Ka- rawanenstrafsen nach Medina und Mekka, von Damaskus und Kairo, mufsten am innern Golf von Ailah zusammenstofsen um jene Gläubi- gen zum Grabe ihres Propheten zu führen. Das Peträische Arabien wird daher von neuem das Land des Durchzugs und der Heerstrafsen, die Bewohner werden die Karawanenführer, die Diener und Ghafir’s, oder Beschützer der Pilger. Immer neue Arabische Völkerstämme drän- gen daher, nach und nach, aus dem ärmern, östlichen Hedjaz und Nedjed, dem Hochlande Mittelarabiens, dort ein, um Theil an dem Verdienste dieses Passagelandes zu nehmen, und ein Geschlecht wird nach dem an- dern, aus Gezira Ailah, dem halbumflossenen, wie es die Araber nen- nen, verdrängt. Auf diese Angaben beschränken sich seitdem alle Nachrichten der Arabischen Geographen und Geschichtschreiber. Der magre Auszug den wir von des vermeintlichen Ebn Haukal’s Geographie des Orients besitzen, gibt gar keine nähere Kunde dieser Gegend, obwol sie so dicht an die Heimath der edelsten Araberstämme grenzt; er nennt nur zwei- mal den Ort Aileh (!) (d.i. Ailah). Edrisi(?) ist zwar umständlicher ; er nennt viele Orte dieser Erd- gegend, wie Faran, den Berg Tur, die Hafenorte Masdaf, Sciarm-albait, das Vorgebirg Abi-Muhamed, und die, wie er sagt, mäfsiggrofse Stadt Aylah, aber neue Aufschlüsse giebt er nicht. Diese erhalten wir erst für die Topographie des Peträischen Arabiens durch Abulfeda’s Be- schreibung des Meeres von Kolzum (?) und der Landschaft Arabien, wo er glücklicher Weise über Ailah als Augenzeuge spricht. Den Beweis (1) Ebn Haukal Orient. Geogr. b. Quseley p. 41,57. (2) Edrisi Geogr. Nubiensis p. 109 ete. (5) Abulfedae Deseriptio Maris Alkolzum. edid. Ioh. Graevius in Seript. Graeci. Minores. Oxon. 1712, Vol.Ill, fot.70, ib. fol.1-46. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 221 für seine eigenen Beobachtungen finden wir in seinen Annalen (!), wo er seiner ersten, zweiten und dritten Pilgerfahrt nach Mekka erwähnt, und diese letztere, im Jahr 1319 mit dem Sultan Malec en Nasr von Aegypten zurücklegte, und etwas genauer, wenn gleich nicht in allen Theilen umständlich genug beschrieben hat. Sie führte ihn über Ailah. Abulfeda’s Geographie wird wohl die wichtigste Arabische Quelle über diese Gegend bleiben, so lange wir nicht den vollständigen Ebn- Haukal oder Ebn Batuta erhalten werden. Gleichzeitig mit den Arabern laufen die vielfachen Ttinerarien christlicher, europäischer Pilger, die jedoch nur zuweilen das Gebiet des Peträischen Arabiens berühren, und, wenn es ihnen gelingt, auch selbst durchstreifen, doch nur um den Sinai auf dem allbekannten Pfade zu besteigen. Die Frucht für die Landeskunde ist aus den mehrsten nur sehr gering, bis die neuern Forschungen mit den Reisen nach dem Sinai beginnen, die seit Carsten Niebuhr, erst astronomische Beob- achtungen zur Annäherung genauerer Ortsbesimmungen geben, obwol auch schon Pater Sicard (?) dergleichen angestellt haben will, von denen wir jedoch zu einer Karte, bisher überhaupt nur erst zwei brauch- bare erhalten haben, die von Suez, und ganz kürzlich von Akaba Ailah. Die Legenden des Klosters am Sinai bleiben zwar unfruchtbar für un- sere Untersuchungen, aber an der Geschichte dieses einzig erhaltnen Denkmals einsuger Herrschaft der griechischen Kirche auf der ganzen Halbinsel, geht die Zeitgeschichte eines vollen Jahrtausends wie an einem Spiegel vorüber, in dem doch manche Bilder aufgefangen werden, die ohne das verloren gegangen seyn würden. Wir schliefsen den kurzen historischen Ueberblick über diese Bruch- stücke von zerstreuten Nachrichten mit einer Bemerkung, die uns ein minder bekannt gewordner Deutscher Pilger aus der Mitte des vierzehn- ten Jahrhundert, Peter (vul/go Zudolph) de Suchem (°), Geistlicher aus Paderborn, in seinem wenig beachteten Itinerarium (vom Jahr 1336 (1) Annales Moslemici ed. Adler T.\, p.193,281, 331. (2) Lettres edifiantes et curieuses ete. Nouwv. Edit. Lyon 1819, T. III, p. 400. (5) LudolphdeSuchem Zibellus de Itinere ad Terram Sanctam. Venet. S.a. — Deutsch. 1477. 222 Rırtter bis 1350), über die Anwohner des Sinai an die Hand giebt, welche einen besondern Umstand aus der Legende des Klosters bestätigt, dessen Folge noch heute, über das Verhältnifs der dienenden und herrschenden Araberstämme zu jener fremden Ansiedlung als einer alten überlieferten Einrichtung, einigen Aufschlufs giebt. Die heutige Legende des Klosters erzählt (!), dafs dessen Erbauer, Kaiser Justinian, bei der ersten Gründung, auch für die Bedienung der Geistlichen in fremder Umgebung dadurch sorgte, dafs er eine An- zahl der Eingebornen vom Gestade des Pontus Euxinus als Knechte dort- hin gesendet, und auf dem Gebirge, als Wächter des Klosters und sei- ner Pflanzung der dortigen Anstalt blieben. Späterhin, als die Sultane Aegyptens für en angesiedelt habe, deren Nachkommen auch im Dienste die Bestätigung der Klostergerechtsame, von den Vorstehern des Sinai Schutz und Unterhalt der vorüberziehenden Mekka-Pilger verlangten, hätten die Geistlichen mehrere Araberstämme zur festen Ansiedlung in die fruchtbarern Thäler ihres Gebirges eingeladen, durch sie Schutz zu verleihen, denen aber bald immer Andre und Andre, aus dem Hedjaz nachgefolgt seien. Diese hätten sich immer gemehrt, ihre Macht sey gewachsen, die der Christen, denen einst die ganze Halbinsel gehörte, habe dagegen abgenommen, und sie seien endlich nur auf ihr Kloster und dessen Gebirge beschränkt geblieben, und in Abhängigkeit der jün- gern Ansiedler gerathen. Die Knechte und Hörigen des-Klosters wur- den nun, da die Klostergüter entrissen waren, die Sklaven der Musel- männer; sie waren Christen, wurden aber nach und nach Moslem’s und nahmen die Sitten der Beduinen an, blieben aber die ärmsten un- ter ihnen, und bei alle dem noch die nächsten Angehörigen, ja selbst die Dienstleute der Mönche. Peter de Suchem unterscheidet im neunundsiebzigsten Kapitel seines Reiseberichts nun wirklich noch diese Knechte des Klosterge- birgs von den andern Beduinen, die er Baldewini schreibt. Jene nennt er Conversi et Laici, die auf dem Gebirge die schwere Arbeit hätten, Kohlen zu brennen und diese nebst den Dattelvorräthen auf ihren Ka- meelen, sowol nach Helym, d.i. Ailah, also nach Osten, wie nach (1) Burckhardt Trav. in Syria p, 345. zur Geschichte des Peträischen Arabiens. 223 West, nach Babylonia nova, d.i. Kairo, zum Verkaufe zu bringen, was bekanntlich auch heut zu Tage der Haupterwerb aller dortigen armen Beduinenstämme ist. Aus jener Bezeichnung und den übrigen Angaben sollte man ver- muthen, dafs sie damals, in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, wirk- lich noch der christlichen Kirche angehört hätten. Durch die trefflichen Beobachtungen Burckhardıs(!) auf die- sen Gebirgshöhen erfahren wir, dafs offenbar deren Nachkommen, noch heute, die dortigen Gebayle (das Bergvolk) sind, die ihre Abkunft von christlichen Sklaven selbst anerkennen, von den reinen Hedjaz-Arabern, die sie verächtlich: Söhne der Christen nennen, in keine eheliche Ge- meinschaft aufgenommen werden; dafs die letzten dieser christlichen Be- duinen erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts unter ihnen ausstar- ben, und dafs diese Gebirgsbewohner, die sogenannten Gebayle, zu dem schönsten von den übrigen Beduinen ganz verschiednen, wahrscheinlich vom Kaukasischen Stamme herkommenden Menschenschlage gehören, aber in allem die Lebensweise und Gebräuche ihrer Nachbarn, der Be- duinen, angenommen haben. Die Geschichte der Peträischen Halbinsel bietet daher, nicht nur durch ihre geographische und historische Stellung zu ihren Umgebungen, und durch das Ueber- und Ineinandergreifen drei- und vierfacher Nach- barländer und Völker, vielseitige, allgemeinere Berührungen mit ihren Umgebungen dar, sondern sie zeichnet sich noch aufserdem durch sehr eigenthümliche, innere Erscheinungen auf ihrem eigenen Boden und in ihrer eigenen Bevölkerung und Belebung aus, die nicht ohne gestalten- den Einflufs auf die näher- und ferner- abstehenden Völkerverhältnisse bleiben konnten; sie hat selbst Natur- und Kunst-Denkmale aufzuwei- sen, die noch genauerer Unsersuchung werth sind. (1) Burckhardt Trar. !.c. p. 562. [op Dr me De | i mi, sl iD ‚hi #”“) [ sh i Jul sr ı1 8a HER ? } D \ { A ve - fr} . I 247 DIEr> mal - SE Zr IT OESCBEITTEL TAT BE IE I h IKFUR > N a PER P 2 A ! du 1. 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Diese haben mich veranlafst, zu meiner Abhandlung einige Bemerkungen nachzutragen, um meine Darlegung zu vervollständigen, welche von die- sem bedächtigen Gelehrten nicht richüg aufgefafst worden zu sein scheint. Zuerst mufs ich noch einmal von dem ungenannten Biographen spre- chen, welcher den Sophokles sieben Jahre vor dem Peloponnesischen Kriege Feldherr werden läfst, das heifst nach unserer Art zu reden, im achten Jahre rückwärts; denn $.7. behaupte ich, die Angabe sei auf jeden Fall ungenau, da man den Archon Morychides und den Archon Pythodor mitrechnen müsse: es kann aber scheinen, selbst wenn der Biograph den Wahltag im Jahre vor Morychides im Auge gehabt habe, hätte er nur sagen dürfen acht Jahre oder im neunten Jahre, welches auch Seidler mit einer Stelle aus dem Thukydides belegt. Hierbei ist jedoch nicht zu übersehen, dafs Griechen und Römer angefangene Jahre in der Regel als voll zählen, dafs sogar eine Zeit von zwei Jahren TgIerngIS, von vieren mevrernpis heifst, und was dergleichen mehr ist; und es ist daher nicht zu verwundern, dafs Dodwell, ein Chronologe, der viele Zahlen gelesen und geprüft hatte, an der Stelle des Thukydides Anstofs nahm, die nicht zur Richtschnur für den gewöhnlichen Sprachgebrauch gemacht Hıist. Phiol. Klasse 1824. F£f 226 Böcxm Nachträgliche Bemerkungen werden kann. Und wenn der Biograph das achte Jahr vor dem Pelo- ponnesischen Kriege meinte, welches bis zum zehnten Monat des Archon Morychides zurückreicht, so müfste der Anfang der Sophokleischen Stra- tegie erst gegen das Ende des Archon Morychides gesetzt werden, und obgleich das einzige tüchuge Zeugnifs die Samischen Kämpfe unter Ti- mokles und Morychides setzt, müfste nun der zweite Samische Feldzug erst unter Glaukides beendigt werden. Auf eine solche Angabe bei ei- nem aus Lappen zusammengeflickten Biographen so grofses Gewicht zu legen, kann ich mich nicht entschliefsen: sie trägt in sich selbst das Gepräge der Ungenauigkeit; genaue spätere Schriftsteller, die etwas wis- sen, geben die Archonten an. Wie bestimmt ist dagegen die Angabe des Scholiasten zum Aristophanes, wenn er die Samischen Kämpfe unter Timokles und Morychides setzt; es genügt ihm nicht, wie schlechten Schriftstellern, Einen Archon zu nennen; er nennt uns zwei. Wären die Samischen Kämpfe erst unter Glaukides entschieden worden, warum hätte er gerade diesen verschwiegen? gerade das wichügste und entschei- dendste Jahr übergangen, in welches die Belagerung von Samos nun sehr weit hineinlaufen müfste? Dies nöthigt mich, von dem Biographen und von der bezeichneten Auslegung desselben abzugehen, nnd eine der beiden andern möglichen Annahmen, die ich in meiner Abhandlung auf- gestellt habe, vorzuziehen. Bei der Entwickelung der zwei möglichen Ansichten gehe ich nicht darauf aus, den Monat zu bestimmen, in welchem die Samischen Kämpfe angefangen hatten, welches ganz unmöglich ist, sondern ich stelle hypo- thetisch von den vielen Möglichkeiten zwei hin, woraus ein verschiede- nes Ergebnifs folgt; die in der Mitte zwischen beiden liegenden Hypo- thesen durchzugehen, war theils zu weitläuftig, theils darum überflüssig, weil sie in Rücksicht der Ergebnisse mit den beiden aufgestellten über- einstimmen. Die zweite dieser Annahmen ist die, wonach das Bündnifs, von welchem alle Berechnung ausgeht, in den vierten Olympischen Mo- nat von Olymp. 83,3. gesetzt wird. Seidler hat indefs durch Verglei- chung der Stellen Thukyd. II, 2. I, 67. I, 87. gezeigt, dafs nicht über den fünften Olympischen Monat zurückgegangen werden kann; gleich- viel jedoch, ob wir das Bündnifs in den vierten oder fünften Monat setzen, läfst sich der Angriff von Samos auf Milet in das Späyahr über die Antigone des Sophokles. 297 Olymp. 84,4., der Anfang des zweiten Samischen Krieges aber, wie ich 8.4. sage, Ende Winters, oder in den Anfang des Frühlings setzen. Zu kurz kann man die hierdurch abgemessene Zeit für die Begebenhei- ten, welche der neunmonatlichen Belagerung vorangingen, nicht finden; je nach den Umständen können solche Begebenheiten schneller oder langsamer vollführt werden, und im Allgemeinen läfst sich hierüber gar nichts bestimmen: wenn aber die Schriftsteller von rascher Folge der Begebenheiten sprechen, so wird die Vollführung der Sachen in kürze- rer Zeit wahrscheinlicher. Ich habe nun in meiner Abhandlung, ob- wohl, wie ich zeigen werde und auch früher bemerkt habe, mit drei bis vier Monaten auszukommen wäre, für jene Begebenheiten einen Spiel- raum von ungefähr sechs Monaten gelassen; und man könnte eben so gut sieben setzen, ohne dafs in den Folgerungen etwas geändert würde; ist ein Monat von Seidler abgezogen worden, so steht es frei anzunehmen, das Jahr Olymp. 84,4. sei ein Schaltjahr gewesen, wodurch für die politische Jahreintheilung , wonnen wäre. Man kann gewifs nicht behaupten, dafs in so langer worauf es hier allein ankommt, der Monat wieder ge- Zeit nicht das habe geschehen können, was vor der neunmonatlichen Bela- gerung, das heifst vor der Schlacht bei Tragia vorgegangen ist. Es ist nehmlich auch jetzo noch gestattet, die Begebenheiten mit dem fünften oder sechsten Olympischen Monate anzufangen, und bis in den Munychion fortlaufen zu lassen, der der gewöhnliche Frühlingsanfang ist: folglich haben wir aufser dem fünften Monat Mämakterion den Poseideon I. Po- seideon II. Gamelion, Anthesterion, Elaphebolion, Munychion. Wir brauchen aber so viel Zeit nicht, sondern können mit drei bis vier Monaten ganz bequem auskommen; nur mufs man die Begebenheiten nicht ins Grofse mahlen, einen Zug von Samos nach Milet sich nicht wie einen Einbruch in Rufsland, und kleine Unterhandlungen nicht wie einen Europäischen Congrefs vorstellen. Die Orte nämlich, welche hier in Betracht kommen, sind alle nicht weit auseinander gelegen; der Mittelpunkt für dieselben ist Samos, wovon in gerader Richtung Milet etwa 6, Sardes 17, Lemnos 40, Athen eben so viel Deutsche Meilen entfernt ist; meist Seeweg, schnell zurückzulegen mit Rudern und Se- geln, oder wenn der Wind ungünstig ist, mit Rudern allein. Man kann z.B. folgende Zeiten setzen. Milet, von Samos besiegt, zwei Wochen ef2 228 Böcxku Nachträgliche Bemerkungen (wenn es beliebt, sind drei Tage genug, in welchen das Schicksal von Millionen entschieden werden kann); Reise der Partheien nach Athen, zwei Wochen; Fahrt der Athener nach Samos, drei Wochen; von der Ankunft der Partheien zu Athen bis zur Ankunft der Flotte vor Samos, Herstellung der Demokratie in Samos und Abführung der Geifseln nach Lemnos, zwei Wochen; dann geht Perikles zurück : aüres ö’&v öAlyaıs NMegaıs aravra uvrereienws EmavmAIev eis ras "ASyvas (Diodor. XII, 27.). Während dieser vierzehn Tage wird auch Pissuthnes die dem Perikles nach Plutarch gemachten Anträge von Sardes aus haben machen kön- nen; dazu bedurfie es höchstens sechs Tage, oder wenn Pissuthnes schon zum voraus auf die Ankunft der Auischen Flotte gerechnet hatte, einer so kleinen Zeit als jedem beliebt. Von den Samiern gingen aber Einige nach dem festen Lande, um den Athenern zu entgehen; dies mögen sie acht Tage vor Perikles Ankunft gethan haben, gegen welche Annahme nichts streitet; und dann machen sie mit Pissulhnes Bundesgenossen- schaft, sammeln 700 Söldner, und greifen Samos in nächtlichem Ueber- fallan. Hierzu werden vier Wochen übrig Zeit sein, zumal da in Karien, im Lande der Söldner, mit Pissuthnes Hülfe 700 Mann gewifs in Einer Woche zusammengebracht werden konnten. Der Ueberfall von Samos fiele hiernach Eine Woche nach Perikles Abzug; wie die Griechen Ipsara gleich nach Abzug der Türkischen Hauptmacht wieder genommen haben. Hierauf stürzen die Aristokraten die Demokratie, holen die Geifsela von Lemnos, liefern die Auische Besatzung dem Pissuthnes aus, rüsten gegen Milet: dafür mögen vorläufigzwei Wochen gegeben werden. Denn das Rüsten der Griechen ging schneller als das heutige Mobilmachen: ist doch jeder Bürger zugleich Krieger, und braucht blofs aufgeboten zu werden: die leichten Schiffe waren schnell in Stand gesetzt. Man sieht, drei Monate genügen überflüssig für alles, was bis dahin vor dem zweiten Feldzuge hergeht, dessen erste Schlacht die neunmonatliche Belagerung zur unmittelbaren Folge hat. Wir geben nun von da an einen ganzen Monat bis zur Ankunft der Attischen Flotte vor Samos, wiewohl diese schon zwan- zig Tage nach dem nächtlichen Ueberfall wieder da sein konnte; denn in zehn Tagen können die Athener Nachricht erhalten haben, und zehn Tage später können sie in Samos sein; nach letzterer Voraussetzung würden drei Monate und wenige Tage bis zur zweiten Ankunft der Attischen Flotte über die Antigone des Sophokles. 229 genügen; aber ich gebe noch den vierten Monat zu. Erst gleichzeitig mit der Athener Ankunft stehen die Samier mit ihrer Flotte vor Milet, und segeln zurück, wo sie denn bei Tragia geschlagen werden: also haben sie sich sogar fast sechs Wochen rüsten können, wenn wir für die Bege- benheiten vor der Schlacht bei Tragia vier Monate annehmen. Was ist in allem dem unglaublich? Aber man hat noch überdies einen Zeit- raum von drei andern Monaten übrig, aus welchem man so viel Zeit zu- setzen kann, als man will. Das allerdings entlegene Byzanz darf man nicht in Rechnung bringen; es ist zwar gewils, dafs Byzanz zugleich mit Samos abfällt und sich wieder ergiebt (Thukyd.TI, 115. 117.); diese Sache steht aber mit den übrigen in keinem solchen Zusammenhange, dafs irgend ein Früher oder Später in Bezug auf einen bestimmten Vor- fall des Samischen Kampfes auszumitteln wäre. Es steht also von die- g als der ersten etwas entgegen, und Sophokles Antigone kann also eben so gut in ser Seite meiner zweiten Voraussetzung eben so weni Olymp. 84,3. als Olymp. 84,4. gesetzt werden. Es liefsen sich aber ge- gen die zweite Voraussetzung die 8.6. bemerkten Schwierigkeiten erheben; mir scheint jedoch gegen die Art, wie ich sie beseitigt habe, nichts Er- hebliches eingewandt werden zu können; wie z. B. dagegen, dafs ich aus der 8. 4. gegebenen Stelle des Strabo nichts weiter folgern lassen will, als Sophokles sei eine Zeitlang Amisgenosse des Perikles gewe- sen, nicht gerade bis zur Eroberung von Samos. Strabo spricht von 5 der Belagerung von Samos, durch die die Athener Samos in üblen Stand gebracht hätten, unter der Anführung des Perikles und Sophokles. Er nennt den Sophokles offenbar nur der Merkwürdigkeit wegen, weil er wulste, dafs dieser mit Perikles bei dieser Belagerung Feldherr war; etwas über die Dauer der Sophokleischen Strategie ist in seiner Angabe nicht enthalten; und es kommt nur auf die übrigen Verhältnisse an, ob man diese Dauer beschränken oder erweitern will. Auch dafs die Nachricht, mit Thukydides Melesias Sohn sei Sophokles Feldherr gewe- sen, in einer so geringfügigen Schrift wie die Biographie des Sophokles erzählt, nicht für gewifs zu halten sei, sondern auf einem unrichugen Schlufse beruhen könne, ist eine nicht gewagte Vermuthung, da es un- zählige Beispiele solcher auf Fehlschlüfsen beruhenden Angaben giebt. Die Richtigkeit meiner zweilen Hypothese, und somit die Aufführung 230 Böcxn Nachträgliche Bemerkungen der Antigone in Olymp. 84,3. würde völlig entschieden sein, wenn ge- zeigt werden könnte, dafs die Angabe des Biographen nicht nur falsch sein könne, sondern müfse: denn dann müfste Sophokles ein Jahr vor Thukydides Feldherr gewesen sein: und schon jetzt neigt sich die Un- tersuchung dahin, zu verneinen, dafs sie zusammen Feldherrn sein konnten. Die zehn Feldherrn waren gewifls jederzeit je einer aus jedem der zehn Stämme: dies wird keiner für zweifelhaft halten, der in diesen Sachen zu Hause ist. Wie, wenn Thukydides und So- phokles aus Einem Stamme waren? Wie unsere Kenntnisse jetzt stehn, kann man nicht anders urtheilen. Thukydides ist von Alopeke (Plutarch. Perikl. 11. Schol. Aristoph. Wolk. 941.) aus dem Antiochischen 'Stamme; Sophokles ist aus Kolonos. Als CGorsini schrieb, fehlten noch die An- gaben, zu welchem Stamme Kolonos gehöre; die Inschrift bei Chandler Inser. IH, 107. (in unserm Corp. Inscr. Gr. N. 172.) setzt aber Kolonos unter den Antiochischen Stamm. Diese Inschrift ist unstreitig älter als N. 115. (aus der Zeit der zwölf Stämme) und 183. unseres Corp. Inscr. in welchen Kolonos unter die Aegeis gehört; und wir können uns da- her für die ältere Zeit nur nach der ersten richten. Es dürfte schwer fallen zu zeigen, dafs die Inschrift N. 172. nicht älter als die andere sei; aber man könnte sagen, es habe zwei Kolonos gegeben, den Yrmıcs, aus welchem Sophokles anerkanntermafsen ist, und den dyogaics; allein niemand wird zeigen können, dafs der @yogaiss ein Demos ist, welches schon Corsini (F. A. 2d.I. 5.205 7.) verneint hat; alle Demen, deren Namen zugleich Namen von Stadttheilen sind, wie Melite, Keramei- kos, sind als Demen nicht doppelt, sondern nur einmal vorhanden. Also auch aus diesem Grunde bestreite ich den Biographen, und halte darnach die Aufführung der Antigone in Olymp. 84,3. für übereinstim- mender mit den Verhältnissen, gestehe aber gern, dafs Diodor, auf den ich mich berufen habe, und dessen Ungenauigkeit mir aus eigenen Un- tersuchungen hinlänglich bekannt ist, eben nichts beweiset; wenn man gleich doch immer Bedenken tragen mufs, ihm Fehler aufzubürden, ohne es beweisen zu können. Eben so bemerke ich, dafs der Ausdruck $. 3. zu Ende, nach den Schriftstellern sei alles rasch geschehen, ein ws wos eireiv Favra sei: aber als solches ist es auch hinlänglich erwiesen, und kann kaum verdächtig gemacht werden. Wenn z.B. Plutarch im über die Antigone des Sophokles. 231 Perikles 26. sagt: ci de eüSüs (gleich nach Perikles Abfahrt) dressırav, EnnAeVlavros aürols Toüs öningous IhrscvSvov, so kann man nicht sagen, das eü9Vs sei so genau nicht zu nehmen, da zwischen der Abfahrt des Pe- rikles und der Wegholung der Geifseln aus Lemnos eine ziemliche Reihe von Begebenheiten liege. Denn ich-habe schon gezeigt, dafs die Vor- g unstauthaft sei. Gelegentlich bemerke ich noch dieses. Wenn 5 ich 8. 3. die Maschinen des Artemon gleich bei der ersten Belagerung aussetizun unmittelbar nach der Schlacht:bei Tragia erwähne, so scheint dies irrig zu sein. ‘Plutarch (27.) und Diodor (XII, 28.) berichten, jener mit Be- rufung auf Ephoros, Perikles habe sich bei dieser Belagerung auch der Maschinen des Artemon bedient, und geben dies als beiläufige Anmerkung gerade bei Erzählung der zweiten Belagerung, oder vielmehr des zwei- ten Actes der Belagerung, welcher der wichtigere war: denn eigent- lich ist die Belagerung überhaupt nur Eine, die blofs durch einen glück- lichen Ausfall für eine kurze Zeit unterbrochen wird. : Aber keinesweges beschränken sie, oder vielmehr Ephoros, aus welchem sie schöpften, den Gebrauch dieser Maschinen auf den zweiten Act der Belagerung; und da die Athener schon in dem ersten drei Befestigungen angelegt hat- ten, können sie auch schon damals den Maschinenbau angefangen haben. Indessen war mein Zweck nicht, eine Zeitbesiimmung zu geben, son- dern da die Athener die Maschinen des Artemon bei dieser Belagerung gebraucht haben, sage ich nur gleich bei der ersten Erwähnung der Be- lagerun ‚„‚die Athener hätten angefangen die Stadt aus drei Befesti- g: gungen und mit den Maschinen des Artemon zu belagern.’’ Uebrigens mögen die Maschinen, wann man will, in Thätigkeit gesetzt worden sein. Was die von den Zeitverhältnissen der Strategie und der Diony- sosfeste entlehnten Gründe betrifft, so habe ich mir allerdings in deren Auseinandersetzung Vermuthungen erlaubt; aber der Schlufs beruht nicht auf den Vermuthungen, sondern auf dem damit verbundenen Sichern. Sicher ist es, dafs Sophokles, wenn er wegen des Beifalls der Antigone zum Feldherrn erwählt worden, nach dem Poseideon oder Gamelion oder Elaphebolion erwählt sein mufs; und eben so sicher ist es, wie sich am Ende zeig und folglich entweder Olymp. 84, 3. oder Olymp. 84,4. aufgeführt ist, wenn man nicht ungeschichtliche Voraussetzungen aufstellen will. Ob en wird, dafs hiernach die Antigone nicht Olymp. 55, 1. 232 Böcku Nachträgliche Bemerkungen vor dem Peloponnesischen Kriege aufserordentliche Feldherrn ernannt worden seien, läfst sich nicht entscheiden; ich habe dies daher als pro- blematisch dahin gestellt sein lassen: irgend wann aber mufste doch von der regelmäfsigen Einrichtung abgewichen werden, und man ist nicht berechtigt dies sehr früh anzunehmen, Uebrigens ist kein Grund vorhanden, zu glauben, dafs die zehn Feldherrn, welche gegen Samos zogen, nicht die ordentlichen gewesen seien; und dafs diese ihr Amt nicht im Hekatombaeon angetreten hätten, ist bis jetzt nicht erwiesen. Wenn diese Zeit nicht geeignet scheint für den Feldherrnwechsel, da hierdurch die Sommerfeldzüge nach wenigen Monaten schon wieder an- dern Feldherrn übertragen wurden, und die vorhergehenden ihre Plane nur auf kurze Zeit hinausstellen konnten; so bedenke man, dafs der Wechsel in den alten Freistaaten sogar für etwas Wünschenswerthes gehalten wird, und weitaussehende strategische Combinationen bei Kriegen, die sich gewöhnlich in kleinen Räumen bewegten, so selten vorkommen konnten, dafs sie bei den Staatseinrichtungen schwerlich in Rechnung ge- bracht wurden ; wechselten doch die Strategen alle Tage den Oberbe- fehl. Ueberdies konnte man nöthigenfalls die Feldherrn wieder erwäh- len, oder aufserordentlicher Weise im Amte lassen, oder für entfern- tere Züge, wenn sie kurz vor dem Wechsel der Strategen eintraten, aufserordentliche ernennen. Wenn bei den Spartanern, Syrakusern, Aetolern, Achäern und Römern die Feldherrn ihr Amt nicht im Som- mer angetreten haben, erlaubt dies keinen Schlufs auf Athen. Die Feld- herrn haben bei den Römern und Spartanern ihr Amt mit dem Anfange des bürgerlichen Jahres angetreten, und zu eben der Zeit werden sie es bei den übrigen gethan haben. Eben dieses habe ich bei den Athıenern angenommen; und so lange man nichts dagegen beweisendes findet, kann man von einer andern Voraussetzung nicht ausgehn, da die Ma- gistrate zu Athen ihre Aemter, wenn sie jährig waren, im Hekatom- baeon antraten; und ebenso stimmen in den andern Staaten die Magi- strate mit den bürgerlichen Jahren überein, die ja eben wegen ihrer Uebereinstimmung mit den Staatsverhältnissen bürgerliche sind. Indessen baue ich darauf nicht ausschliefslich, sondern bemerke, dafs das Ergeb- nifs nicht günstiger für die von der meinigen abweichende Meinung ausfalle, wenn die Feldherrn ihr Amt etwa im Frühling antraten, und über die Anuigone des Sophokles. 233 dafs es überhaupt nicht auf die Zeit des Amtsanfanges, sondern der Wahl ankomme, die ich, wie mir scheint, nicht zu bestimmt, in das letzte Vierteljahr vor Antritt des Amtes oder kurz vor demselben setze. Die feste Besimmung der Wahlzeit aber, und dafs wirklich alle Jahre zehn ordentliche Feldherrn ernannt worden seien, diese Dinge lassen sich nach dem Geiste der bürgerlichen Einrichtungen im Alterthume nicht in Zweifel ziehen. Ferner finde ich keine Beweise, dafs die Strategen im Winter wechselten. Man sage nicht, dies hätte geschehen müssen, damit die neuen auf den Sommer die gehörigen Anstalten für den Feld- zug machen konnten; diese Anstalten konnten auch von den Vorgängern und den dafür eigens bestellten Behörden gemacht werden; und nach je- nem Grunde mülsten die Feldherrn aller Orten im Winter gewechselt haben, was doch niemand wird behaupten wollen. In den Griechischen Geschichtschreibern findet man kaum Andeutungen vom Wechsel der or- dentlichen Feldherrn gerade im Winter, wenn man nicht, wo man Feld- herrn im Winter wechseln sieht, dieselben für ordentliche, wenn aber im Sommer, für aufserordentliche erklärt, ohne dafs dafür Beweise vor- handen wären; nur das sieht man, dafs Feldherrn im Winter antraten, und im Winter oder Frühjahr gewählt wurden, ohne die Zeit genauer bestimmen zu können, und ob es wirklich ordentliche oder aufserordent- liche gewesen. Wenn z.B. Laches in Sicilien im Winter den Pythodor zum Nachfolger erhält (Thukyd. III, 115.), ist er nicht gerade für einen ordentlichen Feldherrn zu halten, deshalb weil nichts auf Absetzung des- selben führe; denn Laches konnte ja ein aufserordentlicher Feldherr sein, welchem nach Ablauf eines Jahrs ein anderer aufserordentlicher nachfolgte. Noch schwankender ist das Beispiel des Demostlienes, der nach einem glücklichen Erfolge, im Winter nach Hause kehrt (Thukyd. I, 114.); denn es ist nicht klar, dafs gerade damals seine Strategie ordentlicher Weise zu Ende ging; die Stelle III, 98. zeigt, dafs man erwarten konnte, er wäre schon den Sommer vorher zurückgegangen, was er nur aus Furcht nicht that; und wenn er nach der Rückkehr Privatmann war (IV, 2.), so weils man, da die Sache erst in der Geschichte des folgenden Sommers erzählt wird, nicht, ob dieser sein Privatstand gerade mit seiner Rückkehr anfängt oder nicht, und ob er im erstern Falle entsetzt war, oder seine Feldherrn- schaft sogar schon früher abgelaufen war, und ob er aufserordentlicher Hıst. Philol. Klasse 1824. Gg 234 Böckm Nachträgliche Bemerkungen oder ordentlicher Feldherr gewesen. Die Wahl des Alkibiades, Thrasybul und Konon bei Xenoph. Gr.Gesch. I, 4, 10. fällt eben nur einige Zeit, wir wissen nicht wie viele, vor den Thargelion, den eilften Monat; und überdies sind diese offenbar aufserordenlliche Feldherrn, da ihrer be- simmt nur drei sind: a "A9yvalaı TroaTNYals &irovro "Arrılıadyu wer bei- Yovra,. nal OpanußevAov ärovra, Kovwva d8 TgiTov ex TOv oiroSev. Wenn zwei derselben schon vorher Feldherrn waren, so sind sie durch diese Wahl für's folgende Jahr bestätige. Die Wahl der zehn Feldherrn bei Xenoph. I, 5, 16. ist allerdings vor dem Frühjahre geschehen, und sie sind auch vor dem Frühjahre schon in Thätigkeit (ebendas. 21.); aber Meiers Ansicht (Att. Prozefs S. 106.) ist sehr einleuchtend, wonach diese an die Stelle des Alkibiades und seiner neun Amisgenossen ka- men (die wegen des Zornes der Athener gegen Alkibiades entsetzt seien), und so früher, als die ordentlichen Feldherrn nach dem Gesetz ernannt wurden, eintraten. Gesetzt aber auch, dafs die Feldherrn im Gamelion schon erwählt worden seien oder zu Ende des Poseideon, so ändert dies nichts in den Schlufsfolgen, es sei denn man setzte einen grofsen Theil des zweiten Samischen Krieges unter den Archon Glaukides, welches dem einzigen guten Zeugnilse über die Zeit des Samischen Krieges widerspricht. Wenn ich es am wahrscheinlichsten finde, die Antigone sei an den grofsen Dionysien gegeben, so beruht die Schlufsfolge nicht auf dieser Wahrscheinlichkeit, sondern auf der vorhergehenden Bemerkung, dals Sophokles nur in den Wintermonaten vom Poseideon bis Elaphe- bolion hatte siegen können. Mein Ausdruck, im Poseideon an den ländlichen Dionysien seien keine neue Schauspiele gegeben worden, ist in sofern zu entscheidend, als in meiner Abhandlung, auf welche ich g; mich berufe, nur gesagt wird, es seien keine nachweisbar: indessen da wir doch eine grofse Anzahl Dramen kennen, die an den Lenäen und grofsen Dionysien zuerst aufgeführt worden, so ist der Umstand, dafs kein einziges an den ländlichen Dionysien aufgeführtes Drama vorkommt, ein negativer Beweis, dessen Entkräfiung durch positive Gegenbeweise erst zu liefern wäre; solche Gegenbeweise sind aber nicht vorhanden. In Bezug auf die Antigone spricht die gröfste Wahrscheinlichkeit: jeden- falls für die grofsen Dionysien. Nicht jeder Dichter hatte das Recht an diesen Stücke aufführen zu lassen (Abh. v..d. Dionysien 21.): man über die Antigone des Sophokles. 235 legte also darauf ein grofses Gewicht, und es ist daher natürlich, dafs anerkannt grofse Dichter, wie Sophokles, gerade an diesen am liebsten auftraten, wo aufserdem zugleich der gröfste Ruhm zu erwerben war. Für die Aufführung neuer Stücke (namentlich eines berühmten Dichters, wie Sophokles schon war) an den ländlichen Dionysien spricht dagegen gar nichts. Die Theater in den Demen waren zum Theil verachtet, wie das zu Kollytos; sie waren überdies blofs Eigenthum der Demen, und die ‘Önuore: spielen also dort die Herin, lassen Plätze anweisen, Kränze verkünden, und schalten ganz nach ihrem Gutdünken: wie isı es glaub- lich, dafs Sophokles in seiner Blüthe diesen ein Stück zuerst werde ge- zeigt haben? Dies alles ist namentlich vom Theater im Piräeus urkund- lich gewils, aufser dafs es nicht wie Kollytos verachter war; und wenn der Staat auch durch einen Pompaufzug Antheil an der Piräeischen Fest- lichkeit nahm, so kann er doch nicht Antheil an der Aufführung der Schauspiele genommen haben, da das Theater vom Demos abhängt, der auch die Einkünfte desselben verpachtei. Kein Archon steht diesem Spiele vor, sondern der Demarch des Piräeus; die Proedrie haben die Piräeer zu vergeben; sie ist den Priestern und einigen andern verliehen, aber wir finden nicht ein Wort davon, dafs die Staatsbehörden in die- gegen den mindesten ses Antheil des Staates an den Piräeischen Schauspielen. Ferner, da der sem Theater Proedrie haben. Dies alles spricht Staat die Gesetze über Verkündung der Kränze so genau abgemessen hat, wie wiv aus Aeschines wissen, und namentlich festgesetzt ist, dafs die von Demen zuerkannten Kränze nur in den Demen sollten verkün- det werden; ist es wol glaublich, dafs, wenn die Aufführung der Tra- gödien im Piräeus eine Staatssache gewesen wäre, der Demos bei dersel- ben hätte seine Kränze verkünden dürfen? Die Belege zu den benutzten Thatsachen wird man in meiner Abhandlung über die Dionysien (11.) finden; ich ziehe aber daraus die Folgerung, dafs ohne Beihülfe des Staates auch das Choragium für ein neues Stück (für ein altes war es wohlfeil zu beschaffen) dürftig ausfallen mufste, und daher kein grofser Dichter sich an die Demen zuerst wird gewandt haben; denn das wird doch schwerlich irgend einem einfallen, dafs auch für demotsche Spiele der Staat Choregen gestellt und der Archon den Chor gegeben habe. Endlich habe ich in der Abhandlung über die Dionysien (22. zu Ende) o G wi 5 7 236 Böcku Nachträgliche Bemerkungen gezeigt, dafs selbst der Pompaufzug des Staates bei den Piräeischen Dio- nysien ein neuerer Zusatz ist, weil das Stieropfer von den Boonen be- sorgt wird; es ist klar, dafs man nur eine. Volksspeisung mehr haben wollte, und dazu diese Dionysien benutzte; woraus auf das Schauspiel nichts weiter geschlossen werden kann: und auch der Umstand, dafs in dem Piräeischen Theater zuweilen Voiksversammlungen gehalten wurden, ist kein Beweis des Antheils des Staates an dem Piräeischen Theater. Eben so wenig beweiset für die Aufführung neuer Schauspiele im Piräeus die Stelle des Äelian (V.H.II, 13.): O & Zwxgarns Fravıov av Emeboira Fol Seargas, EITETE de Eigiriöns 6 775 rgaywöas TEmTNS Aywvilero navois roaywöols, TOTE. Ye ddızveiro' Kal Ilsıgaiei de -aywinlousvov ToU Eögwmidou za exe naryeı. Es kommt bei Erklärung derselben nicht darauf an, wie Sokrates dachte, über dessen Ansicht Aelian nur ein geringfügiges Zeugnils ablegen kann, sondern wie sich Aelian den Sokrates in dieser Beziehung vorstellt. Die- ser konnte aber erstlich nicht glauben, dafs Sokrates auf neue Stücke besonders ausgegangen sei: denn für einen Liebhaber der Neuigkeiten kann er ihn nicht gehalten haben; zweitens konnte er nicht glauben, dafs Sokrates sich die Wege sparte. Er war anerkannt ein Liebhaber Euripideischer Weisheit; als solchen will ihn Aelian auch nur darstel- len. Dies wird Aelian dann am meisten erreicht haben, wenn er sagt: ‚Sokrates ging selten ins Theater; wenn aber neue Stücke von Euripides gegeben wurden, ging er hin; ja selbst alte Stücke desselben sah er.” Wenn nun in der Stadt die neuen, im Piräeus nur alte gegeben wurden, konnte Aelian statt dessen sagen, was er gesagt hat. Dies halte ich für die na- türlichste Erklärung; weil sie aber nicht erwiesen werden kann, baue ich nicht auf sie. Wie man jedoch auch über diese Sache urtheilen möge, so ist klar, Sophokles könne nicht vor den ländlichen Diony- sien, also nicht viel vor Ende Poseideons zum Feldherrn erwählt wor- den sein; dies gilt auch für den Fall, dafs er an die Stelle eines abge- henden,, abgeseızten oder gestorbenen gesetzt worden sei. Was folgt daraus? Sophokles ist schon während der Schlacht bei Tragia Feld- herr, und unterhandelt damals mit den Bundesgenossen ($. 4.). Nach der geringsten Berechnung dauert der Samische Krieg von da an noch neun Monate. Der Samische Krieg endigt aber unter Morychides. Folglich war Sophokles, wenn er noch beim Ende der Belagerung Feld- über die Antigone des Sophokles. 237 herr war, mindestens zehn Monate unter Morychides im Amte. Also müfste er vor dem Poseideon, etwa im zweiten Monat des Morychides oder noch früher, Olymp. 85,1. erwählt sein. Folglich kann die Antigone nicht Olymp. 85, 1. aufgeführt sein, sondern mufs mindestens ein Jahr früher gesetzt werden. Dieser Folgerung wäre nur dadurch zu entgehen, dafs man den Samischen Krieg erst tief in dem Jahre des Glaukides (Olymp. 85, 2.) endigen liefse: zu einer solchen Annahme sind wir aber weder berechtigt noch veranlafst. Dagegen ist die Annahme ($.7.) ganz ungezwungen, dafs der Krieg mg0s "Avalous oder 7g25 "Avarav, wobei Sophokles nach dem Biographen Feld- herr gewesen sein soll, der erste Samische sei, der in Olymp. 84, 4. fällt, so dafs die Antigone in Olymp. 54, 3. zurückzusetzen und Sopho- kles beim Ende der Belagerung nicht mehr Feldherr wäre. Denn dafs hier von einem Angriff auf Anaea selbst die Rede sei, ist nicht zu be- zweifeln. "Avalcı bezeichnet gewifs nicht, ‚‚die Anäische Parthei von Sa- mos, die damals Samos inne hatte, und die Anaea gleichsam zum Va- terlande hatte;” denn so konnte der Grammatiker, aufser allem geschicht- lichen Zusammenhange, nicht sprechen, und überhaupt hat wol nie- mand jemals so seltsam gesprochen. Ilereuss ges "Avaisvs kann nichts heifsen als ‚‚Krieg gegen die Anaeer,' welche natürlich in Anaea sind; so ist roreuss mots "Avaiav dasselbe, und es wäre nur leere hyperkritische, das heifst unkritische Spitzfindigkeit, wenn man zwischen beiden einen Unterschied machen und den Angriff auf Anaea selbst läugnen wollte. Doch ist es nicht meine Meinung, dafs ’Avaiav im Verhältnifs gegen "Avatsus das richtige sei, sondern ich habe es nur im Verhältnifs gegen "Avaviav eine richtige Emendation des Turnebus genannt, lasse übrigens die Lesarten ’Avasvs und "Avatay als gleichgülug nebeneinander stehen. ic 1 .- a I 8 va FR) + Rn 20 sin ind He a n 300 \u Im] EIRLITE bel Dre late dan ogeadamter RN onoz ah bee een entre en lhann ie he hi un ehe ana er. Der DENE EEE Hm jalenl [2 1 m Re) Pb ne eg ee en unebunmndr. Kane er ’ ur Er; [A 2 nn oo. u Zu a i 2 ik ß DEREN se wo, BE ne Ey ls, 7 N - ; an, ih ae LU EUR SU 2 alu Sn dar ee, , . ne . - 5 . >, sahne an rs al Ay unbiln umsh var’ ebene rg un aha serie Tele - ‚user. "in ehansihiion lke wich PaTeı) a al ren = re" a ee. ne u Be rl dr na ade, rn bie, nalen. li an oe re ENGE Br m P . \ Sehe din R Heel: ne ira Hal Alah a vs 2.2) menden: iR ir unmornek " ” Ha warlamngert nah Heiı ne le al ae ae solar zuarpuh J \7 an vll LEST Ns su air 3 a an „1 ar niaa dit # an“ Eau an in Iaer: BA PT;2 Pier DIE Te ibn na ah rue lan anne mi lan dh a re verliere Ninyafognenie ae Nil Ark are fe, Aa Aral en une Rn? mail rchahit ua anna 44 in Eu no asıgihns Li . E i Es Pirldirt, I | AUS; Rs an PIESReT}] AV, een an es slumj..h ee oa, in, @ DO ihren bi ur Bi ah a rien ir PER IT DEI win laesst mue u ht He EEIT I e TITTE al 3 ni ER UDPU IE Fa rev I Tu dar what als rt iz ad Fan ee er u ar etan . Eis 5 i i g i re { ee; % A . m i = \ i j \ En . . ar j . j 4 F i Eau" i u y % i . bay ü u { ns u u Pan 2 f a er Fi = oo D "= \ ” Seite 5, Note 3. - 23, 2.2. vu. Note 2. 417. Z. 21. 4. 32V. U: Verbesserungen. Vergl. auch Thucyd. 1,73 fin. und 75 int. welcher ganz mit dieser Ansicht übereinstimmt. Auf Hermann’s (praefat. ad Sophocl. Oed. Colon. p.XUllu. XIV.) Aeufserungen über das hier Vorgetragene ist in dem prooemio zu dem Lectionskatalog der Berliner Universität für das Sommerhalbejahr 1826. mit geantwortet. für rYıymv lies reyun. für wse lies wre. Zu Bestätigung der Lesart und Verbindung reis Zv dvSgurarır — vo- usus Antig.448. ist zu vergleichen Plato Criton. 8.16, wo die Gesetze der Unterwelt von den Nous: genannt werden ci suersgor aderder ci 2v Ebov voncı. Vergl. Blomfield in glossar. ad Aeschyl. Pers. 333. Vergl. wegen zrrıs auch Sophocl. Oed. Colon. 1128 ed. Doederl. zrris z«zav, welches in dieser Ausgabe nicht von einander hätte getrennt werden sollen, da der ganze Satz » rıs — Evvorzos den Gegensatz bildet zu dem «@S%ros yeyus Vs. 1126. für Iaeyus lies neyas. für Yv lies Ir. im Text. Seidlers Aeufserung über diese Emendation und ihre Er- klärung, in der Allg. Litt. Zeitung Jahrg. 1825, Januar N. 26, p. 216. kann nicht anders als für ein Anerkennen derselben genommen werden. . lies wam für wau. . lies wam für wau. EUTIN Tr I ra. } 53. | Tr Fen. 1853. | h 2083 ( Harx “S u u e El we ne IR Pi A AST: an NUM ANINNNN 088 01298 807